anziehendsten Gegenstände. Aber das ist doch mehr oder weniger bei
allen Museen der Fall; ihre Besichtigung macht uns immer Augenweh und
Rückenschmerzen und verzehrt unsere Lebenskraft durch ihr aufreibendes
Interesse. Man nimmt sich stets von neuem vor, nie wieder hinzugehen
-- und tut es schließlich doch. Die Paläste der Reichen in Melbourne
gleichen den Palästen der Reichen in Amerika fast aufs Haar, auch die
Lebensweise darin ist die nämliche, aber weiter geht die Aehnlichkeit
nicht. Die Gartenanlagen, in denen die amerikanischen Paläste liegen,
sind selten groß und oft gar nicht schön; aber in Melbourne haben sie
meist den Umfang von fürstlichen Parks und die Kunst des Gärtners
schafft daraus mit Hilfe des Klimas etwas ganz Zauberhaftes. Manche
Landgüter außerhalb der Stadt sollen sich an Größe und wunderbarem Reiz
mit der Besitzung eines englischen Lords messen können. Aber das weiß
ich nicht aus eigener Anschauung; ich hatte in der Stadt alle Hände
voll zu tun und bin nicht aufs Land hinaus gekommen.
Wie ist aber diese Riesenstadt mit ihren palastähnlichen Häusern und
Landsitzen entstanden? Ein englischer Sträfling hat den ersten Stein
dazu gelegt und das erste Haus gebaut. Die Geschichte Australiens ist
durch und durch romantisch, voll der sonderbarsten, merkwürdigsten
Begebenheiten, gegen die alles andere Neue, das man sieht und hört, in
den Hintergrund tritt. Sie liest sich gar nicht wie Geschichte, sondern
wie eine Sammlung der schönsten Lügen und zwar noch nie dagewesener,
keiner abgedroschenen. Allerlei Ueberraschungen, Abenteuer,
Ungereimtheiten, Widersprüche und unglaubliche Dinge werden einem
aufgetischt; aber sie sind buchstäblich wahr und haben sich wirklich
zugetragen.
Auch die Geschichte des Mannes, der den Grundstein von Melbourne
gelegt hat, ist ein förmlicher Roman. Sein Name war Buckley, und über
kurz oder lang wird man Melbourne in Buckleystadt oder Buckleyburg
umtaufen müssen, um die bisherige Ungerechtigkeit wieder gut zu machen.
Buckley war ein junger, riesenstarker Engländer, der das Maurerhandwerk
betrieb. Später wurde er Soldat und brachte aus den Kriegen mit Holland
eine ehrenvolle Wunde heim; die Narbe trug er sein Leben lang. In
England wurde er eines Tages angeklagt und überführt, gestohlene Waren
verborgen zu haben -- wahrscheinlich im Wert von sechs Schillingen --,
und einstweilen ins Gefängnis geworfen. Dabei schiffte man ihn mit
einer Ladung anderer Sträflinge nach Australien ein -- auf wie viele
Jahre sagt die Geschichte nicht. Dies war der vielversprechende,
ereignisreiche Anfang seines jungen Lebens. Es geschah 1803, als er
dreiundzwanzig Jahre zählte.
Die Fahrt dauerte fünf und einen halben Monat, dann landete das Schiff
nicht weit von der Stelle, wo jetzt Melbourne erbaut ist. Die Gegend
war noch mit wildem Urwald bedeckt, in dem nur Eingeborene lebten.
Die nächste Niederlassung der Weißen, die kleine Kolonie Sydney, lag
viele hundert Meilen entfernt. Man begann sofort eine Sträflingskolonie
einzurichten (die bald wieder aufgegeben wurde), und Buckley legte den
Grundstein des ersten Hauses.
Der schmachvolle Sklavendienst seines neuen Lebens war Buckley ein
Greuel; auch das Klima sagte ihm nicht zu, als im Januar der Hochsommer
kam, und er seine harte Arbeit bei einer Temperatur von 110° im
Schatten verrichten mußte. So machte er denn einen Fluchtversuch und
erlangte glücklich seine Freiheit wieder. Von den Gefährten seiner
Flucht wurde einer durch die Wache erschossen, die andern irrten sechs
Tage lang mit Buckley im Busch umher, dem Hungertode preisgegeben. Da
sie aber sahen, daß ihre Leiden in der Freiheit nicht geringer waren
als beim Sträflingsleben, wo sie doch wenigstens Nahrung erhielten,
kehrten sie wieder um. Buckley wollte sie nicht begleiten und blieb
allein zurück; als Mann von echtem Schrot und Korn dachte er an keinen
Rückzug.
