Blank war ein Irländer, ein gebildeter, ernsthafter Mann, höflich und

freundlich in seinem Benehmen, unverheiratet und dem Ansehen nach 45,

höchstens 50 Jahre alt. Er suchte mich im Hotel auf und da hatten

wir die oben erwähnte Unterhaltung, bei der er mich gleich für sich

einzunehmen wußte, ohne daß es ihm irgend welche Mühe kostete. Teils

gefiel er mir um seines angenehmen, zuvorkommenden Wesens willen,

teils wegen der fabelhaften Vertrautheit mit meinen Werken, welche er

im Laufe des Gesprächs verriet. Er kannte sogar die allerneusten, und

ihr Inhalt war ihm so geläufig, als hätte er sie sein Lebenlang Wort

für Wort studiert. Das schmeichelte mir ungemein; noch nie war ich

so zufrieden mit mir selbst gewesen. Offenbar besaß der Mann einen

ungewöhnlichen Sinn für Humor, doch merkte man seinem Gesichtsausdruck

nichts davon an, er blieb immer ernsthaft und verzog keine Miene. Mich

aber brachte er die ganze Zeit über zum Lachen -- was recht anstrengend

war und zugleich ein großes Vergnügen -- denn alle Witze, die er zum

Besten gab, stammten aus meinen eigenen Büchern.

Beim Fortgehen wandte er sich an der Tür noch einmal um.

»Sie haben sich meiner wohl nicht mehr erinnert?« fragte er.

»Ich? -- Nein, wieso? Sind wir einander schon früher begegnet?«

»Das nicht, aber wir haben Briefe gewechselt.«

»Briefe?«

»Ja, vor vielen Jahren; es können zwölf oder fünfzehn Jahre sein --

vielleicht noch mehr. Aber natürlich --« er schwieg gedankenvoll und

fuhr dann fort: »An Schloß Corrigan werden Sie sich aber jedenfalls

erinnern?«

Nein, der Name kam mir ganz unbekannt vor. Einen Augenblick blieb Blank

mit der Klinke in der Hand zögernd stehen, dann sagte er, ich hätte

mich früher einmal für Schloß Corrigan interessiert; er würde gern

mit mir heute abend bei einem Glase heißen Grogs gemütlich darüber

plaudern, wenn ich ihn besuchen wollte. Da ich zum Mäßigkeitsverein

gehöre und mich freue einmal eine Ausnahme zu machen, nahm ich die

Einladung an.

Als meine Vorlesung um halb elf Uhr aus war, fuhren wir zusammen

nach seiner Wohnung, die sehr hübsch und geschmackvoll eingerichtet

ist und glänzend erleuchtet war. Gute Bilder hingen an den Wänden;

auf dem Kaminsims, in Nischen und Ecken standen allerlei indische

und japanische Vasen und sonstige Zierate; Bücher sah man, wohin man

blickte -- größtenteils meine Werke, was mich mit Stolz erfüllte. Ich

lehnte mich behaglich in die weichen Kissen des Armstuhls zurück und

zündete mir eine Zigarre an. Als der Grog gebraut war, schob mir Blank

einen Briefbogen hin und fragte:

»Kennen Sie das?«

Und ob ich es kannte! Das Papier trug ein verschlungenes Monogramm in

Gold, Rot und Blau, wie es vor Jahren in England Mode gewesen, und

darunter stand in saubern, gotischen Buchstaben mit blauer Druckschrift:

=Mark Twain-Klub=

=Schloß Corrigan

den ... 187...=

»Merkwürdig!« sagte ich. »Wie kommt das in Ihre Hände?«

»Ich war Präsident des Klubs.«

»Nicht möglich! Sie --«

»Jawohl, der erste Präsident. Alljährlich wurde ich wieder gewählt,

solange die Versammlungen in meinem Schloß -- Corrigan -- stattfanden,

fünf Jahre lang.«

Nun zeigte er mir ein Album mit dreiundzwanzig Photographien meiner

Person. Fünf davon waren älteren Datums, die übrigen aus späteren

Jahren; das letzte Bild der Sammlung war erst vor einem Monat bei Falk

in Sydney gemacht.

