»Die armen Leprakranken!« sagt der Verfasser. »Es mag leicht sein, für

die, welche weder Freunde noch Anverwandte unter ihnen haben, das Gebot

völliger Absonderung in seiner ganzen Strenge durchzuführen! Aber, wer

beschreibt die schrecklichen, herzbrechenden Auftritte, welche diese

Gewaltmaßregeln im Gefolge haben?

»Ein Mann aus Hawaii wurde plötzlich festgenommen und fortgeschafft.

Seine Frau, die unmittelbar vor ihrer Entbindung stand, blieb allein

und hilflos zurück. Ohne Not und Gefahr zu achten, unternahm sie die

Reise nach Honolulu und bat so lange und inbrünstig um die Erlaubnis,

ihren leprakranken Mann in die Verbannung begleiten zu dürfen, um dort

wie eine Aussätzige mit ihm zu leben, daß die Behörden ihrem Flehen

nicht widerstehen konnten.

»Ueber eine glückliche Gattin und Mutter in der Blüte der Jahre wird

das Urteil gefällt, daß sich bei ihr die Anfänge der Leprakrankheit

zeigen; man schleppt sie ohne Aufschub aus ihrem Hause fort, und als

der Mann heimkehrt, findet er nur noch seine zwei verlassenen Kleinen,

die nach der verlorenen Mutter schreien.

»Luka Kaaukau, die Frau eines Aussätzigen, lebt seit zwölf Jahren mit

ihrem Mann auf der Leprainsel. Der Unglückliche hat fast keine Gelenke

mehr; seine Beine sind unförmlich und mit Geschwüren bedeckt. Seit vier

Jahren flößt ihm die Frau alle Nahrung ein; er hat schon oft gewünscht,

sie möchte ihn seinem elenden Schicksale überlassen, da sie heil und

gesund ist, aber Luka sagt, daß sie gern dableiben und den Mann, den

sie geliebt hat, pflegen will, bis sein Geist von der Erdenlast befreit

ist.

»Ich selbst,« fährt Pfarrer Gowen fort, »habe manchen schweren Fall

erlebt: Ein Mädchen, das mir scheinbar noch in voller Gesundheit

geholfen hatte die Kirche beim Osterfest zu schmücken, ist, ehe es

Weihnachten war, als unheilbare Leprakranke fortgeschafft worden.

Eine Mutter hat ihr Söhnchen jahrelang im Gebirge verborgen gehalten,

aus Furcht, man möchte es ihr entreißen; selbst ihre besten Freunde

hatten keine Ahnung davon, daß das Kind noch am Leben war. Ein

angesehener Weißer wurde von Frau und Kindern getrennt und gezwungen im

Leprosenhause zu leben, wo er von aller Welt für tot angesehen wird,

sogar von der Lebensversicherungsgesellschaft.«

Und was am meisten unser Mitleid erregt, ist, daß diese armen Dulder

ganz unschuldig leiden. Der Aussatz ist nicht die Folge ihres eigenen

Lebenswandels, sondern ein Fluch, der auf den Sünden ihrer Vorfahren

lastet, während diese selbst von der Krankheit verschont geblieben

waren.

Herr Gowen erzählt uns auch von einer ungemein rührenden und schönen

Einrichtung, die auf der Leprainsel besteht: Wenn der Tod einem

Leidenden die Kerkertür des Lebens auftut, so spielt das Musikchor

eine Freudenhymne, um die Befreiung der gequälten Seele mit Jubel zu

begrüßen.

Viertes Kapitel.

Es ist leichter, sich ein dutzendmal ins Gesicht tadeln zu

lassen, als eine einzige unwahre Schmeichelei anzuhören.

_Querkopf Wilsons Kalender._

_Von Honolulu abgesegelt. Aus meinem Tagebuch_:

_2. September._ -- Scharen fliegender Fische -- schlank, wohlgestaltet,

leicht beweglich und glänzend weiß. Im Sonnenschein sehen sie wie ein

Schwarm silberner Obstmesser aus. Sie können über hundert Meter weit

fliegen.

