Schoner, bei fast vollständiger Windstille, im Schutz des gebirgigen
Teils der Insel, etwa dreiviertel Meilen vom Ufer. Wir hatten die
Boote ausgesetzt, konnten sie jedoch in Sicht behalten. Das Werbeboot
war in eine kleine Bucht der felsigen Küste eingelaufen, wo auf
steilem Uferrand eine einsame Hütte lag, hinter der sich dichter Wald
erhob. Das zweite Boot, in dem sich der Regierungsbeamte und der Maat
befanden, lag etwa 400 Meter westwärts.
»Plötzlich hörten wir Schüsse und das laute Geheul der Eingeborenen am
Ufer und sahen das Werbeboot mit anscheinend verminderter Bemannung
das Weite suchen. Das andere Boot fuhr ihm rasch entgegen, nahm es ins
Schlepptau und brachte es zum Schoner zurück. Von der Mannschaft war
kein einziger ohne leichte oder schwere Verwundung davongekommen. Die
Insulaner hatten unsere Leute unter dem Schein der Freundschaft in die
Bucht gelockt; sie umschwärmten den Stern des Bootes, und einige der
farbigen Burschen stiegen sogar an Bord. Urplötzlich schwangen sie
aber ihre Keulen und Tomahawks und gingen zum Angriff über. Der Werber
schützte sich mit den Fäusten gegen die ersten grimmigen Schläge, bis
er Zeit fand, sich des Revolvers zu bedienen. Einer der Matrosen, Tom
Sayers, erhielt einen Hieb mit der Streitaxt, der ihm die Kopfhaut
durchschnitt, aber zum Glück den Schädel nicht spaltete; einem andern,
Babby Towns, wurden beide Daumen zerschmettert, als er die Schläge
abwehren wollte; den linken Daumen, der nur noch an Haut und Knochen
hing, mußte der Wundarzt ganz von der Hand ablösen. Lihu, ein Knabe
aus Lifu, der Diener des Werbers, hatte verschiedene leichte Hieb- und
Stichwunden. Dem unglücklichen Jack, einem ›Rekruten‹ von der Insel
Tanna, der als Bootsmann angeworben war, wurde der Vorderarm von einem
Pfeil durchschossen, der noch auf beiden Seiten herausstak, als das
Boot zurückkam. Der Werber selbst wäre frei ausgegangen, hätte nicht,
gerade im Augenblick der Abfahrt, ein Pfeil ihm die Hand an den Griff
des Steuerruders festgenagelt. Der Kampf war zwar kurz, doch heftig
gewesen; auf feindlicher Seite waren zwei Mann erschossen worden.«
Kapitän Wawns Buch enthält eine große Menge von Beispielen solcher
gefährlichen Zusammenstöße zwischen den Eingeborenen und den englischen
und französischen Werbeschiffen; denn auch die Franzosen betreiben das
Geschäft für die Plantagen von Neu-Caledonien. Die Werber scheinen
daher doch nicht allzu beliebt bei den Insulanern zu sein, wie ließen
sich sonst diese wilden Angriffe und blutigen Kämpfe erklären? Der
Kapitän schiebt freilich die ganze Schuld auf die unverständigen
Philanthropen. Wenn diese sich nur nicht einmischen wollten, meint er,
würden die eingeborenen Väter und Mütter nicht mehr weinen und klagen,
daß man ihre Kinder in die Verbannung schleppt, wo sie nicht selten ein
frühes Grab finden, sondern ohne Frage ganz damit einverstanden sein
und keinen Versuch machen, die freundlichen Werber totzuschlagen.
Sechstes Kapitel.
Die Geschichte ist eine Prophetin. Sie lehrt, daß wenn ein
starkes, aufgeklärtes Volk einem schwachen, unwissenden
Volke etwas nehmen will, was es besitzt, letzteres sich
friedlich darein ergeben muß.
