Das war ein merkwürdiger Mensch; merkwürdig nicht nur als König,

sondern auch als Barbar. Noch ein kleiner, unbedeutender Fürst,

als Kapitän Cook 1778 ins Land kam, faßte er vier Jahre später den

Entschluß, ›seine Machtsphäre auszudehnen‹. Dies ist die beliebte

Redewendung, durch die man heutzutage bezeichnet, daß jemand Raub

an seinem Nachbar begeht, und zwar zu dessen eigenem Vorteil --

eine Wohltätigkeitsvorstellung, bei welcher als Ort der Handlung

hauptsächlich Afrika benützt wird. Kamehameha unternahm einen

Kriegszug, vertrieb im Lauf von zehn Jahren alle andern Könige und

machte sich zum Herrn der sämtlichen neun oder zehn Inseln, welche die

Gruppe der Sandwichinseln bilden. Aber er tat noch mehr. Er kaufte

Schiffe, belud sie mit Sandelholz und andern heimischen Produkten

und schickte sie bis nach Südamerika und China. Die fremden Stoffe,

Werkzeuge und Gerätschaften, welche die Schiffe zurückbrachten,

verkaufte er an seine Wilden und wurde so der Begründer der

Zivilisation. Ob die Geschichte irgend eines andern Barbaren Aehnliches

aufzuweisen hat, möchte ich bezweifeln. Die Wilden sind meist eifrig

bemüht, dem weißen Manne neue Methoden abzulernen, wie sie einander

umbringen können; aber seine höheren und edleren Anschauungen pflegen

sie sich nicht anzueignen. Bei Kamehameha sehen wir dagegen, daß er

stets bemüht war, alles gründlich zu untersuchen, was ihm die Weißen

Neues boten, und unter den Proben, die er zu Gesicht bekam, eine

einsichtsvolle Auswahl zu treffen.

Nach meiner Meinung bewies er dabei weit größeren Scharfsinn als

sein Sohn und Nachfolger Liholiho. Dieser hätte sich vielleicht zum

Reformator geeignet, aber als König verfehlte er seinen Beruf, und

zwar, weil er zugleich König und Reformator sein wollte. Das heißt

aber, Feuer und Schießpulver untereinander mischen. Ein König sollte

sich verständigerweise mit Reformen nichts zu schaffen machen. Das

Beste, was er tun kann, ist, die Zustände zu lassen wie sie sind, und

wo das nicht angeht, sie möglichst zu verschlechtern. Ich sage das

nicht nur obenhin, denn ich habe mir die Sache reiflich überlegt, damit

ich, falls sich mir einmal die Gelegenheit bietet König zu werden,

gleich weiß, wie ich es am besten anzugreifen habe.

Als Liholiho seinem Vater in der Regierung folgte, fand er sich im

Besitz königlicher Vorrechte und Befugnisse, die ein weiserer Fürst

verstanden hätte mit Vorteil auszunützen. Im ganzen Reich herrschte

nur _ein_ Szepter, das er in Händen hielt, und _eine_ Staatskirche,

deren Haupt er war. Den Oberbefehl seines Heeres, das aus 114 Gemeinen,

27 Generalen und einem Feldmarschall bestand, führte er allein. Ein

stolzer alter Erbadel war im Lande ansässig. Und dann gab es noch eine

merkwürdige Einrichtung, welche ›Tabu‹ genannt wurde. Dies war eine

geheimnisvolle und furchtbare Macht, wie sie kein europäischer Monarch

jemals besessen hat, ein Mittel und Werkzeug von unschätzbarem Wert

für den Gewalthaber. Liholiho war auch Herr und Meister des ›Tabu‹. Es

war die wirksamste und sinnreichste Erfindung, die je gemacht worden

ist, um die Ansprüche des Volkes in bescheidenen Grenzen zu halten.