* * * * *

_3. September._ -- Frühstück unter 9° 50´ nördlicher Breite. Wir segeln

schräg auf den Aequator zu. Alle, welche die Linie noch nie passiert

haben, sind ungemein aufgeregt; auch ich möchte nichts in der Welt

lieber sehen als den Aequator. Gestern abend erreichten wir die Gegend

der Kalmen, wo vollkommene Windstillen mit täglichen Stürmen und

Regengüssen wechseln, bei denen der Wind fortwährend umspringt, die See

kurze Wellen schlägt und das Schiff wie betrunken hin- und herschwankt.

Derartige Zustände findet man bisweilen auch in andern Regionen, aber

in der Gegend der Kalmen hören sie nie auf; ihr Gürtel um den Erdball

hat eine Breite von zwanzig Grad, und die Schnur, welche man den

Aequator nennt, läuft in der Mitte herum.

* * * * *

_4. September._ -- Gestern abend hatten wir eine totale Mondfinsternis,

die etwa bis 7.30 dauerte. Zuerst sah man eine schöne rosige Wolke mit

zerklüfteter Oberfläche, die aus einem kreisförmigen Rahmen hervortrat

-- es erinnerte an eine Portion Erdbeereis. Als der Mond zur Hälfte

wieder sichtbar war, glich er einer goldenen Eichel in ihrem Näpfchen.

* * * * *

_5. September._ -- Um Mittag kamen wir dicht an den Aequator heran.

Ein Matrose erklärte einem jungen Mädchen, das Schiff mache so wenig

Fahrt, weil der Erdball in der Mitte eine Ausbuchtung habe, zu der wir

emporklimmen müßten; hätten wir erst beim Aequator die höchste Stelle

erreicht, dann ginge es bergunter mit Windeseile. Der Mann ist voller

Gelehrsamkeit, da kann das Mädchen noch viel profitieren.

_Nachmittags._ -- Wir haben die Linie passiert. Von weitem sah es aus,

als breite sich ein blaues Band quer über den Ozean. Mehrere Passagiere

machten photographische Aufnahmen. Wir hatten keinen Mummenschanz,

keine Narrenspossen und groben Späße, das ist jetzt alles abgeschafft.

In früheren Zeiten kam ein als Neptun verkleideter Matrose mit seinem

Gefolge über den Schiffsbug gegangen, und jeder, der zum erstenmale die

Linie passierte, mußte sich von ihm einseifen und barbieren lassen.

Zum Schluß pflegte man die armen Opferlämmer abzuspülen, indem man

sie von der Raanocke hinunterließ und dreimal ins Meer tauchte. Dies

galt für sehr belustigend -- warum, weiß niemand. Das heißt, ja -- wir

wissen es doch! Auf dem Lande hätten so närrische Veranstaltungen, wie

sie ehemals beim Passieren der Linie Sitte waren, nicht die geringste

komische Wirkung; man würde sie einfach für albern und sinnlos

erklären. Aber die Landratten sollen nur erst einmal zu Schiffe gehen

und eine lange Seereise machen, vielleicht wären sie dann anderer

Ansicht. Auf solcher Fahrt nehmen die Verstandeskräfte gewaltig ab, und

die klügsten Leute geraten bald in eine Gemütsstimmung, bei der sie

eine kindische Unterhaltung jeder vernünftigen Beschäftigung vorziehen.

Man staunt wirklich oft über die Kindereien, mit denen sich erwachsene

Menschen an Bord abgeben und begreift nicht, wie sie dergleichen mit

solchem Eifer betreiben und sich so königlich dabei amüsieren können.

Ich spreche natürlich nur von langen Seereisen, bei denen der Geist

sich allmählich abstumpft und träge und schwerfällig wird. Da verliert

man sein gewöhnliches Interesse an höheren Dingen; nur derbe Späße

sind noch imstande uns aufzurütteln, und ausgelassene Narretei gewährt

uns das größte Vergnügen.

