Der Schwabe antwortete: „Adihö, Herr Pirath, mueß in ’n Krieg!“

Die Stimme im Dunkeln war schwer vom wilden Zwang einer mühsamen

Gleichmütigkeit. Pirath wußte, daß starke Spannungen sich in einige

große Völker geladen hatten. Er sagte bewegt und ergriffen: „Nun, nun,

Franz, das ist nicht so schlimm, wirst schon wiederkommen.“ Aber Franz

rief aus der Dunkelheit verhängnisvoll herauf: „Nein, nein, Herr

Pirath, i komm’ nimmer z’ruck!“ Und er ging langsam und ein wenig

torkelnd, wie betrunken davon.

Da legte sich Pirath wieder ins Bett. Neben ihm rekelte und mummelte

sich eine kleine rosenhäutige Frau und versuchte an ihn anzuwachsen,

wie ein Blutegel. Er stieß sie zurück. Er sagte ihr entsetzt und kalt:

„Ich werde dich einfach zuvor töten. Denn du wirst mir nur Leid bringen

und mich hindern. Ich kenne dich. Du willst mir Kililiki nehmen.“

Aber sie begann zu erzählen. Sie wurde eine weißrassige neuzeitige

Scheherazade, öffnete den kleinen roten Bogen ihres Mundes, und die

Zähne perlten leuchtend, und dem Mund entfloß eine weite unaufhörliche

Wendung aller Dinge, eine ganze Geschichte der Zeiten und Völker. Er

sah des Weibes Blut in den Adern wie in einem Pumpwerk allmählich

steigen. Es wurde Dampf. Die perligen Zähne hüpften wie Zylinder, und

die schlanken greifenden Arme umtobten ihn, wie Kolben, die rastlos die

zeugende Gebärde ausübten.

Was rosig und mummelig gewesen, ward ein dunkler Bergschoß, der vor

Triebkräften schmetterte. Die ganze Schöpfung spannte sich an rasende

Treibriemen und schleuderte sich zu einer wahnsinnigen Heftigkeit. Und

doch war all dies Fließen Pirath so selbstverständlich ... Doch blieb

die Scheherazade das junge blonde Weiblein, das seiner begehrte.

Er stritt gegen sie. Er legte seine Finger an ihre Kehle. Aber sie hob

nur, ohne sich um seine Finger zu kümmern, den Arm über das Bett und

über ihn, und siehe! — der Arm ward eine Brücke. Diese kam aus der

Tiefe der verflossenen Zeiten als ein Weg, der wie der Lichtkegel eines

Scheinwerfers weit hinten am Ursprung handschmal aus einer Höhle am

Himalaja begann und ihm entgegen in unbegrenzte Breite wuchs.

Der nackte Adam hielt auf ihm seine Schlange in der Hand und schlug mit

ihr nach dem Apfel. Salomon ging hinterher, eitel gereckt, und trug auf

einem Buch feierlich das Lamm Gottes. Sieben Siegel baumelten aus den

Seiten der Schrift. Das Lamm Gottes war umdampft von den

Phantasmagorien der Offenbarung des Heiligen Johannes. Die Mutter Maria

schritt, das Gesicht hoch in den Himmel gebadet, umfunkelt vom ewigen

Glanz ekstatischer Tränen und ewig gewölbten Leibes zwischen den

Männern.

Und vom Weg trat Homer auf die Brücke und schrie in skandierten Versen

die Helden aus dem Nebel hervor. Aber niemand kam. Er schrie und

schrie, daß Peter wütender über die Scheherazade herfiel und schon ihre

Kehle zwischen den Knöcheln zu spüren vermeinte. Aber das Mädchen

öffnete nur den Mund, und da stand auf einmal Attila vor Homer und hob

die Faust, um ihm den singenden Mund zu schließen. Der kleine Napoleon

jedoch schlug ihm mit finsterer Gebärde den Arm weg. Dürer ging auch in

der Gruppe. Er zeichnete auf ein großes Blatt das Labyrinth der

Melancholie, zu dem sich Goethe mit zerrauften Haaren und drei

Blutstropfen auf der Schläfe, die ihm das Herz aus der Hirnschale

getrieben, heftig, märtyrerhaft niederbeugte.

Mitten in einem Spiel goldener Glocken und zwischen schwarzen Sklaven

und hellhäutigen jungen Perserinnen lustwandelte der Kalif Harun und

lächelte mit seinem duftenden Gesicht, wie eine tropische Frucht. Kung

Fu Tse wand sich durch die Schreitenden, bis er neben dem Lamm Gottes

ging, und zeichnete mit stummer Beredsamkeit in die dunstigen Ausflüsse

der Apokalypse das Fötuszeichen des Jinjangs, während er selber zu

ertönen begann, wie eine uralte, mit Zeichen umkränzte bronzene

Faßglocke und zu tönen nimmer aufhörte.

Da kam rasch und ruhig Röntgen und durchleuchtete die apokalyptischen

Dämpfe, und Harun der Kalife lächelte schärfer, Dürer verwirrte das

Wirrsal seiner Zeichnung noch mehr, und Goethes Augen wuchsen, und

seine Schmerzen schlugen ihm zu Mund, Nase und Ohren heraus. Homer

piepste nur noch, und Dehmel sang an seiner Stelle in einem Garten, daß

die schwarzen Nächte voller Rosen und rauchschwelender Schlote vor

schwerem Sternenglanz schweißig zerfielen.