»Die fünf ersten haben Sie uns geschickt; die übrigen sind gekauft.«

Ich fühlte mich wie im Paradiese. Bis spät in die Nacht hinein saßen

wir beisammen und plauderten ohne Ende über den Mark Twain-Klub vom

Corrigan-Schloß in Irland.

Die erste Kenntnis von diesem Klub hatte ich vor etwa zwanzig

Jahren durch einen verbindlichen Brief auf einem Bogen von der

oben beschriebenen Sorte erhalten, dessen Unterschrift lautete:

»Im Auftrag des Präsidenten. -- C. Pembroke, Sekretär.« Mir wurde

darin gemeldet, der Klub sei mir zu Ehren gegründet worden und man

hoffe, ich werde gegen diesen Beweis der Anerkennung, die man meiner

schriftstellerischen Tätigkeit zolle, nichts einzuwenden haben.

Natürlich sandte ich den gebührendsten Dank und gab mir dabei große

Mühe, meine innere Genugtuung nicht allzusehr durchblicken zu lassen.

Nun begann ein langer Briefwechsel. Mir wurden die Namen der

zweiunddreißig Mitglieder und die Liste des Vorstands: Präsident,

Vizepräsident, Sekretär, Schatzmeister u. s. w. zugeschickt, sowie

der Plan für die Zusammenkünfte, nebst einer Abschrift der Statuten

und anderweitigen Bestimmungen. Einmal monatlich sollten Artikel über

meine Werke verlesen werden und allgemeine, zwanglose Besprechungen

stattfinden; alle Vierteljahre aber eine Geschäftsverhandlung mit

darauffolgendem Abendessen und Tischreden gehalten werden. Die

Zuschrift machte mir große Freude, da sie bewies, mit wieviel Eifer und

Interesse die Mitglieder bei der Sache waren. Zum Schluß bat man um

meine Photographie und ich ging sofort hin, ließ mein Bild machen und

schickte es -- natürlich mit einem Briefe.

Zunächst erhielt ich das Abzeichen des Klubs, ein wahres kleines

Kunstwerk in seiner Art. Auf einem vergoldeten Untergestell erhob

sich ein malerisches Gewirr von Grashalmen und Binsen, daraus schaute

ein emaillierter Frosch hervor, der eine goldene Nadel auf dem

Rücken trug. Fiel das Licht seitwärts darauf, so sah man, daß die

zarten Binsenstengel sich zu einem Monogramm verschlangen -- es war

das meinige! -- Dies kostbare kleine Ding machte mir ein förmlich

kindisches Vergnügen, und ich konnte mich gar nicht satt daran sehen.

Der Klub hielt nun regelmäßige Sitzungen und der Sekretär versah

mich mit reichlicher Beschäftigung für alle meine Mußestunden. Er

erstattete mir ausführlichen Bericht über die Besprechungen meiner

Bücher im Klub. Meistens teilte er sie mir nur in geistvollen Auszügen

mit, was ihm vortrefflich gelang, war aber eine Rede ungewöhnlich

interessant, so stenographierte er sie und schrieb die schönsten

Stellen wörtlich für mich auf. Letzteres tat er besonders bei den fünf

besten Rednern, deren Stil und Ausdrucksweise ebenso verschiedenartig

wie charakteristisch war. Im Laufe der Zeit ward ich mit den

Eigentümlichkeiten dieser fünf Herren so genau vertraut, daß ich über

die Person des jedesmaligen Redners nie den geringsten Zweifel hegte.

Die Berichte wurden mir monatlich eingeschickt, auf großen Foliobogen;

fünfundzwanzig engbeschriebene Seiten, von denen jede etwa sechshundert

Wörter enthielt. Eine Riesenarbeit! Das Schriftstück zu lesen war

trotz seiner Länge sehr unterhaltend, aber es kam unglücklicherweise

nicht allein, sondern war von einer ganzen Liste von Fragen über die

Bedeutung einzelner Stellen und Aussprüche in meinen Büchern begleitet,

auf die der Klub Antwort zu haben wünschte. Jedes Vierteljahr trafen

auch noch die Aufzeichnungen des Schatzmeisters, des Komitees und des

Revisors ein, sowie der Schlußbericht des Präsidenten. Ueber sämtliche

Zuschriften sollte ich meine Meinung abgeben und auch sonst zum Besten

des Klubs allen möglichen guten Rat erteilen.

