Die Elster war überall auf Feldern und Zäunen in Menge zu sehen. Dieser

schöne große Vogel hat schneeweiße Flecken und eine tiefe, volltönende

Singstimme. Früher soll er bescheiden und schüchtern gewesen sein,

aber seit er entdeckt hat, daß er der einzige Sänger von Australien

ist, fehlt es ihm nicht an Selbstbewußtsein. Eine zahme Elster zu haben

ist ein großes Vergnügen, denn sie besitzt alle Eigenschaften des

verzogenen Lieblings -- sie ist klug, mutwillig, unverschämt, kommt

nie, wenn man sie ruft, ist immer da, wo man sie nicht braucht und

übt sich mit großem Eifer im Ungehorsam. Man hält sie nicht im Käfig,

sondern läßt sie sich frei im Garten und Haus herumtreiben, gleich

dem Lachvogel. Ob sie sprechen kann weiß ich nicht, aber sie lernt

verschiedene Melodien singen und das Stehlen braucht man sie nicht

erst zu lehren. In Melbourne machte ich die Bekanntschaft einer zahmen

Elster, die seit mehreren Jahren bei einer Dame wohnte und der Meinung

war, das Haus gehöre ihr. Die Dame hatte sie abgerichtet und mußte nun

alles tun, was die Elster wollte. Der Vogel setzte seinen Willen stets

durch; sobald man seine Gegenwart nicht wünschte, kam er zum Vorschein,

er tyrannisierte den Hund und quälte die Katze schier zu Tode. Er

konnte viele Melodien und sang sie alle hinter einander ganz richtig

und im Takt, aber nur wenn er still sein sollte; forderte man ihn auf

zu singen, so war er verhindert und ging seiner Wege.

Lange war man der Meinung gewesen, daß in der dürren, wasserlosen

Umgegend von Horsham keine Obstbäume gedeihen könnten, aber die

landwirtschaftliche Schule hat den Gegenbeweis geliefert. Man zieht

Apfelsinen, Aprikosen, Zitronen, Mandeln, Pfirsiche, Kirschen,

achtundzwanzig verschiedene Apfelsorten, kurz alle möglichen Früchte in

reichster Fülle. Die Bäume schienen das Wasser nicht zu entbehren; sie

sahen sehr kräftig und wohlerhalten aus. Auch stellte man dort Versuche

an, um zu sehen, in welchem Erdboden dies oder jenes Gewächs am besten

gedeiht, und welches Klima ihm am meisten zusagt. Die Landwirte kommen

aus allen Gegenden Australiens herbei und holen sich in der Schule

guten Rat, wie sie ihr Land am vorteilhaftesten anbauen und den größten

Ertrag erzielen können.

Außer einigen Landwirten, welche die Anstalt besuchen, um sich

gründlicher auszubilden, kommen die meisten Zöglinge -- es waren

ihrer vierzig -- als gänzliche Neulinge aus den Städten. Mir schien

es sonderbar, daß junge Leute, die in der Stadt aufgewachsen sind,

Lust haben sollten, eine landwirtschaftliche Schule zu besuchen, aber

die Tatsache steht fest. Es sind sogar sehr tüchtige Schüler, die in

geistiger Beziehung über dem Durchschnittsstandpunkt der ländlichen

Bevölkerung stehen; sie bringen keine ererbten Vorurteile mit und

hängen nicht an uralten, törichten Mißbräuchen, die durch lange

Gewohnheit geheiligt sind.

An drei Tagen in der Woche arbeiten die Zöglinge von morgens bis

abends auf dem Felde, in der Baumschule und bei der Schafschur,

um die praktische Seite ihres Berufs zu erlernen. Die andern drei

Tage studieren sie und hören Vorlesungen über Chemie und ähnliche

Wissenschaften, die für die Landwirtschaft unentbehrlich sind. Wir

sahen die Schüler der zweiten Klasse bei der Schafschur ein Dutzend

Schafe scheren. Es geschah mit der Hand, nicht mit Maschinen. Das Schaf

wurde ergriffen, hingeworfen, festgehalten, und die Schüler nehmen ihm

rasch und geschickt seine Wolle ab. Manchmal schnitten sie freilich

auch ein Stückchen vom Schaf mit fort, aber das tun alle Schafscherer

ohne Gewissensbisse. Sie machen sogar noch weniger Aufhebens davon als

das Schaf selbst, schmieren rasch eine Salbe auf die Stelle und fahren

in ihrem Geschäft fort.