Dies ›Tabu‹ (das Wort bedeutet ein Ding, das verboten ist) verlangte,

daß beide Geschlechter in verschiedenen Häusern wohnten; aber essen

durften sie nicht in den Häusern, dazu gab es einen andern Ort. Es

untersagte den Frauen, ihres Mannes Haus zu betreten. Auch durften

beide Geschlechter nicht zusammen essen; zuerst aßen die Männer,

und die Weiber mußten sie bedienen. Dann konnten die Weiber essen,

was übrig blieb -- wenn überhaupt noch etwas da war -- und sich

selbst bedienen. Das heißt, sie bekamen nur die Reste der gröbsten,

unschmackhaftesten Kost. Alle guten, leckern und auserlesenen Eßwaren,

wie Schweinefleisch, Geflügel, Bananen, Kokosnüsse, die bessern

Fischsorten und dergleichen, bestimmte das ›Tabu‹ ausschließlich zur

Speise für die Männer. Die Weiber mußten sich ihr Lebenlang mit einem

ungestillten Sehnen danach begnügen, und mußten sterben ohne je zu

erfahren, wie das alles schmeckte.

Diese Regeln waren, wie man sieht, sehr klar und verständlich, auch

leicht zu behalten, und nützlich. Denn auf jeder Uebertretung eines

Verbots aus der ganzen Liste stand Todesstrafe. Was Wunder, wenn die

Frauen es gern zufrieden waren, Haifische, Hundefleisch und Torowurzeln

zu verzehren, da sie andere Nahrungsmittel so teuer bezahlen mußten.

Dem Tode verfiel, wer über verbotenen Grund und Boden ging, wer einen

vom ›Tabu‹ geheiligten Gegenstand durch seine Berührung entweihte,

wer einem Häuptling nicht kriechende Ehrerbietung zollte oder auf des

Königs Schatten trat. Edelleute, Priester und Könige hängten immer bald

hier bald da kleine Lappen auf, um dem Volke kund zu tun, daß der Ort

oder das Ding mit ›Tabu‹ belegt war und der Tod in der Nähe lauerte.

Der Kampf ums Dasein muß wohl zu jener Zeit auf den Inseln höchst

ungewiß und schwierig gewesen sein.

Alle diese Vorteile besaß der neue König, und was war das erste, das

er nach seinem Regierungsantritt tat? Er rottete die Staatskirche

mit Stumpf und Stil aus. Bildlich gesprochen glich er einem Seemann,

der sein wackeres Schiff verbrennt und sich einem unsicheren Floß

anvertraut. Jene Kirche war eine gräßliche Anstalt, die das ganze Land

aufs schwerste bedrückte, und durch düstere, geheimnisvolle Drohungen

alles in Furcht und Zittern erhielt. Sie schlachtete ihre Opfer an

den Altären greulicher Götzen aus Holz oder Stein; sie ängstigte und

schreckte das Volk und zwang es zu sklavischer Unterwürfigkeit gegen

die Priester und durch diese gegen den König! Wahrlich, eine bessere

und zuverlässigere Stütze hätte sich kein König wünschen können! Wenn

ein berufsmäßiger Reformator die furchtbare, verderbliche Gewalt dieser

Kirche zerstörte, so gebührte ihm Lob und Preis; aber ein König, der

das unternahm, verdiente den schwersten Tadel, dem sich höchstens

ein Gefühl des Mitleids zugesellen könnte, daß er so ganz und gar

untauglich für seine Stellung war.

Weil er die Torheit beging, seine Staatskirche abzuschaffen und ihre

Götzen zu verbrennen, ist das Königreich jetzt zur Republik geworden.

Das kommt davon!

Zwar läßt sich nicht leugnen, daß es einen Fortschritt in der

Zivilisation und zum Wohl seines Volkes bedeutete, aber geschäftsmäßig

war es nicht, sondern höchst unköniglich und einfältig. Es brachte

auch seinem Hause großen Verdruß. Noch rauchten die verbrannten Götzen

auf den Altären, als amerikanische Missionäre ins Land kamen. Sie

fanden das Volk ohne Religion und beeilten sich dem Mangel abzuhelfen,

indem sie ihm ihre eigene Religion darboten, die mit Dank angenommen

wurde. Aber dem unumschränkten Königtum gewährte sie keine Stütze

und seit jener Stunde begann seine Herrschermacht zu sinken. Als ich

siebenundvierzig Jahre nachher auf die Inseln kam, stellte Kamehameha

V. gerade den Versuch an, Liholihos Mißgriff wieder gut zu machen,

aber es gelang ihm nicht. Er errichtete eine Staatskirche und trat als

Haupt derselben auf, doch war das nichts als Flickwerk und unechte

Nachahmung -- eine Seifenblase, ein leeres Schaugepränge. Die Kirche

besaß keine Macht und brachte dem Könige keinen Nutzen. Sie konnte das

Volk weder aussaugen noch verbrennen und totschlagen; der wunderbaren

Maschinerie, welche Liholiho zerstört hatte, glich sie in keiner Weise.

