Seeschwalbe aber starrte ihn nur aus der Finsternis heraus an. Peter
beugte seine Augen tief zu ihrem Gesicht nieder und sah, daß das
Entsetzen darin stand. „Auf! Auf! Du Seeschwalbe!“ sagte er noch
einmal. Aber das Weib rührte sich nicht. Es war, als ob die
Aufforderung sie mit einem dumpfen Zauber belegt habe. Peter hielt
seine Augen nahe den ihrigen und sagte dann scharf und hart: „Ich will
wissen, woher der Schiefäugige kommt!“
Seeschwalbe atmete mit einem Schrei auf und blieb stumm. Sie saß da und
hüllte sich in die Schauer ein, die ihr über Herz und Haut liefen. Es
war ihr, als schwirrten die bösen Dämone durch die Luft wie
Eintagsfliegen. Sie zwang sich, mit keinem Nerv zu zucken. Vielleicht
sahen sie sie nicht. Der Steinbruch Mutter lag im Norden der Insel als
deren heiligstes Tabugeheimnis, und außer von des Königs Mund durfte
sein Name nie ausgesprochen werden, durfte nie ein vorwitziger Willen
ihn aufsuchen. Denn im Steinbruch Mutter, wo die Schlitzäugigen
wohnten, wohnte auch der Tod.
Peter forderte Seeschwalbe auf, zu antworten. Sie zitterte und schwieg,
und von plötzlicher Todesangst bewältigt, fiel sie zu ihm nieder,
drückte sich an seine Beine an und preßte ihren Kopf von rasenden
Schauern vergewaltigt, zwischen seine Knie. Er aber hob sie sacht auf,
und ohne seinen strengen Ton zu ändern, beruhigte er sie. „Ich bin der,
dem kein Gott etwas antut, du Seeschwalbe. Das weißt du!“ Zum erstenmal
wollte er die Macht benutzen, die Kililiki ihm gegeben hatte. „Wenn
zehn mal zehn mal zehn böse Geister im Norden mit Rotangschlingen die
Menschen unters Wasser ziehen, so weichen sie erschrocken und bang,
wenn ich komme!“ fuhr er fort. „Mein Tabu ist das mächtigste der Insel,
und kein Lebender und kein Geist wagt es anzutasten. Das Verderben wäre
ihm gewiß. Sieh, du Seeschwalbe, dies hier nehme ich ...“ Er ergriff
die Revolver, die er stets in einer wasserdichten Kiste bereitliegen
hatte ... „damit hab ich den König getötet. Und wir segeln im Nachtwind
nach Norden, Regenbogen und du, Seeschwalbe. So spricht Regenbogen zu
dir, nicht bös, weil du unfolgsam bist, aber streng und gewiß.“
Seeschwalbe begann ein seufzendes Wimmern auszustoßen. Peter spürte,
wie sie ihr Gesicht voll an seinen Leib drückte, um nur nicht in die
Finsternis zu sehen. Ihre Hände griffen erregt um seine Rippen, und die
Finger krallten sich in ihn. Er fühlte, daß die Angst vor dem
Geheimnis, das in dem Schiefäugigen lag, sich lockerte, und fuhr fort:
„So spricht Regenbogen zu dir, du Seeschwalbe. Er entbindet dich des
Schweigens über den Schlitzäugigen. Es sind keine bösen Geister um dich
in der Finsternis. Sie fürchten meine weiße Haut. Du kannst sprechen,
du Seeschwalbe. Du mußt sprechen! Denn Regenbogen will es. Regenbogen
wird deine Worte in sich nehmen und gleich zerstören. Kein Ohr auf der
Insel, in der Luft oder im Wasser wird sie hören. So spricht
Regenbogen.“
Peter kämpfte noch lange und heftig auf diese Weise mit ihr, bis
schließlich seine weiße Energie ihre dunkle Weichheit besiegte, ihr
kleines angstgemartertes Hirn mürbe machte, und wie sie sich einmal
entschlossen hatte, das Geheimnis des Steinbruchs Mutter preiszugeben,
da war all ihr Vertrauen mit kindlicher Sicherheit bei dem weißen Gott.
Sie hatte keine Angst mehr. Jahrelang hatte das gefahrgeladene Tabu
jenes heiligen Platzes ihre Phantasie schwer bedrückt und geknechtet.