Mit der Zeit bekam ich ein wahres Grauen vor diesen Sendungen, das

mehr und mehr zunahm, bis mich schon im voraus ein kalter Schauer

überlief, wenn ich nur daran dachte. Denn ich bin von Natur ein träger

Mensch und Briefschreiben ist mir ein Greuel. Sobald die Schriftstücke

ankamen, mußte ich aber, -- um meiner eigenen Gemütsruhe willen --

alles stehen und liegen lassen, mußte mich hinsetzen und mir den Kopf

zerbrechen, bis ich die Antwort glücklich zu stande gebracht hatte.

Im ersten Jahr ging es noch ziemlich gut, aber in den vier folgenden

Jahren war der Mark Twain-Klub vom Corrigan-Schloß meine Qual, mein

Schreckgespenst, der Fluch und das Elend meines Lebens. Auch bekam ich

einen förmlichen Abscheu davor, mich ewig photographieren zu lassen.

Fünf Jahre war ich regelmäßig zum Photographieren gegangen, in der

Hoffnung, den unersättlichen Klub endlich zufrieden zu stellen, da riß

mir der Geduldfaden. Ich empörte mich gegen den unerträglichen Druck,

raffte alle meine Kraft zusammen, zerbrach die Ketten und war wieder

ein freier, glücklicher Mensch. Von jenem Tage an verbrannte ich die

dicken Briefe des Sekretärs sofort nach ihrer Ankunft, und mit der Zeit

blieben sie ganz aus.

Als wir nun an jenem Abend in Bendigo gesellig beisammen saßen,

bekannte ich diese ganze Geschichte ohne jeglichen Rückhalt, und Blank

antwortete mir mit derselben Offenheit. Zuerst schickte er ein Wort

der Entschuldigung voraus und gestand dann freimütig: _er_ sei der Mark

Twain-Klub, und es gebe außer ihm gar keine Mitglieder.

Eigentlich hätte ich mich darüber schrecklich erbosen sollen, aber mir

war gar nicht zornig zu Mute. Blank sagte, er habe nie nötig gehabt,

sein Brot selber zu verdienen, und als er dreißig Jahre alt gewesen

sei, hätte sich der größte Lebensüberdruß seiner bemächtigt. Das Dasein

erschien ihm als Last und Plage, jedes Interesse war für ihn erloschen.

Er war der Verzweiflung nahe und trug sich mit Selbstmordgedanken.

Da kam ihm plötzlich der Einfall, einen Phantasie-Klub zu gründen,

und er machte sich voller Eifer und Hingebung ans Werk. Die Tätigkeit

beglückte ihn und sie wuchs zusehends unter seinen Händen; immer

schwieriger und verwickelter wurden die Geschäfte, die ihm anfänglich

so einfach erschienen. Jede Vergrößerung seines ursprünglichen Planes,

die er sich ausdachte, vermehrte seine Freude und verschaffte ihm neue

Interessen. Er machte selbst den Entwurf zu dem Abzeichen des Klubs,

änderte und besserte tagelang daran und bestellte es endlich in London.

Nur das _eine_ Exemplar für mich wurde gemacht, der ›übrige Klub‹ mußte

sich ohne Abzeichen behelfen.

Die zweiunddreißig Mitglieder und ihre Namen, die fünf besten Redner

und ihr verschiedenartiger Stil, waren lauter Erfindungen von ihm,

ihre Reden und die Berichte darüber verfaßte er selbst. Wenn es nach

ihm gegangen wäre, und ich nicht die Flinte ins Korn geworfen hätte,

würde er den Klub bis auf den heutigen Tag fortgeführt haben. An jedem

einzelnen Bericht hatte er wochenlang im Schweiße seines Angesichts zu

arbeiten. Die Beschäftigung freute ihn, sie machte ihm das Leben wieder

lieb, und er empfand es als einen schweren Schlag, daß er den Klub

eingehen lassen mußte. Auch das Schloß Corrigan lag weder in Irland

noch sonstwo -- er hatte es gleichfalls erfunden.

