Möwenschnabel sagte erschrocken: „Nein!“

„Weshalb nicht?“ fragte Peter.

„Im Norden wohnt in einem Loch am Ufer der böse Geist.

Der böse Geist hat unsere Mutter Kililiki getötet, hat ihre Seele

behext und hält sie an einer langen, langen Rotangschnur und läßt sie,

wie einen Falken über die Tauben, über die Menschen niederstürzen, die

dort vorbeirudern.

Die verhexte Seele wohnt in der Luft und im Wasser. Sie kann von

überall her über uns ...“

Peter ließ Möwenschnabel weiter reden. Er horchte nicht zu.

Der König überschüttete ihn mit weitläufigen dunkeln Worten, um ihn von

seinem Vorhaben abzubringen.

Peter ging in sein Boot.

Er hatte die Tage, die er seit der Ankunft an der Insel in seinem Boot

wohnte, mit Kerben am Bootrand eingezeichnet und sie in Gruppen zu zehn

abgeteilt. Er begann diese Kerben abzuzählen. Er kam bis zu

dreihundert, und es stand noch eine Reihe vor ihm. Da ließ er es

plötzlich bleiben.

„Was ist hier Zeit?“ fragte er sich. Ein Tag sind tausend Jahre und

tausend Jahre sind ein Tag. Er war ein verschlagener Mönch von

Heisterbach und ließ sich tief vor dem Wunder Kililikis versinken.

„Ich will die Tage nicht mehr anzeichnen! Was ist Zeit?“ fragte er sich

noch einmal.

Und plötzlich erschien in diesen geheimnisvoll versinkenden

Vorstellungen das Bild eines jungen braunen Mädchens.

Sie hieß Seeschwalbe und war ihm einmal unvermittelt im Wald begegnet.

Da war sie stehengeblieben. Ihre schlanken Hüften stiegen sonnenbraun

aus dem grünen Gestrüpp, wie aus einem Bad. Sie öffnete zum Lachen den

Mund, und ihr großes und leuchtendes Gebiß legte sich bloß und war

mächtig und unwiderstehlich, wie ein junges Raubtier.

An diese Begegnung dachte Peter in hin und her hastenden Vorstellungen.

Er hatte sich immer ausgemalt, seine Kraft bestände darin, daß er die

Weiber mied. Das fiel auf einmal lächerlich in ihm zusammen. Weiber

waren, wie das atmende Laub an den Bäumen, wie die Ranken an den

Lianen, menschliche Verknüpfungen mit der gewaltigen Natur. Sie waren

die Wirklichkeit der Phantasie, das Gewähren der schöpferischen Güte,

die dunkle innige Wölbung der Gebärmutter, aus der das Urleben sich

herausschmiegte, die geheimnisvoll finstere Grotte, in der das Fleisch

seine Haut und seine Lebensfähigkeit gewann.

Während er so grübelte, bemerkte er zugleich, daß die Vögel heftig über

den Boden niederdrangen, plötzlich hochschnellten und im Bogen zur Erde

zurückgingen. Gleich trieb ein Zug von Käfern am Bug vorbei und hastete

dahin, wie in einer Flucht. Kleine Insekten überholten sie und Ameisen

kamen, stauten sich, als sammelten sie Mut und in der Masse Kraft, es

mit einem Feind aufzunehmen. Alles Leben trieb aus einer Richtung

heraus auf den Bug seines Bootes zu. Die gleitenden Vögel, die sich wie

Pfeilschüsse immer wieder auf die Erde warfen und wie Bumerangs im

Bogen in die Luft zurückkehrten, näherten sich ihm rasch. Er stand auf

und wartete, und auf einmal schlang sich um den Bug eine der giftigen

schmalen und kleinen Schlangen herum.

Sie sah das plötzlich große Leben vor sich, unterbrach die aalende

Wanderung, hob den Kopf und blies die Backen auf. Sie sammelte alle

elektrische Kraft ihrer Ringe vor der großen Gefahr. Ihre Muskeln luden

sich rasch und ballten sich, ihre Wirbel bereiteten sich zum Sprung,

das Gift schwoll in der Drüse, die Stoßzähne zitterten. Aber bevor sie

auf das weiße Feindliche losspringen konnte, hatte Peter mit einem

Brett ihre Wirbelsäule zerbrochen. Die Schlange wand sich in unselig

machtlosen, verdammten Krümmungen. Es war ihr, als ob der Sand sie

umklammerte, als ob die Erde sie an sich saugte. Peter tötete sie

vollends mit dem Brett und schleuderte sie zurück ins Gras. Die

Seeschwalben stürzten über sie her und hackten im Flug in sie hinein.

Die Ameisenarmee machte in Eilmärschen kehrt. Aber ein Reiher nahm die

Schlange rasch mit übers Wasser. Sie hing wie ein totes Seil in seinem

Schnabel, und er flog mit ihr vom Ufer davon. Die Seeschwalben stürzten

in erregter Befriedigung, satt und glücklich vor Rache, hinter ihm her.

Die Insekten, Käfer und Ameisen gingen, jede wieder von Sorge frei, der

Richtung ihres Lebenserwerbs zu.

Übers Meer zog Regen heran. Wie eine schleifende graue Wand näherte er

sich. Peter richtete das schützende Segel, das nur mehr aus Fetzen

bestand, auf dessen größte Löcher Matten befestigt waren. Dann aber

dachte er sich, es sei gut, wenn er sich auszöge und den seichten

Strand hinab im Baden dem Regen entgegenginge. Seine Kleider mußte er

vorsichtig behandeln. Das weiße Drilchzeug hatte der Zeit und Witterung

und dem vielen Waschen schließlich nicht mehr standhalten können. Es

war brüchig geworden. Er zog die Jacke und dann die Hose mit Sorgfalt

aus, legte sie unter ein Brett ins Trockene und schritt dann dem Regen

zu.

