Peter warf hin: „So nehmen Sie doch chinesische Kuli.“

Da zeterten sie wieder auf: „Chinesen genug! mehr als genug! Die

Regierung spielt ihnen die fettesten Pflanzungen in die Hände, diese

gelben Gauner stecken uns demnächst ein.“

Nur Steifkragen, der gescheiter als die andern war und auch gebildeter,

bemerkte, daß die Einfuhr chinesischer Kuli viele Schwierigkeiten habe.

Sie verteuern nicht nur die Arbeitslöhne außerordentlich, sondern vor

allem folge der Chinese dem tief in ihm liegenden Handelstrieb. Er

arbeitet drei Jahre und gründet dann einen Handel.

Peter bemerkte: „Das mag jetzt sein, wo im ganzen vielleicht hundert

Chinesen in den Inseln wohnen. Aber wenn Sie lauter Chinesen hier

haben, so können sie doch nicht alle Handel treiben.“

Herr Foß warf seine Augen hin und her, drehte sich wie eine

Bauchtänzerin und quetschte aus dem Mundwinkel heraus: „Es gibt ooch

noch andre Chinesen hier. He, he, he! In der Chinatown ... Mächens!

Aber mehr japansche!“

„’n Bordell!“ präzisierte der giftige Dicke mit den polierten Backen.

Weil er mißtrauisch war, war er ein Freund von genauen Ausdrücken.

Und so waren sie wieder vom Geschäft abgeglitten. Manchmal kamen sie

noch auf die Arbeiternot zurück, schimpften über zu hohe Abgaben und

schlechte Transportmittel. Dann sang eine Dame in die breiig warme

Nacht hinaus. Sie sang edel und gepflegt, und Peter horchte ihr

erstaunt und warm zu. Sie hob ihren schweren schönen Körper wuchtig

neben dem Klavier auf, und ihr schmaler Mund sang geradeaus in die

schwere Nacht, als riefe er ihrer strudelnden, von fremdem Lärm

erregten Finsternis etwas aus der Seele Europas zu. Bald darauf fuhr

Peter, mit einem Schwarzen neben sich, im leichten Wagen seinem Bett

entgegen.

Peter drängte weg aus dieser sonderbaren kleinlichen Siedelung. Es war

dort nichts für ihn zu holen. Er mietete einen Motorschoner, der einem

reichen Japaner gehörte, um nach Matantuduk, der Insel Ledinskis zu

gelangen. Er fuhr am Vormittag ab. Der Besitzer begleitete ihn. Ein

Schwarzer steuerte. Der Japaner war wie ein sanfter Fluß von

Liebenswürdigkeit. Nach dem Essen ließ er jedesmal eine Flasche

Champagner auftragen, von der er nur zum höflichen Schein mittrank. Er

umsprang Peter mit Fragen, Bewegungen, Höflichkeiten, wie ein

spielender Schimpanse. Eins schien die Absicht des andern decken zu

wollen. Peter fragte, wie es mit der japanischen Kolonisation in der

Insel stünde? In Luabar hatte man über eine japanische Invasion der

Karolinen gesprochen. Aber der andre tat, als ob es unbescheiden wäre,

von der eignen Nation zu sprechen. Der Japaner sagte nur: „Oh! Die

Deutschen sind viel bessere Pflanzer, ein großes Volk!“ und jonglierte

zu etwas anderm über.

Die Fahrt dauerte bis zum übernächsten Abend. Der Schoner war einen

halben Tag an einer bewaldeten Küste, die erst eine Strecke flach aus

dem Meer stieg, dann wild zu einem Gebirgsstock hinankletterte, entlang

gefahren. Am Ufer erschien dann eine Reihe heller Häuser, die aus dem

fetten Grün leuchteten. Sie waren wie auf eine Bank auf einen kleinen

Höhenzug gestellt, der in kurzer Entfernung vom Strand in gerader Linie

mit ihm dahinzog. Das war Matantuduk.

