Unter unsern Mitreisenden war ein Amerikaner, der einen Beruf hatte,

den kein anderer Mensch auf Erden betreibt. Er kaufte nämlich

sämtliche Känguruhfelle in Australien und Tasmanien für ein New Yorker

Handelshaus. Die Preise waren nicht hoch, da kein Wettbewerb bestand,

aber doch kosteten ihn die Felle jährlich 30000 Pfund. Das wunderte

mich, da ich mir eingebildet hatte, das Känguruh wäre in Tasmanien

fast ausgestorben und auch auf dem australischen Festland nur noch

selten zu finden. In Amerika werden die Felle gegerbt und zu Schuhen

verarbeitet. Das gegerbte Leder bekommt einen neuen Namen, den ich

jedoch vergessen habe; soviel ich weiß, erinnert er ganz und gar nicht

an seine Abstammung vom Känguruh. Vor einigen Jahren versuchten die

Deutschen eine Zeitlang dem Manne Konkurrenz zu machen; da sie aber

das Geheimnis der Zubereitung des Leders nicht entdecken konnten,

gaben sie das Geschäft wieder auf. Also habe ich wirklich einen

Menschen gesehen, dessen Tätigkeit einzig in ihrer Art ist. Mir fällt

wenigstens kein anderes Beispiel ein, daß ein einzelner einen ganzen

Berufszweig für sich hat. Es gibt mehr als einen Papst, mehr als einen

Kaiser, sogar mehr als einen Gott, der noch auf Erden wandelt und vor

dem die Menschen auf den Knieen liegen. Ich habe selbst in Indien ein

paar solcher Wesen gesehen und gesprochen, und von einem sogar seinen

Autographen erhalten. Der kann mir gewiß noch einmal als Passierschein

irgendwo Einlaß verschaffen.

In der Nähe von Adelaide verließen wir den Zug und fuhren im offenen

Wagen über die Hügel zur Stadt hinunter. Die Fahrt dauerte etwa eine

Stunde und war unbeschreiblich schön. In vielen Windungen zog sich die

Straße an Klüften und Schluchten vorbei und bot die wechselvollsten

Aussichten und Szenerien: Berge, Klippen, Landhäuser, Gärten und Wälder

in wunderbarem Farbenglanz; die Luft war kräftig und frisch, der Himmel

blau, kein Wölkchen verdunkelte die herrliche Sonne. Zuletzt öffnete

sich die Bergkette, und nun breitete sich unten die weite Ebene aus,

die nach allen Seiten hin in zarten, weichen, duftigen Farbentönen mit

der nebligen Ferne verschwamm. An ihrem Rande dicht in unserer Nähe lag

Adelaide.

Wir fuhren hinunter und besichtigten die Stadt, in der nichts mehr

an die elenden Hütten und Holzschuppen erinnerte, aus denen sie zur

Zeit des Länderschwindels bestand. Sie macht im Gegenteil einen ganz

modernen Eindruck mit ihren breiten, dicht bebauten Straßen, den

schönen Privathäusern, die in Laubwerk und Blumen wie begraben sind,

und der stattlichen Menge öffentlicher Gebäude, in edlem, vornehmem

Stil.

Das Land hatte gerade wieder einen großen Glücksfall zu verzeichnen,

der alles in Aufregung brachte. Die Vorsehung wollte jetzt ihr

liebevolles Interesse für die benachbarte Kolonie -- Westaustralien

-- an den Tag legen und vor aller Welt bezeugen, daß sie wegen ihrer

hohen Tugend und Gerechtigkeit einen besonderen Beweis göttlicher

Gnade verdiene. Deshalb war in dieser Provinz kürzlich die goldene

Schatzkammer von Coolgardie eröffnet worden; aber Südaustralien kam

auch diesmal herbeigeschlichen und eignete sich mit Lob und Dank den

riesigen Goldschatz an. Wer brav ist und geduldig wartet, dem fällt

alles in den Schoß; er kann sogar die Pläne der Vorsehung durchkreuzen.