Ursprünglich hatte er die Absicht gehabt, mit den Genossen nach
Kalifornien zu wandern; sie waren eben ungebildete Leute und wußten
wenig von der Erdbeschreibung. Als nun Buckley sich selbst überlassen
war, gab er den Plan auf, teils wegen der Entfernung, teils weil ihm
nicht ganz klar war, in welcher Richtung er Kalifornien zu suchen
hätte. Er beschloß dagegen, nach Sydney zu wandern, ging jedoch fehl
und kam immer weiter von seinem Ziel ab. Lange fristete er sein Leben
mit Beeren, Muscheln und dergleichen, bis er endlich den Eingeborenen
in die Hände fiel. Gerade an jenem Morgen hatte er jedoch, ohne es
zu wissen, einen glücklichen Fund getan. Er hatte einen Speer, der
in einem Grabhügel steckte, herausgezogen und hielt ihn noch in der
Hand, als die Eingeborenen ihn umringten. Sie glaubten, er sei der
wieder lebendig gewordene Insasse jenes Grabes und begrüßten ihn als
Stammesgenossen und Verwandten. In ihrer Freude über seine Wiederkehr
versahen sie ihn alsbald mit Speise und Weibern, auch mit einem Neffen
und andern zum Leben notwendigen Erfordernissen und nahmen ihn gastlich
in ihrer Mitte auf.
Er lebte unter den Wilden und wurde ein wichtiger, einflußreicher
Häuptling des Stammes, lernte dessen Sprache und vergaß mit der Zeit
seine eigene. Ohne jemals wieder einen Weißen zu sehen, brachte dieser
neue Robinson zweiunddreißig Jahre unter so seltsamen Verhältnissen zu,
und kein Mensch ahnte, daß er noch am Leben sei.
So etwas kann auch nur in Australien vorkommen. Die andern Robinsone
verschwinden vielleicht auf vier Jahre, tauchen dann wieder auf und
kommen in Ziegenfelle gekleidet, großprahlerisch einherstolziert;
aber der australische Robinson geht ein ganzes Menschenalter verloren
und kehrt bescheiden zurück, ohne irgend etwas anzuhaben, weil er die
Aufmerksamkeit nicht auf sich zu lenken wünscht.
Heutzutage würden Telegraphen, Zeitungen und illustrierte Journale
sich einer neuentdeckten Persönlichkeit, wie dieser Buckley, annehmen,
seinen Namen in alle Welt posaunen, und ihn zum reichen Manne machen.
Aber der Buckley aus alter Zeit konnte den Roman seines Lebens zu
keinem so glänzenden Abschluß bringen. Er pries sich schon glücklich,
als er zum Leibdiener des kommandierenden Obersten der Kolonie ernannt
wurde und die nötigen Kleidungsstücke erhielt; eine Zeitlang tat er
auch Dienste als Konstabler und Geheimpolizist. Bald legte er jedoch
sein Amt nieder, ging nach Van Diemensland (dem jetzigen Tasmanien)
und wurde zweiter Verwalter im Auswandererheim. Zuletzt erhielt er
den Posten eines Torschließers im Frauenasyl. 1840, als er sechzig
Jahre alt war, heiratete er die Witwe eines Handwerkers. Mit siebzig
Jahren ließ er sich pensionieren und erhielt ein Ruhegehalt von 60
Pfund Sterling, das er noch sechs Jahre lang genießen durfte. Dann nahm
ihn der Tod hinweg, der ihm sein Glück nicht länger gönnen mochte. So
endete denn der wunderbare Lebenslauf des Gründers von Melbourne auf
sehr hausbackene und alltägliche Weise.
Achtzehntes Kapitel.
