»Lassen Sie doch sehen -- Sie behaupten -- wahrhaftig, das ist

interessant. Wenn Sie mir die Beweise liefern, sollen Sie das Geld

haben, meinetwegen die doppelte Summe, und wir teilen den Gewinn. Wo

ist denn die Nummer der zehn Tage alten Londoner ›Times‹? Zeigen Sie

mir doch das Blatt!«

»Da, sehen Sie her -- auch diese Knöpfe und das Tagebuch haben dem

Manne gehört, den der Haifisch verschlungen hat. Wahrscheinlich trug

sich das Unglück in der Themse zu, denn die letzte Notiz hier ist aus

London, vom selben Datum wie die Nummer der ›Times‹ -- da steht’s:

›Der Krieg ist erklärt! Ich reise noch heute nach Deutschland ab, um

mein Leben auf dem Altar des Vaterlandes niederzulegen‹. Das heißt, der

brave Mensch wollte in den Kampf ziehen, aber er kam nicht weit; ehe

der Tag zu Ende war, verschlang ihn der Haifisch.«

»Schade um ihn. Aber wir wollen den Mann ein andermal beklagen;

jetzt haben wir dringendere Geschäfte. Ich will gleich unter der

Hand alles in Bewegung setzen und die Wolle kaufen. Das wird die

niedergeschlagenen Gemüter unserer Händler einstweilen wieder

aufrichten. Freilich nur vorübergehend, aber nichts ist ja von Dauer

in dieser Welt. Wenn sie nach sechzig Tagen die Ware abliefern müssen,

werden sie nicht wissen, wie ihnen geschieht und meinen, der Blitz

hätte sie getroffen. Aber, das läßt sich nicht ändern, und wir haben

dann noch immer Zeit, mit ihnen zu trauern. Kommen Sie nur jetzt zu

meinem Schneider. Wie war doch schon Ihr Name?«

»Cecil Rhodes.«

»Der ist schwer zu behalten. Aber wenn Sie am Leben bleiben, werden Sie

schon noch dafür sorgen, daß alle Welt ihn kennt. Es gibt dreierlei

Menschen -- gewöhnliche, außergewöhnliche und verrückte. Ich hoffe

nicht fehl zu gehen, wenn ich Sie zu den außergewöhnlichen zähle.«

Das Geschäft gelang und verschaffte dem jungen Fremdling das erste

Vermögen, womit er seine Taschen füllte.

Sechzehntes Kapitel.

In jedem Beruf muß einer, dem es glücken soll, gesunden

Menschenverstand zeigen; nur bei der Rechtspflege ist es

sicherer, ihn zu verbergen.

_Querkopf Wilsons Kalender._

Eigentlich sollten sich die Bewohner Sydneys vor den Haifischen

fürchten, aber sie sind weit davon entfernt -- warum, weiß ich nicht.

Samstags machen die jungen Leute gewöhnlich eine Segelfahrt, und das

Wasser ist oft ganz bedeckt mit kleinen Booten. Nicht selten schlägt

eins aus Zufall um, was Anlaß zu den tollsten Possen gibt; häufig

bringen die Burschen ihr Boot auch absichtlich zum kentern, so daß die

Insassen ins Wasser fallen, trotzdem sie sehen, daß die Haifische in

der Nähe nur darauf lauern. Rasch klettert dann alles wieder hinein,

manchmal heil und ganz -- aber nicht immer. Während ich in Sydney war,

geschah es, daß ein Knabe bei der Mündung des Paramattaflusses aus dem

Boot fiel. Auf sein Hilfegeschrei sprang ein Knabe aus einem andern

Boot ins Meer, um ihn vor den herbeischwimmenden Haifischen zu retten.

Die Untiere machten jedoch mit allen beiden nur kurzen Prozeß.

Die Regierung zahlt, wie gesagt, eine Prämie für den Fang. Um das Geld

zu verdienen, befestigen die Fischer ein Stück saftiges Hammelfleisch

als Köder an den Angelhaken oder das Schleppnetz. Die Kunde hiervon

verbreitet sich wie ein Lauffeuer, und nun kommen die Haifische aus dem

ganzen Stillen Ozean herbeigeschwommen, um sich an der leckern Speise

gütlich zu tun. Wenn das so fortgeht, wird die Haifischzucht bald eins

der erträglichsten Gewerbe in der Kolonie werden.

