Es gibt Leute, welche die Schuljungen oberflächlich und

leichtsinnig schelten. Und doch war es ein Schuljunge, der

gesagt hat: ›Glauben ist, wenn man was glaubt und dabei

weiß, es ist nicht so.‹

_Querkopf Wilsons Kalender._

In Sydney hatte ich einen Riesentraum, den ich einem Missionar

erzählte, welcher aus Indien kam und seine Verwandten in Neuseeland

besuchen wollte.

Mir träumte nämlich, das sichtbare Weltall sei die leibliche

Erscheinung Gottes; die großen Himmelskörper, die wir in Entfernungen

von vielen Millionen Meilen von einander am Firmamente funkeln sehen,

wären die Blutkügelchen in seinen Adern, und wir und die anderen

Geschöpfe die Mikroben, durch welche das Blut auf tausendfältige Art

belebt wird.

Herr X., der Missionar, dachte eine Weile nach, dann sagte er: »An

Großartigkeit hat der Traum jedenfalls nicht seinesgleichen, denn er

umfaßt das ganze Universum. Auch scheint mir, daß er als Erklärung

für etwas gelten kann, was sonst beinahe unerklärlich ist -- nämlich

für den Ursprung der heiligen Sagen der Hindus. Vielleicht haben die

Hindus sie auch nur geträumt und beim Erwachen geglaubt, es seien

göttliche Offenbarungen. Es hat ganz den Anschein, denn ihr Maßstab ist

von so ungeheurer Größe, daß man unmöglich annehmen kann, die Priester

hätten mit wachen Sinnen diese kolossalen Phantasiebilder ausgeklügelt.«

Er erzählte mir verschiedene Sagen, an welche, wie er behauptete, alle

Hindus, selbst in den höchsten und gebildetsten Klassen, felsenfest

glaubten; und gerade diese Leichtgläubigkeit hielt er für ein großes

Hindernis bei dem Missionswerk.

»Zu Hause können die Leute nicht begreifen, warum das Christentum in

Indien so langsame Fortschritte macht,« sagte er. »Man hat gehört,

daß die Hindus leicht zu überzeugen sind und eine natürliche Vorliebe

für Wunder haben. Da meinen nun viele, man brauche nur die Wahrheiten

des Christentums zu verkünden und durch die biblischen Wunder zu

bekräftigen, dann würden die Hindus sich bekehren und alle ihre Zweifel

überwunden sein. Aus der Tatsache, daß das Christentum so wenig Eingang

in Indien findet, zieht man den sehr natürlichen Schluß, daß wir schuld

daran sind, weil wir die Lehren und Wunder nicht mit dem nötigen Eifer

verbreiten.

»Aber die Sache ist keineswegs so einfach, wie der Laie denkt. Die

Aufgabe wird uns dadurch erschwert, daß wir -- um ein kriegerisches

Bild zu brauchen -- zwar gutes Pulver in den Kanonen, aber statt

der Kugeln nur einen Ladepfropfen haben. Das heißt -- unsere Wunder

machen keinen Eindruck; die Hindus sind gleichgültig dagegen, weil

sie selbst viel merkwürdigere haben. Ihre eigene Religion wird in

allen Einzelheiten durch Wunder belegt, und wir müßten ihnen auch

für unsere sämtlichen Glaubenssätze auf die gleiche Art den Beweis

liefern. Als ich meine Missionsarbeit in Indien begann, unterschätzte

ich die Schwierigkeiten der Aufgabe bedeutend, aber ich wurde bald

eines Besseren belehrt. Gleich unsern Freunden daheim glaubte ich,

man könne die kindlich Wundersüchtigen am besten zur Aufnahme des

Evangeliums bewegen, wenn man ihnen als Vorbereitung staunenerregende

Wundergeschichten erzählte. So begann ich denn voller Vertrauen ihnen

von den Wunderdingen zu berichten, die Simson -- der stärkste Mann, den

es je gegeben -- vollbracht hat.

»Zuerst malte sich die lebhafteste Spannung in den Mienen meiner

Zuhörer, aber als ich weiter in der Geschichte kam, sah ich zu meiner

Betrübnis, wie das Interesse der Leute sich mehr und mehr verringerte.

