Zog weit umher im Morgenland
Und schlief einst dorten auf dem Mist,
Wo Job versuchet worden ist.
Da träumte mir, der Dulder fromm
Heiß' mich auf seinem Mist willkomm
Und schenk' mir einen schwarzen Hahn
Und spräch': "es hat des Hahnen Ahn
Bei mir auf diesem Mist gekräht,
Zu Gott geklagt, zu Gott gefleht,
So klug, daß ich den Spruch erfand:
Wer giebt dem Hahnen den Verstand?
Leb wohl--er heißt Alektryo."
Da weckte mich auf meinem Stroh
Ein ritterlicher Hahnenschrei;
Ich sah, daß es derselbe sey,
Den mir Herr Job im Traume gab,
Er saß auf meinem Pilgerstab
Und weckt' mit Schrei und Flügelschlag
Sich, mich und auch den jungen Tag.
Ich theilt' mit ihm mein Sorgenbrod
Und zog mit ihm durch Morgenroth,
Durch Mittagsgluth und Abendschein,
Durch Mond--und Sternennacht, allein,
Ach so allein, allein, allein,
Als Mann und Hahn kann jemals seyn!
Alektryo so mit mir kam
Durch Persiam und Mediam,
Armeniam, Mingreliam,
Durch Gock--und Magockeliam;--
In Montevillas Reisbuch stehn
Die Länder all, die wir besehn.
Wann Nachts ich ruht, da wacht' der Hahn,
Zeigt' redlich mir die Stunden an,
Da stand ich auf, that ein Gebet--
Schlief wieder bis er wieder kräht';
Oft hielt sein Krähn--Lob Gott den Herrn,
Die wilden Löwen von mir fern.
Ich hatte ein Gelübd gethan,
Zu Ehren Jobs mit meinem Hahn
Zu schlafen stäts auf einem Mist,
Weil da er mir erschienen ist.
Zu Tadmor einst war meine Rast
Am Mist vor Salomo's Palast;
Da weckte mich Alektryo,
Kräht' laut und scharrte aus dem Stroh
Ein Kleinod licht, ein blinkend Ding
Und steckte mir den Siegelring
Selbst an den Finger meiner Hand.--
Wer gab dem Hahnen den Verstand?--
Den Ring ich gegen Morgen hielt,
Der junge Tag drin lieblich spielt';
Ich dacht: wem nur das Wunderding,
Der schöne Ring, verloren gieng?
Da drangen gleich zu meinem Ohr
Die Worte aus dem Ring hervor:--
"Der Siegelring von Salomo
Macht alle Menschen reich und froh,
Wer an dem Finger um mich kehrt,
Dem ist ein jeder Wunsch gewährt!"
Da dankt ich Gott still im Gebet,
Bis laut Alektryo gekräht,
Und wünscht': "wär ich dem Land heraus,
Mit Hahn und Ring bei mir zu Haus!"
Als auf dies Wort den Ring ich dreh',
Bei Hanau hier im Wald ich steh';
Mit Amen schloß mein Frühgebet,
Der Morgenschrei war ausgekräht
Im Walde hier, was Hahn und Mann
Zu Tadmor eben erst begann.
Ich fand nicht Vater, Mutter mehr,
Sie waren todt--die Hütte leer!
Ich dreh' den Ring--"hätt' ich ein Schloß
Und Knecht, Magd, Ochs und Kuh und Roß!"
Und sieh das Schloß stand alsobald
Mit Knecht, Magd, Ochs, Kuh, Pferd im Wald.
Ich dreh den Ring--"hätt' ich zur Frau
Das liebste Herz aus Hennegau,
Und hätt' mein Hahn ein Hühnlein gut,
Es würde eine edle Brut."
Da hört' im Wald ich ein Geschrei
Und eilt' mit Roß und Knecht herbei,
Und bei der Hennen-Linde draus,
Da hatt' ich einen blut'gen Strauß.
Der Schrei von einem Fräulein war,
Entführt von wilder Räuberschaar.