Südaustralien besitzt jedoch auch eigene hohe Verdienste; es gewährt

zum Beispiel jedem Fremden, der dort Zuflucht sucht, die gastlichste

Aufnahme -- ihm und seiner Religion. Nach der letzten Volkszählung hat

es zwar nur 320000 Einwohner, die Verschiedenartigkeit ihrer Religionen

läßt jedoch darauf schließen, daß sich Leute von allen Orten und Enden

des Erdballs darunter befinden. Das Verzeichnis aller dieser Religionen

macht einen höchst merkwürdigen Eindruck; man würde Mühe haben irgendwo

ein ähnliches aufzutreiben. Ich will eine Abschrift davon aus der

amtlichen Liste hierhersetzen:

Englische Staatskirche 89271

Römische Katholiken 47179

Wesleyaner 49159

Lutheraner 23328

Presbyterianer 18206

Independenten 11882

Bibel-Christen 15762

Aeltere Methodisten 11654

Baptisten 17547

Christliche Brüder 465

Jüngere Methodisten 39

Unitarier 688

Kirche Christi 3367

Gesellschaft der Freunde 100

Heilsarmee 4356

Kirche des neuen Jerusalem 168

Juden 840

Protestanten 5532

Mohammedaner 299

Anhänger des Konfucius etc. 3884

Andere Religionen 1719

Konfessionslos 6940

Nicht angegeben 8046

--------

320431

Unter der Bezeichnung ›Andere Religionen‹, sind nach dem amtlichen

Bericht folgende zu verstehen:

Agnostiker 50

Atheisten 22

Christgläubige 4

Buddhisten 52

Calvinisten 45

Christadelphianer 136

Christen 308

Christkapelle 9

Christliches Israel 2

Christlich Soziale 6

Gotteskirche 6

Kosmopoliten 3

Deisten 14

Evangelisten 60

Exklusive Brüder 8

Freie Kirche 21

Freie Methodisten 5

Evangelische Gemeinde 11

Griechische Kirche 44

Hugenotten 2

Hussiten 1

Ungläubige 9

Maroniten 2

Mennoniten 1

Mährische Brüder 139

Mormonen 4

Naturalisten 2

Orthodoxe 4

Unbestimmt 17

Heiden 20

Pantheisten 3

Plymouth-Brüder 111

Rationalisten 4

Reformierte 7

Freidenker 258

Anhänger Jesu 8

Shaker 1

Sintoisten 24

Spiritisten 37

Theosophisten 9

Sekularisten 12

Adventisten 203

Gesellschaft f. inn. Mission 16

Walliser Kirche 27

Anhänger des Zoroaster 2

Zwinglianer 1

Man sieht daraus wie gesund die dortige Atmosphäre für die Religionen

ist. Alle kommen darin fort: Agnostiker, Atheisten, Freidenker,

Ungläubige, Mormonen, Heiden, unbestimmte Bekenntnisse. Und die großen

Sekten der Welt fristen dort nicht nur ihr Dasein, sondern blühen,

gedeihen und breiten sich aus -- alle, außer den Spiritisten und

Theosophisten. Das ist noch die wunderbarste Seite dieser merkwürdigen

Tabelle. Warum spielen die Geister wohl eine so kleine Rolle? Weshalb

verschwinden sie hier fast ganz vom Schauplatz, während man sich doch

aus dem Verkehr mit ihnen in der ganzen übrigen Welt einen willkommenen

Zeitvertreib macht? --

Zwanzigstes Kapitel.

Der Mensch tut _viel_, um geliebt zu werden; um beneidet zu

werden, tut er _alles_.

_Querkopf Wilsons Kalender._

Der botanische Garten von Adelaide ist ein wahres Eden; bei uns zu

Lande wäre aber eine so paradiesische Schöpfung einfach ein Ding

der Unmöglichkeit. Wenn wir auch ein viele Morgen großes Glashaus

mit Dampfheizung bauen wollten, so bliebe das doch immer nur ein

Notbehelf, denn die schwüle Hitze, die enge, dumpfe Luft, die uns

zu ersticken droht, würden wir doch nicht los. In Australien dagegen

lacht die helle Sonne vom blauen Himmel, uns umfächelt ein köstlicher

Windhauch, und wir können alles, was bei uns im Treibhaus wächst,

üppig im Freien wuchern sehen. Als der erste weiße Ansiedler in das

Land kam, war es an Pflanzenarten fast so arm wie die Wüste Sahara;

