Das Wort, von dem Pirath glaubte, daß nur zwei Menschen auf der Welt es
kannten.
Er schrak ein wenig auf vor dem verklungenen Ton. Es war ihm einen
Augenblick lang, als ob ein Gewölbe in ihm zusammenbräche. Aber er
ertrug den Einsturz mit großer Beherrschung. Er richtete sich auf und
schaute Frau Ledinski an. Sie hatte das Wort gesagt.
Sie reichte ihm durch die Dämmerung die Hand, und diese blonde, schmale
Hand kam wie ein Engel durch die Dunkelheit und Hitze ihm entgegen.
Pirath beugte sein Gesicht auf sie.
Eine Stimme klang: „Es kommt mir vor, als ob wir Verstecken um sie
spielten. Ich mußte wenigstens ihren Namen einmal sagen.“
Piraths Gesicht sank inniger über die Hand. Es war, als ob er sein
Gesicht in einen Rosen- und Liliengarten einschmiegte.
„Und sie ist es doch wert, daß man um sie leidet!“
„Ja!“ sagte Pirath entfernt und dunkel glücklich und unglücklich.
Sie schwiegen, und der Name war durch sie gegangen wie das
Klingelzeichen, das den Vollzug des heiligen Geheimnisses in der Messe
durch die inbrünstig verstummten Bänke der Gläubigen schwirren läßt.
„Daß Sie Ewe sagten!“ begann Pirath nach einer Weile und fügte dann
ganz leise und zart hinzu, wie ein flehendes kleines Gebet: „Wissen
Sie, wo sie ist?“
Nein! winkte Frau Ledinskis blonder hoher Kopf.
„Ich hab sie ja auch verwunden!“ sprach Peter still und fromm in die
Nacht hinauf. „Sie ist mir wie eine der Wurzeln, mit denen ich unter
der Erde ans Leben verwachsen bin. Nur weil Sie so unerwartet +den+ Namen
sagten, den nur sie und ich kannten ...“
Frau Ledinski sagte leise vor sich hin: „Sie hat vorgefühlt, daß Sie zu
uns kämen. Am Abend vor Kolombo sagte sie mir: ‚Wenn er kommt, so
sprechen Sie einmal von mir‘.“
Da erfaßte unversehens ein wunderbares Gefühl, eine Erregung von ewigem
Schmerz und ewigem Gut die Seele Peters. Er stürzte wortlos in die
schwere Nacht der Tropen und in den wilden deutschen frühherbstlichen
Sturm seines Herzens hinein.
Er ging den Weg hinter dem Häuserhügel hinab. Er sah über ferne Hügel
die Gratlinien der schwarzen Inselgebirge durch die Sterne wandern. Die
dunkeln Massen der Erde trugen die zarten südlichen Schwärme der
Gestirne auf sich, wie wandernde Hünen zarte Vögelein auf den Gewölben
ihrer Köpfe halten. Palmen spreizten ihre gefingerten Wedel üppig in
die silbrige Finsternis hinauf. Mit einem Donner krachte nicht weit von
Peter eine Kokosnuß in den Erdboden. Er erschrak vor diesem Ruf der
Natur.
Pirath ging wieder den Hügel hinan. Er kam vor das dunkle und
halboffene Haus der schwarzen Soldaten. Er sah die Schwarzen durch die
offene Tür mit ihren Weibern zusammen in der Dunkelheit liegen. Nur
manchmal glühte eine glimmende Kokosschale auf, wenn sich einer eine
Pfeife anbrannte. Die Soldaten brummelten auf ihren Maultrommeln
mehrstimmig und weich eines der Tanzlieder ihres Volkes. Es scholl
heraus als eine verfließend begehrliche und wehmütig zarte Musik. Es
war, als ob die Dunkelheit selber sänge und summte.
Die Brandung des Meeres scholl hinein, und in der Nacht leuchtete der
Gischtstreifen des Riffs.
Plötzlich schwankte ein Licht auf dem Meer. Stimmen riefen aus der
Dunkelheit: „Schiff! Schiff!“ Soldaten stürzten heraus. Pirath lief zum
Kai hinab.
Dort stand der Amtmann. Der sagte: „Die ‚Java‘ ist es nicht!“ Pirath
erschrak: Die „Java“ — der Abschied!
Frau Ledinski kam durch die Dunkelheit heran. Sie leuchtete in ihrem
weißen Kleid in der Nacht wie eine Heilige.
