beschäftigt, welche darauf ausgingen, die verschiedenen kleinen,
zerstreuten Eisenbahnen in ein einheitliches System zu bringen und dem
ungewiß schwankenden Handel und Verkehr einen festen Mittelpunkt zu
geben. Unter anderm hatte sein weitschauender Blick auch die bereits
erwähnten, wunderbar günstigen Konjunkturen für die Entwicklung eines
großartigen Tabakhandels in Memphis erspäht, die er für seine Zwecke
auszubeuten gedachte.
Als eine Woche um war, rief der Kommodore den jungen Jackson zu sich.
»Sie können nun abreisen,« sagte er. »Aber zuvor möchte ich noch
einmal mit Ihnen von geschäftlichen Dingen reden: In betreff jener
Tabakangelegenheit sind Sie vollkommen unterrichtet; Sie wissen, daß
ich das Geschäft machen will, weil ich es für vorteilhaft halte; auch
in meine darauf bezüglichen Pläne habe ich Sie eingeweiht. Ihren
Charakter und Ihre Fähigkeiten kenne ich jetzt so genau wie Sie sich
selber kennen -- vielleicht besser. Ich brauche einen zuverlässigen
Mann, der imstande ist, die Verwaltung einer so wichtigen Sache zu
übernehmen und mich in Memphis zu vertreten. Diese Stelle habe ich für
Sie bestimmt.«
»Für mich!«
»Ja. Sie werden natürlich als mein Vertreter ein hohes Gehalt beziehen,
das sich mit der Zeit steigern kann. Auch müssen Sie eine Anzahl
Gehilfen haben; gehen Sie bei der Wahl sorgfältig zu Werke, stellen Sie
nur brauchbare Leute an; wenn Sie tüchtige Freunde haben, geben Sie
diesen den Vorzug. Nun leben Sie wohl, mein Sohn, und danken Sie Alf,
daß er Sie mir geschickt hat.«
Sobald Ed in Memphis angekommen war, eilte er nach der Werft, denn er
brannte vor Verlangen, den Gefährten die große Nachricht zu verkünden
und ihnen nochmals für den Brief an Herrn Vanderbilt zu danken. Es war
Mittagszeit, die Sonne glühend heiß und die Werft wie ausgestorben.
Als Ed sich jedoch zwischen den Warenballen durchdrängte, sah er
unter einem Schattendach eine Gestalt in weißem Leinwandanzug auf den
Kornsäcken ausgestreckt im Schlummer liegen.
»Das ist ja Charley Fairchild,« rief er erfreut, trat hinzu und legte
die Rechte zärtlich auf des Schläfers Schulter. Dieser rieb sich die
Augen, blickte auf, ward totenblaß, glitt von den Säcken herunter und
lief davon wie der Wind.
Ed sah ihm verwundert nach. Hatte Fairchild plötzlich den Verstand
verloren? Was bedeutete diese schnelle Flucht? Langsam und nachdenklich
schritt er nach dem Werftboot hin; als er an einem Haufen Frachtgüter
vorbeikam, sah er zwei der Kameraden in heiterm Gespräch beisammen
stehen. Kaum hatten sie ihn erkannt, so verstummte ihr Lachen, sie
stoben auseinander und sprangen wie gehetzt über Ballen und Fässer
davon. Ed wußte nicht, ob er wache oder träume und fand keine Erklärung
für dies wunderliche Benehmen. Auf dem Werftboot angekommen, lehnte
er sich gedankenvoll an das Geländer. Da stürzte plötzlich eine weiße
Gestalt an ihm vorbei und sprang über Bord; prustend und keuchend
tauchte sie wieder auf und eine Stimme rief:
»Geh’ fort! Tu mir nichts! Ich bin’s nicht gewesen. Wahrhaftig, ich
hab’s nicht getan!«
»Was soll denn das heißen? So komm doch herauf! Warum lauft ihr alle
vor mir davon, ich habe doch nichts verbrochen!«
»Ja, bist du denn gar nicht böse auf uns?«
»Bewahre -- weshalb? Ich denke nicht daran.«
»Der Tausend,« brummte der junge Mann im Wasser, »der Mensch hat Lunte
gerochen und den Brief gar nicht abgegeben! Na, meinetwegen, ich werde
mich hüten die Geschichte zur Sprache zu bringen.« Mit triefenden
Kleidern kam er wieder an Bord gestiegen und schüttelte Ed die Hand.