Pirath sah an dem größten der Häuser an einem hohen Flaggenstock eine

riesenhafte deutsche Fahne hochgehen. Ein weiß gekleidetes Paar

erschien am Ufer. Sie winkten. Pirath hatte gleich den Amtmann Ledinski

und seine Frau erkannt, die schöne, schlanke und blonde Frau. Der

Schoner glitt an den kleinen Landungskai. Im Schatten eines Schuppens

scharten sich Schwarze mit reinlichen weißen Schurztüchern zusammen,

und in der Sonne auf dem Kai stand das Paar, vom Licht, von der dunkeln

Masse des Hintergrunds der Wälder und Gebirge und der stillen

Vereinsamung der hellen Häuser eingefaßt wie von einem Glorienschein.

Ein König und eine Königin waren sie.

Pirath sprang an Land. Er sah die Augen der Frau mit einem so wohligen

wie herzlichen Leuchten ihn empfangen und grüßen, und er küßte ihr die

Hand in einer tiefen Verbeugung. Er empfand einen kurzen und warmen

Augenblick lang ein Erwarten von irgend etwas als ein stürmisches

Glücksgefühl, das rasch durch seine Adern lief und ein Gefühl der

Verehrung, gepaart mit einem Gefühl des Geborgenseins, zurückließ.

Der Amtmann drückte seine Hand und schlug ihn auf die Schulter.

Nach einigen Schritten zeigte er die Küste hinab, wo Wälder lagen und

sagte lachend: „Das grüßt Sie durch mich und wartet auf Sie!“

Man stieg eine steinerne Treppe hinan, über deren Balustraden

beiderseits schwere Gebüsche von Gummisträuchern sich wie grüne Wolken

niederließen und einen schwarzen kühlenden Schatten machten, der wie

ein leiser Strom seinen Körper umfloß. Oben lag inmitten von großen

Veranden das Haus.

Vor dem Nachtessen standen die beiden Männer noch auf der Veranda

umher. Der Bezirksamtmann zeigte dem Gast die Siedelung Matantuduk.

Dort der Arzt! Ferner die Mission! Die Filiale der Handelsgesellschaft,

die Kaserne der schwarzen Soldaten, ferner das Haus eines Mannes namens

Schmitt, der sich aus sehr dunkeln Verhältnissen zu einem achtbaren und

wohlhabenden Menschen aufgearbeitet habe.

„Das ist alles, was wir von Menschen hier haben! Hinter dem Waldstück

wohnt noch oder vielmehr trinkt ein kleiner Pflanzer und etwas weiter

noch einige kleine Pflanzer und damit $finish$. Die Choiseuil Co. ist

weit weg am entgegengesetzten Ufer. Sie besteht nur geschäftlich.“

Frau Ledinski bat zu Tisch.

„Wir wollen lieber allein sein am ersten Abend. Das ist Ihnen doch

recht, wenn auch die Nachbarn pikiert sein werden?“ fragte sie.

„Pikiert?“

Ledinski lachte schnarrend: „Ja, können Sie denn ermessen, was für ein

Wundertier heut mit der Jolle von dem Japaner hier an den Rand der Welt

kam? Ungeduldiger erwartet als der Messias von den Juden! Stellen Sie

sich vor: Die Frau Doktor und die Frau Schmitt, ja sogar die Frau

Unteroffizier Hartmann haben seit drei bis fünf Jahren keine andre

Visage mehr gesehen als die ihrer Männer. Sie liegen, ich schwöre es,

hinter den Gardinen und lassen unsre Veranden nicht aus dem Fernglas.“

„Wir lechzen manchmal nach einem Menschen, nach einem wirklichen

Menschen!“ sagte die blonde Frau, und ihre strahlenden Augen legten

sich herzlich in Piraths Gesicht. Pirath empfand wieder jenes rasche

Glück, das in seinem Blut aufstieg und seine Blicke eine Sekunde lang

verdunkelte.

Sie blieben lange auf und lagen in der dunkeln Veranda in den

Streckstühlen, und Frau Ledinski und Pirath sprachen ohne Hemmung über

Dinge ihres Innern, die man in Europa nie zu besprechen gewagt hätte.

