An Bord des ›Duncan Dunbar‹ waren die Heimkehrenden eifrig mit

Vorbereitungen beschäftigt, als es zu dämmern begann, denn sie sollten

ja, noch ehe der Tag zu Ende ging, mit ihren Lieben vereint sein.

Frauen und Mädchen legten die Kleider ab, die sie unterwegs getragen

hatten, und schmückten sich aufs beste -- die armen Bräute des Todes!

Aber, sei es nun, daß der Wind sich gelegt hatte oder die Entfernung

falsch berechnet war -- noch kam die Landzunge nicht in Sicht, als

schon das Dunkel hereinbrach. Unter gewöhnlichen Verhältnissen würde

der Kapitän wohl auf offener See geblieben sein, um erst den Morgen

zu erwarten; aber da er die vielen flehenden Blicke sah und auf

allen Gesichtern sich die bitterste Enttäuschung malte, mag ihn sein

Mitgefühl bewogen haben, die schwierige Einfahrt trotz der Finsternis

zu wagen. Schon siebzehnmal war er in den Hafen von Sydney eingelaufen

und glaubte seiner Sache ganz sicher zu sein. So steuerte er denn in

gerader Linie auf die falsche Oeffnung los, die er für die richtige

hielt. Als er seinen Irrtum erkannte, war es bereits zu spät. Das

Schiff war rettungslos verloren, die hochgehende See riß es mit sich

fort und schleuderte es auf die spitzen Klippen am Fuß der Felswand,

daß es mit Krachen zerbarst und zersplitterte. Von der ganzen holden

Schar liebreizender Frauen und Mädchen blieb auch nicht eine am Leben.

Jeder Fremde, welcher an der Unglücksstätte vorbeifährt, bekommt diese

traurige Geschichte zu hören. Sie wird niemals veralten, wie vielen

künftigen Geschlechtern man sie auch noch erzählen mag. Der namenlose

Jammer, welchen sie in sich schließt, muß jedes Herz erschüttern.

Zweihundert Personen befanden sich an Bord, aber nur ein Matrose

entging dem Tode. Eine ungeheure Woge warf ihn an die Felswand, wo

er in halber Höhe auf einem schmalen Klippenvorsprung die Nacht über

liegen blieb. Unter andern Umständen wäre er dort elend verschmachtet,

da seine Auffindung undenkbar schien. Allein, als sich am andern

Morgen die entsetzliche Nachricht verbreitete, daß der ›Duncan Dunbar‹

angesichts der Heimat gescheitert sei, strömten die Bewohner der

Stadt scharenweise hinaus und spähten von der Felswand ins Meer.

Da sah einer, der sich weit vorbeugte, den Mann, welcher durch ein

Wunder dem Tode entronnen war. Man brachte Stricke herbei und das

schier unmögliche Rettungswerk gelang. Der Matrose war ein Mensch mit

praktischen Anlagen; er mietete einen Saal in Sydney und stellte sich

dort für ein kleines Eintrittsgeld so lange dem Publikum aus, bis seine

Einnahme den Ertrag der Goldfelder in jenem Jahre überstiegen hatte.

Wir fuhren ein, gingen vor Anker und schifften am andern Morgen unter

manchem Ach und Oh der Bewunderung durch die Buchten und Krümmungen des

schönen, geräumigen Hafens, der ein Wunder der Welt und das Herzblatt

von Sydney ist. Daß die Bewohner stolz auf ihren Hafen sind und kaum

Worte finden können, um ihrer Begeisterung Luft zu machen, ist sehr

begreiflich. Ein heimgekehrter Bürger wollte wissen, was ich dazu

sagte, und ich sprach ihm meine Gefühle nach besten Kräften aus, in

der Hoffnung es würde ihm genügen. Herrlich, rief ich, wunderschön!

Dann aber gab ich unwillkürlich Gott die Ehre. Der Bürger schien jedoch

nicht zufrieden.