Nun schlichen auch die übrigen Verschwörer -- bis an die Zähne
bewaffnet -- einer nach dem andern herbei. Als sie die friedliche Lage
der Dinge erkannten, feierten sie gleichfalls ein Wiedersehen.
Auf alle Fragen Eds, was ihr sonderbares Benehmen ihm gegenüber zu
bedeuten habe, antworteten sie ausweichend, es sei nur ein Spaß
gewesen, und jeder dachte bei sich: »Er hat den Brief nicht abgegeben,
und diesmal sind wir die Angeführten. Aber zum Glück weiß er es nicht,
und keiner von uns wird dumm genug sein, es ihm zu sagen.«
Nun sollte aber Ed von der Reise erzählen. Er ließ ein paar Flaschen
Wein auf Deck bringen und als sie alle gemütlich beisammen saßen und
die Zigarren brannten, begann er seinen Bericht:
»Als ich Herrn Vanderbilt den Brief übergab --«
»Donnerwetter!«
»Was ist denn los -- was erschreckt ihr mich so?«
»Ach nichts -- es fuhr uns nur eben heraus.«
»Nun, wie gesagt, als ich den Brief übergab --«
»Hast du ihn wirklich abgegeben?«
Sie sahen einander ganz verblüfft an und hörten dann Eds Mitteilungen
mit offenem Munde zu. Die wunderbare Geschichte benahm ihnen schier
den Atem, sie waren stumm vor Staunen und zwei Stunden lang saßen sie
wie versteinert da, ohne einen Laut von sich zu geben. Endlich war Ed
Jackson bis zum Schluß seines Romans gekommen.
»Und euch, Jungens,« sagte er, »verdanke ich das alles; dafür will
ich mich auch erkenntlich zeigen. Welcher Mensch hat wohl je so gute
Freunde gehabt! Jeder von euch bekommt eine Stelle, denn ihr seid
tüchtige Kerls, wenn ihr auch dann und wann einen schlechten Spaß
macht. Dich aber, Charley Fairchild, ernenne ich zu meinem ersten
Gehilfen, weil ich weiß, was du für ein kluger Geschäftsmann bist und
weil du mir den Brief verschafft hast. Auch möchte ich damit deinem
Vater eine Freude machen, der den Brief geschrieben hat und Herrn
Vanderbilt, an den er gerichtet war. Und nun stoßt alle mit mir an, auf
das Wohl des großen Mannes! Hoch soll er leben, dreimal hoch!«
Die Tabakspekulation hatte einen glänzenden Erfolg und so war auch hier
der rechte Mann zur rechten Zeit erschienen, trotzdem er erst hatte von
weither kommen müssen und nur mit Hilfe eines Schabernacks entdeckt
worden war.
Achtundzwanzigstes Kapitel.
Die Natur hat der Heuschrecke ein Verlangen nach
Pflanzenkost verliehen; hätte der Mensch die Heuschrecke
geschaffen, so würde sie nichts als Wüstensand fressen.
_Querkopf Wilsons Kalender._
An der Mündung des Derwent liegt, ganz von Laubwäldern umschlossen,
die Hauptstadt Tasmaniens, das freundliche Hobart, auf Hügeln,
die allmählich zum Hafen abfallen und in deren Hintergrund der
Wellingtonberg zu majestätischer Höhe emporsteigt. Die Gegend ist
himmlisch schön; sie bietet mit ihrem Reichtum an Formen und Gruppen,
ihrer Farbenpracht, dem üppigen Grün, den Buchten und Vorgebirgen,
den anmutig welligen Hügeln, dem leuchtenden Sonnenglanz und den
mattschimmernden Fernsichten, ein entzückendes Landschaftsbild.