jetzt findet man dort und in Ozeanien alles was die Erde trägt. Mit wie

gutem Erfolg Australien seinen Tribut von der Flora der ganzen übrigen

Welt eingesammelt hat, erkennt man allenthalben, wohin man blickt, in

Feld, Garten und Wald, sowie in dem üppigen Grün, das die Landstraßen

umsäumt. Bei jedem auffallend schönen und merkwürdigen Baum, Busch

oder sonstigen Gewächs, nach dem man fragt, erhält man sicherlich zur

Antwort, daß es aus irgend einem fremden Lande -- Indien, Afrika,

Japan, China, England, Amerika, Java, Sumatra, Neu Guinea, Polynesien

oder anderswoher stammt.

Im zoologischen Garten von Adelaide sah ich den einzigen ›Lachenden

Hans‹ oder Rieseneisvogel, der sich jemals gestimmt zeigte, mir

Aufmerksamkeit zu erweisen. Er sperrte den langen Schnabel weit

auf und lachte wie ein Dämon oder wie ein Verrückter, der bei dem

abgedroschensten Wortwitz in ein Hohngelächter ausbricht. Es klang

nicht wie tierische Laute; ich wäre überzeugt gewesen, daß ich

einen Menschen lachen hörte, hätte ich den wunderlichen Vogel nicht

vor mir gesehen, dessen Kopf und Schnabel viel zu groß sind für den

übrigen Körper. Mit der Zeit werden alle wilden Tiere Australiens

vermutlich ausgerottet werden, nur dieser Räuber wird übrig bleiben,

weil ihm der Mensch wohlgesinnt ist und ihm nicht nachstellt. Das hat

natürlich seinen guten Grund, wie immer, wenn wir einem wilden Geschöpf

Barmherzigkeit erweisen -- sei es Mensch oder Tier. Man verschont den

Vogel, weil er die Schlangen tötet. Ich kann dem ›Lachenden Hans‹, den

man auch Königsfischer nennt, zu seinem eigenen Besten nur ernstlich

raten, nicht alle zu vertilgen, sondern stets ein paar Schlangen am

Leben zu lassen.

Ebendaselbst sah ich auch den wilden australischen Hund, den Dingo.

Es war ein schönes, ebenmäßig gebautes Tier, das zwar etwas an den

Wolf erinnerte, aber einen freundlichen Ausdruck in den Augen hatte

und gesellige Neigungen zeigte. Der Dingo ist nicht importiert worden.

Als die Weißen zuerst auf das Festland kamen, fanden sie ihn schon in

großer Menge vor. Er gilt für den ältesten Hund in der Naturgeschichte,

man kennt seinen Ursprung und die Gegend, aus der seine Vorfahren

stammen, ebensowenig wie die Herkunft des Kamels. Zwar ist er der

vorzüglichste Hund, den es gibt, denn er bellt nicht; aber er hat

leider in einer schwachen Stunde der Versuchung nicht widerstehen

können und ist in die Schafhürden eingebrochen, um seinen Hunger zu

stillen. Damit war sein Geschick besiegelt; man jagt ihn jetzt, als

wäre er ein Wolf, weil man beschlossen hat ihn zu vertilgen, und dies

Todesurteil wird sicherlich vollzogen werden. Dagegen läßt sich nichts

einwenden, es ist vollkommen gerechtfertigt, denn die Erde ist für den

Menschen geschaffen worden -- das heißt, für den Weißen.

Der Name Südaustralien ist recht unpassend gewählt, weil alle

australischen Kolonien -- außer Queensland -- eine südliche Lage

haben. Man hätte die Provinz Mittelaustralien nennen sollen, denn sie

geht gerade mitten durch das Festland hindurch, wie die eingelegte

Platte in einem runden Tisch. Sie mißt 2000 Meilen von Süden nach

Norden und ihre Breite beträgt etwa ein Drittel der Länge. In einem

winzig kleinen Stückchen der südöstlichen Ecke wohnen neun Zehntel der

Bevölkerung. Das übrige Zehntel verteilt sich in andere Gegenden, wo es

sich nach Gefallen ausbreiten kann -- Raum genug ist dazu vorhanden.

