Hermann winkte: „Nein!“

„Nein!“ wiederholte Peter und stand auf. Aber das kleine Wort

schleuderte ihn unversehens wieder in den Sessel zurück. Er warf die

Arme auf den Tisch, den Kopf hinein, die Tassen und Teller spritzten

weg, und er weinte tränenlos und stotterte laut: „Ich hab ja umsonst

gelitten und gelebt ... umsonst gelitten und gelebt ...“ Jeder Halt

zerrann in ihm. Er war wie ein Kind, das unglücklich und ungerecht

gezüchtigt wurde; er war ohnmächtig, wie der Willen eines Kindes gegen

die mächtige Energie des Vaters, er war wund wie das Herz eines Kindes,

das die Ungerechtigkeit der Welt nicht faßt. Er hatte seine Erfindung

und seine Pflanzung verloren, Ewe verloren, Europa und Kililiki

verloren. Hermann tröstete ihn und beugte sich über ihn. Peter aber

weinte und schluchzte, und seinem Mund entfuhr immer nur das machtlose

Stammeln: „Umsonst gelebt und gelitten!“

Tilla stand auf. Wie lächerlich war dieser Mann! Das war spröde

Männlichkeit, Südseewildnis, ungedämpfte Natur, diese weinende

Armseligkeit. Weil einer eine andre Maschine erfunden hatte! Weil im

Krieg ein Brief nicht angekommen war! Sie war verlegen über das, was

sie gegen ihn unternommen hatte. Sie streifte ihn mit einem kühlen

Blick und ging davon. Sie setzte sich ans Klavier und wollte Chopin

spielen. Dann sagte sie aber wegwerfend und hochmütig: „Das paßt wohl

nicht, wenn ich dazu Musik mache!“ Das Klavier wurde wieder

geschlossen, und sie ging zu ihrem Schreibtisch und schrieb an drei

Freundinnen, ob sie sich ihren Robinson nicht einmal anschauen kommen

möchten. Sie wußte doch, daß der armselige Riese vorläufig als Kuriosum

gesellschaftlich außerordentlich auszunützen sei, und daß nun Leute

kämen, um die sie sich bisher vergebens bemüht hatte. Zum Schluß

schrieb sie auch an den Sänger.

Nachmittags fragte jemand nach Peter Pirath. Es kam eine Visitenkarte

mit einem unbekannten Namen. „Erwin Arnold Kirsch.“ Sonst stand nichts

darauf. Peter empfing ihn. Er war ein Reporter. Er sei nicht nur am

hiesigen Tageblatt, sondern auch Vertreter der großen Berliner Zeitung

am Platz, sagte er und meinte, es sei ja wunderbar, was Herrn Pirath

widerfahren. Das sei ja wie ein Robinson, nach allem, was man höre, und

das deutsche Volk habe ein Recht darauf, mehr davon zu wissen. Herrn

Piraths Schicksal und Erlebnisse seien eine Sache, die der Menschheit

gehört.

Peter schaute den kleinen lebhaften Herrn feindselig an. Der andre

fragte. Peter wehrte sich. Er wollte über ihn herstürzen, ihn erwürgen.

Aber er saß da; durch die eindringlichen Fragen schienen seine langen

Glieder an den Stuhl gefesselt, und sein Willen folgte den Fragen im

Schlepptau. Am Morgen kam das Tageblatt. „Ein neuer Robinson,“ hieß die

dicke Überschrift. Peter las es nicht. Tilla schob es spöttisch hin:

„Lies doch nur, Schwager! Du bist ein berühmter Mann.“ Tags darauf kam

es auch in der großen Berliner Zeitung; dort war es aufgewürzt durch

eine typographische Anordnung mit kleinen krassen heftigen

Überschriften. Aus dem Berliner Blatt ging es in die Provinz, nach

Österreich, Dänemark, der Schweiz. Es kamen täglich Telegramme:

