Auf der Fahrt bis Christchurch glaubt man im heutigen England zu sein

-- die Gegend sieht aus wie ein Garten. Christchurch selbst ist eine

englische Stadt, mit englischen Parkanlagen und einem englischen

Fluß, der sich gleich dem Avon durch die Landschaft schlängelt -- er

heißt auch Avon, aber nach einem Manne, nicht nach Shakespeares Fluß.

An seinen grünen Ufern stehen die stattlichsten und denkwürdigsten

Trauerweiden der ganzen Welt. Sie machen ihrer hohen Abkunft alle Ehre,

denn sie sind aus Ablegern der Weide gezogen, die einst Napoleons Grab

in Sankt Helena beschattete. In dem guten alten Städtchen finden sich

alle Reize und Annehmlichkeiten, alles Behagen und alle Heiterkeit

eines idealen Familienlebens beisammen. Man könnte sich einbilden,

drüben in England zu sein; es fehlt nichts als die Staatskirche und

der Unterschied der Stände.

Das Museum enthält Raritäten. Unter anderm sahen wir ein schönes Haus

der Eingeborenen aus alter Zeit; ganz getreu nach der Natur, sowohl

die grellen Farben als alle Einzelheiten. Jedes Ding war am richtigen

Platz, die hübschen Matten und Teppiche, die künstlichen, wundervollen

Holzschnitzereien, deren Muster und feine Ausführung mit Recht unser

Staunen erregen, wenn wir bedenken, daß die Eingeborenen dazu keine

bessern Werkzeuge hatten, als Feuerstein, Nephrit und Muscheln sie

ihnen lieferten. Auch Totems waren da, Pfähle, auf denen sämtliche

Ahnherren des Stammes, einer über dem andern, abgebildet sind. Die

abscheulichen, häßlichen Teufel waren mit großem Geschick und vieler

Liebe geschnitzt; sie streckten alle die Zunge heraus und falteten

die Hände behaglich über dem Bauche, in dem sie die Ahnherren anderer

Leute begraben hatten. In dem Haus waren auch ausgestopfte Eingeborene

als Staffage, jeder wo er hingehörte, als ob sie leibten und lebten,

sowie ihr ganzes Hausgerät; dicht dabei lag ein geschnitztes und reich

verziertes Kriegskanoe.

Wir sahen auch kleine Götzenbilder aus Nephrit oder Beilstein, die,

aber nur von Eingeborenen hohen Ranges, um den Hals getragen wurden;

ferner Waffen und allerlei Schmuck, aus dem gleichen, ausnehmend

harten Stein ohne jedes eiserne Werkzeug verfertigt. Durch einige

Stücke waren kleine runde Löcher gebohrt; niemand weiß wie das

gemacht wurde, es ist ein Geheimnis, eine verlorene Kunst. Wer jetzt

in ein Stück Nephrit ein Loch gebohrt haben will, muß erst zu einem

Steinschneider nach London oder Amsterdam schicken, wie man mir sagt.

Auch ein ganzes Skelett der Riesen-Moa bekamen wir zu sehen. Es war

zehn Fuß hoch und muß einen netten Anblick gewährt haben, als es

noch ein lebendiger Vogel war. Wie der Strauß brauchte das Tier beim

Kampf nicht den Schnabel, sondern die Füße. Einen solchen Fußtritt zu

bekommen, mag kein schlechtes Vergnügen gewesen sein, etwa wie wenn man

von Windmühlenflügeln in die Luft geschleudert wird.

