Auf der „Hinnerjette Hahnbock“

Achtern wohnten sie zu drei: Pirath, der Kapitän Damm und ein älterer

Steuermann, namens Kluge. Kluge war ein kleiner Mensch mit breiten

Schultern und flacher Brust. Er ging stets mürrisch und nörglerisch

umher, weil er sich nichts zu trinken verschaffen konnte, da sein

Schnaps alle war. Gossen ihm Peter oder Damm ein, so stürzte er das

Glas gierig unmittelbar in die Kehle, und er war für eine Viertelstunde

aufgeräumt und gesprächig.

Einmal fragte ihn Peter in einer solchen Viertelstunde: „Nun, und Sie,

Herr Kluge? Wann werden Sie denn Kapitän?“

Damm meckerte auf. Alle Fältchen seines Gesichtes knickten sich ein,

und der dicke Kopf und die blitzigen Äuglein und der quellend geöffnete

Mund warteten. Denn diese harmlose Frage Peters hatte Kluge ins Herz

getroffen.

Kluge schaute Peter wild an, erhob sich und ging davon. Als er draußen

auf Deck war, brüllte er zurück: „’m Oos!“

Da begann Damm mit den Händen auf dem Tisch zu trommeln.

„Was hat er? Was ist?“ fragte Peter verwundert.

„Sie häwt em bannig schwer beleidigt!“ antwortete Damm ernst, kicherte

dann los und schlug wieder auf den Tisch.

„Was denn?“ fragte Peter ungeduldig.

„Hier!“ machte Damm und hob seinen Mittelfinger, der so dick war wie

eine Schützenwurst, an die Stirn. „Dort het he ’n Ankerspill. Dort

geiht alls jümmer rundum. Mit beide Wachens un baben in de Mitt’, de

mit dat Schipperklavier. Er ist nämlich schon mal Käpten gewest, und

dann hat er mit seiner Bark so gut gezielt, daß er zehn Schifferboote

über’n Haufen rannte und seinen Klüverbaum in einen Dampfer festrammte.

Im Kanal war’s. Und er war so duhn, daß er glaubte, die Ewer wollten

ihn überfallen, und er hat geschrien und mit ’m Rivolver geschossen.

Dar häwt se em sien Patent wegnahm’n.“

Peter war bestürzt und dachte nach, wie er das Geschehene wieder

gutmachen könnte. Er wollte den geraden Weg gehen und sich vor Kluge

entschuldigen. Er fand ihn draußen an den Brassen beschäftigt und ging

auf ihn zu. Er begann: „Ich muß Sie vielmals um Entschuldigung bitten,

Herr Kluge ...“

Aber der Steuermann warf ihm einen wüsten Blick seiner grauen Augen an

den Kopf, drehte sich um und ging davon. „Du Oos!“ murmelte er. Dann

sprach er nicht mehr mit Pirath. Er wollte auch nicht mehr mit den

beiden essen und ließ sich seine Mahlzeiten in seine Kabine geben. Er

ging viel zum Matrosenlogis nach vorn. Einige hatten von Rabaul her

noch Schnaps. Für teueres Geld, das er schuldig blieb und von seiner

Heuer in Hamburg versprach, kaufte er ihn Glas für Glas, betrank sich

und hetzte die Matrosen gegen Pirath. Er deutete allerlei Verächtliches

über ihn an. Aber wie er immer wieder in ungenauen Verdächtigungen über

ihn sprach, stellte ihn einmal Henry Tedge, einer, der seine

Nationalität verloren hatte, faßte ihn mit beiden Fäusten an der Joppe

und schrie ihm ins Gesicht: „Stürmann, jetzt grade heraus mit der Rede.