Bei kürzeren Seereisen ist das anders; da hat der Geist nicht Zeit,

auf so traurige Art zu versimpeln, und man schafft sich die nötige

Körperbewegung durch das Beilkespiel. Auch wir vertrieben uns unterwegs

die Zeit damit aufs angenehmste. Vor dem Beginn des Spiels zeichnet der

Quartiermeister die nachstehende Kreidefigur auf das Deck, und jeder

Spieler erhält vier hölzerne Scheiben von der Größe einer Untertasse,

die er mit einer Art Besenstiel, an dem eine hölzerne Mondsichel

befestigt ist, durch einen kräftigen Stoß fünfzehn bis zwanzig Fuß weit

über das Deck befördern muß, so daß sie in einem der Quadrate landen.

Bleibt die geworfene Scheibe dort, bis der erste Gang vorüber ist, so

gilt sie so viel wie die Zahl in dem betreffenden Quadrat. Der Gegner

muß sich bemühen, die feindliche Scheibe hinauszustoßen, besonders

wenn sie auf eine hohe Nummer getroffen hat, und seine eigene an die

Stelle zu setzen. Liegt sie aber auf ~10 minus~ so wird er im Gegenteil

danach trachten, seine Scheibe so zu schieben, daß der andere Spieler

die seinige nicht wieder aus diesem verderblichen Platz herausbringen

kann, weil ihm der Zugang versperrt ist. Nach jedem Gang werden die

Points gezählt; oft können alle Scheiben mitgerechnet werden, aber die,

welche den Kreidestrich berühren, gelten nicht; auch findet manchmal

ein großes Scharmützel statt, so daß keine einzige Scheibe mehr in den

Quadraten liegt. Wenn eine Partei hundert Points hat, ist das Spiel zu

Ende; es dauert meist zwischen zwanzig und dreißig Minuten, was vom

Glück und der Bewegung des Schiffes abhängt. Geht die See hoch, so

ist man genötigt, die Kraft und Richtung des Stoßes genau abzuwägen.

Hebt sich das Schiff, muß man stark stoßen, senkt es sich, so kommt es

darauf an Maß zu halten, da sich die Wirkung nicht leicht berechnen

läßt. Schwankt das Schiff nach rechts, und man zielt nach der linken

oberen Seite der Kreidefigur, so gleitet die Scheibe im Bogen gerade

in ein Quadrat hinein, falls man nämlich genau die richtige Stärke

getroffen hat. Das Spiel ist aufregend, und die meist sehr zahlreichen

Zuschauer lassen es nicht an Beifall oder Hohngelächter fehlen, je

nachdem eins oder das andere am Platze ist. Es erfordert auch viel

Geschicklichkeit, aber da man sich auf die Bewegung des Schiffes nie

verlassen kann, ist es noch mehr Glückssache.

+-----------+

| 10 |

+---+---+---+

| 8 | 1 | 6 |

+---+---+---+

| 3 | 5 | 7 |

+---+---+---+

| 4 | 9 | 2 |

+---+---+---+

| 10 minus. |

+-----------+

Um zu entscheiden, wer ›Meister des Beilkespiels auf dem Stillen

Ozean‹ sein sollte, fochten wir großartige Turniere aus, an denen sich

fast alle unsere Mitreisenden männlichen und weiblichen Geschlechts,

sowie sämtliche Offiziere beteiligten. Der Kampf wurde viele Tage

lang mit großer Hartnäckigkeit fortgesetzt, er war sehr lebhaft und

machte uns todmüde, wegen der starken Bewegung, die man bei dem Spiele

hat. Schließlich behauptete Herr Thomas, einer der Passagiere, seine

unbestrittene Meisterschaft.

