Aber Peter warf sich rundum. Er stöhnte: „Ich bin so eindeutig scharf
auf die Menschen hier eingestellt. Das kommt, daß Kililiki die Willkür
und Ungehemmtheit der Natur war, und ihr hier habt euch alle
umgeleitet. Meine Sinne tun mir weh unter euch!“
So schnitt er das Zwiegespräch ab, und er erinnerte sich, daß einmal
auf dem „Seepferd“ der Doktor Stein ihn allein in eine Ecke drückte und
Peter, noch bevor der andere den einleitenden gleichgültig tuenden Satz
gesprochen, schon erfaßt hatte, daß Stein ihn ausnutzen, sein
außergewöhnliches Schicksal in irgendeiner Weise für sich ausbeuten
wollte. Eine halszuschnürende Angst überrannte Peter, und er stand dem
Ausbeuter willenlos Rede und Antwort. Er fühlte sich wie vergewaltigt
von dem fremden, ungeraden Willen.
Während Pirath diese sonderbaren Erlebnisse ausdachte, entdeckte er
plötzlich durch die Finsternis hindurch, daß er ja in seinem alten Haus
war, in dem Haus, wo er und ... und er fand den Namen nicht gleich ...
Nur wie ein Anprall von Leid und Schmerzen überfiel der Name ihn. Da
peitschte Peter sein Hirn auf, daß es den Namen jener Frau in seine
tiefste, schallose Vergessenheit vertreiben sollte. Aber es war zu
spät, und die Dunkelheit sagte rauh und hart, wie eine Stahlschneide:
Ree! Pirath floß in sich zusammen, und das neue Land, an das er
getrieben war, errichtete sich grausam vor ihm und wehrte ihm brutal
den Eintritt. Er lag im Bett in sich eingekrümmt, furchtsam, verzagend,
und der kleine rohe Name schwang sich durch die Finsternis um ihn wie
Peitschenhiebe.
Während das in der Seele des Mannes und im dunkeln Zimmer vor sich
ging, lag in einem andern Zimmer nach vorn Frau Tilla, schön und halb
von den Bettdecken befreit, und hob ihr langes und üppiges Bein in das
heimliche rote Licht des Bettkandelabers. All ihre Gedanken strömten zu
dem riesenhaften, sonnenbraunen Mann, in dessen eiserner Muskulatur
ferne große Abenteuer schlummerten, die ihn mit etwas Bedeutendem und
Außergewöhnlichem umhängt hatten. Sie schloß die Augen, und sie sah
diesen Riesen auf sich zukommen. Sie lächelte, halb gepeinigt, halb
lustvoll, und sagte frivol und wegwerfend: „Weshalb heiratet man meine
Schönheit mit sechzig Jahren? Das ist gefährlich! Was kann ich dafür!
Der schöne Leib will baden, erleben, erleben ...“
Aber sie hatte empfunden, daß dieser schöne große wilde Mann etwas
aufrichtete zwischen sich und sie, einen Nebel von Mißtrauen, Argwohn
... oder nur vielleicht Angst? Dann ... Aber eher Argwohn! Sie wollte
jetzt nicht weiter daran denken, und sie erinnerte sich, daß
vorgestern, nach dem Essen beim Hauptmann, der Sänger ihre Hand
eigentümlich geküßt habe, als ob seine dünnen heftigen Lippen etwas auf
ihre braunen Handrücken geschrieben hätten. Ja! Ein Verlangen! Servus!
Dös glaabst! Er brüllte beim Singen etwas, der Sänger. Er vermochte
nicht, sich vom Theaterraum auf den Haussaal zurückzubeschränken. Das
fand sie geschmacklos und unmusikalisch. Aber er war schön, und seine
Brust war so breit und gewölbt, wie in reizvollem Gegensatz seine
Gesichtszüge unter den wellig fallenden Haaren weich und bleich waren.