In den alten, längst vergessenen Zeiten, als das Geschlecht der Moas

noch auf Erden wandelte, müssen sie in großer Menge vorhanden gewesen

sein. Man findet ihre Knochen haufenweise in ungeheuren Gräbern dicht

beisammen liegen, und zwar nicht in Felsenhöhlen, sondern in der

Erde. Niemand weiß, wer sie dort eingescharrt hat. Da es wirkliche

Knochen und keine Versteinerungen sind, können die Moas noch nicht

so gar lange ausgestorben sein. Merkwürdig, daß sie die einzigen

Tiere Neuseelands sind, welche in den so zahlreichen Legenden der

Eingeborenen gar keine Rolle spielen. Dieser Umstand ist sehr

bedeutsam und kann als Indizienbeweis dafür dienen, daß die Moas seit

vierhundert Jahren von der Erde verschwunden sind, denn der Maori

selbst ist nach der Ueberlieferung seit dem Ende des 15. Jahrhunderts

in Neuseeland ansässig. Der erste Maori kam aus einem unbekannten

Lande, ruderte in seinem Kanoe dahin zurück und kehrte in Begleitung

aller Stammesangehörigen wieder; sie drängten die Ureinwohner in

das Meer oder brachten sie unter den Boden und nahmen die Inseln in

Besitz. So sagt die Ueberlieferung. Die Ankunft jenes ersten Maori

ist begreiflich, denn jeder kann schließlich unversehens an einen Ort

kommen, wohin er nicht will; aber wie der Entdecker ohne Kompaß den Weg

nach der Heimat zurückfand, ist ein Rätsel, das er mit sich ins Grab

genommen hat. Aus seiner Sprache ging hervor, daß er aus Polynesien

stammte. Er hat auch gesagt, woher er kam, aber da er den Namen des

Ortes nicht richtig buchstabieren konnte, fand man ihn nicht auf

der Karte, welche von klugen Leuten gemacht ist, die den Namen ganz

anders buchstabieren. Vor allem müssen doch die Namen richtig auf der

Karte stehen, so daß man sich auf sie verlassen kann; das übrige ist

Nebensache.

In Neuseeland haben die Frauen das Recht, die Mitglieder des

gesetzgebenden Körpers zu wählen, sie selbst dürfen aber nicht

Abgeordnete sein. Das Gesetz, welches ihnen das Stimmrecht verleiht,

wurde 1893 erlassen, als die Einwohnerzahl von Christchurch sich

nach dem Census von 1891 auf 31454 belief. Die erste Wahl, nachdem

das Gesetz in Kraft getreten war, fand im November statt. An der

Wahlurne erschienen 6313 Männer und 5989 Frauen. Diese Zahlen

liefern den Beweis, daß die Frauen der Politik nicht so gleichgültig

gegenüberstehen, wie man uns glauben machen will. Die Gesamtzahl der

stimmfähigen weiblichen Bevölkerung Neuseelands betrug 139915; hiervon

zeichneten 109461 ihre Namen in die Wahllisten ein -- 78,23 Prozent von

allen. 90290 erschienen wirklich an der Wahlurne und gaben ihre Stimmen

ab -- 85,18 Prozent. Eifriger erfüllen die Männer wohl kaum ihre

politischen Pflichten, weder in Amerika noch in andern Ländern. Der

amtliche Bericht spricht sich auch noch in anderer Beziehung günstig

über jene Wahl aus:

»Besonders bemerkenswert,« heißt es, »war der Geist der Ordnung und

Nüchternheit, der unter den Leuten herrschte. Die Frauen wurden auf

keine Weise belästigt.«

Bei uns in Amerika wird als Hauptgrund gegen das weibliche Stimmrecht

regelmäßig der Satz aufgestellt, daß die Frauen nicht zur Wahlurne

gehen könnten, ohne sich tätlichen Beleidigungen auszusetzen.

Dergleichen Weissagungen sind äußerst bequem. Seit im Jahre 1848

die Frauenbewegung begann, haben die Propheten nicht aufgehört zu

verkünden, daß allerlei Unheil daraus entstehen würde; aber in einem

Zeitraum von fünfzig Jahren ist noch nichts davon eingetroffen.

Im Gegenteil, es ist den Frauen gelungen, aus dem amerikanischen

Gesetzbuch eine große Anzahl ungerechter Verordnungen zu entfernen.