Bei einem der kleineren Wettkämpfe hatte ich jedoch den Sieg

davongetragen und den ausgesetzten Preis, eine Waterbury-Taschenuhr

gewonnen, die ich im Koffer verwahrte. Neun Monate später, in der

Stadt Prätoria in Südafrika, nahm ich sie wieder heraus, weil meine

eigene Uhr stehen geblieben war, zog sie auf und stellte sie nach der

Turmuhr am Parlamentsgebäude auf 8 Uhr 5 Minuten; dann begab ich mich

in mein Schlafzimmer und ging früh zu Bette, da ich nach einer langen

Eisenbahnfahrt der Ruhe bedurfte. Jene Parlamentsuhr hatte eine ganz

verrückte Eigenschaft, die sonst nirgends in der Welt vorkommt, aber

das wußte ich damals nicht; sie schlägt nämlich, wenn es halb ist,

die nächste volle Stunde und schlägt sie dann abermals zur richtigen

Zeit. Eine Weile rauchte und las ich noch im Bett; als ich aber die

Augen nicht länger offen halten konnte und eben im Begriff war, das

Licht zu löschen, dröhnte es gewaltig vom Turme. Ich zähle zehn

Schläge und lange nach meiner Preisuhr, um sie zu vergleichen. Sie

stand auf 9.30, war also schon eine halbe Stunde zurückgeblieben. Für

eine Dreidollaruhr hatte sie jedenfalls zu geringe Geschwindigkeit,

doch glaubte ich, das veränderte Klima sei schuld. Ich stellte sie

eine halbe Stunde vor, nahm wieder mein Buch zur Hand und wartete. Es

schlug noch einmal zehn; meine Uhr aber zeigte 10.30. Diese übergroße

Eile überraschte mich -- es war zuviel für das Geld. Nachdem ich die

Zeiger um eine halbe Stunde zurückgeschoben hatte, horchte und wartete

ich wieder; ich konnte jetzt nicht anders, denn ich war unruhig und

ärgerlich und fühlte keine Schläfrigkeit mehr. Nicht lange, so schlug

es 11 vom Turme und auf meiner Uhr war es 10.30. Wieder stellte ich sie

eine halbe Stunde vor und fing schon an die Geduld zu verlieren. Da

schlug es noch einmal 11; als ich aber sah, daß die Waterbury-Uhr auf

11.30 zeigte, schleuderte ich sie gegen den Bettpfosten, daß sie in

Stücke ging. Tags darauf, als ich hinter die Geschichte kam, tat mir

das freilich leid.

Doch ich kehre zum Schiff zurück. -- Der gewöhnliche

Durchschnittsmensch ist ein boshaftes Geschöpf, und wenn er das nicht

ist, hat er Freude an handgreiflichen Späßen. Für die Person, die ihm

als Zielscheibe dient, kommt das auf eins heraus, sie wird jedenfalls

zum Opferlamm.

Auf allen Schiffen wird das Abspülen des Deckes in sehr früher Stunde

vorgenommen, aber nur selten trifft man dabei Maßregeln zum Schutz der

Passagiere; es wird ihnen weder vorher angekündigt, noch schickt man

einen Aufwärter hinunter, um die Kajütenfenster zu schließen. So haben

denn die Matrosen beim Deckspülen freie Hand, was sie sich nach Kräften

zu nutze machen. Platsch! schütten sie einen Eimer Wasser längs der

Schiffseite hin, daß es durch die Kajütenfenster fließt und nicht nur

die Kleider der Passagiere, sondern auch diese selbst durchnäßt. Auf

unserm Schiff herrschte diese gute alte Sitte ebenfalls und zwar unter

sehr günstigen Bedingungen, denn in den glühenden tropischen Regionen

wird außen am Fenster ein abnehmbarer Zinkvorsetzer in Form einer

Zuckerschaufel befestigt, um den Wind zu fangen, so daß Luft ins Innere

dringt. Aber auch das Wasser sammelt sich dort und fließt hindurch --

oft in ganzen Strömen. --

Frau J., eine kranke Dame, mußte nach ärztlicher Verordnung auf dem

Sofa schlafen, der unter ihrem Kajütenfenster stand. Jedesmal, daß sie

nicht auf ihrer Hut war und zu lange schlief, überschwemmten sie die

Deckspüler mit einem Wasserguß.

Und erst die Anstreicher -- was hatten die für ein lustiges Leben! Zwar

sollte das Schiff in Sydney einen Monat lang in dem Dock ausgebessert

werden, aber trotzdem wurde es die ganze Fahrt über bald hier bald da

neu angestrichen. Die Kleider der Damen litten fortwährend Schaden,

doch weder Bitte noch Einspruch fand Gehör. Es kam nicht selten

vor, daß eine Dame in der Nähe eines Ventilators oder irgend eines

andern Dinges, das gar nicht angestrichen zu werden brauchte, ihr

Mittagsschläfchen hielt und beim Erwachen entdeckte, daß ein Spaßvogel

sich mit seinen Farbentöpfen über besagten Gegenstand hergemacht hatte,

und ihr weißes Kleid von oben bis unten mit kleinen gelben Ölflecken

bespritzt war.

