Natürlich übten die Wilden Wiedervergeltung an allen Weißen, die in

ihre Hände fielen, und der Kampf der Rassen ward Jahrzehnte lang

auf beiden Seiten mit großer Grausamkeit fortgesetzt, wie sehr auch

die Regierung bemüht war, eine Versöhnung herbeizuführen und die

Eingeborenen zu schonen. Diese waren nicht zahlreich, aber wachsam,

schlau und behende; sie kannten jeden Schlupfwinkel in ihrem Lande und

es glückte ihnen trotz ihrer geringen Anzahl lange Zeit Widerstand zu

leisten, so daß sie vielen Weißen Tod und Verderben brachten.

Die Regierung ergriff die verschiedensten Maßregeln, um womöglich die

gänzliche Ausrottung der Eingeborenen zu verhindern: Sie wollte diese

auf eine benachbarte Insel schaffen lassen und bot für jeden lebendig

eingelieferten Schwarzen fünf Pfund als Prämie. Einen Wilden zu fangen

ist aber kein leichtes Werk, und bei den Streifzügen der Weißen wurde

meist, um einen Gefangenen zu machen, ein halbes Dutzend getötet. Das

lag nun nicht in den Absichten der Regierung und man schritt daher

zu einem andern Versuch: die Schwarzen wurden alle nach einem Ende

der Insel getrieben und man zog zur Abwehr eine Truppenkette quer

durch das Land. Auch das half wenig, denn die Eingeborenen brachen

unaufhörlich durch und fuhren fort zu sengen und zu morden.

[Illustration]

Nun erließ der Gouverneur eine gedruckte Proklamation, welche den

Schwarzen befahl, die öde Gegend, die man ihnen angewiesen hatte,

nicht zu verlassen! Aber das nützte nichts, weil keiner sie zu lesen

verstand. Es folgte nun eine Proklamation in Bilderschrift, die auf

Bretter gemalt und im Walde angenagelt wurde. Ich füge hier einen

photographischen Abdruck derselben bei.

Ihre Bedeutung war im wesentlichen folgende:

1. Der Gouverneur wünscht, daß Schwarze und Weiße einander lieben

sollen.

2. Er liebt seine farbigen Untertanen.

3. Wenn ein Schwarzer einen Weißen tötet, wird er gehängt.

4. Wenn ein Weißer einen Schwarzen tötet, wird er gehängt.

Die Ausführung ihrer mancherlei Pläne kostete der Regierung etwa 30000

Pfund; mehrere Tausend Weiße strengten jahrelang alle Kraft und allen

Scharfsinn an, um den gewünschten Zweck zu erreichen -- aber, es war

ein erfolgloses Bemühen. Endlich, nachdem die Feindseligkeiten zwischen

beiden Rassen ein Vierteljahrhundert gedauert hatten, wurde der rechte

Mann gefunden. Dies war Georg August Robinson, den die Geschichte ›den

Versöhner‹ nennt. Er war zwar weder ein gebildeter noch ein angesehener

Mann, sondern lebte als gewöhnlicher Maurer in der Stadt Hobart, doch

muß er eine ganz wunderbare Persönlichkeit gewesen sein. Ich wäre gern

weit gereist, um ihn einmal zu Gesicht zu bekommen, denn mag es auch

irgendwo seinesgleichen in der Weltgeschichte gegeben haben, so ist mir

doch davon nichts bekannt.

Die Aufgabe, die er sich stellte, war ein unerhörtes Wagestück. Er

wollte in die Wildnis hinausgehen, wo sich die zu Tode gehetzten

Eingeborenen, die kein Erbarmen kannten, in Sümpfen und Bergschluchten

versteckten; unbewaffnet wollte er unter sie treten und sie durch Liebe

und Güte bewegen, das wilde freie Leben in der Heimat, das ihrem Herzen

so teuer war, aufzugeben und ihm zu den verhaßten Weißen zu folgen.

Unter ihrem Schutz und Schirm und von ihren Wohltaten lebend, sollten

die Eingeborenen dann den Rest ihres Daseins verbringen.

Auf den ersten Blick glaubte man es mit dem Hirngespinst eines

Wahnsinnigen zu tun zu haben; alle Welt lachte und spottete darüber.