Die Räuber schlug ich alle todt
Und half dem Fräulein aus der Noth;
Und in der Linde Schattenraum
Sprach sie: "schon ründet sich mein Traum,
Ich ward durch eines Hahnen Schrei
Aus wilder Löwen Kralle frei,
Giebt nun der Hahn mir noch den Ring,
Dann Alles in Erfüllung gieng."
Ich gab den Ring dem lieben Bild,
Vereint ward unser Wappenschild;
Urhinkel wars von Hennegau,
Der Kaiser gab sie mir zur Frau.
Ein Huhn sie mir als Brautschatz gab,
Das von dem Hahnen stammte ab,
Der einstens krähte hell und klar,
Als Petrus in Versuchung war.
Es bracht' dies edle Huhngeschlecht
Aus Syria ein Edelknecht,
Der bei Pilati Leibwach stand,
Salm hieß er, aus Savoierland.--
Nun fing ich und mein edler Hahn
Ein ritterliches Leben an;
Ich hatte Söhnchen nach der Reih,
Er Hahn und Hühnchen, Ei auf Ei!
Ich dreht den Ring--den Grafenhut
Hatt' ich sogleich, er stand mir gut.--
Doch als ich ward ein edler Greis,
Gedacht ich an die weite Reis,
Ins andere gelobte Land.
Ich dreht' den Ring--"hätt' ich Verstand!"
Da war ich klug wie Salomo
Und sprach da zu Alektryo:
"Ich hab den Ring bald ausgedreht,
"Und du die Zeit bald ausgekräht,
"Es naht der Ring der Ewigkeit,
"Da mißt kein Hahnenschrei die Zeit;
"Die Schlange beißt sich in den Schweif,
"Ohn' End und Anfang ist der Reif,
"Und da es geht zum Ende nun,
"Sprich, was soll mit dem Ring ich thun?"
Alektryo sprach: "hör' sey klug!
"Du läßst wohl Geld und Gut genug
"Den Söhnen dein, sie können sich
"Als Grafen nähren ritterlich;
"Gäbst ihrer Einem du den Ring,
"Gar leicht ein Zank und Streit angieng;
"Er wünschte sich solch Glück und Ehr,
"Daß drüber er sein Seel' verlör'!
"Da Keiner von dem Ring noch weiß,
"Wird Keinem um den Ring auch heiß.
"Dem Erstgebornen gieb das Haus,
"Die Andern statte reichlich aus;
"So soll jed Erstgeborner thun,
"Bis alle Gockel bei dir ruhn.
"Ich, dein Alektryo, füg' bei:
"Aus der Gallinen erstem Ei,
"Der Erstling der Alektryonen,
"Soll stäts bei allen Gockeln wohnen,
"Daß er vor Mißbrauch und Gefahr
"Dem Haus den Ring im Kropf bewahr'.
"So komm' dein Ring von Kropf zu Kropf,
"Dein Grafenhut von Kopf zu Kopf.
"Und wenn erlischt der Mannesstamm
"Vom Gockelhut, vom Hahnenkamm,
"Schlägt ab des letzten Gockels Schwert
"Dem Schluß-Alektryo den Kopf.
"Und Salomonis Ringlein kehrt
"In Grafen Hand aus Hahnen Kropf.
"Der letzte Sproß den Ring dann dreht,
"Bis neu der Hahn vom Tod ersteht,
"Der auf den Wunsch von einem Kind
"Das End vom Liede schnell ersinnt."
Zu mir dem Urgockelio
Sprach so der Uralektryo,
Und hat mit seinem Kopf gezuckt
Und schnell in seinen Kropf verschluckt
Den Siegelring des Salomo,
Und hat dann dunkel, als Prophet,
Den Schicksalsspruch mir vorgekräht,
Der auf dem Grab und Wappen steht,
Und richtig, ward er gleich verdreht,
Noch heute in Erfüllung geht.
Doch ich hab' nicht recht zugehört,
Ich sprach im Bett zur Wand gekehrt:
"Wer gab dem Hahnen den Verstand?"
Dann reiste in das andre Land,
Wohin den Weg noch jeder fand,
Ich, der Urgockel, an der Wand!