Da schimmerte auf einmal, wie ein Schlag durch die Luft, ein breiter

mächtiger Regenbogen auf. Er stützte einen Fuß seiner Brücke scheinbar

in den schweren alten Baum und trat mit dem andern, vor Farbigkeit

strahlend, in das schieferdunkle Ungemessene des Raumes hinein. Peter

schritt rasch aus. Er wollte in die farbige Nebelbrücke hinein. Die

flimmernden Dünste wichen vor ihm zurück.

Aber Schildkröte, der ein Gefolgsmann des Königs war und nahe am Ufer

im Sand saß, während das geschah, sah, wie Wolkenglanz rasch in die

farbensprühende Säule des Regenbogens hineinging. Er erschrak. Zuerst

verschlug ihm der Atem. Der Regen stürzte hastig heran. Wolkenglanz

verschwand fast in den niederrauschenden Fluten. Der Regenbogen stieg

breit in die dunkeln Wolken, wurde von ihnen halb verschlungen, wie von

einem urhaften Krokodil, und Schildkröte sprang entsetzt auf, lief

heulend ins Dorf, weinte, daß die Tränen wie der Wolkenbruch über die

Blätter des Baumes an seinen Backen rannen, und brüllte:

„Der Gott Wolkenglanz verläßt Kililiki. Der Segen verläßt Kililiki. Die

bösen Geister werden sich über Kililiki werfen!“

Männer und Frauen drangen aus den Hütten. Der Regen peitschte ihnen in

die Augen. Sie sahen nichts. Nur die Trümmer des Regenbogens standen

noch in der grauen Luft. Und alle erinnerten sich, daß Wolkenglanz über

einen Regenbogen zu ihnen gekommen war. Und alle schrien auf einmal:

„Der Gott Wolkenglanz ist auf dem Regenbogen zurückgekehrt. Wehe!

Wehe!“ Möwenschnabel trat, vom Lärm aus seinem dunkeln Hause geführt,

auf die schmale Veranda über der Leiter, hörte und glaubte, sein

letzter Augenblick sei gekommen. Die Regen rasten knatternd hernieder.

Sie trommelten auf Blätter, Dächer und Erdboden wie Steine. So sang der

ewige Geist des heimkehrenden Sohnes Wolkenglanz das Tanzlied. Das war

der heftige Lärm des Regens, und der ewige Vater brach hinter

Wolkenglanz den Regenbogen ab. Deshalb sah man nur noch ein Stück des

Bogens blaß in den hohen finstern Regenmassen.

Der Regen schleppte schwer und eilig über die Insel weiter. Er war bald

davongerauscht, und gefrischt von der heftigen Kühle, über und über

rinnend von Tropfen und Nässe, stand Wolkenglanz auf einmal wieder an

seinem Boot. Die untergehende Sonne flog, wie leuchtende Tiere, auf

seiner nassen Haut auf. Er flimmerte und blitzte und strahlte Licht aus

und gehörte wieder Kililiki.

Da war heiße Freude im Dorf Vater, und die Männer, Frauen und Kinder

kamen heran und tätschelten sein göttliches weißes Fell.

„Du, Ohm Wolkenglanz, warst beim väterlichen ewigen Geist!“ meckerte

Möwenschnabel, der sich nicht fassen konnte vor Glückseligkeit. Er

ergriff mit blöden, schmeichelnden Fingern Peters Handgelenk, bald

seinen Daumen oder eine Brustwarze oder den Oberarm und tänzelte um

ihn. „Der Ohm Wolkenglanz liebt Kililiki. Kililiki liebt ihn. Du, Ohm

Wolkenglanz, kommst von einer großen Reise heimwärts zu Kililiki, und

wir Männer und Frauen werden deine Rückkunft feiern.“

Es wurde ein großes Tanzfest angesagt. In der übernächsten

Vollmondnacht sollte es stattfinden. Die Tage, die nun kamen, änderten

das Leben der Dörfer vollkommen. Auf einmal löste ihre sonnenbeladene

Stille sich in ein Summen und Brummeln auf, das früh mit dem

Tagesgrauen anfing. Die Männer und Weiber gingen kaum mehr in die

Pflanzungen. Sie holten sich nur, was sie zum Essen nötig hatten. Wo

eine Gruppe beisammensaß, begann sie bald leise die alten Tanzmelodien

zu singen, einer stieß mit einem Holz an einen Hauspfahl den Takt der

Garamut, und im Sitzen machten alle die uralten Bewegungen, deuteten

mit den Füßen die Tanzschritte an, ließen die Arme gehen und wiegten

den Oberkörper. Und dann konnte es vorkommen, daß auf einmal die ganze

Schar ins Flammen geriet, aufsprang und eine der Figuren tanzte. Sonst

verspann sich tagsüber das Summen der Tanzweisen mit der Sonne über die

Dörfer.

Wenn es dunkel wurde, fanden sich die Tänzer zusammen und übten.

Im Dorf des Häuptlings Fischreiher, das das siebente Dorf war, lebte

der alte Mangostein, ein Ohm von Seeschwalbe. Er war berühmt als

Erfinder von Tänzen und brachte jedes zweite Jahr eine Neuheit, die

rasch in allen Dörfern aufgenommen und Mode wurde; das brachte ihm viel

Muschel- und Zahngeld ein, denn die Tänze und Lieder waren ihrem

Urheber geschützt. Mangostein erfand einen Tanz, der das Erdkommen und

Erdwandern Wolkenglanzes darstellte. Er nannte den Tanz „Regenbogen“,

und das war auch der Name, den Peter nun endgültig bekam.