Zwanzig Jahre früher hätte auch die Regierung gelacht, aber jetzt

lieh sie dem Plan ihr Ohr; alle vernünftigen Maßregeln waren umsonst

erschöpft worden, weshalb sollte man es nicht einmal mit einer

unvernünftigen versuchen? Es konnte viel Gutes daraus entstehen und

nichts Schlimmes -- außer für den ›Versöhner‹ selbst.

Die Lage der Dinge war einzig in ihrer Art, etwas Aehnliches hatte

die Welt noch nicht erlebt. Die weiße Bevölkerung belief sich im

Jahre 1831 auf vierzigtausend, die Zahl der Eingeborenen betrug

dreihundert, Weiber und Kinder mit eingeschlossen. Die Weißen waren

mit Flinten bewaffnet, die Schwarzen mit Keule und Speer. So hatten

sie einander seit fünfundzwanzig Jahren befehdet, ohne daß die Weißen

den Sieg davontrugen, obwohl sie kein Mittel unversucht ließen, um die

Eingeborenen zu fangen, zu töten und zur Unterwerfung zu zwingen. Die

dreihundert unüberwindlichen Wilden wollten nicht nachgeben, keine

Bedingungen annehmen und sich bis zum letzten Blutstropfen verteidigen.

Dabei war nicht einmal ein Dichter unter ihnen, der ihren Heldenmut neu

entfachen und ihre beispiellose Vaterlandsliebe in feurigen Gesängen

preisen konnte!

Nach einem Vierteljahrhundert erbitterten Kampfes trotzten die

überlebenden dreihundert nackten Wilden dem Gouverneur und seinen 40000

noch ungebrochenen Mutes. Man wußte sich weder Rat noch Hilfe.

Da ging der Maurer Robinson -- jener Wundermann -- in die Wildnis

hinaus, ohne Waffen und ohne Schutz, nur der Macht seiner Rede, seiner

treuen Augen und seines menschenfreundlichen Herzens vertrauend. Er

spürte die grimmigen Wilden in ihren Schlupfwinkeln auf, folgte ihnen

in die dunkeln Wälder und auf die beschneiten Berggipfel und bezwang

sie durch die Menschenliebe, die in ihm wohnte und mit überzeugender

Gewalt aus seinem Wort und Wesen sprach. Vier Jahre lang ging er

geduldig jeder einzelnen Gruppe der Schwarzen nach über Berg und Tal,

viele hundert Meilen weit. Kam er zuerst in ihre Nähe, so stürmten sie

auf ihn zu, um ihn zu töten, aber er wich und wankte nie, unbewaffnet

stand er vor ihnen und zwang sie ihn anzuhören. Aber alle, die seine

Rede vernahmen, warfen ihre Speere weg und zogen mit ihm.

In vier Jahren hatte er die Eingeborenen sämtlich herbeigebracht, ohne

einen Tropfen Blut zu vergießen; freiwillig waren sie ihm gefolgt,

hatten sich dem Gouverneur als Gefangene ergeben und dem Krieg ein Ende

gemacht, der seit dem Jahre 1804 von vielen Tausenden mit Pulver und

Blei vergebens geführt worden war.

Marsyas, der einst wilde Tiere durch den Zauber seiner Musik gezähmt

haben soll, gehört ins Fabelreich; aber das Wunder, das Robinson

vollbracht hat, ist eine geschichtlich beglaubigte Tatsache, die uns

mit Staunen und Ehrfurcht erfüllt. Weder das Altertum noch die Neuzeit

hat etwas aufzuweisen, das sich ihr an die Seite stellen ließe.

Und zum Andenken des größten Mannes, den Australien und Ozeanien je

hervorgebracht, ist dem ›Versöhner‹ Georg August Robinson von der

dankbaren Nachwelt ein stattliches Denkmal errichtet worden, das in

-- -- ach nein, ich bin im Irrtum -- es ist das Denkmal eines andern

Mannes, dessen Namen ich vergessen habe.

Robinsons eigene Zeitgenossen haben es jedoch nicht an Ehrenbezeigungen

für ihn fehlen lassen und sich dadurch selbst geehrt. Die Regierung

belohnte ihn mit einer großen Summe und verlieh ihm tausend Morgen

Land; das Volk aber hielt Massenversammlungen, um seine Tat zu

verherrlichen und es ward ihm, zum Zeichen der allgemeinen Hochachtung,

ein reiches Geldgeschenk übergeben.