„Redaktion erlaubt sich höflichst anzufragen, ob sie auf ausführliche

persönliche Darstellung Ihrer ganz außerordentlichen Geschichte zählen

darf, wodurch Sie Redaktion und Leser außergewöhnlich verpflichten.“ Da

ein Antworttelegramm bezahlt war, wurde zurücktelegraphiert: „Leider

nicht in der Lage.“ Es kamen neue Telegramme: „Ergebene Bitte, da Sie

persönlichen Bericht nicht zusagen könnten, unserm Vertreter

Unterredung zu gewähren. Vertreter, Herr Armin Fritzcohn, wird sich mit

Legitimation versehen zur Verfügung halten. Schließen Sie aus der Wahl

dieses Mitarbeiters, dessen Reiseschilderungen und massenpsychologische

Veröffentlichungen bei unsern Lesern solche Erfolge fanden, wie sehr

uns an einer ernsten Darstellung Ihrer Erlebnisse liegt.“

Peter beantwortete dieses Telegramm nun nicht mehr. Auch das

Antwortformular gab er dem Boten mit zurück. Von Doktor Stein aber

wurde ein Buch angekündigt: „Fünfzehn Jahre Südsee-Einsamkeit!“

Wenn Peter durch die Stadt ging, so blieben die Menschen stehen. Horden

folgten ihm. „Bin ich denn ein ausgesprungenes Menagerietier?“ fragte

er sich erbost. Dunkle Erinnerungen stiegen in ihm auf. Wie schon einst

die Stadt ihn verfolgt hatte und er in Haß aus ihr entflohen war. Er

verließ das Haus nur mehr in der Dämmerung und schritt dann, groß und

gerade, mit eiligen Schritten, fast im Lauf, durch die Wege des großen

Stadtwaldes, die nur spärlich beleuchtet waren, und sah nicht rechts

noch links.

Einmal hielt jemand ihn unter einer Laterne an: „Verzeihen Sie!“ sagte

der Unbekannte. „Dürfte ich um Feuer an Ihrer Zigarre bitten!“ Peter

reichte ihm erschrocken die Zigarre und sah ihn an. Der Unbekannte war

ein großer, schwammiger Mensch, etwas geckenhaft gekleidet. Er hatte

ein verschwommenes Gesicht mit weichen Zügen, und lange Haare waren

künstlich beiderseits über die Schläfen gestrählt und an ihren Enden

einwärts aufgelockt.

„Ist’s nicht ein Weib?“ fragte Peter sich. Der Unbekannte reichte ihm

zögernd die Zigarre zurück, ohne sie ganz loslassen zu wollen, und

Peter sah, wie die fremden Augen ihn im Laternenlicht scharf musterten.

Da wußte er: Jetzt sagt er: „O, Sie sind ja der neue Robinson!“

Der Unbekannte sagte mit leiser, weich ausbetonender Stimme: „Wissen

Sie, daß Sie das Gespräch und die Gedanken von Terpsichore und mir

während dreier Wochen bilden. Sonderbar! Ich geh durch diese große,

fremde Stadt. Ich geh durch sie mit dem Mut und der Sucht, den

sonderbaren Zwangseinsiedler, den die Südseeeinsamkeit in Fesseln

schlug und der nun unversehens in ein neu bereitetes Volk zurückgesät

wurde, zu finden. Der Zufall muß es sein, sagte ich mir. Denn der

Zufall gab diesem Mann das einzige Schicksal, der Zufall gab ihn der

Erde wieder. Sie waren mir in den drei Tagen, die ich hier herumgeh:

der Verhüllte. Ich schrieb Terpsichore noch erst heut: Die Monomanie

des Entdeckens hat mich gepackt. Es ergeht mir so, schrieb ich an

Terpsichore, wie es mir in Südafrika geschah, als ich die Seele eines

Erdteils suchte und das Ghetto der Stadt auf dem Spitzschädel des

Erdteils entdeckte.“

Da drehte Peter sich heftig um und stürmte in einen dunkeln Seitenweg

hinein. Er lief davon, so rasch ihn seine langen Beine tragen konnten.

