Gockel aber sprach weiter: "du wirst dich erinnern, Frau Hinkel, daß

in unsrer Familie ein altes Sprichwort ist, der goldne Hahn kräht

nicht mehr, die goldne Henne legt nicht mehr, um unsre Verarmung

anzudeuten. Das bezieht sich auf diese beiden unschätzbaren

Kunstwerke, die lange in dem Schatze der Kapelle zu Gockelsruh

bewahrt wurden. Als aber die Franzosen ihre angeblichen Rechte auf

alle Hahnen geltend machten, weil in dem wohl anatomirten Gehirn

jedes Hahns ihr Wappen, nämlich das Bild einer Lilie zu finden seyn

soll, haben sie sich dieses goldnen Geflügels vor allem Andern

bemeistert.--Bei seiner Vermählung mit Urhinkel von Hennegau drehte

Urgockel den Ring Salomos, und wünschte ihr das herrlichste

Toiletten-Geschenk, das Salomo selbst der Königin von Saba gegeben;

--dann drehte die Gräfin von Hennegau den Ring und wünschte dem

Urgockel das Gegengeschenk der Königin von Saba, und so standen am

Hochzeitmorgen dieser Waschtisch mit der goldnen Henne und jener dort

mit dem goldnen Hahn im Brautgemache, und von dieser Hochzeit an

wurden die goldne Henne und der goldne Hahn bei jeder Hochzeit in

Gockelsruh dem Brautpaar vorgetragen und bei der Mahlzeit aufgestellt,

bis sie verloren giengen. Jetzt wollen wir einmal sehen, wie die

Geschenke beschaffen sind, vor Allem die Probe, ob es gut Gold ist.

Sieh da unten an dem Neste die Probe in phönizischer Schrift; ich

drehe den Ring und wünsche es zu lesen, und sieh, ich kanns lesen.

"Dieses Necessaire, vorstellend das Siebengestirn als eine Gluckhenne

mit sechs Küchlein für ihre Majestät die Königin Balkis von Saba,

verfertigte auf Befehl Seiner Majestät des Königs Salomo von

Jerusalem, dessen erster Goldschmied Hieram von Tyrus, aus

24karatigem Gold von Ophir in Augsburgirter Butzbacher-Façon." Nun

sieh, welche Rarität, was mag aber Alles darin enthalten seyn?"

Nun zerlegte Gockel das ganze Huhn nach der Transchierkunst, die er

als Hühnerminister aus dem Fundament verstand; Alles bestand aus

Deckeln, Büchschen und Fächern u.s.w. Wenn man den Rücken mit den

ausgebreiteten Flügeln der Henne in die Höhe schlug, hatte man einen

aufgerichteten Handspiegel; im Innern der Henne befanden sich in

verschiedenen goldenen Kästchen mehrere Schwämme und Kämme, weite und

enge, Haarbürsten, Zahnbürsten, Ohrlöffel, Zahnstocher, Puderbüchsen

von allen Farben, Schönheitspflästerchen, Schminke aller Farben,

Nagelscheeren und Bürsten, eine Haarzange, ein Kämmchen für die

Augenbraunen, erstaunlich viele Sachen. In dem Kopf der Henne fand

man Hühneraugensalbe für den linken und rechten Fuß. Der Hals

enthielt eine Nadelbüchse voll allerlei Nadeln, auch eine

Insektenfalle. In jedem der Hühnchen, die man öffnen konnte, fand

sich eine andre wohlriechende Seife, oder Salbe, oder Essenz; das

Nest im Innern selbst war ein Näh--und Nadelkissen von tyrischem

Purpur, worauf die schönsten Muster mit goldenen Demantnadeln

abgesteckt waren. Das ganze künstliche Flechtwerk des goldenen

Nestes hieng und stack voll tausenderlei Geschmeid, Ringen, Ketten,

Spangen, Agraffen, Amuletten, Talismanen, Perlen und

Bernsteinschnüren. Aus dem Nest streckten sich vier Zweige von

gewachsenem Gold mit Lilien, weißen und rothen Rosen von Edelsteinen.