»Natürlich ist der Hafen schön,« sagte er, »allein damit ist noch nicht

alles gesagt; Sydney gehört auch dazu, um die Schönheit vollkommen zu

machen, beide zusammen vollenden erst das Ganze. Den Hafen hat Gott

geschaffen, dagegen läßt sich nichts einwenden, aber Sydney ist ein

Werk des Teufels.«

Ich hatte diesem, seinem Freunde, nicht zu nahe treten wollen und

stammelte eine Entschuldigung. Daß Sydney dazu gehörte war ganz

richtig; der Hafen an sich wäre nur halb so schön ohne die Stadt.

Er hat etwa die Form eines Eichenblatts -- in der Mitte eine breite

Fläche des herrlichsten blauen Wassers und rechts und links schmale,

tiefeinschneidende Buchten zwischen hohen, bewaldeten Landzungen,

welche nach beiden Seiten abfallen wie Grabhügel. Auf dem Rücken ihrer

Berge stehen hier und da prächtige Villen, halb im Laubwerk versteckt,

die man mit Entzücken betrachtet, während das Schiff sich der Stadt

nähert. Sydney erhebt sich auf einer Hügelgruppe und deren Ausläufern

in wellenförmigen Linien, welche überall durch Türme, Kirchen und

Prachtgebäude unterbrochen werden, die aus der Häusermasse hervorragen.

Dadurch erhält erst der Gesamteindruck seinen großen malerischen Reiz.

Die schmalen Buchten, die sich, wie gesagt, sehr tief ins Land

hineinerstrecken, winden sich hierhin und dorthin, bis in die

verborgensten Winkel und wimmeln fortwährend von Vergnügungsbooten

mit Gesellschaften, die auf Entdeckungsreisen aus sind, oder irgendwo

Picknicks halten wollen. Zuverlässige Leute sagen, daß, wer diese

Buchten alle durchschiffen will, eine Wasserfahrt von mindestens

siebenhundert Meilen machen muß. Aber, es gibt hier zu Lande auch viele

Lügner, die, wenn sie einmal im Zuge sind zu übertreiben, sich nicht

scheuen, die Behauptung aufzustellen, daß die Meilenzahl doppelt so

groß ist.

Zehntes Kapitel.

Eure menschliche Umgebung, _die_ macht das Klima.

_Querkopf Wilsons Kalender._

Der Oktober war vor der Tür, der Frühling hatte sich eingestellt. Alle,

die man fragte, erklärten, daß es Frühling sei, aber in Canada hätte

man ihn, ohne den geringsten Argwohn zu erregen, für Sommer verkaufen

können. Solches Wetter ist bei uns zu Hause wunderschön, wenn man

nämlich einen Aufenthalt im Gebirge oder am Seestrande macht. Aber dort

nannten sie es kühl und behaupteten, wer wissen wolle was Wärme sei,

müsse im Sommer nach Sydney kommen, und um die eigentliche Hitze kennen

zu lernen, brauche man nur etwa tausend Meilen nach Norden zu gehen; in

der Nähe des Aequators legen die Hennen gebackene Eier.

Kapitän Sturt, der große Forschungsreisende, macht folgende

Beschreibung von der Hitze:

»Der Wind, der den ganzen Morgen aus N.O. geblasen hatte, wurde zum

heftigen, alles ausdörrenden Sturm. Ich werde seine verheerende Wirkung

nie vergessen. Zwar suchte ich Schutz hinter einem großen Gummibaum,

aber die glühenden Windstöße waren so entsetzlich, daß ich glaubte, das

_Gras müsse in Brand geraten_. Ein unerträglicher Zustand, der alles

Leben zu vernichten drohte. Die Pferde standen mit dem Rücken nach dem

Winde und senkten die Nase tief zu Boden; sie hatten nicht Muskelkraft

genug, um den Kopf in die Höhe zu halten; alle Vögel waren verstummt,

und die Blätter des Baums, unter dem wir saßen, fielen massenhaft

von den Zweigen. Zur Mittagszeit nahm ich meinen Thermometer, der in

127° geteilt war, aus dem Futteral; das Quecksilber stand auf 125°.