Aber es war, als ob die Ferne im Raum und das Bewußtsein der Heimat in

dieser fremden, fremden Luft die Seelen, wie Blumen so naiv, geöffnet

hätte. Nur der Amtmann horchte bloß zu und schaute mit einem kühl

verliebten und überlegenen Lächeln seine Frau an, wenn sie sprach. Er

freute sich, daß sie über den Besuch glücklich war.

Nachher stand Frau Ledinski auf und ging in das kleine Musikzimmer. Sie

setzte sich an den Flügel, auf dem eine Vase mit weißen steif schönen

Frangipanenblüten stand, und sie sang:

„Du bist Orplid, mein Land ...“

Piraths Phantasie war eingelullt in die schwere dampfige Abendluft, in

das Essen und den Wein, in die unerwartete und rasche Freundschaft mit

diesen beiden großen und schönen Menschen, die wie König und Königin

ihre Einsamkeit lebten. Das Lied überfiel ihn. Es wurde ein plötzliches

heißes Erlebnis. Schauer rauschten durch sein Blut. Er erschrak vor der

vereinsamten Schönheit dieser Frau, die drinnen leidenschaftlich sang

und die weiß, strahlenäugig und blond war, wie Deutschland. Er stand

vom Stuhl auf und lehnte sich über die Balustrade. Er warf seine Blicke

in den schwülen Teich der Nacht wie ein Lasso. Die Nacht und die Sterne

und die schwarzen Rücken der Gebirge gehörten ihm und bäumten sich an

der zusammenschnellenden Schlinge seines Willens auf.

Als er sich wieder aufrichtete und die Blicke durch die nahe helle Tür

ins Musikzimmer schickte, kam ein Luftzug, und einige Frangipanenblumen

brachen auseinander und fielen mit einem leisen reifen Pochen auf den

Ebenholzdeckel des Flügels.

Pirath ging rasch ins Zimmer hinein. Das Lied war aus. Frau Ledinski

stand auf. Die weißen Kleider umflossen eng ihren schönen strahlenden

Leib. Sie kam wie Diana auf ihn zu, beide schauten sich in die Augen,

lächelten und wurden ein wenig rot. Keiner sagte etwas. Ein kleiner

Schwarzer brachte Champagner, und sie leerten ihre Gläser zusammen.

Als Pirath später allein in seinem Zimmer war, sah er zum Fenster

hinaus. Der Mond war aufgegangen, beleuchtete das Meer und die Küste

und hob die gewaltigen Stürze der Gebirge aus der grünen Finsternis.

Überall krochen wirre Wälder. Drunten hin hatte der Amtmann gezeigt,

als Peter ankam. Dieses krause verschlungene Land wartete auf ihn. Er

sah das alles an. Er fühlte, daß die Überschwenglichkeit ihn verlassen

hatte, und seine Blicke maßen das Land kühl unter der Nacht. Er war

nicht erschrocken vor ihm, nicht begeistert und nicht enttäuscht. Er

sagte sich nur: „Jetzt wird die Arbeit beginnen!“

* * * * *

„Heut bin ich nicht zu gebrauchen. Verübeln Sie es mir nicht, bitte!“

sagte der Bezirksamtmann nach dem Frühstück. „Ich muß heute

‚papieren‘!“

„Papieren?“

„Was das ist? Eine Erfindung des Teufels ... eine Staatsschöpfung! Die

Leiche eines Substantivs zu einem lebendigen Zeitwort gemacht. Die

Kraft eines Mannes in Tinte ertränkt! Ein Diebstahl an Zeit, Energie,

Nerven! Eine Umsetzung von Energie in Schwatz! Amtliche ... Beerichtee

... schreiben! Dazu sagen wir hier: ‚Wir papieren.‘ Einen Tag pro Monat

muß ich papieren. Ich hab’s aufs Minimum gesetzt, aber drunter ist es

nicht abzutun.“

„Was schreiben Sie denn?“ fragte Pirath.