Das Vließ der Tiere war ganz unglaublich dick. Ehe das Schaf geschoren

ist, sieht es aus wie die dicke Frau im Zirkus, nachher gleicht

es einer hölzernen Bank. Die Wolle war bis auf die Haut glatt und

gleichmäßig abgeschnitten, sie kommt in einem Stück herunter und läßt

sich ausbreiten wie eine Decke.

Von Horsham fuhren wir mit der Bahn nach Stawell, das gleichfalls in

der Kolonie Viktoria liegt; in der Umgegend sind reiche Goldbergwerke.

Auf der Bank bewahrt man ein Fünflitermaß, das mit reinem, glänzendem

Goldstaub und Goldsand gefüllt ist, im Kassenschrank; es war ein

angenehmes Gefühl, ihn durch die Finger gleiten zu lassen, vielleicht

würde es noch angenehmer gewesen sein, wäre er daran kleben geblieben.

Auch ein paar Goldklumpen waren da, die sich nicht leicht heben ließen.

Sie hatten einen Wert von 7500 Dollars das Stück und kamen aus einem

ergiebigen Quarzbergwerk, von welchem zwei Drittel einer Dame gehören.

Ihr Einkommen beläuft sich monatlich auf 75000 Dollars; damit läßt sich

der Haushalt schon bestreiten.

In der Nähe von Stawell gibt es nicht nur Gold, sondern auch

ausgedehnte Weinberge, die ein treffliches Gewächs liefern. Am

berühmtesten ist der Musterweinberg des Herrn Irving, dessen

vorzüglicher Champagner und köstlicher Rotwein auch im Auslande beliebt

sind. Für Weißwein hat er vor zwei oder drei Jahren in Frankreich

einen Preis erhalten. Der Champagner wird in einem in den Felsen

gesprengten, unterirdischen Labyrinth aufbewahrt, um ihm während der

dreijährigen Lagerzeit, deren er zu seiner völligen Reife bedarf, eine

stets gleichmäßige Temperatur zu sichern. Ich habe in jenen Gewölben

120,000 Flaschen Champagner liegen sehen. Man sagt, daß die Bevölkerung

der Kolonie Viktoria, die sich auf eine Million beläuft, jährlich

25,000,000 Flaschen Champagner trinkt. Das müssen einmal durstige

Kehlen sein! -- Kürzlich hat die Regierung den Einfuhrzoll auf fremde

Weine heruntergesetzt. Solche Härten bringt der Schutzzoll mit sich.

Wenn ein Mann, im Vertrauen auf die bestehenden Gesetze, jahrelange

Arbeit und große Summen Geldes auf ein tüchtiges Unternehmen verwendet

hat, wird eines schönen Tages das Gesetz zu seinem Schaden umgeändert,

und die eigene Regierung raubt dem Unternehmer seinen rechtmäßigen

Gewinn.

Auf unserm Rückweg nach Stawell sahen wir die ›drei Schwestern‹, eine

merkwürdige Gruppe von Felsblöcken, die auf einer Hochebene liegen,

welche sich allmählich abdacht. Weit und breit ist kein Berg zu

sehen, von dem sie sich hätten loslösen können, vielleicht hat sie

das Gletschereis vor Urzeiten hergeführt. Es sind ganz ansehnliche

Felsstücke. Das eine ist so groß, glatt und ausgebaucht wie ein

Riesenballon in Kugelgestalt.

Die Straße führte durch einen Wald von großen, ausgetrockneten

Gummibäumen, die sehr trübselig dreinschauten; der Boden war

gelblichweiß, vermutlich eine Art Lehmerde. Von Zeit zu Zeit

begegneten wir großen Lastwagen, die von einer langen, doppelten Reihe

Ochsen gezogen wurden; sie fahren oft zweihundert Meilen weit, wie man

mir sagt, und tun den Eisenbahnen großen Abbruch, welche Eigentum der

Regierung sind und auf Staatskosten betrieben werden.