Die Schiffsoffiziere sind nicht schuld an dieser Farbenkleckserei zu

ungelegener Zeit, sondern der alte Brauch. Seit Noahs Tagen gilt das

Gesetz, daß an einem Schiff während der Fahrt unausgesetzt herumgeputzt

und angestrichen werden muß. Dies Gesetz ist zur Gewohnheit geworden,

und auf der See haben Gewohnheit und Sitte ein ewiges Leben. Der alte

Brauch wird nicht aufhören bis das Meer ausgetrocknet ist.

* * * * *

_8. September, Sonntag._ Wir segeln in fast gerader Linie nach Süden,

sodaß wir täglich nicht mehr als zwei Längengrade kreuzen. Heute früh

waren wir beim 178. Grad westlicher Länge von Greenwich; morgen kommen

wir dicht an die Mitte der Erdkugel beim 180. Grad westlicher Länge und

dem 180. Grad östlicher Länge.

Und dann müssen wir einen Tag aus unserm Leben streichen, der auf

immer unwiederbringlich verloren ist. Wir werden alle einen Tag früher

sterben, als es uns seit Anbeginn vom Geschick bestimmt war. Die ganze

Ewigkeit hindurch bleiben wir um diesen einen Tag zurück. Wenn wir

droben zu den Engeln sagen: »Heute ist schönes Wetter!« werden sie

stets erwidern: »Es ist gar nicht heute, sondern morgen!« Wir kommen

nie wieder aus der Verwirrung heraus; unsere Seelenruhe ist auf immer

dahin!

* * * * *

_Am nächsten Tage._ Jetzt ist es wirklich zur Wahrheit geworden.

Gestern war _Sonntag_, der 8. September -- und heute steht auf dem

Anschlagbrett am Eingang zur Kajütentreppe: _Dienstag_, 10. September.

Man hat ein unbehagliches Gefühl dabei, als wäre Zauberei im Spiele.

Es ist ja auch wirklich unbegreiflich, wenn man es recht bedenkt,

und man kann sich keine Vorstellung davon machen. Als wir den 180.

Meridian kreuzten, war es am Stern des Schiffes, wo die Meinigen

sich aufhielten _Sonntag_, und am Bug, wo ich war, _Dienstag_. Sie

verzehrten einen halben Apfel am 8. September, und ich aß gleichzeitig

die andere Hälfte am 10. In den fünf Minuten, seit ich sie verlassen

hatte, war ich um einen Tag älter geworden, sie dagegen nicht. Der

Tag, den sie verlebten, erstreckte sich hinter ihnen um die halbe

Erdkugel durch den Stillen Ozean, Amerika und Europa; der Tag, den ich

verlebte, dehnte sich vor mir um die andere Hälfte der Erde aus, bis

beide zusammentrafen. Tage von solchem Umfang waren uns noch niemals

vorgekommen, alle früheren schrumpften im Vergleich dazu in ein

Nichts zusammen. Auch der Temperaturunterschied der beiden Tage war

bemerkenswert; der ihrige war heißer als meiner, wegen der größeren

Nähe des Aequators.

Gerade zur Zeit, als wir den Großen Meridian kreuzten, wurde im

Zwischendeck ein Kind geboren, und nun läßt sich auf keine Weise

feststellen, welches sein Geburtstag ist. Die Wärterin sagt Sonntag,

der Arzt Dienstag. Das Kind selbst wird nie darüber ins klare kommen

und immer zwischen den beiden Tagen schwanken. Dadurch müssen

alle seine Ansichten über Religion, Politik, Liebe, Berufswahl

und dergleichen in Unsicherheit geraten, seine Grundsätze werden

erschüttert, seine Charakterentwicklung gehemmt, und dem armen Ding von

vornherein jede Möglichkeit eines erfolgreichen Wirkens abgeschnitten.