Mir ist noch keine Stadt vorgekommen, in der alles so von Sauberkeit
und Ordnung strahlt, wie in Hobart; nirgends sieht man hier baufällige,
schäbige Häuser oder eingefallene Zäune; kein Unkraut wächst in den
Vorgärten; im Hinterhof der Armen liegen weder alte Blechbüchsen noch
zerrissene Stiefel oder leere Flaschen, kein Kehricht ist im Rinnstein,
kein Schmutz auf dem Bürgersteig. Selbst die bescheidenste Hütte
sieht aus wie gestriegelt und gebügelt; jede hat ihre Blumen, ihre
Schlingpflanzen, die sie umranken, einen sauberen Zaun mit guter Tür,
und auf dem Fensterbrett liegt die wohlgepflegte Katze und schläft.
Der Kurator des Museums, ein Herr aus Amerika, war so freundlich, uns
die Sammlungen zu zeigen. Wir sahen dort wenigstens ein halbes Dutzend
verschiedener Marsupialia[7], unter andern den ›Tasmanischen Teufel‹,
der zu dieser Gattung gehört, wie ich glaube. Auch ein Fisch war
da, der durch Lungen atmet und im Schlamm weiterlebt, wenn der Fluß
austrocknet. Am merkwürdigsten ist aber ein Papagei, der den Schafen
nachstellt. Auf einer großen Schafweide hat er einmal in einem einzigen
Jahre tausend Stück umgebracht. Da er aber nicht das ganze Schaf
frißt, sondern nur das Nierenfett, so ist die Ernährung des Vogels
sehr kostspielig. Er hackt das Fett mit dem Schnabel heraus und das
Schaf stirbt an der Wunde. Die Geschichte dieses Papageis ist für die
Entwicklungslehre von Wichtigkeit; sie zeigt, daß unter veränderten
Bedingungen eine wesentliche Neubildung stattfinden kann. Als man
zuerst die Schafzucht einführte, wurden gewisse Würmer vertilgt, die
des Papageis Hauptnahrung gebildet hatten. Der Hunger trieb ihn dazu,
Fleischreste zu verzehren, die er noch an den Schaffellen fand, welche
zum Trocknen auf den Zäunen hingen. Bald schmeckte ihm das Nierenfett
der Schafe am allerbesten, aber die Form seines Schnabels hinderte
ihn es sich zu verschaffen. Da kam ihm die Natur zu Hilfe und bildete
seinen Schnabel um, so daß er sich jetzt nach Herzenslust vom Fett
seiner Mitgeschöpfe nähren kann.
Wir fuhren durch ein blühendes, duftendes Zauberland nach dem
Armenasyl, einem geräumigen, bequem eingerichteten Heim mit
Krankenhäusern und dgl. für Männer und Frauen. Dort waren Scharen
der ältesten Leute beisammen, die mir je vorgekommen sind. Man sah
sich plötzlich in eine andere Welt versetzt -- eine unheimliche Welt,
aus der die Jugend verbannt war, und in der nur das Alter mit seinen
zahllosen Runzeln gebückten Ganges umherwandelte. Von den 359 dort
untergebrachten Personen waren 223 frühere Deportierte; sie hätten ohne
Zweifel aufregende Geschichten erzählen können, wären sie mitteilsam
gewesen. Zweiundvierzig hatten das achtzigste Lebensjahr überschritten
und einige waren nahe an neunzig; das durchschnittliche Sterbealter
ist dort sechsundsiebzig Jahre. Nein, in einem so gesunden Orte möchte
ich nicht leben. Siebzig ist ganz alt genug -- später wird die Sache
zu ungewiß. Jugend und Heiterkeit könnten verschwinden, ehe man sich’s
versieht -- und was bleibt dann noch übrig? Nur ein Tod bei lebendigem
Leibe, der weder Wohltäter noch Befreier ist. -- Unter den 185 Frauen
in jenem Asyl waren 81 vormalige Strafgefangene.
Das Dampfboot machte uns einen Strich durch die Rechnung; wir hatten
gedacht, es würde, wie gewöhnlich, lange in Hobart verweilen, statt
dessen fuhr es nach kurzem Aufenthalt weiter, so daß wir Tasmanien nur
wie im Fluge zu sehen bekamen.