Diese Zweige bildeten Leuchter, worauf Wachskerzen standen und woran

viele Wachsstöckchen hiengen, alle von wohlriechendem Wachse gemacht,

das Erstlingsbienen beim Aufgang des Siebengestirns auf den Linden

des Hymettus und von Lilien gesammelt hatten, die schöner bekleidet

waren als Salomo selbst. Außerdem hiengen an diesen Goldzweigen

Siegelringe, kleine Kalenderchen und Notizbüchelchen von Elfenbein.

Vor der Henne kniete ein feines Kind mit Flügeln von Edelsteinen; es

hielt in der einen Hand eine Schale voll der köstlichsten

Stärkungskügelchen, in der andern eine Schale voll Balsam von Mekka,

als wolle es die Henne füttern. Das Wunderbarste aber war, daß die

Henne die Stundenzahl und die Hühnchen die Viertelstundenzahl mit

süßem Glucksen und Piepen angaben, und wenn man an einer Feder zog,

so sang eine im Innern befindliche Orgel die Melodie des höchsten

Liedes, das Salomo je gedichtet.

Frau Hinkel wußte sich gar keinen Rath über allen diesen Wundern und

schaute sich weiter bei dem Waschtische um, da sah sie in das Gitter

des Rosenschirms mehrere Engelchen geflochten; einige reichten Körbe

mit Rosenblättern, Orangenblüthen und Mandelkleie herein, andre boten

lange weiche Tücher von weißer oder purpurfarbiger indischer Leinwand

oder Wolle dar.--"Ach," sagte Frau Hinkel, "allen Respekt vor der

Frau Königin Balkis, aber sie muß viele Zeit und wenige Schönheit

gehabt haben, wenn sie Alles das gebraucht hat, sich zu waschen; ich

werde es nie gebrauchen."--"Da hast du wieder Recht," sagte Gockel,

"es ist auch nur ein Schau--und Familienstück, du wirst schon ein

andres Waschtischchen mit allem Nöthigen finden; ich aber will meinen

goldenen salomonischen Alektryo gleich gebrauchen, denn ich sehe, er

enthält nichts außer Stiefelzieher und Stiefelhacken, Schuh-,

Kleider--und Zahnbürste, Kamm und Scheere, nicht viel mehr, als ein

veritables englisches Rasirzeug, das habe ich mir lange gewünscht,"

und somit fing er gleich an und pinselte sich den Bart mit

Seifenschaum ein.

Gackeleia gieng auch nach ihrem Waschtischchen, aber es wollte ihr

nicht recht gefallen, denn es stand ein goldnes Kätzchen darauf, das

ein silbernes Hühnchen im Maul hatte. Sie wollte schon wieder

anfangen zu weinen, aber Frau Hinkel sagte zu ihr: "komm Gackeleia,

damit wir den Vater beim Rasiren nicht stören, er ist es lange nicht

mehr gewohnt, er könnte sich schneiden.--Wir wollen in die

Kleiderkammer gehen und uns unter das Bäumchen stellen und sagen:

Bäumchen rüttel dich und schüttel dich,

Schüttle schöne Kleider über mich!"

Da verließ Gackeleia sehr erfreut die Stube mit ihr, und bald traten

sie in schönen Morgenkleidern von schneeweißem Piqué mit leichter

Goldstickerei wieder herein.

Nun war die Sonne aufgegangen und der Nachtwächter war auf den Markt

gekommen und hatte das Wunder-Schloß Gockels, das wie ein Pilz in der

Nacht hervorgewachsen, kaum erblickt, als er ein ungemeines Geschrei

erhob:

"Hört ihr Herrn und laßt euch sagen,

Die Glocke hat vier Uhr geschlagen,

Aber das ist noch gar nicht viel

Gegen ein Schloß, das vom Himmel fiel;

Da steht's vor mir ganz lang und breit,

Wir leben in wunderbarer Zeit,

Ich schau es an, es kömmt mir vor,

Wie der alten Kuh das neue Thor.

Wacht auf ihr Herrn und werdet munter,

Schaut an das Wunder über Wunder,

Und wahrt das Feuer und das Licht,

Daß dieser Stadt kein Leid geschiecht

Und lobet Gott den Herren!"

