Dies war der Schauplatz, auf dem sich so manches Drama mit blutigem

Ausgang abgespielt hat. Es ließ sich auch kaum etwas Anderes erwarten,

wenn man alle Einzelheiten bedenkt: Die Stationen der Viehzüchter waren

über die ganze ungeheure Wildnis verteilt, kaum ein halbes Dutzend

Leute wohnten beisammen in meilenweiten Zwischenräumen. Sie hatten

große Herden, während die Eingeborenen bei dürftiger Nahrung stets

Hunger litten. Und doch war das Land ihr Eigentum; die Weißen hatten es

nicht gekauft, das konnten sie gar nicht, denn die Stämme besaßen keine

Häuptlinge. Niemand war da, der die Befugnis gehabt hätte, einen Handel

abzuschließen, auch wären die Neger außer stande gewesen, einen solchen

Wechsel des Landbesitzes zu begreifen. Ueberdies verachteten die weißen

Eindringlinge die Stämme, deren Grund und Boden sie in Besitz genommen

hatten, und zeigten ihnen ihre Geringschätzung bei jeder Gelegenheit.

Wie hätte da der Beginn der Feindseligkeiten lange ausbleiben können?

»Auf der Nie Nie-Station,« erzählt Mrs. Praed, »hatte der arglose

Squatter in einer dunklen Nacht seine Hütte, wie er glaubte, vor

jedem Angriff sicher verwahrt und lag, in seine Decke gewickelt, in

festem Schlummer. Da kamen die Schwarzen geräuschlos durch den Kamin

herabgeglitten und schlugen ihm den Schädel ein, während er schlief.«

Diese wenigen Zeilen geben uns einen klaren Einblick in den Stand

der Dinge. Der Kampf hatte begonnen und sollte nicht eher enden,

bis eine der beiden Parteien sich dauernd der Obergewalt bemächtigt

hatte. »Verrat lauerte auf beiden Seiten,« fährt die Erzählerin fort.

»Die Schwarzen töteten die Weißen, sobald diese unbeschützt waren,

und die Weißen erschlugen die Schwarzen massenhaft, ohne Gnade und

Barmherzigkeit, so daß sich mein kindliches Gerechtigkeitsgefühl oft

gewaltig darüber empörte ... Die Neger wurden für wenig besser als

Tiere geachtet und in einigen Fällen hat man sie förmlich _vertilgt wie

Ungeziefer_.

»Ich will nur ein Beispiel anführen: Ein Squatter, dessen Weideplatz

von Negern umschwärmt wurde, denen er feindliche Absichten zutraute,

trat vor seine Hüttentür und hielt ihnen eine Ansprache. Er sagte, es

sei jetzt Weihnachtszeit, und da pflegten alle Menschen sich gütlich zu

tun, sie möchten schwarz oder weiß sein. Nun habe er aber viel Mehl,

Rosinen und allerlei gute Dinge in der Vorratskammer, und er wolle

ihnen einen Pudding machen, wie sie ihn ihr Lebtag noch nicht gekostet

hätten, einen so großen Pudding, daß alle davon essen könnten, bis sie

satt wären. Die Neger hörten auf seine Worte, und da war es um sie

geschehen. Von dem Pudding bekam jeder sein Teil; aber am nächsten

Morgen ging lautes Heulen und Wehklagen durch das Lager. Der Zucker war

mit Arsenik vermischt gewesen.«

Eigentlich war der Squatter ganz in seinem Recht, verwerflich war

nur die Methode. Seine Gesinnung unterschied sich in nichts von

derjenigen, welche der zivilisierte Weiße gewöhnlich gegen den Neger

hegte, aber die Anwendung des Gifts war ungebräuchlich. Darin lag auch

meiner Meinung nach das hauptsächlichste Unrecht. Im übrigen scheint

mir sein Verfahren besser, menschenfreundlicher, rascher und weniger

unbarmherzig als manches andere, welches die Sitte geheiligt hat. Vor

der Anwendung so ungewöhnlicher Mittel muß man sich hüten, weil sie

die Einbildungskraft des Publikums auf krankhafte Weise beschäftigen.