Die Männer sollten alle Achtung vor ihren Müttern, Frauen und Töchtern

haben und sie mit ganz andern Augen betrachten, nachdem sie sich

in einer verhältnismäßig so kurzen Frist im wesentlichen aus ihrer

Leibeigenschaft befreit haben. Ohne Blutvergießen hätten die Männer

das nicht zustande gebracht; wenigstens haben sie es bis jetzt noch

nicht getan, vermutlich, weil sie nicht wußten, wie sie es machen

sollten. Aber selbst durch die friedliche und höchst wohltätige

Umwälzung, welche die Frauen bewirkt haben, sind die Männer im

Durchschnitt noch nicht zu überzeugen gewesen, daß die Frau Mut,

Kraft, Ausdauer und Seelenstärke besitzt. Es gehört eben viel dazu,

um den Durchschnittsmann von irgend etwas zu überzeugen. Vielleicht

wird nichts imstande sein, ihn jemals zu der Erkenntnis zu bringen,

daß die Frau ihm im Durchschnitt überlegen ist, und doch scheint das

in mancher wichtigen Einzelheit wirklich der Fall zu sein, wie sich

aus Tatsachen beweisen läßt. Seit Anbeginn der Welt hat der Mann das

Menschengeschlecht regiert, und er wird zugeben müssen, daß die Welt

bis zur Mitte dieses Jahrhunderts im allgemeinen recht träge, dumm

und unwissend war. Jetzt sieht es schon weit weniger unerfreulich

darin aus, und es wird mit der Zeit fort und fort besser. Die Frau

hat gegenwärtig Gelegenheit zu zeigen was sie kann -- und zwar zum

allererstenmal. Wo wird wohl der Mann nach abermals fünfzig Jahren sein

-- das möchte ich wissen.

Im Gesetz von Neuseeland steht folgende Anmerkung:

»Wo in den Verordnungen das Wort _Person_ vorkommt, ist die _Frau_ mit

inbegriffen.«

Das nenne ich doch eine Beförderung! Durch solche Erweiterung des

Begriffs wird die weise Matrone, der eine fünfzigjährige Erfahrung zur

Seite steht, mit einem Schlage in politischer Hinsicht gleichberechtigt

mit dem einundzwanzigjährigen Bürschchen, das kaum trocken hinter den

Ohren ist. Die Einwohnerzahl der Weißen in der Kolonie beläuft sich auf

626000, die der Maori auf 42000. Die Weißen wählen siebzig Mitglieder

in das Abgeordnetenhaus und die Maori vier; auch die Maori-Frauen

stimmen mit bei der Wahl ihrer vier Abgeordneten.

* * * * *

_16. November._ Nach einem viertägigen angenehmen Aufenthalt in

Christchurch verlassen wir den Ort heute um Mitternacht. Mr. Kinsey hat

mir einen Ornithorhynchus geschenkt, den ich zähmen will.

* * * * *

_Sonntag den 17._ Gestern abend fuhren wir in der ›Flora‹ von Lyttleton

ab.

Ja, wahrlich! Und wer die Fahrt in der ›Flora‹ mitgemacht hat, wird sie

sein Lebtag nicht vergessen, wie alt er auch werden mag. Das Schiff

war auf wahnsinnige Art überfüllt. Wäre es in jener Nacht gesunken,

so hätte man für die Hälfte der Leute, die an Bord waren, keinerlei

Rettungsmittel auftreiben können. Wenn auch die Schiffseigentümer in

technischer Hinsicht keinen Mordversuch gemacht hatten -- von der

moralischen Schuld konnte man sie nicht freisprechen.

Mir wurde ein Verschlag des großen Viehstalls zugeteilt, in welchem

eine lange, doppelte Reihe Schlafkojen angebracht war, immer zwei

übereinander. Ein Kattunvorhang diente als Zwischenwand; auf einer

Seite befanden sich zwanzig Männer und Knaben, auf der andern zwanzig

Frauen und Mädchen. Das Loch war so finster wie die Seele der

Unionsgesellschaft und es roch darin wie in einem Hundestall. Als das

Schiff aufs hohe Meer kam und anfing zu rollen und zu stampfen, fielen

die Gefangenen in ihrer dunkeln Höhle sofort der Seekrankheit zum

Raube. Durch das was nun folgte, wurden alle meine früheren Erfahrungen

dieser Art völlig in den Schatten gestellt. Und dann das Heulen und

Stöhnen, das Geschrei und Gekreische, die Stoßseufzer aller Art -- es

spottet jeglicher Beschreibung.

Die Frauen und Kinder, auch einige Männer und Knaben verbrachten die

Nacht in dem Raume, weil sie zu krank waren, um sich zu rühren; wir

übrigen aber standen allmählich auf und begaben uns nach dem Sturmdeck.