Südaustralien hat in den Jahren 1871 und 72 eine zweitausend Meilen

lange Telegraphenverbindung, zwischen Adelaide und Port Darwin an der

Nordküste, in gerader Linie durch die Wüste und die Wildnis gelegt.

Die Einwohnerzahl betrug damals erst 185000. Es war ein großes

Unternehmen, denn es gab weder Weg noch Steg, und ein Teil der Strecke

-- dreizehnhundert Meilen -- war vorher nur ein einzigesmal von weißen

Männern durchwandert worden. Alle Lebensmittel, alle Stangen und

Telegraphendrähte mußten durch weite Wüsten mitgeführt werden; ja, man

war genötigt, unterwegs Brunnen zu graben, damit Menschen und Tiere

nicht vor Durst umkamen.

Da bereits ein Kabel von Port Darwin nach Java und von dort nach

Indien gelegt war, und auch zwischen England und Indien telegraphische

Verbindung bestand, so brauchte Adelaide nur die Linie nach Port Darwin

zu eröffnen, um mit der ganzen Welt Anschluß zu haben. Das Werk gelang,

und nun konnte man täglich die Schwankungen des Londoner Marktes

beobachten, was den Wollproduzenten Australiens sofort einen ungeheuren

Gewinn brachte.

Einige Monate nach meinem ersten Aufenthalt besuchte ich Adelaide

abermals, um den Nationalfesttag der Provinz mitzubegehen. Alle Welt

strömte nach der benachbarten Stadt Glenelg, wo zur Erinnerung an die

Gründung der Kolonie, die Proklamation von 1836 öffentlich verlesen

wurde. Das Fest ward mit großem Jubel gefeiert; es ist das höchste im

ganzen Jahr, und das will viel sagen in diesem Lande, wo eine Sucht

nach Feiertagen herrscht, die den Engländern sonst fern ist. Es sind

meistens Arbeiterfeiertage, denn in Südaustralien ist der Arbeiter die

Hauptperson: er gibt den Ausschlag bei allen Wahlen, jeder Politiker

bewirbt sich um seine Stimme. Das Parlament ist nur dazu da, um

den Willen des Arbeiters zu verkünden, und die Regierung um ihn zu

vollstrecken. Ueberall in Australien spielt der Arbeiter eine große

Rolle, aber die Provinz Südaustralien ist sein Paradies. Mich freut,

daß er eins gefunden hat, denn es ist ihm sauer genug geworden in der

Welt und er hat es wohl verdient.

Wie duldsam die Provinz in religiöser Beziehung ist, haben wir bereits

gesehen. Sie zeichnet sich aber auch noch auf andere Weise aus: ihre

mittlere Temperatur beträgt 62°, und die Sterblichkeitsziffer 13 vom

1000 -- etwa halb so viel wie in New York. Das heißt, das ist die Zahl

für den Durchschnittsgänger; alte Leute sind ausgeschlossen, denen

kann der Tod hier nichts anhaben, wie es scheint. Es waren ihrer sechs

beim Festbankett zugegen, die sich noch an Cromwell erinnerten; auch

hatten sie die Verlesung der ursprünglichen Proklamation im Jahre 1836

mit angehört. Aeußerlich waren sie zwar von der Zeit nicht unberührt

geblieben, aber ihre Herzen hatten sich jung und froh erhalten. Sie

wurden nicht müde als Redner aufzutreten und Geschichten aus ihrer

Jugendzeit zu erzählen nebst allem was sie erlebt und gelitten hatten,

als es galt, unter harter Arbeit die starken Grundpfeiler ihres

Gemeinwesens, Freiheit und Duldsamkeit, aufzurichten.