_Querkopf Wilsons Kalender._
Eins ist sonnenklar: Kapitän Wawn kann die Missionare nicht ausstehen,
weil sie ihm das Geschäft verderben. Seine Werbefahrten, die er wie
eine Lustpartie betreiben möchte, nennen sie schlechtweg ›Sklavenfang‹
und machen sie ihm zur Last. Die Missionare haben nämlich ihre ganz
eigene, nicht sehr schmeichelhafte Ansicht über den Handel mit
Eingeborenen und die Art, wie die Werber die Gesetze zu umgehen wissen.
Kapitän Wawns Buch ist erst kürzlich erschienen, aber mir liegt noch
eine Broschüre neueren Datums über dasselbe Thema vor, welche soeben
aus der Presse kommt und den Missionar W. Gray zum Verfasser hat. Ich
habe es sehr interessant gefunden, das Buch und die Broschüre zusammen
zu lesen.
Es war mir auch alles leicht verständlich, nur ein Umstand nicht,
auf den ich sogleich zurückkommen will. Warum der Besitzer der
Zuckerpflanzung in Queensland den Kanaka haben will, liegt auf der
Hand: einen so billigen Arbeiter bekommt er schwerlich wieder.
Was der Pflanzer bezahlt ist folgendes: 20 £ an den Werber, der
den Kanaka gedungen -- oder ›gefangen‹ hat, wie die Missionare
sagen; 3 £ Einfuhrgebühren an die Regierung in Queensland und 5 £
für Rückbeförderung des Kanaka, falls er nach Ablauf seiner drei
vertragsmäßigen Jahre noch am Leben ist; an den Kanaka selbst für Lohn
und Kleidung während der drei Jahre 25 £ Summa summarum 53 £ und mit
Verköstigung 60 £. --
Daß dem Werber sein Geschäft gefällt, begreift man ebenfalls. Der
›Rekrut‹ kostet ihn nichts als ein paar billige Geschenke -- die
nicht er erhält, sondern seine Verwandten -- und bringt ihm bei der
Ablieferung in Queensland 20 £ ein. Pflanzer und Werber ziehen also
Gewinn aus dem Handel; aber weshalb der ›Rekrut‹ darauf eingeht, kann
ich durchaus nicht verstehen. Er ist jung und kräftig; daheim auf
seiner Insel führt er ein wonniges Leben, das einem langen, köstlichen
Feiertag gleicht. Will er arbeiten, so braucht er nur jede Woche ein
paar Säcke Kopra zu sammeln, die er für vier bis fünf Schillinge den
Sack verkaufen kann. In Queensland muß er dagegen aufstehen, ehe
der Morgen graut und täglich acht bis zwölf Stunden bei einem viel
heißeren Klima als er gewohnt ist und für einen Wochenlohn, der nicht
einmal vier Schillinge beträgt, in den Zuckerrohrfeldern arbeiten.
Was ihn dazu bewegen kann, bleibt mir ein ungelöstes Rätsel. Der
Pflanzer erklärt es sich auf seine Weise wie ich aus der Broschüre des
Missionars ersehe:
»Wenn der Kanaka seine Heimat verläßt, ist er nur ein gewöhnlicher
Wilder. Er schämt sich nicht, daß er nackt geht und jeden Schmuckes
entbehrt. Wenn er zurückkehrt ist er gut gekleidet, trägt eine
Waterbury-Uhr mit Sekundenzeiger, Kragen, Manschetten, Stiefel und
Schmuck. Er bringt auch ein paar Koffer mit, welche Kleidungsstücke,
Musikinstrumente, Wohlgerüche und andere Luxusartikel enthalten, an
deren Gebrauch er sich gewöhnt hat.« --
Sollte das die Lösung sein? -- Einen Augenblick scheint uns wirklich
ein Licht darüber aufzugehen, was den Kanaka in Verbannung treibt:
Er möchte sich _zivilisieren_. Erst war er nackt und schämte sich
nicht, jetzt trägt er Kleider und hat gelernt sich zu schämen; er war
unwissend, jetzt besitzt er eine Waterbury-Uhr; es fehlte ihm an feiner
Sitte, jetzt trägt er Schmuck und duftet nach Wohlgerüchen; er genoß
daheim kein besonderes Ansehen, jetzt ist er in fernen Ländern gewesen
und hat ein erhöhtes Selbstgefühl.
