Größe aufgefallen; ich sah noch bewundernd zu ihm empor, als er
neben dem Gouverneur auf der Veranda stand. Da trat der Diener, ein
Fidschi-Insulaner heraus, um uns zum Tee zu rufen -- und jener große
Mann wurde zum Zwerge. Oder, wenn auch das nicht, so schien doch
der Abstand gewaltig. Der farbige Riese war gewiß ein abgesetzter
Inselkönig. Ich glaube, bei unserem Gespräch dort auf der Veranda wurde
auch erwähnt, daß die eingeborenen Könige und Häuptlinge, sowohl auf
den Fidschi- wie auf den Sandwichinseln viel mächtiger von Gestalt sind
als der gemeine Mann. Die weißen, faltigen Gewänder, in die der Diener
gekleidet war, schienen wie für ihn geschaffen; ein europäischer Anzug
hätte ihm seine Würde und Eigentümlichkeit genommen. Das weiß ich ganz
gewiß, denn es ist bei jedem Menschen der Fall, der unsere moderne
Kleidung trägt.
Man sagt, daß sich die Anhänglichkeit und Verehrung, welche die
Eingeborenen der Person ihres Häuptlings zollten, noch unverändert
erhalten hat. Das Oberhaupt eines Stammes der Fidschianer in der
Hauptstadt ist ein gebildeter junger Herr, der ganz wie ein vornehmer
Europäer gekleidet geht; aber seine Tracht vermag ihm nicht die
Ehrfurcht des Volks zu rauben. Der Stolz auf des Häuptlings hohen Rang
und alte Abkunft besteht fort, trotz seiner verlorenen Herrschermacht
und der Hexenkunst seines Schneiders. Er braucht sich weder durch
Arbeit zu entwürdigen, noch sein Herz mit niederen Erdensorgen zu
belasten; der Stamm schützt ihn vor jedem Mangel und gibt ihm die
Mittel, ein Herrenleben zu führen, um sein Ansehen zu bewahren. Ich
sah ihn unten in der Stadt einen Augenblick im Vorbeigehen. Vielleicht
ist er ein Abkömmling des letzten Königs -- dessen Name so schwer zu
behalten ist und dem man mitten in der Stadt ein großes, steinernes
Denkmal gesetzt hat. Ja so -- Thakombau heißt er, eben fällt es mir
wieder ein. Der Name kommt einem so leicht aus dem Kopf, es ist gut,
daß er auf dem Granitblock steht.
Im Jahre 1874 trat dieser König die Fidschi-Inseln an England ab. Man
sagt, der englische Bevollmächtigte habe den armen Thakombau trösten
wollen, indem er versicherte, die Uebergabe seiner Herrschaft an
England sei nur eine Art Wohnungswechsel, wie ihn der Einsiedlerkrebs
vornimmt, worauf Thakombau die rührende Antwort gab: »Nur mit dem
Unterschied, daß der Einsiedlerkrebs in eine unbewohnte Muschel
kriecht, aber mein Gehäuse ist nicht leer.«
Dem Könige scheint damals übrigens, wie ich gelesen habe, nur die
Wahl zwischen zwei Uebeln freigestanden zu sein. Er schuldete den
Vereinigten Staaten eine große Summe, die er ohne Aufschub bezahlen
mußte, sonst drohte man sein Land mit Krieg zu überziehen. Um die
Fidschianer vor diesem Schicksal zu bewahren, trat er das Land an
Großbritannien ab, und eine Klausel des englischen Vertrags verbürgte
die schließliche Tilgung seiner Schuld an Amerika.
Vor Zeiten war das Volk sehr kriegerisch gesinnt und seinem
Götzendienst mit großem Eifer ergeben. Die Häuptlinge waren stolze
Gebieter und lebten in mancher Hinsicht auf sehr großem Fuße; alle
hatten mehrere Weiber, die vornehmsten oft fünfzig Stück. Starb ein
Häuptling und sollte begraben werden, so erdrosselte man vier oder fünf
seiner Weiber und legte sie zu ihm ins Grab.