Im Mai war ich in New York krank gewesen, hatte mich dann

zweiundachtzig Tage lang erträglich wohl befunden, und war auf dem

Schiff wieder erkrankt. Auch in Sydney bekam ich einen Rückfall,

aber erst nachdem ich manchen schönen Ausflug gemacht und alle meine

Vorlesungen gehalten hatte. Doch ging mir wegen dieser Krankheit mein

Besuch in Queensland verloren, da es unter diesen Umständen nicht für

ratsam gehalten wurde, nordwärts zu reisen, wo die Hitze noch größer

war.

So wandten wir uns denn nach Südwesten und fuhren mit der Eisenbahn

siebzehn Stunden nach Melbourne, Hauptstadt der Kolonie Victoria, das,

erst sechzig Jahre alt, bereits eine halbe Million Einwohner zählt. Auf

der Karte scheint die Entfernung nur klein, aber das ist in einem so

großen Lande wie Australien mehr oder weniger bei allen Entfernungen

der Fall. Die ganze Kolonie Victoria sieht auf der Karte nicht viel

größer aus, wie eine englische Grafschaft und hat doch denselben Umfang

wie England, Schottland und Wales zusammengenommen.

Melbourne abgerechnet, scheint Victoria einer kleinen Zahl von

Squattern zu gehören, von denen jeder Schafweiden besitzt, die etwa so

groß sind, wie der Staat Rhode Island. Wenigstens muß man das aus dem

Gerede der Leute schließen; doch ist die Wollindustrie dort lange nicht

so ausgedehnt wie in Neusüdwales. In Victoria fehlt es auch nicht an

andern Hilfsquellen, es wird viel Weizen gebaut, und die Weinkultur ist

sehr bedeutend.

Wir fuhren nachmittags mit dem Vieruhrzug von Sydney ab und zwar

in einem ganz amerikanischen, höchst vernünftig eingerichteten

Schlafwagen, der sauber, schön und neu war und in keiner Weise an die

Eisenbahnen erinnerte, wie sie meist auf dem europäischen Festland

sind. Aber unser Gepäck wurde gewogen und besonders bezahlt, was ebenso

europäisch wie lästig ist.

Wir hatten Rundreisebillets nach Melbourne, von da nach Adelaide in

Südaustralien und dann wieder zurück bis nach Sydney -- zwölfhundert

Meilen mehr als wir wirklich fahren wollten. Da aber die Rundreise

nicht teurer war als ein gewöhnliches Billet, so hielten wir es doch

für besser, uns die größte Meilenzahl zu kaufen, die man für den Preis

haben konnte, obgleich wir sie, aller Wahrscheinlichkeit nach, nicht

benützen würden. Der Mensch hat stets ein natürliches Verlangen, von

etwas Gutem mehr zu bekommen als er braucht.

Jetzt muß ich aber noch eine Merkwürdigkeit erwähnen, das

wunderlichste, seltsamste, unerklärlichste und erstaunlichste Ding in

seiner Art, das ganz Australien aufzuweisen hat: An der Grenze zwischen

Neusüdwales und Victoria wurden die sämtlichen, zahlreichen Insassen

des Zuges, morgens bei Laternenlicht, in einer hoch gelegenen Gegend,

wo es bitterkalt war, aus ihren behaglichen Betten geholt, um den Wagen

zu wechseln. Und doch geht die ganze Bahn von Sydney nach Melbourne

ohne Unterbrechung fort! Der Gedanke kann nur einem vollständig

vernagelten Hirn entsprungen sein, und eine vorsintflutliche

Gesetzgebung muß die Verordnung erlassen haben.