Uebrigens hatte Robinson sein großes Unternehmen nicht unbedachtsam

begonnen; er war kein törichter Schwärmer, der sich blindlings in

Todesgefahr stürzt. Vor allem verlangte er, daß die Feindseligkeiten

seitens der Weißen gänzlich eingestellt würden, solange er sein

Friedenswerk betrieb. Für das Gelingen derselben verließ er sich

vor allem auf seine jahrlange genaue Kenntnis des Charakters der

Eingeborenen, die er als menschliche Wesen betrachtete und nicht als

wilde Bestien, wie es die Leute taten, die seinen Plan verspotteten.

Auch ging er nur ungern allein; aber, obgleich hohe Summen geboten

wurden, fand sich kein Weißer, der ihm unbewaffnet in die Wildnis

folgen wollte, nur mehrere Eingeborene beiderlei Geschlechts, die sich

den Weißen unterworfen hatten, ließen sich überreden, ihn zu begleiten,

trotzdem sie einem beinahe sichern Untergang entgegengingen. Ein

Beweis, wie groß sein Einfluß auf die Gemüter war.

Wenn wir bedenken, welchen Gefahren Robinson und seine schwarzen

Führer trotzen mußten, so erfüllt uns die größte Bewunderung für seine

Kühnheit und ihre unwandelbare Treue. Die wilden Stämme waren nirgends

vereinigt, sie hausten in einzelnen Gruppen von zwanzig, zwölf, sechs

oder selbst drei Personen in den Bergen, und es galt weite Strecken der

ödesten Gegenden zu durchwandern, wo kein lebendes Geschöpf, selbst

kein Vogel zu sehen war, weil sich dort keinerlei Nahrung vorfand.

Mitten im Winter mußten die Friedensboten unter unsagbarer Mühsal über

tiefe, reißende Ströme setzen, sechstausend Fuß hohe Berge erklimmen

und sich durch gefährliches Dickicht ihren Weg bahnen.

»Bei allen Beschwerden und Entbehrungen bewies die kleine Schar

jedoch einen wahren Heldenmut. In einem an den Sekretär Burnett

gerichteten Brief vom 2. Oktober 1844 hat Robinson später die Schrecken

geschildert, welche sie umgaben. Er sagt, die Eingeborenen hätten ein

förmliches Grauen vor den furchtbaren Bergpässen gehabt; sieben Tage

lang seien sie über ›endlose Eisfelder gewandert, wo die Schwarzen

oft über die Hüften im Schnee versanken‹. Doch der ermutigende Zuruf

ihres hochherzigen Freundes hielt die armen, schlecht gekleideten und

genährten, bis aufs äußerste ermatteten Männer und Weiber immer wieder

aufrecht, und sie wankten nicht in ihrer Ergebenheit.«

Bonwick, der uns dies alles schildert, sagt auch, daß Robinsons

friedlicher Sieg über den Big River-Stamm die größte Tat war, die

er vollbracht hat. Dieser Stamm stand unter dem allergefürchtetsten

Häuptling und war der Schrecken der ganzen Kolonie. Lange mußte

Robinson suchen und Drangsale aller Art durchmachen, bis er die

grimmigen schwarzen Krieger endlich im Westen einer wilden Berggegend

des Innern fand. Jetzt kam der entscheidende Augenblick. War auch das

Unternehmen bisher von Erfolg gekrönt gewesen, so hoffte doch Robinson

hier selbst auf kein Gelingen; er glaubte, seine Todesstunde sei

gekommen.

In drohender Haltung, den achtzehn Fuß langen Speer in der Hand,

stand der fürchterliche Häuptling da, hinter ihm seine kampfbereiten

Krieger mit haßerfüllten Mienen, aus denen der alte Ingrimm gegen die

weiße Rasse sprach. »Sie rasselten mit den Speeren und stießen ihr

Kriegsgeschrei aus.« Die Weiber hielten einen neuen Vorrat von Waffen

bereit, und alle harrten nur auf das Zeichen des Häuptlings zum Angriff.