Sie machen den Eindruck nutzloser Grausamkeit und bringen unsere

Zivilisation in Verruf, was bei den alten gewalttätigen Methoden nicht

der Fall ist, weil sie längst hergebracht und also unschuldig sind. In

vielen Ländern haben wir den Wilden angekettet und Hungers sterben

lassen oder ihn am Marterpfahl verbrannt; wir haben die Schwarzen,

samt Frauen und Kindern, mit Hunden durch Wälder und Sümpfe gehetzt,

um uns ein Jagdvergnügen zu machen und haben uns totlachen wollen über

ihre verzweifelten Sprünge, ihr Geschrei und ihr Flehen um Erbarmen.

Wo wir konnten, haben wir dem Neger Grund und Boden genommen und

ihn zu unserem Sklaven gemacht; wir haben ihm täglich die Peitsche

gegeben, seinen Stolz gebrochen, ihn gezwungen zu arbeiten, bis er vor

Erschöpfung zusammenbrach und den Tod als sein einziges Heil ansah.

Wäre es da nicht im Vergleich eine wahre Wohltat gewesen, ihn rasch

durch Gift zu töten? -- Noch heute bleiben wir im Matabele-Land der

vom Alter geheiligten Sitte treu, wir südafrikanischen Millionäre

und englischen Herzöge -- kein Mensch macht ein Aufhebens davon; wer

möchte auch an den alten heiligen Bräuchen rütteln? Wir verlangen nur,

daß keine neuen, aufregenden Methoden eingeführt werden, die unsere

Gewissensruhe stören. Mrs. Praed sagt über den Giftmischer: »Dieser

Squatter verdient, daß sein Name für alle Zeiten mit Abscheu von der

Nachwelt genannt werde.«

Es tut mir leid, dies Urteil zu hören. Ich selbst habe, wie gesagt,

nur das _eine_ an dem Menschen auszusetzen, daß er eine neue Methode

eingeführt hat, die geeignet _ist_, ein schlechtes Licht auf unsere

Zivilisation zu werfen. Das hätte er bleiben lassen sollen. Im übrigen

zeichnete sich dieser Squatter in mancher Beziehung vorteilhaft aus.

Wenn er irrte, so war daran mehr sein Verstand schuld als sein Herz.

Er ist fast der einzige Pionier unserer Zivilisation, von dem die

Geschichte erzählt, daß er sich über die angeerbten Vorurteile seiner

Kaste hinwegzusetzen vermochte und versucht hat, bei dem Verkehr der

höher begabten Rasse mit dem Wilden menschliches Erbarmen walten zu

lassen. Es ist zu beklagen, daß man seinen Namen nicht kennt, denn er

verdient von der Nachwelt mit Preis und Verehrung genannt zu werden.

In einer Londoner Zeitung stand folgender Artikel zu lesen:

»Wenn wir wissen wollen, auf welche Weise Frankreich die Segnungen

der Zivilisation in seinen auswärtigen Besitzungen verbreitet, so

brauchen wir nur einen Blick nach Neu-Kaledonien zu werfen. Um freie

Ansiedler zur Auswanderung nach dieser Strafkolonie zu bewegen, nahm

M. Feillet, der Gouverneur, den Kanakas ihre besten Pflanzungen

zwangsweise fort und gab ihnen dafür eine lächerliche Entschädigung,

trotz des Einspruchs, den der Generalrat der Insel dagegen erhob. Wer

sich entschloß, übers Meer zu fahren, um sich dort niederzulassen,

wurde sofort Besitzer von zahlreichen Kaffee-, Kakao-, Bananen- und

Brotfruchtbäumen, welche die armen Eingeborenen unter jahrelanger Mühe

und Arbeit großgezogen hatten; diese selber aber behielten nichts, als

ein paar Frankenstücke, die sie in den Branntweinschenken von Noumea

vertrinken konnten.«

Was ist das anders als Beraubung, Unterdrückung und langsamer Mord

durch Mangel und durch das Feuerwasser der Weißen? Der einzige edle,

großmütige und selbstlose Freund, den der Neger je gehabt hat, war

leider nicht zur Stelle, um ihm mit seinem vergifteten Pudding ein

gnädiges, rasches Ende zu bereiten.

Es gibt wunderliche Dinge in der Welt; aber eins der lächerlichsten ist

die Einbildung des weißen Mannes, daß er weniger barbarisch sei als die

andern Wilden.