Eine wunderbare Geschichte von Anfang bis zu Ende! Mir war ein so

mühsam ausgeklügelter, lustiger und arbeitsreicher Spaß noch nie

vorgekommen. Alles in allem war er wirklich gar nicht so übel; ich

hörte Blank ordentlich mit Vergnügen zu, als er ihn mir erzählte, und

doch habe ich mein Lebtag, so lange ich denken kann, einen wahren

Abscheu vor derartigen Scherzen gehabt.

Zuletzt sagte er noch:

»Erinnern Sie sich wohl an einen Brief, der vor etwa fünfzehn Jahren

aus Melbourne bei Ihnen ankam und über Ihre Vorlesungstour in

Australien, Ihren Tod und Ihr Begräbnis berichtete? -- Ein Schreiben

von Henry Bascom, dem Besitzer von Bascom Hall in Upper Holywell?«

»Jawohl.«

»Den Brief habe ich verfaßt.«

»Was sagen Sie!?!«

»Ja, ich habe es getan; warum weiß ich nicht. Der Gedanke fuhr mir

plötzlich durch den Kopf, und ich führte ihn ohne weitere Ueberlegung

aus. Es war sehr unrecht und hätte großen Schaden anrichten können; ich

habe es oft bereut und bitte Sie um Verzeihung. Bascom hatte mich auf

seiner Reise um die Welt mitgenommen, er sprach oft von Ihnen und wie

angenehm ihm Ihre Besuche auf seiner Besitzung gewesen wären. Da kam

ich einmal in Melbourne auf den Einfall; ich ahmte seine Hand nach und

schrieb den Brief.«

So ward mir denn nach vielen, vielen Jahren auch dieses Geheimnis

aufgeklärt.

Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Es gibt Menschen, die im stande sind die edelsten Taten zu

vollbringen; nur _eines_ ist ihnen unmöglich, sie können

es nicht unterlassen, Unglücklichen von ihrem Glück zu

erzählen.

_Querkopf Wilsons Kalender._

Nachdem wir noch Maryborough und einige andere australische Städte

besucht hatten, schifften wir uns nach Neuseeland ein. Wenn es nicht

den Anschein hätte, als wollte ich mich mit meiner Weisheit brüsten, so

würde ich dem Leser sagen, wo Neuseeland liegt. Aber es geht ihm gewiß,

wie es mir erging: er glaubt, daß er es schon weiß. Im allgemeinen ist

man nämlich der Ansicht, daß Neuseeland irgendwo dicht bei Australien

oder Asien liegt und man auf einer Brücke hinübergehen kann -- aber

das verhält sich nicht so. Neuseeland liegt nirgends dicht am Lande,

sondern ganz für sich. Am nächsten ist es noch an Australien, aber

doch durchaus nicht nahe, sondern zwölf- bis dreizehnhundert Meilen

entfernt, und eine Brücke gibt es nicht. Ich weiß das alles von einem

Professor der Yale-Universität, den ich kurz vor meiner Reise nach dem

Stillen Ozean auf einem Eriedampfer traf. Um mit ihm ins Gespräch

zu kommen, brachte ich die Rede auf Neuseeland, in der Meinung, er

werde nach einigen allgemeinen Bemerkungen dies Thema fallen lassen

und von andern, ihm geläufigeren Dingen sprechen. War nur erst

einmal das Eis gebrochen, so konnten wir Bekanntschaft machen und

uns angenehm unterhalten. Zu meiner Ueberraschung setzte ihn jedoch

meine Frage keineswegs in Verlegenheit, er schien sie vielmehr mit

Freuden zu begrüßen. Fließend, ohne Anstoß, frei und zuversichtlich

sprach er über den Gegenstand, während ich ihm mit Staunen und stets

wachsender Bewunderung zuhörte, denn ich sah, daß er nicht nur wußte,

wo Neuseeland lag, sondern auch dessen Geschichte, Politik, Religionen

und Handelsverkehr bis ins einzelne kannte, und in der Flora, Fauna

und Geologie, den Erzeugnissen und klimatischen Verhältnissen der

Insel genau bewandert war. Als er geendet hatte, starrte ich ihn

wie verzaubert an und sagte mir: der Mann weiß alles; im Reiche

menschlicher Erkenntnis herrscht er als König.