Bis zur Grenze ist die Eisenbahn nämlich schmalspurig und von da bis

Melbourne hat sie eine größere Schienenweite. Das ist so von den

beiden Regierungen, welche die Bahn erbaut haben und denen sie gehört,

wohlweislich eingerichtet. Ihre gegenseitige Eifersucht scheint der

Hauptgrund dieses merkwürdigen Zustands der Dinge zu sein. Man gibt

zwar noch andere Gründe dafür an, aber sie kommen nicht in Betracht, da

sie das Unerklärliche doch nicht erklären könnten; übrigens habe ich

sie auch vergessen.

Alle Passagiere ärgern sich über die verschiedene Schienenweite,

und wie lästig ist sie erst für den Frachtverkehr! Nutzlose Kosten,

Verzögerungen und Unbequemlichkeit aller Art sind unzertrennlich damit

verbunden; kein Mensch hat einen Vorteil davon.

Unser Wagenwechsel fand in Albury statt, und dort sahen wir auch

bei Sonnenaufgang die ferne Kette der ›Blauen Berge‹. Sie tragen

ihren Namen mit Recht! ›Auf mein Wort,‹ wie der Australier sagt, ein

solches Blau sucht seinesgleichen. Es ist bald tief, stark glänzend,

wundervoll, erhaben, majestätisch -- eine einzige blaue Masse; bald

sanft leuchtend oder durchsichtig, als hätte man im Innern ein Feuer

angezündet. Das Blau des Himmels erlosch davor, es nahm eine weißliche,

ausgewaschene Farbe an und sah bleich und ungesund aus neben jener

wahrhaft köstlichen Bläue.

Ein Bürger von Albury sagte mir, das wären gar keine Berge, sondern

Haufen von Kaninchenleibern, die man so lange der Luft und Fäulnis

ausgesetzt hätte, daß sie davon ganz blau aussähen. Vielleicht sprach

der Mann die Wahrheit; aber ich habe so viele Reiseberichte gelesen,

daß ich alle Belehrung, welche mir unerbeten, auf nicht amtlichem Wege

zu teil wird, nie ohne Mißtrauen aufnehme. Die Reisenden werden oft in

ganz unverantwortlicher Weise durch falsche Angaben irre geführt. Die

Kaninchenplage in Australien ist freilich sehr groß gewesen, und wenn

es sich nur um _einen_ Berg handelte, so wollte ich es gern glauben.

Aber ein ganzer Gebirgszug -- das ist doch wohl übertrieben.

Wir frühstückten auf dem Bahnhof. Alles war billig und gut, außer

dem Kaffee. Die Preise bestimmt die Regierung selbst und läßt sie

öffentlich anschlagen. Daß wir männliche Bedienung hatten, war etwas

Ungewöhnliches in Australien; meistens findet man Kellnerinnen, das

heißt junge Damen, die man für Prinzessinnen halten könnte. Wie sie

gekleidet gehen? -- So, daß sie in Europa beim Gala-Empfang einer

Königin Bewunderung erregen müßten. Selbst Fürstinnen und Herzoginnen

ziehen sich nicht so an. Ihre Mittel würden es ihnen zwar erlauben,

aber sie brächten es doch nicht zu stande.

Den ganzen Morgen über fuhren wir in der Ebene dahin, durch lichte

Wälder von großen Gummibäumen, deren Rinde in langen, gerollten

Streifen herunterhing, wie die Haut von Kranken, die sich nach dem

Scharlachfieber schälen. Ueberall standen winzige Hütten, teils aus

Holz, teils aus graublauem Wellblech; auf den Zäunen und Türschwellen

sah man Scharen kleiner stämmiger Buben, in einfacher Kleidung, die

ihren Altersgenossen an den Ufern des Mississippi zum verwechseln

ähnlich waren. Auch an Dörfern kamen wir vorüber, deren saubere

Bahnhofsgebäude von oben bis unten mit Anzeigen beklebt waren. Wir

sahen allerlei Vögel, aber weder ein Känguruh, noch einen Emu, weder

ein Schnabeltier, noch einen Vorleser, auch keinen Eingeborenen; alles

Wild war im Lande wie ausgestorben. Aber nein -- ich habe mich geirrt.