„Was ‚Oberste Stelle‘ in Luabar wünscht!“

„Und Sie wissen, was die wünscht?“

„Natürlich! Das Gegenteil von dem, was notwendig und gut ist und was

ich hier tue. Adieu!“

Er ging, und Frau Ledinski sagte: „Ich lade Ihnen zur Information und

dem Ärger meines Mannes zur Zerstreuung auf heute mittag die Nachbarn

ein. Wir dürfen Sie ihnen nicht länger vorenthalten. Mögen Sie? Sonst

laufen wir Gefahr zu beleidigen. Jede Gegend hat nun einmal ihren

besonderen Formenkodex. Mein Mann meinte sowieso, ob Herr Schmitt nicht

vielleicht an Ihren Pflanzungsplänen interessiert werden soll. Er hat

zweihundert Hektar Pflanzung, die in drei Jahren tragen. Sie mögen

gewiß die Vorarbeiten bald beginnen, und es ist Ihnen nützlich, wenn

Sie dabei schon den späteren Verwalter hinzuziehen könnten.“

„Sie sind sehr lieb!“ Pirath küßte die Hand der Frau Ledinski.

Das Mittagessen verlief mit den Gästen zwischen Gesprächen über

Kolonisieren, Pflanzern, Eingeborenen und der Papiertaglaune des

Amtmanns. Schmitt gefiel Pirath. Er fühlte in ihm einen Mann, der mehr

als auf seinem Erwerbsgebiet strebte. Schmitt sprach über Weltpolitik

wie über deutsche Schriftsteller jüngster Art. Er versuchte in allen

Richtungen sich den Anschluß an das zeitgenössische Deutschland zu

wahren. Er war auf die Neue Rundschau und auf den Kosmos abonniert und

las die Frankfurter Zeitung in den Tagesausgaben. Um Kleinigkeiten

gingen seine Gespräche in schlauer Klugheit. Sprach er aber über die

bedeutenden Dinge von Leben und Beruf, so tat er das mit einem

allgemeinen Umfassen und dem Versuch, ans Große anzuschließen.

Pirath sprach später mit dem Ehepaar darüber.

„Glauben Sie, daß dieser Mann, bevor er herkam,

ein anrüchiges Hotel in New Orleans besaß?“

Als man sich am nächsten Morgen zum Frühstück traf, rief der Amtmann

über die Veranda herüber Pirath entgegen: „So! Jetzt bin ich frei,

gebadet und gereinigt vom papiernen Tag von gestern und spüre meine

Muskeln wieder. Ich sag Ihnen, der Professor in Luabar bekommt diesmal

Berichte ... wie bei einer gut gelösten Mathematikaufgabe klappt’s ...

So gelang es mir noch nie zu schreiben. Jetzt wollen wir dann aber mit

der Arbeit beginnen!“

Und in den Tagen, die kamen, riß das strudelnde Temperament des

Amtmanns Pirath unversehens bis über den Kopf in die Arbeit hinein.

Ledinski schaffte wie mit Säbelhieben. Das Klima zerspellte an seiner

Energie und guten Laune. Und oft noch abends, wenn Piraths Gehirn dumpf

in die breiige Schwüle versank, unfähig eine eigene Überlegung zu

führen, sprach der Amtmann vom Liegestuhl her neue Einfälle in die

Dunkelheit. Bis er merkte, daß sein Gast nicht mehr folgte.

„O, wir trinken ein Gläschen Sekt, wie?“ rief er dann.

Um die Küchenecke erklang bald das kühlende Reiben der Sektflasche im

Sodakübel. Pirath tauchte aus der Dumpfheit auf, und es wurden

Gespräche über Menschsein und Menschen, über Europa und die Südsee

geführt. Die schöne hohe blonde Frau ging zum Flügel und sang.

In den Tagen fuhren oder ritten Pirath und der Amtmann weit im Land

herum. Ledinski hatte eine breite Straße an der Küste angelegt, die die

einzelnen Pflanzungen mit Matantuduk verband. Diese Straße durchschnitt

das Gebiet, das Jens Peter Pirath Söhne seiner jungfräulich

urwaldlichen Hemmungslosigkeit entreißen sollten. Diese Straße war der

Stolz des Amtmanns. Nirgends anderswo auf den Inseln hatte jemand ein

solches Werk mit den mangelhaften Kräften der Eingeborenen fertig

gebracht.