Er hörte noch in der Nacht hinter sich einen Ruf ihm heftig

nachprallen, wie ein ohnmächtiges Lasso: „Ich bin doch ...“ schrie die

Stimme schrill und endigte leiser und verwischend ... „Cohn! Armin

Fritzcohn! Von der großen Zeitung!“ Peter lief. Der andre war anfangs

wütend. „Jetzt dachte ich, ich hab ihn schon!“ sagte er sich

enttäuscht. Aber nach und nach wandten sich seine mißmutigen Gedanken.

Im Davongehen ging es ihm allmählich auf, was für einen köstlichen

kleinen Aufsatz er aus dieser Nachtbegegnung und komischen Flucht

machen könnte. Das war ja mehr und reizvoller als ein Jahrhundert

einsamer Südseeinsel. „$Goddam! It’s a beauty!$“ flüsterte er, und sein

Gehirn bildete schon verzwickte Wortwickel, die nach Feder und Papier

ungeduldig verlangten, wie die Stirnhärchen einer den Ball Erwartenden

nach der Brennschere.

Mit dem Nachtzug reiste er nach Berlin. Im nächsten Abendblatt stand

der köstliche kleine Aufsatz unter dem Titel: „Der neue Robinson im

nächtlichen Park.“ Tilla wurde die Zeitung von einer Freundin gebracht.

Sie legte sie Peter hin, ein wenig hochmütig und verächtlich. Peter las

den Titel und wußte. Tilla sagte lachend: „Sie machen dich zu einem

entsprungenen Wunderaffen!“ Peter war kleinmütig und unglücklich. Tilla

war es nicht gelungen, mit der Sensation „ihres Robinson“ ihre

gesellschaftlichen Erfolge zu steigern. Anfangs waren sie gekommen und

hatten ihn ausgefragt, dumm, plump und ohne Absicht. Dann entzog er

sich jeder gesellschaftlichen Veranstaltung.

Auch Gelehrte kamen mit Empfehlungen von Professor von Wiltingen. Er

mußte sie aufnehmen und stand ihnen Rede und Antwort. Sie fragten

Dinge, über die Peter staunte und die er nicht beantworten konnte, weil

sie ihm selbstverständlich erschienen. Er fühlte sich nicht wohl in

Europa. Die Luft des Weltteils lag um ihn wie ein verbrauchter Atem. Es

widerte ihn ein wenig an.

„Sie stoßen mich aus dir hinaus!“ sagte er. „Sie machen mich zu einem

Kuriosum. Und ich will doch nur mich achtlos und unauffällig wieder in

dich einmischen.“

„Komm, wir arbeiten uns zusammen wieder ein!“ versuchte Hermann ihn

mitzuziehen. Peter ging mit in die Fabrik und die Geschäftsräume. Er

bemühte sich, dort eine Stellung zu gewinnen. Aber er sah, daß alles

voll besetzt war. Wo er hingriff, war er doch nur eine parallele Kraft

zu einer andern, die für sich ausreichte, und all seine Anstrengung war

innerlich überflüssig, seine Arbeit unnötig.

Er bekam von Weile zu Weile leichte Fieberanfälle, die ihn dann immer

wieder auf zwei oder drei Tage fern und im Bett hielten. Wenn er dann

seine Arbeit nachholen wollte, fand er, daß sie stets schon eine der

namenlosen Kräfte gemacht hatte. Nach und nach gab er es darum auf. Er

nahm die alten Zeichnungen und Notizen über seine Erfindung hervor und

wollte sich von neuem versuchen. Aber sein Geist hatte jene alte

Fähigkeit, Bewegungen, Richtungen, Kräfte in eins zusammenzuleiten und

über den Umweg der Abstraktion Körperliches zu schaffen, ganz verloren.

Es war ihm, wenn er über diesen Zeichnungen saß, als sei etwas aus ihm

ausgeflossen. Er sank über sie hin, in brütender Ohnmacht an

Vorstellungen verloren, die Tiere und Pflanzen, Licht- und

Wasserbewegungen, Menschenregungen und unfaßbare Kräfte wehrlos mit

zuckenden Maschinenteilchen und quetschenden Sieben, mit Berechnungen

und Zeichnungen austauschten und vermischten.

