Hämisch und neidisch entgegnete der Häuptling Muschelkalk: „Donnermund
ging über den Regenbogen heimwärts.“ Er schwoll an vor Zorn, daß er
nicht auf den Einfall gekommen war. Er kicherte lauernd, biß eine
Betelnuß an und sprühte den ersten herben Saft gewaltsam zwischen
seinen breiten Lippen vor sich in die Dunkelheit. Dann biß er die Nuß
und die Pfefferschote wie ein Menschenfresser und stopfte sich zehn
Holzlöffel voll Kalk ins Maul, bis kein Platz mehr drin war und kaute
und spuckte.
Niemand antwortete ihm.
Möwenschnabel sagte: „Bringt Kokosnüsse, Bananen und Taro! Ich bring’
dem Ohm im großen weißen Kanu Essen.“
Der Priester Kokosbast rief: „Bereitet euch zum Königsfest! Wir
prügeln, wenn die Sonne dreimal stieg, den Häuptling Möwenschnabel zum
König. Berührt zweimal zwischen Sonne und Sonne kein Weib!“
Durch alle Männer stieg wie eine befriedigte Wut die Lösung des
schweren Tages, und sie schafften Kokosnüsse, Taro und Bananen herbei.
Möwenschnabel belud sich damit und ging geradeaus zwischen den Feuern
in die Nacht hinein. Aber als er den Lichtkreis verlassen hatte,
zerschlug er eine Nuß und spritzte den Saft über sich, und achtete
sorgsam darauf, daß nichts auf den Weg fiel und von bösen Geistern
gefunden werden konnte. Er war nun gefeit. Doch je mehr er sich dem
Dorf Vater näherte, um so dunkler und ungewisser bestrahlte ihn die
Macht Donnermunds, und er bückte sich erst, und als er das Boot in den
Sternen leuchten sah, legte er sich nieder und kroch mit seiner Last
weiter. Er schlüpfte hinter das verlassene Königshaus, wand sich
zwischen den Hauspfosten durch, um den Hag herum und erreichte zwischen
Bambusbüschen den Bereich des großen Baumes. Er sah das Boot schief auf
dem wasserlosen Strand liegen, und nichts rührte sich, und die Sterne
„zwei Leute“ leuchteten schon hoch, fern von ihrem östlichen Beginn,
über den großen Baum. Da legte er sein Essen in den Sand und schlich
zurück.
Und wie er dem Dorf Vater schon so fern war, daß er sich aufrichten und
ruhig davongehen konnte, da sagte er sich: „Donnermund ist mein Ohm!“
* * * * *
Peter wachte bis tief in die Nacht hinein. Die Ebbe entführte das
Wasser unter dem Boot und das Schiff legte sich schief. Er hatte daran
gedacht, das Boot von Land zu stoßen und in die Nacht hinauszusegeln.
Vielleicht fand er einen Platz, wo keine Dörfer waren. So sah er sich
unerwartet gezwungen zu bleiben. Er rückte kaum auf seinem Sitz. Wie
ein Sklavenvogt war der mächtige Wunsch zu leben hinter all seinen
Sinnen her. Er schaute und horchte in die buschige Finsternis des Ufers
hinein, das der Sternenglanz ungewiß bestrich. Es war ihm, als wöbe das
feilende Schrillen der Grillen ein eisernes Netz über den Boden, und
plötzliche, unsichtbare Flügelschläge schreckten ihn auf. Seine Haut
war wie elektrisiert von der Spannung aller Nerven und empfand jede
Änderung des Luftdruckes wie ein Quecksilber, und wenn die Müdigkeit
doch Meister wurde, so schlug er hart mit den Knöcheln der Faust auf
die Holzkante und der Schmerz erfrischte ihn auf Minuten. Wenn er so
von neuem ganz erwachte, dann überströmte plötzlich das verschlungene
leidenschaftliche Lärmen der Nachtinsekten seine Ohren, dann überfiel
die unkenntliche, lebendige Krausheit der Nachttiefen seine spähenden
Blicke wie ein wilder feindlicher Angriff ... bis seine abspannenden
Sinne, sein müd gemartertes Gehirn sich wieder nach und nach von der
Außenwelt zurückzuziehen begannen, all das undeutlich Furchtbare,
Unerkenntliche sachte sich mäßigte und zu einem milden Wogen sich
dämmte und zu Nichts verschwand. Einmal wachte er nicht wieder auf. Im
Schlafen sank er um und rutschte langsam von der Bank lang hin auf den
Boden.
Er schlief, bis das Tageslicht hell auf seine Lider drückte und sprang
auf, entsetzt, todesgewiß und sah nichts als ein leeres Dorf zwischen
Bäumen und auf dem Strand zwei Kokosnüsse, ein Bündel Bananen und
einige Taroknollen. Da überlegte er sich: Es war einer dagewesen, der
das gebracht hatte. Peter hatte ihn nicht gesehen. Also war der Wilde
gekommen, während er schlief. Der Wilde hätte ihn töten können. Weshalb
legte er ihm Nahrungsmittel hin statt dessen? Fürchtete man ihn und
getraute man sich nicht, ihn hinzurichten? Die Speisen waren vergiftet
worden, weil man sich fürchtete, ihn selbst im Schlaf zu berühren. Er
ließ sie liegen. Er knackte den Zwieback und trank laues Wasser dazu,
und die mächtige Sonne stieg in seinem Rücken hoch und strahlte übers
Meer und brannte geil über die fette Insel.