Ein Boot hörte man mit regelmäßigen Schlägen rudern.
Das Boot trieb bald an den Kai. Ein schwarzer Soldat des Amtmanns hielt
eine Laterne hin, und ein Mann stieg herauf. Der trug zu einer Kakihose
einen dunkelblauen Rock mit messingnen Knöpfen. Auf jedem Knopf war ein
Anker. Aber ein Anker war anders als der andre. Der Mann hatte einen
ergrauten Knebelbart und eine riesenhafte rote Nase, an die er sich
rasch faßte, wie um sie zu verdecken.
Er sagte: „Ich bin Kapitän Damm. Störe ich nicht? Ich bin nämlich
besser als meine Nase, wenn Sie sich drüber wundern sollten, daß ich
Sie, die Nase in der Hand, begrüße.“
„Nein, nein!“ riefen die drei zusammen. In der glitschigen Stimmung
freuten sie sich, daß es noch nicht die „Java“ war, und sie waren
glücklich, daß ein fremder Mensch zu ihnen kam und sie aufheiterte. Der
Kapitän erklärte, er könne zwischen den engen riffigen Inseln nicht
gegen den Wind kreuzen und müsse abwarten, bis der Wind umginge. Er
habe die Häuser gesehen, und er mache hiermit seine Antrittsvisite. Er
müsse wegen des fehlenden Zylinders um Entschuldigung bitten. Den
behüte seine Ohlsche in Blankenese, wenn er nicht inzwischen ins
naturhistorische Museum nach Hamburg gekommen sei. Aber er habe seine
beste Mütze aufgesetzt.
Frau Ledinski lud den Kapitän gleich ein, mit ins Haus hinaufzugehen.
Der Kapitän war ein Witzbold. Er trank für sich allein etwa fünf
Flaschen Mosel und sagte: „Der is auch nicht an Ihren Palmen
gewachsen.“ Manchmal bat er dazwischen um ein Gläschen aus der
Kirschwasserflasche, die vom Kaffee her auf dem Tisch stehengeblieben
war. „Es ist, um die einzelnen Gläser Mosel zu verbinden!“ bemerkte er.
„Man muß trinken, daß es im Bauch eine Girlande wird, segg ik jümmer!“
Und sein Knebelbart hob sich seiner Nase entgegen, die wie eine
prachtvoll rotbackige Bergamottebirne sich aus seinem Komikergesicht
auf das Kinn niedersenkte, während beiderseits über dieser Nase die
Äuglein, gleich zwei grünen Kügelchen, immer in einer entzückten
Flüssigkeit schwammen und blinzelten. Es lag ein ganzer kleiner Himmel
in diesen nassen Äuglein. Dies Gesicht änderte sich nie. Es war bei
jeder Rede, sie mochte ernst sein oder zum Lachen reizen, von demselben
schwerfälligen und komischen Verwurschteltsein. Es war, als sagte und
hörte es ernst und gleichmütig die scherzhaftesten und witzigsten
Dinge, und als lachte es sich faltig bei einem Gespräch über Leichen
auf See. So war jeder Ausdruck in vielfach verschlungenen Zügen von
vornherein darin ausgeprägt. Das war sehr belustigend, manchmal aber
ein wenig geisterhaft anzusehen.
Man feierte den unerwarteten Besuch des ulkigen und errettenden
Landsmannes bis spät in die Nacht hinein. Man fühlte sich wie aus einem
Kessel voll zwiespältigen Unbehagens heraufgezogen und einer lieblichen
burlesken Landschaft ausgeliefert. Die Urwaldgebirge schienen unter der
Nacht freundlicher und vertrauter geworden zu sein. Man sprach
übereinander. Der Kapitän Damm hatte ein kleines Haus mit einem Garten
und Hühnern, Enten, zwei Ziegen und einem Schweinestall in Blankenese.
Seine Frau verwaltete das. Er fuhr schon über anderthalb Jahre, ohne zu
Hause gewesen zu sein. Er sprach mehr von dem Wurf von jungen Schweinen
und der Sorge um einen rasseseltenen Enterich als über seine Frau. „Die
Ohlsch weilt immer beim lieben Jott!“ bemerkte er. „Ick bin zu sehr
‚hienieden‘ for sie.“
Sein Schiff hieß „Hinnerjette Hahnbock“ und war eine kleine
Viermastbark, die 1400 Tonnen faßte. Sie war mit Stückgut von Hamburg
nach Sydney gefahren, hatte von Newcastle Kohlen für die Marine nach
Matupi bei Rabaul gebracht. Der Kapitän war Mitinhaber des Schiffs. Er
wollte eigentlich unter Ballast nach Australien zurück. Dort hätte er
Getreide für Europa oder Kohlen für die Salpeterküste laden können.