Unter Eingeborenen versteht man nur Weiße, die in Australien zur Welt

gekommen sind. Ich hätte sagen sollen, daß ich keine Wilden, keine

Schwarzen gesehen habe -- und zwar bis auf den heutigen Tag nicht. Die

großen Museen sind voll von Wundern aller Art, aber was den Fremden

am meisten interessieren würde, sucht er dort vergebens. Auch in

Amerika haben wir zahllose Museen, allein man findet nicht eine einzige

amerikanische Rothaut darin. Das ist so verkehrt, wie nur irgend

möglich, aber merkwürdigerweise habe ich früher noch nie daran gedacht;

es fällt mir heute zum erstenmal ein.

Siebzehntes Kapitel.

Der Mensch hat einen Sinn für das was recht ist und einen

Sinn für das was unrecht ist. Die Geschichte lehrt uns,

daß er den ersteren gebraucht, um dem rechten aus dem Wege

zu gehen und den letzteren, um aus dem Unrechten Nutzen zu

ziehen.

_Querkopf Wilsons Kalender._

Seit vielen Jahren schwebte über mir ein Geheimnis, das sich nirgends

anders enträtseln ließ, als in Melbourne. Die Sache verhielt sich

folgendermaßen:

Ich war im Jahre 1873 mit Frau und Kind eben in London angekommen,

als ich aus Neapel eine Zuschrift erhielt, unter der ein mir

unbekannter Name stand. Es war nicht Bascom und auch nicht Henry,

aber der Bequemlichkeit halber will ich den Briefsteller Henry Bascom

nennen. Das Schreiben bestand aus etwa sechs Zeilen auf einem weißen

Papierstreifen, der am untern Ende abgerissen war. Im Lauf der Jahre

erhielt ich noch viele solche Streifen, die alle einander an Form und

Größe völlig gleich sahen; auch der Inhalt war meist der nämliche: der

Schreiber forderte mich auf, mit den Meinigen an dem und dem Tage nach

seinem Landsitz in England zu kommen, um ihm einen achttägigen Besuch

zu machen. Der Zeitpunkt für Ankunft und Abreise war genau angegeben.

Diese Einladungen erfolgten stets lange im voraus; wenn wir in Europa

waren, etwa drei Monate, waren wir in Amerika, schon ein halbes oder

ein ganzes Jahr vorher. Auch der Zug, mit dem wir kommen und gehen

sollten, war jedesmal in dem Schreiben bestimmt erwähnt.

Jener erste Brief setzte einen Tag in drei Monaten für unsere Ankunft

fest; wir sollten am sechsten August mit dem Nachmittagszug 4.10 von

London abfahren und im Wagen abgeholt werden. Eine Woche später würde

uns der Wagen wieder zu dem und dem Zug auf den Bahnhof bringen. Als

Nachschrift standen noch die Worte darunter:

»Sprechen Sie mit Tom Hughes.«

Ich zeigte dem Verfasser von ›Tom Brown in Oxford‹ den sonderbaren

Brief, und er sagte:

»Nehmen Sie die Einladung mit Dank an.« Hierauf schilderte er mir

Herrn Bascom als einen genialen, hochgebildeten und in jeder Beziehung

außergewöhnlichen Mann, einen so edlen und reinen Charakter, wie

man ihn nur selten findet. Auch sei es schon der Mühe wert, eine

weite Reise zu machen, um Bascom Hall -- eins der stattlichsten

herrschaftlichen Schlösser aus der Zeit der Königin Elisabeth -- in

Augenschein zu nehmen. Herr Bascom sei eine gesellige Natur und sehe

gern interessante und liebenswürdige Menschen bei sich. Man könne daher

dort im Hause stets die angenehmsten Bekanntschaften machen.

Wir statteten damals den Besuch ab und noch mehrere andere im Lauf der

nächsten Jahre, den letzten 1879. Bald darauf trat Bascom auf seinem

eigenen Dampfer eine Reise um die Welt an. Er wollte lange fortbleiben,

alles mit Muße betrachten und in den fremden Ländern auch Vögel,

Schmetterlinge u. dgl. sammeln.

