Am Land unterbrach plötzlich ein Ruf den schweren Sterbegesang. Eine
Stimme schrie: „Der weiße Gott verschont uns! Der weiße Gott ist
freundlich!“ Und da brüllten alle und sprangen auf: „Der Priester muß
hin! Er hat gelogen! Der weiße Gott ist freundlich!“
Der weiße Gott hat nicht alle getötet. Er hat eine Anzahl getötet, weil
die sieben Dörfer seine freundliche Ankunft mit Speer und Pfeil
empfingen. Peter war im Augenblick ein heiliges Tabu, gegen das alle
gesündigt hatten. Der alte blinde Priester wurde, als man auszog, ihn
zu töten, an einem Balken unter seinem Haus gefunden. Er hatte sich in
einer Rotangschlinge erhängt. Die sieben Dörfer wälzten sich in
ungeheuren, vermischten heiligen Gefühlen. Sie wagten nicht zum Boot
hinüberzublicken, in dem der weiße Gott saß, der sie mit Worten getötet
hatte, wie der Donner des Himmels die Menschen tötet. Sie sahen nur,
wie weit übers Meer ein Regenbogen stand. Den Regenbogen schlug der
große Geist der Erde als Brücke zwischen dem Reich der Seelen und dem
der Körper, und der weiße Gott wird auf ihm davongehen und Kililiki
verlassen. Und sie huben an zu jammern und zu wehklagen. Sie riefen
sich zu, er habe keinen Schwanz und er sei nicht der weiße böse Geist.
Der Gott des Meeres habe ihn geschickt, wie er vor Zeitabständen die
Mutter Kililiki schickte, um die Dörfer zu gründen. Aber auf dem Grund
ihres Wesens waren sie sich nicht klar bewußt darüber, ob er nicht doch
der böse weiße Gott aus der Geschichte des Steinbruchs Mutter und
gekommen war, ihren Leibern die Seelen hinwegzunehmen. Aber dadurch,
daß sie das glaubten, fühlten sie sich bedroht, und sie schrien, er sei
ein guter Geist und mächtig, und sie nannten ihn: Donnermund. Sie
sprachen und entsetzten sich, hofften und bangten und flehten.
„Donnermund hat den Priester in einer Rotangschlinge erhängt, ohne ihn
anzurühren. Wehe! Wehe uns! Wir haben das heiligste Tabu verletzt.“
Drei Männer zogen sich furchtsam und sterbenssüchtig in ihre Pfahlhütte
zurück und starben noch in derselben Nacht aus Angst vor der Rache des
Tabus, an dem sie sich vergangen hatten. Alle Schweine der sieben
Dörfer wurden noch vor dem Abend getötet.
Die Menschen glaubten, die Schweine seien auf rätselhafte Art durch
jene weißen Geister gekommen und, daß ihr Blut nun zum großen Geist
zurückkehrte, versöhnte Donnermund. Die Bewohner des Dorfes Vater, vor
dem Donnermund gelandet, zogen alle aus. Das Grauen stand am Strand
aufgerichtet wie eine dunkle Höhle. Ein Loch war dort, in dem sich die
Luft verzitternd in die Geheimnisse der Nacht verwebte, die über dem
Kopf eines jeden Menschen einherlief und voll Ungewißheit und Tabu war.
* * * * *
Donnermund saß, während dies geschah, auf dem Steuersitz, das Gesicht
gegen Land gekehrt, die Revolver in der Hand. Die Sonne knallte auf
seinen Kopf und seinen Rücken. Er riß mit raschem Griff das Segel ab
und zog es hinterwärts über seinen Kopf. Er war gespannt wie seine
Revolver, denn er wartete auf einen neuen Angriff. Eine aufwühlende
Erregung wirbelte durch sein Blut, die Nerven schienen aus seiner Haut
herauszusprühen, und das Geschehene stand riesenhaft und blutig in ihm,
wie eine Schöpfertat. „Was mochten sie weiter tun?“ fragte er sich, und
diese Frage, deren Antwort für ihn Sein oder Nichtsein bedeutete,
machte so ungefähr alles aus, was stundenlang seinen Kopf durchfuhr. Er
sah, wie die Menschen sich mit einemmal erhoben, tief vom Strand
zurückwichen und nicht herüberschauten. In der Dämmerung sah er auch,
wie das Dorf auszog, und er knirschte ihnen nach, im Zorn darüber, daß
sie um sein Leben gespielt hatten: „Ihr Bluthunde!“ Es kam ihm
allmählich sonderbar vor, wie alles zugegangen war und zu seinem Besten
geendigt hatte. Langsam, während er beobachtete, was die Feinde taten,
wuchsen Sicherheit und Trotz, und er begann zu ahnen, was für einen
unerwarteten, ja wunderbaren Sieg er gefeiert hatte. Aber es war alles
noch dumpf und roh in ihm von dem großen gewaltsamen Ereignis, daß er
sich das Leben gerettet und Menschen getötet hatte. Er begann einen
furchtbaren Hunger zu verspüren, und er aß und trank lange.
Im zweiten Dorf versammelten sich nun alle Menschen des großen Wassers,
lebendige und tote. Die Flüchtlinge stellten sich aus den Wäldern ein.