Ich glaubte, das könne nicht richtig sein und legte das Instrument

in die Gabel eines nahen Baumes, wo es dem Einfluß von Wind und

Sonne ausgesetzt war. Als ich eine Stunde später danach sah, war das

Quecksilber bis zur Spitze gestiegen und hatte die Kugel zersprengt,

was wohl noch kein Reisender je zu berichten gehabt hat. Mir fehlen

die Worte, um dem Leser auch nur eine schwache Vorstellung von der

intensiven, atembeklemmenden Glut zu geben, welche während der Zeit

herrschte.«

Wenn solche heiße Winde über Sydney dahinwehen, führen sie manchmal

einen sogenannten ›Staubregen‹ mit sich, der auch in andern Städten

Australiens häufig genug vorkommt. Selbst erlebt habe ich keinen, aber

nach der Schilderung zu urteilen, welche Mr. Gane davon gibt, muß die

Naturerscheinung den in Nevada herrschenden Alkalistaubwirbeln nicht

unähnlich sein.

»Je mehr wir von der Höhe hinabstiegen,« sagt Gane, »um so größer

wurde die Hitze, bis wir die hübsche Stadt Dubbo erreichten, die nur

sechshundert Fuß über dem Meeresspiegel auf einer weiten Ebene liegt

... Bei trockenem Wetter zerkrümelt der Erdboden förmlich und die

Oberfläche bedeckt sich mit einer dicken Staubschicht. Weht nun der

Wind aus einer gewissen Richtung, so hebt er die ganze Schicht in einem

Stück in die Luft empor, gleich einer langen, schwärzlichen Wolke.

Bei solchem Staubregen kann man die Hand kaum vor Augen sehen, und der

Unglückliche, den er im Freien überrascht, muß so schnell wie möglich

ein schützendes Obdach suchen. Jede gute Hausfrau, welche die dunkle

Säule im Wirbel auf ihr Heim zusteuern sieht, beeilt sich, Türen und

Fenster zu schließen. Eine Dame, die mehrere Jahre in Dubbo wohnte, hat

mir gesagt, daß wenn man aus Nachlässigkeit das Fenster des Wohnzimmers

beim Staubregen offen läßt, der Staub so dick auf dem Teppich liegt,

daß man ihn mit einer Schaufel fortschaffen muß.«

Wahrscheinlich in ganzen Wagenladungen. Nein, so schlimm ist es in

Nevada doch nicht.

Elftes Kapitel.

Leben ist Leiden. Selbst die verborgene Quelle des Humors

ist nicht Freude, sondern Schmerz. Es gibt keinen Humor im

Himmel.

_Querkopf Wilsons Kalender._

Kapitän Cook hat Australien im Jahre 1770 entdeckt und achtzehn Jahre

später gründete die britische Regierung ihre dortige Sträflingskolonie.

Alles in allem wurden im Lauf von dreiundfünfzig Jahren 83,000

Sträflinge nach Neusüdwales eingeschifft. Sie trugen schwere Ketten,

wurden schlecht genährt und von ihren Aufsehern arg mißhandelt. Bei

der geringsten Uebertretung der Regel drohten ihnen harte Strafen; sie

standen unter der ›grausamsten Zucht, die je geübt worden ist‹, sagt

ein Schriftsteller.

Damals kannte das englische Gesetz kein Erbarmen. Für geringfügige

Vergehen, die heutzutage mit einer kleinen Geldbuße oder ein paar

Tagen Gefängnis bestraft würden, schickte man Männer und Frauen auf

sieben oder vierzehn Jahre bis ans andere Ende der Welt und für schwere

Verbrechen auf Lebenszeit.

Kinder, die ein Kaninchen gestohlen hatten, kamen auf sieben Jahren

nach der Strafkolonie.

Als ich vor dreiundzwanzig Jahren in London war, hatte man eben eine

neue Strafe eingeführt, um dem Garrottieren und der Mißhandlung

von Ehefrauen Einhalt zu tun -- fünfundzwanzig Hiebe mit der

neunschwänzigen Katze auf den nackten Rücken. Man sagt, diese

furchtbare Strafe habe auch den verstocktesten Bösewicht bekehrt, und

kein Mensch sei je imstande gewesen, nach dem neunten Hiebe seine

Gefühle noch für sich zu behalten; gewöhnlich fing das Klagegeheul

schon früher an. Die Wirkung des Gesetzes auf die Garrottierer und

schlechten Ehemänner war ganz vortrefflich, aber es kam dem modernen

London zu unmenschlich vor und wurde wieder aufgehoben. Manches arme,

zerschlagene englische Eheweib hat seitdem Anlaß gehabt, diese grausame

Nachsicht einer sentimentalen Menschlichkeit bitter zu beklagen.