Nie zuvor war ich an Bord eines so abscheulichen Fahrzeugs gewesen. Als

wir uns im Frühstückssalon zwischen den auf dem Boden und den Tischen

dicht aneinander gelagerten, schwitzenden Passagieren hindurchwanden,

ließ der Geruch an Kräftigkeit nichts zu wünschen übrig.

Beim ersten Anlegeplatz stiegen viele von uns aus, um ein anderes

Schiff zu benutzen. Nach dreistündigem Warten fanden wir denn auch in

dem ›Mahinapua‹ gute Unterkunft. Es war ein schmuckes kleines Fahrzeug

von nur 205 Tonnengehalt, reinlich, bequem, gute Bedienung, gute

Betten, ein guter Tisch und kein Gedränge. Die Wellen warfen es hin

und her wie eine Ente, aber es war sicher und seetüchtig.

Ganz früh am Morgen kamen wir an den ›französischen Paß‹, eine enge

Durchfahrt zwischen steilen Felswänden, die nicht viel breiter aussah

wie eine Straße. Die Strömung schoß mit rasender Gewalt hindurch und

das Schiff flog dahin wie ein Telegramm. In einer halben Minute lag der

Engpaß hinter uns und wir kamen an eine breite Stelle, wo großartige

Wasserwirbel in der Nähe von Untiefen fort und fort ihre stolze Runde

machten. Ich fragte mich, wie es dem kleinen Fahrzeug wohl dabei

ergehen würde. Das sollte ich nur allzubald erfahren. Die Wirbel hoben

es auf, warfen es mit Leichtigkeit herum und landeten es ganz behutsam

auf einer weichen, festen Sandbank. So sanft war die Berührung, daß wir

sie kaum fühlten und gerade nur merkten, wie das Schiff erbebte, als

es zum Stillstand kam. Das Wasser war hell wie Glas, man sah deutlich

den Sand auf dem Grunde, und die Fische schienen im leeren Raum

umherzuschwimmen. Rasch wurden die Angeln herausgeholt, aber noch bevor

wir den Köder am Haken befestigen konnten, war das Schiff wieder flott

und segelte auf und davon.

Einunddreißigstes Kapitel.

Laßt uns Adam, unserm Wohltäter, dankbar sein, daß er den

›Segen‹ des Müßiggangs von uns genommen und den ›Fluch‹ der

Arbeit über uns gebracht hat.

_Querkopf Wilsons Kalender._

Am 20. November erreichten wir Auckland und hielten uns einige Tage

in dieser schönen, sehr hoch gelegenen Stadt auf; man hat dort einen

Ausblick über das Meer, an dem man sich gar nicht satt sehen kann. Wir

machten wundervolle Spazierfahrten mit Bekannten in der Umgegend. Von

dem grasbewachsenen Kratergipfel des Mount Eden schweift das Auge über

eine weite und wechselvolle Landschaft: dicht belaubte Wälder, grüne

Hügel, blumige Wiesen und dahinter lange ebene Strecken, auf denen sich

hier und da hohe, ausgebrannte Krater erheben. Weiterhin glänzen und

funkeln blaue Buchten, und in traumhafter Ferne schimmern die Berge

gespenstisch durch ihre Nebelschleier.

Gewöhnlich fährt man von Auckland aus nach Rotorua zu den berühmten

heißen Seen und Springquellen, welche als große Merkwürdigkeit

Neuseelands gelten; aber ich war nicht wohl genug, um den Ausflug zu

unternehmen. Die Regierung hat dort ein Sanatorium errichtet, wo für

den Touristen sowohl wie den Kranken aufs angenehmste gesorgt wird.

Der daselbst angestellte Arzt drückt sich stets sehr mäßig aus, wenn

er von dem Heilerfolg der Bäder bei Rheumatismus, Gicht, Lähmung und

ähnlichen Uebeln spricht; dagegen preist er die Wirkung des Wassers als

unvergleichlich in Fällen von Trunksucht. Der Trinker wird unfehlbar

geheilt, selbst wenn die Krankheit bei ihm noch so chronisch geworden

ist, ja, er verliert sogar die _Begierde_ nach berauschenden Getränken

für alle Zeiten. Sobald es nur erst allgemein bekannt sein wird, daß

für die Opfer des Alkoholismus hier sichere Rettung zu finden ist,

werden die Leute scharenweise aus Europa und Amerika herbeiströmen.