Da wachten die Bürger rings am Markte auf, die Bäcker und die

Fleischer rieben sich die Augen und rissen die Mäuler sperrangelweit

auf und streckten die Köpfe mit sammt den Nachtmützen zum Fenster

heraus und schauten das Schloß mit großem Spektakel der Verwunderung

an.--Gockel, Hinkel und Gackeleia standen am Fenster und guckten

hinter dem Vorhang Allem zu. Endlich schrie ein dicker Fleischer:

"da ist da, das Schloß kann Keiner wegdisputiren; aber, ob Leute

darin sind, die Fleisch essen, das möcht ich wissen."

"Ja, und Brod und Semmeln und Eierwecken," fuhr ein staubiger,

untersetzter Bäckermeister fort. Da gieng aber auf einmal die

Schloßthüre auf, und es trat ein großer, bärtiger Thürsteher heraus

mit einem großen Kragen, wie ein Wagenrad, und einem breiten,

silberbordirten Bandelier über der Brust und weiten gepufften Hosen

und einem Federhut, wie ein alter Schweizer gekleidet; er trug einen

langen Stock, woran ein silberner Knopf war, wie ein Kürbis so groß,

und auf diesem ein großer silberner Hahn mit ausgebreiteten Flügeln.

Die versammelten Leute fuhren alle auseinander, als er mit ernster

drohender Miene ganz breitbeinig auf sie zuschritt; sie meinten, er

sey ein Gespenst. Auch Gockel und Hinkel oben am Fenster waren sehr

über ihn verwundert und öffneten das Fenster ein wenig, um zu hören,

was er sagte. Er sprach aber: "hört einmal ihr lieben Bürger von

Gelnhausen, es ist sehr unartig, daß ihr hier bei Anbruch des Tages

einen so abscheulichen Lärm vor dem Schloße Seiner Hoheit des

hochgebornen Raugrafen Gockel von Hanau, Hennegau und Henneberg,

Erbherrn auf Hühnerbein und Katzenellenbogen macht, Seine

hochgräflichen Gnaden werden es sehr ungern vernehmen, so ihr Sie

also frühe in der Ruhe störet, und wünsche sich das nicht wieder zu

erleben, das laßt euch gesagt seyn."--"Mit Gunst" sagte da der

Fleischer und zog seine Mütze höflich ab, "wenn erlaubt ist zu fragen,

wird dieß Schloß, das über Nacht wie ein Pilz aus der Erde gewachsen

ist, von dem ehemaligen hiesigen Hühnerminister bewohnt?"

"Allerdings," erwiederte der Schweizer, "es ist bewohnt von ihm und

seiner Gräflichen Gemahlin Hinkel und Hochdero Töchterlein Gackeleia,

außerdem von zwei Kammerdienern, zwei Kammerfrauen, vier Bedienten,

vier Stubenmädchen, zwei Jägern, zwei Laufern, zwei Kammerriesen,

zwei Kammerzwergen, zwei Thürstehern, wovon ich einer zu seyn mir

schmeicheln kann, zwei Leibkutschern, sechs Stallknechten, zwei

Köchen, sechs Küchenjungen, zwei Gärtnern, sechs Gärtnerburschen,

einem Haushofmeister, einer Haushofmeisterin, einem Kapaunenstopfer,

einem Hühnerhofmeister, einem Fasanenmeister und noch allerlei

anderem Gesinde, welche alle zusammen hundert Pfund Kalbfleisch,

fünfzig Pfund Hammelfleisch, fünfzig Pfund Schweinfleisch, sechszig

Würste und dergleichen essen."--"Ach", schrie da der Metzger und

kniete beinahe vor dem Schweizer nieder, "ich recommandire mich

beßtens als Hochgräflicher Hofmetzger." Und der Bäcker zupfte den

Schweizer am Aermel mit den Worten: "Seine Hochgräflichen Gnaden

nebst Familie werden doch das viele Fleisch nicht so ohne Brod in den

nüchternen Magen hineinfressen; das könnte ihnen unmöglich gesund

seyn." "Ei behüte," sagte der Schweizer, "Sie brauchen täglich

dreißig große Weißbrode, hundert fünfzig Semmeln, hundert Eierwecken,

hundert Bubenschenkel und zweihundert und sechs und neunzig Zwiebacke

zum Kaffee"--"O so empfehle ich mich beßtens zum Hochgräflichen

Hofbäcker", rief der Bäckermeister. "Wir wollen sehen", sprach der

Schweizer, "wer heute gleich das beßte liefern wird, kömmt ans Brett."

