Kililiki

Es liegt eine Insel unbekannt im Stillen Ozean. Sie heißt Kililiki. Sie

ist nicht in die Karten eingezeichnet, und sie liegt außer dem Weg der

wenigen Schiffe, die von Australien nach Südamerika fahren. Weitherum

ist sie einsam vom Meer umgeben. Kililiki trägt nach der Nordseite, wie

einen gefurchten Kern, ein ausgedehntes niedriges Waldgebirge, in das

viele enge Täler eingegraben sind. Von den Bergen hinab fällt nach

Süden das Land in sanften Hängen, naß und fruchtbar bis ans Meer.

Sieben Dörfer, gefüllt mit Hütten und Häusern auf Pfählen, liegen dort

am Strand, und die Menschen vom großen Wasser bewohnen diese Dörfer.

Die Haut dieser Menschen ist so braun wie poliertes Palmenholz an einem

Bogen und glänzt, und auf ihren hohen Köpfen baut sich der Haarwuchs

auf, der kraus und fein ist und gepflegt wie ein Moos. Ein jedes der

sieben Dörfer hat einen Häuptling, und der Häuptling im Dorf, der

Ulawun heißt, das will Vater sagen, ist der große König.

Nur im Norden gehen die Berge schroff ins Meer, und bloß ein schmaler

Eingang führt zwischen dickem Gebüsch in einen großen Kessel aus

Felsen. In diesem Kessel, der Kombiu heißt, das bedeutet Mutter, wohnen

die Bildhauer, ein kleines Volk, das nach urheiligem Erbe aus den hohen

Granitwänden riesenhafte Götterbilder schlägt; für ein jedes Götterbild

braucht es an Zeit viele Menschenleben, und wenn eins fertig ist, so

wird der Älteste daran erschlagen, sein Blut spritzt an den Stein, und

seine Seele geht in das Götterbild nach Hause und wohnt nun drinnen für

die Ewigkeit. Die Bildhauer sind rothäutig wie Passionsfrüchte. Sie

gehören nicht zu den Menschen am großen Wasser.

Die Menschen des großen Wassers erzählen, daß im Steinbruch Mutter eine

Sage entstand, die so lautet:

Vor vielen Zeitabständen kam ein Kanu an den Strand. Das war so groß

wie die ganze Insel Kililiki und hatte einen Bauch wie eine dunkle

Wolke, und Bäume wuchsen darauf. Es entstiegen ihm ein Dorf Menschen.

Die kamen an den Strand und waren nicht dunkelhäutig, sondern hatten

ihre Haut mit weißem Wolkenglanz am Rand des großen Wassers ausgemalt.

Das waren böse Geister. Und weil sie nicht Bogen noch Speer hatten,

sagte der große König in Vater:

„Rasch über sie her! Sie haben keine Waffen. Machen wir sie gleich

fertig!“ Und alle sieben Dörfer warfen ihre Speere über sie. Aber die

weißen Geister zogen ihre Schwänze vom Rücken, hielten sie vor, und

Donner entströmte ihnen. Da fiel der große König tot hin. Da fielen

zahlreiche aus den Dörfern tot hin. Und die bösen Geister gingen

wieder. Da sagten sie: „Wir kommen zurück, und unser Donner erschlägt

dann die andern.“ Da waren sie weg. Sie ließen ein weißes Schwein da,

und niemand wagte es anzurühren. Da warf es tags darauf sieben Junge,

und in jedes Dorf lief eins der jungen Schweine von selbst. Da waren

die Schweine auf der Insel wie heilige Tiere. Der Priester aus dem

zweiten Dorf aber sagte: „Wenn die weißen Teufel zurückkommen, so paßt

auf. Wenn ihr sie zuerst erschlagt, dann können sie ihre Schwänze nicht

vom Rücken nehmen, und der Donner bleibt in ihnen. Denn der Gott des

großen Wassers hat sie verdammt zu ihrer Farbe und hat sie kenntlich

gemacht, indem er weißen Kalk der Muscheln und weißen Glanz der Wolken

auf sie gemalt hat. Der Gott des großen Wassers ist uns freundlich.“

... Diese Sage erzählten sich die sieben Dörfer, erzählten sich die

Hütten der Frauen und die Häuser der Männer und die Junggesellenhäuser,

und sie sangen auch Lieder darüber, und sie tanzten sie auch. Und wie

die Seele erwartet, den Körper zu verlassen und vom Tier des Totems in

eins der Steinbilder getragen zu werden, so warteten die Menschen am

großen Wasser darauf, daß eines Morgens das große Schiff am Ufer stünde

und die weißen Geister herauskämen. Sie fürchteten sich.