Nun war mit einemmal die Phantasie frei, und sie flog auf wie eine
Schwalbe, die sich aus dem Maul einer Schlange retten konnte. Sie
erfaßte Peters Hand mit ihren beiden Händen, setzte sich auf die
gekreuzten Beine nieder und sagte: „Seeschwalbe will sprechen!“
Dann erzählte sie:
„Einmal begann es auch bei mir, da entfloß zum erstenmal meinem Leib
das Blut. Da durfte mich vier Tage und Nächte kein Mann sehen. Und ich
saß mit meiner Mutter in der dunkeln Hütte. Da sprach meine Mutter zu
mir: ‚Jetzt ist die Zeit da, daß ich dir vom Steinbruch Mutter
erzähle.‘ Da erzählte die Mutter: Im Norden der Insel ist ein Loch in
der Küste. Da ist ein großes Loch und hat hohe glatte Wände, und nicht
vom Land kommt man hinein, sondern nur vom Wasser. In diesem Loch
wohnen die schlitzäugigen Magier. Sie sind Menschen wie wir, und wenn
die Seele sie verläßt, stirbt ihr Leib wie bei uns. Aber mit ihren
Händen können sie sich von der Insel Kililiki versetzen, und dann leben
sie über den Wolken, wo der große Geist alles Lebens wohnt. Dann ist
es, als ob ein jeder in der tiefen dunkeln Weiberhütte droben über sich
selber herfiele. Dann zeugt ein jeder mit sich selber, wie der Wurm
sich in ein Altes und ein Junges abspaltet. Sie brauchen nicht Mann und
Weib zu sein. Dann schlagen ihre Hände mit dem harten Nephritbeil große
Menschen aus den Felsen, die mit den Füßen auf der Erde stehen und mit
der Stirne die blaue Decke durchbrechen. Dann gehen Geister in diese
Steine wohnen, die geheimnisvolle Macht über die Männer und Frauen
haben. Als Kililiki vor vielen Zeiten übers große Wasser zu der Insel
kam und zum erstenmal ihren Fuß aufs Ufer setzte, kamen die
Schlitzäugigen aus dem Wald und wollten sie töten. Da rief Kililiki aus
dem Wasser ein Krokodil herbei. Da kam das Krokodil und ging auf die
Schlitzäugigen zu und zerknackte mehrere. Die andern aber sperrte es in
das große Loch an der Nordküste ein. Kililiki baute ein Dorf. Das
nannte sie Vater. Da nannten sie das Loch in der Nordküste, in dem die
schlitzäugigen Magier wohnen: Mutter. Da bauten ihre sechs Söhne, die
sie mit dem Krokodil erzeugte, ein jeder ein Dorf. Deshalb sind sieben
Dörfer auf Kililiki. Das Krokodil aber hieß Ulawun.
Aber die Schlitzäugigen, die das Krokodil in das Loch eingesperrt
hatte, schlugen aus den hohen Felsen ihre steinernen Götter. Sie
trachteten nach den Seelen der Menschen. Denn sie würden
zusammenfallen, wenn sie keine Seelen bekämen. Alle Seelen aber, die
den Körper verlassen, werden vom Stammestier den großen steinernen
Göttern in Mutter gebracht, und sie steigen langsam im Leib des Gottes
hinauf, und wenn sie in die Stirn kommen, nimmt sie der große Geist
über den Wolken wieder zu sich. Auch deshalb müssen die Steine immer
neue Seelen bekommen. Die Schlitzäugigen arbeiten an jedem Steinbild so
lange, wie eine Mutter und ihre Mutter und ihre Tochter leben. Dann ist
immer ein Steinbild fertig. Dann ruft die Garamut, und die Männer der
sieben Dörfer müssen alle nach Mutter kommen. Dann beben sie sehr. Dann
steht am Fuß des fertigen Steines der älteste Mann der Schlitzäugigen.
Er ist bemalt und geschmückt wie bei einem Tanzfest. Er bekommt sehr
viel zu essen. Dann ist das Essen fertig. Dann legt er sich vor das
fertige Steinbild. Vier Männer kommen, und an jedem Bein fassen ihn
zwei an. Dann drehen sie ihn so lange herum, bis er wie ein Stück Holz
in einem Strudel kreiselt. Dann schlagen sie seinen Kopf an den Fuß des
steinernen Gottes, und seine Seele geht sogleich als die erste in den
großen Gott wohnen und klettert in ihm hinauf, bis sie in die Stirn
kommt und aus der blauen Decke herabschauen kann und ganz Kililiki
sieht und jeden Mann und jede Frau sieht, deren Seele der steinerne
Gott haben will. Das ist die Geschichte des Steinbruchs Mutter und der
schlitzäugigen Magier. So erzählt sie dir die Seeschwalbe, so wie sie
sie von ihrer Mutter gehört hat.“
„Wann waren denn die Männer der sieben Dörfer zum letztenmal im
Steinbruch Mutter?“ fragte Peter, den diese Erzählung geheimnisvoll
aufwühlte und der aus ihr tiefe und ewige Ahnungen des Menschseins
empfing, so dunkel, so verschlungen, wie die Erzählung selber war.
