"Schau eins," sagten die drei Petschierstecher, "man soll noch Geld

geben für so ein wildes Ungeheuer, es will die Leute fressen; wer

wird ihn kaufen?" Als aber Gockel ihn immer wohlfeiler bot, sagten

sie ihm endlich: "wir geben dem Herrn Grafen, wenn er uns den Hahn

nach Hause tragen will, neun Ellen Zopfband dafür, daß er sich einen

schönen langen Zopf binden kann, wie sichs einem Grafen gebührt," und

Gockel willigte ein, um nur etwas für den Alektryo zu erhalten.

Frau Hinkel und Gackeleia hatten alles dieses still mit angehört und

giengen mit schwerem Gewissen nach Hause, denn sie wußten wohl, daß

die Dreie die Unwahrheit sagten. Gockel aber nahm den Alektryo unter

den Arm und folgte traurig den drei Petschierstechern durch den Wald

nach ihrem Wohnorte. Anfangs giengen sie dicht um ihn; weil der Hahn

aber dann immer nach ihnen biß und schrie, baten sie Gockel, einige

Schritte mit dem grausamen Ungeheuer hinter ihnen her zu gehen.

Gockel hörte öfter, wie die drei unheimlichen Männer zu einander

sagten: "Kropfauf, Siegelring, Kopf ab," und wie sie dann miteinander

zankten und immer einer zum andern schrie: "nein ich Siegelring, nein

du Kropf auf, nein du Hals ab," und als Gockel sie fragte, warum sie

immer miteinander zankten, sagten sie: "ei, es will keiner von uns

den Hahn schlachten, weil er ein so grausames Thier ist; wenn der

Herr Graf ihn gleich schlachten, so wollen wir Ihro Excellenz den

Kamm, die Füße und Sporen und Schweif geben, die können Sie auf die

Mütze setzen zum ewigen Andenken,--ein schönes Monument, ein

statuirtes Exempel für den Undank; drehen Sie ihm unterm Tragen doch

ganz leise den Hals herum."

"Gut," sagte Gockel, und faßte den Alektryo an der Kehle. Da fühlte

er aber etwas sehr Hartes in seinem Kropfe, und der Hahn bewegte sich

so heftig dabei, daß die Männer sich sehr fürchteten und zu Gockel

sagten: "Ach gehen der Herr Graf ein wenig weiter hinter uns her."

Das that Gockel, und als er wieder an den Hals des Alektryo faßte,

fühlte er das Harte im Kropfe wieder, und machte sich allerlei

Gedanken, was es doch nur seyn könne. Da sagte auf einmal der Hahn

mit deutlichen Worten zu ihm:

"Lieber Gockel, bitt' dich drum

Dreh mir nicht den Hals herum,

Köpf mich mit dem Grafenschwert,

Wie es eines Ritters werth.

Weh, Graf Gockel, bittre Schmach!

Trägt den Hahn den Schelmen nach."

Gockel blieb vor Schrecken und Rührung stehen, als er den Alektryo

reden hörte, aber er besann sich bald eines Andern, und wollte ihnen

nicht mehr den köstlichen Hahn, der reden konnte, um neun Ellen

Zopfband nachtragen, und rief ihnen zu, links in das Gebüsch zu

treten, jetzt wolle er das grausame Ungeheuer tödten.

Sie sprangen schnell in das Gebüsch, aber da war eine mit Reisern

bedeckte Wolfsgrube, die kannte Gockel gut, denn er hatte sie selbst

gegraben, und Plumps fielen alle drei morgenländische

Petschierstecher hinein, und riefen dem Gockel, ihnen herauszuhelfen;

aber dieser gab keine Antwort, und schlich sich in die Nähe der Grube,

um zu hören, was sie da unten für Betrachtungen anstellen würden.