Im Jahre 1804 gelang es siebenundzwanzig britischen Sträflingen, von
Australien nach den Fidschi-Inseln zu entkommen; sie brachten auch
Flinten und Schießbedarf mit. Man stelle sich nun vor, welche Macht
diese Waffen ihnen verliehen! Hätten sie verstanden die Gelegenheit zu
benutzen, wären sie tatkräftige nüchterne Menschen gewesen, so war ihre
Herrschaft gesichert -- sie konnten siebenundzwanzig Könige werden,
von denen jeder acht oder neun Inseln unter seinem Szepter hatte.
Allein sie verscherzten ihr Glück und vergeudeten ihr Leben in üppiger
Schwelgerei. Die meisten starben eines gewaltsamen ehrlosen Todes. Nur
einer, ein Irländer Namens Connor, scheint eine Ausnahme gemacht zu
haben. Er hatte den Ehrgeiz, fünfzig Kinder groß zu ziehen, brachte
es aber nur auf achtundvierzig und konnte sich über diesen Mißerfolg
sein Lebenlang nicht zugute geben. Das war eine Habgier seltsamer Art;
mancher Vater wäre sich schon mit 40 Kindern reich genug vorgekommen.
Ja, die Fidschianer sind eine schöne Rasse; auch fehlt es ihnen nicht
an Klugheit und Wißbegierde. Ihre wilden Vorfahren hatten eine Art
Unsterblichkeitslehre -- das heißt, in beschränktem Sinne. Sie glaubten
nämlich, daß ihre toten Freunde nur in ein glückliches Jenseits
hinübergingen, wenn man imstande war, ihre Körperteile zu sammeln.
Das machten sie zur Bedingung. Um dem Missionar zu beweisen, daß
seine Lehre viel zu allgemein und unbegrenzt sei, lenkten sie seine
Aufmerksamkeit auf gewisse, nicht zu bestreitende Tatsachen: Viele
ihrer Freunde, sagten sie, seien zum Beispiel von Haifischen gefressen
worden; die Haifische wären dann ihrerseits von andern Leuten getötet
und verzehrt worden; später wurden diese zu Kriegsgefangenen gemacht
und die Feinde verspeisten sie.
Dadurch seien die ursprünglichen Personen zu Fleisch und Blut der
Haifische und diese zu Bestandteilen der Kannibalen geworden. Wie
sollte man nun die Glieder jener Personen wieder ausfindig machen und
zusammensetzen können? Diese Schwierigkeit verursachte den Fidschianern
tausend Zweifel, und sie waren nicht davon abzubringen, daß die
Missionare die Sache gar nicht mit dem gehörigen Ernst und der ihr
gebührenden Aufmerksamkeit erwogen hätten.
Die Missionare brachten diesen schwer zu befriedigenden Wilden viele
schätzenswerte Dinge bei und lernten auch ihre Vorstellungen kennen,
von denen eine besonders zart und poetisch war. Die armen, einfachen
Naturkinder glaubten nämlich, daß die Blumen, nachdem sie verwelkt
sind, vom Winde emporgetragen werden und droben, auf den himmlischen
Gefilden, ewiglich in unvergänglicher Schönheit blühen!
Achtes Kapitel.
Er war so bescheiden wie eine Zeitung, wenn sie von ihren
eigenen Vorzügen spricht.
_Querkopf Wilsons Kalender._
Ja, das Inselgewirr im Stillen Ozean, wie wir es auf der Karte sehen,
ist eine Täuschung. Weite Meereswüsten liegen zwischen den einzelnen
Gruppen; auch ist noch vieles über die Inseln, deren Bewohner und
Sprachen, bisher unerforscht geblieben. Zum Beweis hierfür erwähne ich
nur die Tatsache, daß vor zwanzig Jahren zwei fremde, einsame Wesen auf
die Fidschis gebracht wurden, die aus einem unbekannten Lande kamen
und eine unbekannte Sprache redeten. Viele hundert Meilen entfernt von
jeder bisher entdeckten Insel, hatte ein vorüberfahrendes Schiff sie in
einem kleinen Kanoe auf dem Meer treiben sehen und an Bord genommen.
Als man sie fand waren sie nichts als Haut und Knochen; niemand konnte
verstehen, was die Leute sagten, und sie haben das Land ihrer Herkunft
nie genannt, wenigstens keinen Namen, der auf irgend einer Karte steht.