Da drang auf einmal am Ufer zwischen den Häusern eine große Schar
Schwarzer hervor. Sie waren alle mit Blumen und Blättern, Muscheln und
Farben geschmückt und trugen keine Waffen. Sie kamen wie im Tanz heran,
und Peter griff erschrocken nach dem Revolver. „Es ist eine Falle!“
sagte er sich. Die Schwarzen blieben hinter dem Hause des Königs stehen
und einer kam aus ihnen heraus. Das war ein großer Mensch, mit einer
gewölbten Brust, und er hatte einen fast sanften Kopf, auf dem sich die
Frisur glänzend schwarz hochtürmte und wie eine Rokokohecke beschnitten
war. Der kam wiegend heran, langsam und lächelnd. „Das ist eine Falle!“
sagte Peter und war unschlüssig. Der Schwarze rief: „Ohm Donnermund,
ich bin der Häuptling Möwenschnabel und werde, wenn die Sonne sich zum
drittenmal aus dem Osten hebt, zum König geprügelt ...“
Peter verstand nichts von seinen Worten. Er hörte nur: sie waren
freundlich und sanft, und er war mißtrauisch und hielt den Revolver
bereit. Er war entschlossen zu schießen, sobald der Schwarze die eine
Baumwurzel erreicht hätte, die etwa dreimal so weit, wie das Boot lang
war, sich aus dem Sande aufkrümmte. Und er schrie in seiner Erregung
und der trotzigen Entschlossenheit: „Du schwarzer Laushund! Zurück! Ich
schieße! Zurück!“
Und kaum hatte er ein Wort laut gesagt, so war Möwenschnabel wie ein
Fisch schnellend zurückgesprungen und lief der großen geschmückten
Schar zu, und die ganze Schar hatte kaum die Worte gehört, so warf sie
sich herum, floh und brüllte: „Er ruft unsere Seelen aus dem Leibe.“
Alle tasteten sich entsetzt ab, ob sie nicht das furchtbare kleine
Löchlein irgendwo verspürten. Als aber Möwenschnabel die Fliehenden
erreichte, da kicherten sie im Davonlaufen und meckerten und machten:
„Krr! krr!“ höhnisch und schadenfroh, und der Häuptling Muschelkalk zog
Mund und Nase zusammen, daß sein Gesicht aussah wie zwei
nebeneinandergeklebte schwarze, wellige Muscheln und feixte: „Der Ohm
ist schlecht in der Laune. Krr! krr!“ Aber Möwenschnabel sagte nur
großhin: „Er hat mir zugerufen, daß er den sieben Dörfern noch zürnt.“
An dem Tag kamen sie nicht zurück. Peter hatte bei einer genauen
Durchsuchung des Bootes eine kleine Eisenkiste gefunden, die mit
Signalraketen gefüllt war. Es waren fünfzehn Raketen. Er sagte sich:
„Ich brenn’ sie ab. Drei an jedem Abend, eine jede eine Stunde nach der
andern ...“ Aber welches Auge ging durch diese maßlose Abseitigkeit des
Meers, um sie zu sehen? Er wußte, daß es nur Feuerwerk wäre, Sterne,
die steigen und ersticken und sonst nichts sind. Er sah an der Stätte,
wo die Menschen vorhin gestanden waren, ein Räuchlein aufsteigen und
verließ zum erstenmal das Boot, um sich das Feuer zu holen. Es war
brennender Bast. Er sammelte Holz und Bast und schürte am Strand ein
Feuer und hielt sich’s bis zum Abend. Gequält umging er den Haufen
frischer Nahrungsmittel, der noch immer im Sand lag. Er ließ sie, so
sehr sie ihn lockten. An den Häusern standen nur hohe Palmen, deren
Früchte er nicht erreichte, und er mißtraute denen, die am Boden lagen.
Er knackte Zwieback. Das Wasser war warm und riechend geworden. Er
wußte, in den beiden Nüssen liegt eine köstliche Quelle. Der große Baum
warf in den Stunden um Mittag einen fetten Schatten über sein Boot; der
Schatten umstieg ihn wie ein laufeuchtes Bad. Er zog Jacke und Hemd aus
und die Luft rötete rasch seine blonde Haut. Er begann auch im seichten
Wasser zu baden, als die Flut kam, und hätte gern einen Fisch gefangen
und verbrachte mit zahllosen, kleinen, immer in die Nähe des Boots
gebundenen Verrichtungen den Tag; die Augen hatte er nie vom Revolver
abgewandt, die Sinne waren ununterbrochen aufs Sterben gerichtet, und
es war ihm, als überströme ein tiefer Fluß sein klares Bewußtsein und
als läge er auf dem Grund des grünen, schwerfließenden Wassers, und
droben über der gläsernen, zähen Halbdurchsichtigkeit stand das Leben.
Die Menschen aus den sieben Dörfern am großen Wasser durchzogen ihre
Siedlungen eine nach der andern. Sie wußten nicht, was sie tun sollten.
Daß Donnermund kein unbedingt böser Geist war, das mußten sie sich
sagen. Denn er ließ alle Seelen in den Körpern und behexte niemanden,
und Möwenschnabel soll er zugerufen haben, er zürne noch wegen des
Angriffs. So mochte es wohl sein. Und morgen zürne er nicht mehr, sang
es in ihnen, denn die Kokosnüsse wuchsen rascher auf den Palmen und die
Taros gediehen dicker. Die Bananen reiften zahlreicher, als der Mund
sie brauchte ... Morgen zürnt Donnermund nicht mehr. Aber nehmen wir
ihn nicht so in den Mund, sonst wird er immer wieder auf uns
aufmerksam. Wir wollen ihm einen andern Namen geben, wenn wir von ihm
sprachen. Sein Name sei Wolkenglanz. Denn seine Haut ist der Glanz der
Wolken auf dem Rand des großen Wassers ... Und dann sprechen sie
wollüstig über Wolkenglanz, der nun nicht mehr hörte, wenn ihr Mund bei
ihm weilte, und ihre Bäuche waren unruhig stechend und voll von seiner
Rätselhaftigkeit, seinem Ungewissen und Unbekannten.
Aber, als es dunkel geworden war, gingen die Männer langsam und
vorsichtig zum Dorf Vater. Sie gingen durch den Wald und über das Dorf
hinaus und dann an die Küste, und wie sie den Sand betraten, auf dem
Ebbe war, und den großen Baum erkannten, da stieg unter dem Baum
unversehens die Feuerschlange auf, bohrte sich heftig wie ein Pfeil
schräg übers Meer hinan und stieg und stieg, und in die Eingeweide der
Männer raste wie ein Speer der gewaltige Schrecken. Sie fielen hin und
stammelten und schauten der wilden Feuerschlange entsetzt nach. Nichts
war in ihnen, wie das große leere Entsetzen. Aber auf einmal verlöschte
die Feuerschlange. Ihr Kopf neigte sich in der Finsternis und spaltete
sich langsam und sacht in zehn große strahlende Sterne, die stärker
leuchteten als die Sterne der Nacht und lange und mild droben
auseinander segelten und auf andere Sterne niederglitten.
Da schauten sich die Männer des großen Wassers an und lachten: „Kch!