Die Australneger pflegen sich im allgemeinen nicht von der romantischen

Seite zu zeigen, bis auf einzelne Ausnahmen. Mrs. Praed erwähnt ein

solches Beispiel. Zur Zeit als die Weißen und Schwarzen einander im

ganzen Lande verfolgten und umbrachten, reiste Mr. Murray, (der Vater

von Mrs. Praed) mit Frau und Kindern und einigen schwarzen Dienern

durch die Wildnis, um einer ihm befreundeten Familie beizustehen.

Unterwegs rasteten sie in einer Gegend, wo ein gewisser Donga Billy,

ein starker und berühmter schwarzer Krieger, häufig mit seinen

Gefährten umherschweifte. Bald bemerkte man denn auch die Spuren eines

Negerlagers in nächster Nähe.

»Es stand kein Mond am tiefblauen Himmel,« sagt Mrs. Praed, »nur die

lieben Sterne leuchteten durch die Nacht -- der Orion, das Unterste

zu oberst gekehrt, der Skorpion, das Kreuz des Südens -- und das

Lagerfeuer erhellte einen dunkeln Fleck Erde, wo hohes Gras über alten

Baumstämmen wucherte. Neben den mächtigen Gummibäumen nahmen sich die

Grasbäume mit den langen Büscheln ganz gespensterhaft aus; wie müde

Schildwachen hielten sie ihre braunen Speere in schräger Richtung.

In das Summen der Insekten mischte sich das klägliche Geschrei der

Nachtvögel und das Stampfen der Rosse. Mein Vater saß am Feuer,

beschäftigt, sich eine Peitschenschnur zu flechten, als ich unsern

Tombo heranschleichen sah.

»›Massa, ich glaube es lauern wilde Schwarze im Hinterhalt.‹

»Kaum hatte er das gesagt, als eine zweite dunkle Gestalt aus dem

Schatten der Bäume herangeschlichen kam -- ein Neger, der nur einen

Gürtel trug, sonst war er unbekleidet und mit roter und blauer Farbe

tätowiert und bemalt; am Halse hatte er Schnüre von Schilfperlen und

auf seiner starken Brust hing ein Amulett aus Knochen. Er war mit

Speer, Bumerang und Nulla-Nulla versehen, doch hielt er die Waffen

nicht zum Angriff bereit. Es lag etwas Freimütiges und Furchtloses in

seinem Wesen; offenbar hatte er weder nächtlichen Verrat noch sonst

einen Mordplan im Sinne.

»Mein Vater blickte auf und sah den Schwarzen. Doch griff er nicht nach

seiner Flinte, die in der Nähe des Platzes, wo er saß, an einem Baum

lehnte. Nun entspann sich die folgende Unterhaltung:

»›Murray?‹

»›Ja.‹

»›Ich bin Donga Billy. Meine schwarzen Gefährten sagen, du bist böse

auf mich.‹

»›Ja‹, wiederholte mein Vater mit unerschütterlicher Ruhe; dann

erklärte er, Donga Billy habe häufig auf den Ansiedlungen, die er

besuche, Aufruhr erregt und die Schwarzen veranlaßt, das Vieh mit

Speerwürfen zu töten, deshalb werde er seine Gegenwart in Naraigin, wo

er wohne, nicht dulden.

»›Gut!‹ lautete die Antwort. ›Ich fürchte mich nicht. Ich werde nach

Naraigin kommen. Wenn du böse bist, wirst du eine Pistole nehmen und

ich habe Speer, Nulla-Nulla und Bumerang. Wir wollen sehen, wer von uns

am stärksten ist und den andern tötet.‹

»Als Donga Billy mit seiner Rede fertig war, richtete er sich stolz in

die Höhe wie ein Held und wartete, ob die Herausforderung angenommen

würde.

»›Ja. Ich verstehe. Aber gehe jetzt weg!‹

»›Gut; ich gehe!‹ und er entfernte sich.

»Es vergingen einige Wochen, dann trafen sich die beiden in der

Schlacht. Donga Billy gehörte zu den wenigen Schwarzen, die sich ihrem

Gegner im offenen Kampfe stellen. Dies war vielleicht die erste und

letzte Gelegenheit im Leben des mutigen Eingeborenen, seine Waffen

gegen die Verteidigungsmittel der Weißen zu erproben. Mein Vater

erinnerte sich an jene Herausforderung und suchte ihn im Kampfe auf.