Die traurigen Gummibäume im gelben Lehmboden können als Sinnbild

der Geduld und Ergebung dienen. Zur Not behilft sich der Baum auch

ohne Wasser, doch hat er eine wahrhaft leidenschaftliche Begierde

danach. Auf eine Entfernung von fünfzig Fuß merkt der kluge Gummibaum,

wo Wasser im Boden verborgen ist, und sendet seine langen, dünnen

Wurzelfasern auf die Suche aus. Die finden es richtig und wissen ihm

beizukommen, wäre es auch durch eine sechs Zoll dicke Zementmauer. In

Stawell nahm eines Tages die Wassermenge einer Zementröhrenleitung

bedeutend ab und versiegte zuletzt ganz. Als man die Sache untersuchte,

ergab sich, daß das Rohr verstopft war; man fand es ganz angefüllt

mit einer undurchdringlichen Masse zarter, haarfeiner Wurzelfasern.

Zuerst konnte man sich gar nicht erklären, wie der Faserstoff in das

Rohr gekommen sei, bis man einen fast unsichtbaren Ritz entdeckte,

durch den die Wurzeln sich Einlaß verschafft hatten. Ein Gummibaum,

dessen Standort vierzig Fuß entfernt war, hatte das Rohr angezapft und

seither das Wasser getrunken.

In Australien bekommt der Reisende oft höchst ungewöhnliche

Wolkenbildungen zu Gesicht. So erging es uns auf dem Wege nach

Ballarat, weshalb wir bei dieser Reise mehr vom Himmel als von der

Erde sahen. Anfänglich war das ganze hohe Gewölbe mit winzigen,

blendend weißen Wölkchen bedeckt; sie hatten alle dieselbe Form,

waren an den Enden ausgefasert und durch gleiche Zwischenräume von

einander getrennt, wo das wundervolle Blau durchschimmerte. Es sah

aus, als würden zahllose Schneeflocken vom Sturmwind über den Himmel

gejagt; allmählich flossen die Flocken ineinander, es bildeten sich

lange Streifen und dazwischen mattfarbige Höhlungen, die sich in

scheinbarer Wellenbewegung fortwälzten, wie eine mächtig wogende See.

Dann wurden die Streifen immer dichter und teilten sich schließlich in

unzählige, hohe weiße Säulen von gleicher Größe, die sich quer über den

Himmelsraum perspektivisch aufstellten, so daß sie einen ungeheuren

Säulengang zu bilden schienen -- ohne Zweifel eine Luftspiegelung, die

aus den fernen Toren des Jenseits zurückgeworfen wurde.

Ehe man Ballarat erreicht, kommt man durch große dünne Strecken

hügligen Weidelands; hier und da weilt das Auge mit innigem Vergnügen

auf den goldgelben und dunkelgelben Ginsterhecken -- und auf dem

reizenden See. Der Gedankenstrich ist mit Fleiß eingefügt, um den Leser

aufzurütteln, damit er ja nicht vorübergeht ohne den See zu beachten.

Das wäre ein großer Verlust, denn die australische Eisenbahn führt zwar

häufig an trockenem Land, aber nur äußerst selten an einem schönen See

vorbei. Zweiundneunzig Grad im Schatten und dabei frische, balsamische,

köstliche Luft -- ein ganz herrliches Klima!

Vor sechsundvierzig Jahren war die Stelle, wo das heutige Ballarat

liegt, eine paradiesisch schöne Waldeinsamkeit. Keiner hatte je etwas

davon gehört. Aber am 25. August 1851 wurde in Australien hier zum

erstenmal eine größere Menge Gold entdeckt. Die wandernden Erzschürfer,

die es fanden, gewannen gleich am ersten Tage dritthalb Pfund Gold

im Wert von 600 Dollars. Schon nach ein paar Tagen wimmelte es dort

wie in einem Bienenstock -- eine Stadt war entstanden. Die Nachricht

von dem Goldfund hatte sich mit Blitzesschnelle nach allen Enden der

Welt verbreitet. So urplötzlich ist vielleicht nie zuvor ein Ort zu

allgemeiner Berühmtheit gelangt. Es war, als sei der Name ~BALLARAT~

mit Riesenbuchstaben an den Himmel geschrieben worden, wo alle Welt ihn

gleichzeitig lesen konnte.