Kch!“, feixten ein jeder mit sich und riefen: „Schön! Schön!“ und
blieben im Sand sitzen, wundersam berührt, bis einer nach einer langen
Weile sagte: „Wolkenglanz ist in der Feuerschlange zum großen Geist
zurückgeflogen.“ Aber der hatte das kaum aus dem Mund, so stieg eine
zweite Schlange hoch und säete sich sacht droben auseinander und
pflanzte ihre blinkenden Kugeln auf die Sterne. Da rief Möwenschnabel
mit starker Stimme: „Der Ohm macht Sterne!“
Und langsam wurde Pirath zu einem Gott.
Der Schiffbrüchige, Einsame machte nun jeden Abend Sterne. Jede Nacht,
wenn die Sterne „Zwei Brüder“ weit von ihrem östlichen Aufgang standen
und das Sternbild Schlange über den Rand des großen Wassers stieg,
schlich Möwenschnabel mit Kokosnüssen, Bananen und Taro zum großen Baum
und legte die Nahrungsmittel in den hellen Sand. Peter sah den neuen
Haufen an jedem Morgen neben dem alten Haufen liegen, und wenn er
seinen hölzernen Zwieback knackte, sagte er sich, nicht mehr so
entschlossen: „Sie sind vergiftet.“ Die geschmückten Männer kamen jeden
Morgen ins Dorf Vater, und Möwenschnabel trat jeden Morgen vor und
Peter schrie, mit dem Revolver in der Hand. Aber er schrie jeden Morgen
weniger heftig und weniger, und Möwenschnabel trat jeden Morgen weiter
ans Schiff heran, und die Flucht wurde von Tag zu Tag weniger ungestüm
...
Eines Morgens lag der fünfte Haufen am Strand. Da glaubte Pirath, daß
er sicher sei, und er faßte einen Entschluß. Als Möwenschnabel dem Boot
entgegenkam, nahm Pirath den Revolver in die linke Hand, ließ den
Schwarzen möglichst nahe herankommen und sprang plötzlich mit einem
großen Satz auf ihn zu. Der Häuptling schnellte herum, die Männer
warfen sich im wirren Haufen dem Wald entgegen. Möwenschnabel hetzte
wie ein Kasuar dahin, aber mit seinen langen Beinen erreichte Peter ihn
bald, griff in seinen hohen schönen Haarwuchs und riß ihn rückwärts zum
Boot zurück. Die Männer hielten ihre Flucht an. Sie versteckten sich in
die Bambusbüsche und lugten zwischen den Stangen hervor, was
Wolkenglanz mit dem Häuptling machen wollte. Sie atmeten kaum. Sie
dachten alle: Jetzt reißt er seinen Mund so groß auf wie sein Kanu und
schlingt Möwenschnabel hinunter.
Als Peter mit dem Schwarzen bei den fünf Haufen angekommen war, nahm er
eine Banane, riß sie auf und steckte sie dem Wilden ins Maul. Er machte
dazu mit dem Mund die Bewegungen des Essens. Der Schwarze ließ im Sand
kniend seine dummen dunkeln Augen in den gelblichen Scheiben hin und
her zucken, wie gefangene wilde Tiere, die mit der Kette davonspringen
wollen. Dann aß er die Banane. Peter schlug mit dem kleinen Beil eine
Nuß auf. Der Schwarze trank ihren Saft und aß ihr Fleisch.
Und da klopfte Pirath ihm wohlwollend auf die Schulter und sagte:
„Gut!“
Auf Kililiki war aber der Schulterschlag die feierliche Begrüßung des
Gastgebers an seine Gäste, und kaum hatten die Eingebornen in den
Bambusbüschen diese Zeremonie gesehen, so sprangen sie heraus und
tanzten und brüllten glückselig und riefen: „Wolkenglanz ist der Ohm
des Häuptlings.“ Und Peter sah Möwenschnabel auf einmal kindlich
beglückt sich niederhocken. Die dummen schwarzen Augen leuchteten auf
einmal kindlich fröhlich, und die rauhen schwarzen Hände strichen wie
treue Hundepfoten über seinen Arm. Möwenschnabel brach eine Nuß auf und
trank an, Peter nahm sie und trank weiter wie ein Marder an einem
Hahnenhals; während Möwenschnabel eine andre aufbrach, verschlang Peter
das Fleisch der ersten und nahm dem Schwarzen auch die zweite aus der
Hand. Möwenschnabel aß dann eine dritte, und sie gingen zu den Bananen.
Peter aß hastig. Alle Poren waren ihm offen nach frischer Nahrung.
Möwenschnabel glaubte, mit ihm Schritt halten zu müssen, und sie
verschlangen um die Wette Nüsse, Bananen und Taro. Währenddessen war
die Schar der Wilden immer näher gekommen. Sie standen bald einige
Schritte entfernt im Halbkreis um die Essenden und lachten und feixten,
machten „Ö! Ö! Ö!“ Der Priester Kokosbast ging unter ihnen umher und
sprach auf sie ein, und Möwenschnabel aß Bissen um Bissen Wolkenglanz
nach; dann hatte Peter genug, und auch der Schwarze hielt sofort auf,
grinste Wolkenglanz brüderlich an, streichelte mit den Hundepfoten über
den Ärmel und stieß zwei Rülpser aus. Peter lachte: „Mahlzeit!“
Die Wilden erschraken und zuckten auf, um kehrtzumachen. Aber es kam
nichts nach hinter dem einen Wort. Sie begriffen nun schon, daß er
Wörter hatte, die Fangkraft über die Seele und Wörter, die das nicht
besaßen. Sie lachten und grunzten und wollten alle das Wort
nachsprechen und kamen dabei immer näher an Peter heran und faßten
tollpatschig nach seinen Händen, nach seinen Backen, und die weiße
Farbe ging nicht ab. Peter wich allmählich zum Boot zurück.
Da auf einmal war es, als ob ein toller Schrei tanzend durch alle
Kehlen fuhr. Die Schwarzen sprangen, reckten die Arme und ließen sie
wie Hämmer niedersausen, und Peter sah plötzlich, daß sie sich alle
über seinen Eßkameraden herwarfen und auf ihn einzuschlagen begannen.