Nach diesen Worten schwieg Urgockel still und war ein lebloses
Steinbild wie vorher. Graf Gockel, der während der Explication die
Bilder der Reihe nach betrachtet hatte, schüttelte den Kopf und
sprach: "curios, curios, was doch einem Menschen alles passiren kann.
Es ist und bleibt doch halt immer ein höchst merkwürdiger
klassischer Boden, die Gegend zwischen Hanau und Gelnhausen!"--dann
wendete sich Gockel zu Alektryo und fuhr fort: "o! nun weiß ich Alles,
verstehe ich Alles, theurer schätzbarer Freund meines Stammes; aber
sage mir doch, wenn es zu fragen erlaubt ist, wie ist dann dieser
unvergleichliche Siegelring Salomonis eigentlich in deinen Kropf
gekommen?"--da erwiederte Alektryo:
Urahnherr sterbend spie aus den Stein,
Da schluckte ihn mein Ahnherr ein.
Mein Ahnherr sterbend spie aus den Stein,
Da schluckte ihn mein Großvater ein.
Großvater sterbend spie aus den Stein,
Da schluckt ihn mein Herr Vater ein.
Herr Vater sterbend spie aus den Stein,
Da schluckte ihn der Alektryo ein.
Alektryo sterbend speit aus den Stein,
Da kehrt er zu Gockel, dem Herren sein.
Gallina todt, die Küchelchen todt--
Alektryo frißt nun mehr kein Brod.
Er will nun sterben durch Grafenschwert,
So wie ein edler Ritter es werth!
Was Uralektryo prophezeit,
Geht Alles in Erfüllung heut.
"Wohlan," sprach Gockel, "so will ich dann sogleich allhier ein
hochnothpeinliches Halsgericht halten, du sollst Zeter über die
Mörder der Deinigen rufen und strenge Genugthuung erhalten.--Dann
aber will ich an dir thun, was du verlangst.--Rufe sogleich als
Herold meines Stammes alle Bewohner dieses Schloßes vor die Schranken."
Da nun eben der Morgen graute, flog Alektryo auf die höchste
Giebel-Mauer des Schloßes und krähte dreimal so laut und heftig in
die Luft hinein, daß sein Ruf wie der Schall einer Gerichtstrompete
von allen Wänden wiederhallte, und alle Vögel erwachten und streckten
die Köpfe aus dem Neste hervor, um zu vernehmen, was er verkünde; und
da sie hörten, daß er sie zu Recht und Gericht gegen die mörderische
Katze vor den Raugrafen Gockel von Hanau rief, fiengen sie an, mit
tausend Stimmen ihre Freude über diesen Ruf zu verkünden, schlüpften
alle aus ihren Nestern, schüttelten sich die Federn und putzten sich
die Schnäbel, um ihre Klagen vorzubringen, und flogen in den Raum der
Kapelle, wo sie sich hübsch ordentlich in Reih und Glied in die
leeren Fenster, auf die Mauervorsprünge und auf die Sträucher und
Bäume, welche darin wuchsen, setzten und die Eröffnung des Gerichts
erwarteten.
Als die Vögel alle versammelt waren, trat Alektryo vor den
Hühnerstall, worin Hinkel und Gackeleia noch schliefen; und indem er
gedachte, daß hier der Mord an der frommen Gallina geschehen, krähte
er mit solchem Zorne in den Stall hinein, und schlug dermassen mit
den Flügeln dazu, daß Frau Hinkel und Gackeleia mit einem gewaltigen
Schrecken erwachten, und beide zusammen ausriefen: "o weh, o weh! da
ist der abscheuliche Alektryo schon wieder, er ist gewiß dem Vater im
Walde entwischt, wir müssen ihn nur gleich fangen." Nun sprangen sie
beide auf und verfolgten den Alektryo mit ihren Schürzen wehend; er
aber lief spornstreichs in die Kapelle hinein; wie erschrecken Hinkel
und Gackeleia, als sie daselbst auf den Stufen des Altares den Gockel
mit finsterm Angesicht das grosse rostige Grafenschwert in der Hand
haltend sitzen sahen. Sie wollten ihn eben fragen, wie er wieder
hieher gekommen sey, aber er gebot ihnen zu schweigen und wies ihnen
mit einer so finstern Miene einen Ort an, wo sie ruhig stehen bleiben
sollten, bis sie vor Gericht gerufen würden, daß sie sich verwundert
einander ansahen. Der Hahn Alektryo gieng immer sehr traurig und in
schweren Gedanken mit gesenktem Kopfe vor Gockel auf und ab, wie ein
Mann, der in traurigen Umständen sehr tiefsinnige, verwickelte Dinge
überlegt. Ja es sah ordentlich aus, als lege er die Hände auf dem
Rücken zusammen. Auch Gockel sah einige Minuten still vor sich hin
und alle Vögel rührten sich nicht. Nun stand Gockel auf und hieb mit
seinem Grafenschwert majestätisch nach allen vier Winden mit dem
Ausruf:
"Ich pflege und hege ein Hals-Gericht,
Wo Gockel von Hanau das Urtheil spricht
Und über den Mörder den Stab zerbricht."