An einem Maientag spürte er, daß wieder Fieber kam. Er nahm kein

Chinin. Er trotzte. Er rauchte und trank und lehnte sich scheu auf. Das

Fieber warf ihn ins Bett, stürzte sich gewaltsamer als jemals zuvor

über ihn her. Die Temperatur stieg tagelang über vierzig Grad. Ein

Tropenspezialist kam. Auch er konnte nichts anderes sagen: „Chinin. Und

dann Luftveränderung!“ Er riet von der Radikalkur der

Salvarsaneinspritzungen ab. Das Herz habe sehr gelitten.

Hermann besprach sich mit Tilla. Er fragte sie, ob sie schon Lust habe,

in den Wiener Wald zu reisen und die Sommervilla zu beziehen. Tilla war

gern einverstanden. Wien war ihre Heimat. Sie hatte mehr Beziehungen

mit ihr behalten, als neue durch ihre Heirat in der Heimat ihres Mannes

gewonnen. Übrigens war der Freund Arnulf Dvorak, der Sänger, auch jetzt

in Wien.

Als Peter nach dem starken Malariaanfall das Bett verließ, spürte er,

daß er älter geworden war. Er ging gleich zu einem Spiegel. Er war um

zehn Jahre gealtert. Er sagte es Hermann. Der tröstete ihn, burschikos

tuend: „Zunächst kannst du nicht verlangen, daß eine solche Krankheit

dich gleich jünger macht. Und dann hast du ja Spielraum vor dir. Mit

deinen zweiundfünfzig siehst du aus wie fünfunddreißig,“ lachte er.

„Was tut’s auch?“ entgegnete Peter müd. „Ich meinte es nicht als

Klage.“ Er erholte sich auch nicht mehr ganz. Kleine fortwährende

Wechselfieber griffen ihm ans Herz. Auch seine innere Spannung fühlte

er immer noch lockerer werden. Er kämpfte kaum mehr. Die Welt um ihn

entglitt sacht. Er fand keinen Anschluß mehr an sie zurück. Sie kreiste

so heftig und willkürlich um ihn. Sie war so grausam eilig und

unberechenbar, launisch und roh. Und über ihm lag, wie ein schwerer

Dampf, immer drückender werdend, eine ferne Sattheit, eine faule Welt

von Sinnlichkeit und schwülem Instinkt. Aber auch diese Welt hatte er

verloren. Er lag zwischen dem All und war verflucht. Zwei kleine Fäden

verbanden ihn mit der Erde. Bruderliebe und Tilla. Aber Tilla war

furchtbar, war Leid und Haß und Unerlöstheit.

Eines Tages reisten sie dann nach Wien.

Die große Villa lag in einem Tal, das jäh von Bergen, Wäldern und

Felsgruppen umzogen war. Sie lag in der Mitte eines Hangs, und der

Tannenwald, der hinter ihr am Berg weiterstieg und eine große

künstliche Ruine umzog, senkte sich bis in den Garten hinein. Durch

einen Felsenengpaß, der den Zugang zum Tal wie ein verwittertes Tor

gestaltete, sah Peter die ungarische Tiefebene grenzenlos verströmen.

Die Ortschaften lagen drin wie Schiffe im Meer.

Tilla war oft in Wien. Hermann mußte wegen seiner Geschäfte manchmal

nach Deutschland. Er blieb dann stets ein oder zwei Wochen fort. Für

Peter, dessen Fieberanfälle nicht nachließen, stellte man schließlich

einen Krankenwärter an. Als dies Peter eröffnet wurde, zog sich sein

Inneres noch scheuer, kranker und unfähiger von Europa zurück. Eine

Mattigkeit überkam ihn, ein wehes, weites Sehnen nach ungreifbaren

Dingen.