Das war mir unverständlich; es überraschte und enttäuschte mich in

hohem Grade. Zuletzt verwandelte sich das schwindende Interesse sogar

in völlige Gleichgültigkeit, die bis zum Schluß unverändert blieb,

trotz aller meiner Bemühungen.

»Ein guter, alter und sehr gebildeter Hindu klärte mich über den

Sachverhalt auf: ›Wir Hindus,‹ sagte er, ›erkennen einen Gott an

dem Werk seiner Hände -- ein anderes Zeugnis gibt es für uns nicht.

Offenbar ist das bei euch Christen auch der Fall. Wenn jemand Dinge

tut, die er als Mensch nicht vollbringen könnte, so wissen wir, daß

ein Gott ihm dazu die Kraft verleiht. Mir scheint, auch die Christen

haben kein anderes Mittel, um zu sehen, ob ein Mensch aus eigener Macht

handelt oder als Werkzeug eines Gottes. Ihr erkanntet, daß in Simsons

Haar eine übernatürliche Macht lag, denn sobald er es verloren hatte,

war er nicht stärker als alle andern Menschen. Wie gesagt, so machen

wir es auch. Es gibt viele Völker in der Welt, und jede Völkergruppe

hat ihre eigenen Götter und betet die fremden Götter nicht an. Jedes

Volk hält seine Götter für die stärksten und vertauscht sie nur mit

andern Göttern, wenn diese erwiesenermaßen größere Kraft besitzen. Der

Mensch ist ein schwaches Geschöpf, er braucht die Hilfe der Götter --

ohne sie vermag er nichts. Soll er nun sein Geschick schwachen Göttern

anvertrauen, wenn es stärkere gibt? Das wäre Torheit. Nein, wenn er

vernimmt, daß andere Götter stärker sind als seine eigenen, so soll

er sich taub dagegen stellen, denn es ist eine Sache von größter

Wichtigkeit. Aber, wie läßt sich erkennen, ob seine Götter stärker sind

oder die der anderen Völker? -- Es gibt nur ein Mittel: er muß die ihm

bekannten Werke seiner Götter mit den Taten der fremden Gottheiten

vergleichen. Das tun wir, und fühlen uns gerade deshalb nicht zu den

Göttern irgend eines andern Volkes hingezogen. Aus den Werken unserer

Götter ersieht man, daß sie am stärksten und mächtigsten sind. Die

Christen haben nur wenige Götter, die obendrein neu sind und nach

unserer Meinung nicht sehr stark. Zwar wird sich ihre Zahl vermehren,

denn das ist bei allen Göttern geschehen, aber erst in langer, langer

Zeit, wenn viele Jahrhunderte vorbei sind. Die Zahl der Götter nimmt

langsam zu, was ja ganz natürlich ist, da für sie tausend unserer Jahre

nur ein Augenblick sind. Zwischen der Geburt unserer Götter liegen

Millionen von Jahren. Auch ihre Kraft wächst nur allmählich. Im Lauf

der Jahrtausende hat sich die Stärke unserer Götter aufs wunderbarste

vergrößert. Dafür haben wir zahllose Beweise, teils durch ihre eigenen

Werke, teils durch die Taten gewöhnlicher Menschen, denen sie göttliche

Kraft verliehen. Auch euer Simson besaß übernatürliche Stärke; als er

die Seile von frischem Bast zerriß, Tausende mit dem Eselskinnbacken

tötete und die Tore der Stadt auf seinen Schultern forttrug, ergriff

euch Staunen und Entsetzen, weil ihr wußtet, daß nur ein Gott ihm

solche Stärke geben konnte. Aber von den Hindus ließ sich nicht

erwarten, daß sie sich über diese Kraftproben verwundern sollten. Sie

haben dieselben natürlich mit dem verglichen, was Hanuman vollbrachte,

als die Götter seine Muskeln mit ihrer Kraft begabten, und da machte

ihnen Simson keinen Eindruck mehr -- wie Sie gesehen haben.

»›In uralter Zeit nämlich, vor vielen Jahrhunderten, als unser Gott

Rama mit dem bösen Gott von Ceylon Krieg führte, beschloß er, das

Meer zu überbrücken, um Ceylon und Indien zu verbinden, so daß seine

Heere bequem hinüberschreiten könnten. Er schickte seinen Feldherrn

Hanuman aus, um die Bausteine zur Brücke herbeizuschaffen und gab ihm

göttliche Kraft, wie sie euer Simson hatte. In zwei Tagen legte Hanuman

fünfzehnhundert Meilen bis zum Himalaya zurück, nahm eine zweihundert

Meilen lange Kette dieses hohen Gebirges auf seine Schultern und machte

sich damit auf den Weg nach Ceylon.