„Sehen Sie,“ sagte Ledinski einmal, als er mit Pirath und Schmitt, der

bald ins Einvernehmen gezogen worden war, über die Straße zu ferner

liegenden Pflanzungen ritt, „meine Straße ist zwölf Meter breit.

Matantuduk wird einmal seine Eisenbahn haben, müssen Sie wissen.“

„Ich hoffe, daß Jens Peter Pirath Söhne Ihnen diesen Ehrgeiz erfüllen

können!“ antwortete Pirath.

„Erfüllen müssen ...“ meinte Ledinski.

Sie gingen zu den Dörfern der Eingeborenen und sahen die Menschen in

den dunkeln kleinen Hütten liegen und grunzen und sterben. Die Frauen

waren mit fünfundzwanzig Jahren Greisinnen. Die Männer arbeiteten in

den Pflanzungen bis zum zwanzigsten Jahr und ließen sich dann wieder zu

ihren Weibern und Schweinen, ihrem Urwald und ihren dunkeln Hütten

zurücksinken.

„Chinesen! Chinesen! als Arbeiter!“ rief Pirath.

„Das sag ich auch!“

„Und dem Bezirksamtmann bleibt es dann überlassen, was mit den

Eingeborenen geschehen soll, die die Herren Pflanzer nun einmal aus den

Wäldern gerissen haben!“

„Sie werden sehr gern und rasch dorthin zurück wollen,“ meinte Schmitt.

„Trotz aller Bedürfnisse, die wir ihnen schaffen, damit sie Geld

erwerben müssen, werden sie immer müder, in die Pflanzungen zur Arbeit

zu kommen.“

„Wir können ihnen ja die Missionare mitgeben und retten den Ethos vor

Europens erzürnten Augen, was, Schmitt!“

„Gern! Zwei Fliegen auf einen Schlag!“

Sie kamen an einer Kopradarre vorbei. Auf den Holzschiebern lagen

Koprabrocken zum Trocknen. Schwarze saßen auf dem Boden im Schatten und

schälten Kokosnüsse aus.

„Schauen Sie mal, wie sie sich anstellen,“ sagte Pirath. „Sagen Sie,

woher kommt es, daß man überall hier noch derartig primitive technische

Behelfe hat? Die Darren, ob Sonne oder Feuerdarren, das Ausschälen, das

Abschlagen des Kunaigrases mit geschärften Faßbändern als Sägen ... Den

Bast wirft man weg und verbrennt ihn, statt Seile daraus zu ziehen. Das

Trinkwasser ist eine Quelle von allen Krankheiten, die fortwährend ein

Drittel der ohnehin spärlichen Arbeiter der Arbeit fernhalten. In

Europa wird alles auf die letzten technischen und hygienischen

Ausnützungen gestellt. Hier ist Arbeiternot, und man läßt alles auf der

Arbeit der Hände liegen ...“

„Die Sonne, mein Lieber,“ meinte der Amtmann. „Man macht soweit man

unbedingt muß, um die Kopra in die Säcke und die Säcke aufs Schiff zu

bringen, und dann: Whisky, Wein und Rutsch mir ... Und auch die Herren

Kolonialärzte reißen sich nicht gern ein Bein aus wegen solch eines

Ungeziefers von schwarzer Biesthaftigkeit.“

„Da könnte man viel Neues machen!“

„Wenn einer die Sache in die Hand nimmt, der viel Geld, Erfindungssinn

und sonstige Fähigkeiten hat!“ sagte Schmitt. „Aber woher sollten die

kleinen Pflanzer sich die technischen Behelfe beschaffen, die erst

erfunden werden müssen?“

„Und die großen Gesellschaften?“

Aber der Amtmann und Schmitt zuckten nur die Achseln.