Peter ging über die Straße. Ein Pferd stand dort an einem Wagen. Es war

Sommer und Sonne. Peter schaute dem Pferd in das große Auge, das

Fliegen umschwärmten. Das Auge war schön und kannte keine Grenze von

dumm und klug, von Leid und Lust. Alles in diesem Glanz war ein Reif,

in dem sich das Leben in allen Äußerungen bedeckte, in dem sich

Menschheit, Tierreich, Pflanzen, männlich und weiblich verschlangen. Wo

war es einst so? Und aus der Tiefe seines Blutes brodelte es heiß auf,

und eine kräftige Stimme sang geradeaus: „Ki ... li ... li ... ki ...!“

Die Insel hob sich in ihm wie eine Erlösung, wie eine Erfüllung des

physischen Lebens ohne Rest von Sehnsucht und Suchen, von Streben und

Gehirnkraft, die in tausend Richtungen verlief, man sah nicht wohin. So

riß er sich vom Pferdeauge los, das ihn zwei Minuten lang erlöst hatte.

Kreise von Vorstellungen drehten in ihm auf. Und es geschah in ihm, daß

er einen jeden dieser Kreise durch einen Laut festhalten wollte, durch

einen kurzen melodischen Laut, wie der Urwald drüben sie in

Menschenkehlen legte. Er sagte: „Ping!“ kurz, scharf und laut, und das

bedeutete etwa: Ich zeuge mit Seeschwalbe in süßer milder Nacht. In

einer Hecke höhnten zwei Knabenstimmen ihm nach: „Pang!“ Und

Kindergelächter überfiel ihn und stieß ihn zurück von der weißen Welt

und der schwarzen, zurück in Einsamkeit und Krankheit. Er ging als

Sonderling umher. „O, der!“ sagten die Leute, wenn Fremde nach ihm

fragten. „Das ist der Lange mit dem Span aus der Villa Walküre.“

Wenn jemand seine Schwägerin fragte: „Was fehlt ihm eigentlich?“ so

sagte sie lächelnd: „Das Paradies kam ihm abhanden!“ — „Das Paradies?“

— „Ja, ja. Er sucht im Wiener Wald das Killekille, das er in der

Südsee verloren hat. So ähnlich hieß seine Insel drüben.“ Die Menschen

lächelten.

Wenn Peter zu den Ruinen hinaufstieg, durch den struppigen Tannenwald,

und dann weiter oberhalb des Kalkbruchs durch die harte Heide ging, das

war sein liebster Spaziergang, denn es begegneten ihm nie Menschen

dort, dann spürte er sein Herz, als ob es eine dünne Blase sei, die

zerplatzen könnte. Der Arzt im nahen Sanatorium sagte, das Herz sei

sehr in Unordnung. Er riet zu einer Wasserkur. Der Wärter begleitete

Peter dann jeden zweiten Tag in die Wasserheilanstalt. Peter ließ

lächelnd den Badediener die Kur vollziehen. Er lag dann in den

Flanelldecken, und in der wohligen Ermattung, die ihn überfloß,

erstaunte er, daß man sich so viel Mühe mit ihm gab. So viel

vergebliche Mühe. „Denn sieh, Doktor, ich will doch sterben!“

Im Garten traf er immer ein Schwesternpaar, die Töchter des Arztes. Es

waren zwei junge Mädchen, mit schmalen Köpfen, einer braunen Haut und

großen dunkeln Augen, und es war ihm, als ob diese beiden näher jener

Sonne gewachsen waren, deren heimlichen Fluch er nach Europa gebracht

hatte. „Perserinnen,“ sagte er, so oft er sie sah, für sich, „ich liebe

euch!“ Die Leute hörte er stets sich über die Ähnlichkeit der beiden

Mädchen ergötzen. Sie waren Zwillinge, und niemand konnte sie recht

auseinanderhalten. Aber er konnte das sofort. Er sah auch, wie die eine

fließend weich und die andere glühend hart war, was sonst niemand sah.

Einmal standen sie am Tor, als er allein von der Kur kam und nach Hause

gehen wollte. Er schaute sie an, wollte ihnen zulachen und sah, wie die

beiden großen Augenpaare, wie zwei Scheinwerfer, Mitleid auf ihn

strahlen ließen. Da blieb er stehen und sagte leise: „Aber Kinder, das

Sterben ist doch meine Heimat!“ Die Schwestern jedoch streichelten

seine Wangen und mußten sich dazu auf die Zehen stellen. Ihre großen

Augen waren zugleich voll Tränen und Lachen, und das weiche Herz und

das glühend harte Herz fühlten das Große, was diesen kranken Mann

durchrauscht und verlassen hatte.