Du Aas! Was ist mit dem verfluchten langbeinigen Kamel von Passagier?“

Kluge reckte sich Henrys Ohr entgegen und flüsterte so laut, daß das

ganze Logis es hörte:

„He is een Spionierer.“

„Wat,“ brüllte Henry, „wat is he?“

„Een Spio ... spio ... nie ... Wees de: een Detektiv is he!“

Henry Tedge war ein magerer großer Kerl mit einem ganz ausgemergelten

Kopf, der hinten flach in den Hals lief und in dessen Gesicht über

einer starken kleinen Nase zwei graue Augen gemein und scharf immer

unruhig umherschauten. Wie er das Wort Detektiv hörte, da schoß das

Blut in sein knochiges bleiches Gesicht, die Adern hämmerten an den

Schläfen heraus, die Augen sprangen, er schlug die Fäuste an die

Holzwand und brüllte: „Krepieren schall he, verrecken ...!“

Da sagte der breite gemütliche Hinnerk von Spiekeroog lachend:

„Tedge, de is eegens for di an Bord kam’n!“

„Wat?“ schrie Tedge ihn an, „du $dammned bloody$ ... Wat seggst du?“

Und mit einem Raubtiersprung setzte er auf Hinnerk los. Aber Hinnerk

hielt ihn in langsam steigendem Zorn bei den Schultern vor sich in die

Höhe. Henry zappelte mit den mageren nackten Beinen: „Lat los!“ brüllte

er. „Ich renn di meen Messer in die Knaken! Los!“

„Man tau!“ sagte Hinnerk mit drohender Ruhe und hielt ihn fest. Nach

einer Weile ließ er ihn los und ging auf Deck hinaus. Henry brummte ihm

drohend nach. Kluge hatte sich in die Koje eines Matrosen gelegt, der

gerade auf Wache war, und begann seinen Rausch zu verschlafen. Auch

Henry legte sich in seine Koje. Er zog den schmutzigen Vorhang vor und

warf heftige, blutige Blicke heraus. Das Blut färbte sein Augenweiß wie

ein rotes Gift.

Pirath kam oft zu den Matrosen. Die „Hinnerjette“ fuhr prall am Wind

durch die ruhige See, das Mitteldeck nahm nur wenig Wasser.

Pirath kam zu den Matrosen, weil er in ihnen den höchsten Ausdruck des

Lebens an Bord sah, eines Lebens, das er nicht kannte und dessen fremde

Seele ihn reizte. Die Matrosen nahmen ihn gleichmütig auf und ließen

sich auf kurze Gespräche mit ihm ein, wenn er sich zu ihnen an die Luke

beim Logis setzte.

Auf einmal aber fiel ihm auf, wie ihr Benehmen gegen ihn kürzer wurde.

Einige grüßten, wenn er kam. Andre blieben und antworteten kaum, wenn

er fragte. Nur Hinnerk von Spiekeroog und einige deutsche Matrosen

sowie die drei Schiffsjungen waren gleich bereit, mit ihm zu plaudern.

Wenn er das Deck herankam, sagte Tedge: „Da kommt de aasige Spionierer!

De ... langbeenige Hammel. Ick riet em de Gorgel ut ’n Schlund!“ Aber

Hinnerk versicherte die andern: „He luggt. De Stürmann het ’n Pik up

em, weil he ’n Fabrikant is ut Dütschland!“ „Wat is he?“ schrie Tedge,

„Fabrikant? Fabrikant vonner Polizei, Galgen makt he, de Kreuzdonner

...“ Und wenn Pirath kam, schaute er ihn mit den gierig hassenden

Blicken seiner gemeinen Augen herausfordernd an und ging weg.

Peter teilte die Gefühle Tedges: „So ekelhaft sieht dieser Mensch aus!“

sagte er sich immer. „So ausgemergelt von dem gemeinsten Leben, von

Verbrechen gemein ausgemeißelt!“ Sein Widerwille wuchs an dem

feindseligen Benehmen des Matrosen rasch zu Haß. Er schaute ihn nicht

mehr an. Er brachte es nicht über sich, diesen Verbrecher zu grüßen.

Die „Hinnerjette Hahnbock“ lief vor dem Wind eilig zwischen den

Inselgruppen dahin. Damm ließ seine Zähne aufeinanderkrachen, wenn er

das aufschäumende Wasser an der Back weichen sah, und sagte: „Die

‚Hahnbock‘ hat brennende Zunder im Moars. Sie läuft wie’n Esel!