Der Tanz sollte zusammen von den Männern aller sieben Dörfer getanzt

werden, und man begab sich sofort an das schwierige Einstudieren.

Mangostein ging zu den Holzschnitzern. Die mußten kleine Schnitzereien

machen, die das Boot Peters darstellten, es aber halb als Kanu, halb

als Muschel ausgestalteten und lebhaft bemalten. Es wurden viele Dinge

darauf gemalt. Der Regenbogen stand darauf, die Wolke stand darauf, das

große Wasser, die Insel Kililiki und die sieben Dörfer; das Farnkraut

Tausendfuß war darauf gemalt, als das Zauberkraut gegen angehexte

Krankheiten; ein Bogen und Pfeil und der fliegende Hund; der tote

Mensch und der tote Geist, der weibliche Geschlechtsteil und der

Bambus, der Regen und der große Geist über den Wolken ...

Und während dies Kunstwerk hundertfältig entstand und in neuen

Erdfarben frisch in den Häuptlingshütten erglänzte, ging die Seele

Regenbogens hinein, wohnte drinnen, und das Schiff war das Symbol der

Allgegenwärtigkeit des erdgekommenen Gottes. Abends wurde es den

Männern gegeben, und sie übten den Tanz, in einer Hand die Seele

Regenbogens darbietend, mit der andern Kräuter und Blumen schwingend.

Pirath wurde darüber der Regenbogen, die Fleischwerdung, der

Zusammenhang zwischen Kililiki und der Überwelt des großen Geistes über

den Wolken.

Die Männer übten in den Mondnächten den Tanz bis zum Aufbruch der Sonne

und fielen dann in ihren Hütten in die Schlafecke und erwachten erst nach

der Mittagsstunde, wenn der Hunger in ihren Leibern herumstieß. Dann

begannen sie gleich wieder, und ihr Leben war nur Spiel und Traum in

diesen Wochen. Herrlich, wunderbar und gottgemacht nannten sie dieses

Leben. Sonst dauerte das Einüben eines Tanzes, der so schwierig und

vielfach wie der Tanz „Regenbogen“ war, drei, vier anstrengende Monate.

Die Aktualität der Ereignisse, die der Tanz „Regenbogen“ darstellte —

ein jeder hatte alles unmittelbar miterlebt —, war für alle ein

Ansporn und ein heftiger Reiz. Sie brauchten sich nicht erst mühselig

in den Sinn hineinzuleben. Sie nahmen mit immer wacher Kraft, mit

fortwährend aufgestacheltem Verständnis die Erklärungen und

Darstellungen des Tanzmeisters Mangostein auf. Sie gruben Melodien,

Worte und Bewegungen sofort in sich ein, und als die Vollmondnacht sich

nach fast zwei Monaten näherte, waren sie vorbereitet und warteten auf

das Ereignis, das wie ein Wunder vor ihrem Lebensweg lag und nur darauf

harrte, von den Menschen in Besitz genommen zu werden.

Peter wußte, was vorbereitet wurde. Er verhielt sich dagegen, wie

Erwachsene vor einer Bescherung, mit einer gemäßigten Spannung und

einer gespielten Diskretion. Er lebte in einem leidenschaftlichen Auf

und Ab. Bald floß er wie ein dunkler Strom, voll nächtiger Melancholie,

voll rauschender Unrast und Sehnsucht nach seiner Heimat, seinem

Bruder, seiner Tätigkeit, und dann konnte es geschehen, daß dieser

Strom plötzlich verrann und, wie ein drohendes Stauwehr seinen Wall

endlich bricht, ergoß sich die Glückseligkeit und die paradiesische

Erfüllung der widerstandslosen Natürlichkeit Kililikis über ihn. Er

fühlte, daß seine letzten Vorfrühlingstage vor ihm standen und daß der

Sommer wartete, dessen reifender Saft mächtig aus dem Schoß der

schwarzen einsamen Südseeinsel in ihn drang.

Als er früh am Tage des Festes vom Baden kam und die Sonne rasch seine

Haut getrocknet hatte, wollte er seine Hose anziehen. Da riß das eine

Bein von unten bis oben auf; morsch wie es war, konnte der Schaden

nicht mehr gutgemacht werden, und Pirath entschloß sich zu der großen,

für ihn symbolisch werdenden Entscheidung, von nun an nackt zu gehen

wie die andern. Er riß einen noch brauchbaren Streifen aus der Hose und

machte mit ihm einen der schmalen Schamgürtel, die zwischen den Beinen

durchgezogen und hinten und vorn an einem Strick befestigt wurden, der

den Leib umspannte. Diesen Schamgürtel trugen von der Mannbarkeit an

die Männer Kililikis.

Der erste Besuch, den Peter in seiner neuen Toilette empfing, war der

der Frauen Möwenschnabels. Sie schienen die Veränderung nicht zu

bemerken. Auch Möwenschnabel, der dann kam und glücklich, wie ein Kind

bei einem frohen Fest, ihn anmeckerte, nahm offensichtlich keine

Kenntnis von Peters geänderter Tracht. Er streichelte dem Ohm nur über

die Arme und Hände und schlug ihn dann roh auf die Schulter zum

Zeichen, daß er heute des Königs Gast sei.

Er nahm ihn gleich mit. Im Königsdorf, auf dem mit Sträuchern, Blumen

und Pflanzen, mit Tanzmasken, Königswaffen und schönen Matten

ausgeschmückten Platz vor dem Königshaus fand Peter die Häuptlinge der

Dörfer im Kreis auf dem Boden sitzen. Mit offenem Mund rülpsten sie ihm

fröhlich, aus tiefster Kehle gurgelnd, den Gruß „Ö! Ö!“ entgegen.