Seeschwalbe antwortete: „Lange bevor meiner Mutter Mutter Seele ihren
Körper bezogen hatte. Ich wohnte noch beim großen Geist über den
Wolken.“
Dann schwiegen beide. Seeschwalbe war frei und glücklich, daß sie
einmal dies Schwere und Verborgene aus ihrem Herzen herausnehmen konnte
und sicher vor Gefahr war, weil Regenbogen eine wunderbare, über die
Geister gebietende Macht besaß. Sie rutschte von Peter ab und sank
plötzlich hin. Sie lag gebogen wie eine Katze auf der Matte und war
gleich im tiefsten Schlaf. Peter legte sich auch wieder hin. Aber der
Schlaf floh ihn, und während der dunkle schillernde Himmel seine
gläserne Starrheit hoch über die einsame Insel wölbte, grübelte Peter
hinter dem Sinn und den Zusammenhängen der Erzählung her, in der die
Zuwanderung der sieben Dörfer zu der ehedem von schlitzäugigen Menschen
bewohnten Insel in verwirrtem Zusammenhang mit Teilen von einem
Erschaffungsbericht und dem Glauben an einen Kreislauf alles Lebendigen
vermischt war.
Es regte ihn auf, wie der Glaube dieser Menschen die Tätigkeit der
steinhauenden Künstler mit dem geschlechtlichen und mit dem ewigen
Schöpfungsprozeß gleichstellte und die Bildner der Steingötter ihren
Erschaffungen eine übermenschliche, geisterhafte Macht über die
Menschen und sich selber einhauchen konnten. Er dachte an den
Schöpfungsbericht der Bibel, daß Gott aus Lehm einen Menschen formte
und Leben in den toten Stoff blies.
Peter beschloß bei sich, am Morgen gleich zum Steinbruch Mutter zu
segeln.
Als sie Bananen zum Frühstück gegessen und zu den kalten Resten eines
Huhns Kokosmilch getrunken hatten, sagte Peter zu Seeschwalbe: „Du
Seeschwalbe, du gehst heut allein in die Pflanzung. Ich bleibe hier.“
Er dachte sich, Seeschwalbe widerspricht, argwöhnt und will mehr
wissen. Wenn ich ihr sage, wohin ich gehen will, so erfindet sie
Schauerdinge von Geistern, um mir es auszureden. Aber Seeschwalbe
nickte nur stumm: Ja! und ging gleich mit dem Tragkorb davon.
„Regenbogen geht jetzt nach dem Steinbruch Mutter!“ sagte sie sich, als
sie das Dorf durchschritten hatte und im Wald war. Geheime Schauer
überrannen sie.
Sie dachte nach, was für einen Gegenzauber es gegen den Einfluß der
Schlitzäugigen gab. Aber es bestand kein Kraut, kein Trank, keine
Speise, keine Blume, keine Worte, keine Handlung, die den Menschen
gegen den Steinbruch Mutter gefeit hätten, denn im Steinbruch Mutter
wohnte die Höhle der ewigen Einkehr und Trennung. Zugleich sagte sie
sich aber auch: „Du, Regenbogen, du bist weiß, wie ein Wolkenglanz, der
übers Wasser streift, du bist groß und stark wie ein Irimabaum, du bist
kampftüchtig wie eine Gottesanbeterin. Wer mag dir etwas antun können?“
„Hi! Hi!“ lachte sie mit einem tiefen Ton kichernd und warf sich vor
kindlichem Genuß über einen Strauch. Sie purzelte rasch über den
weichen Zweigen nieder auf den Boden und blieb in der tiefen Wiege des
Waldes liegen, in der sie Regenbogen zum erstenmal in sich empfangen
hatte, und lachte gurrend wie eine Taube in den Palmen am Meer und
krähte grell wie ein Kakadu. Eine kleine dicke Grille streckte vor
ihren Augen den Steiß aus dem Boden und rieb sich klirrend die
Hinterbeine an die Flanken. Seeschwalbes Finger ergriffen sie
unversehens, ihr leuchtendes freudiges Gebiß zermalmte sie im Nu, und
sie schluckte die Bissen jauchzend, als ob sie einen Strahl des
Erdglücks verzehren dürfte.