Achtzehn Meilen!“ Er schaute mit seinem immer gleichmäßigen Gesicht, in

dem sich nur die Fältchen bewegen konnten und an dem Nase, Ohren,

Lippen, Bocksbart wie knollige Auswüchse hingen, Peter an und meckerte:

„Soll ’n Dampfer man mit! Soll ’n Dampfer man mit! De Ölspritzer, de

Ölkann-Jonglierer, de Dreckkasten, de Rußkotzer ... So wat müssen wir

begießen!“ fügte er leise hinzu, daß es die Matrosen am Steuer nicht

hören sollten. Laut sagte er dann: „Wollen wer man in die Karten

schauen gehn, Herr Pirath?“ Er trank dann immer ein Glas Kognak, eine

Flasche Bier und einen Rum. „Mein Girlandchen!“ sagte er befriedigt.

Aber als sie das Inselgebiet verließen und sich ostwärts wandten, den

„braven Westwinden“ zu, änderte sich die Sache plötzlich. Es kamen

langtägige Flauten; Tage und Nächte schlapperten die kraftlosen Segel

lärmend auf dem Gut herum. „Dat ritt mien beste Segel to Plünnen!“

jammerte Damm. „So’n aasiges Wetter!“

Auf einmal unterbrach ein plötzlicher Oststurm die Flauten. Mit Mühe

holten sie die Segel ein. Beide Wachen arbeiteten Tag und Nacht.

Niemand kam aus den nassen Kleidern. Das Meer stürzte sich aufs Deck.

Die Bark mußte südlich gehen, der Sturm trieb sie auf Neuseeland

zurück. Damm schimpfte wie ein Vulkan. Die Matrosen waren

widerspenstig. Der Kapitän verweigerte ihnen deshalb den bei schwerer

Arbeit gewohnten Rum. Das machte auch die Partei Hinnerk von

Spiekeroog, die mehr mit achtern zusammenhielt, gegen ihn gereizt. Aber

die Matrosen ließen es aneinander aus. Sie beschimpften sich blutig

mitten in der lebensgefährlichen tollen Arbeit auf den Rahen und in den

Seen, die sich auf Deck über sie stürzten, und als der Sturm vorüber

war, hatte die Feindschaft der beiden Parteien sich tiefer und heftiger

in die Herzen gegraben.

Peter hatte den Sturm verwacht. Er hatte, stundenlang an die Reling und

die Taue des Besanmastes angeschraubt, die Raserei der Winde Schiff und

Meer bekämpfen sehen. Rissen denn die Segel nicht? Hebt sich denn das

Schiff wieder auf? Verschluckt denn die Woge es nicht? Der ganze Sturm

war als ein mächtiges, unheimliches Rätsel durch sein Herz gerast. Nun

da das Unwetter vorbei war, blieb der Sturm in ihm, wie etwas

Wunderbares, wie ein Symbol des Kampfes mit allen Gewalten des

Schöpfers, und der Mensch hatte mit seinem Werkzeug gesiegt.

Der Wind raumte auf. Die Bark konnte flink vor ihm daherfahren. Er

strich von unten seitwärts in die Segel. Sie wölbten sich wieder. Sie

fuhren wie mächtige fremde Drachen mit dem Schiff durchs Meer.

Die Matrosen hatten wenig Arbeit. Die Segel blieben tagelang

unverändert. Kaum, daß sie ein paarmal aufgebraßt wurden. Die Menschen

waren wieder auf sich angewiesen, mit sich allein. Mit der kleinen

Abwechslung in Rabaul hatten sie seit beinahe zweihundert Tagen nichts

Menschliches gesehen als ihre eigenen Gesichter, keinen Willen gespürt

als den des Stärkeren unter sich gegen den Schwächern, nichts besessen

als die Gefühle gegeneinander. Sie ekelten sich an. Sie gingen

aneinander vorbei und nahmen ihren Haß aus dem Herzen gierig in die

Hand, und in heimlicher Raserei schrien sie einander zu: „Ich möcht dir

mein Messer in den Bansen stoßen! Du Hundegeburt! Du Scheißdreck! Meine

Augen kotzen, weil sie dich sehn müssen. Du stinkst! Alles was du tust

und sagst, tust und sagst du nur, um mich wütend gegen dich zu machen.