Die Brücke ging vom rechten Tigrisufer nach dem Kaiser-Wilhelm-Hafen am

linken Elbufer gegenüber von Hamburg, wo die „Vaterland“ mit einer

Stimme zur Abreise in die Welt rief, die alle Zeiten verschüttete.

Und aus aller Mund sprach die süße giftige junge Scheherazade. Pirath

wich mit seinen rasenden Händen nicht von ihrer Kehle, mordete sie

tausendmal, und tausend neue alte Leben entquollen dem Geheimnis dieses

Mords und seiner Sprache, das von des Mundes roten Bogenrippen süß

umwölbt war. Pirath schrie ... schrie ...

Denn die ganze Brücke voll Geschichte,

Die aus des Paradieses Schoß die Zeiten überwölbte

Und in der Zukunft fernem Dämmern niedersetzte,

Hatte zum Schlußstein,

Am Scheitel ihres Bogens,

Wild zerquetscht,

Piraths Herze eingefügt.

Und über dieses Herz hinweg

Wandelten jene Männer und Frauen der Zeiten.

Auf einmal sprang der wüste Zahn des Raubtiers

Aus der uralten Höhle, die von Anbeginn der Welt

Zum Ende aller Zeiten sich nie schließt,

Jach mitten in die Gruppen.

Die Töpferscheibe mochte mit dem runden Kreise

Ihrer Sonnenähnlichkeit, das steinern Beil,

Dem Zahn des Raubtiers nachgebildet,

Von Menschenhänden handhabt, in den Schoß

Der Völker friedlichen Keim versenken ...

Die Keule und der Bruder Morgenstern,

Zweihand-Schwert, Büchse, Mitrailleusen halfen

Dem Raubtierzahn.

Die schwarzen Sklaven über die Hellhäutigkeit

Der persischen Kalifenweiber her! Und Attila

Blähte gespitzte Kiefern.

Surrend übersang Dynamos den Homer,

Unsichtbare Quellen überströmten aus den Spulen

Die Melancholeia, und Goethe stand,

Steinern, wie ein Roland,

Aufs Schwert gestützt und schaute, litt, erlebte, rang

Und überwand.

Das Lämmlein Gottes blökte mild und hilflos.

Sal’monis Herrlichkeit notzüchtete,

Derweilen Adam spaltete den Apfel mit der Schlange.

Der Jinjang grölte pustend wie ein Stahlwerk.

Personen schwanden vor Begriffen,

Aus Hirnen strebten Völker,

Öffneten sich zur Zerstörung

Und schlugen sich wie Pelikane, Zahn an Zahn,

Ins Blut der eignen Brust.

Pirath erfaßte seine Warze überm Herzen,

Sie war ein Quell geworden, dem das rote Blut entzischte,

Und die schöne, zarte und heimtück’sche Scheherazade

Öffnete darunter das Gewölbe ihres giftigen Mundes und fing

Den roten Springquell schlürfend ein und grausam.

Da rasten Völker wie zerborstene Vulkane.

Wie Wolkenbrüche patschten Kugeln durch die Heere.

Granaten sprengten Lehm und Bein zusammen

— Die Schöpfung riß —

Und warfen Wald und Stadt zum Himmel.

Und als sie wieder niederfielen,

Fielen sie auf das arme Herz des Peter Pirath,

Das den Schlußstein der erdgeistigen Brücke machte

Und als Jahreszahl Plus und Minus Unendlichkeit

in seine Kammern eingegraben trug, weil es verflucht war von der

giftigen Scheherazade. Da schlug er kurz mit dem Steinbeil Kililikis

nach ihrem Schädel, so schön er auch war. Aber sie lachte nur und

entfleuchte und war nicht mehr bei ihm, war nichts mehr als Lug, Stank

und Nichts.

Da schwoll sein Herz vor märzlicher Schmerzhaftigkeit glückselig an.

Das Chaos seines Blutes stampfte von den Heerscharen des Todes, das

über die gewaltige Bergstraße marschierte und, von üppigen Hengsten

umsprungen und umwiehert, im donnernden Lärm gottstarker Geschütze zu

Tal zog. Es war schon vom Zwang des Kriegs befreit, aber noch unter

seinem Schatten. Es hatte schon den Pflugsterz, die Feder, den Hammer,

das Steuer in der Hand, aber noch das Gewehr auf dem Rücken, und wohlig

zur Ader gelassen, in machtladender neuer Jugend sang es in den Takten

der scharf hinmähenden alten und schwermütigen Kriegsmärsche:

Das war der Herbst von Neunzehnhundertvierzehn!

Das war der Herbst, der unser ist! ...

Während noch das große Morden sein Blut durchraste, begann aber schon

das neue, das grenzenlose Ernten und Befruchten. Die gerechten Scheuern

flogen mit unendlicher Geilheit auf. Aus dem Schoß der Erde donnerte

das Kreißen einer neuen Zeit herauf, die sich an Größe mit allen

Entwicklungen der gewesenen Menschheit maß ...

