Da rief eine Stimme: „He, du! Mann, Mann!“

Pirath schaute weiter in die Höhe, als ob er nicht gehört hätte. Er

sagte sich: „Meine Ohren sausen von dem raschen Herabspringen und

Laufen. Wie soll eine deutsche Stimme hierhin kommen?“ Aber gleich rief

es wieder: „Du! Du! Mann! Hier! Hier!“

Da wurde es Peter so schwach in den Beinen, daß er sich zu Boden legte.

Über ihn wuchsen die schwarzen Urtiere, die starren

Menschenungeheuerlichkeiten, die das Leben Kililikis in sich aufsaugten

und voll von Gewittern staken, denen alles Blut Sklave war. Aber

entsetzlicher, grauenerregender als die granitnen Furchtbarkeiten, die

sich gewaltvoll über ihn bauten, überstürzte ihn diese plötzliche

deutsche Stimme, die auf einmal wie eine Katastrophe die Einsamkeit der

Insel Kililiki und seine eigne weiße, erwartungsloser Ewigkeit ergebene

Vereinsamung donnernd zerschmetterte.

Peter lag am Boden. Sein Herz stach wie ein auf- und abschnellender, an

beiden Enden gespitzter Pfeil. „Ich werde irrsinnig!“ murmelte er. „Der

Zauber des Steinbruchs hat mich vergiftet. In der Luft fliegt ein

Wahnsinn. Die steinernen Götter sind alt und mächtiger als Europa ...“

stotterte er sich vor, halblaut, um seine Stimme zu hören und

vergleichen zu können, ob die deutschen Worte, die immer zahlreicher,

bald flehend, bald drohend, immer brüllender aus einem unsichtbaren

Loch über ihn fielen, Laute einer anderen Stimme seien.

Nach und nach erholte sich Peter. Das niederschmetternde Entsetzen, das

durch die grausame Plötzlichkeit dieser Laute ihn überkommen war,

verlief sich in seinem Blut. Er erhob sich, die Stimme rief: „So komm

doch, komm. Hier! Hier! ...“ Peter schaute rund um sich. Er sah eine

Seite des Kessels in Höhlen ausgegraben, die wieder vorn zugebaut

waren. Diese Höhlen bedeuteten wohl die Wohnungen der Schiefäugigen.

Aber die Stimme kam nicht von dort. Peter ging langsam und angestrengt

horchend auf die Laute zu. „Hier! Hier!“ brüllte es. „Mehr rechts! In

der Ecke!“ Peter ging rasch ein paar Schritte vor, und dann bemerkte

er, daß ein Winkel des Kessels mit jungen Bäumen bewachsen war, und daß

ein haushoher Hag unter den Bäumen diesen Winkel abtrennte. Da eilte er

dorthin, denn von dort erschollen die Rufe. Er suchte den Hag ab und

fand bald eine kleine viereckige Tür aus dicken aneinandergebundenen

Bambusstäben. Von außen konnte man sie mit einem Griff öffnen, und als

er sie offen hatte und einen Augenblick sich besinnend zurücktrat,

zwängte sich etwas in das offene Loch hinein, das Pirath zunächst für

nichts andres als eine Masse hielt. Das Loch war eine Weile verstopft

von der hellen Masse, die lebhaft arbeitete. Endlich zwang sie sich

durch, und auf dem Boden lag ein ganz nackter weißer Mann, dessen Haut

fast krebsrot gebrannt war und dessen Leib von einer mächtigen

Überfülle an Fett schwabbelte.

Diese Gestalt rollte sich bis an Peter heran. Ein blonder kleiner Kopf

hob sich aus der Masse heraus und stammelte zusammenhanglose Laute.

Pirath sprach dem am Boden Liegenden nicht weniger verwirrte Töne zu,

um ihn zu beruhigen. Aber auf einmal arbeitete der Koloß sich mühsam

mit Händen und Beinen los und stand dann, ungeheuer, mit Falten von

Fett behängt, vor Peter. Der kleine blonde Kopf mit kleinen blauen

Augen saß wie eine Haselnuß auf den fettgepolsterten Schultern und

öffnete plötzlich mit wütenden Lauten einen kleinen Mund. Es war Peter,

als ob der Fettkloß ihn anbellte.

„Was! Du ... du ...!“ zeterte der Dicke mit einer fisteligen, nach

Worten happenden Stimme. „Du wolltest mich da liegen lassen! Du

wolltest mich da liegen lassen, du Hund, du falscher Engländer!“

Peter gewann bald die Fassung wieder und warf rasche beruhigende Worte

in die Rede des andern: „Nein, nein! Ich bin ein Deutscher und

schiffbrüchig auf die Insel gekommen wie Sie. Beruhigen Sie sich! Wie

heißen Sie? Wie kommen Sie her?“

„Einen Dreck!“ brüllte der andere. „Einen Dreck, wie ich heiße und wie

ich herkomme. Jetzt schaust du, daß ich aus diesem Loch davon komme.