Das läßt sich hören und klingt gar nicht unwahrscheinlich. Aber der
Missionar will von dieser Erklärung nichts wissen; er zerpflückt sie
schonungslos, bis nichts mehr davon übrig bleibt, indem er fortfährt:
»Mag auch die vorhergehende Beschreibung im allgemeinen richtig sein,
so ist das Nachspiel gewöhnlich folgendes: Die Manschetten und Kragen
werden von den jungen Burschen entweder gar nicht benutzt oder zum
Staat unterhalb des Knies am Bein getragen. Die Uhr wandert zerbrochen
und schmutzig für eine Kleinigkeit zum Trödler, oder das Werk wird
herausgenommen, die Räder auf eine Schnur gezogen und um den Hals
gehängt. Die Messer, Beile, Taschentücher und der Kleiderstoff werden
unter die Freunde verteilt; mehr als ein Stück für jeden gibt es nicht.
Oft geht der Kofferschlüssel auf dem Heimweg verloren, die Koffer
selbst werden für drittehalb Schillinge verkauft, man kann sie in den
Uferdörfern der Insel Tanna verfault umherliegen sehen, (ich sage
das aus eigener Wahrnehmung). Ein heimgekehrter Kanaka geriet einmal
gegen mich in heftigen Zorn, weil ich ihm nicht seine Beinkleider
abkaufen wollte, die gerade für mich paßten, wie er behauptete. Später
verkaufte er sie an einen meiner Lehrer aus Aniwa für ein Paket Tabak
im Wert von dreiviertel Schilling, während er in Queensland gewiß acht
bis zehn Schillinge für das Kleidungsstück bezahlt hatte. Einen Rock
oder ein Hemd zu haben ist nützlich bei kalter Witterung. Auch die
weißen Taschentücher, den ›~senet~‹ (Wohlgeruch), den Regenschirm und
vielleicht den Hut behält der Insulaner; die Stiefel nur, wenn sie
zufällig dem Koprahändler nicht passen. ›~Senet~‹ im Haar, das Gesicht
mit Farbe bemalt, ein schmutziges weißes Taschentuch um den Hals, ein
Stück Schildkrötenschale im Ohr, am Gürtel ein Messer mit der Scheide
und einen Regenschirm in der Hand, so sieht man den heimgekehrten
Kanaka am Tage nach seiner Landung umherstolzieren.«
Bis auf den Hut, den Regenschirm und das Taschentuch ist er
splinternackend. In einem einzigen Tage schmilzt die sauer erworbene
Zivilisation so weit zusammen. Auch diese letzten vergänglichen Dinge
bleiben nicht lange in seinem Besitz. Nur ein Stück seiner Zivilisation
wird er sicherlich nicht wieder los -- nach des Missionars Bericht hat
er nämlich fluchen gelernt. Das ist auch eine Kunst -- und die Kunst
ist lang, wie der Dichter sagt.
Die Gesetze eines Landes werfen stets ein Licht auf seine
Vergangenheit. In Queensland lassen sie tief blicken. Sie zeigen uns,
daß die Mißbräuche, über welche die Missionare klagen, von alters her
bestanden und auch unter dem Schutzgesetz fortbestehen, da die Werber
-- nach Behauptung der Missionare -- das Gesetz zu umgehen wissen, und
der Regierungsbeamte ihnen dabei behilflich ist. Es kommt häufig vor,
daß ein törichter junger ›Rekrut‹ wieder zu Verstande kommt, nachdem
er seine Freiheit auf drei Jahre verkauft hat und für sein Leben gern
die Verpflichtung wieder loswerden und daheim bei seinen Angehörigen
bleiben möchte; dann schüchtert man ihn jedoch durch Drohungen ein,
hält ihn mit Gewalt auf dem Werbeschiff zurück und zwingt ihn, seinen
Kontrakt zu erfüllen. Solche Gewaltmaßregeln verbietet das Gesetz aufs
strengste; der Paragraph 31 befiehlt dem Werber, den Kanaka in diesem
Fall nicht nur freizulassen, sondern ihn wieder ans Ufer zu befördern
und zwar im Boot, weil die Meere von Haifischen wimmeln.