Die Weiber arbeiteten unter der Kochhütte herum, wühlten mit

Bambuszangen in den mit heißen Steinen gefüllten Gruben. Drinnen

brieten Hühner und Tauben, zerstampfter Jam war, mit dem zu Brei

geschabten Kokosfleisch gemischt und um zarte junge Taroblätter

eingewickelt, zwischen zwei Lagen heißer Steine geordnet worden. In

einem andern Kochloch wurden Taro, Jame und Bananen gedünstet, indem

man die Matten, zwischen denen sie lagen, mit Wasser tränkte, das sich

an den heißen Steinen auflöste. Haufen von Fischen, die zwischen

Blättern gebacken worden waren, lagen schon bereit. Über drei offenen

Feuern brieten Schweine am Spieß. Ein Hügel von gerösteten Brotfrüchten

schichtete sich auf einer Matte um einen Pfosten der offenen Kochhütte

auf. Suppen und süße Speisen wurden aus Papayafrüchten mit Stärkewurzel

und Kokoskernsaft bereitet. Puddinge und Pürees, die aus Kokosmehl,

Seewasser, Pfefferschoten und kleinen Zitronen bereitet wurden, kochten

die Frauen in aufgerollten Bananenblättern und umgaben die Blätterhülle

zur Verstärkung mit einem oben zugebundenen Beutel aus

Brotfruchtblättern. Meertang und Tintenfisch, Taschenkrebs und das

fette Fleisch der Tridaknamuschel, Taroklöße und Jam in Kokoskernsaft,

Bananenbrei und Schnecken, Seeigel und Baumschlangen, Käferlarven und

Würmer ...

Es wurde ein gewaltiges, übermenschliches Essen.

Es dauerte bis in die Dämmerung, und im Kernpunkt saß Regenbogen,

umstrahlt von dem Glück und der Anbetung des fressenden Kililikis. Zu

seinen Ehren stopften sich die schwarzen Bäuche. Die Frauen und die

Königsdiener rannten und schwitzten. Der Essensgeruch wurde von der

heißen Sonne, die über den Baumkronen und Palmenköpfen ihren grellen

hitzigen Glanz aufwölbte, niedergedrückt und änderte die Luft des

Schattens zu einer schweren, gereizten Sattheit um. Das Schmatzen,

Plaudern und Rülpsen füllte melodisch den Essensplatz.

Als dann die Sonne hinter dem Meer versunken war und es einen

Augenblick lang war, als ob Tag, Dämmerung und Nacht zusammen auf der

Erde ständen, erhob man sich. Zwischen dem ersten und dem zweiten Dorf

war der Tanzplatz gemacht worden. Die Männer hatten dort unter Palmen,

die der Urwald dicht umschloß, einen langen schmalen Platz eben gemacht

und rundum mit Blumen und Sträuchern geschmückt. Pirath ging mit dem

König an der Spitze zu diesem Tanzplatz. Er hatte sich, trotz allem

Zurückhalten, zu voll gegessen, und er ging neben dem König in einer

faulen Benommenheit dahin. Er fühlte seine Adern bleischwer seinen

Körper durchfließen. Oft schloß er die Augen und wünschte, daß er sich

gleich zu Boden werfen und schlafen könnte, und dann reizte fast in

demselben Augenblick ein Ruf in der Dunkelheit, eine Bewegung über

seinen Augen, eine holperige Stelle unter seinen Füßen ihn jäh wach. Er

schimpfte, und eine dunkle Wut schwoll in ihm an. Er konnte seinen

Zustand nicht in eins fassen. Zerhackt, wie ein Ball geworfen, verirrt

in rauschende Unbekanntheit, so kam er sich vor.

Möwenschnabel wollte, während ununterbrochen das Genossene sich bei ihm

laut zur Erinnerung brachte, konversieren. Peter antwortete nicht und

horchte nur dem schaukelnden Rausch seines Innern zu, und nach und nach

geschah es ihm wieder, als ob das vielfach Aufgewühlte in ihm sich zu

jenem geheimnisvoll sachten Sturz dämpfte, mit dem er in die sorglosen

Wucherungen der Seele der schwarzen Insel Kililiki versank.

Sie kamen bald an den Tanzplatz. Dort waren für Regenbogen, für den

König, die Häuptlinge und die Priester und Zauberer an einer Stelle

Matten niedergelegt. Während sie sich darauf niederließen, ordneten in

dunkelm Wirren die Scharen der sieben Dörfer sich unter die Palmen. Die

großen Garamuttrommeln wurden bereitgestellt, und als auf einmal ein

leises goldnes Flimmern die schwarzen Gitter der Palmwedel über den

Köpfen berührte, klang es in einem dunkeln und einem hellen Ton in den

Trommeln auf; der Doppelton riß einen schwirrenden Hagel von rasch

aufeinander rückenden Klängen aus dem Holz, und an einem Ende des

Tanzplatzes jagten fünfzig Weiberstimmen jäh in die Höhe und kreischten

das zarte Mondlicht an. Peter fuhr aufgestört mit dem Kopf dorthin. Er

saß inmitten der Häuptlinge und Priester auf einer schönen Matte. Er

sah nichts und hörte nur das grelle Psalmodieren der Frauenstimmen. Auf

einmal stieß ein starker flötender Ton aus der schrillen Melodie, und

zugleich drang in langsamen Schritten die tanzende Weiberhorde aus dem

fetten Schatten der Bäume in die sanfte Dunkelheit des Tanzplatzes. An

der Spitze schritt Seeschwalbe. Peter erkannte sie gleich. Seine Augen

hefteten sich an den edeln Schwung, in dem ihre rutenschlanken Beine

sich in die Hüften ausbogen. Sie blies in eine Muschel und schwenkte

mit der andern Hand ein Büschel von Kräutern und Blumen.