Fünfundzwanzig Hiebe! In Australien und Tasmanien erhielt der Sträfling

fünfzig für jedes kleine Vergehen; oft fügte ein roher Beamter noch

fünfzig hinzu und abermals fünfzig, solange das unglückliche Opfer

die Qual aushielt ohne den Geist aufzugeben. In einer alten amtlichen

Urkunde habe ich von einem Fall in Tasmanien gelesen, wo ein Sträfling,

der ein paar silberne Löffel gestohlen hatte, dreihundert Hiebe

erhalten hat. Und das war noch nicht die höchste Zahl. Wer teilte sie

aber aus? Häufig ein anderer Sträfling, zuweilen der beste Kamerad des

Unglücklichen, und er mußte die Peitsche mit allem Nachdruck führen,

sonst bekam er sie selber zu kosten zum Lohn für sein Erbarmen,

ohne daß er dem Freunde damit einen Dienst geleistet hätte. Das

Strafinstrument wanderte nur in eine andere Hand, bis das Urteil in

vollster Ausdehnung vollzogen war.

Das Sträflingsleben in Tasmanien war so unerträglich, und ein

Selbstmord so schwer auszuführen, daß die Menschen in ihrer

Verzweiflung sich zuweilen zusammentaten und durch das Los bestimmten,

wer von ihnen einen aus ihrer Zahl töten sollte, damit dem Leben des

Mörders und der Augenzeugen seiner Tat durch Henkers Hand ein Ende

gemacht würde.

Dies sind nur Beispiele aus einer ganzen Flut ähnlicher Fälle, nur

schwache Andeutungen, welche die Unsumme von Leiden ahnen lassen, die

das Sträflingsleben mit sich brachte und von denen wir uns schaudernd

abwenden.

Zwölftes Kapitel.

Wir können uns das Wohlgefallen anderer Menschen sichern,

wenn wir uns nichts zu schulden kommen lassen und ihnen zu

Diensten sind; aber unser eigener Beifall ist hundertmal

mehr wert, und es ist noch kein Mittel entdeckt worden, uns

den zu sichern.

_Querkopf Wilsons Kalender._

Vier Jahre nach Ankunft der ersten Sträflinge zählte die Kolonie

deren etwa 2500. Einige -- vielleicht eine ziemliche Menge -- waren

wohl sehr schlechte Menschen, selbst für die damalige Zeit; aber die

meisten werden vermutlich nicht viel verderbter gewesen sein, als es

die Leute, die daheim blieben, im allgemeinen waren. Wir können kaum

umhin das zu glauben. Ein Volk, das es unentwegt mit ansehen konnte,

wie man Frauen, die von Frost und Hunger getrieben ein Stück Speck oder

einen alten Lumpen stahlen, an den Galgen brachte, wie man Knaben ihrer

Mutter und den Vater seiner Familie entriß, um sie wegen ähnlicher

kleiner Vergehen auf lange Jahre in die Strafkolonie zu schleppen --

ein solches Volk läßt sich doch unmöglich als ›zivilisiert‹ bezeichnen.

Auch muß sein Fortschritt in der Zivilisation weder rasch noch

bedeutend gewesen sein, da alle wußten wie es jenen Unglücklichen in

der Verbannung erging und sich vierzig Jahre lang ruhig darein ergaben.

Wenn wir uns zudem noch den Charakter und das Verhalten der hohen

Herren und der Beamten vergegenwärtigen, welche für Aufsicht, Ernährung

und Zucht der Sträflinge zu sorgen hatten, so finden wir auch da keinen

wesentlichen Unterschied der Moral oder Gesittung im Vergleich mit den

Sträflingen selbst oder ihren Volksgenossen im Heimatland. Sie standen

so ziemlich alle auf der gleichen Stufe.