Die ganze Schar geriet in eine kreiselnde Bewegung. Bald stampften sie
in regelmäßigen Schritten, die wie leiser Donner im Boden
widerschollen, um den Liegenden herum, bald verwirrten sie den
schwerfälligen Reigen zu einem chaotischen Brüllen und sprangen, und
ein jeder schlug auf Möwenschnabel ein. Der saß mit einem Gesicht in
dieser wilden Gärung, als ob ihn die Schläge nichts angingen. Sein Herz
war zufrieden. Der Ohm hatte geholfen. Er wurde König. Er dachte weiter
an nichts. Aber auf einmal sah er den Häuptling Muschelkalk auf sich
zudringen. Das kleine, in der Breite gezweiteilte Gesicht seines alten
Gegners war wild gefältet, und Möwenschnabel bemerkte, daß der andre
einen Stein in der Hand hatte. Da stieß er unversehens, ehe Muschelkalk
bis an ihn herankommen konnte, zwischen den andern Tanzenden mit dem
Fuß gegen den Bauch des Häuptlings. Dieser brach stumm in sich
zusammen. Er wurde aus dem Kreis geschleppt. Die Zeremonie ging weiter.
Die kreiselnde Bewegung machte die Männer toll, und die uralte
Gewohnheit dieses Festes steigerte mit ihrem geheimen geisterhaften
Sinn den heiligen Wahnsinn. Möwenschnabel blutete schon aus mehreren
Löchern im Kopf, und eine Schulter war aufgerissen. Die Priester der
Dörfer schlugen auf Trommeln, die aus gehöhlten Baumstämmen bestanden,
den Takt und sangen alte Psalmen, deren Worte keinen Sinn mehr hatten
und deren ferne dumpfe Melodie das Blut in allen Adern aufwühlte und
glühend machte.
Peter sah dem zwiespältig erregt zu. Es war ihm rasch klar, daß die
Wilden irgendeine Sitte übten, und er hatte oft gelesen, daß diese
Tänze die Blutgier entzündeten. Er sah sich wieder in Gefahr und
verschanzte sich ins Boot. Aber niemand kümmerte sich um ihn. Dann
schlugen die Trommeln fünf regelmäßige dunkle Schläge, und auf einmal
hörte der Hexensabbat auf, und die Männer setzten sich lachend und
kichernd auf den Boden, plauderten und schrien. Möwenschnabel erhob
sich. Er blutete über und über. Er ging an Peter vorbei und schickte
dem Ohm ein zufrieden lächelndes „Ö!“ zu. Dann stieg er ins Meer.
Der Fluch des Geborenseins war aus ihm herausgebleut. Die Wut der
Männer hatte ihn gereinigt zum Königsein. Machtvolle Dämonie zog in ihn
ein. Er war ein Vater, von alters her heilig und doch von Mißgunst und
Bosheit der Menschen umlagert. Sie hatten ihm gezeigt, daß sie ihn, den
Höchsten, töten konnten. Statt des Todes hatten sie ihm das Bewußtsein
ihres Mißtrauens und ihrer Kraft gegeben. Und nun erstrahlte er vom
heiligsten Tabu, und nicht einmal den Schorf der Wunden, die sie ihm
geschlagen, durfte ihre kleinste Bewegung anrühren.
* * * * *
Am Abend dieses Tages verschoß Peter seine letzte Rakete. Er sah sie in
die Gewaltigkeit des einsamen Sternenhimmels dringen, zuerst mit
begehrlichem Zischen wie ein machtvoll brünstiger Ruf zwischen den
Sternen dahinschießen, ein Ruf, der sich über die ganze Erde weben
sollte. Und dann verglühte sie rasch in den märchenhaften, zarten Regen
der Leuchtkugeln, die geräuschlos zwischen den hohen Sternen erloschen,
und nichts war mehr in seiner Hand, den Menschen der andern Welt, der
er angehörte, von ihm zu zeigen. Wiewohl er wußte, daß niemand seinen
Ruf vernommen haben könnte, begann er in die Nacht hinein zu warten. Er
entzündete ein hohes Feuer am Ufer, um die Stelle zu zeigen, wo er
harrte. Aus der fernen Nacht scholl der Lärm der Tänze und Gesänge, mit
denen man im zweiten Dorf die Königseinsetzung feierte, und die Garamut
dröhnte dunkel hinein, wie ein Pulsschlag der fremden Erde, zu der er
verbannt war.
Unter dem fernen Lärm stieg in seinem vergeblich harrenden Herzen
Europa auf. Es stieg auf wie die letzte Rakete und begann geräuschlos
und farbig zwischen den Sternen zu versinken. Die Schwarzen kannten
seinen Revolver nicht. Das war gewiß. Und wohl nie hatten sie also
einen Weißen gesehen. Gab es denn noch eine Insel auf der Welt, die so
einsam war, daß kein europäisches Schiff sie erreicht hatte? Das fremde
Singen und die dunkeln Stöße der Trommeln hetzten seine Gedanken. Er
sah den Zug der Menschen in weißen Städten in mächtigem Mechanismus die
Straßen überströmen, und Maschinen surrten zielstark unter niedern
weiten Hallen, denen einmal alle seine heftigsten Gedanken gegolten
hatten und verflohen wie ein prasselnder Regen auf einer Asphaltstraße.
Er sank hin unter der drückenden Melancholie des grauen Verregnens. Er
wachte in die blaue Nacht, und Europa sollte verschollen und versunken
sein unter ihrer dampfenden Hitze. Er warf Holz übers Feuer, die Flamme
loderte heißer auf, und seine Sehnsucht schwoll und sank wieder nieder,
wenn das Reisig verbrannt war, und wurde auch tiefer, schwebender,
verwehender Regen. Europa starb langsam und heftig in ihm. Es starb so,
wie einst eine Frau in ihm erstorben war, von der er Erde und Himmel
erhofft hatte. Fliegende Hunde stiegen wie flatternde dunkle Tücher
über dem Lichtstrahl aus den Bäumen. Ein Schrei scholl im Wald. Die
Grillen arbeiteten die Finsternis in grellen Lärm um. Im Wald flog der
Schall des unbegreiflichen Festes der Wilden wie eine Seele, die ein
Netz über die Insel, die Küste und ihn sponn, um ihn zu trennen von
dem, was war.