Donga Billy trat ihm tapfer gegenüber und focht wie ein Mann. Meines

Vaters Pferd ward vom Speer getroffen und er selbst mit dem Bumerang

schwer verwundet; aber die Pistole behielt die Oberhand und Donga Billy

ward zu seinen Vätern versammelt.«

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Es gibt auf der Welt nichts so Unzuverlässiges wie unsere

linke Hand, außer der Taschenuhr einer Dame.

_Querkopf Wilsons Kalender._

Man merkt gleich, daß Mrs. Praed eine geborene Schriftstellerin ist:

sie schildert die Dinge so, daß man sie leibhaftig vor sich sieht. Mit

diesem Talent steht sie jedoch nicht allein; Australien ist reich an

Verfassern, in deren Schriften sich die Geschichte des Landes und das

Leben seiner Bewohner getreu widerspiegelt. Aus dem trefflichen Stoff,

der sich ihnen in Fülle bot, haben Marcus Clarke, Ralph Baldrewood,

Gordon, Kendall und andere, eine glänzende, lebenskräftige Literatur

entwickelt, die ihren Platz dauernd behaupten wird. Wahrlich, an Stoff

ist kein Mangel! Ueber die Ureinwohner allein könnte man eine ganze

Büchersammlung schreiben, so bunt und mannigfaltig sind ihre Sitten

und Charaktere, so ganz verschieden von allem Hergebrachten, das für

uns den Reiz der Neuheit verloren hat. Man braucht die romantische

Einkleidung nicht erst zu erfinden, sie bietet sich ganz von selber

dar. In der Geschichte der Ureinwohner, welche die Weißen aufgezeichnet

haben und in ihren Archiven bewahren, findet man alle Fehler und

Tugenden wieder, die ein Menschenkind nur jemals besessen hat:

Der eingeborene Australier ist ein Feigling -- das beweisen zahllose

Beispiele; aber in tausend Fällen hat er auch große Tapferkeit an

den Tag gelegt. Wie verräterisch er ist, läßt sich kaum mit Worten

sagen; doch ist er auch treu, anhänglich und wahrhaftig, was durch

manche edle, hochherzige Tat aufs rührendste und schönste bezeugt

wird. Oft hat er den halb verhungerten Fremden, der ihn um Nahrung

und Obdach bat, erbarmungslos umgebracht, dagegen aber auch einem

verirrten Weißen bereitwillig Hilfe geleistet, der noch tags zuvor

ohne jede Veranlassung auf ihn geschossen hatte, er hat ihn gespeist,

getränkt und ihm den sicheren Weg gezeigt -- auch dafür gibt es

Beweise. Der Wilde entführt seine widerstrebende Braut mit Gewalt,

wirbt mit Keulenschlägen um ihre Gunst und liebt sie dann treulich

ihr Leben lang. Stirbt sie, so nimmt er auf gleiche Art eine andere

Frau, mißhandelt sie täglich zur bloßen Kurzweil und gibt bei

Gelegenheit sein Leben hin, um sie zu schützen, falls ihr von außen

Gefahr droht. Er stellt sich hundert Feinden kühn entgegen, wenn es

gilt, eines seiner Kinder zu retten, und tötet ein anderes Kind mit

eigener Hand, weil er keine zu zahlreiche Familie haben will. Ihn

ekelt vor mancherlei, womit der Weiße sich nährt; aber verdorbene

Fische, gebratenes Hundefleisch, Katzen und Ratten ißt er gern, ja,

er verspeist seinen eigenen Oheim mit besonderem Behagen. Er ist ein

geselliges Geschöpf; doch wenn er seine Schwiegermutter vorbeigehen

sieht, weicht er ihr aus und versteckt sich hinter seinen Schild. Vor

Gespenstern und etwaigen Zufälligkeiten, die seine Seele gefährden

könnten, hat er eine kindische Furcht; drohen ihm aber körperliche

Schmerzen, so kennt er weder Schwäche noch Angst. Allen großen

Sternbildern und selbst vielen kleinen hat der Australneger Namen

gegeben. Er besitzt eine Zeichenschrift, durch welche er Botschaften

an nahe oder ferne Stämme senden kann; auch hat er ein richtiges Auge

für Form und Ausdruck und versteht ein gutes Bild zu zeichnen. Sein

scharfer Blick erkennt die Spur eines Flüchtlings, wo der Weiße nichts

zu sehen vermag, selbst der klügste Europäer begreift nicht, auf

welche Weise er die Fährte entdeckt. Er hat ein Wurfgeschoß erfunden,

das der Weiße lange Zeit vergebens gesucht hat nachzuahmen und über

dessen geheimnisvolle Kraft sich die Mathematiker siebzig Jahre lang

vergebens die Köpfe zerbrochen haben. Der Eingeborene verrichtet

Wunder damit, die dem Weißen ein Rätsel bleiben, selbst wenn man ihm

sagt, wie sie gemacht werden. Kurz, innerhalb gewisser Grenzen ist

der Wilde so aufgeweckt und zeigt einen so scharfen Verstand, wie nur

irgend ein Geschöpf Gottes, und doch ist der Aermste weder im stande

gewesen, ein Zahlensystem auszudenken, das über fünf hinausgeht, noch

ein Gefäß herzustellen, in dem man das Wasser zum Kochen bringen kann.

Es gibt keine zweite Rasse auf Erden, die so merkwürdige Gegensätze

in sich vereinigt; zwar ist sie so gut wie ausgestorben, aber ihre

eigentümlichen Charakterzüge werden in Geschichte und Ueberlieferung

unvergänglich fortleben.

Die folgenden Einzelheiten sind persönlichen Beobachtungen

des Regierungsbeamten Philipp Chauncy entnommen, welche er in

seinem Bericht über die Eingeborenen für das Archiv von Viktoria

zusammengestellt hat. Er rühmt besonders die Schärfe und Genauigkeit

ihres Blicks im Verfolgen der Richtung, die ein Wurfgeschoß nehmen

wird, sowie die Geschmeidigkeit ihrer Glieder und die Schnelligkeit,

mit der sie dem Wurf ausweichen. Von einem Wilden erzählt Chauncy, daß

er eine halbe Stunde lang als Zielscheibe für geübte Cricketspieler

gedient habe, welche versuchten, auf eine Entfernung von zehn bis

fünfzehn Meter aus allen Kräften mit dem Ball nach ihm zu werfen. Er

konnte sich nur mit dem Schilde decken oder durch eine plötzliche

Seitenbewegung dem Wurf entgehen, der ihn, wenn er traf, womöglich

getötet hätte; doch verließ er sich in aller Ruhe auf sein Auge und

seine Behendigkeit.

Dabei ist noch zu bemerken, daß der Schild des Australnegers nicht

breiter ist als ein Ofenrohr und etwa Armeslänge hat; der Weiße könnte

sich unmöglich damit schützen. Und wenn ein Cricketball kunstgerecht

geworfen wird, pflegt er plötzlich noch dicht vor dem Ziel die Richtung

zu ändern, und geradeswegs darauf loszufliegen, statt darüber hinaus

oder seitwärts, wie es den Anschein hatte. Ich selbst wäre nicht im

stande, mich auch nur zehn Minuten lang gegen solche Würfe zu decken.

Wir haben alle schon gesehen, wie ein Zirkusreiter vom Sprungbrett aus

über acht neben einander stehende Pferde hinwegsetzt. Chauncy sah einen

Wilden über elf Pferde springen, und man versicherte ihm, er spränge

gelegentlich auch über vierzehn.

Weit merkwürdiger ist aber noch folgendes Kunststück: Ein Eingeborener

schoß vom Boden aus einen Purzelbaum in der Luft ohne die Hände zu

gebrauchen und stülpte sich dabei einen Hut auf, den ein Reiter,

welcher aufrecht zu Pferde saß, mit der Oeffnung nach oben auf dem

Kopfe trug -- Roß und Reiter waren etwa mittelgroß. Den Hut auf dem

Kopf landete der Wilde glücklich hinter dem Pferde. Die Höhe des

Sprunges und die Sicherheit, mit welcher der Mann dabei genau in den

Hut hineintraf, sind wahrhaft staunenswert. Nun weiß man doch auch, von

wem das Känguruh seine Sprünge gelernt hat.