Nach einer Weile bemerkte der Amtmann: „Pfeffersäcke. Eine große

Gesellschaft ist zum kleinen Pflanzer nicht wie hundert zu eins,

sondern ist nur eine Multiplikation von zaghaften Einern mit eins, ist

fünfmal eins oder achtmal eins.“

Da begann Pirath sich auch jenen notwendigen Erfindungen zuzuwenden,

die die Kleinarbeit fördern konnten, und führte parallel mit diesen

Bemühungen die Arbeit an der Aufteilung und der Organisation des ganzen

Unternehmens.

An diesem letzten Werk schuf er mit systematischer Energie, immer

wieder von der unermüdlichen Forschheit des Amtmanns, der sich für sein

Werk Matantuduk aus dem Pirathschen Unternehmen die letzte Erfüllung

versprach, dahin gewirbelt.

Pirath wurde in die andern paar Häuser eingeladen, er trank mit den

ferner liegenden Pflanzern, die auf kleinen Wagen manchmal ankamen.

Manchmal, wenn sie etwas vom Amtmann wollten, kamen auch die Verwalter

der Choiseuil Compagnie, Australier, die nach englischer Art sich als

den Mittelpunkt der Welt betrachteten und dennoch durch eine leichte

nationale Verletzlichkeit das Gefühl von Konkurrenz, Neid und

Unsicherheit verrieten, das sie den Deutschen gegenüber empfanden.

Sobald man sich trennte, gehörte Peter wieder ganz seinem Werk. Er

fühlte dieses in sich anwachsen, wie ein Baum aus gut bereitetem Boden

den kraftvoll sicheren Stamm erhebt, der sich in die Äste nach allen

Richtungen aufreckt und sich in seinen letzten Äußerungen, in dem

wirren aber planmäßigen, in dem an Richtungen nicht zusammenfaßbaren,

aber an Willen einigen Netzwerk der Zweiglein in den nährenden

Atemteich der Luft ausbreitet und Früchte reifen läßt.

Aus dem Boden der Finanzierungsberechnungen, die er zusammen mit dem

Amtmann und mit Schmitt aufgestellt hatte, erwuchs sein Unternehmen und

ordnete sich nach und nach zusammen wie ein kunstvolles Gebäude. Er

fing alles in zusammengreifenden schriftlichen Darstellungen auf, die

bestimmt waren, Hermann das Unternehmen zur letzten Entscheidung

vorzuführen. Und aus diesen Blättern strömte ihm der Atem einer großen

und kühlen Reife zu, sobald er sie in die Hand nahm.

Während in den ersten Wochen und Monaten, die der Entwirrung und der

Formung jener unbewältigten Masse von Urwald galten, sein ganzes

Menschsein mit in der Arbeit aufging, trat auf einmal auf dem Weg zur

Vollendung ein neues und unbekanntes Gefühl nebenher. Es war eine

schummerige flüchtige Sehnsucht nach einem formlosen wechselnden Etwas,

das er vor sich in seinem Leben sah. Er spürte dies Etwas auf der

Zunge, wenn es zu ihm kam; seine Fingerspitzen zückten danach; es lag

wie ein bereifter Streifen auf seinen Augen; er konnte seine Wange

darauf legen wie auf ein Kissen von Nebel, und sein Blut ging hoch wie

ein Föhn, wenn es darauf drückte.

Gern ließ er sich abends aus der harten und starren Künstlichkeit

seiner Arbeit in die Menschlichkeit des gastfreundlichen Paares sinken,

von dem ihm dünkte, daß er nie schönere und edlere Menschen gesehen

hatte.

Wenn dann die hohe blonde Frau sang, in Schubert die Seele der Heimat

aus dem Schoß der Welt herauf sang, dann nannte er sie: Weyla, mit dem

Namen aus jenem Gedicht, das er nicht verstand und das ihm doch alles

Märchenhafteste und Zauberischste zwischen Mann und Weib zu sagen

schien. Er umarmte sie in Vorstellungen von einer süßen Scham, und

seine Augen wurden mild schmerzlich von den einsamen Heidemooren seiner

Heimat betastet; seine Zunge empfand den tiefen schattenweichen Duft

eines Waldes aus Norddeutschland, irgendwo erstand ein ruhiges mildes

Haus, und Dämmerung regnete um ihn, während die abwechselnd warmen und

leicht gekühlten Strudel der Abendluft seinen Leinenanzug durchstießen,

die Grillen die ganze Nacht zum Kampf heraus pfiffen und fliegende

Hunde wie lebendig gewordene Lappen von Palme zu Palme fielen und in

den Wedeln klapperten.