Am 2. Juli 1881, dem Tage, an welchem Präsident Garfield von dem Mörder

Guiteau tödlich verwundet wurde, kam in dem kleinen Badeort am Sund von

Long Island, wo wir unsere Sommerfrische hielten, ein Brief mit dem

Poststempel Melbourne an. Er war an meine Frau adressiert, da ich aber

Bascoms Handschrift erkannte, machte ich ihn auf. Der Brief enthielt

wie gewöhnlich nur ein paar Zeilen auf einem Papierstreifen, aber ihr

Inhalt war sehr merkwürdig und ganz anders als sonst. -- Vielleicht

könne es den Kummer meiner Frau lindern -- so ungefähr lautete das

Schreiben -- wenn sie erführe, wie erfolgreich die Vorlesungstour

ihres Gatten in Australien von Anfang bis zu Ende gewesen sei. Der

Briefsteller könne das nach bestem Wissen bezeugen und die Mitteilung

hinzufügen, daß der allzu frühe Tod ihres Gatten von der ganzen

Bevölkerung aufs tiefste beklagt werde. Sie würde das jedoch ohne

Zweifel bereits aus Zeitungstelegrammen ersehen haben. Alle Beamten und

Würdenträger der Kolonie und der städtischen Regierung wären bei dem

Begräbnis zugegen gewesen. Schreiber dieser Zeilen hätte zwar leider

Melbourne nicht mehr rechtzeitig erreichen können, um die Leiche noch

einmal zu sehen, doch hätte er es sich nicht versagen wollen, als

Freund der Familie wenigstens unter den Hauptleidtragenden zu sein.

Unterschrieben: ›Henry Bascom‹.

Wenn er doch den Sarg hätte öffnen lassen! Das war mein erster Gedanke.

Er würde sich dann überzeugt haben, daß es die Leiche eines Betrügers

war, er hätte sie öffentlich versteigern und mir das Geld schicken

können und das ganze Trauergefolge, samt der betrübten Regierung, würde

sich die Tränen aus den Augen gewischt haben.

Damals ließ ich die Sache auf sich beruhen. Ich hatte schon früher

mehrmals die Polizei in Anspruch genommen, um mich gegen meine

lebendigen Vorlesungs-Doppelgänger in Amerika zu schützen; doch war

man ihrer niemals habhaft geworden. Auch andere meiner Kollegen hatten

umsonst versucht, _ihre_ betrügerischen Duplikate zu entlarven. Was

sollte es da wohl nützen, einen abgeschiedenen Geist zu beunruhigen?

-- So störte ich denn seinen Frieden nicht; aber neugierig war ich

doch, Näheres über die Vorlesungstour jenes Menschen und seine

letzten Lebensstunden zu erfahren. Ich wollte warten, bis ich Bascom

wiedersähe, und mir alles von ihm erzählen lassen; er starb jedoch,

ohne daß wir uns zuvor noch einmal im Leben trafen, und dann dachte ich

nicht mehr an jenes Ereignis.

Als ich jedoch die Reise nach Australien plante, war meine Neugier

wieder erwacht. Sehr natürlich -- denn, wenn die Zuhörer meiner

Vorlesungen etwa gesagt hätten, ich sei recht fade und langweilig,

im Vergleich zu dem, was ich vor meinem Tode gewesen, so würde die

Einnahme darunter gelitten haben.

Wie sehr war ich nun überrascht, als mir die Zeitungsredakteure in

Sydney sagten, sie hätten _von jenem Betrüger noch nie etwas gehört_.

Ich mochte sie ausfragen so viel ich wollte, sie wußten nichts von ihm

und zweifelten an der ganzen Geschichte. Mir war das unverständlich;

doch glaubte ich, in Melbourne würde sich die Sache leicht aufklären

lassen. Die Regierung und das übrige Trauergefolge mußten sich doch

noch an den Leichenzug erinnern. Bei dem Festessen, das mir die

Journalisten gaben, stellte sich jedoch heraus, daß auch sie nichts

hatten verlauten hören und mir keine Auskunft geben konnten.

