Peter lachte peinlich berührt: „Das können Sie einfacher haben.“

„Wie denn?“ fragte Föhr gierig.

„Ich schick sie Ihnen jetzt herüber.“

Föhr rief auf: „Pirath, Sie sind der Verführer Beelzebub. Weiche!

Weiche ...!“ Lauernd aber fragte er gleich darauf: „Was machen Sie denn

heut abend?“

„Ich arbeite Ihre Aufzeichnungen durch.“

Da besann sich Föhr. Er sagte sich bezwingend: „Nein, Spaß! Gehen Sie

schlafen! Es ist Zeit.“

Er erhob sich, und sie verabschiedeten sich.

Peter ging einsam durch die schrillende Nacht seinem Haus zu. Diese

Kämpfe und das Unterliegen, das Gewaltsame und das Versagende des

Direktors erregten ihn. Als Peter vor vier Monaten kam, war dieser Mann

wie stählern gewesen, von einer unwandelbaren Gleichmäßigkeit. Er

spürte, als ob die fremde, dampfend weiche Luft wie ein Gift in seinen

Atem und seine Nase dränge. Er wehrte sich gegen Java. Weshalb hatte er

Mela gestern nacht gerufen? Es verursachte ihm Pein, an die Nacht zu

denken. Er ging rasch auf seine Veranda hinauf. Es brannte Licht in

seinem Zimmer. Mela machte sich drin zu schaffen. Ihr großes und edel

tierisches Gesicht lachte ihm unmerklich zu, und ihr Leib straffte

verständnisinnig die Brüste und den Bauch auf, als er sie ansah. Er

sagte ihr schroff: „Geh! Der Tuwan Administrateur wünscht dich.“ Sie

zögerte. Er drängte: „Geh, geh! Rasch hinüber! Sonst gibt’s was! Geh!“

Da ging sie. Er schaute nicht nach, wohin. Er setzte sich an den Tisch

und öffnete das Buch Föhrs. Er las einen Anfang von Ziffern und Zahlen,

die sich zu dem immer mächtiger werdenden Gebäude einer glasklaren,

wuchtigen Sprache aufbauten. Er las und machte sich Notizen, und

während draußen Meeresrauschen und Insektenlärm sich im fernen Licht

unter Palmen ineinander bohrten, versank er mit weit und hart

arbeitenden Gedanken in die Geschichte der Java-Amsterdam-Maatschappij.

Er las vor allem eine Bestätigung der kurzen aber raschen Erfahrungen

seiner letzten vier Monate. Eine Sicherheit und Kraft überkamen ihn,

daß er glaubte, er knete über zweitausend Meilen Entfernung hinweg die

richtungs- und sinnlose Urfruchtbarkeit der schwarzen Urwaldküste Bukas

in jene wie geometrische Figuren gebaute Häuserwürfel hinein, in denen

seine Zentrifugen jetzt rauschend kreiselten und dem wachsenden weißen

Volk dienten.

* * * * *

Einige Wochen später wurde Föhr krank. Er wehrte sich gegen die Fieber,

die ihn durchprasselten und sein Blut verschlangen. Er wollte sich

nicht legen. Im Bett war er wehrlos. Dann kamen die fremden Geister aus

den Palmbäumen, aus dem Schoß des Bodens, der vor zwanzig Jahren

randlosen Urwald getrieben hatte, aus der dumpfigen Sonnenluft, aus dem

Feuer der flackernden braunen Augen und aus der schleimigen Phantasie

der Javaner und erwürgten ihn unversehens. Er raste umher, ruhelos, mit

heftigen Launen, er schrie und schlug. Er wurde mager und klapperig,

seine Haut ergelbte, seine Augen färbten ihr Weißes und zitterten in

den Höhlen, als ob sie in einem heimtückisch unsichtbaren Feuer

verschwelten.

„Einer hat mir Bambushärchen ins Essen gestreut!“ schrie er einmal.

„Jetzt weiß ich’s.“ Er ging dann immer lauernd, spionierend umher. Er

aß nichts mehr. Alles an ihm war Mißtrauen, und einmal sah er, als er

hinter einer Jalousie verborgen spähte, Mela aus der Küche seines

Hauses in den kleinen Hof treten, wo die Destillierfässer das Wasser

von einem in das andre rinnen ließen. Da sprang er wahnsinnig auf sie

los, griff nach ihrem Hals und würgte sie zu Boden. Weit und breit war

kein Mensch. Föhr hatte seine Riesenkraft in der Krankheit behalten. Er

preßte den Kopf hinterrücks auf die Steine und stemmte mit einem Knie

die schweren Brüste nieder. Wild flüsterte er dem erstickenden Weib zu:

„Du Aas hast mir Bambushaare ins Essen geworfen! Jetzt weiß ich’s! Was

machst du in der Küche? Sprich! Warst du’s! Du verdammte Hure! Du

fleckiger Teufel! Sprich, sag ich. Gesteh’s! Bambushaare! Ich muß

krepieren. Was? Ich befehl dir: Sprich!“

Aber das Weib sagte nichts mehr. Ihre Augen quollen auf. Ihr Körper lag

auf den Steinen gebogen wie ein in einer Netzmasche im Wehren

verreckter Fisch. Ihr Mund war weich und weit geöffnet, und die Lippen

hingen herunter. Das weiße Gebiß schimmerte. Da stand Föhr auf, schaute

sie kalt an und sagte befriedigt: „So!“ Darauf ging er ins Haus und

legte sich ins Bett.

Er starb in der Nacht.

Peter war an diesem Tag in Batavia gewesen und kam mit dem Auto am

nächsten Vormittag zurück. Er hörte, was geschehen war. Er sah die

Leiche des Weibes, aus dessen üppiger Fruchtbarkeit das Leben

verkrampft gewichen war, sah die blauen Quetschwunden an ihrem

mächtigen Hals und wandte sich ab. Er sah die Leiche Föhrs. Sie lag im

weißen Anzug, in dem er sich ins Bett geworfen, weit ausgestreckt auf

der Matratze. An den Füßen staken noch die weißen Tuchschuhe. Die Augen

waren glasig weit offen, wie fürchterlich schillernde Gewölbe, unter

denen dunkle Urrätsel gingen. Der Mund stand weit und bös aufgereckt,

als bisse er nach Teufeln, und der Rücken hielt im Starrkrampf den Leib

etwas aufgerundet. Die Füße drückten sich tief in die Matratze hinein.

Ein schwarzer ungeheuerlicher Widerwillen fiel über Peter her. Sein

Wille war wie von grünspanigen heißen Dämpfen getrübt. Er flüsterte nur

vor sich her: „Der fremde Tod! Immer dasselbe. Der fremde Tod!“ Er ging

in sein Haus. Es hetzte rundum ihn nieder, von der Decke, durch die

Fenster, aus den Wänden. Er fürchtete sich. Er packte seine Koffer,

hastig und wild. Seine Arme zitterten. Es bebte über seinen Rücken,

durch seinen Leib. Seine Beine waren kraftlos. „Bin ich auch krank?“

fragte er sich erschrocken. Er hetzte weiter und fuhr dann in der

schrillen Sonne der Mittagsstunde im Auto durch die Pflanzung davon.

Hinter dem Wagen raste der Staub auf und stürzte unter dem

aufgeklappten Dach herein, und die böse, ekelhafte Feindseligkeit der

ganzen Pflanzung strömte über sein Herz, wie ein Meer, das die Dämme

gebrochen hatte.

In Batavia wurde er erst ruhiger. Er ging zu dem deutschen Konsul und

erzählte ihm, was geschehen war. Der Konsul sagte ihm, er könnte Java

ruhig verlassen. Da er an dem fatalen Tag nicht am Schauplatz der Tat

war, brauchte man ihn nicht, und seine Abreise könnte keine Folgen für

ihn haben.

Einige Tage später fuhr er mit der „Manila“ des Norddeutschen Lloyd

über Makassar nach den Inseln. Die Nachricht, daß er die Südsee

besuche, war ihm schon lang vorausgeeilt. In der Hauptsiedelung Luabar,

wo der Sitz der größeren Pflanzungs- und Handelsgesellschaften war, sah

man seiner Ankunft mit einem etwas aufgeregten Mißtrauen entgegen. Er

war von Europa aus jemandem angekündigt worden. Dieser erzählte von

Pirath den andern Herrn. Sie saßen zusammen in dem mit

Eingeborenenwaffen angefüllten Zimmer Archibalds, eines Australiers.