Nicht lange, so begannen sich auch freiwillige Ansiedler in der Kolonie

niederzulassen, und diese sowohl als die schon beträchtliche Anzahl der

Deportierten, bedurften des Schutzes für den Fall, daß Zwistigkeiten

unter ihnen selbst oder mit den Eingeborenen entstünden. Letztere

kamen auch einigermaßen in Betracht, wiewohl sie sehr wenig zahlreich

waren. Zu einer Zeit, als man sie noch ziemlich ungestört ließ, weil

sie niemand im Wege standen, rechnete man in Neusüdwales etwa einen

Eingeborenen auf ein Gebiet von 45,000 Morgen.

Wie sollte man die Kolonie schützen? Kein Offizier der regulären

Armee hätte sich um einen Dienst am andern Ende der Welt beworben,

bei dem weder Ehre noch Auszeichnung zu holen war. So sah sich denn

England genötigt, eine Art uniformierter Bürgermiliz auszurüsten und

einzuschiffen, das sogenannte ›Korps von Neusüdwales‹, das aus tausend

Mann bestand.

Für die Kolonie war das ein furchtbarer Schlag, der sie fast zu Boden

schmetterte. Anschaulicher hätte der moralische Zustand Englands

außerhalb der Gefängnisse gar nicht dargestellt werden können, als

durch diese Korps. Die Kolonisten zitterten vor Angst, daß man ihnen

nächstens auch noch eine Schiffsladung von Adligen herüberbringen würde.

Anfänglich vermochte die Kolonie sich noch nicht selbst zu erhalten.

Nahrung, Kleidung und alle andern Lebensbedürfnisse wurden aus England

geschickt und in großen Warenhäusern der Regierung aufgestapelt. An

die Sträflinge verteilte man was sie brauchten, und den Ansiedlern

verkaufte man es mit einem kleinen Profit über den Selbstkostenpreis.

Diesen Umstand machte sich das Korps zu nutze. Sämtliche Offiziere

begannen Handel zu treiben und zwar auf völlig gesetzlose Weise. Allen

Warnungen und Verboten der Regierung zum Trotz führten sie Spirituosen

ein und errichteten eigene Branntweinbrennereien im Lande. Sie

schlossen einen Bund, der den Markt beherrschte und die Regierung samt

allen andern Händlern boykottierte; auch verstanden sie es, ihr Monopol

streng aufrecht zu erhalten. Kam ein mit Rum befrachtetes Schiff an,

so wurde außer ihnen kein Käufer zugelassen, und sie zwangen den

Eigentümer, seine Ladung zu dem niedrigen Preise herzugeben, welchen

sie bestimmten. Durchschnittlich kauften sie den Rum zu zwei Dollars

die Gallone und verkauften ihn zu zehn Dollars; ja, sie machten den

Rum zur Hauptwährung im Lande, denn Geld gab es damals so gut wie gar

nicht. Achtzehn oder zwanzig Jahre lang beherrschten sie die Kolonie

ausschließlich und setzten ihren verderblichen Einfluß fort, bis es

endlich der Regierung gelang, sie zu besiegen und zu vernichten.

Es kann kaum Wunder nehmen, daß sich bei diesen Verhältnissen die

Trunksucht unter der gesamten Einwohnerschaft verbreitete; mancher

Ansiedler hatte seine Farm nach und nach gegen Rum verschachert, und

die Offiziere des Korps waren steinreich geworden. Wenn ein Farmer

sich vor Durst nicht mehr zu lassen wußte, nahmen sie ihren Vorteil

wahr, um ihn bis aufs Blut zu schinden. Einmal verkauften sie einem

Mann eine Gallone Rum, die zwei Dollars wert war, für ein Grundstück,

dessen Preis später bis auf 100,000 Dollars stieg.

Als die Kolonie etwa zwanzig Jahre lang bestanden hatte, entdeckte

man, daß sich das Land vorzüglich zur Schafzucht eigne. Damit war sein

Wohlstand begründet, es trat mit seiner Wolle in den Welthandel ein;

bald fand man auch reiche Schätze an Edelmetallen, Einwanderer strömten

herbei, auch Kapitalien blieben nicht aus.