Den Abend und die darauffolgende Nacht brachten wir auf dem Meere
zu und erreichten am frühen Morgen die Stadt Bluff am Südende von
Neuseeland. Eigentlich hätten wir nun quer nach der Westküste
hinüberwandern müssen, die reich an den herrlichsten Naturschönheiten
ist; hohe Schneeberge und mächtige Gletscher, wundervolle Seen und
tiefe Buchten, die den norwegischen Fjords nicht an malerischem Reiz
nachstehen, daneben ein Wasserfall, der neunzehnhundert Fuß tief
hinabstürzt; man nennt diese Gegend die Neuseeländer Schweiz. Doch
die Umstände nötigten uns, diesen Besuch auf unbestimmte Zeit zu
verschieben, so leid es uns tat.
* * * * *
_6. November._ Ein prächtiger Sommermorgen mit glänzend blauem Himmel.
Hinter Invercargill kamen wir durch meilenweite grüne Ebenen, die mit
Schafen wie beschneit waren -- ein hübscher Anblick. Die Bewohner von
_Dunedin_ sind Schottländer. Auf ihrem Wege von der Heimat in den
Himmel haben sie hier Wohnung genommen, weil sie glaubten, sie wären
am Ziel ihrer Wallfahrt. Die Einwohnerzahl der Stadt wird von dem
Journalisten Malcolm Roß auf 40000 geschätzt; ein Parlamentsmitglied
behauptet dagegen, sie betrüge 60000 -- aber Journalisten können nicht
lügen.
Wir besuchten ~Dr.~ Hockin in seiner Wohnung. Er hat eine gute Sammlung
Bücher über Neuseeland und sein Haus ist ganz mit Altertümern der
Maori und Erzeugnissen ihrer Kunstfertigkeit angefüllt. Von vielen
früheren Häuptlingen der Eingeborenen besitzt er Porträts in farbigen
Holzschnitten. Es sind auch geschichtlich berühmte Leute darunter.
Sie tragen nichts von Barbaren an sich; ihre schönen regelmäßigen
Züge, der kluge Gesichtsausdruck, ihre männlich edle Haltung berühren
den Beschauer aufs angenehmste. Die Ureinwohner von Australien und
Tasmanien sehen wie Wilde aus, aber diese Neuseeländer Häuptlinge
gleichen römischen Patriziern. Sogar die Tätowierung der Bildnisse
ändert daran nichts. Die Linien sind so schön, so leicht und anmutig
gezeichnet, daß man sie nur mit Wohlgefallen betrachtet. Nach den
ersten zehn Minuten hat man sich an die Farben gewöhnt, nach weiteren
zehn Minuten möchte man es gar nicht anders haben, und von da ab macht
jedes unbemalte, europäische Gesicht einen häßlichen, unedlen Eindruck.
* * * * *
_9. November._ Der Präsident des Künstlervereins führte uns durch das
Museum und die öffentliche Bildergalerie. Unter den Bildern, die teils
geschenkt sind, teils durch Kauf erworben, gibt es einige sehr schöne.
Von dort gingen wir in die Kunstausstellung, welche eben eröffnet war
und alljährlich stattfindet. Daß eine verhältnismäßig kleine Stadt zwei
solche Kunstanstalten und einen Künstlerverein hat, ist in Australien
etwas ganz Gewöhnliches. Letzterer besitzt ein eigenes Gebäude, das die
Mitglieder auf ihre Kosten errichtet haben.
Ich würde dies Gedeihen der Kunst begreiflich finden, wenn man es
mit einer absoluten Monarchie zu tun hätte, die sich die Mittel
zu ihren Zwecken nicht erst von den Abgeordneten bewilligen läßt,
sondern einfach das Geld benutzt, wozu sie will. Aber die Kolonien
haben republikanische Verfassung und allgemeines Stimmrecht -- in
Neuseeland sogar auch für die Frauen. Sonst pflegen in Republiken
weder die Regierungen noch die reichen Bürger sehr geneigt zu sein,
zur Ausbreitung der Kunst beizutragen; in ganz Australien werden jedoch
Gemälde berühmter europäischer Künstler für die öffentlichen Galerien
angeschafft. Man kauft sie entweder aus Staatsmitteln oder es sind
Geschenke von wohlhabenden Bürgern, welche diese obendrein bei ihren
Lebzeiten machen -- nicht erst wenn sie tot sind.
Neunundzwanzigstes Kapitel.