Diese ganze, wegen ihrer Thermalquellen berühmte Gegend Neuseelands

umfaßt eine Landstrecke von über 600000 Morgen oder etwa 1000

Quadratmeilen. Rotorua ist am besuchtesten; es bildet den Mittelpunkt

des schönen, gebirgigen Seedistrikts und dient den Reisenden zum

Standquartier bei ihren Ausflügen. Die Zahl der Kranken ist groß und

wächst beständig. Rotorua ist das Karlsbad Australiens.

In Auckland wird auch der Kauri-Kopal verschifft, hauptsächlich

nach Amerika. Man bringt durchschnittlich 8000 Tonnen des Jahrs zur

Stadt. Unassortiert hat er einen Wert von 300 Dollars die Tonne;

die feinsten Sorten erzielen aber oft einen Preis von 1000 Dollars.

Das Harz kommt in Stücken vor, ist hart und glatt und gleicht dem

Bernstein; auch ist es, wie dieser, hellgelb bis dunkelbraun. Unter den

hellfarbigen Stücken hätte man einige für ziemlich gute Nachahmungen

roher südafrikanischer Diamanten halten können, sie waren so wundervoll

glänzend, glatt und durchsichtig. Der Kauri-Kopal dient zur Bereitung

von Lack und Firnis, er stammt von der Kaurifichte und wird meist aus

dem Boden gegraben, wo das Harz seit Jahrhunderten liegt, da viele

von den Bäumen, aus denen es geflossen ist, der heutigen Vegetation

nicht mehr angehören. ~Dr.~ Campbell in Auckland erzählte mir, er habe

schon vor fünfzig Jahren eine Ladung nach England geschickt, aber ohne

Erfolg. Niemand wußte etwas damit anzufangen und man verkaufte es für

fünf Pfund Sterling die Tonne zum Feueranzünden.

* * * * *

_26. November._ 3 Uhr nachmittags abgesegelt. Der Hafen ist schön und

ungeheuer groß; noch stundenweit hat man Land ringsumher. Der Tangariwa

ragt empor -- das ist der Berg, der, wie in Auckland allgemein

behauptet wird, überall gleich aussieht, man mag ihn betrachten von

welcher Seite man will. Ganz richtig -- von welcher Seite man will --

mit dreizehn Ausnahmen ...

Herrliches Sommerwetter. In der Ferne tummelt sich eine große Schar

Walfische. Der Staubregen, den sie emporspritzen, sieht zart und luftig

aus in dem rosigen Schein der untergehenden Sonne oder wenn er sich

abhebt gegen den dunkeln Hintergrund einer Insel, die im tiefblauen

Schatten von Sturmwolken ruht ... Zur Linken erhebt sich ein großer

Felsblock mitten im Meer. Vor einiger Zeit stieß ein Schiff, das im

Nebel zwanzig Meilen aus seinem Kurs gekommen war, bei voller Fahrt

dagegen; 140 Menschen ertranken in den Wellen. Der Kapitän nahm sich

auf der Stelle selbst das Leben, ohne sich erst zu besinnen. Mochte er

schuld an dem Unfall sein oder nicht, er wußte, daß die Gesellschaft,

der das Schiff gehörte, ihn jedenfalls sofort entlassen würde, um

mit ihrer Sorge für die Sicherheit der Passagiere Reklame zu machen.

Dadurch wurde es ihm aber fast unmöglich gemacht, seinen ferneren

Lebensunterhalt zu verdienen.