Aber es fand sich, daß es mit der Zeit schlecht ging. Das Getreide war
schon verschifft. Die Kohlen zahlten augenblicklich so niedrige Fracht,
daß er etwas anders unternahm. Er lud Muscheln und Kopra in Rabaul und
wollte sie den neuen Weg durch den Panamakanal nach Europa bringen.
„Ich bin nämlich immer mal fürs andre!“ bemerkte der Kapitän, und um
das in einem kleinen Beispiel gleich praktisch vorzuführen, fragte er:
„Sehen Sie, Herrschaften, hätten Sie nich so nen lütten guden Rum of
Jamaica. So dazwischen ...m ...m? Ohne Rum gibt’s für nen ollen
Seeonkel doch kein Vergniegen nich.“
Dazu schien das Gesicht zu weinen, und Ledinski ließ die Rumflasche
kommen. Da spitzte der alte Säufer den dicken Mund unter der
Bergamottenase.
„So! dat schmiert all wiederum!“ Er fuhr fort zu erzählen, daß er nun
etwa bis auf den 35. Grad hinunter müßte, und so bei den Kermadekinseln
hätte er Rendetzvutz mit die braven westlichen Winden. Aber bis dahin
habe die Bark „keinen Usus vor sich“, drückte er sich aus, das heißt
sie konnte nicht auf schriftlich niedergelegte Erfahrungen hin segeln,
sondern müßte sich ihren Weg zwischen den Inseln und Riffen selber
suchen. Aber einmal da unten, da riecht die „Hahnbock“ ihren Weg. Sie
hat ihn schon ein paarmal gemacht.
Während er dann von alten Reisen im Stillen Ozean erzählte und dabei,
im Anschluß an seine zahlreichen Girlanden von Alkohol und die
Palmenpflanzungen der Gegend, von Inseln phantasierte, die mit
Kokosnüssen belegt seien, wie bei uns ein Pferdestall mit Roßknödeln
und kein Mensch kümmere sich darum — vielleicht liegen diese Inseln im
Mars — kam Peter Pirath eine Vorstellung, die ihn wie eine rasche
Überschwemmung unwiderstehlich anfüllte und über abenteuerliche
mächtige Wege der Wirklichkeit zu entführen drohte. Wenn er, statt mit
dem braven Dampfer über Sydney nach Hause, seine Reise mit diesem
großen Unternehmen schlösse: Mit der „Hinnerjette“ zum Panamakanal, von
dort heimwärts? Und vielleicht fanden sie die Insel, die noch nicht
entdeckt zu sein schien und deren Boden die Kokosnüsse bedeckten, wie
in Deutschland die Buchenblätter den Waldboden. Das wäre ein Schlag!
Er sagte rasch und hitzig, als ob es ihm entgehen könnte: „Kapitän,
nehmen Sie mich mit durch den Panamakanal?“
Der Kapitän schaute auf, blieb eine Weile stumm, und dann kam zum
erstenmal etwas in sein Gesicht, das wie ein Lachen ausschaute. Alle
Falten falteten sich noch einmal, die Kreuz und Quere zuckte es wie
gebrochene Streichhölzer über die Backen, die Stirn, und die Nase
schwibbelte ein wenig und wollte sich am aufstehenden Bocksbart
kitzeln. Auch das Ehepaar schaute Peter erstaunt an.