„Als ob ich auf dem Mars wäre!“ sagte er und biß die Zähne in die
Lippen und schlug seine Fäuste raffend über die linke Brust, um seiner
Tränen Meister zu werden. Er wachte und dachte die ganze Nacht und
unterhielt sein vergebliches Feuer. Die Verlassenheit stand rauh und
schroff über ihm wie ein ungeheuerliches Karstgebirg, und jenseits ging
eine Welt unter für den Schiffbrüchigen.
* * * * *
Die Menschen kehrten zum Dorf Vater zurück. Peter sah, als er morgens
im Schatten seines Baumes erwachte, ihre Scharen die Hüttenkreise
füllen, dann und wann bis an sein Boot herankommen und wieder gehen. Er
sah auf der Treppe des größten Hauses, das auf hohen Pfählen stand, den
Schwarzen, den sie gestern geprügelt hatten. Möwenschnabel hatte seine
Wohnung ins Königshaus verlegt. Der Schwarze winkte Peter zu, indem er
erfreut lachte, einmal mit dem Kopf in die Höhe fuhr und „Ö!“ rief. Da
ging Peter zu ihm. Er stieg die Leiter hinauf und setzte sich neben
ihn. Er öffnete den Mund und fuhr mit der Hand öfter hin, das Zeichen
des Essens machend; der Schwarze unterlegte dies Zeichen mit einem
Laut, und das erste Wort, das Peter von der Sprache Kililikis lernte,
war das Wort für Essen.
Der Schwarze rief, und Frauen erschienen in den kleinen Öffnungen der
Hütten, die hinten um das Königshaus herumlagen. Die Frauen brachten
Kokosnüsse und zwischen Blättern gebackne kalte Fische. Das Dorf
umstellte den dünnen Zaun des Königshags, und Männer und Weiber nickten
mit dem Kopf in die Höhe, grinsten Peter glücklich zu und quetschten
den kurzen Laut: „Ö! Ö!“ aus ihrem Mund. Möwenschnabel aber nahm Peter
ins Innere der Hütte, das ein einziger großer Raum, vollgestopft mit
Gegenständen und Waffen war. Dort richtete er ihm am Essensplatz das
Mahl auf kleinen Mattentellern an, und er schickte die Weiber fort, die
sich in die Tür drängten. Und während Peter aß, nahm er den ersten
Sprachunterricht beim König, und er lernte die Namen der einzelnen
Speisen.
Als er fortging, nahm er einen der Bogen und ein Bündel Pfeile mit. Er
wollte ihn gebrauchen lernen, weil er ihn zur Verteidigung des Lebens
oder zum Erwerb seines Unterhalts nötig hatte. Dann zog er auf dicken
Bambusrollen sein Boot hoch ans Land herauf, daß die Flut es nicht mehr
erreichte. Er schob es an den Baum an und baute das große Segel als ein
Dach darüber. In der Nacht war ein Regen vorbeigerauscht, der wohl
nicht lange gedauert hatte; aber das Laub war doch nicht dicht genug,
um das Wasser abzuhalten. Der König schickte ihm Matten, mit denen er
sich ein Schlaflager machte. Er sammelte einen Haufen Kokosnüsse auf
und brachte sie ins Boot, und als das die Eingeborenen sahen,
schleppten sie alles Eßbare an, worüber sie verfügten. Peter war auf
Wochen verproviantiert.
Als es dunkel wurde und die fliegenden Hunde aus dem Walde heraus in
die Dämmerung stürzten und sich wie Lappen durch die Luft schwangen,
schoß er danach. Es war ein merkwürdiger Zufall, daß er gleich beim
ersten Schuß traf. Das sahen die Eingeborenen, und alle, die den
fliegenden Hund im Totem hatten, wurden bang. Sie liefen zum Häuptling
Muschelkalk und sagten ihm: „Wolkenglanz schießt unsern Stammesvater
tot!“ Den Häuptling, der von dem trächtigen Fußtritt Möwenschnabels
daniederlag, beschlich eine wahnsinnige Furcht. Er wußte, daß er das
heiligste Tabu verletzt hatte, denn aus Eifersucht und Neid sann er auf
weiter nichts als darauf, daß er den glücklichen König Möwenschnabel
beseitigen könnte, und er hatte schon zehn, zwölf wilde, blutdurstige
Mordarten erwogen. Er fiel auf sein Lager zurück. Sein Unterleib begann
fürchterlich zu stechen. Er rief: „Wehe, wehe! Wolkenglanz tötet den
Stammesvater, und die Seele weiß nicht, wohin sie im Tod gehen soll.“
Das Fieber durchraste ihn wütend. Der Fußtritt hatte ihm eine Ader
gesprengt, an der er sich verblutete. Er aber glaubte, er müsse sich in
den Tod hineindenken, weil er ein Tabu angerührt hatte, das an Macht
das seinige zehnmal und öfter übertraf. Er starb in der Nacht. Die
Garamut warf die Nachricht seines Todes rasch in die Küstendörfer. Alle
des Stammes vom fliegenden Hund sahen ihre letzte Stunde gekommen. Sie
versteckten sich im Wald und heulten, denn Wolkenglanz erschoß ihren
Stammesvater, der ihre Seelen in die Steinbilder im Steinbruch Mutter
getragen hatte. Und so wußten sie nicht, was ihrer elenden verfluchten
Seele widerfuhr. Möwenschnabel aber nützte die Gelegenheit. Der
fliegende Hund war der Rivalenstamm und hatte vordem durch eine Bluttat
dem Totem Kakadu das Königshaus geraubt, bis der Ahn Möwenschnabels
seine alten Rechte wieder eroberte, indem er den Ahn Muschelkalks
erschlug.
Doch war der Stamm „Fliegender Hund“ noch stark an der ungestillten Wut
gegen diesen Mord. Er reizte sich ununterbrochen heimlich zur Rache auf
an dem geschändeten Blut. Die Stellung Möwenschnabels war darum
keineswegs sicher. Nun war es dem König in die Hand gespielt worden,
seine Sache sicherzustellen. Wolkenglanz zeigte an, daß er die
Vernichtung des Totems wollte, und der König machte sich daran, das
Werk zu vollenden, das der weiße Gott symbolisch begonnen hatte, als er
den ersten fliegenden Hund zufällig mit seinem Pfeil durchbohrte. Mit
Hilfe der Priester, die seinem Stamm angehörten oder ergeben waren,
wurde das Werk vollbracht. Sie schoben die menschliche Angelegenheit in
die Schicht, die unsichtbar und dämonengefüllt über den Köpfen der
Menschen stand. Man fing so viel Männer des fliegenden Hundes ein, als
man erwischte, und man band sie an die Palmstämme. Dann umwickelte man
die Gebundenen um die Stämme mit breiten Bananenblättern, so daß man
nichts mehr von ihnen sah, und schnürte das Bündel von Fleisch,
Knochen, Blättern und Holz mit Baststricken und Rotang so fest
zusammen, daß die Seile gespannt waren wie Bogensehnen. Das geschah
noch in der Nacht. Peter hörte die Weiber heulen. Sie flohen oder
wurden mit Keulen erschlagen. Das Blut der Schwarzen schäumte gärend.
