Bärten, welche große Naturphilosophen, Kabbalisten und
Petschierstecher waren; sie führten einen alten Bock und eine alte
magere Ziege an Stricken zur Frankfurter Messe. Sie redeten Gockel
an: "seid ihr der Besitzer des alten Schloßes hier im Walde?" Gockel
antwortete: "ja, ich bin der alte Raugraf, Gockel von Hanau." Da
fragten ihn die Männer, ob er ihnen nicht den alten Haushahn
verkaufen wollte, sie wollten ihm den Bock dafür geben. Gockel
antwortete: "was soll ich mit dem Bock, ihn etwa zum Gärtner machen,
kann der Bock etwa krähen? Mein Hahn ist kein Alletagshahn, er ist
ein Wappenhahn, ein Stammhahn; sein Vater hat auf meines Vaters Grab
gekräht, und er soll auf meinem Grabe krähen, lebt wohl." Da boten
ihm die Männer die Ziege, und als er abermals nicht wollte, boten sie
ihm den Bock und die Ziege; Gockel aber lachte sie aus und gieng
seiner Wege. "Nun," riefen sie ihm nach, "in vier Wochen gehen wir
wieder vorbei, da wollen wir wieder nachfragen, vielleicht haben dann
der Herr Raugraf mehr Lust, den Hahn zu verkaufen."
Gockel kam gegen Abend nach Haus, und nachdem er von seiner Reise
ausgeschlafen hatte, sah er sich am andern Morgen mit Frau Hinkel und
dem Töchterchen Gackeleia in dem wüsten Schloße seiner Vorältern um
und begann sich so gut einzurichten, als es nur immer möglich war.
Alektryo zog überall mit ihnen umher, und da er an einer Stelle nicht
aufhörte zu scharren und zu locken, ward Gockel aufmerksam und räumte
mühsam den Schutt hinweg, wo er dann zu seiner großen Freude einiges
eiserne Gartengeräth fand, das von dem eingestürzten Hause
verschüttet worden war. Da war ein Spaten, eine Pickel, eine Karst,
eine Harke, und Gockel machte sich gleich daran, diese rostigen
Instrumente wieder blank zu wetzen und neue Stiele hinein zu
schnitzen. Mit diesem Werkzeug konnte er nun tüchtig in dem Schutt
herum arbeiten, und es gelang ihm, am Fuße eines Rauchfangs, ein
Kamin herauszugraben, in welchem der eiserne Kessel seiner Vorfahren
noch an einer Kette über der Feuerstelle hing. Auch diesen scheuerte
Frau Hinkel am Brunnen wieder blank, und Gockel richtete ihr das
schöne Kamin zur Kochstelle ein.--Freudig rief er sie herbei und
zeigte ihr die schöne Einrichtung; aber Frau Hinkel seufzte und sagte:
"was soll uns der Herd, wenn wir nichts zu kochen haben?"--"Gott
wird helfen," sagte Gockel, und lehnte sich auf seine Schaufel; indem
kam Gackeleia herangehüpft und hatte eine Menge bunte Vogelfederchen
in ihrer Schürze gesammelt, und sagte: "Mutter, da sind so schöne
Federchen, mache mir doch solche Hühnchen und Hähnchen daraus, wie du
mir oft in Gelnhausen gemacht!"--Gockel sagte: "Kind, dich schickt
Gott; ja, das thue Frau Hinkel, mache ein paar Dutzend solche
Vögelchen, ich will sie für Brod und andres Nöthige verkaufen."--Frau
Hinkel, welche eine ganze Sammlung solchen kleinen Geflügels für das
königlich Gelnhausenische Hühner-Normal-Museum verfertigt hatte,
machte nun aus Lehm und diesen Federn allerlei artige kleine Vögel;
die Beine und Schnäbel wurden aus Dorn gemacht, und sie sahen recht
artig aus. An den Tagen, da sie hieran auf den verfallenen Stufen
des trocknen Springbrunnens sitzend arbeitete, legte Gockel auf allen
fruchtbaren Erdstellen zwischen den Mauern Gartenbeete an, ordnete
und verband alle Winkelchen mit Zäunen und aus umherliegenden Steinen
zusammengestellten Treppen. Er sammelte alle Gartengewächse, die im
verwilderten Schloßgärtchen noch übrig geblieben waren, und pflanzte
sie fein ordentlich in die neu angelegten Beete.