Die Frauen folgten den Bewegungen. Sie gingen vier und vier in einer

Reihe, und Seeschwalbe immer voran. Seeschwalbe bog in zarter Spannung

ihre Knie heraus, drehte sich halb um und auf wie eine Schlange, die

tonberauscht sich zu unbewußten Bewegungen aufrafft, und zog die andern

zu denselben Schritten hin, blies hoch und tief eintönig in ihre

Muschel, und das Bündel von Blumen und Blüten schaukelte durch die

Dunkelheit heran, auf Pirath zu. Der sah die zwei ungleichen, starken

und spitzen Brüste wie reife Kokosnüsse dunkel und fest sich unter den

Schultern spannen. Am schönen Leib wedelten knisternde Blumen und

Sträuße, und der Bauch war in seiner bronzenen Rundung nackt und

unbeweglich. Das sah Peter herankommen, mit kaum betonten Rhythmen hin

und her weichen, ruhig und eben, denn die Frau liegt still unter dem

Leib des Mannes ...

Peter saß da, alle fünfzig Weiber tanzten nur für ihn, all die schmalen

Beine stiegen so schön in die Hüften nur für ihn, all die breiten

Weiberschultern rundeten sich so edel in die Arme nur für ihn. In der

mondgoldigen, sacht verklärten Finsternis dämmerten die beiden Kugeln,

die von den Beinen getragen wurden, wie von Säulen, die aus lebendigen,

verhaltnen Tieren gebildet waren. Die Kugeln ruckelten sich rundend auf

und ab, ihm entgegen. Er saß da und war ein Pascha, die harrende

Raserei eines göttlichen Begattens und Erzeugens schwoll ihm aus der

Weiberschar und der millionenfach verschlungenen Waldesnacht entgegen.

Schwellend wartete die rauschende Heimlichkeit des Waldes um den

Tanzplatz, und der Liebestaumel von Leuchtkäferscharen knisterte hinter

den Tänzerinnen im finstern Wald, entzündete sich, verlöschte, glühte

wieder an, verschlang sich zu Licht und Nacht, zu Leben und Tod.

Peter löste seine heißen Augen nicht mehr von Seeschwalbe, die wie ein

weiblicher Heros mit ihren melancholisch starren, unheimlich harten

Muscheltönen und ihrem traumfremd behexten Vorausschreiten den Tanz

leitete. Peter wußte, daß seine Stunde schlug.

Die Weiber wanden sich, wie zwischen Finsternis und Licht kletternd,

mit den leis knatternden Blattbüscheln, den unerbittlich eintönigen,

jähen Psalmen sinnloser Worte, mit Geruch von Käfern, Tigern und frisch

geschälten Ruten an ihm vorbei über den langen Tanzplatz, und auf

einmal verschlang die satte Finsternis wieder Ton, Tanz und Leib, wie

sie am andern Ende des Platzes vorhin Ton, Tanz und Leib unversehens

ins Flimmern des Mondlichtes geschoben hatte. Die Leuchtkäfer beeilten

sich bei ihrem göttlichen Akt und funkelten über der Stelle, die die

Weiber in Dunkelheit verschlungen hatte, wie Diamanten, die sich

umkreiselnd vom Himmel fielen, aufblitzten und verlöschten und

aufblitzten.

Peter stand auf und ging ruhig davon. Seine Umgebung hatte sich halb

aufgelöst. Ein Teil saß, von der schweren Verdauung an den Boden

geheftet, und schaute ihm blöden Sinnes nach. Sein hoher weißer Körper

leuchtete in versprühenden Umrissen den Rand des Tanzplatzes dahin, wie

ein heiliges, ehrfurchtbeladenes Tier. Er ging auf die Stelle zu, wo

die Weiber verschwunden waren. Peter fand die Seeschwalbe gleich. Er

legte seinen Arm über ihre edel gerundeten Schultern und zog sie sacht

und selbstverständlich mit in den Wald.

Sie gingen rasch davon ins verschlungene Dickicht hinein, lange Zeit,

bis die Entfernung und die Wirrnis der Pflanzen und Bäume den Lärm des

Tanzplatzes von der Welt wegwischten. Dann sanken Lianen, junge

Palmblätter, hundert Pflanzen, die von einem satten Drang emsig gefüllt

waren, über sie. Tausend Käfer überstiegen das Hochzeitsgewölbe der

Pflanzen und jungen Palmen. Zwischen dem an- und ausfunkelnden

Liebesbegehren der Leuchtinsekten haschten sich Hunderttausende von

dunkeln und unscheinbaren Kreaturen. Die Domhallen des Urwaldes

breiteten sich hoch und schützend über ihnen aus, und der Mond, der vor

einem Tag die Fluren Europas betastet hatte, schmückte den First der

Kathedrale mit seinem ruhigen Glast und sickerte wie ein sanfter

Segenquell des Alls zwischen den Blättern nieder bis auf das schwarze

fette Bett Regenbogens und der Seeschwalbe.