Es war eine Staatskirche ohne Gemeinde, denn das ganze Volk bestand aus

Nonkonformisten.

Das Königtum selbst war schon längst nur noch ein bloßer Name und

Schein. Die Missionäre hatten es frühzeitig in eine Art Republik

verwandelt, und in letzter Zeit haben es die handeltreibenden Weißen

ganz und gar zum Freistaat gemacht.

In Kapitän Cooks Zeit (1778) schätzte man die eingeborene Bevölkerung

auf 400000 Köpfe, 1836 betrug sie noch etwa 200000, 1866 kaum 50000

und die heutige Volkszählung weist 25000 auf. Alle einsichtsvollen

Leute rühmen Kamehameha I. und Liholiho, weil sie ihrem Volke die

Zivilisation zum Geschenk gemacht haben. Natürlich würde ich das auch

tun, wäre nicht mein Verstand durch Ueberarbeitung jetzt etwas in die

Brüche geraten.

Als ich vor fast einem Menschenalter in Honolulu war, verkehrte ich

dort mit einem jungen amerikanischen Ehepaar, das ein allerliebstes

Söhnchen hatte; leider konnte ich mich mit dem Knaben nicht viel

abgeben, weil er kein Englisch verstand. Er hatte von Geburt an auf

der Pflanzung seines Vaters mit den kleinen Kanakas gespielt und

solches Wohlgefallen an ihrer Sprache gefunden, daß er keine andere

lernen wollte. Einen Monat nach meiner Ankunft zog die Familie von der

Insel fort und alsbald vergaß der Knabe die Kanakasprache und lernte

Englisch; im zwölften Jahre konnte er kein Wort Kanaka mehr. Neun Jahre

später, als er einundzwanzig war, traf ich mit der Familie an einem der

Seen im Staate New York zusammen, und die Mutter erzählte mir von einem

Erlebnis, das ihr Sohn kürzlich gehabt hatte. Er war Taucher von Beruf.

Bei einem Sturm auf dem See war ein Passagierdampfer mit Mann und Maus

untergegangen, und einige Tage darauf ließ sich der junge Mann in

vollem Taucheranzug in die Tiefe und betrat den Speisesaal des Bootes.

Er stand auf der Kajütentreppe, hielt sich mit der Hand am Geländer

fest und starrte in die düstere Flut. Da berührte ihn von hinten etwas

an der Schulter; er wandte sich um und sah einen Toten, der dicht neben

ihm auf und nieder tanzte und ihn forschend zu betrachten schien. Der

Schrecken lähmte ihm alle Glieder. Er hatte, ohne es zu wissen, beim

Herabtauchen das Wasser bewegt, und nun sah er von allen Seiten Leichen

auf sich zuschwimmen, die mit dem Kopfe wackelten und sich hin- und

herwälzten, wie schlaflose Menschen zu tun pflegen. Ihm schwanden die

Sinne; er wurde in bewußtlosem Zustand wieder an die Oberfläche gezogen

und verfiel in eine Krankheit. Mehrere Tage lang redete er in seinen

Fieberphantasien unaufhörlich und fließend in der Kanakasprache und

kein Wort Englisch. Auch als man mich an sein Bett führte, sprach er

mit mir Kanaka, was ich natürlich nicht verstand.

Wir wissen aus medizinischen Büchern, daß derartige Fälle nicht selten

vorkommen; da sollten die Aerzte doch nach einem Mittel forschen, um

solche Resultate öfter erzielen zu können. Wie viele Sprachen und

Tatsachen geraten in unsern Köpfen in Vergessenheit und kommen nie

wieder zum Vorschein, bloß weil man dies Mittel nicht kennt!

Während wir die Nacht über bei der Insel vor Anker lagen, tauchten

allerlei Erinnerungen an Honolulu wieder in mir auf. Entzückende

Bilder zogen ohne Ende an meinem Geiste vorüber und ich erwartete den

kommenden Morgen mit der größten Ungeduld.