* * * * *

Nach einem Tag, an dem der Sturm das große Wasser bis an die Beine

seiner Häuser geschlagen hatte, saß der König im Dorf Ulawun auf der

Leiter, die in sein hohes Haus führte, und die Sonne stand ganz steil,

schwer und glänzend überm Strand. Der alte König schlief droben ein

klein wenig ein. Die Männer waren in die Pflanzungen gegangen, die sie

am Fuß der Berge angelegt hatten, und wollten Taro und Bananen zum

Essen holen. Da kam vom Wald her ein weißer Kakadu, setzte sich auf den

Rand des Daches über den alten König und ließ ihm etwas auf die nackten

Knie fallen. Der König erwachte, sah zum Vogel hinauf und erschrak

erst. Der Kakadu flog davon. Da wußte der König, daß es kein böser

Geist war, sondern nur ein Vogel Kakadu. Er wischte den kleinen weißen

Kot weg und war ganz wach. Er sah wie eine glitzernde Muschel den Vogel

Kakadu in der Sonne flattern und dem Wald zustreben.

Aber wie er zum Meer hinschaute, da gewahrte er eine sonderbare Sache.

Es war auch wie eine Muschel, aber es war viel größer und schwamm. Eine

große Furcht packte ihn. Er nahm Bogen und Pfeile und stieg die Treppe

herab, zu der großen Garamuttrommel, die aus einem Baumstamm gemacht

worden war, und er stieß laute, flehende Töne hinein, die bis zu den

Pflanzungen flogen. Die Signale lauteten: Große Muschel schwimmt —

großes Wasser — Gott großen Wassers schickt sie — Kommt zu Vater —

Eure Beine laufen wie Kasuare. Und er telegraphierte der Reihe nach an

alle sieben Dörfer und hörte aus den Dörfern die Antwort. Seine Weiber

liefen aus den Hütten, die Weiber des ganzen Dorfes standen bald

zusammen, die Kinder krochen zwischen ihnen. Sie schauten alle aufs

Meer. Eine brennende Angst erfaßte ihre Herzen. Der alte Priester kam.

Aber seine Augen sahen nicht mehr so weit. Er stotterte. Da kamen auch

schon Männer aus den Nachbardörfern und aus den Pflanzungen. Alle

hatten Bogen und Speere in der Hand. Sie schrien. Sie waren furchtsam

und aufgestachelt zugleich, und wilde Gefühle klommen in ihren Adern,

wie Blasen im Wasser. Sie rannten durcheinander und brüllten

ununterbrochen.

Da schrie der alte König: „Mein Bauch weiß es jetzt. Ein weißer Kakadu

kam auf mein Dach und warf weißen Kot auf mein Knie. In der Muschel

kommen die weißen Teufel.“

Ein wirres Aufheulen schlug aus dem Haufen. Die Weiber riefen

dazwischen. Die Kinder weinten und versteckten sich. Ein Mann brüllte:

„Wir machen die Bildhauer in Mutter tot. Die haben uns die Geschichte

vom weißen Dorf gegeben. Die werfen die bösen Geister über uns.“ Sie

wollten zu ihren Kanus stürzen und zum Steinbruch fahren. Aber der

König hielt sie an: „Wir fragen den Priester.“

Der alte Priester vom Dorf Vater wurde vorgeführt. Die Männer

umstellten ihn heftig und riefen: „Sprich wahr und klug! Was tun wir?“

Der Alte stand in der Sonne und hob seine triefenden halberblindeten

Augen in die aufgeregte Masse. Er murmelte unverständliche Worte und

machte Bewegungen dazu. Er rieb aus seinem Bastkorb, den er unter der

Achsel trug, Kalk auf sein Gesicht, auf seine Brust, auf seine Beine

und machte immer schnellere Bewegungen, warf die Worte immer

schwebender von sich, steigerte von Augenblick zu Augenblick sein Tun,

geriet in einen rasenden Tanz und schlug schließlich wie Keulenschläge

sich ein paar wilde klare Worte aus dem zahnlosen Mund. Rundum wirbelnd

und sich beugend und gleich wieder aufschnellend, seitwärts hockend und

gleich flach aufspringend, keuchte er rascher und roh: „Die Bogen, die

Speere, und bevor Schwänze donnern, Geister erschlagen. So spricht der

Priester. So spricht der Mund des großen Geistes ...“ Dann fiel er zur

Erde und lag dort wie ein zuckender, pfeifend atmender Klumpen.

Da berieten die Männer. Die Muschel kam näher, und einer sagte: „Es ist

ein großes Kanu.“ Und die Gewißheit überkam sie, daß der weiße Geist

über das große Wasser nahe, und daß der weiße Geist den Sturm der

letzten Tage mit dem Gott des großen Wassers gekämpft habe. Der Gott

des großen Wassers war den sieben Dörfern freundlich gewesen. Sie sahen

den Untergang. Weiber riefen: „Die weißen Teufel nagen morgen eure

Knochen ab.“ Und die Krieger erfüllte elendes Verzagen und heiß

aufwallender Blutdurst. Sie schlugen die Speere aneinander und rieben

sich Kalk in die Gesichter. Sie hüpften von Bein zu Bein, und aus ihren

Mündern quoll der wilde wüste Gesang des Krieges und des

Menschenblutes, und damit stopften sie dem Geist des Verzagens in ihnen

das Maul. Jeder dachte an den Vater Kasuar, an den Vater

Strandschnepfe, an den Vater Schlange und an all die Väter ihrer

Totems. Ihre Nerven lärmten wie nachts die Grillen. Ihr Blut rauschte

wie der Sturm, der vom großen Wasser die Wälder hinan braust. Erde und

sie waren eins, Leben und Tod waren dasselbe.

* * * * *

Aus dem Grauen und Rosenroten erwachte Peter Pirath auf einmal. Sein

Kopf lag in etwas Warmem, das auf und abflog, und er fand sich allein

daliegen, den Kopf auf einem eisernen Faß, die Beine über eine Bank

angepreßt. Das Boot schwankte und warf Wasser über ihn. Er zog die

Beine von der Bank. Sie waren steif und blutleer, und er stieß mit

ihnen vor sich hin und rieb sie, bis er sie gebrauchen konnte. Dann

wollte er sich erheben. Er sah, daß er in Blut lag, und als er seinen

Kopf abfühlte, kamen seine Finger an eine verklebte Stelle in den

Haaren. Das Blut auf dem Faß war dick und fast trocken. „Wie lange

lieg’ ich hier?“ fragte er sich. „Was ist das, wo ich bin?“

Er reckte sich auf, hob den Kopf über den Rand des Bootes und sah

rundum in furchtbarer Maßlosigkeit das einsame Meer. Da lachte er, ein

wenig irr, und rief: „Ich bin gerettet!“ Vom Segelschiff war nichts zu

sehen. In langen Zügen hoben sich die Wellen dahin, beruhigt. Ein

fester, regelmäßiger Wind trieb übers Meer. Es war warm. Peter stand

auf und fiel auf die Bank zurück. Das Boot kippte über die Wellen. Als

Peter ein wenig dasaß, erinnerte er sich, daß ihm der Kapitän einmal

das Rettungsboot gezeigt hatte. Da sah Peter schon das Faß mit Wasser

unter der Bank. Da wußte er, daß in jenem angeschmiedeten Eisenfaß

Zwieback war, und er machte sich darüber her. Er schlug seine Zähne

über den Zwieback wie ein Nilpferdgebiß. Der Zwieback war hart wie

Holz. Und er trank. Er wollte unbedacht trinken, zahllose Male das

Gefäß voll, aber plötzlich hielt er ein, goß den Rest Wasser behutsam

zurück, legte das Stück Zwieback, das er anbeißen wollte, ins Eisenfaß

zurück. Er schöpfte Meerwasser und wusch den verwundeten Kopf und das

Blut vom Faßdeckel. Die Wunde war schon halb verharscht, und er dachte

an den Kapitän und an den Untergang der „Hinnerjette Hahnbock“ zurück.