Von den mitgebrachten Broden war das letzte schon seit einigen Tagen
angeschnitten, und Frau Hinkel hatte die zwei Dutzend Federvögelchen
fertig. Gockel nahm sie und sprach: "Diese Thierchen sollen uns Brod
schaffen, bis wir lebendige Hühnchen zu verkaufen haben" und somit
empfahl er ihnen fleißig zu seyn und gieng fort durch den wilden Wald
nach der Landstraße zu. Kaum war er eine Stunde Wegs gegangen, als
er einen Postillon ganz erbärmlich blasen hörte. Er gieng auf den
Schall zu, und sah einen Mann in gelbem Rock mit schwarzen
Aufschlägen im Gebüsch herum kriechen. Als sie sich erblickten,
sagte dieser: "Gott sey Dank, daß da jemand kömmt, mir aus der Noth
zu helfen."--"Von Herzen gern, wenn's möglich ist," erwiederte Gockel,
"was giebt es, wo fehlt es?"--"Seht," fuhr der Mann fort, "ich bin
der Conducteur vom heiligen römischen Reichs-Postwagen und fahre
jetzt nach Nürnberg; da ich durch Gelnhausen kam, war ein Lärm in der
Stadt, daß der Hühnerminister, Alles zurücklassend, mit Frau und Kind
verschwunden sey. Das ärgerte den König Eifrasius, er ließ mich zu
sich rufen und sagte: "Herr Conducteur, will er mir gegen ein gutes
Trinkgeld einen Gefallen thun?"--"Nicht mehr als Schuldigkeit, ihre
Majestät," sagte ich.--Da sagte der König: "Mein Hühnerminister, ein
alter eigensinniger deutscher Degenknopf, ist in Gnaden entlassen auf
und davon gegangen, und hat nicht einmal seinen Gehalt fürs letzte
Vierteljahr mitgenommen; ich will ihm nichts schuldig bleiben; wie
ich vermuthe, ist er in sein wüstes Stammschloß im Hanauer Wald
gezogen. Nehme er ihm sein letztes Quartal mit und suche er ihn
auszufragen; wenn er mir einen Zettel bringt, daß er es empfangen, so
gebe ich ihm bei der Rückkehr ein gutes Trinkgeld."--Ich war zu Allem
bereit; man lud mir einen Sack voll Kartoffeln, einen Sack voll Mehl,
einen Kuhkäs, einen Topf voll Butter, einige Laib Brod und einen Korb
mit Eiern auf. Alles mit der Adresse, an Seine Hochgeborne Excellenz
Herrn Raugrafen Gockel von Hanau, königlich Gelnhausenischen
Exhühnerminister in--da steht ein Fragezeichen.--Nun fahre ich schon
ein paar Stunden herum und kann das Schloß nicht finden, und ich
führe noch herum--aber es geht nicht--denn der Postwagen ist mir
umgefallen, und der ganze Korb mit Eiern ist mir zerbrochen, ihr
werdet die Bescheerung sehen.--Ich ließ den Postillon schon eine
Stunde lang um Hülfe blasen und suchte einstweilen, bis jemand käme,
uns den Wagen aufrichten zu helfen, hier unter den Bäumen
Pfifferlinge für einen Freund in Nürnberg. Das ist die Geschichte,
jetzt kommt und helft."
Gockel umarmte den Conducteur, knöpfte seinen Wammes auf, zeigte ihm
seinen Orden und gab sich als den Exhühnerminister zu erkennen.
Niemand war froher als der Conducteur. Sie eilten nach dem
umgefallenen Postwagen, trugen die Kartoffeln, das Mehl, das Brod,
den Käs, die Butter, die Gockel gehörten, in ein dichtes Gebüsch,
richteten den Postwagen wieder auf, wischten mit Gras das Eigelb von
den zerbrochenen Eiern aus dem Wagen und schmierten die Räder damit.