Jenseits des Weges war Tilla vorübergegangen. Sie grüßte hochmütig

lachend und sagte später zu Hause: „Robinson, du machst Eroberungen!“

Hermann war telegraphisch fortgerufen worden und schickte aus Hamburg

ein Telegramm, er müsse nach Neuyork reisen und hoffe in einem Monat

wieder zurück zu sein. Als Peter das Telegramm las, überkam ihn eine

fröhliche Wehmut, die er selber nicht verstand. Er dachte und dachte

und glaubte dann, diese sonderbare Stimmung käme daher, daß er nun

Hermann den Anblick seines Sterbens ersparen könnte.

Dies Gefühl überrankte sein Herz so stark, daß er unbedachtsam Tilla

davon sprechen wollte. Aber kaum hatte er den Mund geöffnet, so wurde

etwas kalt in ihm. Er sagte: „Der Dvorak läutet!“ Tilla hatte nicht

läuten hören. Da rief die Klingel, kaum daß Peter das letzte Wort

gesagt hatte. Tilla erschrak. Was wußte er? Sie stand groß in ihrer

schlank gefaßten Üppigkeit vor ihm, schön wie eine Zeder, achtlos

dieser Welt ergeben, siegreich und stolz in ihrer Gesundheit. Sie

fürchtete ihn jetzt manchmal. Seine Verrücktheit schlug auf gefährliche

Nebenwege. Mit dem Sänger hatte sie sich in eine Art eingelassen, die

ihr selber nicht ganz recht war. Aber Peter sah sie vor sich, vom

Zwiespalt seiner Gefühle heftig umdrängt. War sie das fremde Land

nicht etwa, das er verloren hatte? Sie sagte gierig: „Woher weißt du,

daß es Dvorak ist? Robinson, woher ...?“

Da kam das Dienstmädchen und warf das Wort: „Herr Dvorak!“ zur Tür

herein.

Herr Dvorak trat ein, üppig und weich von der Wichtigkeit, die er sich

anhaften glaubte, geschaukelt. Tilla rief: „Herr Dvorak! Servus! Denken

Sie sich, unser Robinson hat Sie geahnt!“ Aber heimlich stürzte ein

Schauer über ihre braune Haut bei den letzten Worten.

Peter ging, schmerzlichen Gefühlen eine Beute, und er wußte und wußte

nicht, was für Gefühle das seien, die ihn von Tilla und dem Sänger

davongestoßen hatten. Er hatte von der Begegnung mit den süßen

Zwillingen her eine Wärme im Blut behalten. Er glaubte, er müsse sie

auf Tilla übertragen. Und er wußte doch, wie es um Tilla und den

Fremden stand. In heimlichen Zwiegesprächen, die er nachts im Bett mit

sich durch seine zähe Schlaflosigkeit hindurch hielt, hatte er sich mit

dem Blut der Schwägerin auseinandergesetzt. Das Blut der Schwägerin war

wie das Blut einer Zuchtstute gewesen, schwer, voll Drang und

zuwartender Kraft. Kein Name war bei diesem Zwiegespräch gefallen.

Keine andre Person war zwischen sie und ihn gekommen. Es war ein aus

der Ewigkeit her reines Beieinandersein des tiefsten und wahrhaftigsten

Bluts gewesen.