Da nahm Robinson seinen ganzen Mut und alle Ueberredungskunst zusammen.

Er begann seine Ansprache in des Stammes eigenem Dialekt, was den

Häuptling verwunderte und ihm zu gefallen schien.

»Wer seid ihr?« fragte er.

»Eure Freunde.«

»Wo sind eure Schießgewehre?«

»Wir haben keine.«

Der Krieger staunte.

»Und eure kleinen Flinten (Pistolen)?«

»Wir haben keine.«

Es vergingen einige Minuten -- die Stammesgenossen berieten

untereinander. Inzwischen hatten sich Robinsons eingeborene

Begleiterinnen zu den wilden Frauen hinübergewagt, um sie günstig zu

stimmen. Der Häuptling aber trat zu den alten Weibern, welchen »die

eigentliche Entscheidung über Krieg oder Frieden oblag,« um mit ihnen

zu beraten.

»Auf das Schlimmste gefaßt,« fährt Bonwick fort, »harrte die kleine

beherzte Schar des Ausgangs; ihre ängstliche Spannung war jedoch nur

von kurzer Dauer. Da reckten die Frauen des Stammes dreimal die Arme in

die Höhe, das war ein untrügliches Friedenszeichen. Die Speere senkten

sich, und mit einem Seufzer der Erleichterung aus tiefer Brust und

einem dankbaren Blick nach oben wagten die Geretteten näher heran zu

treten. Als die Wilden in ihren Reihen Angehörige des eigenen Stammes

erblickten, stürzten sie jubelnd und weinend auf sie zu. Nun folgte ein

allgemeines Freudenfest, und mit Lachen und frohen Tänzen endete der

ereignisreiche Tag.

»So war auch dieser gefürchtete Stamm zu friedlicher Unterwerfung

gebracht worden. Um eine Handvoll Feinde zu bekämpfen, die sich nur

mit hölzernen Speeren verteidigten, hatte die Regierung Riesensummen

verausgabt und die ganze Bevölkerung der Kolonie zu den Waffen

gerufen -- das erfuhr man jetzt mit Staunen und Ueberraschung. Der

berüchtigte Big River-Stamm, unter dem sich die Europäer in ihrer

Furcht ein ganzes Heer vorgestellt hatten, bestand nur aus sechzehn

Männern, neun Frauen und einem Kinde. Aber wieviel Unheil hatten sie

in der ganzen Gegend angerichtet, welche wunderbaren Märsche hatten

sie gemacht, wieviel Beweise von Mut und kriegerischer Tüchtigkeit

gegeben! Alle eingeborenen Völkerschaften, welche je den Engländern

Widerstand geleistet hatten, sowohl die Zulus in Afrika als die Maori

in Neuseeland und die Araber im Sudan waren besser mit Waffen versehen,

auch weit zahlreicher und erfahrener in der Kriegskunst als die

nackten Tasmanier, die sich als so gefährliche Feinde erwiesen. Mit

Recht hat sie der Gouverneur Arthur eine edle Rasse genannt.«

Ein wunderbares Volk, diese Eingeborenen! Man hätte sie nicht

aussterben lassen, sondern sie mit der weißen Rasse vermischen sollen;

dieser wäre das nur vorteilhaft gewesen, und den Eingeborenen hätte es

keinen Schaden getan. Statt dessen wurde das Leben jener kühnen, wilden

Menschenkinder unnütz vergeudet. Man pferchte sie auf den benachbarten

Inseln in kleinen Ansiedlungen zusammen und die Regierung nahm sich

ihrer väterlich an, ließ ihnen Religionsunterricht erteilen und verbot

ihnen das Tabakrauchen, weil der Superintendent der Sonntagsschule das

Tabakrauchen nicht leiden konnte und das Rauchen für sündhaft erklärte.

Die Eingeborenen waren weder an Kleider noch Häuser, noch regelmäßige

Zeiteinteilung gewöhnt, Kirche, Schule, Sonntagsfeier, Arbeit und alle

andern übelangebrachten Quälereien der Zivilisation hatten keinen Reiz

für sie, und sie wurden die Sehnsucht nach dem freien, ungebundenen

Leben in der Heimat nicht los. Zu spät bereuten sie, ihren Himmel

gegen diese Hölle eingetauscht zu haben. Klagend saßen sie auf den

fremden Felsenklippen und schauten Tag für Tag mit nassen Augen ins

Meer hinaus, wo in der Ferne ihr einstiges Paradies in nebligen

Umrissen auftauchte; so verzehrten sie sich einer nach dem andern in

ungestilltem Verlangen, bis ihnen das Herz vor Heimweh brach.