Gockel nahm seinen Siegelring, worauf ein doppelter Hahn eingestochen
war, den er mit Eigelb bestrich und dem Conducteur in sein Postbuch
als Bescheinigung des Empfangs abdruckte.--"Nun ist alles
vortrefflich, Herr Graf," sagte der Conducteur, "aber eine
Gefälligkeit möchte ich mir erbitten. Ein Freund von mir, in
Nürnberg, ein Liebhaber von Raritäten, hat auf der Durchreise in
Gelnhausen, im königlichen Normalhühnermuseum, eine Sammlung kleiner,
von Federn gemachter Hühnchen gesehen, und wünschte um Alles in der
Welt zu wissen, wo dieselben verfertigt werden, er könnte bei seinem
ausgebreiteten Handel wohl hundert Dutzend davon gebrauchen." "Gut,
mein Freund," erwiederte Gockel, "ich kann sie Ihnen verschaffen,
hier haben sie gleich zwei Dutzend von neuester Façon als eine Probe;
wenn sie hier wieder vorbeifahren, legen sie nur dort in den hohlen
Baum, was ihr Freund dafür bezahlt, sie sollen dort immer von Zeit zu
Zeit einige Dutzend solchen Geflügels vorräthig finden. Wenn sie
wieder kommen, bringen sie mir etwas Drath und Zwirn und eine halbe
Elle rothes Tuch mit, die Beine und den Kamm an den Thierchen schöner
machen zu können." Der Conducteur versprach Alles, und da Gockel
fragte, wie denn das Handlungshaus in Nürnberg heiße, zog er eine
leere Rauchtabaksdüte aus der Tasche, füllte die Hühnchen hinein und
zeigte Gockel die Adresse: Gebrüder Portorico ohne Rippen.--Da blies
der Postillon recht ungeduldig. Gockel schüttelte dem Conducteur die
Hand, der in den heil. römischen Reichspostwagen kroch, der gewiß
sehr schnell fortgefahren wäre, weil er so gut geschmiert war--aber
der Kasten war schwer, die Pferde müd, der Weg schlecht und der
Postillon schlief.
Gockel packte sogleich von Allem, was er erhalten hatte, so viel auf,
als er tragen konnte, das Uebrige verdeckte er dicht mit Zweigen, um
es Morgen vollends nach Haus zu bringen. Als er in das Schloß kam,
rief er sogleich: "geschwind Frau Hinkel! Den Kessel übers Feuer,
ich bringe Lebensmittel," und nun zeigte er, was er gebracht, und
erzählte Alles, was er erlebt." Frau Hinkel kochte Kartoffeln,
machte gebrannte Mehlsuppe, backte Pfannkuchen. Sie assen fröhlich,
streuten den Vögeln Brosamen und giengen zufrieden schlafen. Am
andern Morgen holte Gockel den übrigen Vorrath und fuhr fort in dem
wüsten Gebäude aufzuräumen und einzurichten.
Ihr Leben ward täglich erträglicher in dem wilden Schloß. Gockel
gieng oft ganze Tage in den Wald, bald zu jagen, bald um die
Vögelchen und Hühnchen der Frau Hinkel in den hohlen Baum zu tragen,
wo er immer für jedes zwei Kreuzer von Hrn. Gebrüder Portorico ohne
Rippen durch den Conducteur und neue Bestellungen, und was er selbst
bestellt, hingelegt fand.--Wenn Gockel weggieng, befahl er immer, was
gearbeitet werden sollte, und Alektryo horchte seinen Aufträgen
jedesmal sehr ernsthaft zu. Seine Befehle wurden aber nicht immer
befolgt. Zum Beispiel: Gackeleia sollte aus Weidenruthen
Hühnernester flechten und die Weidenruthen in den Brunnen vor dem
Schloßgarten legen, damit sie sich recht geschmeidig flechten ließen;
aber sie that das sehr nachlässig, war eine neugierige, naschhafte
kleine Spielratze, guckte in alle Vogelnester, naschte von allen
Beeren, machte sich Blumenkränze und hatte keine rechte Lust zum
Arbeiten, weßwegen der strenge Alektryo sie manchmal mit großem Zorn
ankrähte, so daß sie erschreckt zu ihrer Arbeit zurücklief. Darum
faßte sie einen starken Unwillen auf den alten Wetterpropheten und
verklagte ihn bei der Mutter. Auch diese hatte keine Liebe zu
Alektryo, denn, wenn sie sich manchmal über der Gartenarbeit ermüdet
auf einen Stein setzte und sehnsüchtig an die Fleischer--und
Bäckerladen zu Gelnhausen dachte, begann Alektryo, der ihr immer wie
ein beschwerlicher Haushofmeister auf allen Schritten nachgieng, auf
den zu bestellenden Gartenbeeten zu scharren und zu krähen, um sie an
die Arbeit zu erinnern.