Das Tanzfest, ganz hinten in der Welt, ging weiter. Dem Frauentanz

folgten die Tänze der Totemgruppen der sieben Dörfer, in denen die

Männer eines jeden Stammes pantomimisch das Tier vorführten, das ihrer

aller Vater war. Die Tänze gingen bis in die späte Nacht, und dann kam

der neue Tanz „Regenbogen“. Aber während die besten Tänzer der sieben

Dörfer tanzten und sangen, wie der Gott Regenbogen nach Kililiki kam

und was er dort verrichtete und welcher Segen er dort war, und während

sie das farbig bemalte Symbol aus Holz, auf dem alle Ereignisse

niedergezeichnet waren, mit Grazie und Kraft in ihren schlanken Armen

hin und her steuerten, in schwierigen Sprüngen, Stellungen und

Bewegungen die Erlebnisse Peters zu Religion werden ließen, ging dieser

allein durch die finstern Wälder. Er hatte sich mit einer sanften

Bewegung von Seeschwalbe getrennt, die noch immer die schwarze Erde

umarmte, erdrückt vom göttlichen Wunder, das ihr widerfahren war. Sie

hatte ihre Hände zwischen Pflanzen in den dampfigen Boden gegraben und

spürte an ihren Fingerspitzen die Hochzeit mit dem Geist, der in der

Erde drinnen lebte und webte, und ihr Gesicht, das, nachdem der Gott

sich von ihr gelöst hatte, mit finstern Zügen, in wilder Begier sich in

die Blätter drückte, lag dort auf einem Kissen, durch das alles Leben

der Welt pulste, die sie kannte.

Peter schlug sich durch das Gestrüpp bis ans Meer. Es war Ebbe. Der

helle Sand leuchtete im Mond, wie eine weithin schwingende Bahn zu

einem Zauberland. Was in dem schweißigen Schoß des Nachtwaldes

geschehen war, stürmte durch seine Adern, fiel und stieg immer wieder

mit wollüstiger Gewalt in sein Herz, verebbte und flutete neu und

gewaltvoll auf. Der Mond schien anders. Das Meer war nicht mehr wie

sonst. Die Nachtvögel kannten ihn. Er war dem fliegenden Hund, der sich

vor ihm von einer Palme warf, Bruder. Er spürte die harmlosen schönen

schlanken Schlangen, die nah im Gebüsch schliefen. Er roch durch die

Finsternis die Früchte auf den Bäumen und im Boden. Er sah die

nächtlich erregten Käfer in den schwarzen Rinden der Bäume knisternd

übereinanderfallen. Er hörte aus den nur sanft heranwogenden Geräuschen

des Tanzplatzes die Menschen dem Pulsschlag der Schöpfung taumelig

hinfallen.

Er schritt weit und stark aus und sah seinen weißen Körper die

Dunkelheit, die an ihn anfloß, leuchtend zurückstrahlen. Die Kraft

seiner Schritte gewann etwas Symbolisches: er ging mit ihnen

hemmungslos machtvoll, einer wunderbaren großen Kindheit entgegen. Vor

ihm stand der Beginn einer neuen Rasse. Die Welt kreiste um ihn in

Metamorphosen. Es ging vor sich wie eine Änderung des Alls.

Als er nach einer langen Wanderung in die Nähe seines Bootes kam,

bemerkte er, daß jemand drin saß, und er sah gleich Seeschwalbes

großes, muschelweißes Gebiß herrlich durch die Nacht ihm entgegen

leuchten. Er teilte mit ihr seine Matte, und sie schliefen mit starken

und erregten Atemzügen neben einander.

Die tanzenden Dörfer waren noch beisammen. Die Musik war ihnen mit

brutaler Hitze ins Blut gekommen und hatte sie über die Laute von

Wogenschallen, Windesbrausen, Nachttönen, Donnergeknatter, Vogelsang,

Insektenzirpen, Blattrauschen und die eignen, nach Wohllaut lechzenden

Zungen, dem in aller Macht ausgeglichenen guten und bösen Herzen der

Schöpfung zugeworfen. Als dieser verbindende, ursprüngliche Rausch aufs

höchste gestiegen war, hatte Möwenschnabel einen großen Einfall

bekommen. Er hatte Regenbogen mit der Seeschwalbe fortgehen sehen. Er

wußte, daß Regenbogen nun auch die Weiber Kililikis nahm, und er

sprach:

„Männer der sieben Dörfer, so spricht der König zu euch in der

Tanznacht: Der Gott Regenbogen hat die Seeschwalbe mit in den tiefen

Wald genommen. Der Gott Regenbogen setzt sich nun an die Quelle des

Lebens, da er jetzt auch über unsere Frauen kommt. Der König aber weiß

etwas. Der König weiß, daß Regenbogen nichts weiß von dem Steinbruch

Mutter, von den rothäutigen Magiern und ihren himmelhohen Steingöttern,

die Tag und Nacht sich unsere Seelen erwünschen. So spricht der König

zu euch, o Männer: Die Steingötter im Steinbruch Mutter leben, um die

Seelen von den Körpern zu trennen, denn seit unsere Mutter Kililiki und

unser Vater Ulawun den Steingöttern die Insel abgekämpft und abgenommen

und die Steinkünstler in den Steinbruch eingesperrt haben, leben die

Steingötter von unsern Seelen. Aber der Gott Regenbogen, der vom ewigen

Geist kommt, der Körper und Seele zueinander tut, wünscht, daß sie

zusammen bleiben. Darum spricht der König also zu euch: Die

Steingötter, die in die Wolken ragen und die blaue Matte auf ihren

Stirnen tragen, sind dem Gott Regenbogen feindlich. Wir wollen sie uns

verpflichten, damit wir ihre Macht besitzen gegen Regenbogen und er uns

nicht beherrscht. Und es spricht der König so, daß die Steingötter auf

die Seelen erpicht sind, und daß wir Männer der sieben Dörfer ihnen

sieben Menschenleben opfern, um ihre Gunst zu gewinnen, in jeder der

kommenden Vollmondnächte ein Menschenopfer ...“

Es ging ein Zittern durch die schwarzen Männer. Ein jeder konnte das

Opfer sein, viele waren mit den Mädchen in den tiefen Wald gewatet, und

die Gier des Blutes überströmte sie dort wild und menschenfern. Aber

Haufen standen noch am Tanzplatz und hielten Schau unter den Weibern.

