„Was! Nein!“ brüllte der Gemästete. „Nein? Du schuftige Laus. Willst
mich hier verfaulen lassen. Willst mich ... Wart’, du ... du ..., ich
...“ Und damit wälzte er sich schwerfällig auf Pirath los. Der wehrte
sich. Aber der Dicke griff nach den Revolvern in Piraths Gürtel, er
bekam den Browning zu fassen, riß ihn heraus und stieß, ihn abdrückend
an Piraths Leib. Pirath trieb mit aller Wucht seine Faust in das kleine
knollige Gesicht, zweimal, dreimal, während er mit der andern Hand den
Revolver von seinem Leib abzuschlagen versuchte. Der kleine Kopf fuhr
zurück und richtete sich unter den Schlägen immer wieder auf. Die fette
Hand stieß den Revolver immer wütender in Piraths Bauch und drückte
knackend. Pirath selber wunderte sich, daß er keinen Schuß hörte, daß
er nicht von einer Kugel zerfetzt hinstürzte. Aber auf einmal erinnerte
er sich, daß er seine Revolver ja ganz ausgeschossen und im Boot nur
Kugeln für den Revolver, nicht aber für den Browning gefunden hatte. Da
ließ er dem Wahnsinnigen den Browning und lief der Stelle zu, wo er in
den Kessel herabgestiegen war. Er kletterte rasch zwischen einem
Baumstamm und dem Stein die niedere Felswand hinan. Der Dicke versuchte
sich zu erheben. Eine wilde Flut von Unflätigkeiten sprudelte er aus
sich heraus, und er warf ohnmächtig die Browning nach ihm, raffte
Steine auf und schleuderte sie blind vor sich.
Pirath drang den Pfad durch den Wald rasch voran, fand den schmalen
Felssteig und war bald an seinem Boot. Er schob es eilig ins Wasser,
ruderte um den Felsen herum und zog das Segel auf. Dann ließ er sich
einen Pfeilschuß weit ins Meer hinaustreiben und begann an der Ostseite
wieder nach Süden zu segeln. Sein Kopf war angefüllt mit einem
furchtbaren Chaos von Kampf und Friedensglück, von Schwarz und Weiß und
von schwülen schleimigen unklaren Dingen.
Es war schon finster, als das Kanu beim Dorf Vater auf den Strand lief.
Das ganze Dorf stand am Ufer. Die erste Gestalt, die Pirath erkannte,
war Seeschwalbe. Sie hatte das Dorf so spät wach gehalten, und als
Pirath dem Kanu entstieg, rief sie auf einmal in die Finsternis:
„Wißt ihr denn, Leute, von wo Regenbogen kommt? Er war im Steinbruch
Mutter bei den schiefäugigen Magiern und den Riesengöttern!“
Auf einmal stand sie allein in der Dunkelheit. Alle Menschen waren mit
dem Schrei des furchtbarsten Entsetzens zu Boden gestürzt und wanden
sich dort, von heißen angststechenden Schauern durchstoßen. Es war
ihnen, als ob die Luft, die um den hell in der Dunkelheit sprühenden
Körper Regenbogens hing, mit Untergehen und Donner geladen sei. Sie
beruhigten sich nur allmählich und schleppten sich verstört in ihre
Hütten.
Pirath und Seeschwalbe blieben allein. Das junge Weib warf sich
ausgelassen und mit quiekender Zudringlichkeit um ihn herum. Pirath
wies sie sanft ab, und als er ihr schließlich ein strenges Wort sagen
mußte, legte sie sich gleich hin auf ihre Matten und schlief fast im
selben Augenblick tief ein. Legte sich Pirath auch hin, oder blieb er
auf der Kante sitzen, den langen nackten Leib tief wie über sich selbst
herübergebogen? Die Erlebnisse im Steinbruch Mutter schwemmten ihm wie
eine stechende Ätze durch den Kopf. „Hat mich der Zauber des
Steinbruchs vergiftet?“ fragte er sich und preßte die Hände auf die
Schläfen. Er dachte an die paar Augenblicke, wo der Fettkloß mit ihm
gerungen hatte und ihn töten wollte. Es war ekelhaft und furchtbar. Und
jener widrige Überfall und Mordversuch waren ihm jetzt doch wie die
notwendige Folge seines Vorsatzes, den Dicken im Steinbruch zu lassen
und ihn nicht zu retten.
„Ich hab mich von Europa losgesagt dadurch!“ flüsterte Pirath in die
stockige Nacht, in der von Weile zu Weile ein ferner Donner verrann.
Die hitzige Luft drang auf ihn ein. Aber seine Haut blieb trocken auf
der innerlich aufbrennenden Hitze. Ein Blitz nach dem andern
verschwelte hinterm Laub des großen Baumes. Wellend dumpfig strich die
Luft heran und füllte sich von Weile zu Weile fern oder nah mit der
verzuckenden Grellheit der Blitzstrahlen. Da sah Pirath auf einmal auf
dem Bootsrand gegenüber einen kleinen dunkeln Vogel sitzen. Seine
Perlenaugen leuchteten schwärzer als die Nacht, und er piepste leis.
Pirath verhielt sich bewegungslos. Es war ihm, als wollte dieses zarte
Geschöpf Gottes seine qualvolle Einsamkeit teilen. Eine duftige Wärme
erfüllte Piraths Herz, und dennoch ließ das schmerzende Pochen in Augen
und Schläfen nicht nach.
Der kleine schwarze Vogel hörte nicht auf zu piepsen. Er fügte
zwölferlei, zwanzigerlei dünne Laute aneinander, verschlang sie unter
sich, begann wieder, trillerte süß und leis und piepste, schob den Kopf
vor und umkreiselte mit dem Schnabel gleichsam die Laute, die ihm
entquollen. Pirath hörte entzückt zu. Es war eine schmelzende Anmut in
dem Geplapper, und Piraths Herz sagte dem Vöglein: „Du bist ein so
süßes Gottesgeschöpfchen. Ich möchte deinen kleinen lieben Kopf
küssen.“