Aber das waren Ereignisse, die ... Lagen sie vielleicht im Mond? Oder

wenigstens vor hundert Zeitaltern? Wohl waren sie am Ende nur seinem

Ahn, dem Jens Peter aus Emden, widerfahren? ... Und auf einmal brach

der Vulkan auf in Peter Pirath. Er wollte leben! Leben! Er wollte nicht

in dieser Wüste von Wasser und Weltferne verschwinden, wie eine

Eintagsfliege aus dem Meer des Abendlichts in die Wiese fällt, und

niemand und nichts sieht je mehr etwas von ihr. Er erinnerte sich, daß

ihm gesagt worden war: Das Boot ist eingerichtet wie eine Villa. Nur

wird die See es eben umkippen, bevor man die Einrichtung benutzen kann.

Er war nun durch einen besondern Zufall nicht damit umgeworfen. Er

schwamm drin auf einem fast ruhigen Meer. Er sagte sich heftig: „Der

Zufall ist nie etwas Armseliges. Der Zufall ist die Hilfe gegen die

Unmöglichkeit. Ich werde gerettet werden aus dieser Verlassenheit.“ Er

fand den Kompaß und sah, daß das Boot nach Norden trieb, und daß der

Wind fast vom Süden kam. Da sagte er sich, es sei möglich, daß er schon

aus dem Gürtel der Westwinde heraus und im Gebiet der veränderlichen

Winde sei, in das im Norden die Inselgruppen hereinlangten. Der

zertrümmerte Chronometer und ewig bewölkte Himmel hatten die

„Hinnerjette“ tagelang ohne sicheres Besteck und ohne Orientierung

gelassen. Er erinnerte sich nur, daß die letzte genaue Bestimmung 35°

südlicher Breite, 118° westlicher Länge gewesen war. Das Schiff mochte

in den nächsten Tagen besonders durch den Sturm, der in südlicher

Richtung blies, weiter nach Norden geführt worden sein. Aber er hatte

keine Karte. Er wußte nicht, wo die Inseln begannen. Er konnte nur eine

Himmelsrichtung ansegeln.

Pirath stellte den Mast auf und zog das Segel hoch, und der stete

Südwind blies das Schiff mit den langen wogenden Wassertälern dahin. Es

lag auch ein altes schlechtes Fernglas im Boot, das er häufig benutzte.

Er nahm den Proviant heraus und maß an der einen Mahlzeit, auf wie

lange er dauern mochte. Für Monate war Zwieback in dem Faß. Wasser

hatte er für dieselbe Zeit. Er fand auch noch einen Revolver starken

Kalibers und ein Kistchen voll Kugeln. Er selber hatte noch den

Browning in der Tasche. Aber das und ein Schnupftuch war alles, was er

gerettet hatte.

Als er müde war, ließ er das Segel herunter, pumpte das Wasser aus dem

Boot und faltete dann das Segel zu einer Matratze zusammen. Er schlief

sofort darauf ein.

Drei Tage lang fuhr er so. Da fand er mit dem Glas, mit dem er vor dem

Niederlegen die Kimm absuchte, eine Insel. Er sah sie in dem runden

Feld wie etwas selbstverständlich Erwartetes. Der Wind war langsam,

aber stet. Er wollte in die Nacht hinein der Insel entgegensegeln. Die

trennende Entfernung konnte er nicht abschätzen. Dann fiel der Wind.