"O weh mir!" schrie der Eine, "da haben wir es, wer dem Andern eine

Grube gräbt, fällt selbst hinein; was nützt uns nun der Siegelring

des Darius, womit er die Löwengrube verschlossen, wir sitzen in der

Wolfsgrube. Alle Mühe und Arbeit und Salomonis Siegelring in des

Hahnen Kropf ist verloren für uns, der Gockel muß es gemerkt haben,

daß Kopf, Kropf, Siegel nicht unsere Namen, sondern nur einzelne

Worte des alten geheimen Spruches sind, welcher sagt: man müsse dem

Hahnen den Kopf ab und den Kropf aufschneiden, um Salomonis

Siegelring aus demselben zu erhalten, der einem giebt, Herz was

verlangst du? Jugend und Reichthum, alle Güter der Welt, Geld!--Geld!

--Geld!--Geld!"-Dann schrie der Andere: "o wehe uns, daß wir jemals

etwas von dem Ring in dem Kropfe des Hahnen erfahren haben; o hätten

unsere Väter doch niemals in dem alten Gockelschloß nach Schätzen

gegraben, und dort das ganze Geheimniß auf dem Grabsteine eingehauen

gelesen, so hätten wir Ruhe gehabt, jetzt schwebt uns der Ring immer

vor den Augen, der einem giebt, Herz was verlangst du? Jugend und

Reichthum, alle Güter der Welt!--Geld! Geld!--Geld!--Geld!"

Nun schrie der Dritte: "o Unglück über Unglück, alle Mühe und Arbeit

verloren! Wie lange haben wir dem König von Gelnhausen zugesetzt,

wie viel haben wir an seine Minister spendirt, bis sie den Gockel ins

Elend gebracht, damit wir ihm den Hahn leicht abkaufen könnten; haben

unsere Eltern doch allein das Petschierstechen gelernt, um dem Hahn

näher zu kommen, da sie sein Portrait nach der Natur auf das

Grafensiegel stachen, wo sie ihm auf den Zahn fühlen konnten, ob er

nach dem Tod des frühern Hahns, als dessen erstgeborner Sohn, auch

den Ring wieder im Kropf habe.--Wie haben wir müssen laufen von

Heddernheim nach Krakau, von Krakau nach Bockenheim, von Bockenheim

nach Constantinopel, von Constantinopel nach Fürth, von Fürth nach

Jerusalem, von Jerusalem nach Worms, von Worms nach Cairo, von Cairo

wieder nach Heddernheim und von Heddernheim wieder in die ganze

Geographie, laufen, laufen um zu lernen die Kabbala, Gicks Gacks und

Kikriki, die große Alektryomantie, bis wir endlich den Spruch auf dem

Grabstein in der Burg Gockels verstehen konnten.--Weh, Alles umsonst,

Alles verloren! Wenn wir nur aus dem Loche wären, und wer bezahlt

mir nun die Katze, die ich mit ihren fünf Jungen selbst aus meinem

Beutel gekauft und in das Schloß gesetzt habe, damit sie die Gallina

sammt der Brut fressen sollte, auf daß dem Gockel der Hahn feil

würde? Wer bezahlt mir die Katze? Ich will mein Geld für die Katze.

Hätte ich ihr den Pelz doch abziehen und sie als einen Hasen

verkaufen und den Pelz auch verkaufen können, ich will mein Geld für

die Katze! Die Katze ist verloren, der Ring ist verloren, der einem

giebt, Herz was verlangst du? Jugend und Reichthum, alle Güter der

Welt!--Geld!--Geld!--Geld!--Geld!"-Da Gockel über ihr Geschrei lachen

mußte, glaubte der erste Petschierstecher, der zweite habe ihn

ausgelacht, und schlug nach ihm; der schrie und sagte, der dritte sey

es gewesen; da schlug dieser nach ihm und daraus entstand eine

allgemeine Prügelei unter den Dreien, worüber Gockel mit Alektryo die

Grube verließ und nach seinem Schloße in tiefen Gedanken zurückgieng.