Die Engländer kommen schon in der Bibel vor, wo es heißt:
›Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich
besitzen.‹
_Querkopf Wilsons Kalender._
Wenn wir bedenken, wie ungeheuer groß der Flächeninhalt des britischen
Kaiserreichs ist, wie bedeutend seine Einwohnerzahl und sein Handel, so
wird es uns schwer zu glauben, daß Australien und Ozeanien wirklich
einen so hervorragenden Anteil an Englands Weltstellung haben, wie man
versichert. Der Länderbesitz aller andern Mächte -- außer Rußland --
ist im Vergleich zum britischen Reich winzig klein, und es übertrifft
selbst Rußland etwa um ein Viertel an Größe, was ich aus sicherer
Quelle weiß. Großbritannien und China herrschen ungefähr über die
gleiche Bevölkerungszahl; jedes dieser beiden Reiche hat 400000000
Untertanen. Da bleiben alle andern Mächte -- auch Rußland -- weit
zurück.
Die vier Millionen Einwohner von Australien scheinen zwar nur ein
Tropfen in dem kaiserlich britischen Meer von vierhundert Millionen
Köpfen; allein, sie gewinnen sehr an Bedeutung, wenn man ihren Einfluß
auf den britischen Welthandel in Betracht zieht. Englands jährliche
Einfuhr und Ausfuhr wird auf drei Billionen Dollars geschätzt[2] und
davon soll mehr als ein Zehntel auf die Ausfuhr und Einfuhr zwischen
Australien und England kommen.[3] Daneben treibt Australien noch
Handel mit anderen Staaten, wodurch ein jährlicher Ertrag von hundert
Millionen Dollars erzielt wird, während der Umsatz innerhalb der
Kolonien sich auf hundert und fünfzig Millionen beläuft.[4]
In runden Zahlen ausgedrückt kaufen und verkaufen also die 4000000
Einwohner jährlich etwa Waren im Wert von 600000000 Dollars, wovon die
Hälfte, wie behauptet wird, aus einheimischen Produkten Australiens
besteht.
Die Ausfuhr der Produkte Indiens trägt jährlich eine Kleinigkeit über
500000000 Dollars ein,[5] woraus sich Zahlen ergeben, die höchst
verwunderlich sind, nämlich:
Indiens Produktion (300000000 Einwohner) $ 500000000.
Australiens Produktion (4000000 Einwohner) $ 300000000.
Demnach produziert der einzelne Inder an Ausfuhrartikeln
durchschnittlich für $ 1.75 im Jahr; der einzelne Australier dagegen
für $ 75!
Nach zuverlässigen statistischen Tabellen, welche von Sir Richard
Temple und andern aufgestellt worden sind, beläuft sich die jährliche
Produktion eines Inders für Ausfuhr und Verbrauch im Lande auf
$ 7.50 oder $ 37.50 für eine Familie von fünf Personen; während die
Durchschnittsproduktion einer ebenso großen Familie in Australien fast
$ 1600 beträgt.
Es gibt doch wirklich nichts Ueberraschenderes in der Welt als Zahlen,
wenn man erst einmal anfängt sich mit ihnen einzulassen.
Wir fuhren von Melbourne mit der Eisenbahn nach Adelaide, der
Hauptstadt der großen Provinz Südaustralien -- eine Reise von siebzehn
Stunden. Unterwegs trafen wir mehrere Bekannte aus Sydney, u. a. einen
Richter, der auf der Rundreise war und in Broken Hill, wo das berühmte
Silberbergwerk ist, eine Gerichtssitzung halten wollte. Der Weg, den er
einschlug, um in jene Gegend zu gelangen, schien uns etwas sonderbar
gewählt: Broken Hill liegt dicht an der Westgrenze von Neusüdwales und
Sydney in dessen äußerstem Osten; die Entfernung zwischen beiden Orten
mag in gerader Linie etwa 700 Meilen betragen, während der Richter
mehr als 2000 Meilen mit der Eisenbahn fahren mußte, nämlich von
Sydney südwestlich bis Melbourne, dann nordwestlich nach Adelaide, von
da zurück nordöstlich und wieder über die Grenze von Neusüdwales bis
Broken Hill.