Die Bewegungen, die Griffe, die Schläge, das Einbinden wurden heiß und
scharf und machten sich mit knapper Sachlichkeit, wie bei Tieren, die
Beute jagen. Die Nacht flimmerte rot von Blut und Totschlag.
Als Peter am nächsten Morgen ins Dorf ging, gesellte sich ihm
Möwenschnabel bei. Möwenschnabel war ein junger sehniger Mensch, seine
Haut hatte einen hellen Schimmer, sein Kopf war hoch und die Nase
schmal und einwärts geschweift. Aber er hatte einen dünnen langen Mund,
der sich spitzte wie ein Wolfsmaul. Möwenschnabel hatte brennend rote
Hibiskusblüten in seinem hohen, gepflegten Haar. Seine Augen waren wie
blau bestaubt und die großen Ovale fast orangenfarben angelaufen.
„Gelb und Blut!“ sagte sich Peter, als er hineinsah. Möwenschnabel
verzog das Maul zu lächelndem Gruß, entblößte das vom Betelkauen blutig
gefärbte Gebiß und stieß sein „Ö!“ hervor.
Aber da sah Peter die sonderbar formveränderten Palmstämme. Er trat an
einen heran und erschrak. Ein leises Wimmern stieg in dem Blattpaket
auf und gurgelte wie Blasen, die sich tief von einem moorigen Grund
erheben. Er zeigte mit der Hand fragend hin und sah den Schwarzen an.
Dorfmänner umringten die beiden rasch, lachten glückselig. Sie hatten
alle rote Blumen in den Haaren. Der König ahmte das Bogenschießen mit
den Armen nach und sprach ein Wort mehrmals dazu. Peter verstand nicht.
Das gurgelnde Stöhnen erregte ihn. Er nahm sein Messer und schnitt die
Stricke durch, begann die Blätter abzureißen, und plötzlich löste sich
etwas vom Palmstamm und fiel plump nieder. Es war ein Mensch. Er wand
sich zuckend am Boden. Die Augen quollen aus den Höhlen, der Mund war
verzerrt aufgerissen, und Schaum und Blut sprudelten aus ihm. Peter
lief zu einem zweiten Stamm, schnitt rasch auf, und der Mensch fiel und
regte sich nicht mehr. Ein dritter lebte noch. Ein vierter war tot. Der
fünfte war tot.
Und zugleich, wo Peter dunkel zu verstehen begann, daß dies
hingerichtete Feinde seines schwarzen Freundes waren, verwirrten sich
seine Vorstellungen an der Grausamkeit des Geschehenen, sank all sein
weißer Halt zusammen und rohe Gelüste sprangen ihn an wie Tiger. Es war
ihm, als sei er wie eine Kugel auf einen Stein auf diese furchtbare Tat
aufgeschlagen und prallte immer weiter, blutdürstig sie fortzusetzen.
Er wollte dem farbigen Hund, der sie verrichtet, an die Kehle rasen und
den roh springenden Adamsapfel zerfleischen, das Leben dieses Tiers zu
Brei vernichten. Er sprang auf ihn zu. Aber im letzten Augenblick fand
seine Wut nichts als eine furchtbare Ohrfeige, die mit einem plumpen
Klatsch in das schwarze Gesicht sprang. Diese Ohrfeige war lächerlich
gegenüber der dämonischen Erregung, aus der sie kam.
Möwenschnabel jedoch lächelte unbeirrt. Durch die Zuschauer lief ein
freudiges Murren. Die Mäuler kamen in Bewegung und brachten frohe Laute
hervor. Sie riefen: „Seht! Seht! Auch Wolkenglanz schlägt Möwenschnabel
zum König. Der fliegende Hund ist niedergewürgt. Seine Seele irrt umher
und findet den Weg nicht nach Mutter in den großen steinernen Gott. Wir
müssen unser Essen, die Abfälle und unsern Speichel bewahren vor den
bösen Geistern der Seele des fliegenden Hundes, daß sie uns nicht
behexen. Aber Wolkenglanz, der Töter des fliegenden Hundes, steht uns
bei.“
Peter sah fassungslos um sich. Das Rätsel blieb ihm starr verschlossen.
Er war auf dem Mars. Eine kalte verlassene Wehmut rann durch seine
Adern. Er ging zum Boot und brachte den Apothekerkasten heraus. Aber er
wußte nicht, was er mit den beiden, wie Karpfen nach Luft und Leben
zuckenden Leibern tun sollte. Er rieb die Quetschstriemen, die die
Stricke gelassen, mit Salbe ein. Er faßte nach den schlagenden Armen
und bog sie in einer regelmäßigen Bewegung ein und zog sie wieder aus,
wie man Ertrunkenen das Leben wieder zu gewinnen versucht. Er hielt das
Ätherfläschchen in ihre Nase. Die schlagenden Glieder dämpften nach und
nach ihre Verzweiflung. Der Kampf erlosch, und die beiden Halbtoten
fielen in Schlaf.
„Was tut der Ohm Wolkenglanz?“ fragte der König. Aber Peter verstand
und beachtete ihn nicht. Die Männer rundum sahen angstvoll dem Beginnen
des Gottes zu und bissen erregt auf ihre Betelnüsse. Sie prusteten den
ersten herben Saft wie einen Sprühregen aus und wagten nicht einander
anzuschauen. „Er gibt die Seele in den Körper zurück!“ stotterten sie.