Gockel hatte gar vieles erfahren, die Lüge der Frau Hinkel und der

kleinen Gackeleia, die Anwesenheit einer alten Schrift auf einem

Grabstein in seiner Schloßkapelle, das Geheimniß von dem Siegelring

in des Hahnen Kropf und die ganze Betrügerei der morgenländischen

Petschierstecher. Alles dieses machte ihn gar tiefsinnig und betrübt;

er drückte den edlen Hahn Alektryo einmal um das andremal an sein

Herz und sagte zu ihm: "nein, du geliebter, ehrwürdiger, kostbarer

Alektryo, und wenn du den Stein der Weisen in deinem Kropf hättest,

du sollst darum durch meine Hand nicht sterben, und ehe Gockel nicht

verhungert, sollst du auch nicht umkommen." Nach diesen Worten

wollte Gockel dem Alektryo einen Bissen Brod geben, der aber

schüttelte den Kopf und sprach gar beweglich:

"Alektryo in großer Noth,

Gallina todt, die Hühnchen todt,

Alektryo will mehr kein Brod,

Will sterben durch das Grafenschwert,

Wie es ein edler Ritter werth,

Verlangt ein ehrlich Halsgericht,

Wo Raugraf Gockel das Urtheil spricht,

Und über die Katze das Stäblein bricht."

"O Alektryo," sprach Gockel mit Thränen, "ein strenges Gericht soll

über die Katze ergehen, deine verstorbene Gallina und deine dreißig

Jungen sollen gerächt werden, und was noch von ihnen übrig ist, soll

in einem ehrlichen Grabe bestattet werden; aber du, du mußt bei mir

bleiben." Der Hahn blieb immer bei seiner Rede, er müsse in jedem

Falle sterben, und wolle ihn Gockel nicht enthaupten, so werde er

sich zu Tode hungern; Gockel werde schon heute in der wüsten

Schloßkapelle noch Alles erfahren und dann kurzen Proceß machen.

Es war Nacht geworden: als Gockel nach Hause kam. Frau Hinkel und

Gackeleia schliefen schon, denn sie erwarteten heute den Vater nicht

zurück, weil sie glaubten, er sey mit den Käufern des Alektryo nach

der Stadt gegangen. Zuerst schlich sich Gockel nach dem Winkel, wo

die mörderische Katze mit ihren Jungen schlief, Alektryo zeigte ihm

den Weg. Gockel ergriff sie alle zusammen und steckte sie in

denselben Sack, in welchem Alektryo gefangen gelegen war. Ach wie

trauerten Gockel und Alektryo, als sie die Federn und Gebeine der

guten ermordeten Gallina und ihrer Küchlein um das Nest der Katze

herumliegen sahen. Sie weinten bittere Thränen mit einander und

Alektryo sammelte, mit seinem Schnabel herumsuchend, alle Beinchen

und Federn der Ermordeten in die Mütze Gockels, der sie ihm hiezu

hinhielt. Dann sprach Alektryo zu Gockel, indem er traurig vor ihm

herschritt, Kamm und Schweif niedersenkte und die Flügel hängen ließ,

als begleite er wie ein Kriegsmann mit gesenkter Fahne und

niedergewendetem Gewehr eine Leiche zu Grab:

Nun folg mir zur Kapelle,

Daß diese theure Last

Dort find' an heil'ger Schwelle

Auf ewig Ruh und Rast.