Pirath lag die ganze Nacht in die blutende Qual eingeschlossen. Die

Schwüle des Gewitters, das sich nicht entladen konnte, hielt ihn unter

ihrem dampfigen Druck. Die wehen Fieber stöhnten durch sein Blut, und

in stundenlangem Ringen erlitt er diese Vision, mit der sein fieberndes

Ahnen den Raum brach und die gottgesandten Ereignisse heranzog, mit

denen ein Volk seinen gerechten Thron zu erbauen unternahm.

* * * * *

Als Pirath erwachte, lag er auf dem Boden neben dem Boot. Der Schweiß

quoll ihm wie heiße Küglein aus allen Poren. Sein Blut rann ermattet

durch den Körper. Sein Kopf war schwach, und den Muskeln fehlte jede

Spannung. Er erhob sich schlaff und ging zum Meer hinab. Das Ringen der

Nacht lag wie ein geheimnisvoller Spuk mächtig auf all seinen Sinnen.

Er verstand nichts von dem, was ihm widerfahren war. Er badete sich den

Schweiß weg, aber sein Körper behielt vom Salzbad einen schleimigen und

hitzigen Belag.

Seeschwalbe und die Eingeborenen hatten ihn neben dem Boot liegen

gesehen. Sie hatten ihn nicht angerührt, denn sie glaubten, er sei im

Kampf gegen die Dämonen des Steinbruchs Mutter dorthin gelangt. Als er

sich erhob und baden ging, kamen sie alle aus den Hütten hervor, in die

sie sich versteckt hatten. Sie waren glückselig und gingen gleich in

die Dörfer und erzählten, Regenbogen habe den Steinbruch Mutter

besiegt, und kein Mensch brauche mehr zu sterben.

In Wirklichkeit war die Sterblichkeit in den Dörfern sehr gesunken,

weil Pirath sich überall um Reinlichkeit und Krankenpflege bemühte. So

schien in der nächsten Zeit, solange das Interesse am Besuch Piraths

bei den Schlitzäugigen die Phantasien in Spannung hielt, weil niemand

starb, die Macht Regenbogens wirklich dieses unglaubliche Ziel erreicht

zu haben, und die Männer machten sich daraufhin mit neuem Eifer an die

Vollendung des Wohnhags Regenbogens, um ihn durch die siebenfache Kette

der sieben Mädchen fester an die Insel zu binden. Eines Tages kam dann

der König und sagte Pirath, die Häuser seien fertig und man veranstalte

ein großes Fest. Das Fest fand statt und dauerte drei Tage, in denen

fast ohne Unterbrechung gegessen und getanzt wurde.

Pirath verließ das überdachte Boot am Strand unterm großen Baum und

bezog das hohe geräumige Haus, das auf Pfählen stand und dessen Dach-

und Türbalken ausgeschnitzt und mit lebhaften Farben freudig belegt

waren. Seeschwalbe ging in eine der niedern Hütten wohnen, die das

Pfahlhaus umgaben. Sie wählte die Hütte, die die Männer ihres Dorfes

gebaut hatten und die gleich links vom Eingang in den Hag, neben dem

offenen Kochhaus lag.

Die andern Hütten blieben inzwischen noch leer. Die sechsfache Hochzeit

wurde immer wieder verschoben, weil stets bald das eine, bald das andre

Mädchen mit dem Tabu ihrer monatlichen Blutungen belegt war und keines

Mannes Auge die Unwürdige sehen durfte.

Aber Seeschwalbes Leib stieg unversehens in heimlich treibender

Fruchtbarkeit. Wie sie, bevor dies geschah, immer straff und gespannt,

heftig schön war, wie ein polierter Bogen aus dunkelm Palmholz, so

baute sie sich jetzt auf in einer schwerfällig mächtigen Fruchtbarkeit.

Sie blieb oft im Schreiten zum Ausruhen stehen; von Sonne oder Schatten

übergossen, erhob sie sich, steil im Kreuz aufgerichtet, um die Last

des Leibes besser tragen zu können. Ihr Bauch war wie die Kugel einer

neuen Erde. Ihre Brüste strotzten ausschweifend mit mütterlicher Kraft

gefüllt, und in der Hitze sog sich aus ihren pflaumendicken und

pflaumenblauen Warzen von selber die Milch heraus. Sie sickerte in

kleinen Rinnsalen an den Halbkugeln hernieder.

Wenn Pirath dieses Stehenbleiben, diese ausschwellende, drangvolle

Fruchtbarkeit sah, die sein Werk war, so erfüllten ihn mächtige

Gedanken. Er war Vater einer beginnenden neuen Rasse, die sich Kililiki

erobern mußte. Er wollte aus dem entstehenden Leben ein Geschlecht

auferziehen, das sich auf ihn stützen und von ihm aus entwickeln

sollte, das ohne Verbindung mit den vorwärtsdrängenden Völkern jenseits

des Meeres einen unsichtbaren Anschluß an die Triebkraft des weißen

Geistes finden sollte. Und wenn dann einst diese Insel entdeckt werde,

so müßte sie sich in den Gang des Weltverkehrs ohne Mühe und Blut

fruchtbar einordnen können; es dürfte ihr nicht so ergehen wie den

schwarzen Inseln, auf denen er vor Kililiki gewesen war und auf denen

die Eingeborenen an der ungestüm eindringenden Energie und Stetigkeit

des weißen Geistes starben.