Als sie nun einstens so sitzend eingeschlafen war und vergessen hatte,
der Henne Gallina Futter vorzustreuen und frisches Wasser zu geben,
träumte ihr auch von den Gelnhausner Braten und Eierwecken so klar
und deutlich, daß sie im Traum sagte: "ach es ist Wahrheit, es ist
kein Traum;" da krähte ihr Alektryo so schneidend dicht in die Ohren,
daß sie vor Schrecken erwachte und an die harte Erde fiel. Darum
hatte sie noch einen viel größern Unwillen gegen den ehrlichen
Stammhahn Alektryo, und jagte ihn überall hinweg, wo sie zu thun
hatte. Auch hätte sie ihm gerne längst den Hals abgeschnitten, weil
er sie alle Morgen um 3 Uhr von ihrem Lager aufweckte. Aber er war
ihr zu der Hühnerzucht, auf welche Gockel alle seine Hoffnung
gestellt hatte, gar zu nöthig.
Wenn nun Gockel Abends heimkehrte, kam ihm gewöhnlich Alektryo
entgegengeflogen, schlug mit den Flügeln und krähte ihm allerlei vor,
als wolle er Hinkel und Gackeleia wegen ihrer Nachläßigkeit verklagen,
und diese verklagten den Hahn wieder und es gieng ein strenges
Nachforschen Gockels über Alles an, wo darin Hinkel und Gackeleia
mancherlei Verdruß bekamen, so daß sie dem Alektryo täglich
feindseliger wurden. Das Alles währte so fort, bis die Henne Gallina
dreißig Eier gelegt hatte, auf denen sie brütend saß. Auf diese Brut
setzte Gockel alle seine Hoffnung für die Zukunft, und zürnte darum
so gewaltig auf Frau Hinkel, als sie die Vorsprecherin der Raubvögel
werden wollte, die gern im Schloße aufgenommen gewesen wären, worüber
ihr Gockel einen so derben Verweis gab, wie ich gleich anfangs
erzählte.
Die Freude des guten Gockels über seine brütende Henne war ungemein
groß, und da er täglich erwartete, daß die kleinen Hühnchen
auskriechen sollten, eilte er nach einer nahe gelegenen Stadt, Hirse
zu ihrem Futter zu kaufen, und empfahl sowohl der Frau Hinkel als der
kleinen Gackeleia sehr auf die brütende Gallina Acht zu haben, daß
ihr ja niemals etwas mangle. Er gieng schon um Mitternacht weg, weil
er einen weiten Weg vor sich hatte. Frau Hinkel dachte nun einmal
recht auszuschlafen, und nahte sich dem Hahn Alektryo, der noch auf
seiner Stange schlafend saß, ergriff ihn und steckte ihn in einen
dunkeln Sack, damit er den anbrechenden Morgen nicht erblicken und
sie mit seinem Krähen nicht erwecken möge, worauf sie sich wieder
niederlegte und wie ein Ratze zu schlafen begann.
Das Töchterlein Gackeleia aber schlief nicht viel, denn sie hatte
sich schon lange darauf gefreut, wenn der Vater Gockel einmal länger
abwesend seyn würde, sich ein Vergnügen zu machen, das sie gar nicht
erwarten konnte. Sie hatte nämlich bei ihrem Herumklettern in einem
entfernten Winkel des alten Schloßes eine Katze mit fünf Jungen
gefunden und weder dem Vater noch der Mutter etwas davon gesagt, weil
diese immer sehr gegen die Katzen sprachen. Gackeleia aber konnte
sich nie satt mit den artigen Kätzchen spielen, sie brachte alle ihre
Freistunden bei denselben zu und hatte der alten Katze den Namen
Schurrimurri gegeben, die fünf Jungen aber Mack, Benack, Gog, Magog
und Demagog genannt. Heute stand sie nun in aller Frühe leise neben
der schlafenden Mutter auf, froh, daß Alektryo sie nicht verrathen
könne, denn sie hatte wohl bemerkt, daß die Mutter ihn in den Sack
gesteckt. Als sie aber an dem Neste der brütenden Gallina
vorübergieng, hatte sie eine wunderbare Freude, denn sieh da, alle
die Eier waren kleine Hühnchen geworden, und piepten um die Henne
herum und drängten sich unter ihre ausgebreiteten Flügel und guckten
bald da, bald dort mit ihren niedlichen Köpfchen hervor. Gackeleia
wußte sich vor Freude gar nicht zu fassen; anfangs wollte sie die
Mutter gleich wecken, dann aber fiel es ihr ein, sie wolle es zuerst
ihren kleinen Kätzchen erzählen, und meinte, die würden sich eben so
sehr, als sie selbst, über die schönen Hühnchen freuen.