Drittes Kapitel.

Es macht mehr Mühe, Lebensregeln aufzustellen, als das

Rechte zu tun.

_Querkopf Wilsons Kalender._

Endlich kam er -- aber wie wurde ich enttäuscht! -- Die Cholera war

in der Stadt ausgebrochen und jeder Verkehr mit dem Ufer untersagt.

So fiel mein neunundzwanzigjähriger Traum plötzlich ins Wasser. Zwar

erhielt ich Grüße und Botschaften von den Freunden am Lande; sie selber

durfte ich nicht sehen. Der Saal stand für meine Vorlesung bereit,

allein ich sollte ihn nicht betreten.

Von unsern Passagieren waren mehrere in Honolulu ansässig und wurden

ans Land gesetzt; doch niemand durfte von dort wieder zurückkehren.

Auch konnten wir die Leute, die bereits eingeschrieben waren, um

mit uns nach Australien zu segeln, nicht auf der Insel abholen; wir

hätten sonst vor Sydney wer weiß wie lange Quarantäne halten müssen.

Tags zuvor wäre es ihnen noch möglich gewesen, nach San Francisco

zu entkommen, aber jetzt war der Hafen gesperrt, und Wochen konnten

vergehen, bevor ein Schiff wagen durfte, sie irgendwohin mitzunehmen.

Uebrigens waren sie nicht die einzigen, denen ein Strich durch die

Rechnung gemacht wurde. Eine ältere Dame aus Massachusetts hatte mit

ihrem Sohn zur Erholung eine Seefahrt unternommen; unversehens waren

sie immer weiter mit uns nach Westen gefahren, hatten mehrmals den

Rückweg antreten wollen und zuletzt den Beschluß gefaßt, von Honolulu

bestimmt umzukehren. Aber, was nützen dergleichen Vorsätze in dieser

Welt! -- Mutter und Sohn sahen sich jetzt gezwungen bei uns zu bleiben,

bis wir Australien erreichten. Von dort konnten sie eine Reise um die

Welt machen oder auf dem nämlichen Wege wieder zurückkehren; in betreff

der Entfernung, der Kosten und des Zeitverlustes kam es ganz auf

dasselbe heraus. So wie so mußten sie ihren beabsichtigten Ausflug von

etwa fünfhundert Meilen auf vierundzwanzigtausend Meilen verlängern.

Das war keine Kleinigkeit.

Auch einen Rechtsanwalt aus Victoria hatten wir an Bord, der von der

Regierung in internationalen Angelegenheiten nach Honolulu geschickt

worden war. Er hatte seine Frau mitgenommen und die Kinder bei den

Dienstleuten zu Hause gelassen -- was sollte er nun tun? Es wäre

Torheit gewesen, auf die Gefahr der Ansteckung hin ans Land zu gehen.

Das Ehepaar beschloß daher, nach den Fidschi-Inseln zu fahren und dort

vierzehn Tage auf das nächste Schiff zu warten, um die Heimreise

anzutreten. Daß es sechs Wochen dauern würde, bis sie ein solches

Schiff zu Gesicht bekamen und sie inzwischen von den Kindern keinerlei

Nachricht erhalten, noch ihnen irgend welche Kunde zukommen lassen

könnten, hatten sie nicht vorausgesehen. Es ist kein Kunststück, in

dieser Welt Pläne zu machen; auch ein Kater kann das tun. Aber man darf

nur nicht vergessen, daß in jenen fernen Meeren menschliches Denken

keinen größeren Wert hat, als eine Kateridee. Seine Bedeutung schrumpft

dort ganz außerordentlich zusammen.

Uns blieb keine andere Wahl, als auf dem Deck im Schatten der

Sonnenzelte zu sitzen und nach den fernen Inseln hinüberzusehen. Wir

lagen in klaren, blauen Gewässern, landwärts wurde das Wasser glänzend

grün und am Ufer brach es sich in einer langen weißen Schaumwelle,

aber ohne Anprall; kein Laut erreichte unser Ohr. Die Stadt schien

wie begraben in undurchdringlichem Laubwerk. Ueber die duftigen Berge

war der zarteste Schmelz und Farbenglanz ausgegossen und die Klippen

hüllten sich in leichte Nebel. Ich erkannte alles wieder. Gerade

so hatte ich es vor langen Jahren erblickt; die Schönheit war noch

unverändert, nichts fehlte an dem entzückenden Bilde.