Die Priester begannen die Reinigungszeremonien, um Menschen und
Landschaft vom zorndrohenden Tabu zu befreien. Rund um das Dorf wurde
Feuer aus Kokosschalen und Palmenfasern unterhalten, um die bösen
Geister fernzuhalten. Die Priester begannen bei den Leichen, die vor
dem Pfahlhaus des Häuptlings Möwenschnabel nebeneinander lagen. Der
König lag allein. Aus einem kleinen Loch in seinem faltigen großen
Bauch sickerte Blut, und niemand wagte es, das Loch anzuschauen. Denn
aus ihm hatte Donnermund die Seele herausgerissen. Ein jeder der Toten
hatte solch eine kleine Höhle, der Königssohn hatte die seinige in der
Stirn, der Häuptling des sechsten Dorfes in der Flanke, ein Mann des
zweiten Dorfes im Unterleib ... Zehn Tote lagen da. Und sie waren
verdammt, denn Donnermund hatte ihre Seelen alle zu den kleinen Löchern
herausgerufen, und sie konnten nun nicht mehr in ein Tier schlüpfen und
von ihm ins All verpflanzt werden.
Aber wegen der Lebenden mußten die Leichen vom Tabu befreit werden. Der
Priester zerschlug über dem König eine Kokosnuß und bespritzte die
Leiche mit dem Saft, der aus dem Innern quoll. Er sprach, rund um sie
gehend, dunkle Laute dazu, die sich heftig erregt steigerten und in
einen schwerfällig heißen Gesang endigten, während die Schritte in
stürmischen plumpen Kadenzen rasch rund um die Toten auf den Boden
klopften. Der Häuptling Möwenschnabel meinte plötzlich mitten aus
seiner Erregung heraus mit gleichmütigem Sinn: „Der König braucht viel
Befreiung. Seine Seele war lange Zeitabschnitte in seinem Körper.“ Dann
fiel er wieder in das brütende, geängstigte Stöhnen und Brummen, mit
dem die Menschen rundum die Reinigung mitmachten.
Die Priester eines jeden Dorfes bewarfen, nachdem sie die Toten
erledigt hatten, ihre Angehörigen mit dem Saft der Kokosnuß, sprachen
und sangen, und unmerklich riß diese Zeremonie ab, und die Menschen
kamen in ruhigere Stimmung, hofften, und während die Priester noch
Kokoswasser streuten, unterhielten sie sich, Männer und Frauen, schon
heiteren Sinnes über allerlei. Sie dachten bei sich: Wenn unser Mund
dem neuen Tabu fernbleibt, so merkt uns das neue Tabu vielleicht nicht
mehr, so wie ein Taschenkrebs, wenn er kein Loch findet, sich
unbeweglich wie ein Stein zusammenrollt und dem Auge entgeht.
Aber der Häuptling Möwenschnabel brachte die Rede wieder auf
Donnermund. Möwenschnabel war der zweite Häuptling, und da alle Söhne
des Königs tot waren und er auch, wie der König, den Vogel Kakadu zum
Stammvater hatte, so war er an der Reihe, König zu werden. Und er wäre
König, sobald die Prügelzeremonie getan worden wäre, mit der der König
eingesetzt wurde. Er fand sich in dieser heiligen Stellung Donnermund
näher als alle andern, ja verwandt mit ihm, denn sein Totem war auch
das Totem Kililikis gewesen, die vor ungezählten Zeiten zusammen mit
dem Ulawun die Insel gegründet hatte.
Und auch Kililiki war vom großen Wasser gekommen. So bei sich rechnend,
wie er seine neue Macht gewinnen und vergrößern könnte, weilten seine
Gefühle ununterbrochen bei Donnermund und den Ereignissen des Tages,
und von Stunde zu Stunde fühlte er sich enger in diese Geschehnisse
hineingeflochten. Er wühlte sich weiter, blind und unaufhaltsam, wie
eine Quelle im Boden. Er war tabu, er, der zweite Häuptling, morgen der
König. Er war der, den Donnermund, wenn er über den Regenbogen zurück
zur Heimat gegangen war, zurückgelassen hatte. Aber war Donnermund
zurückgegangen? Saß er nicht etwa noch in seinem großen weißen Kanu vor
dem Königshaus am Strand? Bereit, die sieben Dörfer zu verschlingen?
Doch ihn verschlang er nicht. Er war aus seinem Mutterstamm.
Da sprach Möwenschnabel in das angeregte Plaudern hinein, bei dem die
Männer rundum am Boden hockten:
„Donnermund ist mein Ohm!“
Erst wollte ein Schrei aus jeder Brust. Aber dann sagte sich jedes
Gemüt: Solch etwas Großes muß wahr sein! Und einige Priester, die durch
ihre Erziehung und ihren Beruf zur Schlauheit gelangt waren, spürten
etwas von dem, was Möwenschnabels Willen anstrebte. Sie wußten, daß
ihre Macht auf denselben Grundbalken stand wie die des Königs, und der
Häuptling und der Priester Kokosbast vom zweiten Dorf sagte gleich:
„Möwenschnabel wird jetzt unser König. Seine Lippen lassen nur Wahrheit
aus seiner Seele.“