Da ich begierig war, ihn noch mehr Wunder verrichten zu sehen, stellte

ich ihm nun andere verfängliche Fragen, aber da erging er sich in

Gemeinplätzen und kam nicht vom Fleck. Sobald man Neuseeland nicht aufs

Tapet brachte, glich er dem seines Haupthaars beraubten Simson und war

schwach, wie andere Menschen auch. Dies Rätsel ging mir so sehr im

Kopf herum, daß ich alle Scheu überwand und ihn geradezu bat, es mir zu

erklären.

Zuerst machte er Ausflüchte, dann meinte er lachend, es verlohne

sich nicht der Mühe, die Sache in Dunkel zu hüllen, er wolle mir das

Geheimnis anvertrauen, und erzählte folgende Geschichte:

»Letzten Herbst saß ich eines Morgens daheim bei der Arbeit, als

eine Visitenkarte mit einem mir fremden Namen hereingebracht wurde;

darunter stand eine Zeile, welche besagte, daß der unbekannte

Besucher ein Professor der Theologie an der Wellington-Universität

in Neuseeland war. Das setzte mich in große Verlegenheit, wegen der

Kürze der Frist. Denn nach der Satzung unserer Hochschule mußte er

von einem Mitglied der Fakultät zu Tische gebeten werden und zwar

noch für den nämlichen Tag; die Einladung auf einen der folgenden zu

verschieben wäre ein Verstoß gegen die herrschende Sitte gewesen.

Diese verlangt außerdem, daß wenn ein fremder Gast zugegen ist, das

Tischgespräch mit einem schmeichelhaften Hinweis auf sein Land, dessen

große Männer, gelehrte Anstalten, Verdienste um den Kulturfortschritt

und dergleichen eingeleitet wird. Dafür ist natürlich der Wirt

verantwortlich; er muß entweder jene Bemerkungen selber machen oder

Sorge tragen, daß ein anderer es tut. Meine Not war groß; je mehr

ich mein Gedächtnis befragte, um so ängstlicher war mir zu Mute. Denn

ich wußte ja gar nichts von Neuseeland, außer allenfalls wo es lag,

nämlich irgendwo dicht bei Australien oder Asien, so daß man auf einer

Brücke hinübergehen kann. Aber vielleicht war selbst das nicht richtig

und jedenfalls genügte es nicht für das Tischgespräch. Es mußte ja

der ganzen Fakultät zur Schande gereichen, wenn ich, ein Professor

der ersten Universität Amerikas, eine so grobe Unwissenheit verriet;

natürlich würde der Gast es weiter erzählen und sich über mich lustig

machen.

»Mich überlief es heiß bei dem Gedanken. Ganz aufgeregt ging ich zu

meiner Frau, sagte ihr alles und bat sie mir beizustehen, worauf sie

vorschlug, sie wolle den Besuch einstweilen empfangen und sagen, ich

sei ausgegangen, werde aber sogleich wiederkommen. Inzwischen solle

ich zur Hintertür hinausschlüpfen und Professor Lawson ankündigen, daß

er den Fremden zu Tische bitten müsse. Lawson wisse ja alles und könne

gewiß die Ehre der Universität retten. Ich folgte ihrem Rat, ward aber

schwer enttäuscht. Lawson -- dies schrecklich gelehrte Haus -- wußte

nichts von Neuseeland, als daß es irgendwo dicht bei Australien oder

Asien läge und man auf einer Brücke hinübergehen könne. Also war ihm

alle seine Gelehrsamkeit nichts nütze, sie ließ ihn im Stich, wo er sie

am nötigsten brauchte.