Jetzt sind sie dick und wohlgenährt und freuen sich ihres Lebens. Im
Logbuch des Schiffes ist die Länge und Breite eingetragen, unter der
sie gefunden wurden; Aufschluß über ihre verlorene Heimat wird man
vielleicht nie erhalten.[1]
Klingt das nicht höchst seltsam und romantisch? -- Ueberhaupt ist
ja diese Inselwelt der richtige Schauplatz für alle phantastischen,
geheimnisvollen Traumgebilde -- und noch manches andere: Wer in der
großen Welt Schiffbruch gelitten hat beim Kampf ums Dasein, der findet
hier in der erhabenen Einsamkeit, in der Schönheit und tiefen Ruhe der
Natur, was er für sein wundes Herz bedarf; Menschen, welche die Welt
eines Verbrechens wegen ausstößt, Leute, die ein träges, sorgloses
Leben führen möchten, und andere, die gern frei umherschweifen, weil
sie Abenteuer und Abwechslung lieben, sie alle finden hier was sie
brauchen. Auch können Glücksritter, die auf bequeme Weise Geld zu
erwerben und Handel zu treiben wünschen, daneben noch manches Eheband
knüpfen, das nicht allzu fest hält, auch nicht erst vor Gericht mit
vielen Kosten gelöst werden muß. Jeder, der sich in seinem Spaß und
Zeitvertreib nicht beschränken lassen will, gelangt hier mühelos zu
vollem Lebensgenuß.
* * * * *
Neu gestärkt und erfrischt segelten wir weiter.
* * * * *
Die gebildetste Persönlichkeit bei uns an Bord war ein junger Engländer
aus Neuseeland. Von Beruf Naturforscher, besaß er tiefe, gründliche
Kenntnisse in seinem Fach und betrieb es mit wahrer Leidenschaft. Er
hatte auch eine ziemliche Rednergabe, und wenn er vom Tierreich sprach,
hörte man ihm mit Vergnügen zu. Was er sagte war sehr belehrend, nur
manchmal schwer aufzufassen, weil er allerlei technische Ausdrücke
brauchte, die über unser Verständnis gingen. Wenigstens lagen sie
ganz außerhalb meines Horizonts, aber, da er uns gern erklärte, was
wir nicht begriffen hatten, machte ich mir eine Pflicht daraus,
diese Gelegenheit zur Bereicherung meines Wissens nicht unbenützt
vorbeigehen zu lassen. Ich war zwar in Naturgeschichte für einen Laien
ziemlich bewandert, aber erst durch seinen Unterricht erhielt was ich
wußte, eine klare, wissenschaftliche Form und bekam wirklichen Wert.
Hauptsächlich interessierte er sich für die Fauna Ozeaniens, über die
er ebenso genaue wie erschöpfende Studien gemacht hatte. Von den dort
eingeführten Kaninchen und ihrer wunderbaren Fruchtbarkeit war mir
schon viel zu Ohren gekommen; im Gespräch mit ihm erfuhr ich jedoch,
daß die Kaninchenplage über alle meine Begriffe ging und im Handel
und Verkehr die lästigste Störung verursacht. Er erzählte mir, das
erste Kaninchenpaar, welches man nach Ozeanien brachte, habe sich
so wunderbar vermehrt, daß die Tiere schon nach einem halben Jahr
das ganze Land bedeckten, und man die dichte Masse mit Laufgräben
durchziehen mußte, um von Stadt zu Stadt zu kommen.
Der gelehrte Herr sagte mir auch allerlei von Würmern, vom Känguruh
und andern ~Coleoptera~ und versicherte, er kenne die Geschichte und
Lebensweise aller dieser ~Pachydermata~. Das Känguruh habe Taschen, in
die es seine Jungen hineinstecke, wenn es keine Aepfel fände. Der Emu
wäre so groß wie ein Strauß und sähe diesem ähnlich, er fräße alles
durcheinander, selbst Ziegelsteine. Zwischen einem Dingo und einem Dodo
sei nur der Unterschied, daß sie beide nicht bellten, sonst glichen sie
einander aufs Haar. Aber ein Dingo wäre gar kein Dingo, sondern einfach
ein wilder Hund.