Peter ging den steinigen Weg wieder hinab, dann über den weichen

gepolsterten Tannenwaldweg und zur Wasserheilanstalt. Er wollte die

Zwillinge sehen und mit ihnen sprechen. Aber sie waren nicht da, als er

kam. Der Arzt fragte im Vorübergehn: „Wie schaut’s bei Ihnen aus?“

„Gut!“ sagte Peter nur und entfernte sich. Er ging jetzt schon wie

zögernd, auf einen Stock gestützt und tief wie über sein krankes Herz

vornüber gebeugt. Im Hotelgarten neben dem Sanatorium saßen viele Leute

um eine Schrammelmusik. Ein Glas zersplitterte. Eine heftige Stimme

schimpfte. Ein Maulbeerbaum warf Peter eine reife kleine Dolde seiner

Früchtchen auf die Hand, die den Stock führte. Ein schleimiger Saft

blieb von den Beeren auf der Haut. Vier junge Mädchen kamen von der

Badeanstalt herauf. Das Wasser schien noch an ihnen zu glänzen. Ihre

Jugend strotzte. Peter schaute sie im Vorübergehn scharf an. Er sah in

ihnen hinter den jung drängenden Brüsten, die den geblümten Stoff

heimlich aufpreßten, hinter den dummen funkelnden Kinderaugen, hinter

dem mutwilligen Gang, Keim und Skelett. Entstehn und Endigen! Das war

nicht schreckhaft, nur von der Ewigkeit her natürlich.

Die vier Mädchen tollten vor ihm daher wie junge Hunde. Sie gingen

seinen Weg im Zickzack vor ihm hinauf, auf die Villa Walküre zu. Dort

stand Tilla in der Tür. Vielleicht hatte sie den Sänger

hinausbegleitet. Der stieg die lange Treppe ins Dorf und zur

Elektrischen hinab.

Peter ging zu ihr und sagte ruhig: „Tilla, schau diese vier Mädchen an,

die vom Baden kommen. Ich sehe in ihnen Keim und Skelett.“

„Pfui!“ machte Tilla. Sie wollte gehen. Aber sie blieb. Seit einiger

Zeit kam etwas immer stärker aus Peter, das sie gegen ihren Willen

heimlich in Besitz nahm, eine dunkle, geschlossene Kraft, die sie nicht

erkannte.

„Ihr seid alle,“ fuhr Peter fort, „angeknüpft an ein Drahtseil zwischen

eurer Geburt und eurem Tod. Aber sieh, ich bin das nicht. Ich bin ins

Endlose abgeschnitten worden.“

Dann ging er an ihr vorbei und in seine Zimmer, und er war so etwas wie

glücklich, daß der Sänger nicht mehr bei ihr war. Abends aßen er und

Tilla zusammen, während eine ihm fremde Dame hereintrat. Sie begrüßte

Tilla lärmend und schaute sie mißtrauisch an. „Ach, verzeih, du kennst

ja unsern Robinson noch nicht!“ sagte Tilla. Früher hatte Tilla diesen

Namen stets nur in der Familie benutzt, jetzt wandte sie ihn bei jeder

Gelegenheit an. Sie nannte diesen Namen, weil er ihr verächtlich

erschien und weil sie sich für die Gewalt, die der Schwager mit dem

Span über sie gewann, rächen mußte. Manchmal variierte sie auch: „Unser

Peter aus der Südsee, oder der Killekillepeter.“ Aber Peter verstand

das wohl und verargte es ihr nicht. Es knüpfte sie ja, aus dem dunkeln

Chaos heraus, in dem sich alles ungelöst Ursprüngliche der Menschen in

Gut und Blut durcheinander mengte, an ihn an, aus der strudelnden

Schlucht des Gefühls heraus. Und durch diese Schlucht hatte Kililiki

ihm Wege gebahnt.

* * * * *

Ein gewittriger Augusttag ging schwer und gereizt dahin, an dem Peter

sein Herz noch um ein Gewichtchen leichter werden fühlte. Er legte sich

in einer späten Nachmittagsstunde, oben, wo der Rasen an den Wald

stieß, mit dem Bauche auf den Boden, öffnete das Hemd und drückte die

nackte linke Brust fest an die krümelige Erde. Es war ihm, als ob der

Boden leise wellte unter seinen schweren Herzschlägen. Peter wußte

nicht, weshalb er so sein Herz in den Erdboden hineinklopfen ließ. Er

lag eine Viertelstunde da, dann hörte er Tilla heraufkommen, und er

schloß rasch sein Hemd. Die Erde rann wie Tierchen an seiner Haut

hinab. Er stand auf.

Piraths Insel · 第 86 / 96 题