Nach diesen Worten flog Alektryo auf die Schulter Gockels und krähte
dreimal sehr durchdringlich. Frau Hinkel wußte gar nicht, was das
alles bedeuten sollte, und schrie in grossen Aengsten aus: "o Gockel,
mein lieber Mann, was machst du? ach ich unglückselige, er ist
närrisch geworden!" Da winkte ihr Gockel nochmals zu schweigen, und
sprach:
"Wer kömmt zu Rüge, wer kommt zu Recht?"
Da trat Alektryo hervor, und sprach mit gebeugtem Haupt:
"Alektryo klagt, dein Edelknecht!"
Ach! wie fuhr das der Frau Hinkel und der kleinen Gackeleia durch das
Gewissen, als sie hörten, daß der Hahn reden konnte; sie zitterten,
daß nun Alles gewiß herauskommen wurde. Da sprach Gockel:
"Alektryo, was ward dir gethan?"
Da antwortete Alektryo:
"Graf Gockel, trag mir das Schwert voran,
Trag es voran mit gewaffneter Hand,
Dann rufe ich Zeter wohl durch das Land."
Da zog Gockel einen alten Blechhandschuh an die rechte Hand, in der
er sein Schwert trug, und gieng so vor Alektryo, der ihm folgte, im
Kreis durch die Kapelle wieder zu den Gebeinen Gallina's zurück.
Da trat Alektryo zu den Gebeinen der Gallina und krähte Zeter mit
zitternden Stimme.
"Ach Herr, schau diese Gebeinlein an,
Das war mein Weib und meine Brut,
Die Katze zerriß sie und trank ihr Blut.
Zeter über Schurrimurri und Gog,
Mack, Benack, Magog, Demagog;
Zeter und Weh und aber weh,
Und immer und ewig Herr Jemine!"
Bei diesen Worten krähte er wieder gar betrübt, und Gockel sagte:
"Alektryo, du mein edler Hahn,
Ich hörte, du hättest es selbst gethan.
Nun bringe du mir auch Zeugen bei,
Daß deine Klage wahrhaftig sey."
Da antwortete Alektryo:
"Hier war ich schon lange ein lästiger Gast,
Sie haben den redlichen Wächter gehaßt;
Oft mußte ich hören den Wiegengesang,
Der mir, wie ein Messer, die Kehle durchdrang:
"Ha heia, popeia, schlag's Kickelchen todt,
Er legt keine Eier und frißt mir mein Brod,
Dann rupfen wir ihm seine Federchen aus,
Und machen Gackeleia ein Bettchen daraus!"
O wär ich gestorben! Wie wär' mir jetzt gut
Mit meiner Gallina und mit meiner Brut,
Bei dir lieber Hiob, bei dir Salomo
In himmlischen Höfen auf goldenem Stroh!
Doch fehlte der Muth hier zu blutiger That,
Ich sollte verderben durch Lug und Verrath.
Weil oft ich zu früh das Gewissen erweckt,
Ward mit dem Gewissen in Sack ich gesteckt.