Pirath arbeitete schon lange an der Fleischwerdung dieses Gedankens. Er

begünstigte die Künstler und bemühte sich, ihren rein symbolischen

Werken eine neue, stärkere und geistigere Geltung zu verschaffen. Die

Häuser und Hütten hatten sich überall verschönt unter seinem Einfluß.

Über die Bäche waren kleine Brücken gebaut worden, deren Geländer und

Kappen in Schnitzereien ausgearbeitet waren. Die Menschen folgten

diesem Eifer Regenbogens willig, denn er wandte sich ohne Vermittlung

an ihre Phantasie. Die heimatliche Kunst des Farbigen war wie Musik.

Sie war nicht im Erschaffen zusammenbändigend, sie löste auf, sie

summte und sang die Erscheinungen der Schöpfung spielerisch und

verliebt auseinander. Über ein Schnitzwerk konnte die Phantasie lange

dahinstreifen und viele geheime Dinge auf sie beziehen.

Aber zugleich wo Pirath diesen Bedürfnissen des Herzens Nahrung gab,

versuchte er auch, den Sinn für die Wirklichkeit, für die Dauer eines

Lebens, für das Fortbestehen vergangener Zustände und Zeiten zu wecken.

Er leitete Männer und Frauen an, regelrechte Palmenpflanzungen zu

gründen. Er versprach ihnen einen späteren Lohn für die Arbeit der

Gegenwart und bemühte sich ununterbrochen, die Phantasien vom Wert des

zufälligen Augenblicks, dem sie sich weich und hinschmelzend stets ganz

ergaben, abzulenken und alles Gegenwärtige in einen Zug zu bringen, der

in die Zukunft strömte und irgendwo im Kommenden erst seine Ernten

fand.

So versenkte er in die breiigen Massen, in denen die Einbildungskraft

der Farbigen haltlos auseinander strömte, allmählich, wie eine ferne

noch dunkel umbrandete Insel, den Anker des Gedankens.

Er wußte, daß es erfolglos sei, diesem Ziel die Männer und Frauen

zuzuführen, und er ging sparsam mit seinen Kräften um. Er wandte sich

nur an die Heranwachsenden, die noch weniger geformt waren; er schuf

ihnen neue Werte, und er hatte Erfolg. Er hatte Erfolg, weil er zu

gleicher Zeit, wo er mit stetiger Tatkraft die Werdenden auf seine Höhe

heraufzog, auch sein eigenes Herz tief und weich sich in die Insel

Kililiki eingraben ließ. In seiner unbegrenzten Vereinsamung verlor er

ja den starren Maßstab, um das zu messen, was europäisch in ihm blieb

und was südseeinselhaft wurde.

Was aber an weißer Erziehung in ihm verharrte, genügte, um von Weile zu

Weile seinem Gottestum bei den Eingeborenen einen neuen Anstrich zu

geben und den Einfluß seiner Macht immer frisch zu halten.

Eine geheime Mithilfe seines Blutes kam ihm dabei zustatten. Pirath war

von Stechmücken vergiftet worden. Das Chinin, das er im Boot gefunden

hatte, war ausgegangen, und er war der Malaria wehrlos ausgeliefert. In

regelmäßigen Abständen schwärmten die neuen Bruten aus seiner Milz auf.

Sie stürzten sich über seine roten Blutkörperchen und durchrasten seine

Adern mit wilden Schmerzen. Dann lag er stöhnend auf einer Matte zu

Füßen seiner hohen Treppe, und die Eingeborenen hockten sich um ihn.

Sie sahen, wie er von Weile zu Weile diesem sonderbaren heftigen

Gebaren anheimfiel.

Da erfand einer der Priester, daß in diesen Zeiten seine Seele den

Körper verließe und zum großen Geist einkehrte, um sich mit neuen

Kräften zu laden. Darüber jammerte und zuckte der Leib und schrie nach

der Seele.

Wenn sich dann allmählich das Fieber löste und die plagenden Schwärme

gestillt zurückstarben, dann überkam Pirath die Erleichterung seines

Blutes wie eine Erlösung. Sein Herz erschwoll unter einem Ansturm von

tiefen glückhaften Vorstellungen. Die Welt umschlang ihn in ewiger

Liebe, und sein Mund ließ Worte von süßer, seliger Verbrüderung

ausströmen. Die Menschen waren wie ein einziges, liebesgetränktes Herz,

gierig, sich Gutes und Liebes anzutun, vom Geist geschaffen, damit das

Glück, das im Erdschoß schlief, ihnen teilhaftig werde. Die Schwarzen

hockten um ihn und horchten lautlos dem Zauber seiner Reden, der

mächtig in ihr Blut einzog. Sie weinten vor weichen Gluten, die sie

durchtränkten, vor geheimnisvollen Bildern, die sie durchzogen, und

streichelten sich gegenseitig. Und ihre in nächtigem Dunkel erd- und

tiergebundenen Phantasien durchbrach die erste Morgendämmerung des

Menschwerdens.