Ich zerschmatz dich mit meinen Zähnen, du blutiges Aas!“

Peter sah auf einmal diese Änderung. Es war, als ob diese Schar von

Menschen, als ob die Menschheit überhaupt durch unverständliche Kräfte

gebunden wäre. Auch er spürte diesen Druck des Hasses, er wollte

würgen, schlagen, töten! Sich von der Gebundenheit befreien, grausames,

von Brutalität quellendes Raubtier sein. Wie Blut unter einem wüsten

Dolchstoß aus einem Leib aufschießt, so wollte er die Verdammtheit

seines Gemüts befreien können! Oft gerieten Matrosen aneinander. Wenn

er das sah, lief er am Leittau über das von Wassern überstürzte Deck

und riß sie auseinander, nicht um des Friedens willen, sondern um

diesem dämmernd wilden Zustand in seinem Innern an die Luft zu helfen.

Er lag jetzt oft, um nur nichts Menschenähnliches zu sehen, auf dem

Logis und der Küche, die vorn an Deck niedrig aufgebaut waren, in einem

der dort aufgestellten Rettungsboote und schaute in die schwellenden,

stoßend geblähten Segel hinauf. Er hatte keine Gedanken. Sein Gemüt

floß wie ein Strom in der Überschwemmung. Aber er wußte, daß dieser

Zustand nur zeitlich war. Ein stürmischer Wirrwarr strömte dann durch

ihn, Bedeutungsvolles und Willkürliches mischend.

Er machte die letzte Probe. Das war diese Fahrt auf dem Segler durch

die maßlose Unendlichkeit und Vereinsamung des Stillen Ozeans. Es war

eine letzte Verdammnis, ein letzter Fluch. An einem unbekannten süßen

Küstenfleck Amerikas wartete, wie eine Fee, die letzte Errettung auf

ihn. Sie war so süß lockend, wie Ewe süß und lockend gewesen war. Dann

konnte er auf einem Dampfer, wie in einer verzauberten Stadt, schön und

genießend, heimwärts fahren und die Ernten raffen.

Er hörte, wenn er so im Boot lag, unter sich die Matrosen, die auf

Freiwache waren, sprechen. Sie saßen auf der Luke, die an die Wand des

Logis anstieß, und schwiegen und schimpften. Sie wußten meist nicht,

daß er oben lag.

Einmal, an einem Sonntag gegen Abend, hörte er drunten Henry Tedge. Der

rief: „Wo ist der Detektiv? Dat aasige Langbeen von einem Saukärl!“

Einer antwortete: „Er säuft mit dem Alten Schnaps achtern.“ „Das bist

du!“ sagte sich Peter erschrocken. „$Well!$“ machte Tedge, „lat em

supen! Möcht ich auch! Ick woll, he verreckte an den Spriet. Weert man

Vitriol! He sparte mi denn de Arbeit, em de Gorgel dortosnien!“

„Was?“ begehrte Peter bei sich auf, als er diesen Haß drunten gegen

sich ausfließen fühlte, „du Galgen! Du Ekelhaftigkeit! Ich werde dich

mal gelb und blau prügeln!“

Nach einer kleinen Weile sagte der klobige Hinnerk von Spiekeroog

drunten: „He töft upp di, du Hering. Eh du man: Au! seggst, fiert he

dich up’n Besan rup! Da kannste runner pfurzen! Du Büchsenschieter!“

Hinnerk wollte streiten, aber bevor Henry entgegnen konnte, sagte der

alte Boern, der für eine Keilerei zu faul und zu schwach war, jeder

möge was erzählen. Einige riefen: „$Well!$ Ja!“

„Wat een sölm beleevt het?“ fragte Hinnerk steif.

„Was man will!“ sagte Boern. Der Meister rief: „Der Schmaus, der Koch,

fang an. Erzähl die Geschichte von deiner Nase!“

Alle lachten, denn Schmaus hatte eine lange spitze Nase, die ganz krumm

im Gesicht stand.

Schmaus lachte nicht. Er erzählte, ohne sich zu zieren, daß er einmal

ein Schwein schlachten sollte. Es war aber unruhige See, und das

Schwein entkam ihm. Er stürzte die Treppe zur Vorderback hinauf. Das

Blut spritzte dem Schwein weit aus dem Hals, weil es schon angestochen

war. Wutsch! war es unter der Reling durchgeglitten und lag im Netz

unterm Klüverbaum. Er nach, es spritzt ihn mit Blut an, aber wie er es

aus dem Netz herausheben will, schlägt eine Welle von unten herauf und

wirft ihn an den Klüverbaum. Als er wieder aus dem Netz

herauskletterte, war seine Nase krumm.