Nach einigen Jahren war nur noch ein kleiner Ueberrest am Leben. Wenige

schleppten sich weiter bis ins Alter. 1864 starb der letzte Mann und

1876 das letzte Weib; es lebte nun niemand mehr von den Spartanern

Australiens.

Selbst der gutherzigste Weiße ist nun und nimmermehr befähigt für das

Wohl der Wilden zu sorgen, das ist eine alte Erfahrung. Er sollte

nur einmal versuchen den Spieß umzudrehen und sich vorzustellen, wie

ihm zu Mute sein würde, wenn ein wohlmeinender Wilder ihm sein Haus,

seine Kirche, seine Kleider, Bücher und Leckerbissen nehmen und ihn

in eine schauerliche Einöde verbannen wollte, unter Sand und Klippen,

Schnee und Eis, Hagel, Sturm und Sonnenglut, wo Schlangen, Aas und

Gewürm seine einzige Nahrung wären und er kein Obdach, kein Lager,

keine Decke fände, um seinen nackten Leib zu schützen. Das wäre für

ihn die Hölle auf Erden. Warum kann er denn nun nicht einsehen, daß

seine Zivilisation für den Wilden genau solche Hölle ist? Wahrlich, er

sollte Verstand genug haben, um das zu begreifen; aber daran fehlt es

ihm eben, daran hat es ihm zu allen Zeiten gefehlt. Wie wäre er sonst

imstande gewesen, die unglücklichen Eingeborenen zu der entsetzlichen

Qual seiner Zivilisation zu verdammen, und ein solches Verbrechen

obendrein im besten Glauben zu begehen? -- Er sah die armen Geschöpfe

in ihrer Pein, schaute sie voll ratloser Unruhe an und ahnte nicht,

was ihnen fehlen könne. Fast tun uns jene Missetäter leid in ihrer

bodenlosen Unwissenheit; sie haben es so aufrichtig gemeint, sie

waren so reich an guten, menschenfreundlichen Absichten! Weshalb die

verbannten Wilden dahinstarben, war und blieb ihnen unbegreiflich, bis

endlich ein Mann in einem gleichen Fall in Neusüdwales den Ausspruch

tat: »_Sie vergingen vor dem Zorn Gottes, der vom Himmel offenbar wurde

gegen alle Sündhaftigkeit und Gottlosigkeit der Menschen._«

Das erklärt ja die Sache!

Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Wie gut, daß es Narren in der Welt gibt, die den klugen

Leuten zu ihrem Fortkommen helfen!

_Querkopf Wilsons Kalender._

»Im rechten Augenblick kommt auch der rechte Mann,« ist ein wahres

Sprichwort. Man muß nur Geduld haben, sein Kommen abzuwarten. In

Robinsons Fall dauerte das ein Vierteljahrhundert, aber als der

Augenblick da war, legte der ›Versöhner‹ seine Maurerkelle hin und

schritt zur Tat. Mir fällt dabei eine Geschichte ein, die mir ein

Kentuckier einmal im Eisenbahnzug erzählt hat; ich will sie hier

wiedergeben, so gut ich sie noch in der Erinnerung habe:

Schon einige Jahre vor Ausbruch des Bürgerkrieges erkannten einsichtige

Leute an deutlichen Zeichen, daß die Stadt Memphis in Tennessee bald

ein großer Stapelplatz für den Tabakhandel werden würde. Memphis hatte

ein Werftboot zum Löschen der Güter, an welches die einlaufenden

Dampfer anlegten. Aller Warenverkehr zwischen den Schiffen und dem

Ufer ging über das breite Deck des Werftbootes hinüber und herüber.