Die Sache erklärte sich jedoch auf sehr einfache Weise: Vor Jahren
war die Welt plötzlich durch den fabelhaft reichen Silberfund von
Broken Hill überrascht worden. Die Aktien hatten anfänglich nur ein
paar Schillinge gegolten, allein im Handumdrehen stieg ihr Wert bis zu
ganz unglaublichen Summen. Es war einer jener Fälle, wo die Köchin für
ihren Monatslohn einen Anteilschein ersteht, und im folgenden Jahre
ihrer Herrschaft das Haus abkauft und selbst hineinzieht; wo der
Kutscher ein paar Aktien nimmt und nach Monatsfrist eine Bank eröffnet;
wo der gemeine Matrose sich mit dem Preis, den ihn ein Zechgelage
kosten würde, bei dem Unternehmen beteiligt und im nächsten Monat ein
eigenes Handelsgeschäft gründet, mit dem er der Dampfschiffgesellschaft
Konkurrenz macht. Kurzum, es entstand ein förmliches Entdeckungsfieber;
urplötzlich strömten große Menschenmassen auf ein und derselben
Stelle zusammen, und man mußte unverzüglich für ihre Bedürfnisse
sorgen. Adelaide war in nächster Nähe und Sydney weit entfernt; da
baute Adelaide natürlich eine kurze Eisenbahn über die Grenze, bevor
Sydney noch Zeit hatte eine lange Linie zu bauen. Der ganze ungeheure
Handelsprofit von Broken Hill wurde unwiderruflich nach Adelaide
gelenkt, und für Sydney verlohnte es sich später überhaupt nicht mehr
der Mühe, eine Bahn dorthin anzulegen. So steht denn Broken Hill unter
der Gerichtsbarkeit von Neusüdwales, das seine Richter 2000 Meilen weit
schicken muß -- meist durch andere Provinzen -- während Adelaide ruhig
und ohne sich zu beklagen, sämtliche Dividenden einstreicht.
Wir fuhren nachmittags um 4.20 ab und meist durch ebenes Land. Am
Morgen kamen wir in den ›Scrub‹, so heißen die mit verkrüppeltem
Buschwerk bewachsenen Gegenden, welche in den australischen Romanen
eine so große Rolle spielen. Dort lauert der feindliche Eingeborene,
schweift ungesehen umher, macht von Zeit zu Zeit plötzliche Ausfälle,
beraubt und tötet den allzu sichern Ansiedler und schleicht ins
Dickicht zurück, ohne eine Spur zu hinterlassen, welche der weiße
Mann zu entdecken vermöchte. Dort verirrt sich auch die Heldin des
Romanschreibers; alles Suchen nach ihr ist vergebens, sie wandert
hierhin und dorthin, bis sie ermattet und bewußtlos niedersinkt. Die
ausgesandten Retter gehen wenige Meter von der Stelle wo sie liegt
an ihr vorüber, ohne ihre Nähe zu ahnen, und erst viel später findet
irgend jemand zufällig ihr Gebeine und das hinterlassene Tagebuch,
das sie noch mit Aufbietung ihrer letzten Kraft geschrieben hat.
Eine verlorene Heldin im Scrub aufzuspüren, vermag keiner außer dem
eingeborenen Pfadfinder, und der gibt sich nur damit ab, wenn es dem
Romanschreiber in seinen Plan paßt.
Der Scrub erstreckt sein grünes Dickicht viele Meilen weit nach allen
Richtungen und sieht aus wie ein plattes Dach, in dem weder Riß noch
Spalte ist, oder wie eine große Decke ohne Naht. Sich im Scrub zurecht
zu finden ist ein Ding der Unmöglichkeit, er ist pfadlos wie eine
Wasserwüste. Und doch sagt man, daß der Eingeborene verirrte Wanderer
im Scrub, im Busch und in der Wüste aufspüren, ja ihnen selbst über
nackte Felsen oder Sandbänke folgen kann, von denen die Fluten jede
Spur eines Fußtritts hinweggespült haben.