* * * * *

Eines Frühmorgens sagte Seeschwalbe: „Meine Zeit ist da! Ruf die Mutter

und die Verwandten!“

Sie setzte sich stöhnend an ihre Tür und umfaßte fest und gewaltig den

Hausbalken. Ihr Leib arbeitete wie ein Vulkan. Die Schmerzensstiche

durchrissen sie wie Erdbeben. Aber sie gab keinen Laut von sich, und

als Mutter und weibliche Verwandte kamen, lag ein kleiner Knabe vor

ihr. Mit einem Muschelscherben durchschnitt die älteste Frau die

Nabelschnur und tröpfelte den Saft einer Pflanze auf die Wunde. Andre

Weiber wuschen den Knaben mit Bachwasser und brachten ihn Regenbogen

hin, der der Sitte gemäß den Wohnhag verlassen und, mit dem König

sprechend, die Vollendung des Ereignisses abgewartet hatte.

Das Knäblein, das man ihm brachte, war fast ganz weiß. Pirath hatte das

nicht erwartet und erschrak ein wenig darüber. Aber er hatte nie den

Neugeborenen einer schwarzen Frau gesehen und wußte nicht, daß die

Kinder alle die gottgesegnete weiße Farbe zur Welt mitbringen. Es

brauchte dann auch nur etliche Tage Sonne und Luft, um die Haut zur

Farbe der Insel zurückzuführen. Aber der Knabe, der gleich mit Haufen

von Namen überschüttet wurde, behielt einen hellen Schimmer, der ihn

von allen auszeichnete und der Seeschwalbe und ihre Sippe glücklich

machte.

Nach drei Tagen war Seeschwalbe wieder auf den Beinen, und die großen

Geburtsfeste begannen das Ereignis zu feiern. Die sieben Dörfer kamen

vor dem Hag des Vaters zusammen. Pirath stand an der Treppe zu seinem

Haus und bemühte sich um den Knaben. Auf einmal erscholl ein wüster

Lärm. Die Dörfer hatten sich unversehens in Männer und Weiber geteilt

und waren aufeinander losgegangen. Sie warfen sich mit Erdklumpen,

Steinen, Früchten, sie schlugen mit Bambusstöcken aufeinander ein. Sie

lachten und quietschten dabei und gingen doch rasch in eine

leidenschaftliche Wut gegeneinander über. Es war, als entlüde die Natur

in den beiden Geschlechtern einen langher aufgestapelten Haß, und

Pirath erinnerte sich auf einmal, in seinem Innersten aufgewühlt, an

den Satz aus dem Schöpfungsbericht: „Ich will Feindschaft setzen

zwischen dir und ihr!“ Und die Schlange war nicht die Schlange, sondern

war ein Sinnbild für das männliche Glied. Da legte er den Knaben

nieder; von zwiespältigen, gereizten Gefühlen gepeinigt, warf er einen

Blick voll mühseligen Hasses auf sein Weib und ihr Kind und mußte sich

bezwingen, um nicht brutal mit in den Kampf einzugreifen und auf die

Weiber loszuschlagen.

Aber der Kampf der Geschlechter hörte auf, wie er begonnen hatte, ohne

Übergang; ohne Übergang, wie alles auf der Insel. Während die Männer

und Weiber sich wieder glücklich krähend und meckernd vermischten und

einige, die bluteten, ohne weiteren Ärger die Wunden mit Blättern

eindeckten, mußte Pirath noch lange, in seinen zwiespältigen dunkeln

Zorn eingeschlossen, verstört umhergehen. Das Fest nahm seinen Verlauf,

üppig und ohne Einschränkung. Sieben Tage lang tat man nichts andres

als essen und tanzen, sich begatten und schlafen.

Dann war auf einmal eine Zeit da, in der die sechs Bräute Regenbogens

alle gesund waren. Man eilte sich. Ohne weitere Umstände und Zeremonien

bezogen die sechs jungen Mädchen eine jede ihre Hütte zu Füßen des

Pfahlhauses. Nur die Sippe kam der Reihe nach zu Besuch, brachte

Geschenke und nahm kostbarere Geschenke als Ausgleich mit zurück und aß

Piraths Speisevorräte auf.

Als diese Besuche vorbei waren, legte ein jedes der Weiber unter

Piraths Leitung eine Pflanzung an, in der in genau gesonderten Feldern

Taro und Jame, Bananen, Papayas gepflanzt wurden. Außerhalb des Hags

wurde ein großer Schuppen errichtet, in dem die Schweine sich

aufhielten. Pirath lehrte die Weiber die Arbeit zu teilen und Zeit zu

sparen und erübrigte für die Palmenpflanzung, die am unbewohnten

Westufer vor dem Dorf Vater entstand, einen Teil ihrer Arbeitszeit. Die

Männer hatten sich begeistert und in zornigem Arbeitseifer über die

Anlage gestürzt. Aber länger als für das Roden hatten Kraft und Lust

nicht gehalten. Immerhin war das die schwerste Arbeit. Die Eingeborenen

kannten freilich Methoden, durch Keile Holz zu sprengen, die die Arbeit

weniger mühselig machte.