Das sagten alle Leute an Bord. Aber, damit war das Unheil noch nicht

einmal erschöpft. Ein ungeheuer reicher Bierbrauer auf dem Schiff

hatte nämlich schon zehn Tage vorher gesagt, falls das Kind an seinem

Geburtstag zur Welt käme, würde er ihm zehntausend Dollars zum Geschenk

machen. Sein Geburtstag war aber Montag den 9. September.

Wenn alle Schiffe in derselben Richtung -- nämlich nach Westen --

führen, so würde der Welt eine ungeheure Menge wertvoller Zeit verloren

gehen, weil Passagiere und Mannschaften eine solche Unzahl von Tagen

auf dem Großen Meridian über Bord werfen. Aber glücklicherweise segelt

die Hälfte der Schiffe nach Osten, und so entsteht kein wirklicher

Verlust. Diese fischen nämlich die weggeworfenen Tage auf, um sie dem

Zeitvorrat der Welt wieder hinzuzufügen und zwar fast unversehrt, denn

durch das Salzwasser werden sie frisch erhalten und bleiben so gut wie

neu.

Fünftes Kapitel.

Der Lärm tut nichts zur Sache: Oft gackert eine Henne, die

nur ein Ei gelegt hat so laut, als hätte sie einen Planeten

gelegt.

_Querkopf Wilsons Kalender._

_Mittwoch 11. September._ Wir fahren jetzt stetig nach Süden und immer

weiter hinunter auf dem runden Bauch der Erdkugel. Gestern abend sahen

wir den Großen Bären und den Nordstern am Horizont untergehen und aus

unserer Welt verschwinden. Das heißt, irgend jemand hat es gesehen und

mir davon erzählt. Aber das macht keinen Unterschied, mir ist es so wie

so einerlei, da ich die beiden herzlich satt habe. Sie sind ja in ihrer

Art gar nicht übel, aber man will sie doch auch einmal los werden. Ich

hatte jetzt nur noch Interesse für das ›Kreuz des Südens‹, von dem

ich mein Lebenlang gehört hatte, ohne es zu sehen; natürlich brannte

ich vor Verlangen danach. Kein anderes Sternbild verursacht so viel

Gerede. Im allgemeinen habe ich, wie gesagt, gegen den Großen Bären

nichts einzuwenden -- wie sollte ich auch? Er ist ja ein Bürger unseres

Himmelsgewölbes und gehört zum Besitzstand der Vereinigten Staaten.

Aber doch war ich froh, daß er aus dem Wege ging, um diesem Fremdling

Platz zu machen. Nach meinem Dafürhalten brauchte ein Sternbild, von

dem man so viel Wesens macht wie von dem Kreuz des Südens, den ganzen

Himmel für sich allein.

Aber das war ein Irrtum. Heute abend haben wir das Kreuz gesehen;

es ist weder groß noch ungewöhnlich hell. Freilich stand es tief am

Horizont; es wird vielleicht noch schöner, wenn es hoch am Himmel

steht. Sein Name ist sehr sinnreich gewählt, denn es sieht gerade so

aus, wie ein Kreuz aussehen würde, das man ebensogut für etwas ganz

Anderes halten könnte. Aber diese Bemerkung ist viel zu allgemein und

unbestimmt, ich will mich deutlicher ausdrücken: ein Kreuz mag es wohl

sein, doch ist es entweder aus den Fugen gegangen oder verzeichnet,

denn es hat zwar einen langen und einen kurzen Balken, aber letzterer

ist ganz schief geraten.

[Illustration]

Vier große Sterne und ein kleiner bilden das Kreuz. Der kleine Stern

liegt außer dem Strich und verdirbt die Form vollends; er sollte an

der Stelle stehen, wo die Balken zusammengefügt sind. Wenn man nicht

eine gedachte Linie zwischen den Sternen zieht, würde man gar nicht auf

die Idee kommen, daß sie ein Kreuz vorstellen -- oder überhaupt irgend

etwas.

Um den kleinen Stern darf man sich nicht kümmern; er muß ganz beiseite

bleiben, weil er alles verwirrt. Läßt man ihn weg, so kann man aus den

vier Sternen wohl eine Art schiefes Kreuz machen, aber ebenso gut einen

schiefen Drachen oder einen schiefen Sarg.