Aber der Meister schimpfte erbost: „Du Schwindelmajor! Wo hast du deine

krumme Nas’ her? Vom Klüverbaum? Gott noch emohl? Von einem Prellstein

aus der Davidstraße in Hamburg hast du es her, dein krummes

Riechorgan!“ Alle riefen: „In der Davidstraße in Hamburg! Wat hewt ji

do makt, Swinegel!“ Doch Schmaus ließ das Gebrüll gelassen über sich

ergehen.

Als zweiter kam Henry Tedge dran, weil er neben Schmaus saß. Hinnerk

brummte spöttisch: „De ward schön upsnie’n!“ Tedge kündigte dann an, er

wolle die Geschichte vom Mädchen auf der Reeperbahn und dem Tiger aus

Bengalien erzählen. Das Mädchen hieß Johanna und war im Dienst bei

einem Polizeioffizier, der auf der Reeperbahn wohnte, und das Mädchen

war so stolz, daß keiner sie verführen konnte. Sie ging abends mit den

Jungen aus, ließ sich Bier und Kaffee bezahlen, und Punkt eins stand

sie schon wieder an der Haustür, Reeperbahn Nr. 113, genau so unberührt

wie um neun Uhr, wenn man sie abgeholt hatte.

„Da bandelte mein Freund, ein Normann, mit ihr an. Es war damals gerade

Dom, und der Normann war mit einer Menagerie nach St. Pauli gekommen.

Er ging schon eine Woche mit der Johanna, und nichts hatte sich

gemacht. Er kam sich dumm vor, denn das war ihm noch bei keiner Maid

geschehen. Da sagte er ihr eines Abends: ‚Wissen Sie, Fräulein, nachts

springen in der Menagerie die Affen bei die Tigers herum, und die

Kakadus schaukeln sich auf dem Rüssel vom Elefanten Peter, und die

Ameisenbären hängen sich in die Zotteln von die Kamelen. Dann ist der

ganze Urwald zusammen, friedlich und fröhlich wie in der American Bar.‘

Er dachte sich, das locke sie, daß sie mitgeht, und wenn sie beide dann

allein in der dunkeln Menagerie sind, dann mag sie sich wehren, dann

kriegt er sie heran.