Peter machte sich derweil reisefertig. Er verpackte seine beiden
Revolver in einen kleinen bastgeflochtenen Beutel, lud Eßzeug ins Kanu
und nahm dann, um Möwenschnabel zu täuschen, das Fischgerät und die
Schlinge und Klapper zum Haifischfang mit. Der König rief: „Ö! Ö!“
herüber. Peter sah die Ausleger des Einbaumes nach, zog die kleine
Matte auf und stieß das Boot ins Wasser. Dann segelte er gleich nahe am
Ufer um den Vorsprung, der ihn den Blicken des Dorfes entzog. Der Wind
ging gut. Er kam von Südwest. Peter zog an der dorflosen Küste entlang,
an der sich überall uralte Hünenbäume schwerfällig und gewaltig über
den hellen Strand auswölbten.
Auch hier, wo keine Siedlungen waren, drangen Palmen empor, und ganze
Scharen standen, wie steil erstarrte urhafte Riesenschlangen, über den
Wald hinaus in der blauen Luft. Die Nüsse baumelten unter den Stützen
der Blattwedel, orangenfarbig leuchtend in fetten Klumpen zusammen. Da
dachte der einsame weiße Segler an die Pflanzung Matantuduk und an ein
Werk, das er einst verrichtet hatte. Menschenzüge strömten an ihm
vorbei, die ihm einst nahe gestanden hatten, und alles war doch
ungreifbar blaß, war wie eine Projektion aus der Raumlosigkeit heraus
in die dampfig-heiß um ihn verrinnende Sonnenatmosphäre. Von der rasch
verfließenden Vision behielt er nur einen Vorsatz in sich, über den er
halb sich selber lächelnd leid tat und dennoch einen Atemzug von
Zukunft empfing: er wollte die Einwohner der sieben Dörfer anlernen,
ordentliche Palmenpflanzungen zu schaffen.
Die Insel war geformt wie ein Kreissegment. Der Bogen lag nach Süden
und trug die sieben Dörfer in sich. Die beiden Schenkel waren nur
unbegangener Wald und liefen nach Norden spitz in ein mäßig hohes
baumüberschwemmtes Felsgebirge aus. Peter segelte an der Westseite
entlang. Das Dorf Vater lag hier am Beginn des Kreisschnitts, als
erstes Dorf der Reihe, und war man um die scharfe Ecke gesegelt, so war
nichts mehr von Hütten oder Menschen zu sehen. Die Sonne stieg steil
auf. Die niedern Berge näherten sich mit immer häufigeren, aus dem Wald
aufsteigenden Felsklötzen dem Ufer. Das Kanu zog nun rasch vor dem Wind
einher. Peter hielt es in Steinwurfweite vom Ufer. Er mochte vier
Stunden unterwegs sein, als er in seiner Fahrtrichtung das kleine
Gebirge gerade und plump aus dem Meer aufsteigen sah. Da stellte er das
Boot noch mehr unter die Küste, und eine große Ungeduld erfaßte ihn. Er
nahm die Revolver heraus und legte sie zurecht.
Nach einer langen Weile kam er unter den Felsen, an dem eine sanfte
Dünung schaukelte. Er umfuhr den Felsen. Er sah, daß er wie eine Bastei
ins Meer hineinragte, kahl und blaugrau und zeitgehämmerter Granit war.
Der Wind trieb das Boot an. Peter strich rasch das Segel ein und
ruderte. Jenseits des Felsens lag ein bewaldeter Uferstreifen flach auf
dem Meer. Aus den Bäumen dieser Küste stieg dann wieder rasch das
niedrige felsige Gebirge an. Peter ruderte den Einbaum an den Felsen.
Er wußte, daß er an seinem Ziel war. Den Felsen sah er im Bogen durch
den Wald rückwärts schweifen und zweihundert Schritte vom Strand über
den Bäumen sich wie einen Zirkus runden. Er wollte am Ufer entlang
rudern und den Eingang in diesen Zirkus suchen.
Da sah er plötzlich in Manneshöhe über dem Wasser, das Flut hatte,
einen Fußweg wie ein Band sich am Felsen dahinschlingen. Er ruderte zu
der Stelle, wo der Wald an den Felsen stieß. Dort zog er das Boot aufs
Ufer, band sich die Revolver an und kletterte mit Hilfe eines
Baumstamms auf den Steg im Felsen. Dieser Steg war nicht breiter, als
sein Fuß lang war. Peter mußte sich mit dem Rücken gegen den Felsen
weiterschieben. Die Äste der Bäume drückten sich fest an den Stein.