Schnell lief sie nun nach dem Katzennest, und als ihr die alte Katze
mit einem hohen Buckel entgegen kam und um sie herumzuschnurren
begann, und die kleinen Kätzchen hinter ihr drein zogen, sprach
Gackeleia: "Ach, Schurrimurri! Gallina hat dreißig junge Hühnchen,
und jedes ist nicht größer als eine Maus." Als die Katze dies hörte,
war sie so begierig die Hühnchen zu sehen, daß ihr die Augen
funkelten. Da sagte Gackeleia: "wenn du hübsch leise auftreten
willst und nicht miauen, damit die Mutter nicht erwacht, so will ich
dir die artigen Hühnchen zeigen; die kleinen Kätzchen können auch
mitgehen, die werden große Freude an den Hühnchen haben." Gleich
lief nun Schurrimurri mit ihren Jungen vor Gackeleia her, und als sie
an den Stall gekommen waren, ermahnte sie dieselben nochmals, recht
artig zu seyn, und machte leise die Thüre auf. Da konnte sich aber
Schurrimurri nicht länger halten, sie setzte mit einem Sprunge auf
die brütende Gallina und erwürgte sie, und die jungen Kätzchen waren
eben so schnell mit den jungen Hühnchen fertig.
Das Geschrei der Gackeleia und der sterbenden Gallina weckte die
Mutter, die noch auf dem Lager schlief und mit Entsetzen ihre ganze
Hoffnung von der Katze erwürgt sah, die sich, nebst ihren Jungen,
bald mit ihrer Beute davon machte. Gackeleia und Hinkel weinten und
rangen die Hände, und der arme Alektryo, der das Wehgeschrei der
Seinigen wohl gehört hatte, flatterte und schrie in dem Sack.
Gackeleia wollte sterben vor Angst, sie umfaßte die Kniee der Mutter
und schrie immer; "ach der Vater, ach der Vater, ach was wird der
Vater sagen, ach er wird mich umbringen; Mutter, liebe Mutter, hilf
der armen Gackeleia!"
Frau Hinkel war nicht weniger erschreckt, als Gackeleia, und
fürchtete sich nicht weniger als diese vor dem gerechten Zorne
Gockels, denn sie hatte den wachsamen Alektryo in den Sack gesteckt.
Als sie das bedachte, fiel ihr auf einmal ein, sie wolle den Hahn
Alektryo als den Mörder der jungen Hühnlein angeben, und hoffte
dadurch den Zorn Gockels auf diesen unbequemen Wächter zu wenden.
Sie nahm daher den Sack, worin der Hahn war, und sagte: "komm
Gackeleia, wir wollen dem Vater nacheilen und ihm den Alektryo als
den Mörder der kleinen Hühner und der Gallina überbringen," und so
eilten sie nun beide den Gockel einzuholen, der im Walde herumstrich,
einiges Wild zu erlegen, das er bei dem Krämer gegen Hirse
vertauschen wollte.
Bald sahen sie ihn auch in einem Busche zwei Schnepfen, die sich in
einem Sprenkel gefangen hatten, in seinen Ranzen stecken; da fiengen
sie laut an zu weinen. Gockel schrie ihnen entgegen: "Gott sey Dank,
ihr weinet gewiß vor Freude, Gallina hat gewiß dreißig schöne junge
Hühnchen ausgebrütet."--"Ach," schrie Frau Hinkel, "ach ja, aber!
"--"Aber, was aber?" sagte Gockel, "was aber weint ihr, dreißig
Hühner, und immer so fort, entsetzlich viele Hühner!"--Da rief Hinkel:
"O Unglück über Unglück, Alektryo, dein sauberer Haushahn hat
Gallina und alle die gegenwärtigen und künftigen Hühner gefressen!