Unter den einheimischen Vögeln, sagte er, sei der schönste der
Paradiesvogel, dann käme der Leierschwanz. Aber, der ›Sonnenvogel‹
sei gar kein Vogel, sondern ein Mensch. ›Sonnenvogel‹ ist nur
die australische Bezeichnung für einen Herumtreiber, Trinker und
Schmarotzer, der zur Zeit der Schafschur unter dem Vorwand Arbeit zu
suchen, das Land durchstreift. Er weiß es dabei so einzurichten, daß
er immer erst nach Sonnenuntergang bei einer Schafweide anlangt, wenn
das Tagewerk zu Ende ist. Was er sucht, ist nur Whisky, Abendbrot,
Nachtlager und Frühstück; das läßt er sich geben und dann verschwindet
er wieder. Der Naturforscher sprach auch vom Glockenvogel, der den
ganzen Tag mit kurzen Unterbrechungen aus der Tiefe des Waldes sein
weiches, wundervolles Geläute ertönen läßt. Der ›Sonnenvogel‹ liebt ihn
sehr und betrachtet ihn als seinen besten Freund; denn, da er weiß, daß
es überall, wo der Glockenvogel sich aufhält, nur Wasser zu trinken
gibt, geht er stets nach einer andern Richtung. Der sonderbarste Vogel
von allen, sagte der Gelehrte, sei der ›lachende Hans‹ und der größte,
die jetzt ausgestorbene Moa. Dieser Riesenvogel war dreizehn Fuß hoch;
er konnte über einen gewöhnlichen Menschen hinwegschreiten und ihm
dabei den Hut samt dem Kopf abreißen. Flügel hatte er nicht, war aber
ein Schnelläufer; die Eingeborenen benützten ihn als Reitpferd, er
konnte hintereinander vierhundert Meilen ohne Ermüdung zurücklegen,
vierzig Meilen die Stunde. Als die Eisenbahn nach Neuseeland kam, lebte
er noch und war als Postbote angestellt. Gleich anfangs führte die
Bahnverwaltung einen Fahrplan ein, wie er noch heutigen Tages besteht,
nämlich wöchentlich zwei Schnellzüge, mit zwanzig Meilen die Stunde. Um
den Postbetrieb zu bekommen, mußte die Eisenbahngesellschaft erst die
Moas vertilgen.
Die seltsamen Abweichungen von den bestehenden Gesetzen, welche sich
die Natur in Australien erlaubt, ließen sich, meinte der Gelehrte, am
besten beim Schnabeltier beobachten, das eine wunderliche Verbindung
von Vogel, Fisch, Amphibium, Grabetier, Reptil, Christ und Vierfüßler
sei. An Vielseitigkeit des Charakters und der Beschaffenheit stehe das
Schnabeltier, auch Ornithorhynchus genannt, weit über allen anderen
Geschöpfen der Welt.
»Man kann es zu jeder Tierart zählen und wird nicht irre gehen,« sagte
er. »Es ist ein Fisch und verbringt sein halbes Leben im Wasser, die
übrige Zeit aber als Landtier auf dem Ufer, und da es nicht weiß,
wo es ihm besser gefällt, ist es ein Amphibium. Es hält Winterschlaf
sobald in der Welt nicht viel los ist und es Langeweile hat, vergräbt
sich auf dem Grunde einer Pfütze im Schlamm und haust dort zur
Abwechslung ein paar Wochen. Zu den Enten gehört es auch, denn es hat
einen Entenschnabel und Schwimmhäute an den Füßen. Fisch und Vierfüßler
zugleich, rudert es mit den Schwimmfüßen im Wasser oder stampft
damit auf dem Lande umher; auch für einen Seehund kann es gelten,
weil es einen Pelz hat wie er. Das Schnabeltier ist Fleischfresser,
Pflanzenfresser, Insektenfresser und Würmerfresser, denn es nährt
sich von Fischen, Gras, Schmetterlingen und allerlei Gewürm, das es
im Schlamm findet. Offenbar ist es ein Vogel, da es Eier legt und sie
ausbrütet, aber auch ein Säugetier, denn es säugt seine Jungen. Daß
es eine Art Christ ist, wird niemand bestreiten, da es Sonntagsruhe
hält, wenn es sich beobachtet weiß, diese Pflicht jedoch unterläßt,
wenn keiner es sehen kann. Es hat Geschmack für alles, nur keinen
geläuterten und nimmt alle Sitten und Gewohnheiten an, die es gibt, mit
Ausnahme der guten.