Da stürzten alle die Bäcker und Fleischer nach ihren Buden und

hackten und kneteten und rollten und glasirten die Eierwecken und

rissen die Läden auf und stellten Alles hinaus, daß es eine Pracht

war; und so gieng es nun auf allen Seiten von Gelnhausen; alle Krämer

und alle Krauthändler kamen, sahen, staunten und wurden berichtet und

waren voll Freude, daß sie so viel Geld verdienen sollten.

Gockel und Hinkel und Gackeleia aber liefen im Schloß herum und sahen

Alles an; alle die Dienerschaft setzte sich in Bewegung; man kleidete

sich an, man wurde frisirt, man putzte Stiefel und Schuh, man klopfte

Kleider aus, tränkte die Pferde, fütterte Hühner, frühstückte; es war

ein Leben und Weben wie in dem größten Schloß. Die Bürgerschaft, um

ihre Freude zu bezeigen, kam mit fliegenden Fahnen gezogen, jede

Zunft mit dem Bild ihres Schutzpatronen auf der Fahne und schöner

Musik; sie standen Alle vor dem Schloße, feuerten ihre rostigen

Flinten in die Luft und schrieen: "Vivat der Herr Graf Gockel von

Hanau! Vivat die Gräfin Hinkel und die Comtesse Gackeleia! Vivat

hoch! und abermal hoch!"--Gockel und Hinkel und Gackeleia standen auf

dem Balkon am Fenster und warfen Geld unter das Volk. Gockel warf

den Männern hundert Stück neue Gockeld'ors, Hinkel den Frauen hundert

Stück neue Hinkeld'ors, worunter auch eine große Anzahl Basler

Hennenthaler, und Gackeleia den Kindern hundert Stück neue

Gackeleid'ors aus. Sie riefen dabei immer: "theilt untereinander aus,

laßt wechseln, Einer gebe dem Andern heraus!" Weil aber damals der

Cours in Gelnhausen sehr hoch stand und das Gold sehr gesucht und man

mit Scheidemünze und Stübern und mit Waaren, z. B. Nüssen, Feigen,

Schellen und Kappen wohl assortirt war, so ward der Wechsel--und

Tauschhandel sehr lebhaft auf dem Markt. Je mehr das Gold fiel,

desto höher stieg es; der Platz ward mit ausgetheilten, gewechselten,

ausgetauschten, vollwichtigen Nasenstübern, Kopfnüssen, Ohrfeigen,

Maulschellen und gestochenen Kappen überschwemmt und Alles mußte

losschlagen, weil Viele ganz unverzeihlich mit diesen Artikeln

schleuderten. Man hat auch unter der Hand vertrauliche Informationen

eingezogen, daß damals das Haus: "Gebrüder Vatermörder", welches

später die Frankfurter Messe in Wachs poussirt bezog, den ersten

Grund zu seinem Renommee gelegt habe.--Als man sich nun bereits bei

den Haaren um das Gold riß, so daß Keiner mit einem blauen Auge davon

kam, der nicht Haare gelassen hatte, drehte Gockel den Ring Salomonis

und mit ihm den Kellermeister nebst einem Stück Faß Wein aus dem

Keller, und es ward eingeschenkt, jedem der trinken wollte und ein

Gefäß bei sich hatte. Da liefen sie auseinander nach Haus und holten

Eimer und Kübel und Züber und Schöpfkellen und Kessel und Krüge und

was sie fanden, und tranken, da der Goldregen aufgehört, Gockels

Gesundheit am Weinfaß.

