Allegorische, Medizinische, Mystische, selbst Politische brachte
Gockel in dieser schönen Leichenrede an, welche auch oft von dem
lauten Schluchzen und Weinen Gockels, der Frau Hinkel und der kleinen
Gackeleia unterbrochen ward. Selbst alle Vögelein gaben ihre Rührung
mit leisem Piepen zu verstehen; weil aber der größte Theil der Rede
aus Coleri Haushaltungsbuch und aus Gesneri Vogelbuch u.s.w.
herrührte, zogen sich die zuhörenden Vögel, denen es viel zu lang
dauerte, nach und nach in der Stille zurück,--und da er nun gar noch
allerlei Abergläubisches von der Alektryomantie, einer Art
zauberischer Wahrsagerei vermittelst der Hahnen, und von dem Hahnenei,
woraus die Basilisken entstehen, vorbrachte, ward Frau Hinkel auch
etwas unruhig--doch hielt sie sich noch zurück--dann aber kam er auf
einen gewissen unpartheiischen Engländer zu sprechen, und was dieser
von Hahnen und Hinkeln gesagt; da ward es Frau Hinkel nicht recht
wohl und sie sprach: "Lieber Gockel, ich glaube, wir haben das schon
gehört, wir sind auch noch nüchtern, ich fürchte die Milch wird sauer,
ich habe auch noch kein Wasser zum Kaffee am Feuer, ich dächte wir
hielten einen kleinen Leichenschmaus." Da lächelte der gute Gockel,
umarmte Frau Hinkel und Gackeleia und begab sich, selbst ermüdet von
der schlaflosen Nacht, gern mir ihr in den Hühnerstall.
Den ganzen übrigen Tag weinten Frau Hinkel und Gackeleia noch öfter,
und wollten sich gar nicht zufrieden geben, daß sie an dem Tode der
Gallina und Alektryo's Schuld gewesen.
Gockel gab ihnen die schönsten Ermahnungen, sie versprachen die
aufrichtigste Besserung, und so entschlief die ganze Familie am Abend
dieses traurigen Tages nach einem gemeinschaftlichen herzlichen Gebet.
Als Gockel in der Nacht erwachte, gedachte er der Frau Hinkel und
seines Töchterleins Gackeleia mit vieler Liebe, und entschloß sich,
ihnen nach dem vielen Schrecken, den sie gehabt, eine rechte Freude
zu machen, und zugleich den Siegelring Salomonis zu versuchen. Er
nahm daher den Ring aus der Tasche, steckte ihn an den Finger und
drehte ihn an demselben herum mit den Worten:
"Salomon du weiser König,
Dem die Geister unterthänig,
Mach' mich und Frau Hinkel jung,
Trag' uns dann mit einem Sprung
Nach Gelnhausen in ein Schloß,
Gieb uns Knecht und Magd und Roß,
Gieb uns Gut und Gold und Geld,
Brunnen, Garten, Ackerfeld,
Füll' uns Küch und Keller auch,
Wie's bei großen Herrn der Brauch,
Gieb uns Schönheit, Weisheit, Glanz,
Mach' uns reich und herrlich ganz,
Ringlein, Ringlein, dreh' dich um,
Mach's recht schön, ich bitt' dich drum!"
Unter dem Drehen des Ringes und dem öfteren Wiederholen dieses
Spruches schlief Gockel endlich ein. Da träumte ihm, es trete ein
Mann in ausländischer reicher Tracht vor ihn, der ein grosses Buch
vor ihm aufschlug, worin die schönsten Paläste, Gärten, Springbrunnen,
Hausgeräthe, Kleidungsstücke, Tapeten, Schildereien,
Alamode-Kutschen, Pferde, Livreen und andere dergleichen Dinge
abgebildet waren, aus welchen er sich heraussuchen mußte, was ihm
wohlgefiel. Gockel beobachtete bei der Wahl Alles mit großem Fleiße,
was Frau Hinkel und Gackeleia gefallen konnte, denn er träumte so
klar und deutlich, als ob er wache. Da er aber das Buch
durchblättert hatte, schlug der Mann im Traume es so heftig zu, daß
Gockel plötzlich erwachte.