»›Es war Nacht, und als er über die Ebene kam, hörten die Bewohner

von Govardhun, wie das Erdreich unter dem Donner seiner Fußtritte

erbebte. Da liefen sie hinaus und sahen den Himalaya mit seinen gen

Himmel ragenden Schneegipfeln vorüberziehen! Auf den Abhängen des

riesigen Gebirges funkelten die Lichter von tausend schlummernden

Dörfern; es sah aus, als kämen sämtliche Sternbilder in langem Zuge

durch die Luft geflogen. Während die Leute noch gaffend dastanden,

stolperte Hanuman, und bei der Erschütterung riß sich ein kleiner,

zwanzig Meilen langer Bergrücken von rotem Sandstein los und fiel

zu Boden. Jetzt, nach vielen Jahrhunderten, ist er zwar zur Hälfte

verschwunden, aber die andern zehn Meilen stehen noch heutigen Tages

in der Ebene von Govardhun, als ein Zeugnis von der Macht, welche

unsere Götter den Sterblichen verleihen können. Daß Hanuman das

Gebirge nur durch göttliche Kraft nach Ceylon tragen konnte, liegt

auf der Hand. Seine eigene Stärke hätte dazu nicht genügt; also weiß

man, daß ihm die Götter ihre Kraft gaben, so gut wie man von Simson

weiß, daß er die Stadttore mit göttlicher Kraft und nicht mit seiner

eigenen getragen hat. Zwei Dinge werden Sie mir aber zugeben müssen:

Erstens, daß durch Simsons Kraftprobe der Vorrang eurer Götter vor

den unsrigen nicht erwiesen ist, und zweitens, daß ihr kein anderes

Zeugnis dafür habt, als eure Ueberlieferung, während bei Hanumans

Großtat die Ueberlieferung noch aufs kräftigste durch ein sichtbares

und greifbares Zeugnis festgestellt und bestätigt wird: Wir besitzen

das Sandsteingebirge, und solange es vorhanden ist, kann man nicht an

der Tatsache zweifeln. Habt ihr etwa die Stadttore?‹«

Fünfzehntes Kapitel.

Wer ängstlich ist, verlangt den zehnten Teil von dem, was

er haben möchte; wer kühn ist fordert das Doppelte vom

Normalwert und ist mit der Hälfte zufrieden.

_Querkopf Wilsons Kalender._

Bei allen öffentlichen Einrichtungen ist man in Australien erstaunlich

freigebig. Städte, die in Amerika durchschnittlich so und so viele

hundert Dollars für ihr Rathaus, ihre Hospitäler, Irrenhäuser, Parks

und botanischen Gärten ausgeben, würden in Australien ebenso viele

Tausende darauf verwenden. Ich habe in einer australischen Ortschaft

von viertausend Einwohnern ein geräumiges, gut ausgestattetes Hospital

in hübschem Baustil gesehen, das ganz auf Kosten der Bürger und

benachbarten Pflanzer errichtet worden ist und auch seine laufenden

Ausgaben von ihnen bezahlt erhält. Dergleichen wäre anderswo

vollkommen unerhört. Das Städtchen stand eben im Begriff, elektrische

Straßenbeleuchtung einzuführen, hatte also London überholt. London wird

noch durch Gas verdunkelt, und die Beleuchtung ist obendrein in manchen

Gegenden zu sehr verteilt; die Gaslaternen stehen so weit auseinander,

daß es eine Kunst ist, sie zu finden, wenn nicht der Mond scheint.

Der botanische Garten von Sydney ist achtunddreißig Morgen groß,

wundervoll angelegt und reich an Gewächsen aus allen Ländern und

Zonen der Welt. Er liegt auf einer Anhöhe mitten in der Stadt, so

daß man den Hafen überblickt, und stößt an die Anlagen, welche zum

Regierungsgebäude gehören. Diese umfassen sechsundfünfzig Morgen

und stehen in Verbindung mit öffentlichen Spielplätzen, deren

Flächeninhalt zweiundachtzig Morgen beträgt. Außerdem gibt es noch den

Zoologischen Garten, die Rennbahn und einen großen Kricket-Platz, wo

die internationalen Wettspiele stattfinden. Man hat also Raum genug, um

in aller Ruhe müßig und beschaulich umherzuliegen oder sich Bewegung zu

machen, wenn man eine derartige Anstrengung vorzieht.