Aber im großen ganzen waren sie auf ihre Steinbeile angewiesen. Nur

Pirath hatte das eiserne Beil aus dem Rettungsboot. Er verrichtete

siebenfache Arbeit, und die Eingeborenen, die zum erstenmal die Kraft

des Eisens erlebten, erhoben das Beil zu einer Gottheit und nannten es

die schnelle Schärfe. Pirath hatte durch eine List ihre Tatkraft so

lange wach gehalten, bis ein Geviert, das etwa dreihundert Schritte in

der Länge und hundert Schritte in der Breite maß, von Bäumen frei war.

Er sagte ihnen, daß jenes Steinbeil, das der schnellen Schärfe an Kraft

und Raschheit nachkäme, von demselben mächtigen Geist bezogen werde,

der in seinem Eisen wohnte. Da schlugen sie drauf zu, und ein jeder

hoffte, daß der Geist in sein Beil einzöge. Zum Aufsuchen und Eingraben

von Pflanznüssen, zum Sauberhalten und Pflegen der jungen

aufschießenden Bäume hatte Pirath nicht mehr soviel Kräfte nötig. Er

konnte diese Arbeiten mit seiner jungen Garde und den Weibern

bewältigen.

* * * * *

Pirath lebte als Erzeuger in die kommenden Jahre hinein. Er lebte

zwischen den Frauen, fast unbewußt ihrer Gegenwart. Mit einem sonderbar

fernen Anteil ging er zwischen diesen Geschöpfen, und von der einen zur

andern führte ihn ein leicht zu erfüllendes Pflichtbewußtsein. Er war

nur Erzeuger. Er ging fleißig von Hütte zu Hütte, als der große Gründer

einer kommenden Rasse. Nie hatte er Schwierigkeiten mit den Frauen. Mit

ihren Streitereien wagten sie sich nicht bis an ihn heran. Sie

fürchteten seine stetige Strenge. Sie fügten sich alle von selbst unter

die Herrschaft Seeschwalbes, die wie eine Prinzessin über Dienerinnen

zwischen ihnen lebte und von Fruchtbarkeit und Glück strotzte.

Für Seeschwalbe allein wuchsen Gefühle von Zärtlichkeit und von innigem

Zusammenhang in Piraths Herz. Ihr allein weihte er die Notwendigkeiten

des Austausches von Gemüt zu Gemüt. Sie bewahrte ihre, oft plötzlich

wie die Krallen einer Katze wild aufspringende, oft in süßer Trägheit

dahindämmernde Grazie, und war er bei andern Frauen, so dachte Pirath

sich zu ihr.

Die Frauen gebaren Jahr um Jahr. Eine starb. Das war Pirath nicht mehr,

als ob er einen Tag dahinrauschen hörte. Sie wurde ersetzt. Andre

wurden alt, häßlich und welk und traten von selber zurück. Im Laufe der

Jahre wurde manche ausgewechselt.

Die Kinder erwuchsen. Der Vater nahm sich ihrer an, wie er auch die

Kinder der Eingeborenen, die man bis dahin hatte frei herumlaufen

lassen, in sein mildes aber stetiges überwachen und Erziehen genommen

hatte. Die Ältesten gingen schon mit in die Pflanzung, in der die

ersten Bäume Nüsse reifen ließen, und wurden mit leichten Arbeiten

beschäftigt. Sie suchten die Käfer ab. Pirath erlebte an seinem Samen,

daß er befähigter und anders war, und pflegte die Anlagen, in denen er

sein Blut erkannte.

Aber zugleich, wo er so das Alte, was er aus dem weißen Erdteil

herübergetragen hatte, so hoch in sich hielt und es in seiner

Nachkommenschaft zur Blüte brachte, überstrickten ihn doch die Scharen

der halbfarbigen Kinder, die aus seinen Weiberhütten quollen, wie ein

Netz und verbanden ihn immer tiefer und enger der Muttererde Kililikis.

Mit sachtem Verblassen schwand Europa stetig hin.

So stürzten zwischen Zeugen und Gebären, Festzeiten und sanften

Alltagen, gemäßigt schreitender Arbeit und Sorglosigkeit die Jahre über

ihn dahin und schienen sich nicht mehr um ihn zu kümmern als er um sie.

Er maß die Zeit nicht. Er besaß rund um sich keinen Maßstab dafür,

trotzdem die Alten starben, und die Kinder aufwuchsen; denn er war das

oberste Gesetz für die Insel; so wie die Insel ihm, so war er sich

selber gleichermaßen untertan; wie ein mächtiger Saft strotzte er durch

das Leben der Insel; er sah seinen Weg nicht, er folgte ungestümem

Drang, denn wenn er nachts bei den Frauen lag und, sich mit ihnen

vermischend, immer tiefer der fremden Seele zusank, so blieb doch vor

ihm das Letzte, die endgültige Besitznahme, wie der Horizont, der von

dem drauflos rauschenden Dampfer zurückweicht. Aber das war seine

dumpfe Kraft, daß er Gemüt und Instinkt über Kililiki herrschen ließ

und nicht das Hirn, dem der Weg zu der schwarzen Seele doch verrammt

geblieben wäre.