Es war noch dunkel, und er war so voll von seinem Traume, daß er sich
entschloß, seine Frau zu wecken, um ihr denselben zu erzählen; auch
fühlte er ein so wunderbares Behagen durch alle seine Glieder, daß er
sich kaum enthalten konnte, laut zu jauchzen. Da er sich immer mehr
vom Schlafe erholte, empfand er die lieblichsten Wohlgerüche um sich
her und konnte gar nicht begreifen, was nur in aller Welt für
köstliche Gewürzblumen in seinem alten Hühnerstall über Nacht müßten
aufgeblüht seyn. Als er aber, sich auf seinem Lager wendend,
bemerkte, daß kein Stroh unter ihm knistre, sondern daß er auf
seidenen Kissen ruhe, begann er vor Erstaunen auszurufen: "o Jemine,
was ist das?" In demselben Augenblicke rief Frau Hinkel dasselbe,
und dann riefen beide: "wer ist hier?" und beide antworteten: "ich
bin's, Gockel!--ich bin's Hinkel!" aber sie wollten's beide nicht
glauben, daß sie es seyen. Es hatte ihnen beiden dasselbe geträumt,
und sie würden geglaubt haben, daß sie noch träumten, aber sie fanden
gegenseitig ihre Stimmen so verändert, daß sie vor Verwunderung gar
nicht zu Sinnen kommen konnten. "Gockel," flüsterte Frau Hinkel,
"was ist mit uns geschehen? Es ist mir, als wäre ich zwanzig Jahre
alt." "Ach ich weiß nicht," sagte Gockel, "aber ich möchte eine
Wette anstellen, daß ich nicht über fünf und zwanzig alt bin." "Aber
sage nur, wie kommen wir auf die seidenen Betten?" fragte Frau Hinkel,
"so weich habe ich selbst nicht gelegen, als du noch Fasanenminister
in Gelnhausen warst,--und die himmlischen Wohlgerüche umher,--aber
ach, was ist das? Der Trauring, der mir immer so lose an dem Finger
hieng, daß ich ihn oft Nachts im Bettstroh verloren, sitzt mir jetzt
ganz ordentlich, so daß ich ihn eben drehen kann, ich bin gar nicht
mehr so klapperdürr."--Diese letzten Worte erinnerten Gockel an den
Ring Salomonis; er dachte: "ach, das mag Alles von meinem gestrigen
Wunsche herkommen;" da hörte er auch Roße im Stalle stampfen und
wiehern, hörte eine Thüre gehen, und es fuhr ein Licht durch die
Stube an der Decke weg, als wenn jemand mit einer Laterne Nachts über
den Hof geht. Er und Hinkel sprangen auf, aber sie fielen ziemlich
hart auf die Nase, denn jetzt merkten sie, daß sie nicht mehr auf der
ebenen Erde, sondern auf hohen Polsterbetten geschlafen hatten, und
der Schein, der durch die Stube gezogen war, hatte nicht die rauhe
Wand ihres Hühnerstalles, an welcher Stroh und die alte Hühnerleiter
lag, sondern prächtige gemalte und vergoldete Wände, seidene Vorhänge
und aufgestellte Silber-und Gold-Gefäße beleuchtet. Sie rafften sich
auf von einem spiegelglatten Boden, sie stürzten sich in die Arme und
weinten vor Freude, wie Kinder. Sie hatten sich so lieb, als hätten
sie sich zum erstenmale gesehen. Nun bemerkten sie den Schein wieder,
und sahen, daß er durch ein hohes Fenster herein fiel. Mit
verschlungenen Armen liefen sie nach dem Fenster und sahen, daß es
von der Laterne eines Kutschers in einer reichen Livree herkam, der
in einem großen geräumigen Hof stand, Haber siebte und ein Liedchen
pfiff. Im Schein der Laterne, der an das Fenster fiel, sah Gockel
Hinkel an und Hinkel Gockel, und beide lachten und weinten und fielen
sich um den Hals und riefen aus: "ach Gockel, ach Hinkel, wie jung
und schön bist du geworden!" Da sprach Gockel: "Alektryo hat die
Wahrheit gesprochen, der Ring Salomonis hat Probe gehalten, alle
meine Wünsche, bei welchen ich ihn drehte, sind in Erfüllung
gegangen"; und da erzählte er der Frau Hinkel, wie ihm der Mann mit
dem großen Bilderbuch erschienen und er Alles heraus gesucht und den
Ring dabei gedreht habe.--"Ach Gockel, Herzens-Gockel! hast du
wirklich Alles so gewünscht, Alles wie es mich freuet und erquicket?