So blieb, zu meiner großen Enttäuschung, das Geheimnis nach wie vor

in Dunkel gehüllt. Ich hoffte nun nicht mehr, daß ich die Lösung des

Rätsels noch auf Erden erfahren würde und suchte mir die Sache aus

dem Sinne zu schlagen. Aber endlich, gerade als ich es am wenigsten

erwartete -- doch nein, hier ist nicht der richtige Platz, um die

übrige Geschichte zu erzählen; ich werde in einem viel späteren Kapitel

wieder darauf zurückkommen.

* * * * *

Die Stadt Melbourne hat eine ungeheure Ausdehnung und Bauwerke von

hervorragender Pracht und Größe. Ihre Straßenbahnen sind vortrefflich,

sie besitzt Museen, höhere und niedere Schulen, öffentliche Gärten,

Gas, Elektrizität, Bibliotheken und Theater. Sie ist der Mittelpunkt

für den Bergbau, die Wollindustrie, für Kunst und Wissenschaft,

man findet dort Gewerkvereine, Schiffe, Eisenbahnen, einen Hafen,

gesellige Vereinigungen, Journalistenklubs, Rennvereine und einen

Klub der Squatter, dem ein wundervoll eingerichtetes Haus gehört,

auch so viele Banken und Kirchen, wie irgend nebeneinander bestehen

können. Kurz, Melbourne hat alles, was zur modernen Großstadt gehört;

es ist die bedeutendste Stadt auf dem australischen Festland und den

Inseln und füllt ihren Posten als solche mit Ehre und Würde aus. Einen

besonderen Vorzug besitzt es aber noch, den man nicht mit andern

Dingen zusammenwerfen darf. Es ist nämlich das Zentrum für den Kultus

des Pferderennens. Sein Rennplatz ist das Mekka von Australien.

Am 5. November, dem alljährlichen Festopfertag, stehen auf einer

Strecke, die länger ist, als von New York nach San Francisco, und

breiter als von den nördlichen Seen bis zum Golf von Mexiko, sämtliche

Geschäfte völlig still; Männer und Frauen jedes Standes und Ranges,

deren Mittel es erlauben, lassen daheim alles stehen und liegen,

und kommen herbeigeströmt. Schon zwei Wochen vor dem bestimmten

Tage beginnen die Scharen sich zu Schiffe und mit der Eisenbahn

einzufinden; täglich erscheinen sie in immer dichteren Schwärmen, bis

alle Transportmittel die Last kaum mehr zu bewältigen vermögen und

die Hotels und Wohnhäuser von oben bis unten vollgestopft sind. Zu

Hunderttausenden sieht man sie anmarschieren, wie glaubwürdige Zeugen

versichern, um den Riesenplatz und die Tribünen zu füllen. In ganz

Australien bekommt man nirgends ein ähnliches Schauspiel zu Gesicht.

Das Preisrennen von Melbourne ist es, zu dem alle diese Menschen

zusammenströmen. Die Festkleider sind schon lange vorher bestellt; sie

müssen an Pracht und Schönheit alles überstrahlen, was je dagewesen

ist; keine Kosten werden gescheut, und man verbirgt sie sorgfältig vor

neugierigen Blicken, bis der große Tag erscheint, dem man sie geweiht

hat. Ich meine natürlich die Toiletten der Damen; aber das versteht

sich ja von selbst.

Die Tribünen bieten denn auch einen wundervollen, blendenden Anblick;

man sieht dort die zauberhaftesten Farben, die entzückendste Schönheit.

Der Champagner fließt in Strömen, die allgemeine Stimmung ist lebhaft,

aufgeregt, glücklich; jeder wettet, und Unsummen werden gewonnen

oder verloren. Tag für Tag finden Wettrennen statt, wobei stets die

ausgelassenste Lust und Laune herrscht. Nachdem das Programm des

Tages erschöpft ist, tanzen die Leute noch die ganze Nacht hindurch,

um sich für das Rennen des nächsten Tages zu stärken. Am Schluß der

großen Woche sichern sich die Menschenmassen zuguterletzt Unterkunft

und Fahrgelegenheit für das nächste Jahr; dann verstreut sich alles,

jeder kehrt nach seiner fernen Heimat zurück, zählt seinen Gewinn oder

Verlust, bestellt die Kleider zum nächsten Preisrennen, legt sich zu

Bett, schläft vierzehn Tage lang und steht endlich mit dem traurigen

Gedanken wieder auf, daß man ein ganzes Jahr warten muß, bevor man sich

wieder aus vollster Seele seines Lebens freuen kann.