Da hab ich ihn in den Sack gesteckt, da hast du ihn, strafe ihn, ich
will ihn nie wieder sehen." Mit diesen Worten warf sie dem vor
Schreck versteinerten Gockel den Sack mit dem Hahn vor die Füße.
Gockel war über die schreckliche Nachricht, die alle seine Hoffnungen
zerstörte, ganz wie von Sinnen; "ach," rief er aus, "nun habe ich
Alles verloren, das Glück weicht von meinem Stammhaus, alle meine
Voreltern und Nachkommen sind betrogen durch den unseligen Alektryo,
den wir über Menschen und Vieh hoch geachtet haben. O! hätte ich ihn
doch den drei morgenländischen Petschierstechern für den Geisbock und
die Ziege verkauft, da hätten wir doch etwas gehabt." Als Frau
Hinkel hörte, daß er den Alektryo so gut hätte verkaufen können,
machte sie dem Gockel bittere Vorwürfe, der immer trauriger ward, und
endlich seinen alten pergamentenen Adelsbrief aus dem Busen zog und
zu seiner Frau sagte: "Hinkel, sieh, was meinen Stamm immer bewogen
hat, den Alektryo zu ehren; da unten auf der goldenen Büchse, in
welcher der treulose Alektryo als mein Familienwappen in Wachs
abgebildet ist, steht ein alter Familienspruch, nach welchem ich mit
allen meinen Vorfahren, von dem Geschlechte des Alektryo unser Glück
erwartete. Die schriftliche Urkunde davon ist bei der Verbrennung
unseres Schlosses verloren gegangen, mein Großvater hat den Spruch
aber zum ewigen Angedenken auf die goldene Siegelbüchse stechen
lassen. Er lautet ganz klar:
"Alektryo bringt dir Glücke selbst um Undank.
Gockel--Kopf--Kropf--Siegel--Brod gab."
Was aber die Worte: Kopf, Kropf, Siegel, Brod gab, bedeuten sollen,
weiß ich nicht."
Als er kaum die Worte ausgesprochen hatte, traten die drei
Petschierstecher, die ihm neulich den Hahn abkaufen wollten, aus dem
Gebüsch und sprachen: "was befehlen der Herr Graf Gockel von Hanau
von uns?"--"Wie so," sagte Gockel unwillig, "was soll ich
befehlen?"--"Der Herr Graf," antworteten die Männer, "haben doch
unsre Namen, Kopf, Kropf und Siegel zweimal ausgesprochen, denn so
heißen wir, seit unsre Vorältern nach Deutschland gezogen.--Aber
vielleicht wollen der Herr Graf sich ein neues Petschaft stechen
lassen; denn außerdem, daß wir in der Astrologie, Physiognomie,
Chiromantie, Geomantie, Alektryomantie, Coscinomantie, Hydromantie,
Crystallomantie, Cabbala, Goetie, Diplomatie und Prophetie
unbegreiflich billige Privatstunden geben, und daß wir Hühneraugen
schneiden, zerbrochenes Porzellain kitten und Kaffeemühlen scharf
machen, sind wir hauptsächlich Petschierstecher, was durchaus zur
Diplomatie, wegen der Siegelkenntniß an den Urkunden, und zur
Verfertigung der Talismane nöthig ist. Ach, Herr Graf! es gehört
heut zu Tag ein entsetzlicher Umfang dazu, um in den Wissenschaften
komplett zu seyn; es werden grausame Forderungen gemacht, und was hat
man davon, nichts als die Ehre, daß Alles in einander greift mit
leeren Händen. Ja, wenn der Handel mit Vieh, mit alten Kleidern und
Hasenpelzen nicht wäre--Herr Graf!--wahrhaftig die hohen
Wissenschaften machen die Suppe nicht fett."--"Also, daß ich meine
Rede nicht vergesse, wollen der Herr Graf sich nicht ein Petschaft
stechen lassen?--denn wir sehen, daß sie Ihr Siegel in den Händen
haben, welches ein Siegel des Gleichnisses, voll der Weisheit und
ausnehmend schön ist."