So giengen sie wie ein stiller Leichenzug zu der wüsten Kapelle,

Alektryo sang eine leise Lamentation und die Vögel aus dem Schlafe

erwachend guckten hie und da aus den Nestern und lamentirten, ohne

die einfache Würde der erhabenen Trauerzeremonie zu stören, in

sanfter Harmonie ein bischen mit. Der Himmel selbst hatte seine

Sterne mit Wolken verhüllt und der Mond, mit Thränen im Auge,

schimmerte bleich durch einen Schleier der Wehmuth. Die halbe Natur

stimmte in das schöne Ganze dieser eben so rührenden als würdigen

Feier mit ein, wobei auch die so sinnige Mitwirkung der Büsche und

Kräuter und Blumen rühmlich zu erwähnen ist, denn die Glockenblumen,

die ehr--und tugendsam Jungfer Campana läutet ganz mitleidig mit

allen ihren blauen Glocken, und die bewußten weißen Rosen, die bei

Feierlichkeiten immer so beliebten weißgekleideten Mädchen, gossen

Schalen voll reichlichen Thränenthaus vor dem Zuge aus; man bemerkte

unter den Leidtragenden die so achtbare Klagejungfrau Rosmarin, die

demüthige Familie Thymian, die Miß Lavendel, die Comtesse Quentel und

viele andre edle Familien. Auch die barmherzigen Schwestern Jungfer

Melissa, Krausemüntze, Kamille, Schaafgarbe, Königskerze, Ehrenpreiß,

Baldrian, Himmelsschlüßel bewiesen ihre innigste Theilnahme. Vor

allen andern des schönen Blumengeschlechtes aber beurkundete Fräulein

Reseda, welche so oft im Wochenblättchen anzeigt, daß sie mehr auf

gute Behandlung als großen Gehalt sehe, den guten Geruch aller ihrer

Verdienste. Der allgemeine Blumen-Notarius Publicus Salomons-Siegel

bewährte durch seine Theilnahme, daß sein Name in großem Bezug mit

diesem merkwürdigen Ereignisse stehe. Kurz die Theilnahme aller

Kräutlein war so groß, daß sogar die faule Grethe unter ihnen bemerkt

wurde, der redliche gute Heinrich hatte sie aufgeweckt, daß auch sie

mit ihm dem Alektryo ihr Beileid bezeige.

O wie kindlich, einfältig rührend sprach sich die Theilnahme der

frommen Klosterschwestern, Marienkinder genannt, aus, welche ihr

Klösterchen in dem mit Erde erfüllten trockenen Becken des

verfallenen Springbrunnens zu Füßen des zerbrochenen Liebfrauenbildes

bewohnten. Gackeleia nannte dieses mit lauter Marienpflänzchen

überwachsene Brunnenbecken gewöhnlich ihr Marienklostergärtchen, und

pflegte es besser, als alle anderen Gartenbeete. Alle

Marienkäferchen, die sie fand, setzte sie hinein.

Sie hatte sich eine Bank darin bereitet, und neben dieser stand das

Kräutlein Unserlieb-Frauenbettstroh. Da trieb Gackeleia gewöhnlich

ihre Spielereien. Sie hatte das liebe Dreifaltigkeitsblümchen, das

auch Jelängerjelieber und Denkeli und unnütze Sorge genannt wird, zu

Füßen des Liebfrauenbildes gepflanzt, weil die Mutter ihr gesagt

hatte, daß dieß Blümchen in Hennegau Jesusblümchen heiße. Da nahm

dann Gackeleia manchmal ein solches Jesusblümchen und legte es auf

das Kräutchen Marienbettstroh und wiegte es hin und her und sang dazu:

Da oben im Gärtchen,

Da wehet der Wind,

Da sitzet Maria

Und wieget ihr Kind,

Sie wiegt es mit ihrer schneeweißen Hand,

Und brauchet dazu gar kein Wiegenband.

Ich will mich zur lieben Maria vermiethen,

Will helfen ihr Kindlein recht fleißig zu wiegen,

Da führt sie mich auch in ihr Kämmerlein ein,

Da singen die lieben Engelein fein,

Da singen wir alle das Gloria,

Das Gloria, Lieb Frau Maria!