So hab ich gehört nur und hab nicht gesehn,
Wie hier ist die gräßliche Unthat geschehn,
Und lad' drum die lieben Schloßvögelein ein,
Sie sollen wahrhaftige Zeugen mir seyn."
Nach diesen Worten fiengen alle die Vögel an, so gewaltig
durcheinander zu zwitschern, zu schnurren und zu klappern, daß Gockel
sprach:
"Halt ein, hübsch stille, macht kein Geschrei,
Ich will euch vernehmen nun nach der Reih'!
Zuerst Frau Schwalbe, die früh aufsteht,
An dich mein Zeugenruf ergeht."
Da flog die Schwalbe heran und sprach:
"Noch zittere ich und beb ich,
Es ist wirklich, gewiß, sicherlich geschehn,
Sterb ich, oder leb ich, will ich's immer und ewig
Sicherlich nimmer mehr wieder sehn;
Wie die wilde Kätzin und ihre Kätzchen
Sprangen mit zierlichen Sprüngen und Sätzchen
Zum Nestchen und rissen ripps, rapps,
Die Küchlein und ihr Mütterlein treu,
Gripps, grapps in viele, viele Restchen,
Und federwinzige Fetzen entzwei.
Ich blieb drüber schier vor Schrecken
Zwier im zierlichen Gezwitscher stecken.
Wie ich eben im Begriffe bin gewesen,
Meinen Kindern, wie üblich, gar lieblich
Ein Capitel ersprießlich aus der Bibel
Von Tobiä Schwälblein und Sälblein
Exegisirend, explicirend zu lesen,
Geschah das himmelschreiende grimmige Uebel;
Als ich, wie's schicklich, erquicklich ist,
Mit witziger, spitziger List
Die Hirngespinnste meiner Gesichte,
Die figürlichen, manierlichen Traumgedichte
Den Kindern ein bischen zimperlich, spärlich,
Doch ziemlich klimperklärlich
Im glitzernden Frühlichts-Schimmer
Spintisirlich rezitirte, ist, was ich gewiß nimmer
Bis jetzt je gesehen, nie wieder will sehen,
Die verzwiefelte, verzweifelte Misse--Misse--
Missethat binnen kürzester Frist geschehen,
Daß die wilde Kätzin ohne Rezepisse
Und Gewissen die Gallina zerrisse;
Sieh, es ist die fleißige, ämsige, sitzende,
Giksende, gacksende, kratzende, kritzende
Gickel, Gackel, Gallina nicht mehr,
Das von weißen, weichen Ginster und Weidenzweigen
Zierlich gewickelte, figürlich gezwickelte, fleur-de-lysirte,
Gothisch verzierte, stilisirte, persisch ziselirte,
Von piependen, trippelnden, nickenden, pickenden
Küchelchen wimmelnde Erbhühnernest ist zerrissen,
Zerbissen und lee, lee, lee, leer;
Zwischen den Splittern zittern und wehen die Federchen rings her,
Ich theile gewißlich mit denen, die drum wissen,
Das stechende, beissende, böse Gewissen
Immer und ewiglich nimmer nie, nie, nie, mehr!"
Nach dieser sehr beweglichen Aussage der kleinen Schwalbe krähte
Alektryo wieder:
"Zeter über Schurrimurri und Gog,
Mack, Benack, Magog, Demagog;
Zeter und Weh und aber weh,
Und immer und ewig, Herr Jemine!"
Bei dem Krähen aber ward der Frau Hinkel und der kleinen Gackeleia
fast zu Muthe, wie Einem, der seinen Herrn verläugnet hat, beim
Hahnenschrei zu Muthe ward. Gockel sprach nun:
"Hab Dank Frau Schwalbe, tritt von dem Plan,
Nun komm Rothkehlchen als Zeug' heran."
Da flog das liebe kleine Rothkehlchen auf einen wilden Rosenstrauch
in die Nähe des Altars und sagte:
"Auf des höchsten Giebels Spitze
Sang im ersten Sonnenblitze
Ich mein Morgenliedlein fromm,
Pries den lieben Tag willkomm.