Dieses lange, lange Hemd, diesen tiefrothen, chinesischen Schlafrock,
fein, fein, man kann ihn ganz in den Raum einer Nuß verbergen.
Gockel! und dieses seidene Netz um meine Haare--Alles, Alles so nach
meiner Lust?"--"Ja", sagte Gockel, "Alles nach deiner Lust, es wird
schon Tag werden, da wirst du erst sehen die hohen, hellen Räume,
Sääle, um Wettrennen darin anzustellen, lauter Doppelthüren, Fußböden
mit Purpurteppichen bedeckt, herrliche breite Treppen auf Säulen
ruhend, Terrassen, Gallerien, offne Hallen; ach Hinkel! welche Gärten
und Springbrunnen und Säulenhallen und Statuen und Aussichten und
schöne Berglinien und Lorbeern-, Myrten-, Cypressen-, Citronen-,
Pomeranzen-, Orangen-, Granatenhaine und eine Schaukel darin von
weißen Rosen--und eine Wiege von weißen Lilien--vom Küchengarten will
ich gar nicht reden, es wird dir genug seyn, wenn ich sage, daß die
Pflaumenbäume ihre Aeste mit getrockneten Früchten zum Küchenfenster
hineinhängen.--Was soll ich von der Garderobe sprechen, ehe ich dir
nur den hundertsten Theil der Stiefelchen, Pantöffelchen, Röckchen,
Schürzchen, Hütchen, Tüchelchen, Quästchen, Trottelchen u.s.w. nenne,
ist es Tag, und du knieest mitten darunter und räumst und packst und
probirst Alles nach der Reihe;--aber Herz Hinkel, das Schönste ist:
da ist kein Zapfenbrett, wie im Hühnerministerium, nein, da stehen
ganze Chöre der großartigsten, edelsten, lieblichsten, erhabensten,
kindlichsten Marmorfiguren von Engeln, Genien, Denkern, Dichtern,
Propheten, Göttern und Helden, und auf ihren Händen tragen sie die
Kleider, die in krystallenen Schalen zwischen duftenden Blumen ruhen,
in der Mitte der Garderobe stehen die drei Grazien um einen dicken
Lilienbusch, und wenn du zu träge bist, dich selbst anzukleiden,
trittst du zwischen die Grazien und sagst nur den Spruch deiner
Ahnfrau von Hennegau:
"O Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit!
Schönster Baum im Paradies,
Gieb mir Das und gieb mir Dies,
Rüttel dich und schüttel dich,
Schüttel Leib und Herz und Geist,
Und was diesen zierlich heißt,
Hüllend, füllend über mich."
O Hinkel!--dein blaues, oder wie du willst, farbiges Wunder sollst du
da sehen, augenblicklich sollst du da fix und fertig auf die schönste
und vortheilhafteste Weise bekleidet dastehen.--Ich will nicht weiter
sprechen, o Hinkel von Hennegau, von allen Kabinetten und
Kabinettchen, von der Bibliothek, der Hauskapelle, der Küche, der
Speisekammer, dem Saal, Ball zu schlagen, dem Musiksaal, der
Gemälde-Gallerie, der Aepfelkammer, der tiefsinnigen Denkhalle, der
Kinderstube, dem Karoussel, dem Badhaus, dem Hühnerhof, ach! und dem
bezaubernd schönen Stall voll der edelsten Pferde und Pferdchen, vor
Allem ein arabisches Schimmelchen, weiß wie der gefallne Schnee,
Mähnen und Schweif mit Purpurbändern durchflochten, mit tief rothem
Sammet gezäumt, Gebiß und Bügel von Gold und Rubin; ach Hinkel! und
der Sattel!--der Sattel ist ihm von Natur auf den Rücken gewachsen!
nun denke!"