Als der Leichenzug Gallina's an diesem Mariengärtchen vorübergieng,

war die Betrübniß von dessen Bewohnerinnen um so größer, als ihre

Freundin Gackeleia diesen höchst traurigen Todesfall veranlaßt hatte;

ach, sie fühlten Alle in ihrem frommen Herzen, als theilten sie die

Schuld Gackeleia's. Da standen nun die lieben Kräutchen, die

Marienkinder, in einer Reihe. Schwester Margarita Marienröschen,

Schwester Chardonetta Mariendistel, Schwester Cuscutta Marienflachs,

Schwester Spergula Mariengras, Schwester Gremila Marienhirse,

Schwester Alchimilla Marienmantel, Schwester Mentha Marienmünze,

Schwester Päonia Marienrose, Schwester Calceola Marienschuh und auch

die kleine feine Novize Mignardisa Marientröpfchen hatte ihr

gefranztes Trauerschleierchen ganz naß geweint. Alle standen sie in

stiller Andacht und dufteten ein de profundis, und einer jeden hatten

die Marienkäferchen eine brennende Kerze in die Hand gegeben, und die

Laienschwestern Campanula, Marienhandschuh und Marienglöcklein

läuteten mit den blauen, violetten und weißen Klosterglöckchen gar

beweglich und harmonisch. Nirgends aber sprach sich Trauer, Mit--und

Beileid tiefer und wahrer aus, als unter der uralten Linde, nahe bei

dem Eingang in die Kapelle. Es müssen sich theure Gockelhinkelsche

Erinnerungen an diese klassische Stelle knüpfen; Ortsnamen und

Bewohner zeugen dafür. Die Linde heißt von Olims Zeiten her die

Hennenlinde, das kleine Feldkreuz unter ihr, worauf eine Henne

ausgehauen, heißt das Hennenkreuz. Die drei zu ewiger Anbetung und

Fürbitte verlobten adeligen Klosterfrauen, die drei reinen

schneeweißen Lilien, welche zu Häupten dieses Kreuzes stehen,

sendeten Weihrauch und Gebete aus den Opferschalen ihrer Kelche empor.

Zu Füßen des Hennen-Kreuzes trauerte in stummem Schmerz ein adeliger

Fräuleinverein von lauter Pflanzen und Kräutern, welche der Gräfin

Hinkel von Hennegau namensverwandt und seit Olims Zeiten in diesem

Schloße einheimisch waren. Hier weinten unter dem Vorstand der alle

Schmerzen übernehmenden Fräulein Grasette Fetthenne ihre stillen

Thränen die edlen Fräulein Moscatellina von Hahnenfuß, Ornitogalia

von Hühnermilch, Serpoleta von Hühnerklee, Morgelina von Hühnerbiß,

Cornelia von Hahnenpfötchen, Osterlustia von Hahnensporn, Cretellina

von Hahnenkamm und Esparsetta von Hahnenkämmchen.--Dank den edlen

schönen Seelen!

Es haben sich außerdem allerlei Gerüchte von außerordentlichen

Erscheinungen verbreitet, die bei diesem Begräbniß eingetreten seyn

sollen, und es ist noch jetzt das Gerede unter den Vögeln der

Umgegend davon: "es sey ein Comet in der Gestalt eines Paradiesvogels

am Himmel gesehen worden, und unter der Linde hätten die drei Lilien

zu leuchten begonnen, Sterne seyen in sie niedersinkend gesehen

worden und vor ihnen sey eine schöne edle Frau, eine Gräfin von

Hennegau, erschienen und habe beim Vorübergang der Leiche die Worte

gesungen:

O Stern und Blume, Geist und Kleid,

Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit!

worauf Alles verschwunden sey." Wir stellen diese Gerüchte, als dem

Reiche der Phantasie angehörig, unverbürgt dem Glauben eines jeden

anheim. Als Gockel und Alektryo in der dachlosen, Busch und Baum

durchwachsenen Kapelle mit den Ueberresten Gallina's angekommen war,

schüttete er dieselben fein sachte auf die Stufen des zerfallenen

Altares aus und zog seine Mütze wieder über die Ohren, weil er wohl

wußte, es könne ihm bei seiner Anlage zu rheumatischem Kopf-,

Zahn--und Ohrenweh unmöglich gesund seyn, das nicht mehr dicht

behaarte Haupt dem kühlen Nachtthau auszusetzen. Hierauf sprach der

treue Alektryo, der nicht von den Ueberresten seiner Familie wich, zu

Gockel:

####Wachholderstrauch

####Macht guten Rauch.