Das Gesetz und die Missionare haben Mitgefühl für den Kanaka, dem sein
Vertrag wieder leid wird, und das ist sehr natürlich, weil er noch jung
und unerfahren ist und sich leicht überreden läßt, zu tun was ihn reut;
der Werber aber kennt kein Erbarmen. »Ein Kapitän, der den Handel viele
Jahre hindurch betrieben hat,« erzählt Gray, »hat mir mitgeteilt, wie
man mit dem kontraktbrüchigen Kanaka verfährt:
»›Wenn ein Bursche über Bord springt,‹ sagte er, ›setzen wir ein Boot
aus, das ihm vorausrudert und sich zwischen ihn und das Ufer legt.
Schwimmt er an dem Boote vorbei, so fährt es immer wieder voraus, bis
der Schwimmer erschöpft ist, freiwillig hineinsteigt und sich ruhig
wieder an Bord zurückbringen läßt. Der Kunstgriff schlägt selten fehl.‹«
Wäre der Schwimmer ein Sohn jenes Kapitäns und seine Verfolger
Eingeborene, so würde er wohl anders darüber denken. Allein die
Fähigkeit, sich in die Lage anderer Leute zu versetzen, ist nicht jedem
gegeben.
Auch der freie Geist des Kapitäns Wawn empört sich gegen das
Schutzgesetz; es bereitet ihm viel Aergernis und vergiftet sein Leben,
gerade so, wie es die Missionare tun. Wie sehr er sich nach der guten
alten Zeit sehnt, die auf immer dahin ist, kann man in seinem Buche
lesen; man meint ordentlich ihn zwischen den Zeilen weinen und fluchen
zu hören, wenn er schreibt:
»Lange Zeit durften wir alle Ausreißer, die den Vertrag an Bord
unterzeichnet hatten, einfangen und festnehmen. Aber die ›eisernen
Verordnungen‹ des Gesetzes von 1884 machten dem ein Ende. Sie gestatten
dem Kanaka den dreijährigen Vertrag zu unterzeichnen, in dem Schiff
spazieren zu fahren, sich füttern zu lassen und sich gütlich zu tun und
dann auf und davon zu gehen, sobald es ihm beliebt. Nur darf er seine
Vergnügungsfahrt nicht bis nach Queensland ausdehnen.«
Missionar Gray dagegen, nennt jene ›eiserne Verordnung‹ ein
Possenspiel. »Unter dem Schutz des Gesetzes,« sagt er, »wird gegen die
Eingeborenen weit mehr Grausamkeit und Ungerechtigkeit verübt, als
durch gesetzwidrige Taten. Die bestehenden Verordnungen sind ungerecht
und in hohem Grade mangelhaft und werden es ewig bleiben.« Er belegt
diese Behauptung auch durch Gründe, die ich jedoch des Raumes wegen
hier nicht anführen kann.
Wenn indessen der Kanaka von seinem dreijährigen Studium der
Zivilisation in Queensland keinen andern Vorteil davonträgt als ein
Halsband, einen Regenschirm und eine höchst unvollkommene Ausbildung
des Fluchens, dann muß wohl der ganze Profit des Handels dem
weißen Manne zugute kommen. Es läßt sich schon hieraus mit einiger
Bestimmtheit die Schlußfolgerung ziehen, daß der Handel von Rechts
wegen abgeschafft werden sollte.
Man hat übrigens allen Grund anzunehmen, daß dies bald von selbst
geschehen wird. Innerhalb der nächsten zwanzig oder dreißig Jahre
müssen die Bezugsquellen des Handels versiegen, weil dann die Inseln
gänzlich entvölkert sein werden. Für weiße Leute ist Queensland sehr
gesund, die Ziffer der Sterbefälle beträgt nur 12 auf das Tausend; bei
den Kanaken ist sie aber weit höher, im Jahre 1893 belief sie sich nach
statistischen Angaben auf 52 und 1894 (im Mackay-Bezirk) auf 68. In
den ersten sechs Monaten ist das Klima für den Kanaka ganz besonders
gefährlich, von 1000 der neuen Ankömmlinge sterben oft 180, während die
Sterbeziffer auf seiner heimischen Insel sich in Friedenszeiten auf
12 und in Kriegszeiten auf 15 vom Tausend beläuft. Der Aufenthalt in
Queensland, der ihm Gelegenheit gibt, Zivilisation, einen Regenschirm
und ungenügende Uebung im Fluchen zu erwerben, ist also zwölfmal so
tödlich für ihn als ein Krieg.