Mit den Namen, die man den Sternbildern gegeben hat, ist es von jeher

eine heikle Sache gewesen; sie wollen sich diesen Namen durchaus nicht

anpassen und bestehen meist hartnäckig darauf, den Dingen, nach denen

sie benannt sind, in keiner Weise zu gleichen. Zur Beruhigung der

Gemüter sieht man sich zuletzt häufig genötigt, den phantastischen

Namen in einen solchen umzuwandeln, der dem gemeinen Menschenverstand

besser einleuchtet. Wenn es auf mich ankäme, würde ich das ›Kreuz des

Südens‹ nicht den ›Sarg des Südens‹, sondern den ›Drachen des Südens‹

nennen. Kreuze und Särge haben dort oben in dem großen leeren Raum

nichts zu schaffen, aber für einen Drachen ist es gerade der rechte

Platz. In einiger Zeit -- ob über kurz oder lang weiß ich nicht --

wird der ganze Erdball im Besitz der englischredenden Rasse sein

und natürlich auch das Himmelsgewölbe. Dann müssen alle Sternbilder

neugeordnet, blank geputzt und umgetauft werden; die meisten wird man

vermutlich ›Victoria‹ nennen, schon jetzt tragen viele Städte und

Geräte den Namen ihrer britischen Majestät. Aber ein Sternbild wird

auch als ›Drache des Südens‹ droben wandeln oder überhaupt von der

Bildfläche verschwinden.

In den letzten paar Tagen sind wir durch eine förmliche Milchstraße von

Inseln gefahren. Auf der Karte liegen sie so dicht beisammen, daß man

denken sollte, es wäre dazwischen kaum Platz für ein Kanoe -- und doch

bekommen wir selten eine Insel zu Gesicht. Neulich sahen wir einmal

zwei in weiter Ferne gespenstisch und schattenhaft auftauchen, Alofi

und Futuna oder Horne. Auf der größeren herrschen zwei eingeborene

Könige, die einander grimmig befehden. Sie sowohl wie ihre Untertanen

gehören zur katholischen Kirche; französische Missionare haben sie

bekehrt.

Von den unzähligen Inseln in diesen Meeren bezog man früher die

›Rekruten‹ für die Plantagenarbeit in Queensland, und ich glaube, man

holt sie noch jetzt dort her. Fahrzeuge, die in ihrer Ausrüstung den

alten Sklavenschiffen glichen, schafften die Eingeborenen nach jener

großen Provinz Australiens, wo sie als Arbeiter Verwendung fanden.

Anfangs raubte man die Leute ohne alle Umstände, wie die Missionare

bezeugen; von anderer Seite wird das zwar geleugnet, aber es läßt sich

nicht widerlegen. Später verbot das Gesetz, die Eingeborenen gegen

ihren Willen anzuwerben, und die Regierungsbeamten hatten Befehl, auf

allen Werbeschiffen für Aufrechterhaltung des Gesetzes zu sorgen, was

sie nach Aussage der Werber wirklich taten, aber auch oft unterließen,

wie die Missionare behaupten. Ein Arbeiter konnte auf drei Jahre

regelrecht angeworben werden und dann freiwillig noch ebenso lange im

Dienst bleiben, wenn es ihm gefiel. War seine Zeit um, so durfte er

auf seine Insel zurückkehren und erhielt auch die Mittel dazu. Die

Regierung ließ sich dies Geld von dem Arbeitgeber auszahlen, ehe der

›Rekrut‹ ihm überlassen wurde.

Kapitän Wawn, der viele Jahre ein Werbeschiff befehligte, hat ein

Buch über seine Erlebnisse geschrieben, aus dem hervorgeht, daß das

Werbegeschäft im allgemeinen bei den Insulanern sehr beliebt war. Doch

scheint es dabei weder langweilig noch einförmig gewesen zu sein, denn

es bot allerlei kleine Abwechslungen, von denen der Kapitän berichtet,

zum Beispiel die folgende:

Meine Reise um die Welt. Erste Abteilung · 第 3 / 17 段