Nun lieg’ ich lang’ genug zwischen diesen schwarzen Schweinen ...“ Er

hörte nicht auf zu schreien und rief ununterbrochen Unflätigkeiten.

Da dachte sich Peter: „Er ist verrückt geworden durch die Aussicht,

vielleicht doch noch Europa wiederzusehen. Ich kann ihm nicht helfen.

Ich laß ihn sich austoben.“

Er stellte sich ruhig hin. Der Dicke schrie und wütete. Er konnte sich

kaum auf den Beinen halten und legte sich bald hin und raste am Boden

weiter mit wilden Worten gegen Peter, gegen die Insel, gegen ein

Schiff, das er „Jingo“ nannte, gegen die Schwarzen, gegen sich selber,

gegen Europa ... Peter wartete.

Allmählich wurde der Atem des Schimpfenden schwerer und stechender. In

der Kehle pfiff es ihm. Und mit einemmal war er still. „Brandy!“ sagte

er noch. Aber Peter winkte nein, er habe keinen Branntwein. Der Dicke

lag ausgestreckt am Boden, wie ein Tier, das sich sonnte. Peter

betrachtete ihn und hatte dabei das peinliche Gefühl, daß er diesen

Menschen nicht aus dem Kessel der Schiefäugigen retten wollte, weil er

nicht wußte, was er auf Kililiki mit ihm machen sollte. Er warf diesen

Vorstellungen vor, sie seien falsch, treulos, egoistisch. Aber er

vermochte nichts gegen den dunkeln Instinkt, der ihm diesen Menschen

störend und gefährlich erscheinen ließ, und seine erst zaghaften

Bedenken wurden rasch zu einem unumstößlichen Entschluß.

Nachdem der andere eine Weile mit schwerfälligem Atem am Boden gelegen,

richtete er sich in eine Sitzstellung auf und sagte, er wolle erzählen,

wie er hergekommen sei.

Er begann eine verworrene Rede, in der er sich fortwährend im Erzählen

wiederholte, die Erlebnisse zeitlich nicht auseinander zu halten

vermochte, sie haltlos vermischte, und Pirath konnte nur mit Mühe

verstehen, daß der Dicke mit dem englischen Dreimaster „Jingo“

scheiterte und allein an die Insel geworfen wurde, wo ihn die Schwarzen

auf einmal überfielen, festbanden und in den Steinbruch schleppten.

Dort lag er tagelang in einer Ecke festgebunden, und er sah, wie sie

einen hohen Hag bauten. Als der Hag fertig war, banden sie ihn los und

führten ihn hinein. Er dachte, es ginge in den Tod. Aber weit entfernt!

Im Hag waren sieben Weiber, die auf ihn warteten und sich alleweile mit

ihm ergötzen wollten. Nie in seinem Leben habe er so tolle Weiber

gehabt. Sie wollten ihn ganz auszapfen, so versessen waren sie auf ihn.

Und Essen brachten sie und die Schwarzen, mehr als er wollte und

konnte: Nüsse, Fische, Schweinebraten, Hühner, Tauben, Taro, Früchte,

Bananen, Papayas, und wenn er nicht mehr essen wollte, kitzelten ihn

vier Frauen, und die andern stopften ihm das Maul voll Essen. Aber aus

dem Hag ließen sie ihn nicht hinaus. Sonst lebte er, wie er sich’s nie

besser gewünscht hatte. So wurde er dick.

Im Laufe der Jahre lernte er dann die Sprache und hörte von den

Weibern, daß die Schwarzen glaubten, er sei ein Gott. So eine ähnliche

Geschichte mit Weißen hätten sie sich immer vorher erzählt. Und wie er

am Strand gefunden wurde, da haben sie geglaubt, er sei der

angekündigte, gefährliche weiße Gott, und sie haben ihn unschädlich

gemacht und für sich zu gewinnen versucht, dadurch daß sie ihm die

tollen Weiber gaben und ihn mästeten.

Als er seine Geschichte erzählt hatte, fragte Pirath ihn über die

Schlitzäugigen und über das Steinbild, an dem sie arbeiteten. Da wurde

der andre auf einmal wieder rasend. Er schrie: „Leck’ mich ... Was soll

es jetzt mit den Schwarzen, du ... du ...! Heraus will ich. Heim! Nach

Buxtehude ...“

Piraths Insel · 第 70 / 96 题