Bei mir saß gar freundlich lächelnd,
Sich im Morgenlüftchen fächelnd,
Der erwachte Sonnenstrahl,
Unten lag die Nacht im Thal.
Unten zwischen finstern Mauern
Sah ich Katzenaugen lauern,
Und ich dankte Gott vertraut,
Daß ich hoch mein Nest gebaut.
Und ich sah die Katze schleichen,
Mit den Kätzchen unten streichen
In den Stall, und hört' Geschrei,
Wußt' bald, was geschehen sey;
Denn sie und die Kätzchen alle
Sprangen blutig aus dem Stalle,
Trugen Hühnchen in dem Maul
Und zerrissen sie nicht faul.
Ach, da war ich sehr erschrecket,
Hab' die Flügel ausgestrecket,
Flog ins Nest und deckt' in Ruh
Meine lieben Jungen zu.
Ja ich muß es eingestehen,
Hab' den bösen Mord gesehen,
Und mein kleines Mutterherz
Brach mir schier vor Leid und Schmerz!"
Nach diesen Worten krähte Alektryo wieder:
Zeter über Schurrimurri und Gog,
Mack, Benack, Magog und Demagog!
Zeter und Weh und aber Weh!
Und immer und ewig, Herr Jemine!
Nun hörte Gockel noch viele andere Vögel als Zeugen ab, und alle, vom
Storch bis zur Grasmücke, erzählten, wie sie den Mord durch die Katze
gesehen.
Als aber Gockel sich nun zu Frau Hinkel und Gackeleia wendete und sie
beide fragte, wie sie das hätten können geschehen lassen, da die
Gallina doch dicht neben ihrem Ruhelager gebrütet habe, und wie sie
Alles auf den edlen Alektryo geschoben hätten, sanken beide auf die
Kniee, gestanden ihr Unrecht unter bitteren Thränen, und versprachen,
es niemals wieder zu thun. Gockel hielt ihnen eine scharfe Ermahnung
und bat den Alektryo, ihnen selbst ihre Strafe zu bestimmen. Der
gute Alektryo aber bat für sie und verzieh ihnen selbst. Gockel
sagte nun: "deine Strafe, Frau Hinkel, soll seyn, daß ich dir und
deiner Tochter ein Hühnerbein und einen Katzenellenbogen in das
Wappen setze zum ewigen Andenken für eure böse Handlung, und außerdem
soll Gackeleia, weil sie die Katze Schurrimurri mit ihren verwegenen
Söhnen, Mack, Benack, Gog, Magog und Demagog sich heimlich zum Spiele
erzogen und durch diese ihre Spielerei ein solches Unglück angestellt
hat, nie eine Puppe besitzen, nie mit einer Puppe spielen dürfen."
Ach, da fiengen Frau Hinkel und Gackeleia bitterlich zu weinen an.
Gockel befahl nun dem Hahn den Scharfrichter zu holen, damit die
Katze mit ihren Jungen hingerichtet würde. Da schrie der Hahn und
alle Vögel: "das ist die Eule, die große alte Eule, die dort draus in
der hohlen dürren Eiche mit ihren Jungen sitzt", und sogleich ward
die Eule gerufen. Als diese ernsthaft und finster wie ein verhaßtes,
gefürchtetes, von allen andern Vögeln geflohenes Thier mit ihren
Jungen zu der Kapelle mit schweren Flügeln hereinrasselte und mit dem
Schnabel knappte und hu hu schrie, und die Augen verdrehte,
versteckten sich die Vögel zitternd und bebend in alle Löcher und
Winkel; und Gackeleia verkroch sich schreiend unter die Schürze ihrer
Mutter, welche sich selbst die Augen zuhielt. Gockel aber legte den
Sack, worin die böse Katze mit ihren Jungen stack, in die Kapelle und
die Eule trat mit ihren drei Jungen vor den Sack hin und sprach:
Ich komm zu richten und zu rechten
Mit meinen drei Söhnen und Knechten;
Nun höret ihr armen Sünder,
Katz Schurrimurri und Kinder,
Du Mack, du Benack und du Gog,
Du Magog und du Demagog,
Die ihr seid arme Sünderlein,
Ein Exempel muß statuiret seyn.