Doch der andere! Der aus der Südsee! „Ich bin Eis und Vulkan zugleich,“
sagte Frau Tilla und war unglücklich daran, daß sie sich ganz weder zu
Eis noch zu Vulkan entschließen konnte. Ach, der aus der Südsee! So
schlief sie ein, das schöne Bein nackt dem roten heimlichen Licht des
Bettkandelabers überlassen. Ihr Zimmer war weich geheizt.
* * * * *
Als sie am nächsten Morgen Hermann und Peter am Frühstückstisch traf,
hatten sich alle drei erholt von dem Unerwarteten und Gewaltsamen, was
das Wiedersehen gestern zwischen sie gebracht hatte. Tilla drückte
Peter mit Wärme die Hand und schlug einen kameradschaftlichen Ton an.
Sie sagte: „Also jetzt wird bald das Große kommen — die Erzählung
unseres Robinson!“
Peter aber fragte sich erschrocken: „Was ist das für ein Geschöpf? Das
soll die Frau des lieben Hermann sein?“
Er schloß sich hart zu vor ihr, und wie ihn auch das Herz drückte, dem
geliebten Mann, der ihn fortwährend mit leuchtenden und glücklichen
Augen anschaute, zu erzählen, was er erlebt hatte, so sagte er sich
jetzt doch: „Ich kann es nicht, wenn die dabei ist! Weshalb?“ fragte es
weiter in ihm. Eine Antwort kam zögernd und tief aus dem Dunkeln: „Weil
sie so schön und falsch ist. Weil sie mich stößt!“
Es hatte sich etwas in Peter unversehens verwandelt. Seine Begier nach
Europa hatte sich das Wiedersehen des Bruders als den Scheitelpunkt des
Glücksgefühls, die alte Heimat wieder in Besitz zu nehmen, aufgebaut.
Aber er wußte nun, nachdem seine Nerven sich an dem Persönlichen
gestillt hatten, daß Hermann nur eigentlich wie eine Verkleidung der
Statue gewesen war, in der er sich die Wiedersehensfreude zu einem
körperlichen Bild errichtet hatte. Unter der Verkleidung stand aber
heimlich das Gerüst, und dies Gerüst war er selber, einst, in jenem
ersten Abschnitt seines Lebens, der ihn in die Vereinsamung von
Kililiki entlassen hatte. Ja, womit hing er an dieser neu
zurückerworbenen Welt? Womit hing er seit alters her an ihr? Hatte er
nicht einst eine Saat in sie gesät? Und jeder Mensch ist sein eigener
Acker. Er selber sollte als Ernte der vorsorglichen Saat aus dem
Frühling des Lebens nun aufsprießen. So gab er sich Europa wieder,
dachte er. Hatte er nicht eine große Maschine erfunden, ein bedeutendes
Unternehmen gegründet? Und war er nicht durch diese Taten seines
Willens auch von der Einsamkeit Kililikis herüber mit seinem alten
Europa fruchtbar verknüpft geblieben? Ohne ihn hatte Deutschland seine
Ellbogen wuchtig ausgestoßen und seine Geographie vergrößert, seinen
Geist in die Völker geworfen. Aber waren seine Werke nicht eine der
Kräfte gewesen, die an diesem wunderbaren und doch natürlichen Ereignis
mitgewirkt hatten? Wie hatte das, was er geleistet, am Rad
mitgeschoben, das Deutschland höher getrieben hatte? Weshalb ist dies
ärgerliche Weib da? Er konnte nicht vor ihr fragen. Deshalb störte sie
ihn besonders. Er haßte sie. Es brannte in ihm, zu fragen. Aber diese
Dinge waren so keusch eingebettet in sein Innerstes! Wenn die Gegenwart
der Frau ihn auch nicht gestört hätte, die eigene Scheu hätte ihm
gewehrt, das Heiligste laut werden zu lassen, mit dem er an der Heimat
verwurzelt geblieben war. Er sprach im großen Kreis rundum, von der
neuen Zeit, die den Kriegen entsprossen war, dem neuen Deutschland, von
Ingenieur und Kaufmann ... und hoffte, daß wie von selbst die Sprache
...