* * * * *

_27. November._ Heute kamen wir bis Gisborne und ankerten in einer

großen Bucht, eine Meile weit vom Ufer. Die See ging hoch und wir

blieben an Bord. Ein kleiner Schleppdampfer, der vom Lande auf uns

zufuhr, war ein Gegenstand atemlosen Interesses. Er klomm bis zum

Gipfel einer Welle, schwankte dort einen Augenblick als ein grauer

Schatten wie betrunken hin und her, in dem vom Sturm zerstäubten

Wasser, tauchte plötzlich in die Tiefe und blieb so lange unsichtbar

bis man ihn für verloren hielt; dann schoß er auf einmal wieder in ganz

schräger Richtung empor, während das Wasser in Strömen vom Vorderdeck

herabstürzte. So trieb es der Dampfer die ganze Zeit über, bis er unser

Schiff erreicht hatte. In seinem Bauche befanden sich fünfundzwanzig

Passagiere, die zu uns an Bord wollten -- Männer und Frauen, meistens

Mitglieder einer reisenden Schauspielertruppe. Die Mannschaft war auf

Deck in Südwestern, wasserdichten Anzügen von gelbem Segeltuch und

hohen Stiefeln. Das Deck stand so schräg wie eine Leiter und schwankte

auf und ab; große Wellen sprangen fortwährend an Bord und rollten

darüber hin. Wir befestigten ein langes Seil an der Raanocke, hingen

einen höchst kunstlosen Korbstuhl daran und ließen ihn im weiten

Himmelsraum wie einen Pendel auf gut Glück hin und her schaukeln. Im

geeigneten Moment wurde er von geschickten Händen hinabgelassen und

drüben fingen zwei Männer am Vorderdeck die gut gezielte Leine auf.

Ein junger Bursche von unserer Mannschaft saß im Korbstuhl, um den

weiblichen Passagieren herüber zu helfen. Sofort erschienen einige

Damen aus der Kajüte, setzten sich ihm auf den Schoß, und wir zogen sie

über uns in den Himmel hinauf. Einige Augenblicke warteten wir noch,

bis das Schlingern des Schiffes sie herüberbrachte, dann ließen wir das

Seil herab und erfaßten den Korb, als er eben das Deck erreichte. So

brachten wir alle fünfundzwanzig an Bord und schafften fünfundzwanzig

unserer eigenen Passagiere in den Schleppdampfer -- darunter mehrere

alte Damen und eine Blinde -- noch dazu ohne den geringsten Unfall. Es

war ein schönes Stück Arbeit.

Wir sind mit unserm Schiff sehr zufrieden, es ist hübsch und geräumig,

auch alles darin bequem und gut in Ordnung. In einem Hotel kommt es

wohl vor, daß man auf eine Ratte tritt, aber an Bord haben wir lange

nichts von Ratten gespürt, außer vielleicht auf der ›Flora‹; aber da

waren wir mit wichtigeren Dingen beschäftigt. Es ist mir aufgefallen,

daß man nur noch auf Schiffen und in Hotels Ratten findet, wo die

abscheulichen chinesischen Gongs gebraucht werden. Der Grund kann nur

sein, daß die Ratten nicht nach der Uhr zu sehen verstehen, um zu

erfahren, in welcher Tageszeit sie leben, und einen Ort fliehen, an dem

sie nie wissen, wann das Essen fertig ist.

* * * * *

_2. Dezember. Montag._ Von Napier nach Hastings benutzten wir den

Schnellzug, der in Neuseeland zweimal die Woche fährt. In Waitukurau

war zwanzig Minuten Aufenthalt und wir nahmen einen Imbiß. Ich saß

oben am Tisch, so daß ich die rechte Wand sehen konnte, während meine

Frau, meine Tochter und Mr. Carlyle Smythe, mein Geschäftsführer,

der Wand den Rücken zukehrten. Auf dieser Wand hingen einige Bilder

ziemlich weit von mir, so daß ich sie nicht deutlich erkennen konnte,

aber nach der ganzen Gruppierung der Gestalten nahm ich an, daß eins

derselben die Ermordung von Napoleons des Dritten Sohn durch die Zulus

in Südafrika darstellte. Ich unterbrach das Gespräch, welches sich eben

um Poesie, Kohlköpfe und bildende Kunst drehte und wandte mich an meine

Frau mit der Frage:

»Weißt du noch, wie die Nachricht in Paris ankam --«

»Daß der Prinz ermordet wäre?«

(Ich hatte genau diese Worte im Sinn gehabt.) »Welcher Prinz denn?«

»Napoleon -- Lulu.«

»Wie kommst du eben jetzt darauf?«

»Ich weiß nicht.«

Höchst sonderbar! -- Wir hatten uns auf keine Weise miteinander

verständigt. Die Bilder waren nicht erwähnt worden und meine Frau

konnte sie nicht sehen. Vor sieben Monaten waren wir nach einem

mehrjährigen Aufenthalt von Paris abgefahren, um diese Reise zu

unternehmen und meine Frau hätte an irgend eine Nachricht denken

müssen, die in jüngst vergangener Zeit nach Paris gekommen war. Statt

dessen dachte sie an ein Erlebnis bei unserm kurzen Besuch in Paris vor

sechzehn Jahren.