»Charles Darwin hat die Theorie über die Entstehung der Arten
aufgestellt, nach welcher der Kampf ums Dasein mit dem ›Ueberleben
des Passendsten‹ endet. Das Schnabeltier aber hat das unbestrittene
Verdienst, dies Experiment selbst ausgeführt und damit zuerst den
Beweis geliefert zu haben, daß sich Darwins Theorie auch in der Praxis
bewährt. Beiden gebührt daher der gleiche Ruhm.
»Als die Sündflut kam, flüchtete es sich nicht in die Arche Noäh,
dort würde man seinen Namen vergebens suchen. Nein -- es besaß
Selbstlosigkeit genug, um draußen zu bleiben und an der praktischen
Entwicklung der Theorie zu arbeiten, auch war ja kein Geschöpf der
Welt für dies Werk so gut ausgerüstet wie das Schnabeltier. Die Arche
schwamm dreizehn Monate auf den Wassern, welche die Erde überfluteten,
so daß nirgends Land zu erblicken war. Es gab weder Speise noch Trank
mehr für ein Säugetier; kein Pflanzenwuchs, kein Nahrungsmittel war
übrig geblieben, und das Salzwasser der Meere hatte sich mit den
reinen Fluten des Himmels gemischt, so daß kein gewöhnliches lebendes
Wesen es hätte trinken können. Aber dieser Zustand der Dinge war dem
Ornithorhynchus gerade recht. Das Wasser seiner Flußheimat hatte immer
den Salzgeschmack der Meeresfluten gehabt, und die Wogen, welche über
die Berggipfel dahinrollten, führten zahllose Stämme von Waldbäumen
mit sich. Auf diesen schiffte der Ornithorhynchus friedlich weiter und
schwamm von einer Zone zur andern, von einer Halbkugel zur andern,
in aller Behaglichkeit und Gemütsruhe. Voll Interesse für den stets
wechselnden Schauplatz seiner Fahrt und dankbar für die ihm verliehenen
Vorrechte, verfolgte er in stets wachsender Begeisterung die
Entwicklung der großen wissenschaftlichen Theorie, für deren Wahrheit
er -- wenn ich mich so ausdrücken darf -- bereit war, sein Leben, sein
Glück und seine Ehre einzusetzen.
»So lebte das Schnabeltier in ruhigem Wohlbehagen, wie jemand der
sein genügendes Auskommen hat. Von allem, was es zu einem glücklichen
Dasein bedurfte, mangelte ihm nichts. Wollte es einen Spaziergang
machen, so kroch es auf dem Baumstamm entlang; bei Tage träumte es
unter dem Blätterdach und schlief nachts in dessen Schutz. So oft das
Tier wollte, konnte es ein Schwimmbad nehmen; hatte es Verlangen nach
Pflanzenkost, so fraß es Baumblätter, unter der Rinde grub es nach
Würmern und Larven oder fing es sich einen Fisch; wollte es Eier haben,
so brauchte es sie nur zu legen. Wenn alles Gewürm in einem Baume
verzehrt war, so schwamm es nach einem andern hin, und Fische gab es
stets in solchem Ueberfluß, daß es nur die Qual der Wahl hatte. Bekam
es aber Durst, so schlürfte es mit Wonne die salzige Mischung, an der
ein Krokodil umgekommen wäre.
»Als das Schnabeltier endlich nach seiner dreizehnmonatlichen
Forschungsreise in allen Zonen auf einem Berggipfel gelandet war,
stieg es ans Ufer und dachte stolzen Mutes: ›Mögen die, welche nach
mir kommen, Theorien erfinden, und sich in ihrer Phantasie mit
dem ›Ueberleben des Passendsten‹ beschäftigen; _aber ich habe die
Möglichkeit zuerst durch die Tat bewiesen_.‹
»Dies wunderbare Geschöpf,« fuhr der Gelehrte fort, »stammt gleich
dem Känguruh und vielen andern merkwürdigen Tierarten Australiens
aus einer Erdperiode, in der vom Menschen noch keine Spur vorhanden
war. Damals führte ein viele hundert Meilen breiter und Tausende
von Meilen langer Riesendamm von Australien nach Afrika hinüber;
die Tierwelt beider Erdteile war die nämliche und gehörte jener
geologischen Epoche der Urzeit an, welche die Wissenschaft unter dem
Namen ›alte rote totliegende ~Post-Pleosaurius~-Formation‹ kennt.