Zur Aufsicht war dabei eine Anzahl junger Beamter angestellt, die

natürlich während einiger Stunden sehr viel zu tun hatten, aber den

Rest des Tages müßig gingen und sich sterblich langweilten. In ihrem

Jugendübermut griffen sie mit Wonne nach dem ersten besten Zeitvertreib

und fanden ihr Hauptvergnügen darin, einander irgend welchen

Schabernack zu spielen. Zur Zielscheibe solcher Späße wählten sie meist

ihren Kameraden Eduard Jackson, der selbst nie jemand etwas zu leide

tat und sich leicht anführen ließ, weil er alles aufs Wort glaubte.

Eines Tages teilte er den Gefährten seinen Plan für die Ferien mit.

Er wollte in diesem Jahre weder auf die Jagd noch auf den Fischfang

gehen, sondern mit dem Sümmchen, das er von seinen vierzig Dollars

Monatsgehalt erspart hatte, eine Reise nach New York machen.

Das war ein großartiges Unternehmen; etwa so merkwürdig wie heutzutage

eine Reise um die Welt. Zuerst glaubten die jungen Leute, Ed sei ein

wenig übergeschnappt; als sie aber sahen, daß es sein Ernst war,

kamen sie sofort überein, daß man die Gelegenheit nicht vorbeigehen

lassen dürfe, ohne ihm einen Streich zu spielen. Es fand eine geheime

Beratung statt und bald war der Plan fertig. Man beschloß, daß einer

der Verschwörer einen Empfehlungsbrief für Ed an Kommodore Vanderbilt,

den berühmten New Yorker Millionär, verfassen solle. Das ließ sich ohne

Schwierigkeit ausführen, auch konnte man Ed leicht überreden den Brief

abzugeben. Aber, was er bei seiner Rückkehr nach Memphis tun würde,

war eine ernstere Frage. Bisher hatte er zwar in seiner Gutherzigkeit

alle Späße geduldig ertragen, diese waren jedoch harmlos gewesen und

nicht dazu angetan ihn öffentlich zu beschämen. Das grausame Spiel

aber, welches die Kameraden jetzt vorhatten, konnte ihnen gefährlich

werden. Er war ein Südländer und er würde sicherlich die Verschwörer

vor Wut umbringen wollen, sobald sie ihm in die Hände fielen! Den Plan

aufzugeben war aber unmöglich. Der herrliche Spaß mußte ausgeführt

werden, mochte daraus werden was wollte.

So wurde denn der Empfehlungsbrief mit aller Sorgfalt und

Ausführlichkeit in durchaus freundschaftlichem Tone entworfen und

›Alfred Fairchild‹ unterschrieben. Der Ueberbringer -- hieß es darin

-- sei der beste Freund vom Sohne des Briefstellers, ein wackerer

junger Mann und trefflicher Charakter, den der Kommodore mit Wohlwollen

aufnehmen möge. »Vielleicht,« -- so fuhr der Schreiber fort -- »hast du

mich, deinen alten Schulkameraden, in den langen Jahren ganz vergessen,

doch wird mein Andenken sofort wieder bei dir lebendig werden, wenn

ich dich daran erinnere, wie wir an jenem Abend den Obstgarten des

alten Stevenson zusammen geplündert haben. Weißt du noch, wie er auf

der Straße hinter uns dreinlief und wir querfeldein rannten, durch

das Hintergäßchen zurückkamen und uns bei seiner eigenen Köchin die

gestohlenen Aepfel für einen Hut voll Dampfnudeln eintauschten? Und

dann damals, als wir -- --« So ging es in dem Briefe immer weiter; alle

möglichen erfundenen Namen früherer Schulgefährten und ihre gemeinsamen

lustigen Streiche und Abenteuer wurden auf die anschaulichste und

geschickteste Weise hineingeflochten.

Als nun der junge Fairchild seinen Kameraden mit großer

Ernsthaftigkeit fragte, ob er einen Brief an Kommodore Vanderbilt zu

haben wünsche, war Eduard Jackson sehr erstaunt, wie sich nicht anders

erwarten ließ.

»Was,« rief er, »du kennst den großen Vanderbilt?!«

»Ich nicht, aber mein Vater. Sie waren zusammen auf der Schule.

Wenn du willst, könnte ich meinen Vater schon bitten, dir einen

Empfehlungsbrief zu schreiben. Ich weiß, er tut es mir zuliebe; in drei

Tagen hast du ihn in Händen.«

Ed fand kaum Worte um seine Freude und Erkenntlichkeit auszudrücken.

