Peter schaute sie an, und sie blieb unter seinem Blick stehen. Es war
ihr, als läge dieser Blick tief in der Erde und sei ein Wasser, das sie
von dorther plötzlich anschaute. Sie erschrak.
Peter sagte gleichmütig: „Es erleichtert dich, wenn du mich mit diesem
Namen nennen kannst.“
Tilla erschien es wie selbstverständlich, daß er dies an ihr
durchschaut hatte. Sie antwortete einfach: „Ja!“
Da meinte Peter: „Das tut mir leid, denn morgen kannst du nicht mehr
Robinson zu mir sagen.“
„Weshalb nicht?“ fragte sie.
„Weil ich heute oder morgen sterbe!“ sagte er ruhig und gleichgültig.
Es schauerte sie. Ein Grausen überlief sie, wie vor einer Weissagung;
es war, als ob eine der geheimen Kräfte den Nebel vor dem kommenden Tag
weggeblasen hätte, und sie sah den erschreckend nackten Leib des nahen
Teils der Zukunft. Sie wurde kleinlaut. Sie sagte: „Peter, ich werde es
nicht mehr tun, wenn es dir weh tut. Verzeih mir!“
„Ich hab nichts zu verzeihen!“ antwortete er. „Du bist jung und gesund.
Auch ich hab einst getan, was ich wollte.“
„Du warst König einer Insel!“ meinte Tilla. Der Spott wich ganz von
ihr. „Soviel ist keiner von uns gewesen.“
„Wenn du am Klavier spielst, so bist du das auch, und mir ist, als ob
ich’s wieder sei. Wenn ich in eines der großen Pferdeaugen schaue auf
der Straße, oder vor der Wirtschaft unten, so bin ich’s wieder! Heute
ist Vollmond.“
„So! die Nachtinsekten fliegen wieder so stark.“
„Woher weißt du das?“
„Ich sehe sie jeden Abend.“
„Nein, ich meine, woher weißt du, daß sie fliegen, weil der Mond
kommt.“
„Das weiß ich nicht!“
„Aber ich weiß es; ich spreche mit ihnen.“
„Was sagst du ihnen denn?“
„Ihr könnt sterben, ich muß leben!“
„Peter!“ schrie Tilla auf. Es ward ihr unheimlich. Die Dämmerung floß
aus dem nahen finstern Wald. Sie waren beide allein im Garten. Sie wäre
gern ins Haus gegangen. Aber der grausige unverständliche Zauber seiner
sonderbaren Worte hielt sie draußen bei ihm.
„Ja, das sag ich doch!“
„Und sie ... sie antworten dir?“
„Natürlich!“
„Was sagen sie denn?“
„Sie werfen sich in Lüsten übereinander und zeugen, und sie sagen:
‚Unser Tod ist doch unser höchster Augenblick. Unser Tod wirft uns von
Zukunft zu Zukunft.‘ Und ich sag: ‚Das weiß ich. Euer Tod ist Glück!‘“
„Hassest du sie wegen dieses Glücks?“ fragte Tilla.
„Ich hasse sie. Aber das ist Liebe. Ich hasse dich ja auch.“
„Also liebst du mich auch?“ lachte Tilla, aber unsicher.