Später versank der Riesendamm im Meere und gewaltige Erderschütterungen
hoben das afrikanische Festland um tausend Fuß höher als vormals,
während Australien seinen alten Standpunkt behauptete. In dem neuen
afrikanischen Klima entwickelte sich notwendigerweise auch die Tierwelt
ganz anders und begann die Formen abzustreifen, wodurch neue Familien
und Arten entstanden. Die Tiere in Australien dagegen blieben wie sie
waren, bis auf den heutigen Tag. Auch der afrikanische Ornithorhynchus
hat sich im Lauf einiger Millionen Jahre immer weiter entwickelt und
eine Eigenheit nach der andern abgelegt, bis das ganze Geschöpf in
seine Teile zerfiel und sich zersplitterte. Wenn man jetzt in Afrika
einen Vogel oder Vierfüßler sieht, eine Otter oder einen Seehund, so
kann man darauf wetten, daß es irgend ein Ueberbleibsel des wunderbaren
Urgeschöpfs ist, von welchem ich rede -- das der Inbegriff aller Arten
war und doch keiner einzelnen angehörte -- dem überreich begabten ~E
Pluribus Unum~ der Tierwelt.
»Dies ist die Lebensgeschichte des ältesten und ehrwürdigsten
Geschöpfs, das heutzutage auf Erden lebt, des ~Ornithorhynchus Platypus
Extraordinariensis~, das Gott noch lange erhalten möge!«
Zu so hohem Schwung erhob sich der Naturforscher bisweilen in seiner
Schilderung, wenn er von dem Gegenstand mächtig ergriffen war, und
zwar nicht nur in Prosa, nein, auch in gebundener Rede. Er hatte viele
Verse gemacht und lieh den Passagieren sein Manuskript; ja, er erlaubte
ihnen sogar eine Abschrift davon zu machen. Ein Gedicht, welches mir
am erhabensten von allen erschien, und in dem auch die wenigsten
technischen Ausdrücke vorkommen, will ich hierhersetzen:
Aufforderung.
Aus deinem Schlammbett komm,
Du liebes Schnabeltier,
Und willig gib und fromm,
Jetzt Red’ und Antwort mir.
Noch ist mir unbekannt
Dein Stamm und deine Art,
Weshalb dein Körperbau
So ganz und gar apart.
Du trägst den Biberschwanz,
Die Schwimmhaut statt der Klaun,
In deiner Schnauze ist
Manch scharfer Zahn zu schaun.
Auch dir, mein Känguruh,
Mit kurzem Vorderfuß
Und spitzem Rattenkopf
Entbiet’ ich meinen Gruß!
Wer lehrt’ dich kühnen Sprung?
Wer gab den Beutel dir?
Geschöpf aus frührer Zeit,
Warum weilst du noch hier?
Versteint im Erdenschoß,
All’ deine Freunde ruhn.
Was willst in fremder Welt
Du hier allein noch tun?
Neuntes Kapitel.
Bemitleidet die Lebenden, beneidet die Toten.
_Querkopf Wilsons Kalender._
_15. September_ abends. -- Jetzt sind wir dicht an Australien. Sydney
ist nur noch fünfzig Meilen entfernt.
Das hatte ich eben geschrieben, als die Passagiere auf Deck gerufen
wurden, wo es etwas Schönes zu sehen gab. Es war sehr dunkel; das
Auge konnte kaum fünfzig Meter in der Runde über die Meeresfläche
schweifen, weiterhin verdüsterte sich alles und entschwand dem Blick.
Wer aber eine Weile geduldig in die Finsternis hineinschaute, wurde
reich belohnt. Nicht lange da erschien eine Viertelmeile entfernt ein
blendend heller Schein oder Strahl auf dem Wasser, so plötzlich und
mit so wundervollem Glanz, daß man unwillkürlich den Atem anhielt. Die
Lichtmasse dehnte sich rasch im Zickzack bis zur ungeheuern Länge der
fabelhaften Seeschlange aus; man glaubte jeder Bewegung ihres Körpers
folgen zu können. Sowohl das Kielwasser hinter dem Schweif, als auch
die Wellen, die vor dem Kopf dahinschossen, waren wie in Feuersglut
getaucht. Und mit welcher blitzartigen Geschwindigkeit das Ungetüm
daherkam! Ehe man sich’s versah, war der fünfzig Fuß lange, feurige
Drache vorbeigestürmt und im Nu verschwunden. Aber auf demselben
Fleck, von wo er gekommen war, leuchtete es wieder auf; es folgte ein
zweiter Strahl, ein dritter, ein vierter, die sich mit rasender Eile
in Seeschlangen verwandelten. Einmal sahen wir sechzehn zu gleicher
Zeit aufblitzen und auf uns zuschießen. Die sich in zahllosen Windungen
schlängelnden Feuerströme boten einen Anblick von zauberhafter
Schönheit, ein Schauspiel so voller Glut und Glanz, wie es die meisten
jener Zuschauer wohl erst nach ihrem Tode wieder zu sehen bekommen
werden.