"Lieber Gockel," sagte Frau Hinkel, "es ist nicht möglich, es ist zu
viel, ich kanns nicht glauben; aber ich möchte trinken, kannst du mir
nicht ein Glas Wasser herbeidrehen?"--"Geh nur links an deinen
Waschtisch," erwiederte Gockel, "und halte den Krystall-Pokal zum
Fenster hinaus." "O Gockel, gehe mit," sagte Hinkel, sich an seinen
Arm hängend, "ich weiß nicht Bescheid hier, es ist mir ganz bang vor
lauter Schönheit, ich fürchte, ich möchte über das siebente Wunder
der Welt stolpern und in das achte hineinstürzen."
Da führte Gockel sie zu ihrem Waschtisch an ein zweites Fenster,
dessen Vorhang der volle Mond mit angenehmem Licht durchstrahlte. O
da gieng das Verwundern erst recht an; neben einem Schirm von goldnen
Stäben, an welchem weiße Rosensträucher hinaufrankten, die alle ihre
Rosen nach Innen senkten, stand das Waschtischchen; aber welch ein
Waschtischchen, ein Waschtischchen, das sich nicht nur gewaschen
hatte, sondern sich auch in alle Ewigkeit fortwusch.--In den mit
tiefrothem Sammet belegten Marmorboden war ein eirundes tiefes Becken
von Krystall versenkt, der Rand oben war von Muscheln, Korallen und
lebendigen Blumen umgeben, Reseda und Veilchen und Vergißmeinnicht;
diese Wanne war voll Rosenwasser; über diesem ragte wie schwimmend
ein mit Lotos-Blumen gesattelter Delphin von Perlenmutter hervor, auf
seinem Rücken saß ein feingeflügeltes Kind von weißem Marmor, in der
einen Hand hielt es ein Sieb von Krystall voll der duftendsten Rosen,
in welches von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang zwey Strahlen des
frischesten, klaresten Wassers aus den Nüstern des Delphins
sprudelten und als Rosenwasser in das Becken niederfloßen, mit der
andern Hand stützte das Marmorkind die krystallne, durchsichtige
Tischplatte, welche den Waschtisch bildete, und da war erst die
rechte Herrlichkeit von schönen sieben Sachen.
Frau Hinkel sah und fühlte Alles mit großem Entzücken an, aber sie
hatte gestern so viel geweint und nachher so viel gesalzenes Fleisch
gegessen, so daß sie ungemein dürstete und sprach:
Wunder über Wunder, Gockel!
Wunderherrlich ist der Sockel
Von dem Wischiwaschi-Tisch;
Herzerquicklich scheint der Fisch
Lustig in dem Meer zu gaukeln
Und das flinke Kind zu schaukeln
Mit dem vollen Rosensieb,
Alles ist so süß und lieb,
Alles ist so fein und frisch!--
Doch, eh ich das Glas erwisch,
Kann ich gar nichts recht betrachten
Und muß schier vor Durst verschmachten.
"Verzeih, Herz Hinkel!" sprach Gockel, "ich selbst vergesse über den
kuriosen Sachen Essen und Trinken"--da gab er ihr das Glas von dem
Waschtisch, dünn und klar und rein wie eine Seifenblase, die sich auf
eine Lilie niedergelassen, so war Kelch und Stiel gebildet--"halte es
zum Fenster hinaus, ich will den Ring Salomonis drehen."
Gockel zog den rothdamastenen Vorhang hinweg, da sah man durch die
blüthenvollen Wipfel der Orangenbäume in den blauen Himmel, an dessen
Osten der Tag graute; der Mond stand am Himmel wie ein freigebiger
Kavalier, welcher der Frau Gräfin Hinkel von Hennegau ein Ständchen
von der Nachtigall will bringen lassen.--"Reiche nur den Pokal hinaus,"
sagte Gockel, "fahre nur mit der Hand mitten durch die
Orangenblüthen, die Geister Salomonis werden schon einen Wasserstrahl
senden, der dir das Herz erlabt."--Frau Hinkel that, wie Gockel
befahl, und Gockel sprach den Ring drehend:
"Salomo, du weiser König,
Dem die Geister unterthänig,
Füll' Frau Hinkel den Pokal
Mit der reinsten Quelle Strahl,
In der Felsen Herz entsprungen,
Durch der Erde Brust gedrungen,
Durch der Blüthen Duft geschwungen,
Von der Nachtigall besungen,
Von der Sterne Licht gegrüßt,
Von des Mondes Strahl geküß't;
Gieb zum Labsal durst'ger Zungen
Ein Glas Wasser, bitt' dich drum!