Der sagte heftig: „Das ist doch einmal eine andere Sache! Und dann komm
ich ganz um die Welt herum!“
„$All right!$“ rief dann der Kapitän ruhig. „Ich persönlich fahr aus
Prinzip auf keinem Dampfer. Unser Menü ist am ersten, vierten und
siebenten Tag der Woche Salzfleisch, am zweiten und sechsten Tag
Salzfleisch und am dritten und fünften Tag Salzfleisch. Behagt Ihnen
das? Mir recht. Ich geb Ihnen meine Kabine und den Salon. Und dann
feuern wir der ‚Hahnbock‘ in die Nüstern. Sie ist ein Renner, $first
class$. Bei raumem Wind nie unter hundertachtzig am Tag. ’n bäten Water
schöpft sie ja wohl. Aber wir sitzen achtern hoch ...! Und am
Panamakanal können Sie ja den Dampfer nach Europa nehmen, wenn Ihnen
‚Hahnbocken‘ zu schnell reitet, hi, hi, hi, und zu gut kocht ...! Wie
ist’s mit der Seelenspeise?“ fragte er plötzlich, wie ernüchtert. „Ich
bin nur auf mich eingerichtet ...!“ Und er zeigte auf die Wein- und
Schnapsflaschen auf dem Tisch.
Da sagte Frau Ledinski ein wenig aufgeregt: „Wir können unsern Rest
mitgeben. Die ‚Java‘ kommt ja morgen oder übermorgen mit neuem
Proviant.“ Sie war begeistert von Peters Plan. „Auch Konserven! Brr,
das Salzfleisch! Es schmeckt wie stickige Luft.“
„Wie Honig!“ warf Damm empört dazwischen. „Überhaupt das beste Essen,
wo man hat. Und braune Bohnen dazu ...m ...m ...m!“
Er leckte mit der Zunge um seinen glattrasierten großen Mund und
schlürfte.
„Haben Sie Hunger?“ fragte Frau Ledinski lachend.
Der Kapitän sagte ernst: „Ich bin ein aufrichtiger, ein ganz
aufrichtiger Mensch.“
„Also ja!“ rief Frau Ledinski.
Damm winkte ernst zu.
Sie aßen alle noch einmal. Der Wein schwelte in ihren Köpfen weich auf.
Er vergrößerte bei jedem die Eigenarten der Anlage. Ledinski sprudelte
von Einfällen, der Kapitän war nudelig und knusperig, ging auf wie ein
Strudel, Peter Pirath spürte das Gemüt wie einen tiefen Brunnen in sein
Gehirn gegraben, und es scholl herauf und ward Musik, die alles Genaue
und Greifbare verwischte, und Frau Ledinski empfand als ein eigenes das
naive Glück dieser drei so verschiedenen Männer.
Schließlich wollte der Kapitän zum Schiff zurückfahren. Frau Ledinski
sagte: „Aber Sie schlafen doch bei uns!“
Damm entgegnete mit ernstem Gesicht (oder lachte er?): „Ick slap immer
bei meiner Hinnerjette, Hinnerjette! Hahnbock! Hahnbock! Nichts für
ungut. Hahnbock!“ fügte er noch einmal energisch drauf.
Sie führten ihn zum Ufer. Die beiden Matrosen, die Damm an Land
gerudert hatten, waren von Frau Ledinski hinter dem Haus bewirtet
worden. Sie warteten am Meer. Einer von ihnen war betrunken und
quatschte das Ehepaar und Peter immer an. Da nahm ihn der Kapitän bei
der Brust, hob ihn über den Rand des Bootes und drückte ihn nieder:
„Verteuf man en beeten, du Oos!“ Der Matrose maulte auf. Der Kapitän
sagte: „Et is ne Dame hier. Bei Roerslag twintig butenland fangst eene,
du Nickel, du Normann!“
Das Boot stieß ab.
Der Wind drehte in der Nacht, und am nächsten Morgen verließ Peter
Pirath die zweite Station seiner Reise, nachdem er dem Amtmann das
Buch: „Matantuduk“ mit einem Brief zur Versendung an seinen Bruder
Hermann übergeben hatte. Die „Java“ sollte es gleich mitnehmen. Das
Ehepaar winkte vom Ufer aus, daß ihm die Arme weh taten. Die Herzen
bluteten. Peter Pirath stand auf dem Achterdeck und strich mit seinem
Fernglas über seine Pflanzung Matantuduk, die langsam am südwärts
ziehenden Schiff vorbeistreifte. Er hörte jenseits der urtümlichen
Gebirge Zentrifugen surren und sich in geheimnisvoll treibender
Fruchtbarkeit voneinander abspalten und hemmungslos sich aufschleudern
und vermehren. Hermann lief zwischen den Maschinen und feuerte sie
durch Zurufe an, seine Heimatstadt sah er erfüllt von einer heftigen
raschen Bewegung; das große Zahnrad der Entwicklung schnappte nach dem
Einsprung, der höher gelegen war.