Einer der sechs alten Herren machte mir später noch verschiedene

interessante Mitteilungen, hauptsächlich über die Ureinwohner des

Landes, von denen er sagte, sie wären in mancher Beziehung merkwürdig

begabt gewesen und hätten, neben einzelnen unangenehmen Eigenschaften,

auch ihre großen Vorzüge gehabt, weshalb das Aussterben der Rasse

sehr zu beklagen sei. Als Beispiele ihres erfinderischen Geistes

nannte er den Bumerang und das ›Weetweet‹, mit denen sie Wunder der

Geschicklichkeit verrichteten, die kein einziger Weißer je im stande

gewesen sei, ihnen nachzumachen. Nur der Eingeborene, meinte der Alte,

vermöchte die Bewegung des Bumerangs so zu lenken, daß er ihm allen

Willen tut. Auch erzählte er mir die unglaublichsten Dinge, welche die

Neger mit dem seltsamen Wurfgeschoß in seiner Gegenwart vollbracht

hätten; sie sind mir später durch andere alte Ansiedler bestätigt

worden, und auch in australischen Büchern habe ich davon gelesen.

Man behauptet -- und wir wollen es nicht bestreiten --, daß einige

wilde Stämme in Europa den Bumerang schon zur Römerzeit gekannt haben;

Belege hiefür finden sich bei Vergil und noch zwei anderen römischen

Dichtern. Auch den alten Aegyptern soll er nicht fremd gewesen sein.

Dadurch entstehen zweierlei Möglichkeiten: entweder ist jemand in

frühster Zeit mit einem Bumerang nach Australien gekommen, bevor

noch in Europa die Kunde davon verloren gegangen war, oder -- die

Ureinwohner jenes Erdteils haben ihn neu erfunden. Es wird nicht leicht

sein, ausfindig zu machen, auf welche von den beiden Arten die Sache

wirklich vor sich gegangen ist. Aber es hat keine Eile, man kann sich

alle Zeit zu der Untersuchung nehmen.

Einundzwanzigstes Kapitel.

Wir besitzen in unserm Lande drei unschätzbare Güter, für

die wir Gott gar nicht genug danken können: Redefreiheit,

Gewissensfreiheit und die Klugheit, uns weder der ersteren

noch der letzteren jemals zu bedienen.

_Querkopf Wilsons Kalender._

Ehe ich nach Australien kam, hatte ich überhaupt noch nie von dem

›Weetweet‹ reden hören, auch sind mir nur wenige Leute begegnet, die

selbst gesehen hatten, wie man es wirft. Es gleicht einer dicken

hölzernen Zigarre, welche man mit dem stumpfen Ende an einen biegsamen

Zweig befestigt hat; das ganze Ding ist ein paar Fuß lang, wiegt aber

kaum zwei Lot. Man schnellt es nicht in die Luft, sondern wirft es

eine Strecke weit vor sich auf den Boden, von dem es abspringt, um

ihn in langen Sätzen immer wieder zu berühren, wie der flache Stein,

den ein Knabe über das Wasser hüpfen läßt. Freilich, der Stein findet

auf der glatten Fläche keinerlei Hindernis; ein Mann kann ihn mit

starkem Arm fünfzig bis fünfundsiebzig Meter weit springen lassen. Das

›Weetweet‹ hat es viel schwerer, denn es trifft bald auf Gras, bald

auf Sand und Erde, und doch hat ein geschickter Eingeborener es schon

zweihundert und zwanzig Meter weit hüpfen lassen, bis das Gestrüpp von

Farnkraut und Unterholz ihm den Weg versperrten. Hätte nicht Mr. Brough

Smyth dies mit eigenen Augen gesehen, die Strecke ausgemessen und die

Tatsache in seinem Buch über das Leben der Eingeborenen verzeichnet,

das er im Auftrag der Regierung von Viktoria geschrieben hat, so würde

ich es für unmöglich erklären, daß ein so federleichtes Ding auf

unebenem Boden so weit springen kann. Wie wird aber dies Kunststück

gemacht? -- Niemand weiß das; es verstößt anscheinend gegen alle

Gesetze der Natur, und keiner hat mir das Rätsel lösen können.