Nun Hackaug, Blutklau, Brich-das-Genick!
Meine Söhne, macht eurer Meisterstück.
Da wollten sie den Sack aufmachen und die Katzen vor aller Augen
hinrichten, aber Gackeleia schrie so entsetzlich, daß Gockel der Eule
befahl, mit ihren Söhnen den Sack fortzutragen und sich zu Hause mit
den Katzen abzufinden, was sie auch buchstäblich gethan.--Ja, ja sie
fanden sich mit ihnen ab!
Als so dieses schreckliche Schauspiel vermieden war, trat Alektryo
vor Gockel und verlangte, daß er ihm nun den Kopf abschlagen, sich
den Siegelring Salomonis aus seinem Kropfe nehmen und ihn sodann mit
den Gebeinen der Gallina und ihrer Jungen verbrennen sollte. Gockel
weigerte sich lange, dem Begehren des Alektryo zu folgen, aber da er
sich auf keine Weise wollte abweisen lassen und ihn versicherte, daß
er sich doch in jedem Falle zu Tode hungern werde, so willigte Gockel
ein; er umarmte den edlen Alektryo nochmals von ganzem Herzen. Dann
streckte der ritterliche Hahn den Hals weit aus und rief, auf der
Inschrift des Grabsteins scharrend, mit lauter Stimme aus:
Alektryo bringt dir Glück selbst um Undank.
O Gockel! hau' ihm den Kopf ab,
Schneid' ihm den Kropf auf!
Salomo's Siegelring Jedem noch Brod gab.
Am Schluße dieser Worte schwang Gockel das Grafenschwert und hieb den
Hals des Alektryo mitten durch, daß ihm der Kopf des Hahnen vor die
Füße fiel und der todte Rumpf in den Scheiterhaufen sank. Gockel
nahm das ehrwürdige Haupt bei dem Kamm, hob es empor, küßte es,
schüttelte es dann über seiner Hand, und der Siegelring Salomonis
fiel ihm hinein. Alle Anwesenden weinten, Gockel legte das Haupt zu
dem Leibe auf den Scheiterhaufen der Gebeine Gallina's; alle Vögel
brachten noch dürre Reiser und legten sie drum her, da steckte Gockel
die Reiser an und verbrannte alles zu Asche; aus den Flammen aber sah
man die Gestalt eines Hahns wie ein goldenes Wölkchen durch die Luft
davon schweben. Nun begrub Gockel die Asche und deckte den Stein mit
der Schrift wieder mit Erde zu, und hielt dann eine herrliche
Leichenrede über die Verdienste Gallina's und besonders Alektryo's,
wie des edlen Hahnengeschlechts überhaupt. Nachdem er die Herkunft
Alektryo's von dem Hahne Hiobs nach der Erzählung Urgockels
mitgetheilt hatte, sprach er unter Anderm:
"Wer gibt die Weisheit ins verborgene Herz des Menschen, wer giebt
dem Hahnen den Verstand? Gleichwie der Hahn den Tag verkündet und
den Menschen vom Schlaf erweckt, so verkünden fromme Lehrer das Licht
der Wahrheit in die Nacht der Welt und sprechen: "die Nacht ist
vergangen, der Tag ist gekommen, lasset uns ablegen die Werke der
Finsterniß und anlegen die Waffen des Lichtes." Wie lieblich und
nützlich ist das Krähen des Hahnen; dieser treue Hausgenosse erwecket
den Schlafenden, ermahnet den Sorgenden, tröstet den Wanderer, meldet
die Stunde der Nacht und verscheuchet den Dieb und erfreuet den
Schiffer auf einsamem Meere, denn er verkündet den Morgen, da die
Stürme sich legen. Die Frommen weckt er zum Gebet und den Gelehrten
ruft er, seine Bücher bei Licht zu suchen. Den Sünder ermahnet er
zur Reue, wie Petrum. Sein Geschrei ermuthiget das Herz des Kranken.