Und das Grausen packte sie, und sie gingen, sich in die dunkelste Ecke
der Hütten zu ihren Lieblingsweibern hocken, sprachen nicht mehr und
fürchteten die zweifeldunkle Kraft des Gottes. Die zwei Hingerichteten
erhoben sich bald und gingen zu ihrem Dorf zurück. Niemand rührte sie
an. Ihre Geschichte sprach sich eilig durch alle Dörfer herum, die
Männer und Frauen, die man im Wald nicht aufgespürt hatte, kamen
zurück, und Wolkenglanz stieg an Macht wie an Rätselhaftigkeit. Niemand
fühlte sich mehr sicher vor ihm, und zugleich, wo in der Tiefe des
beunruhigten Blutes roher Drang aufstieg und um den Gottesmord sich
unbewußt die Adern erhitzten, dämpfte das furchtbar Drohende, ewig mit
Donner und Verdammnis beladene Tabu diese urhafte Wildheit zu
zitternder Straffurcht, zager Todessüchtigkeit und kindlich naiver
Ergebenheit zurück.
Peters Kraft wurde nun jeden Tag beansprucht. Es kamen Verliebte, es
kamen Rachsüchtige, es kamen eifersüchtige Verdächtler, es kamen
Frauen, denen die Kinder immer starben, es kamen kranke Behexte ... Sie
sprachen ihn mit den schönen, bald wie ein Bach im Wald
verschmelzenden, bald wie ein niederkrachender Baumstamm roh
aufstoßenden, bald wie ein Vogelschrei kindlich tirilierenden Lauten
ihrer Sprache an. Die Wörter merkten sich, wie naive Naturgeschehnisse,
so leicht und tief. Pirath benahm sich eingehend zu jedermann, und wenn
er nicht verstand, so nickte er lächelnd trostvoll oder suchte durch
allerlei Zeichen seine Sprachkenntnisse weiter zu bilden und führte
dadurch den Hilfesuchenden unbewußt so weit ab vom Gegenstand seiner
Sorge, daß er seine Wünsche erfüllt glaubte. Die meisten Krankheiten
waren ungepflegte, beschmutzte Geschwüre und Fieber, die aus den in die
Küstenwälder zwischen die Dörfer gebetteten Sümpfen aufstiegen. Das
konnte er alles heilen, und da die Menschen glaubten, eine jede
Krankheit sei die Folge einer Behexung durch einen Fluch, so gewann die
Gottwerdung Piraths von Tag zu Tag an Festigkeit und Umfang.
Er hielt die Phantasien der Menschen in Aufregung. Überall hin trug er
sein europäisches Gewissen, wetterte gegen jeden faulen Schmutz, gegen
Trägheit und Lässigkeit, gegen Grausamkeit und Mordlust. Das verstanden
diese Menschen nicht, bei denen die Instinkte ein ungedeckter Brunnen
waren und der Impuls so viel wie die Tat. Denn sie lebten zu lange mit
der Natur zusammen, wie zwei, die im Beischlaf sich einander vermengen,
und hielten sich an das mütterliche Beispiel, das sie an Pflanzen und
Tieren, an Wasser und Wolken sahen. Oft sprachen sie über die
Unverständlichkeiten des mächtigen Wolkenglanz. Aber ihre Liebe zum
Plaudern ging damit heimlich und vorsichtig um, und sie wandten
allerlei geheime Schutzmittel an, um sich ihrer Klatschsucht ungestraft
hingeben zu können. Sie nannten ihn dann jedesmal, wo sie ihn
erwähnten, mit einem neuen Namen, den sie im Augenblick des Sprechens
erfanden und den dennoch jeder verstand. So bildete sich Pirath in
diesen Gemütern zu einem Kreis von gesonderten Vorstellungen aus, von
denen eine jede einen bestimmten Namen hatte. Die Menschen konnten ihn
nicht in einen Begriff fassen. Er war in viele Kräfte der Natur
gespalten. Sie verehrten, liebten, fürchteten und haßten ihn. Die
Phantasien bildeten alles um, was mit ihm in eine Berührung kam, und so
waren zum Beispiel jene wenigen, die von der allgemeinen Vertilgung des
Totems Fliegender Hund errettet worden waren, fortan zu einer neuen,
von dämonischer Scheu umgebenen, tabugeladenen Kaste geworden, weil
Wolkenglanz den zwei Hingerichteten die Seele zurückgegeben hatte.
Etwas Besonderes reizte die Gemüter: Er ließ sich unbeweibt!
In den Dörfern lebten schöne Mädchen. Sie hatten ebenmäßige, gedämpft
wilde Gesichter, die schlanken Beine stiegen in heißem Schwung der
Schenkel in die Hüften, die Brüste standen wie große spitze Zitronen,
hart wie unreife Früchte, reif wie goldene Bananen, und die Schultern
überstiegen sie, breiter als die Hüften, und mit einer genauen
Muskulatur, als ob sie allein die spitz starrenden festen Brüste, die
gewölbte Kugel des Bauches, die ausschweifend zusammengehaltenen Hüften
tragen müßten. Die farbige Haut, auf deren dunkelem Grund helle Töne
flimmerten, war ihm wie ein Fell von seidigem Glanz, von lebendig
polierter Bronze, in die sich die geile Sonne gefangen hatte. Peter
schaute ihnen gereizt nach, wenn sie vorbeigingen und ihre weißen
großen Gebisse vor dem glücklich scheuen Gruß: „Ö!“ weit entblößten.
Alle Mädchen warteten, daß Wolkenglanz zum Mutterbruder ginge und um
sie bat. Alle Stämme warteten, daß ihre Mädchen die Götterkinder im
weißen großen Kanu empfängen und gebaren. Aber in Pirath bildete das
Weiße seiner Herkunft eine sagenhafte Scheu aus vor dieser letzten,
innigen Vermischung.
Fast wie in einem Wunder, so unversehens fühlte er sich diesem
primitiven Volk hinwachsen. Er verstand Einrichtungen, Sitten,
Verhältnisse aus seinem Instinkt heraus. Einige Monate vergingen. Er
konnte schon mit den Menschen in den Lauten sprechen, die dieser Urwald
zusammen mit der Meereseinsamkeit gebildet hatte. Er empfand auch, daß
all die Mädchen und Stämme auf ihn harrten. Da war ihm über dem allem,
als ob die körperliche Hingabe an die Weiber der letzte Verzicht auf
Europa sei, und er wollte nicht verzichten — so verloren und verlassen
Kililiki auch im Ozean lag. Der Krampf seines nach Europa sehnsüchtigen
Herzens machte die Begehr nach den Weibern zu etwas Sündhaftem, machte
seine Keuschheit zu einem Symbol; die Bewahrung der heimatlich weißen
Persönlichkeit stand in ihr. Aber ach, er wußte, daß seine
Anstrengungen, dies Symbol aufrechtzuerhalten, immer mehr blutlose
Gebärde würden.