"Ach", sagte Gockel, "ich möchte mein Wappen lieber ganz vernichten,
denn der Hahn Alektryo, der darauf abgebildet ist, hat uns schändlich
betrogen," und nun erzählte er ihnen sein ganzes Unglück.--"Sehen der
Herr Graf," sagte der eine Petschierstecher, "wie gut wir es mit
Ihnen gemeint, da wir Ihnen neulich den Hahn abkaufen wollten; haben
wir nicht gesagt, Sie würden ihn nächstens vielleicht gern los werden,
wenn ihn nur jemand wollte, das lehrte uns die Prophetenkunst."
"Wie so, gut gemeint," sagte Gockel, "wie konntet ihr denn wissen,
daß mich der Hahn in solches Leid versetzen werde?" Da erwiederte
der eine Morgenländer: "dieß Leid ist ja deutlich in dem alten
Familienspruch ausgesprochen, welchen unsre Vorältern selbst auf die
goldne Siegelbüchse gestochen haben; weswegen auch abgekürzt unter
dem Spruche steht, daß durch diese Arbeit Gockel dem Kopf, dem Kropf,
dem Siegel Brod gab, und aus Dankbarkeit für dieses Brod, das Ihre
Vorältern den unsern gegeben, wollten wir, da der Herr Graf in
Ungnade und Armuth gerathen ist, Ihro Excellenz den Hahn abkaufen,
weiteres Unglück von Ihnen abzuwenden."
"Das ist dankenswerth," erwiederte Gockel, "aber ich sehe in dem
Spruche gar keine Unglücksprophezeiung, sondern gerade das Gegentheil;
steht nicht in den Worten: Alektryo bringt dir Glücke selbst um
Undank.
ganz deutlich ausgesprochen, daß der Hahn selbst für Undank seinem
Herrn Glück bringen werde?"--"Ja," sagte da der zweite
Petschierstecher, "der Spruch ist, wie viele solche Sprüche, in der
Flattirmanier gestellt, große Herrn flattirt man gern. Die Urkunde
ist ein bischen verschmeichelt und aus Menschenfreundlichkeit ein
wenig aufgemuntert; so wie man einem alten Roß die Haare aus den
Ohren schneidet und die Zähne feilt, daß es jünger aussieht, haben
unsre Vorfahren dem damaligen Graf Gockel den Schrecken ersparen
wollen und haben ein r aus einem e und aus einem u ein ü gemacht,
denn der Spruch heißt eigentlich:
Alektryo bringt die Glucke selbst um, o Undank!
was durch die Thatsache bewiesen ist, denn der undankbare Alektryo
hat ja die Glucke sammt den Küchlein umgebracht; wir aber müssen
dieses verstehen, denn wir sind von undenklichen Zeiten aus dem
Stamme der Petschierstecher. Von unsern Vorältern ist das Siegel
Juda, das Siegel Pharaos, das Siegel Ahabs, das Siegel Ahasveri und
das Siegel des Darius gestochen, womit er den Daniel in die
Löwengrube versiegelte. Wir sind Leute vom Fach, der Herr Graf
können sich auf die Güte unsrer Auslegung verlassen, und so sie sich
nicht von erster Qualität bewährt, können der Herr Graf sie uns
wieder zurückgeben."
Gockel ganz von der Rede der Männer und seinem Unglücke überzeugt,
bat sie, ihm doch nun den Bock und die Ziege für den Hahn zu geben,
aber das wollten sie nicht mehr und sprachen: "was soll uns der Hahn,
er ist ein Unglückshahn, er kann uns ein Leid anthun, wer wird einen
Unglückshahn essen, und bleibt er am Leben, er könnte einem ein
Unglück ankrähen; aber lassen ihn der Herr Graf einmal sehen, man
kauft keine Katze im Sack, viel weniger einen Hahn." Da zog Gockel
den Hahn aus dem Sack, und sprach weinend: "o Alektryo, Alektryo!
welch Leid hast du mir gethan." Alektryo ließ Kopf und Flügel hängen
und war sehr traurig; aber als ihm der eine Petschierstecher an den
Kropf fühlen wollte, ward er ganz wüthend; alle seine Federn
sträubten sich empor, er hackte und biß nach ihm und schrie und
schlug so heftig mit den Flügeln, daß der Mann zurückwich, und Gockel
den Hahn kaum halten konnte.