Der König von Gelnhausen wohnte damals nicht in der Stadt, sondern

eine Meile davon, in seinem Lustschloße Kastellovo, auf deutsch

Eier-Burg, denn das ganze Schloß war von ausgeblasenen Eierschalen

errichtet, und in die Wände waren bunte Sterne von Ostereiern

hineingemauert. Dieses Schloß war des Königs Lieblingsaufenthalt,

denn der ganze Bau war seine Erfindung, und alle diese Eierschalen

waren bei seiner eigenen Haushaltung ausgeleert worden. Das Dach der

Eierburg aber war in Gestalt einer brütenden Henne wirklich von

lauter Hühnerfedern zusammengesetzt, und inwendig waren alle Wände

eiergelb ausgeschlagen. Gerade der Bau dieses Schloßes war schuld

gewesen, daß Gockel einstens aus den Diensten des Königs gegangen war,

weil er sich der entsetzlichen Hühner--und Eierverschwendung

widersetzte und dadurch den König erbittert hatte. Täglich kam nun

der königliche Küchenmeister mit einem Küchenwagen nach Gelnhausen

gefahren, um die nöthigen Vorräthe für den Hofstaat einzukaufen. Wie

erstaunte er aber heute, als er die ganze Stadt in einem allgemeinen

Bürgerfest vor einem nie gesehenen Palaste erblickte und den Namen

Gockels an allen Ecken ausrufen hörte. Aber sein Erstaunen ward bald

in einen großen Aerger verwandelt; denn wo er zu einem Bäcker oder

Fleischer oder Krämer mit seinem Küchenwagen hinfuhr, um einzukehren,

hieß es überall: Alles ist schon für Seine Raugräflichen Gnaden

Gockel von Hanau gekauft. Da nun endlich der königliche

Küchenmeister sich mit Gewalt der nöthigen Lebensmittel bemächtigen

wollte, widersetzten sich die Bürger und es entstand ein Getümmel.

Gockel, der die Ursache davon erfuhr, ließ sogleich dem Küchenmeister

sagen, er möge ohne Sorgen seyn, denn er wolle Seine Majestät den

König und Seine ganze Familie und Seine ganze Dienerschaft

allerunterthänigst heute auf einen Löffel Suppe zu sich einladen

lassen, und er, der Küchenmeister, möchte nur mit seinem Küchenwagen

vor seine Schloß-Speisekammer heranfahren, um ein kleines Frühstück

für den König mitzunehmen. Der Küchenmeister fuhr nun hinüber, und

Gockel ließ ihm den ganzen Küchenwagen mit Kibitzeneiern anfüllen und

setzte seine zwei Kammermohren oben drauf, welche den König

unterrichten sollten, wie man die Kibitzeneier mit Anstand esse; denn

der König hatte seiner Lebtage noch keine gegessen.

Der Küchenmeister fuhr durch den Sand in gestrecktem Galopp mit

seinem Küchenwagen voll Eiern nach dem Lustschloß, ohne ein Einziges

zu zerbrechen, nur daß die zwei Mohren, wo es zu langsam ging,

manchmal absteigen und zu Fuß gehen mußten; sie kamen jedoch zugleich

in der Eierburg an.

Mit höchster Verwunderung hörte König Eifrasius die Geschichte von

dem Schloß und dem Gockel durch den Küchenmeister erzählen, und ließ

sich sogleich ein Hundert von den Kibitzeneiern hart sieden. Als nun

die zwei schwarzen Kammermohren in ihren goldbordirten Röcken mit der

silbernen Schüssel voll Salz, in welches die Eier festgestellt waren,

hereintreten, und mit ihrer schwarzen Farbe so schön gegen den weißen

Eierpalast abstachen, hatte der König Eifrasius große Freude daran.

Er ließ seine Gemahlin Eilegia, und seinen Kronprinzen Kronovus zum

Frühstück berufen, und erzählte ihnen das große Wunder vom Palast

Gockels. "Ach", sagte Kronovus, "da ist wohl die kleine Gackeleia,

mit welcher ich sonst spielte, auch wieder dabei." "Natürlich",

sprach Eifrasius, "wir wollen gleich nach diesem Frühstück hinein

fahren und das ganze Spektackel ansehen. Aber seht nur die kuriosen

Eier, die er uns zum Frühstück sendet; grün sind sie mit schwarzen

Puncten; man nennt sie Kibitzeneier, sie kommen weit aus Rußland und

werden so genannt, weil sie in Kibitken, einer Art von Hühnerstall

auf vier Rädern gefunden, oder gelegt, oder hieher gefahren werden."