Schon auf die Nachricht von den kleineren Goldfunden, die man

drei Monate früher in Australien gemacht hatte, waren Scharen von

Auswanderern nach Neusüdwales aufgebrochen; jetzt strömten ganze

Fluten herbei. In einem einzigen Monat kamen hunderttausend Menschen

aus England in Melbourne an und überschwemmten die Bergwerke. Die

Mannschaft der Schiffe, die sie herübergebracht hatten, zog mit

ihnen, dann folgten die Angestellten aus den Regierungsbureaus,

die Köche, Dienstmädchen, Kutscher, Kammerdiener und das übrige

Hausgesinde; desgleichen die Zimmerleute, Klempner, Buchdrucker,

Berichterstatter, Verleger, Anwälte, Klienten, Schenkwirte, Bummler,

Schwindler, Gauner, Dirnen, Krämer, Metzger, Bäcker, Doktoren,

Apotheker und Wärterinnen; auch die Polizei ging mit, und sogar hohe

Beamte gaben ihre vielbeneideten, angesehenen Stellungen auf, um sich

dem Zuge anzuschließen. Die lawinenartig wachsende Menge stürmte aus

Melbourne hinaus und ließ die Stadt verödet zurück. Es herrschte

eine Sabbatstille, alles war gelähmt und zum Stillstand gebracht;

die Schiffe lagen müßig vor Anker, jedes Leben schien erstorben, nur

Wolkenschatten huschten noch über die leeren Straßen.

Bald war die paradiesische Waldeinsamkeit in Ballarat zerstört: der

Boden aufgerissen, zerkratzt, durchwühlt und ausgeplündert in der

fieberhaften Gier nach den verborgenen Schätzen. Eine himmlische

Gegend zu Schanden zu machen, ihr alle Anmut, Schönheit und

Fruchtbarkeit zu rauben, und sie in eine Stätte des Grauens und

Entsetzens umzuwandeln, versteht wohl niemand besser als die Goldgräber.

Was für Reichtümer wurden aber auch gewonnen! Während der Zeit, die

man brauchte, um das Schiff zu entladen und neu zu befrachten, hatten

die Auswanderer schon ihr Glück gemacht und konnten mit Schätzen

beladen in derselben Kajüte auf immer heimkehren, in der sie arm übers

Meer gekommen waren. Das heißt nicht alle -- aber doch manche. Die

Zurückgebliebenen -- soweit sie Zeit und Tod noch verschont und ihre

unstäte Wanderlust sie nicht fortgetrieben hatte -- habe ich selbst

fünfundvierzig Jahre später in Ballarat gesehen. Einst waren sie jung

und lustig gewesen, jetzt sind sie altersgrau und ernsthaft. Nichts

bringt sie mehr in Aufregung; sie reden von früheren Tagen und leben in

der Vergangenheit, in Rückerinnerungen; die Gegenwart ist für sie nur

ein Traum.

In Ballarat kam das Gold häufig in Klumpen vor; man fand dort größere

als in Kalifornien, ja die größten in der ganzen Welt. Zwei solcher

Goldklumpen hatten zusammen einen Wert von 90000 Dollars und wogen

jeder etwa 180 Pfund. Man bot sie dem ersten besten Armen zum Geschenk

an, wenn er sie auf seine Schultern laden und forttragen könne. So

freigebig hatte der Ueberfluß an Gold die Leute bereits gemacht.

Zuerst war Ballarat eine Zeltstadt und es wimmelte darin wie in einem

Ameisenhaufen. Alle Welt war zufrieden und auch anscheinend glücklich.