Ringlein, Ringlein, dreh dich um."
Schon während diesen Worten plätscherte es unter den Orangen-Bäumen
heftiger, die Blätter bewegten sich, die Blüthen küßten sich, und
zwischen ihnen spritzte der feine, im Mond--und Sternenlicht
schimmernde Strahl eines Springbrunnens aus dem unten liegenden
Garten empor und füllte den Pokal, welchen die Hand der Frau Hinkel
hinaushielt, ohne sie selbst im Mindesten zu benetzen. Frau Hinkel
trank und trank wieder, auch Gockel trank, und die allerliebste Frau
Nachtigall sang in der nahen Linde das freundlichste: "wohl bekomm's,
Frau Gräfin von Hennegau" dazu.
"Ach"! sagte Frau Hinkel, indem sie den Pokal wieder auf den
Waschtisch setzte, "das hat aber einmal geschmeckt, das Wasser
duftete ganz von Blüthen, und wie die liebe Nachtigall singt"!
--"Horch"! sagte Gockel, "da singt noch was", es war aber der
Kutscher, der den Haber siebte; als er die Nachtigall hörte, fieng er
an zu singen:
"Nachtigall, ich hör dich singen,
s'Herz im Leib möcht mir zerspringen,
Komme doch und sag mir bald,
Wie sich Alles hier verhalt'.
Nachtigall, ich seh dich laufen,
An dem Bächlein thust du saufen,
Tunkst hinein dein Schnäbelein,
Meinst es sey der beste Wein!
Nachtigall, wohl ist gut wohnen
In der Linde grünen Kronen,
Bei dir, lieb Frau Nachtigall,
Küß' dich Gott viel tausendmal!"
Das gefiel nun Gockel und Hinkel gar wohl, denn es war ihr
Lieblingslied und ihre Mutter hatte es ihr an der Wiege gesungen.
--Gockel war so froh, über Alles, was er so erfinderisch
herbeigewünscht hatte, daß er wünschte, Frau Hinkel möge gleich Alles
betrachten, was auf ihrem Waschtisch weiter liege. Sie sagte aber:
"nein, ich muß warten bis der Tag anbricht, es ist Alles so herrlich
und fein, ich zittre so vor Freude, ich habe eine solche Wallung im
Blut. Wir sahen nun dort in den Hof, hier in den blühenden Garten,
voll Duft und Springbrunnen und Nachtigallen, jetzt laß uns an jener
Seite hinaus schauen, was dort zu sehen ist."--Nun liefen sie an ein
drittes Fenster; "o je, welche Freude!" rief Frau Hinkel aus, "Wir
sind in Gelnhausen, da oben liegt das Schloß des Königs, und da
drüben, o zum Entzücken! da sehe ich in einer Reihe alle die
Bäcker--und Fleischerladen; es ist noch ganz stille in der Stadt;
horch, der Nachtwächter ruft in einer entfernten Straße, drei Uhr ist
es; ach, was wird er sich wundern, wenn er hieher auf den Markt kömmt
und auf einmal unsern prächtigen Palast sieht! Und der König, was
wird der König die Augen aufreissen und alle die Hofherrn und
Hofdamen, die uns so spöttisch ansahen, da wir in Ungnade fielen, was
werden sie gedemüthiget seyn durch unsern Glanz! O Gockel, liebster
Gockel, was bist du für ein herzallerliebster, beßter Gockel mit
deinem Ring Salomonis!" und da fielen sie sich wieder um den Hals und
fuhren vor Freude gleichsam Schlitten auf dem spiegelglatten Boden.