Da mischte sich Tilla ein. Sie lehnte die nackten Ellbogen auf den
weißen Damast, und über ihren gekreuzten marmorbraunen langen Fingern
fragte ihr formloser roter Mund: „Ja, nicht wahr, mein Schwager, das
stelle ich mir unerhört interessant vor, ohne die geringste Ahnung,
ohne die geringste Teilnahme an der Entwicklung so auf einmal aus der
einsamen Insel in unsere Zeit gehoben zu sein.“ Der kalte Glanz der
Augen prangte ihn an. Peter hielt seine Augen scheu aus dem Bereich
dieser Blicke. Tilla fühlte das, und ein Gefühl von übermütiger
Rechenlust und kühler Spielsucht war auf einmal in ihrem Herzen. „Ich
werde ihn verführen!“ sagte sie sich. „Meine Schönheit wird seine
spröde, verwilderte Männlichkeit besiegen ...“
Peter antwortete nicht auf ihre Frage, sondern fuhr, ohne ihr Achtung
zu geben, in dem Satz fort, den er begonnen hatte. Da schaute sie ihn
erstaunt und herrschsüchtig an. Er fühlte, wie dieser Blick ihr Inneres
verriet. „Was will sie?“ fragte es stockend in Peter, und er sprach
lauter, um die Last dieser Erkenntnis los zu werden. Tilla saß nun
stumm da, spielte mit ihren Händen und ihrer Frisur und beobachtete
ihn. Sie wollte seine Augen in ihre Augen zwingen. Sie dachte, was in
ihm vorging, sei dem ganz fremd, was ihr eigenes Inneres erdachte;
seine unhöfliche Nichtbeachtung habe nichts mit ihr zu tun, sondern sei
das ungebändigt Männliche, das er vom Paschaleben der einsamen Insel
mitgebracht hatte.
Peter sprach und sprach, mit wenig Worten, aber so vielerlei von
weither. Hermann merkte schon lange, was sein Bruder wollte. Zugleich,
wo Peter seine Kreise enger zog und auf die Frage nach seinem Schatz
und Anker zusteuerte, dachte Hermann mit schmerzendem Herzen an die
Form, wie er ihm mitteilen könne, was Peter wissen wollte, ohne daß es
Peter zu sehr traf. Und auf einmal war Peter wirklich bei der Fabrik.
„Sie geht!“ sagte Hermann. „Sie geht ganz ausgezeichnet. Die verstärkte
Zeit hat sie von selbst mit hochgehoben. Du kannst dich rasch wieder
einarbeiten und vergleichen, was uns das letzte Jahrzehnt gab. Wir
haben uns selbst überflügelt ...“ Und mit einem schweren Lachen, das
die Sache leichter machen sollte, fügte er hinzu: „Denn die deutschen
Ingenieure sind während deines Aufenthaltes in der Südsee nicht untätig
gewesen. Ein junger Bremer hat ein Verfahren erfunden, das wir
einführen mußten. Du mußt dich also dahinter machen und ihn
übertrumpfen.“
Etwas verlöschte in Peter. Ein befruchtendes seliges Licht ging aus in
ihm. Das Erschrecken atmete ihn heftig an. Europa entsetzte ihn. Er
versuchte sich zu fassen, indem er sagte: „Das erscheint
selbstverständlich, daß meine Zentrifugen überholt wurden.“ Hermann
freute sich schon, daß dem Bruder die Sache doch nicht schwerer würde.
Aber auf einmal fragte Peter, fast drohend und mit einem spöttischen
Grimm: „Und hat sich Matantuduk ebenso überlebt wie die Zentrifuge?
Wahrscheinlich doch auch!“
Seine Augen krallten sich an die blauen Blicke Hermanns. Aber Hermann
sah ihn an und fragte erstaunt zurück: „Wie nennst du das? Matu... Was
ist das? Mantuduk?“
Peter war’s, als müßte er sein Herz fest in die Faust einpressen. Er
bewältigte noch mit Mühe sein zerspellendes Blut und fragte: „Hast du
denn meine ... die Aufzeichnungen über die Gründung und Einrichtung
einer Pflanzung in der Südsee nicht bekommen?“