Die Sündhaftigkeit des Fluchens liegt nicht in den Worten,
sondern in dem Zorngeist, der sie gebiert. Das Kind fängt
schon an zu fluchen, ehe es noch sprechen kann.
_Querkopf Wilsons Kalender._
_11. November. Auf der Eisenbahn._ Die fahrplanmäßige Zeit unseres
Schnellzugs ist nur zwanzig und eine halbe Meile die Stunde; aber
man möchte gar nicht rascher fahren, um die wechselnde Aussicht auf
Meer und Land nach Wunsch genießen zu können, wozu die behaglich
eingerichteten Wagen die beste Gelegenheit bieten. Sie sind weder
englisch noch amerikanisch, sondern ein Mittelding zwischen beiden,
wie in der Schweiz. An der Seite hin läuft ein schmaler Vorbau,
der mit einem Geländer versehen ist, so daß man während der Fahrt
auf und ab gehen kann; auch gehört zu jedem Waggon eine Wasch- und
Toiletteeinrichtung. Das nenne ich Fortschritt! Da zeigt sich der Geist
des neunzehnten Jahrhunderts! --
Die sogenannten Schnellzüge fahren in Neuseeland zweimal die Woche. Es
ist gut, wenn man das weiß, denn wer mit Zwanzigmeilenschritten das
Land durchmessen will, könnte leicht an einem der fünf falschen Tage
abfahren und in einen Zug geraten, der nicht einmal mit seinem eigenen
Schatten Schritt hält.
Mich erinnerten die angenehmen Bahnzüge in Neuseeland, um des
Gegensatzes willen, an die Zweigbahn von Maryborough auf dem
australischen Festland und die Bemerkungen, welche mir ein Mitreisender
auf der Fahrt über die Bahn und das dortige Hotel gemacht hat.
Ich war unterwegs eine Weile in das Rauchcoupé gegangen, wo sich noch
zwei Herren befanden, die beide rückwärts fuhren und an den äußersten
Enden des Wagens Platz genommen hatten. Ich setzte mich dem einen
gegenüber ans Fenster; dem Anzug nach hielt ich ihn für den Prediger
einer Dissentergemeinde, er hatte ein gutes, freundliches Gesicht und
mochte etwa fünfzig Jahre alt sein. Unaufgefordert zündete er ein
Streichholz an und hielt die Hand davor, bis meine Zigarre in Brand
war. Das weitere entnehme ich meinem Tagebuche:
Um die Unterhaltung in Gang zu bringen, fragte ich ihn einiges über
Maryborough, worauf er mit sehr angenehmer, wohltönender Stimme die
ruhige und bestimmte Antwort gab:
»Es ist eine reizende Stadt, aber das Hotel ist ein wahrer Höllenpfuhl.«
Ich sah ihn verwundert an; es kam mir sehr merkwürdig vor, daß ein
Prediger solchen Ausdruck gebrauchte.
»Jawohl,« fuhr er gelassen fort, »ein schlechteres Hotel gibt es in
ganz Australien nicht.«
»Schlechte Betten?«
»Nein -- gar keine. Nur Sandsäcke.«
»Auch die Kopfkissen?«
»Versteht sich. Nichts als Sand -- und obendrein kein guter; er backt
zusammen und ist nicht durchgesiebt, sondern grober Kies. Man schläft
wie auf Haselnüssen.«
»Gibt es denn keinen feinen Sand?«
»Die Hülle und Fülle. Man findet in hiesiger Gegend einen so vorzüglich
losen und lockern Sand wie sonst nirgends; aber, den kauft der Wirt
nicht. Er nimmt nur Sand, der sich zusammenbackt und hart wird wie
Stein.«
»Wie sind denn die Zimmer?«
»Acht Fuß groß im Viereck; der Boden ist mit eiskaltem Wachstuch
bedeckt, auf das man treten muß, wenn man am Morgen aus dem Sandloch
kommt.«
»Und die Beleuchtung?«
»Eine Erdöllampe.«
»Die hell brennt?«
»Nein, so düster wie möglich.«
»Ich lasse meine Lampe gern die ganze Nacht brennen.«
»Das geht bei dieser nicht; man muß sie früh auslöschen.«
»Aber man könnte doch nachts Licht brauchen und sie im Finstern nicht
wieder finden.«
»O, man findet sie leicht -- sie stinkt ganz abscheulich.«
»Ist ein Schrank da?«
»Nur zwei Nägel an der Tür, um sieben Anzüge aufzuhängen -- falls man
so viele hat.«
»Eine Klingel?«
»Ist nicht vorhanden.«
»Was tut man denn, falls man Bedienung braucht?«
»Man ruft, aber es kommt niemand.«
»Wenn nun aber das Zimmermädchen den Wassereimer ausgießen soll?«
»Dergleichen gibt es nicht. Außer in Sydney und Melbourne findet man
nirgends Wassereimer in den Hotels.«
»Ach ja, das weiß ich; es ist eine Eigentümlichkeit von Australien
und kommt mir sehr komisch vor. -- Noch eins: ich muß morgen früh im
Dunkeln aufstehen und mit dem Fünfuhrzug weiter reisen. Wenn nun der
Hausknecht --«
»Den gibt es nicht.«
»Oder der Portier --«
»Es ist keiner da.«
»Aber, wer will mich denn wecken?«
»Kein Mensch. Sie müssen von selber aufwachen und sich auch
hinunterleuchten. Es brennt kein Licht, weder im Gang noch anderswo.