Demnach verlangt die christliche Nächstenliebe, ja schon die bloße
Menschlichkeit, daß man die Leute sämtlich nach ihrer Heimat
zurückschickt. Wenn, statt der Werber, Krieg, Pestilenz und Hungersnot
bei ihnen einkehrten, würden sie nicht aussterben.
Zum Besten der Inseln des Stillen Ozeans und ihrer Bevölkerung hat
schon vor Zeiten -- das heißt vor fünfundfünfzig Jahren -- ein
redegewaltiger Prophet den Mund aufgetan. Er sprach sogar etwas
allzufrüh. Das Prophetentum ist zwar kein schlechtes Geschäft, aber
es bringt mancherlei Gefahr. Der Prophet, den ich meine, war Seine
Ehrwürden, der Doktor beider Rechte M. Russel aus Edinburgh.
»Soll sich die Flut der Zivilisation nur bis zum Fuß des Felsengebirges
wälzen?« fragt er. »Soll das Licht der Wissenschaft in den Wellen des
Stillen Ozeans untergehen? Nein, der große Schöpfungstag, der vor vier
Jahrtausenden begann, nähert sich endlich seinem Ende, die Sonne der
Menschheit hat den ihr bestimmten Lauf vollbracht. Aber lange bevor
ihre letzten Strahlen im Westen verlöschen, ist ihr Licht schon von
neuem über den Inseln der östlichen Meere aufgegangen ... Wir sehen,
wie sich das Geschlecht Japhets aufmacht, um die Inseln zu bevölkern
und den Grund zu einem neuen Europa und einem zweiten England in den
Regionen des Südens zu legen. Aber vernehmt das Wort der Weissagung:
›Er soll in den Zelten Sems wohnen und Canaan wird sein Diener
sein‹. Sein Diener -- nicht sein Sklave. Der anglosächsischen Rasse
ist das Szepter des Erdballs verliehen, aber weder die Peitsche des
Sklavenvogts noch die Marterwerkzeuge des Henkers. Der Osten soll sich
nicht mit denselben Greueln beflecken wie der Westen; der furchtbare
Krebsschaden einer geknechteten Rasse soll nicht an dem Mark der Söhne
Japhets im Lande der Sonne zehren. Wenn der Brite die Völker, unter
denen er wohnt, nicht zu vernichten, sondern immer mehr zu humanisieren
trachtet, je weiter er vorwärts dringt, wenn er mit ihnen in Eintracht
steht, statt sie zu Sklaven zu machen, dann u. s. w. u. s. w.«
Und er schließt seine Vision mit einem Aufruf aus Thomson:
»Komm, holder Fortschritt, wandle deine Bahn!
Mach dir die Welt als Herrscher untertan!« --
Jawohl, der holde Fortschritt ist gekommen, wie wir gesehen haben. Er
hat die Zivilisation, die Waterbury-Uhr, den Regenschirm und die Kunst
des Fluchens mitgebracht, auch einen Mechanismus, um die Völker zu
humanisieren und nicht auszurotten, samt der Sterbeziffer von 180 auf
das Tausend; kurz, er hat alles aufs beste in Gang gebracht.
Aber, der Prophet, der zuletzt das Wort ergreift, ist immer im Vorteil
gegenüber dem Pionier, der das Amt zuerst übernimmt. Hören wir, was der
Missionar Gray sagt:
»Es liegt mir schwer auf dem Herzen, daß eine christliche Nation
wie wir, diese Rassen vertilgt, um sich selbst zu bereichern.«
Und er schließt seine Broschüre mit einer harten Anklage, deren
ungeschminkte, offenherzige Sprache ebenso beredt ist, wie der blumige
Wortschwall seines Vorgängers im Prophetenamt.