* * * * *

Piraths Werk war vollendet. Der vierte Monat seines Aufenthalts ging zu

Ende, und er wollte mit der „Java“ des Norddeutschen Lloyd, die dreimal

im Jahre die Verbindung von Matantuduk nach Luabar machte, dorthin

zurück, um den Prinzendampfer nach Australien zu nehmen. Dann kam

gleich die Heimreise nach Europa.

Seit Tagen schon waren alle die Papiere wohlgeordnet und abgeschlossen,

in denen der Plan des Unternehmens ausgebreitet, in denen die Mechanik

vorgezeichnet lag, mit der jenes Stück wilden Landes drunten in den

Weltverkehr und die deutsche Kraft eingezogen werden sollte.

Pirath faßte oft mit verliebten Fingern die beiden kleinen Bände an,

von denen der eine ihm selber dienen, der andere als Abschrift davon

Hermann gelten sollte. Aus der versenkten Ruhe seines Gemüts sprang

dann in einem brausenden Glücksgefühl die Vorstellung von einer

überquellenden Fruchtbarkeit auf. Er hielt die Hände von sich, spreizte

die Finger und drückte sie zur Faust zusammen und sagte sich: „Es

quillt mir zwischen den Fingern hervor!“

Er war Landwirt, Ingenieur und Kaufmann zugleich und verband so mit den

von der Erde gegebenen Werten die Kraft, die Nutzanwendung des

Geschenkten zu spekulativen Rechenmöglichkeiten zu steigern, die

scheinbar sich zu grenzenlosen Räumen ausdehnen konnten. Sein Werk und

seine Zukunft waren frei von der Verwirrung und der hitzigen

Verstiegenheit des zeitgenössischen Treibens um Waren, um Geld, um

Technik. Er schuf nicht für eine Mode, für einen Ehrgeiz, sondern nur

für den ewig zeugenden Gedanken der Entwicklung, in dessen Schoß der

Weg der Menschheit entsprang.

Aber wenn immer wieder einer dieser Tage des Wartens auf die Abreise zu

Ende ging, so vermochte Pirath nicht, einer glitschigen Stimmung zu

entschlüpfen, deren Zwiespalt ihn marterte. Hier hatte er seine Reife

erlebt, und die Gastfreunde hatten daran teilgenommen, und nun, wo der

Aufstieg vollendet war, mußte er sich von ihnen wenden. Das trat vor

ihn, wie ein fataler Zug des Lebens. An einem dieser Tage vollendete er

das siebenunddreißigste Lebensjahr. An diesem Tag erschien es ihm

besonders verhängnisvoll, ja, von einer so bösartigen Vorbedeutung, daß

er von seinem Feste nicht einmal zu den Gastgebern sprach.

Am Abend lag man in der dunkeln Veranda in den Liegestühlen, und die

glitschige Abschiedsstimmung hielt alle drei zunächst erregt stumm.

Da begann Pirath, von diesem würgenden Schweigen bedrückt, von dem

Zwiespalt und dem Ahnungshaften jener Gefühle zu sprechen, in denen er

sich nun trennen müßte, da seine Reise zur Reife gelangt sei. Er lag im

Stuhl auf dem Rücken und sprach geradeaus vor sich unter der Kante des

Daches in die Nacht hinauf. Er wußte nicht, ob man ihm zuhorchte. Dem

Amtmann geschah es öfter in der letzten Zeit, daß er unvermerkt

einschlief. Vielleicht tat das Frau Ledinski heute auch. Um so freier

sprach Pirath.

Als er geendet hatte, blieb es eine Weile stumm. Die Hitze quirlte aus

den Palmen hernieder. Sie war wie ein Brei.

Piraths Insel · 第 54 / 96 题