Doch das dauerte nicht lange. Die Regierung forderte plötzlich eine

Grubensteuer und zwar eine der schlimmsten Art, denn nicht von dem,

was der Goldgräber gefunden hatte, sollte er die Abgabe zahlen,

sondern von dem, was er möglicherweise finden könnte. Es war eine

Konzessionssteuer, und wer sie nicht bezahlt hatte, durfte nicht

anfangen auf seiner Parzelle zu graben.

Machen wir uns einmal klar, was das heißen will: Kein anderes Geschäft

auf Erden ist so unsicher wie das Goldgraben. Die Parzelle kann gut

sein, aber auch völlig wertlos; sie macht ihren Eigentümer vielleicht

in einem Monat zum wohlhabenden Mann, aber er kann auch ein halbes Jahr

im Schweiße seines Angesichts arbeiten und Zeit und Kraft vergeuden,

weil das zu Tage geförderte Gold nicht die Kosten deckt. Es wäre

gar kein übler Plan, wenn die Regierung dem Bergmann monatlich eine

Summe vorschießen wollte, um ihm Lust zu machen, die Schätze der Erde

auszugraben; aber ihn monatlich im voraus zu besteuern, an so etwas

hätte man in Amerika auch nicht im Traum gedacht. Dort wurde weder für

die Parzelle selbst, noch für den Ertrag, mochte er groß oder klein

sein, irgend welche Abgabe bezahlt.

Die Goldgräber von Ballarat sandten Proteste, Klagen, Bittschriften

ein -- alles umsonst. Die Regierung beharrte auf ihrem Willen; sie

fuhr fort die Steuer zu erheben und zwar unter Gewaltmaßregeln, die

jeden freien Menschen aufs äußerste erbittern mußten. Da zog sich ein

grollendes Gewitter zusammen und der Ausbruch des Sturms ließ nicht

lange auf sich warten.

Es war nur eine kleine Revolution, aber politisch von großer Bedeutung

-- ein Kampf um die Freiheit, eine Auflehnung gegen Willkürherrschaft

und Bedrückung, wie ihn die englischen Barone einst gegen König Johann

geführt, wie er bei Concord und Lexington ausgefochten worden. Dies

neue Beispiel einer verlorenen Schlacht, durch die der Sieg gewonnen

wurde, ist zugleich das schönste, ruhmreichste Blatt in der Geschichte

Australiens -- das Volk weiß es und ist stolz darauf. Das Andenken der

Männer, die auf den Schanzen von Eureka gefallen sind, wird treulich

bewahrt, und Peter Lalor, ihrem Führer, hat man ein Denkmal errichtet.

Die oberen Bodenschichten bei Ballarat waren durch und durch voll Gold;

sie wurden umgegraben, zerwühlt, durchpflügt, zerkrümelt und ihres

kostbaren Schatzes beraubt. Dann ging man tiefer in die Erde hinein,

bis zu dem Kiesbett der alten Bäche und Flüsse; man folgte ihrem Lauf,

grub den Kies aus, förderte ihn eimerweise durch den Schacht zu Tage,

wo er ausgewaschen wurde und einen reichen Goldertrag lieferte. Einige

der größten Goldklumpen fand man in einem alten Flußbett, 180 Fuß unter

der Erde.

Zuletzt kamen die Quarzgänge an die Reihe. Das ist keine Arbeit für

mittellose Leute. Quarzbau und Pochwerke erfordern große Ausdauer,

Geduld und Kapitalien. Es bildeten sich bedeutende Aktiengesellschaften

und mehrere Jahrzehnte lang sind die Gruben jetzt mit Erfolg

ausgebeutet worden und haben reiche Schätze geliefert. Seit 1853 hat

man aus den Goldbergwerken von Ballarat, alles in allem, Gold im Wert

von über dreihundert Millionen Dollars gewonnen. Also hat dieser

kleine, auf der Erdkarte kaum erkennbare Fleck, in vierundvierzig

Jahren etwa ein Viertel von dem Ertrag gehabt, den ganz Kalifornien in

siebenundvierzig Jahren lieferte. Die Summe, welche von 1848 bis 1895

incl. aus Kalifornien bezogen wurde, beträgt nach statistischen Angaben

aus der Münze der Vereinigten Staaten 1265217217 Dollars.