Sir George Grey und Mr. Eyre berichten, daß die Wilden im Sand

vierzehn bis fünfzehn Fuß tiefe Brunnen gegraben haben, die zwei Fuß

im Durchmesser hatten, ›ganz kreisrund waren und senkrecht in die

Tiefe gingen‹. Wie haben sie das gemacht? -- Sie hatten keine andern

Werkzeuge als ihre Hände und Füße. Wie haben sie den Sand von unten

aus dem Loch geworfen? Wie konnten sie sich in dem zwei Fuß großen

Raum bücken, um ihn auszugraben? Wie schützten sie sich davor, in

dem engen Schacht vom Sande verschüttet zu werden? -- Ich habe keine

Ahnung davon. Es scheint ein Ding der Unmöglichkeit -- und doch ist es

geschehen -- vielleicht haben sie den Sand verschluckt -- wer weiß!

Chauncy spricht voll Bewunderung von der Geduld, der Geschicklichkeit

und wachsamen Klugheit des Eingeborenen, wenn er auf die Jagd geht,

um den Emu, das Känguruh oder irgend ein anderes Wild zu erlegen.

Mit leichtem, geräuschlosem Tritt, kaum den Boden berührend, gleitet

er durch den Busch; sein scharfes Auge erspäht jede Fährte, ein

umgewandtes Blatt, ein geknickter Zweig, ein niedergetretener Grashalm

fesselt seine Aufmerksamkeit. Ihm entgeht nichts, weder auf der Erde

noch oben in den Bäumen, sei es nah oder fern, was ihm zur Nahrung

dienen oder ihn vor drohender Gefahr warnen kann. Am Stamm eines

Baumes, dessen Rinde die hinauf- und herunterkletternden Opossums über

und über zerkratzt haben, vermag er ohne Schwierigkeit zu erkennen,

ob eins der Tiere _am Abend zuvor hinaufgestiegen ist, ohne wieder

herunter zu kommen_.

Das wäre etwas für unsern Fenimore Cooper gewesen! Er hätte diese

Wilden zu schätzen gewußt und würde selbst den dümmsten von ihnen nicht

für den schlausten Mohikaner eingetauscht haben, den er je erfunden hat.

Alle Wilden pflegen Gegenstände in Umrissen auf die Rinde der Bäume

zu zeichnen, aber die Aehnlichkeit mit dem Vorbilde ist nicht groß

und in den Gesichtern fehlt der Ausdruck. Nur der Australier hat

es verstanden, Tiere zu zeichnen, die in Gestalt, Gang und Haltung

richtig sind und voller Geist und Leben. Auch seine Bilder von Weißen

und Eingeborenen sind nicht weniger gut; er kleidet die Weißen sogar

-- Herren wie Damen -- nach der neuesten Mode. Kein ungelehrter

Naturmensch hat wohl je den Stift mit so großem Geschick geführt wie

diese Wilden.

Man wird zugeben müssen, daß sie eine hohe Stelle unter den

Zeichenkünstlern einnehmen, wenn man alle Umstände in Betracht zieht.

Ich würde dem Eingeborenen seinen Platz etwa zwischen Botticelli

und Du Maurier anweisen. Das heißt, er zeichnet nicht so gut wie Du

Maurier, aber besser als Botticelli. Im Ausdruck sowohl als auch in

Bezug auf die Anordnung der Gruppen und sein Lieblingsthema, erinnert

er an beide. Seine ›Kriegstänze‹ aus der australischen Wildnis finden

ihr Gegenstück in Du Mauriers vornehmen Londoner Ballsälen; nur sind

die Tanzenden dort von der Kultur beleckt und haben Kleider an. In

Botticellis ›Frühling‹ ist das Gegenstück zwar noch idealisierter,

trägt aber weniger Kleider und ziert sich um so mehr. Die Absicht der

Künstler mag gut sein, aber -- das ist auch alles!

Der Wilde versteht -- wie bekannt -- Feuer zu machen, indem er zwei

Holzstücke aneinander reibt. Das ist keine Kleinigkeit -- ich habe es

selbst versucht und spreche aus Erfahrung.

Wieviel körperlichen Schmerz der Eingeborene ertragen kann, ist

kaum zu glauben. Henry Wollaston aus Melbourne, der Wundarzt war,

ehe er Prediger wurde, erzählt davon wahrhaft nervenerschütternde

Einzelheiten, mit denen ich den Leser jedoch verschonen will.