Pirath wartete noch eine Stunde, bis er das Segel niedernahm und sich

zum Schlafen darauf legte. Er schlief nicht, und der sternenhelle

Himmel war weit und aufregend über ihn gespannt wie ein Geist. Oft

erhob Peter sich und schaute rundum. Aber er sah nichts mehr von der

Insel in der Dunkelheit. Als es klar zu werden anfing, zog er das Segel

wieder hoch. Der Wind war sehr schwach. Auf einmal, noch bevor er zum

Glas gegriffen hatte, sah er die Insel. Sie war so nahe, als ob er in

einer halben Stunde sie erreichen könnte. Er saß am Steuer, und sein

Willen lag in ihm wie ein Enterhaken, stark und ruhig nach der

rettenden Insel hinlauernd. Er ließ sie kaum aus den Augen. Sie kam

immer näher. Die Sonne stieg hoch und preßte ihre Strahlen über ihn und

das Boot und vergoldete die Insel. Und langsam, langsam verringerte

sich die Entfernung. Bis auf einmal von hinten her über das ruhige Meer

ein Wind kräuselnd ankam, das Segel rund blies und ihn im Nu dem Eiland

zuwarf.

Er hatte ein Stück Zwieback im Mund und hatte nicht Zeit, es ganz zu

zerbeißen. Die Sonne funkelte auf dem Wasser und brannte durch seine

Kleider. Er sah am Ufer zwischen Bäumen und Bambus Hütten und gewahrte

schließlich auch eine Schar Menschen, an einem Platz zusammengedrängt.

Die nackten schwarzen Gestalten tanzten und sprangen im schweren

Schatten, und fast im Augenblick, wo das Boot neben einem großen Baum

auf den Strand setzte, hörte er ihr wildes Gebrüll heranstürzen; ihre

Speere und Pfeile wirbelten in der Luft, der Anprall des Auflaufens

warf ihn unversehens auf den Boden des Schiffes. Die Speere und Pfeile

sausten über ihn und prasselten in der Luft zusammen; einige spießten

sich ins Segel. Einige fielen auf ihn nieder, im Flug gebrochen.

Und da fühlte Peter sein Blut wie einen Springquell gewaltig in seinen

Adern hochstürzen. Er schrie: „Leben! Leben!“ Er spuckte das Stück

Zwieback aus dem Mund. Und ohne Überlegung, nur von der wilden Raserei

seines blutigen Willens gestoßen, nahm er in jede Hand einen der

Revolver, sprang achtlos aus dem Boot und lief, von dem dicken

Baumstamm gedeckt, schießend auf die tanzende und brüllende schwarze

Horde los. Er sah, daß der Vorderste stürzte. Ein nackter Schwarzer

griff nach ihm, faßte die Luft an und brach nach vorn jäh zu Boden.

Peter schoß ... schoß ... Ein dritter fiel nieder. Peter drang hinter

dem Baume hervor und begann in den Haufen hineinzustürmen, ein

Amokläufer ... Seine Hände mit den Waffen staken festgerannt in einem

heißen Haufen schwarzer Leiber. Er drückte ununterbrochen ab und

brüllte mit bebender Stimme unbewußt deutsche Schimpfwörter:

„Hundemörder! Menschenfresser! Drecksäser!“ Einer sank nach dem andern

zu Boden und drückte das Gesicht in den Sand und hob die Hände flehend

hoch: „Tabu! Tabu!“ schrien sie.

Er stand groß, weißhäutig und blond, rasend bewegt, wie eine Pappel im

Sturm, zwischen den nackten, am Boden zuckenden schwarzen Leibern. Und

da stieg aus dem schwarzen kriechenden Unglück im gelben Sand ein

schwerer, dunkler und leidenschaftlicher Sterbegesang auf. Der war

mächtig wie der Sturz eines Wasserfalls und traurig wie ein Vogelschrei

in der Nacht. Die Weiber stürzten aus den dunkeln Bäumen und Hütten und

fielen übereinander in den Sand und sangen, und die Kinder warfen sich

weinend zwischen sie, und ihre hellen Stimmen überstiegen gell und

verzweifelt die schwarze gewaltige Sterbensmelodie der Väter und

Mütter.

Da kam Peter von seinem Blutrausch zu sich. Er trat aus dem singenden

Gewürm heraus und ging mit bebenden Gliedern und mißtrauisch gespannten

Sinnen rückwärts zum Boot zurück. Er untersuchte seine Revolver. Beide

waren leer geschossen und hatten heiße Läufe. Die Waffe, die er im Boot

gefunden hatte, lud er gleich wieder aus der Patronenkiste. Er setzte

sich, das Gesicht dem Land zugekehrt.

Piraths Insel · 第 65 / 96 题