Es brach aber der Tag an und es war kein Traum; Alles hatte Bestand,
sie blickten Arm in Arm scheu und doch freudig bald sich in ihrer
verjüngten Gestalt und prächtigen Kleidung, bald die wunderbare
Pracht ihres Schlafgemaches an, und als sie neben ihrem großen
Prachtbett, welches wie ein Himmelwagen aussah, mit Federbüschen
besteckt, ein anderes schönes Bettchen sahen, fiel ihnen erst im
Taumel der großen Freude ihre liebe Gackeleia ein; sie rissen die
rothsammetnen, goldgestickten Vorhänge hinweg, da lag Gackeleia schön
wie ein Engel, ach viel schöner als sie je gewesen. Gockel und
Hinkel erweckten sie mit Küssen und Thränen: "wach auf, Gackeleia,
ach alle Freude ist um uns her; ach Gackeleia, sieh alle die schönen
Sachen an!" Da schlug Gackeleia die blauen Augen auf, und glaubte,
sie träume das Alles nur; und da sie Vater und Mutter, welche beide
so jung und schön geworden waren, gar nicht wieder erkannte, fieng
sie an zu weinen und verlangte nach ihren lieben Aeltern. Ja alle
die schönen Sachen konnten sie nicht zufrieden stellen; sie sagte
immer: "o was soll ich mit all der Herrlichkeit, ich will zu meiner
lieben Mutter, Frau Hinkel, zu meinem guten Vater, Gockel, zurück."
Die Mutter und der Vater konnten sie auf keine Weise bereden, daß sie
es selbst seyen. Endlich sagte Gockel zu ihr: "Wer bist du denn?"
"Gackeleia bin ich," erwiederte das Kind. "So", sagte Gockel",du
bist Gackeleia? Aber Gackeleia hatte ja gestern ein Röckchen von
grauer Leinwand an, wie kömmt den Gackeleia in das schöne,
buntgeblümte, seidene Schlafröckchen?" "Ach, das weiß ich nicht,"
antwortete Gackeleia, "aber ich bin doch ganz gewiß Gackeleia; ach
ich weiß es gewiß, die Augen schmerzen mich so sehr, ich habe gestern
gar viel geweint, ich habe grosses Unglück angestellt, ich habe die
Katze an das Nest der Gallina geführt; ich bin Schuld, daß sie
gefressen worden, ich habe dadurch den guten Alektryo in den Tod
gebracht, ach ich bin gewiß die böse Gackeleia;" dabei weinte sie so
bitterlich und fuhr fort: "o du bist Gockel nicht; der Vater Gockel
hat ganz schneeweiße Haare und einen weißen Bart und ist bleich im
Gesicht und hat eine spitze Nase; du Schwarzer mit den rothen Wangen
bist Gockel nicht; du bist auch die Mutter Hinkel nicht; du bist ja
so hübsch glatt und anmuthig wie ein Turteltäubchen; die Mutter
Hinkel ist klapperdürr wie ein Zaunpfahl; ich will fort in das alte
Schloß, ihr habt mich gestohlen;" und da weinte das Kind wieder
heftig. Gockel wußte sich nicht anders zu helfen, als daß er sagte:
"Schau mich einmal recht an, ob ich dein Vater Gockel nicht bin." Da
guckte ihn Gackeleia scharf an, und er drehte den Ring Salomonis ganz
sachte am Finger und sprach leis:
"Salomon, du großer König,
Mache mich doch gleich ein wenig
Dem ganz alten Gockel ähnlich;
Mach' mich wieder wie gewöhnlich."
Und wie er am Ring drehte, ward er immer älter und grauer, und das
Kind sagte immer: "ach Herrje, ja, fast wie der Vater!" und als er
ganz fertig mit dem Drehen war, sprang das Kind aus dem Bett, und
flog ihm um den Hals und schrie: "ach ja, du bist's, du bist's,
liebes, gutes, altes Väterchen! Aber die Mutter ist es mein Lebtag
nicht." Da begann Gockel auch für Frau Hinkel den Ring zu drehen,
daß sie wieder ganz alt ward. Aber dieser machte das gar keine
Freude, und sie sagte immer: "halt ein Gockel, nein das ist doch ganz
abscheulich, einen so herunter zu bringen, nein das ist zu arg! so
habe ich mein Lebtag nicht ausgesehen; du machst mich viel älter, als
ich war!" und begann zu weinen und zu zanken, und wollte dem Gockel
mit Gewalt nach der Hand greifen und ihm den Ring wieder zurückdrehen.