Ballarat ist jetzt eine Stadt von kaum 40000 Einwohnern. Da es aber

in Australien liegt, besitzt es alle Einrichtungen und Vorzüge der

modernsten Kultur, was sich ganz von selbst versteht. Ich sollte wohl

endlich aufhören, diese Tatsache immer wieder zu erwähnen, aber es wird

mir schwer, weil es mich stets von neuem überrascht. So will ich denn

nur noch berichten, daß die kleine Stadt einen Park von 326 Morgen

Flächeninhalt besitzt und einen Blumengarten, der 83 Morgen groß, mit

den kostbarsten Farnkrautanlagen und ungewöhnlich schönen Statuen

geschmückt ist. Besonders bemerkenswert ist auch der künstliche See,

mit einer Ausdehnung von 600 Morgen, auf dem eine kleine Flotte von

Kähnen, Segelbooten und kleinen Vergnügungsdampfern schwimmt.

Vierundzwanzigstes Kapitel.

Klassisch nennt man Bücher, welche viel gelobt werden, die

aber kein Mensch liest.

_Querkopf Wilsons Kalender._

Wieder auf der Eisenbahn -- die Fahrt geht nach Bendigo.

* * * * *

_Aus dem Tagebuch: 23. Oktober._ Um sechs Uhr aufgestanden; Abfahrt

7.30; bald kamen wir nach Castlemaine, einem der ältesten und

ergiebigsten Goldfelder, wo wir bis 3.40 auf den Zug warten mußten,

der uns dann in einer Stunde nach Bendigo brachte. Mein Reisegefährte,

ein katholischer Priester, war ein weit besserer Mensch als ich, was

er jedoch nicht zu wissen schien; man mußte ihn lieb haben, weil er so

reich an Gemüt, Geist und Herz war. Er wird noch zu hohen Ehren kommen,

wird Bischof, Erzbischof und Kardinal werden. Und zuletzt hoffentlich

ein Erzengel. Dann wird er sich einmal in der Ewigkeit meiner erinnern,

wenn ich zu ihm sage: »Wissen Sie noch, wie wir mit einander von

Ballarat nach Bendigo gefahren sind -- damals, als Sie nur der einfache

Pater C. waren und ich nichts im Vergleich zu dem, was ich jetzt bin?«

Die Fahrt nach Bendigo hat wirklich volle neun Stunden in Anspruch

genommen. Wir würden sieben Stunden erspart haben, wären wir zu Fuß

gegangen. Aber wir hatten ja keine Eile.

Auch in der Gegend von Bendigo wurden einige der ersten großen

Goldlager entdeckt. Jetzt ist dort der Quarzbau in starkem Betrieb,

ein Geschäft, das mehr Verstand, Ruhe und Ausdauer erfordert als alle

andern, die ich kenne. Der Ort ist voll himmelhoher Schornsteine

und Fördermaschinen; er sieht aus wie eine Petroleumstadt. Nur ein

Beispiel, wieviel Geduld man braucht: Eine dortige Gesellschaft hat

die Tiefbohrungen und das Schürfen _elf Jahre lang_ ununterbrochen

fortgesetzt, ohne eine Spur von Gold zu finden oder auch nur einen

Pfennig Ersatz zu bekommen -- dann stieß sie plötzlich auf eine

Goldader und wurde steinreich. Die elfjährige Arbeit hatte 55000

Dollars gekostet und der erste Fund war ein Goldkorn, so groß wie ein

Stecknadelknopf. Man verwahrt es als ungeheure Kostbarkeit hinter

Schloß und Riegel; der Fremde darf es nur mit abgezogenem Hut in

ehrfurchtsvoller Scheu betrachten. Als man es mir zeigte, kannte

ich seine Geschichte noch nicht. »Es ist Gold,« ward mir gesagt;

»betrachten Sie es genau mit dem Vergrößerungsglas. Wieviel glauben Sie

wohl, daß es wert ist?«

»Etwa zwei Cents, sollte ich meinen, oder vier englische Heller,« war

meine Antwort.