Und doch hatte sich dort ein Wechsel vollzogen, aber er war politischer

Art und vom Schiff aus nicht zu erkennen. Die damalige Monarchie

hatte sich in eine Republik verwandelt, was aber keinen wesentlichen

Unterschied machte. Nur den alten leeren Pomp und das unnütze, lärmende

Schaugepränge bekommt man nicht mehr zu sehen, und die königliche

Schutzmarke ist allenthalben verschwunden; etwas anderes würde man

jedoch schwerlich vermissen. Jene Scheinmonarchie war schon zu

meiner Zeit höchst absonderlich; hätte sie noch dreißig Jahre länger

bestanden, so wären dem Könige gar keine Untertanen von seiner eigenen

Rasse mehr übrig geblieben.

Wir hatten einen wundervollen Sonnenuntergang. Die weite Oberfläche

des Meeres teilte sich in Farbenstreifen, welche scharf von einander

abstachen. Einige Strecken waren dunkelblau, andere purpurrot oder von

glänzender Bronzefarbe; über die wellenförmige Bergkette breiteten sich

die zartesten braunen, grünen, blauen und roten Schattierungen; manche

der runden schwarzen Kuppen sahen so sammetweich aus wie ein glänzender

Katzenbuckel; man bekam ordentlich Lust sie zu streicheln.

Das allmählich abfallende Vorgebirge, das im Westen weit ins Meer

hinausragte, hatte zuerst ein bleifarbenes, gespenstisches Aussehen,

dann wurde es von einem roten Hauch übergossen, es zerfloß sozusagen

in ein rosenfarbenes Traumgebilde und schien nicht der Wirklichkeit

anzugehören. Urplötzlich aber sah man diesen Wolkenfels in eine wahre

Feuersglut getaucht, die sich in den Wellen widerspiegelte; es war ein

Anblick, bei dem man hätte trunken werden können vor Entzücken.

Zufolge meiner Gespräche mit den Passagieren, die in Honolulu zu

Hause waren, und mit Hilfe einer Skizze von Frau Mary Krout, war ich

imstande, das heutige Honolulu mit dem damaligen zu vergleichen.

Zu meiner Zeit war es ein schönes Städtchen, das aus schneeweißen,

hölzernen Landhäusern bestand, die über und über mit tropischen

Schlingpflanzen bedeckt und rings von Blumen, Bäumen und Sträuchern

umgeben waren; Straßen und Wege, auf Korallengrund erbaut, waren

steinhart, glatt und eben und so weiß wie die Häuser selbst. Schon

der äußere Anblick verriet einen zwar bescheidenen aber behaglichen

Wohlstand, der sich -- das ist nicht zu viel gesagt -- auf alle

Bewohner erstreckte. Kostbare Häuser, Möbel und Zierate gab es

nicht. In den Schlafzimmern brannte man Talglichter und im Salon

eine Tranlampe. Matten aus einheimischem Fabrikat dienten statt der

Teppiche, zwei oder drei Lithographien schmückten die Wände; meist

waren es Bilder von Kamehameha IV., Ludwig Kossuth, Jenny Lind,

oder auch ein paar Kupferstiche, z. B. Rebekka am Brunnen, Moses

schlägt Wasser aus dem Felsen, Josephs Diener finden den Becher in

Benjamins Sack u. dgl. Auf dem Mitteltisch lagen Bücher friedlichen

Inhalts, wie: ›Menschenpflichten‹, Baxters ›Ruhe der Heiligen‹, ›Die

Märtyrer‹ von Fox und Tuppers ›Philosophie in Sprichwörtern‹; auch der

›Missionsherold‹ und Pater Damons ›Freund des Seemanns‹ in gebundenen

Exemplaren.