Sowohl aus australischen Büchern, wie aus den mündlichen Schilderungen,
die mir gemacht wurden, habe ich die Ueberzeugung gewonnen, daß der
eingeborene Pfadfinder so viel Schlauheit, Scharfblick, Klugheit und
Beobachtungsgabe besitzt, wie man es bei keinem Volke der Erde, weder
unter Weißen noch Farbigen wiederfindet. In einer von der Regierung der
Provinz Victoria veröffentlichten Beschreibung der Negerbevölkerung
Australiens, heißt es unter anderm, daß der Eingeborene nicht nur an
der Rinde des Baumes die schwache Spur entdeckt, welche das Opossum
beim Klettern zurückläßt, sondern auch irgendwie zu erkennen vermag, ob
die Spur von gestern oder erst von heute herrührt.
Man sagt, der Ansiedler ~A~ habe einmal mit seinem Nachbar ~B~ eine
Wette gemacht, daß ein Eingeborener ~B~’s Kuh wiederfinden würde, wo
und wie er sie auch verbergen möchte. ~B~ zeigte dem Eingeborenen
die Fußspuren der Kuh und läßt ihn dann einschließen und bewachen.
Hierauf führt er das Tier auf eine Straße, von der nach allen Seiten
Kreuzwege abzweigen und die mehrmals wieder in der Runde zurückführt.
Er wählt die schwierigsten Pfade aus, treibt das Tier öfters durch
große Kuhherden, wo seine Spur unter den andern Rindern ganz verloren
geht, und bringt die Kuh schließlich wieder nach Hause. Nun entläßt
man den Eingeborenen aus seinem Gewahrsam, worauf er sofort im
Kreise herumgeht und die Fußspuren aller Kühe solange untersucht,
bis er die richtigen gefunden hat; dann folgt er den verschlungenen
Wanderungen der Kuh, ohne sich beirren zu lassen und entdeckt sie
zuletzt wirklich in dem Stall, wo ~B~ das Tier verborgen hat. Nun sage
mir einmal jemand, wodurch sich die Spuren der einen Kuh von denen
einer andern unterscheiden? Es muß irgend ein Unterschied vorhanden
sein, sonst könnte der Eingeborene sein Kunststück nicht ausführen.
Und wie merkwürdig, daß für den Abkömmling einer Rasse, von der viele
behaupten, sie stehe auf der niedrigsten geistigen Stufe menschlicher
Entwicklung, dieser wesenlose, schattenhafte Unterschied erkennbar ist,
welchen weder ich, noch einer meiner Volksgenossen -- selbst nicht der
verstorbene Sherlock Holmes[6] -- imstande wäre aufzuspüren.
Neunzehntes Kapitel.
Es ist leichter gar nicht hineinzugehen als wieder
herauszukommen.
_Querkopf Wilsons Kalender._
Der Zug kam jetzt auf seiner Fahrt durch ein freundliches Hügelland
und schlängelte sich an lachenden, grünen Tälern vorüber. Wir
sahen Gummibäume der verschiedensten Art, darunter wahre Riesen.
Einige hatten die Form und Rinde von Sykomoren, andere sahen
höchst absonderlich aus und erinnerten an die seltsamen Apfelbäume
auf japanischen Bildern. Ein ganz prächtiger Baum war mir völlig
unbekannt; er trug Tannennadeln in großen Büscheln, die untere Hälfte
hatte eine glänzend braune oder dunkle Goldfarbe, der obere Teil ein
kräftiges, lebhaftes, beinahe schreiendes Grün -- die Farbenwirkung war
zauberhaft. Der Baum muß wohl sehr selten sein; alle Exemplare, welche
wir zu sehen bekamen, standen auf einer Strecke, durch die wir in einer
halben Stunde fuhren. Noch ein anderer Baum fiel mir auf, eine Art
Fichte, wie man uns sagte. Die grüne Masse seines Laubwerks schien aus
haarfeinen Fäden gewoben und wölbte sich als Krone über dem geraden,
kahlen Stamme, wie eine aufsteigende zarte Rauchwolke. Er wuchs nicht
gesellig in Gruppen oder Paaren; jeder einzelne Baum stand abgesondert
von seinem Nachbar da. So verteilten sie sich in ihrer einsamen Größe
weit über Abhänge und grasbewachsene, schwellende Hügel, wo der
herrlichste Sonnenschein sie umflutete. Und so lange man den Baum noch
erblicken konnte, sah man auch seinen kohlschwarzen Schatten auf dem
glänzend grünen Teppich an seinem Fuß.