Zu Stambul hat der Großsultan

Wachholder in dem Garten sein

Und drum ein goldnes Gitterlein,

Er zündet dran die Pfeife an

Und hat recht seine Freude dran;

Du Gockel brich Wachholder mir

Zu dem Castrum Doloris hier.

Da brach Gockel ihm Reiser von einem dort stehenden Wachholderbusch

und flocht eine Art Nest daraus, welches er auf die Stufe des Altares

setzte. Alektryo legte alle die Beinchen der Gallina und ihrer

Jungen in diesem Nest in einen wohlgeordneten Scheiterhaufen zusammen,

füllte diesen mit den Federn und legte den Kopf und die Köpfchen der

Seinigen darauf.

Indessen blickte Graf Gockel nachdenklicher als je den alten

Grabstein an, der hinter dem Altar in der Wand eingemauert war; es

war sein erster Ahnherr, der Urgockel, mit einem Hahnen auf der

Schulter und einem ABC-Buch in der Hand, in bedeutender Größe darauf

abgebildet, und zu seiner Linken war an der Mauer eine Reihe von

Bildern aus seinem Leben in Stein gehauen. Gockel wußte nicht viel

von dem Urgockel und noch weniger von der Bedeutung der Bilder; die

Hauschronik war mit dem Schloß verbrannt. Er wußte nur den alten

Familiengebrauch, daß die Grafen Gockel immer den Alektryo in Ehren

hielten, und daß er ihrem Haus Glück bringe.

Als Alektryo mit der Ordnung der Gebeine seiner Familie fertig war,

scharrte er die Erde von einer Marmorplatte, die vor dem Altar am

Boden lag, und Gockel reinigte sie vollkommen. Auf dieser Platte

waren allerlei Zeichen, wie Hahnen und Hühner sie mit ihren Pfoten im

Schnee machen, eingegraben. Alektryo sprach:

Graf Gockel lies,

Was heißet dies?

Gockel konnte aus dem Gekritzel nicht klug werden und sprach:

Alektryo, mein lieber Hahn,

Wie sehr ich auch nachdenken mag,

Kann ich kein Wörtchen doch verstahn

Von dieser Kribbes-Krabbes-Sprach.

Da erwiederte Alektryo:

Der Ur-Alektryo dies schrieb

Dem Ur-Gockelio zu lieb.

Da keine Handschrift konnte lesen,

Noch schreiben Ur-Gockelio,

So ist ihm hier zu Dienst gewesen

Mit Fußschrift Ur-Alektryo.

Sein Lehrer war ein Indian,

Ein Schreiber des Gott Hahnemann,

Die Tinte war der Morgenthau,

Die Federn waren Hahnenpfoten,

Er schrieb auf Paradieses Au

Zum reinen Kikriki die Noten;

Doch als im Eifer eine Sau

Er einstens hat hineingekleckst,

Fiel gleich sein Stamm mit Kind und Frau

Auf lange Zeiten aus dem Text;

Bis er bei Job als Concipist

Ward angestellet auf dem Mist.

Was Hahn zu Hahn hat je gekräht,

Der Schrei noch um die Erde geht;

Was Hahn an Hahn vor Langem schrieb,

Nicht immer ganz verständlich blieb.

Weil Fußschrift auf die Fußschrift trifft,

So ward es Kribbes-Krabbes-Schrift.

Ein jeder liest sich erst hinein

Was er sich gern heraus möcht' lesen,

Oft giebt ein Strich, ein Pünktlein klein,

Dem ganzen Sinn ein andres Wesen.