Gesellige Freuden gibt es in Sydney viererlei: Wer sich beim

Gouverneur ins Fremdenbuch schreibt, erhält -- falls gegen seine

Person nichts vorliegt -- eine Einladung zum nächsten Ball, der dort

im Hause stattfindet. Ein solches Fest ist sehr unterhaltend, denn

man trifft da alle Welt, außer dem Gouverneur selbst, und kann neue

Bekanntschaften machen. Der Gouverneur pflegt in England zu sein, wie

immer. Auf dem australischen Continent sind vier oder fünf Gouverneure

angestellt; wie viele gebraucht werden, um die fernen Inselgruppen

zu regieren, weiß ich nicht, jedenfalls kriegt man keinen zu sehen.

Wenn sie ernannt werden, kommen sie aus England, lassen sich feierlich

in ihr Amt einsetzen, geben einen Ball und beteiligen sich an dem

Bittgebet um Regen; dann besteigen sie das Schiff, fahren wieder nach

Hause und überlassen dem Vize-Statthalter alle Arbeit. Ich war drei

und einen halben Monat in Australien und habe nur einen einzigen

Gouverneur gesehen; alle andern waren in der Heimat. Vielleicht würde

der Gouverneur nicht so flüchtig in Australien weilen, wenn seine

Tatkraft dort durch einen Krieg, ein Veto oder dergleichen in Anspruch

genommen wäre, aber das ist nicht der Fall. Krieg gibt es nicht,

ein Veto hat er nicht, und so fehlt es ihm wirklich an genügender

Beschäftigung. Australien zieht vor, sich selbst zu regieren und zwar

mit unermüdlichem Eifer; auch wacht es so argwöhnisch über seine

Unabhängigkeit, daß es alle Vorschläge der kaiserlich britischen

Regierung, ihm dabei zu helfen, eigensinnig von der Hand weist. Das

kaiserliche Vetorecht besteht zwar als Tatsache, aber meist nur dem

Namen nach.

Die Berufsgeschäfte des Gouverneurs sind viel eingeschränkter und daher

anstrengender als in den Vereinigten Staaten. Er ist das scheinbare

Staatsoberhaupt und das wirkliche Haupt der Gesellschaft, der Vertreter

von Kultur, Bildung, Geschmack, feinen Sitten und Religion, die er

durch sein Beispiel fördern muß, damit sie wachsen, blühen und gute

Früchte tragen. Er führt die Moden ein und gibt den Ton an; sein

Ball ist der Ball aller Bälle, und unter seinem Schutz nimmt das

Pferderennen einen gedeihlichen Fortgang. Gewöhnlich ist er ein Lord,

und das trifft sich günstig, denn seine Stellung zwingt ihn, großen

Aufwand zu treiben, und dazu besitzt ein englischer Lord meist die

genügenden Mittel. --

Zweitens kann man sich in Sydney das Vergnügen machen, der Admiralität

einen Besuch abzustatten. Die zierlichen diensttuenden Boote fahren

den Fremden nach dem Gebäude, das auf einer Anhöhe liegt, von der man

ins Meer hinaussieht. Sowohl dort wie auf dem Flaggschiff wird eine

Gastfreundschaft geübt, die dem Empfang beim Gouverneur in keiner Weise

nachsteht. Der kommandierende Admiral auf einer Flottenstation in

britischen Gewässern ist einer der ersten Großwürdenträger des Reichs,

und bewohnt ein Prachtgebäude, wie es seinem Range gebührt.

Die dritte eigentümliche Lustbarkeit, welche Sydney bietet, ist eine

Spazierfahrt im Hafen auf einer schönen Dampfbarkasse. Man wird dazu

von seinen reicheren Bekannten, die ein eigenes Vergnügungsboot

besitzen, häufig eingeladen, und die Fahrt ist so reizend, daß einem

die Zeit wie im Fluge vergeht.