Möwenschnabel schritt geradeaus und Männer flüchteten nervös in die

Finsternis. Seine Keule hieb einen von hinten nieder. Der Getroffene

sank lautlos hin. Dann nahm der König ein Büschel weicher Farnkräuter,

tauchte sie ins Blut des Getöteten und ging zu seinem Dorf. Er schritt

bis ans Boot Regenbogens vor und spritzte von dem Blut auf die

Sträucher rundum, schritt dann rasch bald geradaus, bald wieder

zurückgehend, bald im Kreis, bald in Mäandern bis in den Wald und

spritzte überall Blut aus und dachte sich, daß dieser Irrweg, den er

mit dem Opferblut gezeichnet, die Schritte des Gottes Regenbogen

abhielt, den Weg nach dem Steinbruch Mutter und zu seinen steinernen

Feinden zu finden.

* * * * *

Als am nächsten Mittag Seeschwalbe damit beschäftigt war, in einem

Kochloch der Kochhütte ihres Ohms Möwenschnabel für Regenbogen und sich

das Frühstück zu bereiten, erschien auf einmal ein Trupp von Mädchen

und Weibern im Dorf Vater, ging mit Lachen und Lärm zwischen den Hütten

durch und auf den Strand zu. Sie kamen ans Gewese des Königs, blieben

stehen und schoben sechs junge schöne Mädchen aus sich heraus. Eine

ging vor und trat langsam, mit niedergeschlagenen Augen und doch

lächelnd an das Boot heran, in dem Regenbogen saß, entblößte das

langzähnige Gebiß, das im Schatten funkelte wie ein herrliches Gestein,

legte die Arme im Kreuz auf die Brust übereinander und sagte:

„Rotmuschel spricht zu dir, o Gott Regenbogen, also: Rotmuschel will

ihre Hütte neben dein Haus bauen und kleine Menschen mit dir zeugen.“

Dann trat Rotmuschel leis lachend und ernst, mit ihren schlanken hohen

Beinen wieder in den Kreis der Frauen hinein, aus dem sich sofort eine

zweite löste, zu Pirath trat und dasselbe sagte wie Rotmuschel. Eine

dritte folgte. Dann kam noch eine vierte, eine fünfte, und mit der

sechsten waren die Heiratsanträge erschöpft. Der Troß der Weiber

trollte plaudernd und lachend von dannen und verschwand im Gebüsch aufs

nächste Dorf zu.

Seeschwalbe kam zu Regenbogen. Sie lachte und sagte: „Wir wollen

Pfahlhaus und Frauenhütten bauen und eine Kochhütte.“

Aber Peter war anfangs etwas überrumpelt. Auf Kililiki war es Sitte,

daß die Mädchen um den Mann anhielten. Die sechs Mädchen, die diese

Zeremonie gerade vor ihm erfüllt hatten, kannte er. Sie waren die

schönsten Töchter der Häuptlinge. Die Auswahl zeigte ihm, daß die

Bewerbung der Wunsch der Dörfer war. So sehr ihm Seeschwalbe in der

ersten Zeit seines neuen Ehelebens zu genügen schien, so war ihm doch

von Anfang an klar, daß er nicht „nein“ sagen könnte. Seeschwalbe

umsprang ihn den ganzen Tag, überschäumend von den neuen Dingen, in die

er und sie auf einmal geraten waren, und sie plauderte ununterbrochen

über das, was nun geschehen möge und müsse.

Er ging, den Forderungen der Gewohnheit folgend, zum Mutterbruder eines

jeden der Mädchen und sagte, er nehme das Angebot an.

Und noch am Abend wurde das durch alle Dörfer bekannt. Ein Glücksrausch

flutete durch Häuser und Hütten, und die Bräute waren Gegenstand

verstärkter Achtung, wurden beglückwünscht und mit Schmuck aus Muscheln

und Zähnen beschenkt. Es wurde eine Versammlung von Möwenschnabel

zusammengerufen, und man beschloß, Regenbogen und seinen sieben Frauen

einen Platz zu umhegen und ein großes Pfahlhaus und Weiberhütten und

eine Kochhütte zu bauen. Die Männer sagten: „Regenbogen wird reif und

süß wie ein Mango! Er wird unsern Mädchen junge Götter machen!“ Es

entstand ein heißes Wettbegehren unter den Dörfern um den Bau des

Wohnhags. Gleich am nächsten frühen Morgen gingen alle Männer in den

Wald und fällten Bäume. Die Holzschnitzer suchten sich gerade und

fehlerlose Stämme und begannen sie schön auszuschnitzen und zu bemalen

und jedem seinen Sinn zu geben, so wie ihn Haus- und Dachpfosten haben

mußten. Ein Platz wurde neben dem Königshag gerodet und geebnet und die

Arbeit rasch begonnen. Das Bauen der Hütten dauerte Monate. Zuerst

erstand, größer und mächtiger als das Königshaus nebenan, reicher mit

Schnitzereien und Malereien versehen, üppiger in der Formung, sorgsamer

und verliebter in der Pflege der Einzelheiten, das Pfahlhaus. Es gedieh

rasch hoch. Langsamer, weil der Schwung schon im Abebben war,

entstanden rundum die sieben niederen Weiberhütten.

Währenddessen lebte Peter mit der Seeschwalbe in seinem Boot. Sie

gingen zusammen fischen. Sie legten eine Pflanzung an. Seeschwalbe wob

Matten, kochte und umgab den Mann mit einer schaumigen maßlosen

Sorgsamkeit, wob ihn ein in ihre sorglose Heiterkeit, strickte ein

liebliches Netz um ihn mit ihren Einfällen, die wie von jungen wilden

Tieren so tolpatschig, so beißend spielerisch, so flammig rasend waren.