So hat sich im Laufe der Zeit das große, begüterte und aufgeklärte

Staatswesen von Neusüdwales gebildet. Bergbau, Schafzucht, Straßen-

und Eisenbahnen, Dampferlinien, Zeitungen, Schulen, Universitäten,

botanische Gärten, Bildergalerien, Bibliotheken, Museen, Hospitäler

-- alles ist dort in Fülle vorhanden. Jede Art von Kultur, jedes

praktische Unternehmen findet Anklang und bereitwillige Förderung;

Kirchen gibt es wie Sand am Meere, und Rennbahnen im Ueberfluß.

Dreizehntes Kapitel.

Durch Erfahrung sollen wir zwar klüger werden, aber nicht

allzu klug. Eine Katze, die sich einmal auf den heißen

Ofendeckel gesetzt hat, vermeidet den Platz in Zukunft und

tut recht daran. Aber sie will sich auch auf keinen kalten

Ofendeckel setzen.

_Querkopf Wilsons Kalender._

In allen Kolonien, wo Englisch gesprochen wird, herrscht die

überschwenglichste Gastfreundschaft; auch Neusüdwales mit seiner

Hauptstadt bildet keine Ausnahme von dieser Regel, wie ich aus eigener

Erfahrung bezeugen kann.

Sydney hat 400,000 Einwohner, und einem Fremden, der aus Amerika kommt,

fällt zuerst auf, daß die Stadt achtmal so groß ist als er erwartet

hatte. Bei näherer Betrachtung findet er dann, daß sie ganz englisch

ist, mit amerikanischem Aufputz. Kommt er später nach Melbourne, so

erinnert ihn dort auch der Baustil häufig an Amerika, und man könnte

ihm leicht weiß machen, eine Photographie des prächtigsten Teils der

Geschäftsgegend stelle das Straßenbild einer großen amerikanischen

Stadt dar.

Man sagte mir, daß die schönsten Gebäude Eigentum der Squatter sind

und von ihnen bewohnt werden, wenn sie zur Stadt kommen. Da sieht man

recht, welchen Einfluß eine Veränderung von Klima und Lebensart nicht

nur auf die Tiere, sondern auch auf die Wörter haben kann. Wenn wir

in Amerika von einem Squatter reden, so meinen wir immer einen armen

Menschen, aber in Australien versteht man darunter einen Millionär. Bei

uns besitzt der Squatter höchstens ein paar Morgen, und oft ist sein

Rechtstitel obendrein zweifelhaft, in Australien hat die Grenzlinie

seines Grundstücks die Länge einer Eisenbahn; bei uns gehören dem Manne

vielleicht zwei Dutzend Stück Vieh, in Australien zwischen 50,000 und

einer halben Million. In Amerika ist der Squatter ein Mensch ohne

Einfluß und Ansehen, niemand nimmt den Hut vor ihm ab; in Australien

tut man das immer, denn er ist ein hochgeehrtes und wichtiges Mitglied

der Gesellschaft. Hat man bei uns einen Onkel, der Squatter ist, so

übergeht man es mit Stillschweigen; in Australien hängt man es an die

große Glocke. Die Freundschaft mit einem Squatter nützt in Amerika

nichts; aber wer in Australien einen Freund hat, der Squatter ist, kann

mit Königen zu Nacht speisen, wenn gerade welche in der Umgegend sind.

In Australien braucht man zum Unterhalt für ein Schaf etwa drittehalb

Morgen Weideland, (manche Leute sagen doppelt so viel); hat nun ein

Squatter eine halbe Million Schafe, so ist sein Grundbesitz nach

ungefährer Schätzung so groß wie der Staat Rhode Island. Der Wollertrag

bringt ihm jährlich vielleicht eine halbe oder eine Viertelmillion

Dollars ein.