Da sprach der eine Kammermohr: "ich bitte Eure Majestät um Vergebung,

man nennt sie Kibitzeneier, sie werden vom Kibitz, einem Vogel gelegt,

der ungefähr so groß wie eine Taube und grau wie eine Schnepfe ist,

und wie eine französische Schildwache beim Eierlegen immer Ki wi, Ki

wi schreit, wenn man dann: "gut Freund" antwortet, so kann man

hingehen und ihm die Eier nehmen, worauf er gleich wieder andere legt."

Den König Eifrasius ärgerte es, daß der Mohr ihn in

Eierkenntnissen belehren wollte, und sagte zu ihm: "halt er sein Maul,

er versteht nichts davon, sey er nicht so nasenweis." Darüber

erschrack der Mohr wirklich so sehr, daß er ganz weiß um den Schnabel

wurde. Der andere Mohr sprach nun: "der Raugraf Gockel hat uns

befohlen, Eurer Majestät zu zeigen, wie diese Eier jetzt nach der

neuesten Mode gespeist zu werden pflegen." "Ich bin begierig", sagte

der König, "es zu sehen." Da nahm jeder der Kammermohren eins von

den Eiern in die flache linke Hand, und nun traten sie mit

aufgehobener Rechte einander gegenüber und baten den König eins, zwei,

drei zu kommandiren. Das that Eifrasius, und wie er drei sagte,

schlug der eine Mohr dem andern so auf das Ei, daß der gelbe Dotter

gar artig auf die schwarze Hand herausfuhr. Dem König gefiel dieses

über die Massen, und sie mußten es ihm bei allen hundert Eiern da

Capo machen, wofür er ihnen beim Abschied beiden den Orden des rothen

Ostereies dritter Klasse ohne Dotter taxfrei zur Belohnung um den

Hals hängte.

Nun fuhr der König und seine Gemahlin und der Kronprinz mit dem

ganzen Hofstaat auf einer Wurst nach Gelnhausen zu Gockel, der ihm

mit Hinkel und Gackeleia an der Schloßthüre entgegen trat. Die

Verwunderung über den Reichthum und die jugendliche Schönheit Gockels

konnte nur durch die außerordentliche Mahlzeit noch übertroffen

werden. Alles war in vollem Jubel. Kronovus und Gackeleia saßen an

einem aparten Tischchen und wurden von den zwei Kammerzwergen bedient,

und Musik war an allen Ecken. Beim Nachtisch tranken Eifrasius und

Gockel Bruderschaft, und Eilegia und Hinkel Schwesterschaft, und

Kronovus und Gackeleia Spielkameradschaft, sprechend: "du bist mein

König und du bist meine Königin." Eifrasius zog dann den Gockel an

ein Fenster und hieng ihm das Großei des Ordens des goldnen Ostereies

mit zwei Dottern und Petersilie um den Hals und borgte hundert

Gockeld'ors von ihm, worauf das Ganze mit einem grossen Volksfeste

beschlossen wurde. So lebten Gockel und die Seinigen beinah ein Jahr

in einer ganz ungemeinen irdischen Glückseligkeit zu Gelnhausen, und

der König war so gut Freund mit ihm und seiner vortrefflichen Küche

und seinem unerschöpflichen Geldbeutel, und alle Einwohner des Landes

hatten ihn seiner grossen Freigebigkeit wegen so lieb, daß man

eigentlich gar nicht mehr unterscheiden konnte, wer der König von

Gelnhausen war, Gockel oder Eifrasius. Auch wurde es unter beiden

fest beschlossen, daß einstens Gackeleia die Gemahlin des Erbprinzen

Kronovus werden und an seiner Seite den Thron von Gelnhausen

besteigen sollte. Aber der Mensch denkt und Gott lenkt, und so kamen

auch über diese guten Leute noch manche Schicksale, an die sie gar

nicht gedacht hatten.