Das Preisrennen von Melbourne ist das Nationalfest Australiens. Seine

Wichtigkeit läßt sich gar nicht hoch genug anschlagen. Jeder andere

Fest- oder Feiertag irgend welcher Art, den die Kolonien begehen,

wird durch seinen Glanz verdunkelt. Zwar feiert man noch allerlei,

teils aus Gewohnheit, teils von Amts wegen, aber nicht so gründlich,

so allgemein, so aus freien Stücken, wie das große Wettrennen. Es hat

seinesgleichen in keinem andern Lande der Welt. Je näher dies höchste

Fest des Jahres herankommt, um so glühender wird die Erwartung, die

Vorbereitung und die allgemeine Glückseligkeit; man denkt und redet

überhaupt nichts anderes mehr.

In Amerika haben wir keinen Tag im Jahr, der so wie dieser die

Gesamtbevölkerung beseligen kann. Wir feiern den vierten Juli,

Weihnachten und das Dankfest. Aber keiner dieser drei Festtage hat

einen Vorrang vor dem andern, und keiner ist, wie gesagt imstande, das

ganze Volk zu beglücken. Von zehn erwachsenen Amerikanern empfinden

mindestens acht ein wahres Entsetzen vor dem vierten Juli mit seinem

gefährlichen Höllenspektakel und wünschen sich Glück, daß er vorüber

ist -- wenn sie noch am Leben sind. Auch das Nahen des Weihnachtsfestes

bringt vielen trefflichen Menschen Qual und Pein. Sie müssen ganze

Wagenladungen von Geschenken kaufen und wissen nie, ob sie den

Geschmack der Empfänger getroffen haben. Drei Wochen lang arbeiten sie

im Schweiße ihres Angesichts und wenn der Weihnachtsmorgen anbricht,

fühlen sie sich so enttäuscht und so unzufrieden mit ihren Leistungen,

daß sie sich am liebsten hinsetzen möchten, um sich nach Herzenslust

auszuweinen und nur in dem Gedanken Trost finden, daß bloß einmal

im Jahr Weihnachten ist. Unser Dankfest wird seit einiger Zeit ganz

allgemein durch ein Festessen gefeiert. Das Dankgefühl ist bei uns

jedoch weit weniger verbreitet. Zu verwundern braucht man sich darüber

nicht. Zwei Drittel des Volkes haben jetzt das ganze Jahr hindurch

so wenig Glück und ein so schweres Leben, daß ihre Festfreude sich

bedeutend abkühlt.

Auch in andern Ländern feiert man hohe Feste, aber wie gesagt, keins an

dem das ganze Volk so von Herzen Anteil nimmt. Man wird mir daher wohl

zugeben müssen, daß das Preisrennen von Melbourne das Fest aller Feste

ist und vermutlich seinen hohen Rang noch lange Zeit behaupten wird.

Für den Reisenden hat in fremden Landen dreierlei das größte

Interesse: erstens, die Bevölkerung, zweitens, alles was ihm neu ist

und drittens, die geschichtlichen Erinnerungen, welche sich an die

Orte knüpfen. In Städten, die auf der Höhe der modernen Zivilisation

stehen, wird er selten etwas Neues finden. Kennt man solche Städte

in andern Weltteilen, so kennt man tatsächlich auch die großen Städte

Australiens. Zwar sind Unterschiede vorhanden, aber es gehört schon ein

recht geübtes Auge dazu um sie zu entdecken, und der Fremde hat selten

Zeit zu so genauer Beobachtung.

Meine Reise um die Welt. Erste Abteilung · 第 8 / 17 段