Der Notenständer neben dem Harmonium enthielt gefühlvolle Liebeslieder,

wie: ›Willie, wo weilst du nur?‹ ›Lieblicher Abendstern‹, ›Wandle doch,

Silbermond‹, ›Sind wir jetzt beinah dort?‹ und ähnliches, nebst einer

Sammlung ausgewählter Hymnen. Auch ein Nipptischchen war vorhanden mit

halb kugelförmigen gläsernen Briefbeschwerern, in denen Miniaturbilder

von Schiffen, Seestürmen mit Staffage und dergleichen zu sehen waren;

ferner Seemuscheln mit Bibeltexten in erhabener Arbeit, Walfischbarten,

in die aufgetakelten Schiffe eingeschnitten waren und allerlei

einheimische Seltenheiten. Erzeugnisse fremder Weltteile fehlten ganz,

denn niemand war auf Reisen gewesen. Man machte wohl Ausflüge nach San

Francisco, aber die wurden nicht mitgerechnet; im allgemeinen blieb man

ruhig im Lande.

Seitdem ist Honolulu jedoch reich geworden, dadurch hat sich vieles

geändert und die alte Einfachheit ist zum Teil verschwunden. Frau

Krout beschreibt die moderne Wohnung wie folgt:

»Fast jedes Haus liegt inmitten ausgedehnter Rasenplätze und

Gartenanlagen, die mit einer Mauer aus vulkanischem Gestein oder

dichten Hecken von glänzendem Hibiskus umgeben sind.

»Im Innern sind die Häuser aufs geschmackvollste und behaglichste

eingerichtet; der Fußboden aus hartem Holz ist mit Teppichen oder

feinen indischen Matten belegt, die Möbel, wie man es in warmen Ländern

liebt, aus Rotang oder Bambusrohr gefertigt. Auch das gewöhnliche

Beiwerk von Raritäten, Büchern und Kuriositäten aus allen Teilen der

Welt ist vorhanden und dient zum Schmuck sämtlicher Räume, denn die

Bewohner der Sandwichinseln sind unermüdliche Reisende.

»Die meisten Häuser besitzen ein sogenanntes ›Lanai‹. Das ist ein

großes, an drei Seiten offenes Gemach, von dem eine Tür oder ein

gewölbter, mit Draperien geschmückter Eingang in das Empfangszimmer

führt. Häufig wölben sich die verschlungenen Zweige des Stechpalmbaumes

darüber zu einem dichten Dach, das weder die Sonne hindurchläßt noch

den Regen, außer bei sehr heftigen Gewittern. An den Seiten werden

Schlingpflanzen gezogen -- Stephanotis oder irgend eine andere der

zahllosen wohlriechenden und blühenden Arten, welche auf den Inseln

wuchern. Gegen Sonne und Regen kann man sich auch durch herabzulassende

Matten schützen.

»Der Fußboden ist meist, der Kühle wegen, ganz unbedeckt oder nur zum

Teil mit Teppichen belegt; auch enthält das ›Lanai‹ bequeme Stühle und

Sofas, und auf den Tischen prangen wundervolle Farnkräuter in Töpfen

oder die schönsten Blumensträuße.

»Das ›Lanai‹ ist das beliebteste Gesellschaftszimmer; hier wird Musik

gemacht, man reicht Eis und Kuchen herum, nimmt Morgenbesuche an und

versammelt sich zum gemeinschaftlichen Ausritt, die Damen in hübschen

geteilten Röcken, die sie der Bequemlichkeit wegen tragen, denn hier

reiten alle auf die gleiche Weise, Europäer und Amerikaner beiderlei

Geschlechts sowohl wie die Eingeborenen.