Mühsam zwang Peter sich weiter hindurch. Dann verließ der Pfad den
Felsen und wand sich ins Gestrüpp hinein, und mächtige Baumkronen, von
hellen riesenhaften Stämmen getragen, über sich, drang Peter vor.
Auf einmal stand er am Rand eines Kessels. Er sah zwischen den Bäumen
durch, unter denen er stand, untief zu seinen Füßen einen weiten, von
Baum und Gestrüpp freien Kreis. Die Sonne schien hinein. Er trug die
Spuren von Arbeit und Menschen, aber Peter sah keine Seele. Er hörte
nur einen Lärm, wie ein auf Dächer prasselnder Regen. Auf einmal
bemerkte er, daß der freie Platz jenseits einen Steinwurf weit an einer
dunkeln Felswand aufhörte. Diese Felswand stieg steil und eben auf,
hoch wie ein Seglermastbaum.
Peter stand erschrocken still. Die glatte ungeheure Wand sah schwarz
aus wie ein rasender Gewitterhimmel. Peter strengte sich an, zwischen
den Bäumen durchzuschauen, die sich auf seiner Seite über die Kante des
Kessels warfen, und allmählich sah er, daß die Wand nicht glatt war. Er
erkannte mit schlagendem Herzen, daß schwarzleibige Gestalten mit
ungeheuren Leibern aus dem Granit hervorragten. Es war, als hockten sie
auf kurzen plumpen Beinen im Gestein und der Leib reckte sich dann frei
auf. Der Bauch stieg wie eine Kuppel über die Schenkel. Die Schultern
rundeten sich ab, schwerfällig und drohend wie Bastionen. Die Arme
lagen wie hünenhafte Schlangen über den Bauch gekreuzt, und über ihnen
stieg die Brust auf und war aufgestautes steinernes Meer, das sich
jeden Augenblick verhängnisvoll über die Insel loswälzen kann. Der Kopf
war gebildet wie ein mächtiger oben sich ausweitender Kegel; als eine
Balustrade baute sich die Stirn auf, niedrig und scharf vorgewölbt, und
die großen schiefstehenden Augen waren flach und trugen die
schauerliche Starrheit eines von Ewigkeit zu Ewigkeit dauernden
Totseins in sich, das dennoch geheimnisvoll mit dem urlangsamen
Wachstum des dunkeln Granits angefüllt war.
Peter sah eine Reihe von diesen steinernen Ungeheuern nebeneinander
sich errichten. Sie waren wie Türme, denen ein Gott furchtbare, brutale
Menschenformen gegeben hatte. Sie waren versteinerte Urtiere. Eines war
wie das andere, und sie waren doch unterschieden unter sich.
Schließlich erkannte Peter, daß seitwärts der Steinbilder der Felsen
von zwei parallel in die Höhe laufenden Reihen kleiner Terrassen
gefurcht war. Die Terrassen waren mit Bambusstangen untereinander bis
auf den Boden und bis zum Scheitel der hohen Felswand verbunden.
Als er eine Weile angestrengt schaute, bemerkte er, daß auf den kleinen
Terrassen sich etwas regte. Er trat unwillkürlich vor. Ein toter Ast
zerkrachte unter seinem Fuß. Ein Ruf mit sonderbaren zwei
gleichzeitigen Tönen stieß durch die Luft. Die Terrassen, die Peter
durch das Laub nur in kleinen Flecken sah, schienen sich aufzulösen. An
den hellen Bambusstangen rasten dunkle Leiber aufwärts. Peter, vom
Schauer des Sehens, vom Willen zu nehmen, gestoßen, brach gewaltsam an
die Kante des Kessels durch.
Er sah, daß sie nicht tiefer als eine doppelte Mannshöhe bis auf den
Boden maß. Mit Hilfe eines überhängenden Astes ließ er sich
hinabrutschen, fiel hin, sprang zugleich empor und lief, mit den Händen
nach den Revolvern tastend, quer in den Kessel hinein, auf die
Terrassen zu. Er sah einige kleine dickköpfige Menschen schon ganz oben
an den Bambusstangen davonfliehen und erkannte zugleich, daß die
Terrassen das Gerüst waren, von dem aus eine neue Steinfigur aus dem
Felsen geschlagen wurde. Die kurzen schwerfälligen Beine waren schon
fertig. Das Gewölbe des Bauchs hob sich über die Schenkel, die Brust,
die Augen, die Stirn schauten auf ihn herab. Aber Leib und Kopf staken
noch tief im Felsen drin.