Auf der Treppe würden Sie im Dunkeln den Hals brechen.«
»Wer wird mir helfen mein Gepäck hinuntertragen?«
»Niemand. Aber, ich will Ihnen einen Rat geben. In Maryborough wohnt
ein Amerikaner, schon seit einem halben Menschenalter, ein stattlicher
Mann, auch wohlhabend und allgemein beliebt. Machen Sie dessen
Bekanntschaft; dann sorgt er für alles und Sie können in Frieden
schlafen. Morgens weckt er Sie zur rechten Zeit und bringt Sie auf den
Zug. -- Wo haben Sie denn Ihren Geschäftsführer gelassen?«
»In Ballarat. Er macht dort Sprachstudien; auch muß er nach Melbourne
fahren, um alles für Neuseeland vorzubereiten. Es ist mein erster
Versuch, mich allein durchzusteuern, und mir scheint, das ist gar nicht
sehr leicht.«
»Leicht? Wo denken Sie hin -- besonders auf dieser Strecke, der
schwierigsten in ganz Australien. Dazu muß man ein ganz ungewöhnlich
praktischer Mensch sein. Aber, das sind Sie wohl auch?«
»Ich -- hm -- ich glaube -- indessen --«
»Ja, dann werden Sie es nun und nimmermehr allein fertig bringen. Aber
der Amerikaner wird Ihnen helfen, verlassen Sie sich darauf. Haben Sie
Ihr Billet?«
»Ja, zur Rundreise bis nach Sydney.«
»Aha! dacht’ ich mir’s doch! Sie fahren um 5 Uhr morgens über
Castlemaine -- zwölf Meilen -- weil der 7.15 Zug über Ballarat zwei
Stunden länger unterwegs bleibt. Aber Ihr Billet lautet auf Ballarat
-- auf den zwölf Meilen ist es ungültig, und die Regierung gestattet
nicht --«
»Was kümmert es denn die Regierung, welchen Weg ich wähle?«
»Das weiß der liebe Himmel. In der Eisenbahnverwaltung läßt sie sich
nicht drein reden. Zuerst übergab man sie einer Gesellschaft von
Blödsinnigen, das war schlimm; dann rief man Franzosen ins Land, die
verstanden noch weniger davon; zuletzt übernahm die Regierung die
Verwaltung selbst, und nun geht alles rückwärts. Um die Gunst eines
Wählers nicht zu verscherzen, der vielleicht zwei Schafe und einen Hund
besitzt, baut man ihm eine Bahn wohin er will. So kommt es, daß wir zum
Beispiel in der Kolonie Viktoria achthundert Bahnhöfe haben, darunter
achtzig, wo an der Kasse kaum zwanzig Schillinge die Woche einkommen.«
»Fünf Dollars? Sie scherzen wohl!«
»Es ist buchstäblich wahr.«
»Aber auf jedem Bahnhof sind doch drei oder vier Beamte angestellt, die
ihr Gehalt beziehen.«
»Natürlich. Glauben Sie mir, die Bahnlinie verdient nicht einmal den
Zucker in ihren Kaffee. Und gefällig sind die Beamten! Man braucht nur
mit irgend einem Lappen zu wehen, so hält der Zug mitten in der Wildnis
und läßt den Reisenden einsteigen. Das macht alles Kosten. Und wenn in
einer Stadt viele stimmberechtigte Bürger sind, die sich einen schönen
Bahnhof wünschen, so wird er gebaut. Sehen Sie sich nur den Bahnhof
von Maryborough einmal an! Sämtliche Einwohner haben Platz darin,
jeder kann ein Sofa für sich haben und es bleibt noch Raum übrig. Und
eine Uhr ist dort -- ich sage Ihnen, so etwas hat kein Bahnhof in ganz
Europa aufzuweisen. Zum Glück schlägt sie nicht und hat auch keine
Glocken, denn in Australien hört das Gebimmel und das ewige dong-dong
Tag und Nacht nicht auf. Na, bei so vielen Prachtbauten für die
Eisenbahn und Verlust beim Betrieb, können Sie sich schon denken, daß
die Regierung irgendwo sparen muß. Das Betriebsmaterial muß herhalten.