Alles hatte die kleine Gackeleia in vollem Ueberfluß, nur keine Puppe;

denn Gockel bestand streng auf dem Verbot, das er über sie bei dem

Tode des Alektryo hatte ergehen lassen, sie sollte zur Strafe niemals

eine Puppe haben. Wenn sie nun um Weihnachten oder am St. Niklastage

alle Mägdlein in Gelnhausen mit schönen neuen Puppen herumziehen sah,

war sie gar betrübt und weinte oft im Stillen; eine solche Sehnsucht

hatte sie nach einer Puppe. Merkte der alte Gockel aber, daß

Gackeleia, die er wie seinen Augapfel liebte, so traurig war, so that

er ihr Alles zu lieb, um sie zu trösten, zeigte ihr die schönsten

Bilderbücher, erzählte ihr die wunderbarsten Mährchen, ja er gab ihr

auch wohl manchmal den köstlichen Ring Salomonis in die Hände, der

mit seinem funkelnden Smaragd und den wunderbaren Zügen, die darauf

eingeschnitten waren, alle Augen erquickte, die ihn anschauten.

Einstens gierig nun Gackeleia in ihrem kleinen Gärtchen spazieren,

welches am Ende des Schloßgartens, dicht an der Landstraße lag. Da

waren die zierlichsten Beete voll schöner Blumen, alle mit Buchs,

Salbei und Schnittlauch eingefaßt, und die Wege waren mit glitzerndem

Goldsand bestreut; in der Mitte war ein Springbrünnchen, worin

Goldfischchen schwammen, und über demselben ein goldener Käfig voll

der buntesten singenden Vögel; hinter dem Brunnen aber war eine

kleine Laube von Rosen und eine kleine Rasenbank. Ein schönes

goldenes Gitter umgab das ganze liebe Gärtchen. "Ach", dachte

Gackeleia, "wie glückselig wäre ich, wenn ich eine Puppe in meinem

schönen Garten spazieren führen könnte, so allein gefällt er mir gar

nicht, was hilft es mir auch, wenn ich mir aus meinem Taschentuche

durch allerlei Knoten eine Puppe zusammenknüpfe, sie ist doch nie

eine schöne Gliederpuppe, ganz wie ein Mensch, mit einem schönen

lakirten Gesicht--und der Vater hat mir selbst solche Puppen verboten."

Während Gackeleia so in schweren Puppensorgen auf ihrer Rasenbank saß,

hörte sie auf einmal eine angenehme summende, aber sehr leise Musik

ganz nahe hinter ihr vor dem Garten, der an einem Feldweg lag. Da

guckte sie durch die Blätter und sah etwas Seltsames. Dicht vor dem

Gitter saß ein Mann in einem schwarzen Mantel ohne Kopf an der Erde

zusammengehuckt, und unter dem Mantel hervor schnurrte die Musik.

Gackeleia beugte sich zur Erde, um zu sehen, wo nur in aller Welt die

feine Musik herkomme; wie war sie erstaunt, als sie da unten ein paar

allerliebste Puppenbeinchen in himmelblauen, mit Silber gestickten

Schnürstiefelchen ganz im Takte der Musik herumschnurren sah, sie

wußte gar nicht, was sie vor Neugier, die Puppe ganz zu sehen,

anfangen sollte. Oft war sie im Begriffe, die Hand durchs Gitter zu

stecken und den schwarzen Mantel ein wenig aufzuheben, aber die

Furcht, weil sie an dieser Gestalt keinen Kopf sah, hielt sie immer

wieder zurück. Endlich brach sie sich eine lange Weidenruthe ab,

steckte sie durch das Gitter und lüftete den Mantel ein wenig, da

schnurrte eine wunderschöne Puppe in den artigsten Kleidern, wie eine

Reisende geputzt, unter dem Mantel hervor, und rannte gerade auf das

Gitter des Gartens zu, stieß einigemale an die goldenen Gitterstäbe

und würde gewiß zu ihr hineingekommen seyn, wenn sich nicht eine

hagere Hand aus dem Mantel nach ihr hingestreckt und sie wieder in

die Verborgenheit zurückgezogen hätte, wo die kleine Puppe von einer

rauhen Stimme sehr ausgeschimpft wurde, daß sie sich unterstanden

habe, unter dem Mantel hervorzulaufen.

Gockel, Hinkel und Gackeleia · 第 6 / 16 段