»Was war zu tun? Der Ruf der Universität stand auf dem Spiel; wir

mußten die andern Mitglieder der Fakultät zu Hilfe holen. Vielleicht

wußte doch einer von ihnen mehr über Neuseeland als wir. Zuerst riefen

wir den Professor der Astronomie ans Telephon; er erwiderte, daß er nur

wisse, Neuseeland läge irgendwo dicht bei Australien oder Asien und man

ginge --

»Wir machten ›Schluß‹ und riefen den Professor der Biologie, welcher

sagte, es sei dicht bei Aust -- Abermals Schluß! -- Nein, das ging

nicht an, wir mußten einen andern Plan ausdenken. Lange überlegten wir

hin und her und trafen endlich folgende Entscheidung: Das Mittagessen

sollte bei Lawson stattfinden, und die Fakultät sofort per Telephon

benachrichtigt werden, daß sie sich vorbereiten und fleißig studieren

müsse, um nach acht und einer halben Stunde, wenn wir zu Tische kämen,

so genau über Neuseeland unterrichtet zu sein, daß wir vor dem Gast

nicht zu erröten brauchten. Um als gebildete Leute zu erscheinen,

mußten wir über Bevölkerungszahl, Politik, Regierungsform, Handel,

Steuern und Produkte des Landes Bescheid wissen, mußten seine alte

und neue Geschichte kennen, nebst den verschiedenen Religionen,

Gesetzen, klimatischen Verhältnissen, den Quellen, aus welchen sein

Einkommen floß und dergleichen mehr; kurz wir mußten die Karten und

das Konversationslexikon in- und auswendig lernen. Während wir uns so

das Nötigste einpaukten, sollten die Damen der Fakultät nach einander,

wie von ungefähr, zu meiner Frau herüber kommen und ihr beistehen, den

Neuseeländer festzuhalten, damit er ja nicht ins Freie gelangen und uns

bei unsern Studien stören könnte.

»Der Plan glückte vollkommen, aber er brachte alles zum Stillstand --

die ganze Kulturarbeit der Universität geriet plötzlich ins Stocken.

Die Annalen von Yale werden noch künftigen Geschlechtern von dem

denkwürdigen Feiertage erzählen, an welchem die Räder des Fortschritts

plötzlich gehemmt wurden und eine Sabbatstille eintrat, während die

Fakultät sich gebührend vorbereitete, um mit Ehren in Gegenwart des

Professors der Theologie aus Neuseeland bei Tische sitzen zu können.

»Als die Essensstunde kam, waren wir alle entsetzlich matt und müde,

aber wohl unterrichtet, das muß ich sagen. Unsere Kenntnisse waren

geradezu erstaunlich, und man konnte sich nicht genug wundern, wie

natürlich und ungezwungen sie uns von den Lippen flossen. Neuseeland

bildete ein völlig unerschöpfliches Thema der Unterhaltung.

»Auf einmal bemerkte jemand, daß unser Gast ganz verblüfft und stumm

dasaß, und wir waren sogleich eifrig bemüht, ihn in die Unterhaltung

zu ziehen. Da tat er den Mund auf und sprach uns in beredten Worten

eine so ehrliche, aufrichtige Bewunderung aus, daß die Fakultät davor

erröten mußte. Er sagte, er fühle sich unwürdig in der Gesellschaft

solcher Männer zu sitzen -- vor Staunen habe er geschwiegen, aber auch

vor Scham über seine Unwissenheit. ›Achtzehn Jahre lebe ich schon in

Neuseeland,‹ fuhr er fort, ›seit fünf Jahren bin ich Professor; ich

sollte das Land und seine Einrichtungen genau kennen und weiß doch so

gut wie nichts davon. Zu meiner Schande muß ich gestehen, daß ich in

diesen zwei Stunden bei Tische hundertmal mehr über Neuseeland erfahren

habe, als je zuvor in der ganzen langen Zeit. Darum, bitte, meine

Herren, lassen Sie mich schweigend zuhören und fahren Sie mit diesem

Gespräch fort, bei dem ich Ihnen wenigstens folgen kann. Wenn Sie

irgend ein anderes Thema wählen, um Ihre Gelehrsamkeit zu entfalten,

würde ich mir ja ganz wie verraten und verkauft vorkommen. Wer über ein

so kleines, unbedeutendes Stückchen Erde wie Neuseeland so genaue und

umfassende Kenntnis besitzt, was mag der erst alles von andern Dingen

wissen!‹« --

Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Die allgemeine Menschenliebe ist unser köstlichstes Gut --

aber, wie selten ist es auch!

_Querkopf Wilsons Kalender._

_Aus dem Tagebuch. 1. November._ Wir fahren zwischen Tasmanien, dem

früheren Vandiemensland, und den benachbarten Inseln hindurch. Von

diesen Inseln aus haben die armen verbannten Wilden weinend nach ihrem

verlorenen Heimatland hinübergeblickt, und vor Sehnsucht ist ihnen das

Herz gebrochen. Mich freut es, daß die Vertilgung der eingeborenen

Rassen jetzt ein Ende hat, da fast alle so gut wie ausgestorben sind.