Monate flossen dahin, unaufhaltsam und sanft, und Peter erlebte in
einer manchmal blutig gereizten, manchmal schwerfällig dunkeln
Melancholie vorfrühlingshafte Änderungen in sich. Er erlebte, als sei
es an einem Menschen neben sich, den er kannte, wie das europäische
Gewissen, das Ummodeln jeder Erscheinung in geistig vermünzte Werte,
langsam von dem Urwald überwuchert wurde, der um die Hüttenkreise der
Dörfer vom gelben Sandufer aus, wie heimliches Frauenhaar über den
Venusberg, sanft aufregend, verbergend, süßer Fruchtbarkeit willenlos
ergeben, die Höhen überquoll. Er verspürte diesen Nebenmenschen, der
ihm so innig verwachsen war, in ein weiches Aufgehen in dieser einsam
fremden Natur versinken, und eine üppige Entfaltung der Phantasie
drängte sich machtvoll durch. Impulse stiegen trächtig und greifbar wie
Taten durch seine Adern. Die voraussetzungslosen Formen der Natur, die
keine Erinnerungen in sein Blut geritzt hatten, wirkten vertiefend und
beschleunigend hinein. Ihre sorglose Üppigkeit und selbstverständliche
Begrenzung waren ihm wie eine erreichbare Ewigkeit. Die Zeit hörte auf.
Er verlor das kurze Verrechnen der Tage gegeneinander. Tage und Jahre
kosteten nichts. Die Zeit spaltete sich nicht mehr in Arbeitszeiten und
Nächte. Sie war wie ein kreisender Globus von Glut und Schatten, die
hellen Stunden heiße Flammen, die dunkeln schwarzes Versinken, aus dem
mächtige Träume stiegen. Wie im Traum, so schränkte auch im Wachen
keine Kraft die seinige ein. Er lebte, wie sein Blut ihn trieb. Er
lebte wie die Pflanzen, von keiner Sorge gehindert, keine Hemmung kam
ihm in die Quere.
Er wurde allmählich sich weniger wertvoll und wuchs immer inniger in
die Natur zurück. Er war nicht mehr ein dunkles kleines Glied, beengt
und gezerrt, verantwortungsvoll und bescheiden in die europäische Kette
gespannt. Er war selber ein Urwald.
Durch Wochen hindurch vollzog sich dieser sachte Übergang. Kaum gab er
sich Rechenschaft darüber. Einmal, als er in einem kleinen Kanu aufs
Meer zum Fischen segelte, fühlte er an dem Benehmen der Fregattenvögel
und Möwen, die über ihm hin und her strichen, daß etwas sich mit einer
Spannung lud, daß etwas gefährlich und drohend wurde. Er wußte nicht,
was geschah. Die Beobachtung sickerte unbewußt in sein Blut, pulste
durch seine Adern und bewog ihn, sein Kanu landeinwärts zu drehen. Da
hetzte es hinter ihm her wie eine wirbelnde Angst. Er erreichte das
Land, bevor der furchtbare Orkan ausbrach, den keine Wolken und kein
Wind angezeigt, dessen gefährliches Kommen aber die Vögel seinem Blut
gemeldet hatten.
Von diesem Tag ab bemerkte er öfter plötzlich, wie er den schärferen
Witterungsinstinkt der Tiere benutzte, um sich vor Gefahren zu
schützen, um einen Rückweg von verlorenen Waldwanderungen zu finden, um
Nahrung zu suchen oder das Wetter zu prüfen. Aber auch dies Bewußtsein
begann nach und nach in die unsichtbare Tiefe zu sinken.
* * * * *
An einem Morgen, als alle Männer schon in den Wald gegangen, schickte
sich Peter an, in seinem Kahn stehend, den Bogen zu spannen, wobei ihn
junge Weiber umstanden.
Die Weiber schauten zu und plauderten mit ihm über ihre Kinder, ihre
Männer, Essen und Wetter. Auf einmal, während er sich niederbückte,
hörte er jähes Schreien. Er richtete sich auf.
Die Frauen stoben schon zwischen den Hütten davon, und nahe bei ihm am
Ufer stand ein Mann, den er auf der Insel nie gesehen hatte.
Das Bild der Gestalt flog mit einem Blick den erstaunten Peter an. Der
Fremde hatte eine rötliche Hautfarbe. Er war klein, mit einem
kegelförmigen dicken Kopf, auf dem drahtiges Haar aufstarrte. Seine
Nase unter den geschlitzten und schiefen Augen war nicht groß, aber
schwer und hing in einer gebrochenen Linie auf den dünnen geschwungenen
Mund zurück.
Der dicke fremde Kopf schaute Peter mit dumpfem Entsetzen an, einen
Augenblick nur, dann schoß die kleine Gestalt in die Höhe, warf sich
herum und raste davon. Peter setzte mit einem Sprung über den Bootsrand
und flog mit seinen langen Beinen hinterdrein. Der Kleine durchstürmte
das Dorf, lief am Wald entlang und schlüpfte wie eine Eidechse
plötzlich ins Dickicht.
Peter lief ihm blind und ohne Gefühl nach, war nur mehr ein Jäger, dem
das Blut in den Augen flimmerte. Nach einer Weile verlief sich der jähe
Anfall.
Als Peter durch den Wald zurückging, fiel ihm plötzlich ein, wie die
Weiber sich gegen den Fremden benommen hatten. Sie kannten ihn. Er
gehörte einem Geheimnisse an, das man ihm vorenthielt.
Deshalb hatte er keine Aussicht, etwa von Möwenschnabel mehr zu
erfahren, und Peter nahm sich vor, seine Waldstreifen weiter
auszudehnen und einmal in einem Kanu ganz um die Insel herumzufahren.
Das hatte er bis dahin sonderbarerweise nie getan, und es fiel ihm
nachträglich auf, daß die Fischer ihn stets abgehalten hatten, nach dem
Norden zu segeln.
Das dachte er sich nun und sagte zu Möwenschnabel:
„Wir segeln jetzt um die Insel!“