Aber Gackeleia sprang ihr in die Arme und küßte und herzte sie, und
rief einmal über das anderemal aus: "ach Mutter, liebe Mutter, du
bist's, du bist's ganz gewiß!" Da sagte Frau Hinkel: "nun
meinethalben," und küßte das Kind Gackeleia von ganzem Herzen.
Gockel aber sprach: "ei, ei, Frau Hinkel, ich hätte mein Lebtag nicht
gedacht, daß du so eitel wärest; es ist gut, nun habe ich ein Mittel,
dich zu strafen; sieh, bist du mir nun nicht fein ordentlich und
fleißig, oder brummest du, oder bist du neugierig, so drehe ich
gleich den Ring um und mache dich hundert Jahre alt." Da sagte Frau
Hinkel: "thue was du willst, ich habe es nicht gern gethan, es hat
mich nur so überrascht." Nun umarmte sie Gockel und drehte den Ring
wieder, und sie wurden wieder jung und schön. So erfuhr auch
Gackeleia das Geheimniß mit dem Ringe, und Gockel schärfte ihr und
der Frau Hinkel ein, ja niemals etwas von dem Ringe zu sprechen,
sonst könnte er ihnen gestohlen werden, und dann müßten sie wohl
wieder arm und elend in das alte Schloß zurück. "Bewahr uns Gott
davor!" sagten alle, und Gockel fuhr fort: "ja, daß er uns davor
bewahre, lasset uns vor Allem beten und danken; ihm allein gebührt
die Ehre!" da knieten sie in Mitte der Stube nieder und dankten Gott
von Herzen.
Als sie wieder aufgestanden waren, sagte Frau Hinkel: "jetzt kommt,
jetzt geht das Hauptplaisir an, jetzt geht es ans Betrachten, und mit
uns selbst wird angefangen." Nun traten sie alle drei vor einen
großen Spiegel und beschauten sich in Lebensgröße von allen Seiten
und lachten und hüpften; Frau Hinkel machte einige spitze Mäulchen
und Gackeleia probirte so vielerlei, daß sie sogar die Zunge ziemlich
weit herausstreckte, worauf aber Gockel sagte: "Pfui, wawa, das ist
unartig!" Hierauf gieng Frau Hinkel nach ihrem Waschtisch, um Alles
zu betrachten, was sie in der Nacht noch nicht gesehen. In einer
andern Fensternische stand der Waschtisch Gockels, und zwischen
beiden ein Waschtischchen Gackeleia's.
Auf der krystallenen Platte des Tisches stand Waschbecken und Kanne
von gleichem Stoff, man konnte sie so oft man wollte bei dem Delphin
unter dem Tische füllen; hinter dem Waschbecken war etwas Hohes mit
einem feinsten weißen Tuche bedeckt.--"Was ist nur das?"--sagte Frau
Hinkel und zog das Tuch weg,--aber Alle wurden still und ernst, als
sie sahen, was es war; denn es war das Bild einer Gluckhenne auf dem
Neste sitzend mit ausgebreiteten Flügeln und über Hühnchen brütend,
die hie und da die Köpfchen hervorstreckten; Alles von Gold und
Silber, auf das natürlichste kunstreich ausgearbeitet; die Augen
waren alle von Edelsteinen und die Kämme von Rubinen!
"Ach!" sagte Frau Hinkel, "das ist wohl eine ernste Erinnerung, das
kann uns wohl demüthigen; sieh Gackeleia, da ist das Bild der Gallina,
wie sie leibte und lebte, da können wir an die betrübte Geschichte
denken!"--"Ach ja," sagte Gackeleia, und weinte. Gockel aber sprach:
"wollen wir dabei an irgend etwas denken, was uns vor Uebermuth
bewahrt, so ist das gut. Hier aber steht die goldene Henne nur als
ein altes Familienkleinod, das ich selbst zum erstenmal sehe; dort
auf meinem Waschtisch wird wohl der goldene Hahn stehen."--Da deckte
Gockel auf seinem Waschtisch das Gefäß auf, und wirklich stand das
Bild Alektryos von Gold in größter Vollkommenheit da.--Sie waren Alle
ganz erstaunt.