Als die drei Tage um waren, erhielt er das Empfehlungsschreiben und

reiste ab, nachdem er noch allen ein herzliches Lebewohl gesagt und

Fairchild dankbar die Hand gedrückt hatte. Als er fort war, wollten

sich die Kameraden im Jubel über den gelungenen Spaß zuerst vor Lachen

ausschütten, dann aber stiegen allerlei Zweifel in ihnen auf, ob die

Täuschung nicht schlimme Folgen haben könne, und sie gerieten in eine

recht kleinlaute Stimmung.

Bald nach seiner Ankunft in New York begab sich der junge Jackson nach

dem Geschäftshaus von Kommodore Vanderbilt und ward in ein großes

Vorzimmer geführt, wo ein paar Dutzend Leute geduldig harrten, bis die

Reihe an sie käme, auf zwei Minuten bei dem Millionär vorgelassen zu

werden. Ein Diener verlangte Jacksons Visitenkarte und erhielt statt

dessen den Brief.

Gleich darauf ward Ed in das Privatbureau geführt. Herr Vanderbilt war

allein und hielt den offenen Brief in der Hand.

»Bitte, nehmen Sie Platz, Herr -- hm --«

»Jackson.«

»Richtig -- also, bitte Herr Jackson, setzen Sie sich. Nach der

Einleitung zu urteilen kommt dieser Brief von einem Jugendfreunde.

Sie entschuldigen wohl -- ich will nur rasch sehen, was er enthält.

Da steht, wir hätten -- ja aber, wer schreibt denn das?« Er wandte

das Blatt und sah nach der Unterschrift. »Alfred Fairchild -- hm --

Fairchild -- der Name ist mir nicht erinnerlich. Kein Wunder -- wie

viele tausend Namen habe ich mit der Zeit vergessen. Und er weiß das

alles noch -- hm -- hm -- aber das ist wirklich gut -- ein köstlicher

Spaß! Ganz deutlich erinnere ich mich nicht daran -- nur eine leise

Ahnung habe ich noch, aber es wird mir wohl alles wieder einfallen.

Ja wahrhaftig, mir ist als sähe ich es vor mir -- nur undeutlich --

aber doch -- es ist ja auch schon so lange her -- auf einige von den

Namen besinne ich mich nicht genau -- aber es wird mir ganz warm ums

Herz dabei, als hätte ich meine verlorene Jugend wieder! -- Doch zu

Gefühlen ist jetzt keine Zeit, das Alltagsleben verlangt sein Recht

-- das Geschäft eilt und die Leute draußen warten -- ich will mir den

Schluß für heute nacht versparen, wenn ich zu Bett gehe -- und von

meinen Jugendtagen träumen. -- Wenn Sie Fairchild wiedersehen -- habe

ich ihn nicht damals Alf genannt? -- so danken Sie ihm herzlich in

meinem Namen und sagen Sie ihm, daß sein Brief mich mitten in meiner

Arbeitslast ordentlich erfrischt und verjüngt hat. Er soll mich stets

bereit finden, für ihn oder einen seiner Freunde alles zu tun, was in

meinen Kräften steht. Sie aber, lieber Jackson, sind mein Gast. Bleiben

Sie nur noch ein Weilchen hier sitzen, bis ich die Leute, die mich

sprechen wollen, abgefertigt habe, dann gehen wir zusammen nach Hause.

Verlassen Sie sich auf mich, mein Sohn, ich werde schon für Sie sorgen.«

Ed blieb eine Woche da und war glückselig. Er hatte keine Ahnung davon,

daß Vanderbilts scharfes Auge ihn täglich beobachtete, um seine Gaben

und Kräfte genau zu prüfen. In seinem Hochgenuß schrieb er gar nicht

nach Hause, sondern sparte alles auf, um es den Gefährten bei der

Heimkehr brühwarm zu erzählen.

Zweimal erinnerte er in größter Bescheidenheit daran, daß sein Besuch

wohl jetzt lange genug gewährt habe; doch der Kommodore erwiderte nur:

»Nein, gehen Sie noch nicht -- ich will Ihnen schon sagen, wann es Zeit

ist.«

Meine Reise um die Welt. Erste Abteilung · 第 14 / 17 段