Peter erlebte diese göttliche Zeit, als sei er ein Bergzug, der untätig

unter Frühling und Sonne liegt und den von selbst Gärten und Wälder

ansprießen. Die Scheibe der Tage und Nächte drehte mit ihm wie ein

wunderbares, hastig mit Wollust und Sorglosigkeit, mit Musik und Farben

erfülltes Karussell. Der sonnenbronzige Leib des jungen Weibes war um

ihn und in ihm wie ein rauschender Bach, der die Kraft und die Frische

des Gebirges trotzig durch die schweißige Sonnenniederung warf und

Tiefen des Erschauerns und Gluten der Berührung hatte, die

geheimnisvoll dunkel waren wie die Schöpfung, der er mit

leidenschaftlicher Zweckergebenheit lebte. Peter sah mit Sorge der Zeit

entgegen, in der er sein Boot und seine so sanft fließende Zweiheit mit

Seeschwalbe aufgeben, in den Hag einziehen und für die Allgemeinheit

der Insel leben mußte. Das Boot hatte sehr gelitten und brach schon

überall morsch auf. Vom Segeldach war nichts mehr übrig. Er hatte ein

Gestell aus Stämmen über das Boot errichtet, und die Eingebornen hatten

es mit einem Palmblätterdach eingedeckt. Seeschwalbe trieb zum Umzug in

den Hag. Ihre sozialen Gefühle verlangten gebieterisch diese Änderung,

die ihrer Stellung, als erste und Hauptfrau Regenbogens, erst den

vollen Glanz verleihen sollte. Mit einer kindlichen Hartnäckigkeit und

einem raubtierhaften Egoismus betrieb sie ihre Agitation, war mit Spott

und Anfeuern Tag für Tag hinter den arbeitenden Männern her. Aber sie

konnte nicht hindern, daß der Schwung, mit dem begonnen worden war,

hinstarb. War es in der ersten Zeit der Arbeit möglich gewesen, ein

Dach in vier Tagen zu vollenden, so brauchte man jetzt zum Legen eines

jeden Palmwedels die Zeit zwischen Frühstück und Abendmahlzeit, und

viele Männer blieben oft aus.

Aber zugleich beschäftigten sich die Dörfer schon mit den

Vorbereitungen zum Hochzeitsfest. Mangostein war dabei, einen neuen

Tanz zu erfinden. Man sang und summte und machte im Beisammenhocken

abends sitzend schon allerlei Tanzbewegungen und sprach nur noch vom

Fest.

Da geschah es eines Morgens, als Regenbogen und Seeschwalbe zusammen in

ihrer Pflanzung gearbeitet hatten, daß sie sich in ein am Rand des

Ackers stehendes Gebüsch hineinzwängten. Sie wollten im dicken Schatten

ausruhen. Sie saßen dicht aneinander, schauten stumm durch’s Laub

hindurch auf den sonnenbedeckten Acker, als auf einmal jener fremde

Rothäutige mit dem dicken Kopf und den Schlitzaugen plötzlich jenseits

aus dem Gestrüpp auftauchte und mit großen Sprüngen durch die

sonnenbeschienene Pflanzung herüberhüpfte. Sowohl Peter wie Seeschwalbe

sahen ihn. Peter merkte, daß das Weib, dessen Haut die seine berührte,

heftig aufzuckte. Sie stieß einen kleinen Schrei aus, der sonderbar in

zwei Tönen ging, so wie ihn Peter nie auf der Insel gehört hatte. Der

kleine Mann mit dem dicken Kopf schaute einen Augenblick heftig um sich

und glitt dann wie eine Eidechse über den Boden in das nächste Gebüsch

hinein.

Peter tat zunächst nichts. Er verhielt sich so, als ob er den

Geheimnisvollen nicht bemerkt hätte, und er überlegte den ganzen Tag,

wie er diesem Unbekannten auf die Spur kommen könnte. Er wußte, daß

selbst Seeschwalbe das Geheimnis nicht ohne weiteres preisgeben würde,

denn es schien etwas mächtig Dämonisches darin verknüpft zu sein. Er

erinnerte sich, wie aufgeregt Möwenschnabel ihm die Reise um die Insel

ausreden wollte, als er damals zum erstenmal den Fremden gesehen hatte.

In der Nacht weckte Peter plötzlich Seeschwalbe. Sie lag neben ihm auf

dem Boden des Bootes wie ein junger Baum in der Nacht. Er stieß sie an.

Sie rührte sich nicht. Er fuhr ihr über die Augen, über den Leib, alles

war vergeblich. Sie schlief wie ein ins Meer versunkener Stein, so

schwer und unlöslich von ihren Träumen überwogt. Der Tod ihrer Nacht

deckte sie gewaltvoll ein. Da erhob Peter sich, schöpfte in seinem

Eimer Wasser und ließ es langsam über ihr Gesicht fließen. Nach und

nach bewegten sich ihre Züge. Sie drehte sich im Schlaf um. Aber das

Wasser verfolgte sie weiter. Sie riß die Augen auf. Peter faßte sie

unter die Arme, zog sie hoch, und als sie saß und sich die Augen

gerieben hatte, sagte er ihr rasch:

„Auf, auf, Seeschwalbe! Es ist ein guter Wind. Wir segeln zum

Nordufer.“

Da war Seeschwalbe mit einemmal mit großen und entsetzten Augen ganz

wach und rief: „Nein!“

Piraths Insel · 第 68 / 96 题