Als vierte Art der Unterhaltung kommt zuguterletzt noch der

Haifischfang. Im Hafen von Sydney wimmelt es von diesen

menschenfressenden Raubfischen; man findet nirgends in der Welt

schönere Exemplare. Viele Leute erwerben ihren Lebensunterhalt mit dem

Fang, denn die Regierung zahlt eine Belohnung dafür. Je größer der Hai,

desto höher ist die Prämie, und manche Fische sind zwanzig Fuß lang.

Man bekommt aber nicht nur das ausgesetzte Geld, sondern darf auch

alles behalten, was sich im Magen des Haifisches findet, und manchmal

ist sein Inhalt wertvoll genug.

So rasch wie der Hai, schwimmt kein anderer Fisch; der schnellste

Dampfer kann sich nicht mit ihm messen. Auch treibt er sich überall in

den Meeren herum und besucht alle Küsten der Erde auf seiner rastlosen

Wanderschaft. Davon kann ich eine Geschichte erzählen, die noch nie

zuvor im Druck erschienen ist:

Im Jahre 1870 kam ein junger Fremdling nach Sydney und begann alsbald

eine Beschäftigung zu suchen; aber er kannte niemand, hatte auch keine

Empfehlungsbriefe und bekam daher keine Arbeit. Zuerst wollte er

ziemlich hoch hinaus, aber als die Zeit verging und sein Geld mehr und

mehr zusammenschmolz, nahmen auch seine Ansprüche ab. Schließlich würde

er gern jede Dienstleistung übernommen haben, um nur sein tägliches

Brot und ein Obdach zu finden; aber das Glück war ihm abhold, nirgends

wollte sich eine Aussicht eröffnen. Endlich war auch sein letztes Geld

ausgegeben; er irrte den ganzen Tag und die folgende Nacht auf den

Straßen umher und zerbrach sich den Kopf, was er anfangen sollte. Alles

Denken war umsonst, es fiel ihm nichts ein und sein Hunger wuchs von

Stunde zu Stunde. In der Morgendämmerung schweifte er ziellos außerhalb

der Stadt am Hafen umher und sah einen Schiffer schlaftrunken am Ufer

sitzen. Als er an ihm vorüberkam, blickte der Mann auf und rief ihm

zu: »Heda, junger Bursche, nehmt einmal meine Angel ein Weilchen,

vielleicht bringt mir das Glück.«

»Wenn’s Euch aber Unglück brächte?«

»Das glaub’ ich kaum. Schlimmer wie’s heute nacht gewesen ist, kann’s

sowieso nicht werden. Also versucht’s nur getrost.«

»Gut, es gilt. Aber was bekomm’ ich dafür?«

»Den Haifisch, wenn Ihr einen fangt.«

»Einverstanden! Ich glaub’, ich würd ihn verzehren samt allen Gräten.

Her mit der Angel!«

»Da habt Ihr alles. Jetzt geh ich eine Strecke weiter, um Euch den Fang

nicht zu verderben, denn ich weiß aus Erfahrung -- oho! zieht die Leine

ein, rasch, rasch, ein Fisch hat angebissen. Hab’ mir’s doch gleich

gedacht! Sobald ich Euch zu Gesicht bekam, wußt’ ich, daß Ihr ein

Glückskind seid. Nun, da haben wir ihn ja -- am Land ist er!«

Es war ein ungewöhnlich großer Hai, wohl neunzehn Fuß lang, wie der

Fischer sagte, während er dem Tier den Bauch aufschnitt.

»Nehmt nur alles heraus, junger Mann; es finden sich da manchmal Dinge,

die gar nicht zu verachten sind. Ich will einstweilen einen neuen

Köder aus dem Korb holen und dann versuchen, ob mir das Glück jetzt um

Euretwillen günstig ist.«

Als der Fischer wiederkam, hatte sich der Fremde eben die Hände

gewaschen und schickte sich an, zur Stadt zurückzukehren.