Es war ein deutliches Beispiel von Gedankentelegraphie, von

geistiger Wechselwirkung. Ich hatte die Idee aus meinem Hirn an sie

telegraphiert. -- Woher ich das so bestimmt weiß? -- Nun einfach

deshalb, weil es ein Irrtum war. Es ergab sich nämlich, daß jenes Bild

weder die Ermordung Lulus darstellte, noch überhaupt etwas, das sich

irgendwie auf Lulu bezog. Ich mußte ihr den Irrtum telegraphiert haben,

denn außer in meinem Kopfe war er nirgends vorhanden.

Zweiunddreißigstes Kapitel.

Der Selbstherrscher von Rußland hat mehr Macht als irgend

ein Mensch auf Erden; aber das Niesen kann er doch nicht

zurückhalten.

_Querkopf Wilsons Kalender._

_Wanganui 3. Dezember._ Unsere gestrige Fahrt war sehr angenehm

und dauerte vier Stunden. Meinetwegen hätte der Zug sie auf acht

Stunden ausdehnen können. Wenn man sich behaglich fühlt und kein

Grund zur Eile vorhanden ist, liegt mir gar nichts an übergroßer

Schnelligkeit. Nun kenne ich aber kein bequemeres Beförderungsmittel

als einen Neuseeländer Zug. Nirgends findet man außerhalb Amerikas so

vernünftig eingerichtete Eisenbahnwagen. Rechnet man dazu noch den

unausgesetzten Anblick des reizendsten Landschaftsbildes und den fast

gänzlichen Mangel an Staub, so kann man nur jedem raten, der damit

noch nicht zufrieden ist, er soll aussteigen und zu Fuße gehen. --

Würde er dadurch aber anderer Meinung werden? Ganz gewiß. Nach Ablauf

einer Stunde träfe man ihn sicherlich bescheiden wartend neben dem

Schienenstrang, und er wäre froh mit dem Zug weiter fahren zu dürfen.

In der Stadt und Umgegend sieht man viele Leute zu Pferde und hübsche

junge Mädchen in luftigen Sommerkleidern, auch die Heilsarmee und

eine Menge Maori; Gesicht und Körper der älteren sind meist sehr

geschmackvoll bemalt. Jenseits des Flusses liegt das Rathaus der Maori,

ein großes, festes Gebäude, das von einem Ende zum andern mit Matten

ausgelegt und mit reichen, kunstvoll verfertigten Holzschnitzereien

geschmückt ist. Die Maori sind auch sehr höfliche Leute.

Einer der Volksvertreter gab mir die Versicherung, daß die eingeborene

Rasse nicht abnimmt, sondern sich im Gegenteil langsam vermehrt.

Dies ist ein neuer Beweis, daß die Maori, als Wilde, auf einer

hohen Stufe stehen. Ich weiß mich an keine anderen Eingeborenen

irgend welcher Rasse zu erinnern, die so gute Häuser oder so starke,

zweckentsprechende Festungswerke errichtet hätten, die den Ackerbau

so eifrig betrieben oder bei denen die Kriegswissenschaft und

Verteidigungskunst fast bis zu einer Vollkommenheit gediehen wäre,

wie man sie sonst nur bei den Weißen findet. Zählt man hierzu noch

ihre große Geschicklichkeit in der Anfertigung von Booten und ihre

Begabung für die dekorativen Künste, so kann man sie höchstens noch

als Halb- oder Dreiviertel-Barbaren betrachten und ihnen eine gewisse

Zivilisation nicht absprechen.

Meine Reise um die Welt. Erste Abteilung · 第 16 / 17 段