»Was ich gegen den Kanaka-Handel mit Queensland einzuwenden habe,«
sagte er, »ist folgendes:
»1. Er wirkt im allgemeinen demoralisierend auf die Kanaken, stürzt sie
in Armut, beraubt sie ihres Bürgerrechts und entvölkert die Inseln,
welche sie bewohnen.
»2. Der Handel schadet dem Ansehen des weißen Arbeiters im
landwirtschaftlichen Betrieb von Queensland und verkürzt jedenfalls
seinen Lohn.
»3. Das ganze System bringt in gesundheitlicher Beziehung große
Gefahren mit sich, sowohl für das Festland von Australien als auch für
die Inseln.
»4. In sozialer und politischer Hinsicht macht die Fortdauer des
Kanaka-Handels jede feste Vereinigung der Kolonien in Australien
unmöglich.
»5. Die gesetzlichen Vorschriften, welche für diesen Handel in
Queensland bestehen, sind ungeeignet zur Verhinderung von Mißbräuchen;
auch werden sie stets mangelhaft bleiben, das liegt schon in der Natur
der Sache.
»6. Das ganze System steht in völligem Widerspruch zu dem Geist und
den Lehren des Evangeliums Jesu Christi, welches uns befiehlt, dem
Schwachen Hilfe zu leisten, während der Kanaka geschunden und mit Füßen
getreten wird.
»7. Der Handel gründet seine Berechtigung auf die Annahme, daß Leben
und Freiheit für einen Farbigen weniger Wert haben als für einen
Weißen. Er hat sich aus der Sklavenjagd entwickelt und wird sich
niemals weit von seinem Ursprung entfernen.«
Siebentes Kapitel.
Ehrlich währt am längsten, sagt das Sprichwort; aber mit
dem Schein der Ehrlichkeit kommt man oft sechsmal so weit.
_Querkopf Wilsons Kalender._
Aus dem Tagebuch.
Seit einigen Tagen durchschiffen wir eine unsichtbare Wildnis von
Inseln und bekommen manchmal die eine oder andere in schattenhaftem
Umriß zu Gesicht. Auf der Karte erscheint das Insel-Gewirr
undurchdringlich und ihre Zahl ohne Ende. Jetzt sind wir mitten in der
Gruppe der Fidschis, die aus 224 Inseln und Inselchen bestehen. Das
Gewirr erstreckt sich westwärts vor uns bis nach Australien, geht im
Bogen hinauf nach Neuguinea und immer weiter bis Japan; hinter uns
dehnt es sich nach Osten durch sechzig Längengrade über den ganzen
Stillen Ozean aus; nach Süden zu liegt Neuseeland. Unter diesen
Myriaden soll auch irgendwo Samoa sein; auf der Karte kann ich es nicht
finden. Wer aber dorthin gehen möchte, braucht nur der Anweisung zu
folgen, die Robert Louis Stevenson dem ~Dr.~ Conan Doyle und Mr. J. M.
Barrie gegeben hat:
»Fahrt nach Amerika,« sagt er, »und quer durch den Kontinent bis San
Francisco, dann noch zweimal links um die Ecke, und ihr seid am Ziel.«
-- Eine nette Beschreibung!
* * * * *
_Mittwoch, 11. September._ Wenn man sich einer der Fidschi-Inseln
nähert, sieht man zuerst rings herum einen breiten Gürtel von blendend
weißem Korallensand, dahinter hohe schlanke Palmen, unter denen die
Hütten der Eingeborenen zwischen dem Buschwerk zum Vorschein kommen;
weiter zurück eine Strecke ebenes Land von tropischem Pflanzenwuchs
bedeckt und ganz im Hintergrund die malerischen Formen der wilden
Gebirgszüge. Liegt nun noch im Vordergrund ein altes Wrack hoch oben
auf der Uferklippe -- wie wir es sahen -- so läßt das ganze Bild vom
künstlerischen Standpunkt aus nichts zu wünschen übrig.