Einmal in dieser ungemessenen Zeit erscholl die Garamut, und Pirath,

der sich nun auf ihre Sprache verstand, hörte heraus, daß sie die

Männer nach dem Steinbruch Mutter rief; ein neuer Gott war dort fertig

geworden. Er sah den König Möwenschnabel, dessen ursprünglich heftige

Energie immer erschlaffender sich ihm unterbötig machte, mit einer

unausgesprochen bleibenden Frage um ihn herumgehen. „Ö! Ö!“ machte

Möwenschnabel und blies vor Pein die Lippen auf wie ein Seelöwe. Pirath

verstand. Er selber war nicht mehr im Steinbruch gewesen. Sein

Abenteuer mit dem Gemästeten war durch die Jahre in ihm

weitergewachsen. Die Qualen der Kriegserscheinung der auf den Besuch

folgenden Nacht waren in ihm zu einer geheimnisvollen Wurzel gewachsen,

die fortwährend Ranken ausschlug. Etwas Fernes plagte ihn, wenn er dran

zurückdachte, und die Nachwirkung jener Visionen, die nicht sterben

wollten, und die Formen, die die furchtbare Begegnung mit dem

unflätigen Dicken im Laufe der Zeit annahm, waren nach und nach in ihm

wie ein schmerzgeladenes Symbol davon geworden, wie er Europa nie ganz

verlor und Kililiki nie ganz gewann, und wie sein Leben in der

Vereinsamung doch etwas rätselhaft Volles war, das er nicht zu fassen

vermochte. In der Erinnerung an die kurze, gewalttätige Berührung mit

der geifernden weißen Fleischmasse, die gerettet werden wollte, hatte

sich ein unsteter und unsicherer Haß entwickelt, der nicht nur dem

Dicken galt, sondern auch insgeheim etwas in Pirath selber traf. Oft

nahm Pirath seine Zuflucht zu diesem geheimnisvollen Haß. Er wühlte

sich hinein, roh wie ein Schakal, falsch wie eine Schlange, grausam wie

ein Falke, ganz und auflodernd wie ein Kililikimann. Dann war es ihm,

als bestiege er ein heilsames, kriegerisches Bad, und Unsicherheit und

Schwanken häuteten sich von ihm ab. Er entstieg seinem Haß, aufs neue

Herrscher über Kililiki und die Einsamkeit des Stillen Ozeans.

Das war Pirath gegenwärtig, als Möwenschnabel so unentschlossen um ihn

ging. Einen Augenblick stieg es verführerisch durch das Blut des

Schwarzen auf: ich nehm eine Keule und schlag ihn von hinten tot! Dann

kann ich machen, was ich will ... Aber furchtsam machte er gleich einen

heimlichen Zauber hinter diesen Einfall, damit Regenbogen nichts davon

verspüren soll. Pirath aber sagte ihm einfach: „Die Männer werden nach

dem Steinbruch Mutter gerufen! So spricht Regenbogen: Geht! Aber die

jungen Leute, die in der Pflanzung arbeiten, gehen nicht und Regenbogen

geht auch nicht.“

Damit war der König nur halb befriedigt. Was sollte er sagen, wenn die

Schlitzäugigen nach den jungen Leuten verlangten? Er drückte sich noch

immer herum und wagte endlich seine Bedenken hervor: „Der König meint,

die jungen Leute ...“ Aber Pirath schnitt ihm erregt das Wort ab und

rief unwillig: „Regenbogen spricht: Die jungen Leute bleiben hier.

Geh!“ Da ging Möwenschnabel und tröstete sich mit dem Bewußtsein der

Übermacht, die Regenbogen gegen den Steinbruch Mutter besaß.

Alle Männer, die an Pirath vorbeigingen, um ihre Kanus ins Wasser zu

setzen, sahen bedrückt und furchtsam aus. Pirath verfiel in eine wüste

und harte Stimmung. Er wollte die Männer nicht aufhalten, aber es

beleidigte ihn doch etwas daran, daß sie zum Steinbruch gingen. Der

Steinbruch war sein Feind. Aber vielleicht war der dicke Weiße in den

Jahren gestorben? Doch seine Erinnerung klebte im Kessel. Der Haß

umstieg Pirath. Er warf den Davonrudernden, die alle gedrückt sich in

die Kanus füllten, Spottreden nach, und als der König Möwenschnabel,

üppiger geschmückt als die andern und das schwere Halsband aus

Muschelringen über Schultern und Brust, das er alle fünf Jahre einmal

trug, sein Kanu bestieg, rief Pirath: „Der König verliert ja aus Angst

vor den Schlitzäugigen seinen eigenen Dreck!“

Das war das Furchtbarste, was einem Kililikimann gesagt werden konnte.