Dieser hatte die Tatsache, daß alle Frauen Luabars untereinander

zerstritten waren, weil jede die Stellung ihres Mannes für die

bedeutendste haben wollte, ausgenützt, um den Männern die Möglichkeit

zu schaffen, manchmal beisammenzusitzen. Er hatte seinem Geschäft

deshalb eine Schankstube beigegeben, die stets gut besucht war. Denn in

Luabar gab es weder Wirtschaft, noch Hotel. Als bei Archibald von dem

bevorstehenden Besuch erzählt wurde, warf Herr Steifkragen seine Augen

vorsichtig lauernd über die Kneifergläser und wartete, bis sich ein

anderer äußerte. Herr Foß ließ seiner Gewohnheit nach seine Augen

umherwirbeln und drehte mit dem Körper auf dem Stuhl wie eine

Bauchtänzerin. Dann kaute er aus dem rechten Mundwinkel heraus: „Fehlt

ooch noch, daß nu sämtliche Fettwarenonkels von drüben die Prozente

kontrollieren kommen!“

Er wartete eine halbe Minute und lachte dann quäkend heraus. Herr

Steifkragen lächelte ein wenig. Der Konsul Frisch, der sich in jedes

Haus, in das er hineinging, sein Konsulswappen nachtragen ließ, tat

gleichgültig: „Soll er kommen! Es ist ja hier nicht alles

durchsichtig.“ Und der kleine giftige Dicke mit den Schweinsaugen und

den roten Bäckchen fuhr hervor: „Ginge er zum Mars! Ich sag, das ist

ein Semit. So ein überschlauer Jud ...!“ Da stach Foß mit seinem Finger

dreimal in die Luft und sagte begeistert dreimal: „Das ist es!“ Herr

Foß war nämlich selber ein Jude, aber niemand wußte es.

Von dieser Unterredung an nannten die Herren Peter Pirath immer nur:

„Der Jud!“

Dann kam die „Manila“.

Die Herren liefen mit eiliger Höflichkeit an Deck, um den verdächtigen

Juden zu empfangen, schauten nach einer krummen Nase und schwarzen

Löckchen aus und wurden auf einmal vom Kapitän vor einen Mann gestellt,

der den Größten von ihnen um einen halben Kopf überragte, seinen Panama

über einem Schopf leuchtender blonder Haare lüftete und überhaupt so

aussah, als sei er Germanien. Sie machten sehr zuvorkommende

Verbeugungen, indem sie ihre Namen nannten.

Peter blieb einige Tage in Luabar. Er fand das Benehmen der Herren

merkwürdig. Ihre übereinstimmende überhastige Liebenswürdigkeit, die

ihn nicht zu Atem kommen ließ, war wie auf Kommando, und er empfand

rasch heraus, daß sie hinter dieser Maske passiven Widerstand gegen ihn

trieben in allen Dingen, die Geschäfte angingen. Er ersparte ihnen das

Äußerste und sprach nie über Geschäfte. Da waren sie erst recht

ängstlich. Sie zuckten um ihn, wie die Fische um den Köder, der so

plötzlich ins Wasser fällt, daß die Fische vor Schrecken nicht wissen,

was sie tun sollen, und ununterbrochen um ihn herumlaufen.

Peter war gleich zum Gouverneur gegangen, hatte dort erfahren, daß der

Amtmann ihn schon angemeldet hatte. Der Gouverneur hatte ihn dann

eingeladen, sein Gast zu sein.

„Das ungastliche Fehlen eines Hotels in der Kolonie macht es Ihnen zu

einem für meine Frau und mich außerordentlich erwünschten Zwang,

anzunehmen, lieber Herr Pirath!“ sagte er mit genau betonender

Aussprache. Sie saßen lange Stunden abends zusammen und plauderten.

Peter hatte sich einen Gouverneur anders vorgestellt. Dieser Mann war

ein Gelehrter. Ein Gelehrter, der nichts aus Büchern, sondern alles in

unmittelbaren Taten erlebt hatte, was er wußte. Er sprach, wie ein

Professor, mit feierlicher Gründlichkeit, mit rhetorischer Färbung und

doch voll Begeisterung. Dahinten in einem Wald starb ein Volk an seiner

eigenen Armseligkeit. Er hätschelte diese Lebensuntüchtigen mit

begeisterten verliebten Worten: „Ein wunderbares Völkchen, lieblich,

naiv und bunt, wie ein Rapunzel im Wald,“ sagte er von ihm. Aber Peter

lernte an diesem Abend die einzelnen Inselgruppen aufs genaueste

kennen, ihre Topographie, Ethnographie, Geschichte ... Nur fiel ihm

auf, daß sein Gastgeber es vermied, von den Kolonisten zu sprechen, und

auf sie kam es Peter ja wahrhaftig im Augenblick mehr an.

Am nächsten Abend gab einer der Verwalter ihm ein Abendessen. Herren

und Damen trennten sich nach dem Essen. Die Herren saßen in einer Ecke

der Veranda, rauchten und tranken Schnäpse und Bier, und wieder, wie

auf Kommando, überfielen sie auf einmal Peter mit der Arbeiternot. Die

Gegend geht dem Ruin zu. Die Regierung sei nicht der Weißen, sondern

der Schwarzen wegen da. Denken Sie sich: verschließt ganze Gebiete dem

Anwerben. Blöd, hirnverbrannt. Ruin.

Piraths Insel · 第 53 / 96 题