Und was war es? -- Nichts anderes als zahlreiche Scharen von Delphinen,
die sich im phosphoreszierenden Meere tummelten. Sie vereinigten
sich gleich darauf zu einem prächtigen, wilden, verworrenen Knäuel
unter dem Bug des Schiffes, wo sie wohl eine Stunde lang ihr
munteres Spiel trieben. Bald schnellten sie in die Höhe, hüpften und
vergnügten sich auf allerlei Weise, bald schossen sie Purzelbäume
vor dem Schiffsschnabel und darüber hinweg ohne sich je zu stoßen
oder den Vordersteven zu berühren, obgleich sie sich ihm stets auf
Zollweite näherten. Es waren Delphine von gewöhnlicher Größe, 8--10
Fuß lang, aber bei jeder Bewegung ihres Körpers schlängelten sich
feurige Schneckenwindungen weithin nach rückwärts über das Wasser.
Dies glänzende Gewirre bot einen geradezu entzückenden Anblick, auch
rührten wir uns nicht von der Stelle, bis das Schauspiel zu Ende war;
dergleichen bekommt man im Leben schwerlich ein zweitesmal zu sehen.
Die Delphine sind zwar stets voller Lust und Beweglichkeit und haben
nichts als Possen im Kopf wie die Spielkätzchen, aber so ausgelassen
wie an jenem Abend hatte ich sie noch nie gesehen, sie waren förmlich
wie betrunken.
Als wir uns Sydney bis auf dreißig Meilen genähert hatten, kam das
große elektrische Licht zum Vorschein, das auf einem der hohen Wälle
angebracht ist. Aus dem winzigen Lichtfunken wurde allmählich eine
Riesensonne, die das dunkle Firmament wie mit einem fernhin leuchtenden
Schwert zerteilte.
Der Hafen von Sydney ist durch eine steile Felswand abgeschlossen, an
welcher der neue Ankömmling auch nicht die kleinste Oeffnung bemerken
kann. Der richtige Eingang liegt in der Mitte, ist aber so leicht zu
übersehen, daß selbst Kapitän Cook vorübersegelte, ohne ihn zu finden;
dicht daneben ist ein falscher, der jenem gleicht und ehemals bei
Nacht dem Schiffer oft gefährlich geworden ist, als die Einfahrt noch
keine Beleuchtung hatte. Auch eins der schrecklichsten Trauerspiele
auf dem wilden, ruchlosen Meer, der denkwürdige Schiffbruch des
›Duncan Dunbar‹ entsprang aus dieser Ursache. Es war ein prächtiges
und sehr beliebtes Segelschiff, welches von einem Kapitän befehligt
wurde, der bei den Passagieren in hoher Gunst stand und sich des
besten Rufes erfreute. In Sydney erwartete man die Rückkunft des
Schiffes von England und zählte die Stunden bis zu seinem Eintreffen,
denn es hatte eine große Menge Mütter und Töchter an Bord, die wegen
der Erziehung der letzteren lange von den Ihrigen getrennt gewesen
waren, und nun Freude und Leben in die verwaisten Heimstätten Sydneys
zurückbringen sollten. In Australien und Indien, wo die Beziehungen
zu dem Mutterlande so zahlreich sind, weiß man mehr als sonstwo was
es heißt, wenn der Mensch Schiffe mit dem Liebsten, das er auf Erden
hat, befrachtet und sie von den tückischen Winden -- nicht vom Dampf
-- befördern lassen muß. Nur dort erfahren die Menschen, wie angstvoll
das Warten ist und wie groß das Entzücken, wenn das Fahrzeug mit ihren
Kleinodien in den sicheren Hafen einläuft und Furcht und Qual vorüber
ist.