Meistens bewohnt er seinen Palast in Melbourne, Sydney oder einer

anderen großen Stadt und macht nur dann und wann Ausflüge zu den

Schafherden in seinem Reich, das viele hundert Meilen entfernt auf der

weiten Ebene liegt, um nach den Scharen seiner berittenen Aufseher,

Hirten und andern Hilfsmannschaften zu sehen. Dort hat er ein

geräumiges Wohnhaus, und wenn er jemand besonders wohl will, so ladet

er ihn auf eine Woche bei sich zu Gaste. Er macht es ihm behaglich,

zeigt ihm seinen großen Industriebetrieb bis ins einzelne, speist,

trinkt und raucht mit ihm und setzt ihm von allem das Beste vor, was

nur für Geld zu haben ist.

Auf einem dieser riesigen Landgüter liegt eine ziemlich große Stadt,

die ich selbst gesehen habe. Man findet dort alle Geschäfte und

Gewerbe vertreten, welche die Menschen zu betreiben pflegen; die Stadt

selbst aber und der Grund und Boden, auf dem sie erbaut ist, sind

Eigentum des Squatters. Vermutlich gehört das gar nicht einmal zu den

Ausnahmefällen. Australien liefert der Welt nicht nur schöne Wolle,

sondern auch Hammelfleisch. Die neue Erfindung des Transports ganzer

Schiffsladungen gefrorenen Fleisches hat diesen großartigen Handel

erzeugt. In Sydney besuchte ich ein Exporthaus, wo man täglich tausend

Hammel schlachtet, reinigt und fest gefrieren läßt, um sie nach England

einzuschiffen.

Zwischen Australiern und Amerikanern kann ich, weder was Kleidung,

Lebensart, Sitte, Aussprache, noch ihr Wesen im allgemeinen betrifft,

einen nennenswerten Unterschied finden. Vorübergehend erinnern die

Australier zwar an ihren englischen Ursprung, aber durchaus nicht so

stark, daß es auffallend wäre. Sobald der Fremde vorgestellt ist,

bekommt der Verkehr einen ungezwungenen, herzlichen Anstrich, was ganz

amerikanisch ist. Englische Steifigkeit und englisches Selbstbewußtsein

fallen fort, wenn ich so sagen darf, und nur die englische

Freundlichkeit bleibt noch übrig.

Auch daß in den Familien das Tischgespräch lebhaft und natürlich ist,

ohne Zwang und Förmlichkeit, erinnert an Amerika. Das bringt wohl der

streng demokratische Geist mit sich, der in Australien vorherrscht und

alles steife Wesen, das aus dem Unterschied des Ranges entspringt, von

vornherein ausschließt.

Sowohl in England wie in den Kolonien findet der Vorleser bei seiner

Zuhörerschaft eine merkwürdig lebhafte und verständnisvolle Aufnahme.

Wo sich in England die Massen versammeln, schwindet der Kastengeist und

mit ihm die englische Zurückhaltung. Für den Augenblick ist völlige

Freiheit und Gleichheit hergestellt; ja, der Einzelne fühlt sich so

sehr aller Fesseln entledigt, daß er die gewohnte Vorsicht vergißt

und seinen augenblicklichen Gefühlen ungehindert freien Lauf läßt.

Er klatscht ganz allein Beifall, wenn ihm danach zu Mute ist -- eine

Kühnheit, die man in der übrigen Welt nur höchst selten antrifft.

Macht man dagegen die Bekanntschaft des Engländers, wenn er allein ist

oder in eine kleine, ihm fremde Gesellschaft tritt, so bleibt er ernst

und verschlossen. Er ist dann stets auf der Hut und läßt sich durch

nichts von seinem gemessenen Wesen abbringen. Dadurch ist er in den

falschen Ruf gekommen, daß er überhaupt weder Sinn noch Verständnis

für den Humor hat. Natürlich sind englischer und amerikanischer Humor

wesentlich verschieden, aber auch letzterer stammt doch ursprünglich

aus England und ist nur durch neue Verhältnisse und eine andere

Umgebung beeinflußt worden. Ich habe nie humoristischere Tischreden

gehört, als gerade in Neusüdwales. Die eine hielt ein Engländer im

Klub, die andere ein Australier.

Vierzehntes Kapitel.

Meine Reise um die Welt. Erste Abteilung · 第 6 / 17 段