Nun werde ich mich wohl endlich von den Wilden losreißen müssen,

was ich höchst ungern tue, denn sie haben für mich eine ganz

außergewöhnliche Anziehung. Seit einem Vierteljahrhundert hat ihnen die

Regierung in allen Kolonien Stationen angewiesen, wo die Ueberlebenden

behaglich untergebracht, gut genährt und auf jede Weise versorgt

werden. Hätte ich das nur gewußt als ich in Australien war, so würde

ich mir die Leute angesehen haben. Ich ginge jetzt gern dreißig Meilen

weit zu Fuß, wenn ich auch nur einen einzigen ausgestopften Wilden zu

Gesicht bekommen könnte.

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Deinen Anzug magst du meinetwegen vernachlässigen, doch im

Herzen muß alles sauber sein.

_Querkopf Wilsons Kalender._

Als wir nach längerem Aufenthalt Adelaide verließen, war unser nächstes

Ziel Horsham in der Kolonie Viktoria, eine ziemlich weite, aber

nicht unangenehme Reise. Das friedliche Landstädtchen liegt in einer

vollkommen flachen Gegend, wie wir sie in australischen Büchern so

oft beschrieben finden: während der kurzen Dürre ist sie grau, kahl,

düster, trübselig, der Boden rissig und versengt, und der erste Regen

verwandelt sie in ein endloses, wogendes Meer von grünem Gras. Horsham

sieht freundlich und einladend aus mit seinen hübschen Häusern und den

Gärten voller Blumen und Gebüschen.

* * * * *

_Aus dem Tagebuch. Horsham 17. Oktober._ -- Wundervolles Wetter. Dem

Hotelfenster gegenüber, vor der Londoner Bank von Australien prangt

eine schöne kanadische Pappel im herrlichsten Frühlingsgrün; jedes

einzelne Blatt ist deutlich erkennbar, man meint ordentlich es wachsen

zu sehen. Am Ufer entlang und im hintern Teil des Gartens stehen hohe,

vielästige Bäume mit zartem, gefiedertem Laub, das jeder Windhauch

bewegt und auf deren üppigem Grün die Streiflichter in wechselnden

Farben spielen und funkeln gleich Opalen. Auf meine Frage erfuhr

ich, es seien Pfefferbäume, die aus China stammen; sie haben einen

weichen Seidenglanz und einige tragen lange Büschel mit roten Trauben

wie Johannisbeeren, die sich unter den Blättern verbergen. In der

Entfernung sieht der Baum dadurch bei gewisser Beleuchtung aus, als sei

er in Rosenfarbe getaucht, was seine Schönheit noch erhöht.

Acht Meilen von Horsham ist eine landwirtschaftliche Schule, die wir

besichtigen wollten. Der Vorsteher fuhr uns im offenen Wagen um die

Mittagszeit dorthin; die Luft war ganz still, der Himmel wolkenlos

und strahlender Sonnenschein -- 92° ~F.~ im Schatten. In anderen

Ländern würde eine solche anderthalbstündige Fahrt ohne Schutz und

Schirm die grenzenloseste Erschöpfung zur Folge haben; aber hier, in

diesem köstlichen Klima, ist davon keine Rede. Man fühlte die Hitze gar

nicht; ja, die Luft war überhaupt nicht heiß, sondern herrlich rein

und frisch. Hätte die Fahrt auch den halben Tag lang gedauert, wir

würden kein Unbehagen empfunden haben oder matt und schläfrig geworden

sein. Nur aus der ungewöhnlichen Trockenheit der Atmosphäre, welche in

jener Ebene herrscht, läßt es sich erklären, daß 112° im Schatten dem

Menschen dort nicht beschwerlicher sind als eine Temperatur von 80°

oder 90° in New York.

Unterwegs sahen wir die gewöhnlichen australischen Vögel -- hübsche

kleine grüne Papageien, Elstern und andere; auch den schlanken,

einheimischen Vogel mit dem dunkeln Gefieder und dem Namen, den ich

nie behalten kann; ich weiß nur, daß er mit einem M. anfängt. Er ist

der schlauste von allen Vögeln und plappert geläufiger als ein Dutzend

Papageien.

Meine Reise um die Welt. Erste Abteilung · 第 11 / 17 段