Achtzehn Güterwagen und für die Passagiere zwei elende Hundelöcher,
die so schäbig und liederlich eingerichtet sind wie nur möglich, ohne
hygienische Vorkehrungen, ohne Trinkwasser, mit aller nur denkbaren
Unbequemlichkeit -- das ist der Zug von Maryborough -- und langsam
geht er, wie eine Schneckenpost. So spart die Regierung ihr Geld. Für
Tonnen Goldes baut sie Paläste auf, in denen man ein paar Minuten
warten muß, und deportiert einen dann sechs Stunden lang wie den
gemeinsten Verbrecher, um die vergeudeten Summen wieder einzubringen.
Jeder vernünftige Mensch fühlt sich gern unbehaglich im Wartezimmer,
weil ihm dann die Fahrt in einem hübschen, bequemen Zug eine angenehme
Abwechslung bietet. Aber gesunden Menschenverstand sucht man bei der
Eisenbahnverwaltung vergebens. Und dann steckt sie noch für die zwölf
Meilen eine Extravergütung ein, erklärt ihre eigenen Fahrkarten für
ungültig und -- --«
»Nun aber, jedenfalls kann ich wenigstens --«
»Warten Sie nur, ich bin noch nicht fertig. Ohne den Amerikaner würden
Sie überhaupt nicht fortkommen. Zuerst sieht niemand Ihr Billet an,
der Schaffner läßt es sich erst zeigen, wenn der Zug schon im Abfahren
ist. Dann können Sie kein Extrabillet mehr kaufen, der Zug wartet
nicht, und Sie müssen wieder aussteigen.«
»Aber, kann ich es denn nicht dem Schaffner bezahlen?«
»Er ist nicht berechtigt Geld anzunehmen, und nimmt auch keins. Es
bleibt Ihnen nichts übrig -- Sie müssen heraus. Der Eisenbahnbetrieb
ist hier das einzige, was ganz nach europäischem Muster eingerichtet
ist -- nicht nach englischem, nein, wie auf dem Festland. Alles wird
genau so gemacht, sogar das Wiegen des Gepäcks, diese Erzplackerei,
fehlt nicht.«
Jetzt hielt der Zug an der Station meines Mitreisenden. Beim Aussteigen
sagte er noch: »Jawohl, in Maryborough wird es Ihnen gefallen. Sie
treffen dort sehr gebildete Leute. Eine reizende Stadt! Aber das Hotel
ist ein wahrer Höllenpfuhl!«
Als er fort war, wandte ich mich an den andern Herrn:
»Ihr Freund ist wohl Geistlicher?«
»Nein, aber er treibt theologische Studien.«
Dreißigstes Kapitel.
Zeit und Flut warten auf niemand! Ein prahlerisches,
dünkelhaftes Sprichwort, das sich eine Billion Jahre
erhalten hat, aber heutzutage nicht mehr gilt. Wir,
mit unsern elektrischen Drähten und den Schiffen mit
Wasserballast, kehren es um und sagen: Niemand wartet auf
Zeit und Flut. --
_Querkopf Wilsons Kalender._