Zwar spricht der weise Mann: "Dreierlei haben einen feinen Gang und
das Vierte geht wohl, der Löwe mächtig unter den Thieren, er fürchtet
Niemand--ein Hahn mit kraftgegürteten Lenden, ein Widder und ein
König, gegen den sich Keiner erheben darf"--aber dennoch fürchtet der
Löwe, der Niemanden fürchtet, den Hahn und fliehet vor seinem Anblick
und Geschrei; denn der Feind, der umhergeht wie ein brüllender Löwe
und suchet, wie er uns verschlinge, fliehet vor dem Rufe des Wächters,
der das Gewissen erwecket, auf daß wir uns rüsten zum Kampf. Darum
auch ward kein Thier so erhöhet; die weisesten Männer setzen sein
goldenes Bild hoch auf die Spitzen der Thürme über das Kreuz, daß bei
dem Wächter wohne der Warner und Wächter. So auch steht des Hahnen
Bild auf dem Deckel des ABC-Buchs, die Schüler zu mahnen, daß sie
früh aufstehen sollen, zu lernen. O wie löblich ist das Beispiel des
Hahnen! Ehe er kräht, die Menschen vom Schlafe zu wecken, schlägt er
sich selbst ermunternd mit den Flügeln in die Seite, anzeigend, wie
ein Lehrer der Wahrheit sich selbst der Tugend bestreben soll, ehe er
sie anderen lehret. Stolz ist der Hahn, der Sterne kundig, und
richtet oft seine Blicke zum Himmel; sein Schrei ist prophetisch, er
kündet das Wetter und die Zeit. Ein Vogel der Wachsamkeit, ein
Kämpfer, ein Sieger wird er von den Kriegsleuten auf den Rüstwagen
gesetzt, daß sie sich zurufen und ablösen zu gemessener Zeit. So es
dämmert und der Hahn mit den Hühnern zu ruhen sich auf die Stange
setzt, stellen sie die Nachtwache aus. Drei Stunden vor Mitternacht
regt sich der Hahn, und die Wache wird gewechselt; um die Mitternacht
beginnt er zu krähen, sie stellen die dritte Wache aus, und drei
Stunden gen Morgen rufet sein tagverkündender Schrei die vierte Wache
auf ihre Stelle. Ein Ritter ist der Hahn, sein Haupt ist geziert mit
Busch und rother Helmdecke und ein purpurnes Ordensband schimmert an
seinem Halse; stark ist seine Brust wie ein Harnisch im Streit, und
sein Fuß ist bespornt. Keine Kränkung seiner Damen duldet er, kämpft
gegen den eindringenden Fremdling auf Tod und Leben und selbst
blutend verkündet er seinen Sieg stolz emporgerichtet gleich einem
Herold mit lautem Trompetenstoß. Wunderbar ist der Hahn; schreitet
er durch ein Thor, wo ein Reiter hindurch könnte, bücket er doch das
Haupt, seinen Kamm nicht anzustoßen, denn er fühlt seine innere
Hoheit. Wie liebet der Hahn seine Familie! Dem legenden Huhn singt
er liebliche Arien: "bei Hühnern, welche Liebe fühlen, fehlt auch ein
gutes Herze nicht, die süßen Triebe mit zu fühlen, ist auch der
Hahnen erste Pflicht;"--stirbt ihm die brütende Freundin, so
vollendet er die Brut und führet die Hühnlein, doch ohne zu krähen,
um allein Mütterliches zu thun.--O welch erhabenes Geschöpf ist der
Hahn! Phidias setzte sein Bild auf den Helm der Minerva, Idomeneus
auf sein Schild. Er war der Sonne, dem Mars, dem Mercur, dem
Aesculap geweiht. O wie geistreich ist der Hahn! Wer kann es den
morgenländischen Kabbalisten verdenken, daß sie sich Alektryo's
bemächtigen wollten, da sie an die Seelenwanderung glaubten und der
Hahn des Mycillus sich seinem Herrn selbst als die Seele des
Pythagoras vorstellte, die inkognito krähte. Ja wie mehr als ein
Hahn ist ein Hahn, da sogar ein gerupfter Hahn noch den Menschen des
Plato vorstellen konnte"! u.s.w.