So ward auch hier der dunkle Spruch

Aus dein und meinem Schicksalsbuch,

Der auch auf deinem Wappen steht,

Von Schriftgelehrten bös verdreht;

Doch weil ich kräh' nach Tradition,

So kann ich noch mein Lektion.

Nun las Alektryo ihm folgende Worte von der Marmorplatte:

Alektryo bringt dir Glück selbst um Undank.

O Gockel hau ihm den Kopf ab,

Schneid' ihm den Kropf auf, Salomo's

Siegelring Jedem noch Brod gab.

Da sah nun Graf Gockel deutlich, daß die Eltern der Petschierstecher

schon seine Vorfahren bei dem Spruch auf dem Wappen betrogen hatten,

und daß die Worte: Kopf, Kropf, Siegel gar nicht ihre Namen waren.

Alles Gehörte erweckte dunkle Erinnerungen wie von Mährchen aus

seiner frühesten Jugend in ihm, und begierig, von der Geschichte

seiner Vorfahren etwas zu wissen, sprach er zu dem Hahnen:

Alektryo! es ist curios,

Du sprichst vom Ringe Salomo's

Und von dem Urgockelio

Und von dem Uralektryo;

Mir ist, wenn ich dies Alles hör',

Wie einer Eierschaale leer,

Wenns Huhn, von dem sie war gelegt,

Sich gacksend um sie her bewegt.

Wer lang, wie ich, bei Hofe sitzt

Im Hühner-Ministerium,

Zuletzt gar von sich selbst ausschwitzt

Das innere Mysterium.

Mir ist so dumm, als ob ich sey

Ein in der Stichedunklichkeit

Der finstern Mittelaltrichkeit

Gelegtes ausgeblas'nes Ei.

Belehr mich doch!--ich weiß nicht mehr,

Wo kommen alle wir nur her,

Wo Gockel, wo Alektryo,

Wo jener Ring des Salomo?

Da erwiederte Alektryo:

Du dauerst mich, du armer Tropf!

Faß an den Ring in meinem Kropf,

Sprich: Urgockel! dort an der Wand,

Hast's ABC-Buch in der Hand,

Gehorch' dem Ring des Salomon

Und sag mir auf dein Lektion,

Links vom Altar bis zu der Thür

Die alten Bilder explizir'!

Graf Gockel nahm nun den Alektryo unter den Arm, faßte mit der Hand

an seinen Kropf und sprach diese Worte ganz feierlich zu dem Bilde

Urgockels an der Wand. Da rauschte es dumpf in dem Steinbild, der

steinerne Hahn Urgockels schlug sich mit den Flügeln in die Seite,

daß Moos und Kalk niederfiel; er streckte den Hals und krähte, wenn

gleich ein wenig heiser, doch so laut und feierlich, als wolle er den

Schlafenden den jüngsten Tag verkünden, und Alektryo antwortete ihm

mit ehrfürchtigem Ernst.

Nun aber fiel hie und da brüchiges Gestein an der Wand rasselnd

nieder, es regte sich das steinerne Bild Urgockels, hob langsam die

Hände, streckte sich, rieb sich die Augen, gähnte etwas zu laut,

machte aber dabei ein Kreuz vor den Mund, welches ein schönes Zeugniß

für die fromme Sitte des finstern Mittelalters war; er schob sich

auch die Mütze ein wenig hin und her und nießte sehr heftig, und Graf

Gockel sagte ernsthaft: "wohl bekomm's!" und er erwiederte: "Schönen

Dank!"--Dann aber stellte er sich ruhig in Positur, deutete der Reihe

nach auf die Bilder an der Mauer hin und las dabei aus seinem

ABC-Buch schön deutlich wie ein verständiger Knabe, aber freilich,

wie es von seiner Zeit nicht anders zu erwarten war, ohne Gefühl,

ohne Betonung, ohne Ausdruck, ohne Deklamation, etwas eintönig

folgende Reime ab:

Gockel, Hinkel und Gackeleia · 第 3 / 16 段