»Was, Ihr wollt fort?«

»Ja. Lebt wohl!«

»Aber, wie wird’s mit dem Haifisch?«

»Was soll mir der Fisch nützen?«

»Viel, sehr viel. Ihr seid mir der Rechte. Wißt Ihr denn nicht, daß die

Regierung Euch achtzig Schilling Belohnung dafür zahlt? In klingender

Münze. Na, was sagt Ihr dazu?«

»Laßt Euch das Geld auszahlen.«

»Und soll ich’s behalten -- he?«

»Jawohl.«

»Na, Ihr gefallt mir. Seid so ’ne Art Sonderling, wie mir scheint. Ja,

ja, man kennt den Vogel nicht immer an den Federn. Eure Kleider sehen

recht schäbig aus, und doch müßt Ihr reich sein.«

»Das bin ich auch.«

In tiefen Gedanken schritt der junge Mann langsam zur Stadt zurück.

Einen Augenblick blieb er vor dem besten Restaurant stehen; aber er sah

seine Kleider an, ging vorüber und ließ sich in der nächsten Schenke

ein Frühstück geben. Es war sehr reichlich und kostete fünf Schillinge.

Er zog ein Goldstück heraus, und als es gewechselt war, warf er einen

Blick auf das Silbergeld und murmelte: »Zum Einkauf von Kleidern reicht

es doch nicht!«

Um halb zehn Uhr saß der reichste Wollmakler in Sydney daheim im

Wohnzimmer; er hatte seinen Morgenimbiß eingenommen und sich eben in

die Zeitung vertieft. Da steckte ein Diener den Kopf herein.