Mein Ansiedler sagte, das ›Weetweet‹ sei fast ebenso wunderbar wie

der Bumerang; er hätte es in seiner Jugend ganz unglaublich weit

fliegen sehen. Der Missionar J. G. Wood findet eine große Aehnlichkeit

zwischen den Sprüngen des ›Weetweet‹ und denen einer Känguruh-Ratte,

die angstvoll vor ihren Verfolgern flieht und den langen Schwanz

nachschleppt. »Das ›Weetweet‹,« sagt er, »schießt mit dem zischenden,

unheilverkündenden Laut einer Flintenkugel durch die Luft, erhebt sich

aber höchstens sieben oder acht Fuß vom Boden; es ist ganz erstaunlich,

wie weit die Australneger es werfen können.«

Sie müssen wirklich einen gehörigen Vorrat von Scharfsinn und

Schlauheit besessen haben, diese nackten, spindeldürren Eingeborenen,

wie hätten sie sonst so unnachahmliche Pfadfinder, so unvergleichliche

Bumerang- und Weetweet-Werfer sein können! Wahrscheinlich ist es dem

Rassenhaß zuzuschreiben, daß man so lange in der ganzen Welt der

Meinung war und noch heutzutage behauptet, sie stünden auf einer der

niedrigsten geistigen Stufen.

Träge sind sie allezeit gewesen, das ist wahr, und Trägheit ist ein

schlimmer Fehler, der Todfeind jedes höheren Strebens. Sie hätten doch

gewiß die Kunst erfinden können, wie man ein ordentliches Haus baut,

oder wie man das Land urbar macht und bepflanzt, aber das taten sie

nicht. Sie hatten kein Obdach, gingen nackt einher, nährten sich von

Fischen, Früchten, Beeren und mancherlei Gewürm und blieben bei all

ihrer Schlauheit doch nach wie vor echte Wilde.

Ihr Land, in dem sie hätten wachsen und sich mehren sollen, war so

groß wie die Vereinigten Staaten, und ansteckende Krankheiten wurden

ihnen erst durch die Weißen gebracht, nebst den anderen Wohltaten

der Zivilisation. Trotzdem hat die australische Rasse wohl zu keiner

Zeit mehr als 100000 Köpfe gezählt. Die Ureinwohner duldeten keine

Uebervölkerung; sie beschränkten ihre Zahl mit allem Fleiß, teils durch

Kindermord, teils durch gewisse andere Methoden. Als sie jedoch mit den

Weißen in Berührung kamen, brauchten sie sich in dieser Beziehung nicht

länger zu bemühen.

Die Zunahme der Bevölkerung zu hindern, verstand der Weiße noch viel

besser als der Eingeborene; er konnte die Zahl der Ureinwohner eines

Landes binnen zwanzig Jahren um achtzig Prozent verringern. So weit

hatte es der Australneger noch nie gebracht.

Als die Engländer in den dreißiger Jahren zuerst in Australien

landeten, sollen in der jetzigen Kolonie Viktoria noch 4500 Eingeborene

gelebt haben; davon kamen 1000 auf das sogenannte ›Gippsland‹ von denen

nach vierzig Jahren etwa 200 übrig waren. Der Geelong-Stamm schmolz

noch rascher zusammen: nach zwanzig Jahren lebten von 173 Leuten noch

34 und nach abermals zwanzig Jahren war nur noch ein einziger Mann am

Leben. Die beiden Melbourne-Stämme zählten 300 Köpfe, und 1875, als

die Weißen siebenunddreißig Jahre im Lande waren, höchstens 20. Zwar

haben sich noch hier und da Ueberreste verschiedener Stämme in der

Kolonie Viktoria erhalten, aber Vollblut-Eingeborene sollen jetzt,

wie man mir sagt, eine große Seltenheit sein; nur in den ausgedehnten

Länderstrecken von Queensland trifft man sie noch in ziemlicher Menge.

Die ersten Weißen waren nicht an den Verkehr mit Wilden gewöhnt. Sie

kannten nicht einmal das Grundgesetz der Eingeborenen, wonach der ganze

Stamm für jede Unbill verantwortlich ist, die einer seiner Angehörigen

jemand zugefügt hat. Man darf sich an jedem einzelnen dafür rächen,

ohne erst lange nach dem Schuldigen zu suchen. Wenn nun ein Weißer

einen Neger tötete, so handelten die Eingeborenen nach ihrem uralten

Gesetz und brachten den ersten besten Weißen um, der ihren Weg kreuzte.