Am Nachmittag erblickten wir Suva, die Hauptstadt der Gruppe, und
fuhren in den kleinen geschlossenen Hafen ein, der mit seinen glänzend
blauen und grünen Gewässern im Schutz der umgebenden Hügel still und
friedlich daliegt. Ruderboote schwammen vom Ufer herbei, sie waren
mit Eingeborenen bemannt, den ersten, welche wir zu sehen bekamen.
Daß sie bei der Hitze keine überflüssige Kleidung trugen, konnte man
ihnen nicht verargen. Es waren große, muskelstarke Männer mit dunkler
Haut, ebenmäßigem Gliederbau und klugen, charaktervollen Gesichtern.
Ich glaube kaum, daß man irgendwo unter den farbigen Rassen schöneren
Gestalten begegnen wird.
Wir gingen alle ans Ufer, um die Insel in Augenschein zu nehmen und
eine Mahlzeit am Lande zu halten, was der größte Hochgenuß für einen
Seereisenden ist. Dort sahen wir noch mehr Eingeborene: runzlige alte
Weiber mit flachen Brüsten, junge dralle Dirnen, deren freundlich
lachender Ausdruck und anmutige Bewegungen den wohlgefälligsten Anblick
boten; hübsche junge Frauen von edlem Wuchs, die den Kopf hoch trugen
und in ihrer unbewußten Würde stattlich einhergeschritten kamen;
majestätische junge Männer, wahre Athletengestalten, in lose, weiße
Gewandung gekleidet, welche die bronzefarbene Brust und die Beine nackt
ließ. Auf dem Kopf hatten sie eine förmliche Bürste von dichtem Haar,
das vom Schädel abstand und brennend ziegelrot gefärbt war. Vor kaum
sechzig Jahren steckten sie noch in tiefer, geistiger Finsternis; jetzt
ist das Fahrrad auch bis zu ihnen gedrungen.
Wir schlenderten in den Straßen der kleinen Stadt der Weißen umher und
über die Berge auf Pfaden und Wegen, die zu europäischen Wohnhäusern,
Gärten und Pflanzungen führten. Die großen Blüten der Hibiskussträucher
mit ihrem feurigen Rot blendeten uns förmlich die Augen. Bei einem
alten englischen Kolonisten blieben wir endlich stehen, um ein paar
Fragen an ihn zu richten und uns teilnehmend über die furchtbare Hitze
zu äußern. Darüber verwunderte er sich jedoch höchlich.
»Das nennen Sie heiß?« fragte er. »Da sollten Sie einmal im Sommer hier
sein.«
»Ist denn nicht Sommer? Es sieht doch täuschend so aus. In keinem Lande
der Erde würde man es für etwas Anderes halten. Was fehlt denn daran?«
»Ein halbes Jahr. Wir sind jetzt mitten im Winter.«
Ich litt schon seit mehreren Monaten an Husten und Schnupfen, und ein
so plötzlicher Wechsel der Jahreszeiten mußte mir schädlich sein.
Natürlich erkältete ich mich gleich von neuem.
Vor vierzehn Tagen haben wir Amerika im Sommer verlassen, jetzt ist es
Winter und in einer Woche, bei unserer Ankunft in Australien werden wir
mitten im Frühling sein. Diese plötzlichen Sprünge von einer Jahreszeit
in die andere sind höchst verwunderlich.
Nach Tische traf ich im Billardzimmer einen Bewohner der Insel, dem
ich schon früher in einem anderen Weltteil begegnet war, auch machte
ich ein paar neue Bekanntschaften und wir fuhren zusammen aus, um
den Gouverneur auf seinem Landsitz zu besuchen, der hoch und luftig
gelegen, ein viel behaglicheres Klima hat, als die niederen Regionen,
wo der Winter ein strenges Regiment führt und einem fast das Haar
versengt, wenn man den Hut abnimmt, um zu grüßen. Von dem Hause seiner
Excellenz hat man einen herrlichen Blick über das Meer, die Inseln und
die zackigen Bergspitzen, während ringsum alles wie traumversunken in
jener heiteren, ungestörten Ruhe zu schlummern scheint, welche dem
Leben auf den Inseln des Stillen Ozeans seinen Hauptreiz verleiht.