»Man kann sich kaum vorstellen, wie köstlich bequem und behaglich ein

solcher Raum ist, besonders in einer Villa am Seestrande. Sanfte Lüfte,

von Jasmin und Gardenien durchduftet, wehen herein; man blickt durch

schwankende Zweige von Palmen und Mimosen bald auf die zackigen Berge,

deren Gipfel in Wolken gehüllt sind, bald auf das violettfarbene Meer

mit der weißschäumenden Brandung, die sich fort und fort an den Klippen

bricht und im gelben Sonnenschein oder beim zauberischen Mondesglanz

der Tropen ein noch blendenderes Weiß annimmt.«

Da habt ihr den Unterschied: Teppiche, Eis und Kuchen, Bilder, Lanais,

weltliche Bücher, sündhafte Raritäten aus aller Herren Ländern, und

die Damen sitzen rittlings zu Pferde. Zu meiner Zeit taten das nur

die eingeborenen Weiber, die weißen Damen hatten nicht den Mut, diese

vernünftige Sitte mitzumachen. Damals bekam man auch in Honolulu nur

selten Eis zu sehen. Segelschiffe brachten es zuweilen als Ballast aus

Neuengland, und wenn dann zufällig ein Kriegsdampfer im Hafen lag, so

daß Bälle und Abendgesellschaften sich drängten, wurde der Ballast oft,

nach glaubwürdiger Ueberlieferung, zu sechshundert Dollars die Tonne

verkauft. Jetzt ist die Eismaschine in der ganzen Welt herumgekommen,

und wer will, kann sich die Erquickung bereiten. Selbst in Lappland und

Spitzbergen braucht heutzutage niemand mehr Natureis, ausgenommen die

Bären und Walrosse.

Vom Fahrrad steht in dem Bericht kein Wort; das ist auch nicht nötig.

Wir wissen genau, daß es dort eingeführt ist, ohne uns erst zu

erkundigen, denn, wo wäre es nicht zu finden? Ohne Fahrrad hätten die

Menschen nun und nimmermehr ihre Sommerwohnung auf der Spitze des Mont

Blanc nehmen können; der Grund und Boden dort oben hat nur nominellen

Wert gehabt, ehe wir es kannten. Leider haben die Damen von Honolulu zu

spät gelernt, wie man richtig zu Pferde sitzen muß. Was nützt es ihnen

nun, da doch das Reitpferd sich in der ganzen Welt mehr und mehr vom

Geschäft zurückzieht? In der Hauptstadt der Hawaii-Inseln wird man es

bald nur noch vom Hörensagen kennen.

Zu dieser Inselgruppe gehört auch Molokai, und wir alle wissen, daß

Pater Damien, der französische Priester, einst freiwillig die Welt

verließ, um nach jenem traurigen Aufenthaltsort zu den Leprakranken zu

gehen. Wir kennen auch seine Wirksamkeit unter den armen Ausgestoßenen,

die dort ihr elendes Dasein weiter schleppen und auf den Tod warten,

der sie von ihren Leiden erlösen soll. Was er vorausgesehen hatte, ging

wirklich in Erfüllung: er bekam selbst den Aussatz und starb an der

entsetzlichen Krankheit.

Es gibt aber noch andere Fälle von Selbstaufopferung. Ich erkundigte

mich nach ›Billy‹ Ragsdale, einem halbweißen jungen Mann, der zu meiner

Zeit als Dolmetscher beim Parlament angestellt und ebenso hochbegabt

wie allgemein beliebt war. Ein so vorzüglicher Dolmetscher ist mir

nirgends wieder vorgekommen; wenn er in einer Parlamentssitzung

aufstand und die englischen Reden ins Hawaii, die hawaiischen Reden ins

Englische übertrug, war seine rasche Auffassung und Zungenfertigkeit

wahrhaft staunenswert. Auf eine Frage nach ihm erfuhr ich, daß seine

glänzende Laufbahn ein völlig unerwartetes und rasches Ende gefunden

hat, als er gerade im Begriff stand, ein schönes Mädchen gemischter

Rasse zu heiraten. An einem fast unsichtbaren Zeichen auf seiner Haut

hatte er erkannt, daß ihm das Gift des Aussatzes im Körper stecke.

Niemand wußte um dies Geheimnis; er hätte es noch jahrelang verborgen

halten können. Aber er wollte keinen Verrat an dem Mädchen üben, das

er liebte, und es nicht durch die Heirat zu demselben grauenvollen

Geschick verdammen, dem er entgegenging. So brachte er denn seine

Angelegenheiten in Ordnung, suchte noch einmal seine Freunde auf, nahm

Abschied von ihnen und segelte in dem Lepraschiff nach Molokai. Dort

starb er den langsamen entsetzlichen Tod, den alle Aussätzigen sterben.

Hier möchte ich noch einige Abschnitte aus dem ›Paradies des Stillen

Ozeans‹ von Pfarrer H. H. Gowen einschalten:

Meine Reise um die Welt. Erste Abteilung · 第 2 / 17 段