Von den Ureinwohnern Tasmaniens lebt wenigstens kein einziger mehr.

James Bonwick sagt in der Einleitung seines Buches über die

›verschwundene tasmanische Rasse‹:

»Die Eingeborenen Tasmaniens glaubten, sie seien allein auf der Welt.

Ihre Haut war dunkel, ihre Augen glänzend; große Zähne, ein starker

Unterkiefer, wolliges Haar, ein gekräuselter Bart, eine platte Nase,

ein Leib voller Narben, wohlgeformte Füße und kleine Hände zeichneten

sie aus. Die zerstreuten Stämme leben von der Jagd, den Ackerbau

kannten sie nicht. Um Feuer zu machen, rieben sie zwei Holzstücke

aneinander und brieten das Fleisch in der Asche. Sie besaßen weder

Haus, noch Kochgerät, noch Kleidung außer rohen Tierfellen, hatten

keine festen Wohnsitze und brauchten auch keine.

»Aber, trotzdem sie auf der tiefsten Stufe der Barbarei standen,

waren sie weder einfältig noch unglücklich. In ihrer tausendjährigen

Abgeschlossenheit hatten sie sich nicht über den rohesten Zustand

erhoben, doch waren sie Menschen und konnten denken und fühlen.

»Sie hatten wenig leibliche, noch weniger seelische Bedürfnisse,

dienten keinen Götzen und kannten keine Form der Gottesverehrung; nur

das wilde, schauerliche Getöse von Sturm und Gewitter erfüllte sie mit

unbestimmter Furcht. Ganz der Erde angehörig, Kinder an Verständnis,

ohne höheres Streben, zufrieden mit der Nahrung und Freude, die ihnen

der Tag brachte, lebten sie sorglos dahin, wie ihre Väter vor ihnen.

»Da landete eine andere Rasse auf der Insel, die auch das springende

Känguruh verfolgte. Der Eingeborene sah einen Menschen gleich ihm,

aber weiß von Haut, welcher Kleider trug und mit dem Donner bewaffnet

war, den er aus dem Himmel entwendet hatte. In jene Täler und Wälder,

wo sich die farbige Rasse solange unbekümmert ihres Lebens gefreut

hatte, brachte der fremde Eindringling Mißtrauen und Arglist. Mit einem

Schlage war alles verwandelt und ein neuer Himmel wölbte sich über den

Menschenkindern.«

Die englische Flagge wurde aufgehißt und, wie in Sydney, eine

Verbrecherkolonie gegründet. Zwar hatte die Regierung strengen Befehl

erteilt, daß die Weißen den Eingeborenen freundlich begegnen und sie

in ihrer Lebensweise nicht stören sollten, aber schon im Jahre 1804

kam es zu einem blutigen Zusammenstoß. Bei einer Känguruhjagd stürmten

etwa vierhundert Eingeborene mit Frauen und Kindern den Berg hinunter;

den englischen Soldaten war die Art der Wilden neu; in der Meinung, das

bedeute einen kriegerischen Ueberfall, feuerten sie auf die harmlosen

Leute und töteten ihrer fünfzig. Die Gegenwart der Frauen und Kinder

war der sicherste Beweis friedlicher Gesinnung, aber das wußten die

Soldaten nicht.

Von da ab scheiterten alle Bemühungen, das Vertrauen der Eingeborenen

wieder zu gewinnen, und sie nährten einen unversöhnlichen Haß gegen

die Weißen. Kein Wunder, denn sie kamen fast nur mit dem Auswurf

derselben in Berührung: mit entflohenen Verbrechern, die als

sogenannte Buschranger in den Wäldern hausten und vor keiner Schandtat

zurückbebten und mit andern Bösewichten, meist früheren Deportierten,

die auf einsamen Stationen als Diener der Weißen zerstreut in der

Wildnis Tasmaniens wohnten, oft mit den Schwarzen in Streit gerieten

und sie niederschossen.

Meine Reise um die Welt. Erste Abteilung · 第 13 / 17 段