Johanna hatte am Sonntag vorher sich in der Menagerie die wilden Tiere

angeschaut, die so grimmig und wütend ein jedes zwischen seinen engen

Gittern umhergingen, und wunderte sich, daß nachts diese Tiere

Freundschaft miteinander halten sollten. Sie fragte: ‚Ja, laufen sie

alle so frei drinnen im Zelt herum?‘ ‚Goddammich,‘ sagte mein Freund,

‚bewahre! Aber haben Sie nicht gesehen, daß die Käfige alle aneinander

stehen und daß zwischen jedem eine Tür ist, und nachts werden alle

Türen aufgemacht, daß die Biester miteinander spielen können.‘ Das

glaubte Johanna nicht. Da sagte der Normann geärgert: ‚Ja haben +Sie+

denn die Käfige mit aufgebaut und öffnen +Sie+ denn jede Nacht die

Türen zwischen jedem Käfig, oder tu ich das, Fräulein? Und was glauben

Sie dann: hielten denn sonst diese Viecher die Gefangenschaft aus, so

weit von ihrer Heimat?‘

Da fand die Johanna es wunderbar, und der Normann sagte ihr: ‚Fräulein,

wenn Sie sich die Kirmes ansehen wollen, so machen wir’s. Sehen Sie,

das ist der Schlüssel hinten für die kleine Tür in die Menagerie.‘

‚Aber wenn all die wilden Biester doch im Zelt sind!‘ ‚Sie sind aber

nicht drin, sondern in den Käfigen.‘

Schließlich ging die Johanna mit ihm. Sie schlichen hinter den Buden,

die schon alle geschlossen hatten, durch. Der Normann zog den Schlüssel

heraus und öffnete die kleine Tür, und sie gingen hinein. Sie kamen aus

der Dezemberkälte heraus in den warmen Raum. Aber es war rabenfinster

in der Menagerie, und man merkte von all den Tieren nichts als den

Gestank. Die Johanna traute sich nicht vorzugehen. Der Normann riegelte

die Tür hinter sich ab und sagte: ‚Nun gehen Sie mal vor, Fräulein.‘ Er

schob sie. Da sprangen auf einmal zwei grüne Kugeln in der Dunkelheit

hoch, und ein Gebrüll folgte ihnen. ‚Nicht erschrecken, Fräulein!‘

sagte der Normann und nahm eine Hand von der Johanna. ‚Das ist der

Tiger aus Bengalien, der kann nicht schlafen. Der hat einen kranken

Magen bekommen, und da geben wir ihm nun seit gestern morgen nicht zum

Fressen. Was meinen Sie, wenn Sie dem bei seinem Hunger einen Besuch

machten, wieviel übrig bleibt von Ihnen?‘ ‚Au je,‘ schrie die Johanna

entsetzt.

Als die Johanna nun eine Weile in der Menagerie war, gewöhnten sich

ihre Augen an die Dunkelheit. Sie trat näher an die Käfige heran,

schaute hinein und sagte auf einmal ganz bös: ‚Ist ja Schwindel, Sie;

wo springen die Affen mit die Tigers herum? Lassen Sie mich gleich

heraus, oder ich ruf’!‘ Der hungrige bengalische Tiger fuhr gegen die

Bewegung und die Laute, die aus der Finsternis kamen. Die Johanna sah

die grünen Kugeln wieder aufschießen und hörte den Körper an die

Eisenstangen prallen. Sie fuhr zurück, stieß fest gegen den Normann,

und der legte einen Arm um ihre Brust und sagte: ‚Ich werde mit dir

springen!‘ Da war er der Tiger aus Bengalien, und er warf sie nieder

und bekam, was er wollte. Und sie schrie, und er hielt ihren Mund zu,

und als er genug hatte und seine Hand wegnahm, da sagte sie: ‚Das

bringt Sie ins Gefängnis, Sie.‘ Er fragte: ‚Wohin?‘ ‚Ins Gefängnis!‘

sagte sie noch einmal und begann um Hilfe zu brüllen.

Da schrie er: ‚Halt’s Maul,‘ und fuhr an ihrem Hals mit der Hand herab,

bis er die Kehle an den Fingern spürte und drückte zu, daß kein Laut

mehr herauskam. Und als keiner mehr herauskam, da ließ er sie los. Die

Johanna blieb am Boden liegen. ‚Jetzt bist du tot, siehst du,‘ sagte

der Normann. ‚Weshalb hast du geschrien? Ich hab schon mehr Weiber

gehabt, die nicht wollten, aber es hat keiner das Leben gekostet, weil

keine geschrien hat.‘

Einige Tiere waren aufgewacht. In der lautlosen Dunkelheit hörte der

Normann, wie sie sich aufrichteten und wie ihre eingeruhten Glieder

knackten, und aus ihrem Rachen kam ein dunkles Brummen. Der bengalische

Tiger fauchte einmal schrill auf.

Jetzt ist es aber Eisenbahn, sagte sich der Normann. Er schüttelte die

Johanna, aber sie regte sich nicht. Da lud er sie auf und schleppte sie

hinter die Käfige. Dort zog er sie ganz nackt aus. Dann stellte er eine

Leiter an den Tigerkäfig. Und er trug sie hinauf und öffnete oben die

Falltür und rin ins Vergnügen mit ihr. Er sah von oben zu, wie in der

Dunkelheit der Tiger zuerst erschrocken ruhig war, dann stutzte, die

Nase hochhob, roch und auf einmal fuhr er mit der Tatze durch die Luft.

Da schloß er die Falltür. Er stellte die Leiter zurück. Er zündete eine

Laterne an, vergrub unter den Käfigen die Kleider und sah zu, ob nichts

zurückgeblieben war. Er ließ aber das Licht nicht auf den Käfig

scheinen. Der bengalische Tiger schrie nicht mehr. Es rauschte und

krachte nur in der Finsternis. Da grauste den Normann doch ein wenig.