Das kam den Europäern ganz schauderhaft vor und sie hielten es in ihrer

Entrüstung für völlig gerechtfertigt, derartige Geschöpfe vom Erdboden

zu vertilgen. Zwar brachten sie nicht alle Schwarzen um, aber doch so

viele, als es ihre eigene Sicherheit verlangte. Diese Vorsichtsmaßregel

haben sie von Anbeginn der Zivilisation bis auf den heutigen Tag stets

angewendet.

In den ›Skizzen aus dem Leben in Australien‹ von Mrs. Campbell Praed,

die ihre Kindheit in Queensland zugebracht hat, finden wir lehrreiche

Beispiele von der Art, wie Weiße und Schwarze einander anfänglich zu

reformieren suchten.

Ueber die Zeit, als die ersten Ansiedler sich in der ungeheuren Wildnis

von Queensland niederließen, berichtet Mrs. Praed u. a.: »Zuerst

zogen sich die Eingeborenen vor den Weißen zurück und beunruhigten

sie wenig; höchstens töteten sie dann und wann ein Stück Vieh aus der

Herde durch einen Speerwurf. Aber die Zahl der Squatter wuchs; jeder

nahm große Strecken Landes für sich in Besitz und brachte zwei oder

drei Dienstleute mit, so daß die Schäferhütten und die Stationen der

Viehzüchter vereinzelt und schutzlos inmitten feindlicher Negerstämme

lagen. Da wurden auch die Raubzüge der Schwarzen häufiger, und

Mordtaten waren bald an der Tagesordnung.

»Wie einsam es im australischen Busch ist, läßt sich kaum in Worten

schildern. Meilenweit dehnt sich der Urwald, den noch nie der Fuß eines

Weißen betreten hat, nach allen Seiten aus. Unabsehbare Strecken sind

mit den mächtigen Stämmen des Eukalyptus bewachsen, welche den roten

Gummi ausschwitzen, der wie phantastische Tropfsteingebilde von den

dünnen Zweigen herabhängt. An den steilen Schluchten wuchert langes

Gras in dichten Massen. Große baumlose Ebenen wechseln mit hügligem

Weideland, das hier und da von einem Gebirgszug, einer tiefen Kluft

oder einem ausgetrockneten Flußbett durchschnitten wird. Alles ist

wild, pfadlos und menschenleer; überall begegnet dem Auge dasselbe

einförmige Grau, außer wo der Akazienbusch zur Blütezeit seine

geflügelten, goldgelben Blumen entfaltet, oder der ›Scrub‹, der in

seiner Undurchdringlichkeit einem indischen Dschungel gleicht, wie ein

grüner, glänzender Gürtel die Einöde durchzieht.

»Das Gefühl der Verlassenheit wird noch durch die seltsamen Laute

der Tierwelt verstärkt, die wohl geeignet sind, selbst starke Nerven

zu erschüttern. Bei Tage hört man zuweilen das Getrampel einer Herde

Känguruhs, die in wilder Flucht dahinstürmen, das Rascheln der

Beutelratte oder den Fußtritt des Dingos, der durch das hohe Gras

zu seiner Höhle schleicht. Dazwischen schwirren Heuschrecken, der

Lachvogel läßt sein dämonisches ha! ha! ha! erschallen, Kakadus und

Papageien kreischen, die Krageneidechse zischt, und zahllose Insekten,

die sich im dichten Unterholz verbergen, summen ohne Unterlaß. Dazu

gesellt sich bei Nacht noch der schauerliche Klagelaut der Sumpfvögel,

das Geheul des Dingos und das ohrenzerreißende Gequake der Frösche.

Kein Wunder, wenn sich bange Furcht in das Herz des einsamen Squatters

schleicht und der Schlaf sein Lager flieht.«

Meine Reise um die Welt. Erste Abteilung · 第 10 / 17 段