»Hm. Es hat elftausend Pfund gekostet.«

»Sie spaßen wohl?«

»Durchaus nicht. Ballarat und Bendigo haben die drei berühmtesten

Goldklumpen der Welt geliefert und dies hier ist der merkwürdigste. Die

beiden andern haben jeder einen Wert von 9000 Pfund, aber dieser kostet

noch ein paar Tausend mehr. Er ist klein und unansehnlich, trägt jedoch

seinen Namen mit Recht. Er heißt Adam, weil er das erste Goldkorn der

Grube war, und Adams Kinder zählen nach Millionen.«

Jawohl, Geduld ist vonnöten. In einem andern Bergwerk wurde siebzehn

Jahre lang mit großen Unkosten gearbeitet, bis der Erfolg die Mühe

belohnte, und bei einem dritten mußte man sogar einundzwanzig Jahre auf

den Ertrag warten. In beiden Fällen ersetzten sich dann die Auslagen

innerhalb eines Jahres mit Zinseszins.

Bendigo hat noch mehr Schätze geerntet als Ballarat. Beide

zusammengenommen haben etwa Gold im Werte von 650000000 Dollars

geliefert -- halb so viel als Kalifornien.

Daß mein Aufenthalt in Bendigo sich so angenehm und interessant

gestaltete, war hauptsächlich das Verdienst eines gewissen Herrn

Blank. Er machte mir das selber klar, indem er versicherte, er habe

bewirkt, daß die Stadt für mich das Fest im Rathaus veranstaltete,

bei dem mir zu Ehren so viele Reden gehalten wurden, die ich dankend

erwidern durfte; auf seine Veranlassung hin habe man mit mir die schöne

Spazierfahrt durch die Stadt gemacht, um mir alle Sehenswürdigkeiten

zu zeigen; seinem Einfluß sei es zuzuschreiben, daß ich Gelegenheit

erhielt, die großen Bergwerke zu besichtigen und das Hospital, wo

der kranke Chinese lag, der acht Wochen zuvor um Mitternacht in

seiner einsamen Hütte von Räubern überfallen, durch sechsundvierzig

Dolchstöße verwundet und dann skalpiert worden war. Als ich an sein

Bett trat, saß der jammervoll zusammengeflickte und bepflasterte

Unglückliche da, und tat, als ob er eins meiner Bücher läse -- auch

das war eine Veranstaltung des Herrn Blank. Außerdem hatte er sich

nach Kräften bemüht, mir bei dem katholischen Erzbischof von Bendigo

eine Einladung zur Tafel auszuwirken und den anglikanischen Bischof zu

bewegen, eine Abendgesellschaft für mich zu geben. Seinem Einfluß war

es auch zu verdanken, daß der Chef aller Zeitungsredakteure mit mir

in die umliegenden Wälder fuhr, wo sich uns von einem Berggipfel der

herrlichste Ausblick über weite Täler und bewaldete Höhen bot, den ich

in ganz Australien genossen habe. Als mich Blank zuletzt fragte, was

mir in Bendigo den größten Eindruck gemacht hätte und ich erwiderte, es

sei der gemeinnützige Geist und gute Geschmack der Einwohner, der sie

bewogen habe, die Straßen hundertfünf Meilen lang mit schattigen Bäumen

zu bepflanzen -- da teilte er mir mit, daß dies auf seine Veranlassung

geschehen wäre.

Aber, ich stelle Blank vielleicht in ein falsches Licht. Er hat gar

nicht _gesagt_, ich hätte das alles seinem Einfluß zuzuschreiben -- das

wäre ja unhöflich gewesen. Er hat es nur durch die Blume zu verstehen

gegeben, in leisen Andeutungen, so daß ich es von ferne ahnen konnte,

wie man den Wohlgeruch spürt, von dem die Luft erfüllt ist, wenn man im

Sommer durch die Felder geht. Es lag auch in seinen Andeutungen keine

Spur von Prahlerei und Selbstbewußtsein, nichts was man hätte übel

nehmen können -- aber doch _gab er es zu verstehen_.

Meine Reise um die Welt. Erste Abteilung · 第 12 / 17 段