»Vor der Tür steht ein Sonnenbruder, Herr, und fragt nach Ihnen.«

»Was fällt dir ein, mir mit solchem Anliegen zu kommen; schick’ ihn

fort.«

»Ich hab’s versucht, aber er will nicht gehen.«

»Was -- er weigert sich -- das ist sonderbar. Entweder muß er verrückt

sein, oder -- ein ungewöhnlicher Mensch. Ist er verrückt?«

»Nein, Herr. Danach sieht er nicht aus.«

»Hat er denn gesagt, was er von mir will?«

»Nur, daß er Sie in einer sehr wichtigen Angelegenheit sprechen muß.«

»Und fortgehen will er nicht? Hat er das gesagt?«

»Ja, er versichert, er bliebe an der Tür stehen, bis er Sie zu sehen

bekommt, und wenn’s den ganzen Tag dauern sollte.«

»Na, wenn er wirklich nicht verrückt ist, so laß ihn heraufkommen.«

Der Sonnenbruder trat ein. »Nein, der ist bei Sinnen,« dachte der

Makler, »das sieht man auf den ersten Blick. Also muß er kein

gewöhnlicher Mensch sein. -- Sagen Sie mal, mein Lieber,« fügte er laut

hinzu, »was wollen Sie eigentlich? Aber rasch, ohne unnütze Worte, ich

habe keine Zeit zu verlieren.«

»Ich möchte Sie bitten, mir 100000 Pfund zu leihen.«

»Himmel! (Es ist ein Irrtum -- er muß doch verrückt sein. Nein --

unmöglich -- mit solchen Augen!) Das versetzt einem ja den Atem! Wer

sind Sie denn, wenn ich fragen darf?«

»Jemand, den Sie nicht kennen.«

»Und Sie heißen?«

»Cecil Rhodes.«

»Nein, den Namen hab’ ich noch nie gehört. Aber, sagen Sie mir doch --

nur wegen der Merkwürdigkeit -- wie kommen Sie darauf, sich mit Ihrem

seltsamen Verlangen an mich zu wenden?«

»Weil ich die Absicht habe, innerhalb der nächsten sechzig Tage

hunderttausend Pfund für Sie und ebensoviel für mich zu machen.«

»Wahrhaftig! Sehr außergewöhnlich -- da möchte ich doch -- setzen

Sie sich -- was Sie sagen interessiert mich -- nicht Ihr Plan, nein,

aber Sie selbst. Es liegt etwas Bestrickendes in Ihrem Wesen, so ein

angeborenes -- ich weiß nicht recht, wie ich es nennen soll -- das aus

Ihnen spricht. Also -- wenn ich Sie recht verstehe -- so haben Sie den

Wunsch --«

»Ich sagte -- die Absicht.«

»Jawohl, aber warten Sie -- ich will erst ein wenig im Zimmer

umhergehen -- Sie haben mich überrascht -- und scheinen gar nicht

aufgeregt -- ich will suchen mich zu beruhigen. -- -- -- So, nun kann

mich nichts mehr aus der Fassung bringen. Heraus mit Ihrem Plan --

reden Sie!«

»Ich will den diesjährigen Wollertrag kaufen, mit sechzigtägiger

Lieferungsfrist!«

»Was -- den ganzen Ertrag?«

»Ja, die sämtliche Wolle.«

»Unsinn! Wissen Sie denn, auf welche Summe sich das belaufen wird?«

»Auf zwei und eine halbe Million Pfund Sterling, vielleicht noch etwas

mehr.«

»Da sind Sie recht berichtet. Und wissen Sie auch, wieviel das

Sicherheits-Depositum auf sechzig Tage betragen würde?«

»Gerade hunderttausend Pfund -- welche ich mir von Ihnen borgen will.«

»Die Rechnung stimmt. Meiner Treu, ich wollte Sie hätten das Geld, nur

zur Befriedigung meiner Neugier. Was würden Sie denn damit anfangen?«

»Ich werde damit in sechzig Tagen zweihunderttausend Pfund gewinnen.«

»Das heißt, Sie möchten das tun, wenn --«

»Ich werde es tun.«

»Sie sprechen ja mit ganz wunderbarer Bestimmtheit. Man sagt, das läßt

auf einen klaren Kopf schließen. Ich fange wirklich an, es nicht für

ganz unmöglich zu halten, daß Sie einen vernünftigen Zweck im Auge zu

haben meinten, als Sie hier in dies Ihnen fremde Haus kamen mit dem

ausfahrenden Plan, die Wollschur der ganzen Kolonie auf Spekulation zu

kaufen. Reden Sie nur dreist heraus -- Sie erschrecken mich nicht --

ich bin jetzt auf alles gefaßt. _Weshalb_ wollen Sie die Wolle kaufen?

Und weshalb glauben Sie dabei eine so große Summe gewinnen zu können?«

»Ich glaube es nicht -- ich weiß es.«

»Aber woher sind Sie denn Ihrer Sache so gewiß?«

»Weil Frankreich an Deutschland den Krieg erklärt hat, und der Preis

der Wolle in London vierzehn Prozent in die Höhe gegangen ist und noch

steigt.«

»Wirklich, meinen Sie? Da sind Sie doch sehr im Irrtum. Sie dachten

wohl, ich würde vom Donner gerührt sein bei Ihrer Nachricht?

Fehlgeschossen, mein Bester. Da, lesen Sie die Morgenzeitung. Das

schnellste Schiff unserer Flotte ist gestern abend um elf Uhr

eingetroffen. Vor fünfzig Tagen hat es London verlassen und bringt alle

neuesten Nachrichten. Nirgends läßt sich eine Kriegswolke sehen, und

was die Wolle betrifft, so ist sie der flaueste Artikel auf dem ganzen

englischen Markt. Nun, was haben Sie dagegen einzuwenden? Warum sitzen

Sie in solcher Gemütsruhe da, wenn --«

»Weil ich spätere Kunde habe.«

»Spätere Kunde? Unmöglich! Die unsere ist in fünfzig Tagen

brühsiedendheiß aus London gekommen mit dem --«

»Meine Nachricht ist zehn Tage alt.«

»Das klingt ja nach Münchhausen. Wo stammt sie denn her?«

»Aus dem Bauch eines Haifisches.«

»Da hört denn doch alles auf! Soll ich die Polizei rufen -- mein

Schießgewehr holen -- die ganze Stadt in Aufruhr bringen? Sie reden im

Wahnsinn; alle Irrenhäuser der Welt müssen in Ihrer Person -- --«

»Setzen Sie sich und nehmen Sie Vernunft an. Wozu solche Aufregung?

Warten Sie doch erst, ob ich meine Behauptung beweisen kann, ehe Sie

mich einen Narren schelten.«

»O, ich bitte tausendmal um Entschuldigung; im Grunde ist es ja gar

keines Aufhebens wert, wenn man einen Haifisch nach England schickt, um

den Marktbericht zu holen -- -- -- was schreiben Sie denn da?«

»Ich bin gleich fertig; nur ein paar Zeilen; meine Aussage in betreff

des Haifisches nebst einigen andern Dingen. So, nun setzen Sie Ihren

Namen darunter.«

Meine Reise um die Welt. Erste Abteilung · 第 7 / 17 段