Da ging er weg.

Nach ein paar Tagen kam ein Polizist in die Menagerie. Er sprach mit

dem Besitzer. Währenddem stand der Normann hinter den Käfigen und hatte

seinen Revolver in der Hand. Aber der Polizist ging wieder. Der

Besitzer rief den Normann und sagte ihm: ‚Kannten Sie die Johanna vom

Polizeirat?‘ ‚Und ob,‘ sagte der Normann. ‚Die ist weg!‘ sagte der

Direktor. ‚Was nicht gar!‘ antwortete der Normann. Aber in derselben

Nacht machte er sich aus dem Staube, und man hat ihn nicht erwischt.“

... Als Tedge nichts mehr sagte, brummten die andern erregt auf und

ruckten auf der Luke hin und her. Es war inzwischen Nacht geworden.

Pirath hatte die Geschichte mit angehört. Er spürte sein Blut in

plötzlichem Jähzorn durch die Adern zum Kopf strudeln. Er sagte sich

heftig: „Ich werde ihn in Hamburg der Polizei ankündigen! Das ist er ja

selber gewesen. Der Kapitän soll ihn gleich festlegen, den Mörder.“

Pirath wollte aufstehen, aufgepeitscht von dieser Geschichte und der

Entdeckung. Er hörte noch, wie der kleine krummbeinige Niklas, der

Freund Hinnerks, rief: „Kreuzdunner, so’n Schwein. Dem möcht ich an die

Hammelbein’, Goddammich!“ Aber Hinnerk erhob sich langsam und trat auf

Tedge zu, nahm allen Haß seines Herzens zusammen und sagte ihm: „De

Normann bist du wohl sölm wäsen, du Galgenstrick!“

Da pfiff Tedge schrill durch die Zähne und stieß zugleich mit seinem

dünnen spitzen Kopf Hinnerk brutal in den Leib, während andere

Matrosen, Bundesgenossen Tedges, von hinten über den Hinkollernden

herfielen. Peter hörte den Lärm. Er sprang aus dem Kahn, ließ sich an

der weißen Wand herunter. Er sah in der Dunkelheit ein Knäuel von

Menschen, die übereinander herfielen, schlugen, schrien, und plötzlich

wühlte sich vor ihm ein Kopf aus dem Haufen, wie eine Schlange glitt

ein Körper nach, sprang hoch, hielt mit der linken Hand einen Hals im

Haufen gepackt und fuhr mit der Rechten dicht an Peter vorbei, den er

nicht sah, mit einem Messer in der Luft. Pirath erkannte den Verbrecher

Tedge und erkannte im selben Augenblick, daß er dem Mann, den er am

Hals hielt, das Messer in den Kopf schlagen wollte.

Da hämmerte Peter mit beiden Fäusten derart wild wagrecht auf den

steilen Arm, der das Messer zückte, daß es war, als flöge der Arm

davon. Der Mann drehte sich um sich selber, stürzte hin, Pirath riß mit

einer Hand die Faust mit dem Messer zwischen seine Knie und würgte mit

der andern den Kopf des Liegenden nieder. „Hier ist der Mörder!“ rief

er. „Hier ist der Mörder!“ brüllte er ununterbrochen.

Die andern ließen voneinander ab. Fauchend und keuchend, wie ein

erbostes Flußpferd, drückte sich Hinnerk mit seinen mächtigen Schultern

aus den Matrosen herauf, schrie: „Dat Oos woll mi steeken!“ Mit einem

Ruck zog er Tedge auf, dem unter Peters Faust der Atem etwas vergangen

war und der sein Messer fallen gelassen hatte, er nahm ihn am Genick,

hielt ihn hoch, und mitten in einer dahinstürzenden Bande von Matrosen

stieß er ihn vor sich her nach achtern. Er brachte ihn dem Kapitän.

Der Kapitän hatte nichts von dem Lärm gehört. Der Steuermann hatte

Wache, und der Kapitän erhob sich unwillig vom Sofa im Salon.

„Wat gibt’s?“ fragte er.

Piraths Insel · 第 56 / 96 题