Wir fuhren häufig an blühenden Ginsterbüschen vorbei; die Pflanze
ist aus England eingeführt. Ein Herr, der vorübergehend in unser
Coupé kam, wollte mir den Unterschied zwischen gemeinem Ginster und
Stechginster erklären; es wurde ihm jedoch schwer, da er ihn selbst
nicht wußte. Zur Entschuldigung seiner Unkenntnis sagte er: vor diese
Frage sei er im Verlauf von mehr als fünfzig Jahren, die er bereits in
Australien lebe, noch niemals gestellt worden, und so hätte er sich
nicht damit abgegeben. Zu entschuldigen brauchte er sich eigentlich
kaum, denn nichts ist so allgemein verbreitet wie diese Untugend.
Um alles Neue und Fremdartige bekümmern wir uns, aber sich für das
Nächstliegende zu interessieren verstößt gegen die menschliche Natur.
-- Die verschiedenen Ginsterarten bildeten einen großen Schmuck der
Landschaft. Hier und da hob sich plötzlich ihr grelles Gelb mit
so leuchtendem Schein von dem düstern Hintergrund ab, daß man den
Atem anhalten mußte vor Staunen und Ueberraschung. Dazu kam noch die
einheimische Akazie mit ihrer üppigen Fülle goldgelber Blüten. Sie
wächst als Busch oder Baum und ist wegen ihres Wohlgeruchs bei den
Australiern sehr beliebt, denn den meisten dortigen Blumen fehlt der
Duft.
Der Herr, dem ich den Mangel an Belehrung über die Ginsterarten
verdankte, erzählte mir, er sei vor fünfzig Jahren mit sechsunddreißig
Schillingen in der Tasche aus England in die Provinz Südaustralien
eingewandert. Er kam als Abenteurer, ohne Gewerbe, ohne Beruf, ohne
Freunde, doch hatte er ein bestimmtes Ziel vor Augen: er wollte im
Lande bleiben, bis er sich 200 Pfund Sterling erworben hatte und dann
wieder nach der Heimat zurückkehren. In fünf Jahren hoffte er dies
Vermögen zu sammeln.
»Das ist jetzt über fünfzig Jahre her,« fügte er hinzu, »und ich bin
noch immer da.«
Beim Hinausgehen traf er in der Tür mit einem Freunde zusammen, den er
mir vorstellte. Wir plauderten und rauchten eine Weile miteinander, der
Freund und ich, und dabei kamen wir auf jene Unterhaltung zu sprechen.
Ich sagte, der Gedanke an das halbe Jahrhundert, welches sein Freund
in der Verbannung verlebt habe, sei für mich tief ergreifend, und ich
wollte, es wäre ihm gelungen, die 200 Pfund zu erwerben.
»O, darum machen Sie sich keine Sorge,« erhielt ich zur Antwort. »Ihm
ist es nicht schlecht ergangen, das Glück war ihm hold. Er hat nur aus
Bescheidenheit einige Einzelheiten seiner Geschichte verschwiegen.
Damals kam er gerade rechtzeitig nach Südaustralien, um bei der
Entdeckung der Burra-Burra-Kupferminen mitzuhelfen, die in den ersten
drei Jahren 700000 Pfund Sterling eingebracht haben. Bis jetzt beläuft
sich ihr Gesamtertrag auf 20000000 Pfund, wovon mein Freund seinen
Anteil erhalten hat. Er war noch nicht zwei Jahre im Lande, da hätte er
heimkehren und sich ein ganzes Dorf kaufen können, und ich glaube, wenn
er wollte, könnte er sich jetzt eine Stadt kaufen. Nein, der Mensch
ist nicht zu beklagen; sein Kupfer wurde zu jener Zeit eine wahre
Rettung für Südaustralien, denn eben waren die großen Landspekulationen
fehlgeschlagen und alle Geschäfte lagen darnieder.«
Habe ich’s nicht gesagt? -- Die romanhaftesten Geschichten sind in
diesem Erdteil ganz an der Tagesordnung!