Denn die heftigste Scham und die entsetzlichste Angst hüteten die

Leiberabgänge vor fremden Augen. Sie entstiegen dem innern Ort, an dem

die Seele den Körper belebte und waren jeder Behexung aufs äußerste

zugänglich. Alle Männer erschraken, als sie dies hörten, und der König

blickte entsetzt unter sich. Er sah nichts, aber er glaubte. Ein

finsterer Impuls schwoll in seinen Adern. Es war der Haß gegen den

Unterdrücker Regenbogen, die Furcht vor dessen göttlicher Gewalt, die

Liebe zu dessen Dasein auf Kililiki, die Grenzenlosigkeit zwischen

Regenbogens Macht und der des Steinbruchs Mutter, dem sie

entgegenfuhren, all der dumpfe Zwiespalt von Jahren. Regenbogen hatte

etwas Neues gebracht, aber die alten dämonischen Säfte waren weiter

durch Kililiki geflossen. Das alles ballte sich in ein rasendes Eins

zusammen und durchwirbelte das Blut des Königs. Aber da in diesem Hirn

Impuls und Tat keine genaue Abgrenzung kannten, genügte der dunkle

Ansturm, um den König angstvoll niederzuducken und an einem geheimen

Tabu Sühne und Sicherheit zu suchen.

Die Männer ruderten davon. Pirath sah, daß in den Kanus doch einige der

jungen Leute saßen, denen er die Fahrt verboten hatte, und das

steigerte seinen Zorn und Haß. Er geriet allmählich in eine Stimmung,

an der er zu zerspringen drohte. Es war ihm, als zersprühten seine

Nerven durch die Haut hindurch und als verlöre sein Körper den Halt.

Jähzornig stieg er umher, warf sich bald hin und schnellte wieder

empor, schoß mit dem Bogen nach allen Tieren, die er sah, raste durch

die Weiberhütten und trieb die Frauen auf. „In die Pflanzung!

Arbeitet!“ schrie er. Er stürmte zur Pflanzung und fuhr mit heftigen

Worten drein. Die Kinder heulten. Pirath schlug sich in den Wald, lief

zwischen Hag, Pflanzung, Wald und Meer ruhelos stundenlang umher.

Als er sich entschloß, das Kanu ins Wasser zu schieben und aufs Meer

hinauszurudern, sah er plötzlich zwei Kanus um die Ecke biegen. Die

Kanus strebten mit aller Kraft der Ruder aufs Land zu. Sie flogen

surrend über das ruhige Wasser. Da ließ er sein Kanu liegen und wartete

auf die beiden andern. Kaum hatte der Bug den Sand berührt, so sprangen

die Männer in der Hatz ans Land und liefen. Er hielt einen an. „Was

ist?“ rief er ihm ins Gesicht. Und der andre fiel in die Knie und

stammelnd und ohne Zusammenhang mit schreiender Stimme: „Großes Kanu,

so groß wie Kililiki, und aus einem Kopf Rauch! Und weiße Männer

eingedrungen in den Steinbruch ...“

Da verließ die Kraft Piraths Arme. Der Mann entriß sich ihm und stürzte

wie ein Kasuar davon. Aber Piraths Herz war wie explodiert. Es war ihm

beim ersten Wort klar, daß ein Dampfer den Norden der Insel angelaufen

hatte, daß ihm ein Wiedersehen mit Europa bevorstand. Das Ereignis fiel

über ihn her wie ein zusammenbrechender Steinbruch. Er war ihm nicht

gewachsen. Seine flatternden Nerven verloren den letzten Halt. Seine

Vorstellungen purzelten um. „Nun wird der Dicke gerettet!“ stammelte er

vor sich hin, von jenem kindischen Wahn umfangen. Er war

niedergefallen. Langsam erhob er sich, und betäubt ging er davon mit

immer demselben halblauten Stottern: „Nun wird der Dicke gerettet!“ Da

geschah es in der furchtbaren Verwühltheit seiner betäubten Sinne, daß

die Dinge sich auswechselten. Er hatte einmal Europa in dem Dicken

verraten, hatte es ununterbrochen durch seine Hingabe an die Insel

verraten. Er wurde mit einemmal das schwarze Kililiki, und der Dampfer

und die Weißen rückten ihm bedrohlich als Todfeinde entgegen.

Er eilte in sein Haus, schaffte allerlei Lebensmittel zusammen, nahm

den Revolver und schlich sich dann in seinem kranken Trotz, von der

Unfaßbarkeit jener plötzlichen großen Nachricht in die Flucht gejagt,

in den Wald hinein. Er hatte auf Jagden gegen Kasuare ein Tälchen

entdeckt, in dem Felsen mitten in einem Teich von Grün weit über

moosigen Boden sich auswölbten. Unter den Felsen war es wie in einem

geschlossenen Haus. Dorthin wühlte er sich durch den Wald. Es war schon

dunkel, als er ankam, und die Ermattung des Waldlaufens und die

Wirkungen des unversehenen Ereignisses mähten ihn gleich aus dem

Wachen. Aber sein Schlaf war wie ein zuckendes

Von-Traum-zu-Traum-Flüchten. Jeden Augenblick wachte er halb auf, und

der folgende, im Ungewissen beginnende und rasch zu grausamer

Körperlichkeit steigende Traum riß ihn ein Stück weit durch einen

entsetzlichen Schlaf, bis er gleich wieder aufschreckte. Eine dunstige

Hitze sickerte aus seiner Haut. Als das Frühlicht durch die grüne Wand

bis in die Höhle brach, lag Pirath stöhnend im Moos und wälzte sich

unglückselig und schmerzgepeitscht im Fieber.

Piraths Insel · 第 73 / 96 题