Im Jahre 1829 hatte Südaustralien noch keinen Weißen gesehen. 1836
gründete das britische Parlament dort in der Wüste eine Provinz,
ernannte den Gouverneur und setzte die Regierung ein. Nun bemächtigten
sich eifrige Unternehmer der Sache, man erwarb große Strecken Landes,
beförderte die Einwanderung und lockte die Leute durch glänzende
Versprechungen. In London wurden die Aktien der Gesellschaft fleißig
ausgeboten und Mitglieder aller Stände, selbst des Adels und der
Geistlichkeit, kauften was sie nur bekommen konnten. Die Ansiedlung
begann; in den Sandregionen und den Sümpfen am Meeresstrande, die
der Mangrove-Baum durchwurzelte, wurde Land abgesteckt, wo eine
Stadt gegründet oder eine Farm angelegt werden sollte. Immer neue
Scharen strömten herbei, der Preis für Grund und Boden stieg fort und
fort; alles freute sich seines Lebens und der Schwindel wuchs ins
Riesengroße. Mitten im Sande -- da wo jetzt Adelaide liegt -- sah
man Hütten von Eisenblech und hölzerne Schuppen gleich Pilzen in die
Höhe schießen; in den Wigwams des so rasch entstandenen Dorfes machte
sich jedoch die neueste Mode breit. Reich gekleidete Damen spielten
auf kostbaren Klavieren, Londoner Stutzer mit Frack und Lackstiefeln
stolzierten umher; die feine Gesellschaft trank Champagner und
führte in der armseligen Scheunenstadt ein Leben, wie sie es in den
vornehmen Vierteln der großen Weltstadt gewohnt gewesen. Man errichtete
Prachtgebäude für die Provinzialregierung und mitten in Gärten erhob
sich ein Palast. Der Gouverneur, der darin seinen Sitz hatte, umgab
sich mit einer Leibwache und einem Hofstaat. Straßen, Schiffswerften
und Hospitäler wurden angelegt. Alles auf Kredit, auf dem Papier, für
künstlich gesteigerte oder gefälschte Werte -- nichts als Wind und
leerer Schein!
Vier oder fünf Jahre lang ging die Sache flott, dann brach plötzlich
alles zusammen. Rechnungen für ungeheure Summen, die der Gouverneur
einschickte, wurden vom Schatzamt zurückgewiesen, der Kredit der
Kolonialgesellschaft ging in Rauch auf, es entstand eine Panik, alle
Werte fielen mit rasender Schnelligkeit. Die Einwanderer griffen
entsetzt nach Ranzen und Stab, und die Gegend, in der es noch soeben
von Menschen gewimmelt hatte, wie in einem Bienenkorb, war zur Einöde
geworden.
Adelaide hatte sich schnell entvölkert; es zählte nur noch 3000
Einwohner. Zwei Jahre lang dauerte die Todeserstarrung, es war keine
Aussicht auf Wiederbelebung, allmählich schwand jede Hoffnung. Dann
folgte auf den raschen Niedergang ebenso plötzlich die Auferstehung.
Die wunderbar reichen Kupferminen wurden entdeckt, der Leichnam
erwachte zu neuem Leben und tat vor Freuden einen Luftsprung.
Im Nu war alles wie umgewandelt. Die Wollproduktion nahm einen
gewaltigen Aufschwung, der Getreidebau blühte und zwar so üppig,
daß die kleine Kolonie, welche früher ihr Mehl zu hohem Preise
einführen mußte -- man bezahlte einmal 50 $ für das Faß -- schon
vier oder fünf Jahre nach Auffindung des Kupfers einen bedeutenden
Getreidehandel trieb. Und noch immer war das Glück nicht erschöpft:
Nach einigen Jahren gefiel es der Vorsehung, ihr liebevolles Interesse
für Neusüdwales an den Tag zu legen und vor aller Welt zu bezeugen,
daß diese Kolonie um ihrer hohen Tugend und Gerechtigkeit willen,
einen besonderen Beweis der göttlichen Gnade verdiene. In Broken Hill
wurde -- wie bereits gesagt -- ein Silberschatz von unermeßlichem Wert
entdeckt; aber Südaustralien ging über die Grenze und nahm ihn mit Lob
und Dank in Besitz.