Die Mädchen schrien frech weiter: „Doch, er hat uns geschlagen.“

Peter schaute sie an, gespannt, aber auch bekümmert. Denn er gab sich

Mühe, alle Leute gut zu behandeln. Auch er winkte „nein“ und sagte:

„Wie könnt ihr das sagen? Ich hab euch nie angerührt.“

Da schrie Mela, die wildeste und schönste, die ihre großen Brüste vor

sich trug wie Gewölbe voll Schwung, Schatten und Gewalt, zu Föhr: „Er

hat uns geschlagen, auch wenn er nein sagt. Er kann nein sagen, denn

der Tuwan, der Herr, gibt uns immer recht gegen die Assistenten!“

Da stand Föhr langsam auf, ging auf sie zu und gab ihr eine Ohrfeige.

Die Ohrfeige kam Mela unerwartet. Sie erschrak, aber sie nahm sie

entgegen, ohne zu zucken. Er sagte ruhig: „Ich geb dem recht, der recht

hat. Ob das ein Assistent, eine Babu, ein Chinese, ein Javaner oder ein

Hund ist. Das wißt ihr. Der Assistent hat euch nicht geschlagen. Ihr

lügt ...“

Rund um die Weiber standen die braunen Diener. Einige lachten. Die

andern schauten bös und dumm drein.

„Ich weiß, weshalb ihr lügt. Ihr lügt, um euch zu rächen. Ihr geht

jeden Abend über die Veranda, wenn der Assistent dort nach dem

Nachtessen sitzt. Und ihr wollt, daß er euch mit schlafen nimmt. Das

wollt ihr nur, damit er euch dann Geschenke macht. Ihr wollt nicht mit

ihm gehen, weil es im Bette schön ist. Ihr wollt euch verkaufen, ihr

schmutzigen Mädchen.

Aber der Assistent liest in Büchern und kümmert sich nicht um euch.

Deshalb seid ihr erzürnt gegen ihn. Ihr bekommt keine Geschenke, und so

sagt ihr: er schlägt euch. Die Mela hat euch verführt, das zu sagen

...“

Die drei Mädchen standen da mit bösen und trotzigen Gesichtern. Sie

schauten an Föhr vorbei. Die Männer begannen zu kichern.

„Und wißt ihr, weshalb der Assistent liest? Weil seine Bücher schöner

sind als ihr. In den Büchern stehen gute Dinge. Ihr seid schlecht. Ihr

seid habgierig und habt kein Feuer im Blut. Ihr seid unsauber. Ihr

badet nicht. Ihr seid häßlich. Eure Gesichter sind wie Kokosnüsse so

uneben. Eure Leiber riechen wie Durianfrüchte. Ihr haltet euch so krumm

wie ein Pavian. Eure Stimmen sind so häßlich wie die von Papageien. Ihr

habt Glieder, die so schlaff sind wie getrocknete Tintenfische. Geht

fort, ihr häßlichen Weiber! Ihr bekommt nicht einmal Schläge auf den

nackten Hintern, obschon ihr das verdient. Denn ich will den Jungen es

nicht antun, daß sie welke und häßliche Hinteren sehen. Geht!“

Föhr legte sich nieder. Die Weiber standen da, leidenschaftlich bewegt,

bösartig wie angebundne Schlangen. Die Jungen kicherten.

„Weshalb geht ihr nicht?“

Da rief Mela frech und bös: „Ich will Schläge!“ Die beiden andern

riefen nach: „Ich will Schläge!“

„So! Weshalb?“ fragte Föhr.

„Ich hab keinen häßlichen und welken Hintern!“ zischte Mela.

„Das sagst du! Ich sag aber, du hast einen!“

„Der Tuwan hat ihn nicht gesehen!“ entgegnete Mela rauh.

„Davor hat Mohammed mich bewahrt,“ sagte der Direktor ernst. Er schwieg

einige Sekunden und fragte dann: „Er ist häßlich, oder ihr habt

gelogen, und der Assistent hat euch nicht geschlagen.“

„Dann haben wir gelogen!“ brach es aus Mela heraus.

Die drei Weiber standen schlank und gerade da und reckten ihre Körper

auf, daß Brüste und Bauch die Sarongs auseinandersprengen wollten.

„Und wir wollen keine Geschenke!“ sagte das Mädchen. Die beiden andern

schrien auch: „Wir wollen keine Geschenke.“

„Was wollt ihr denn?“ fragte Föhr.

Aber da schwiegen sie und schauten mit ihren großen feurigen Augen wild

vor sich hin in die Lampe.

„Dann hab ich euch nichts mehr zu sagen, geht!“

Nachdem die Mädchen und die Diener gegangen waren, sagte Föhr zu Peter:

„Das war Hölle für die drei! Sie werden drei Monate nicht mehr lügen.“

Als Pirath in der Nacht zu seinem Hause kam, brannte die Lampe in

seinem Schlafzimmer. Die Sterne schienen durch die Palmen durch. Die

Nacht war tief und schwarz und die Luft mit einem scharfen, keimigen

Meerdunst gefüllt. Peter spürte die Finsternis wie einen Leib seinen

Körper streifen. Er erinnerte sich an eine Nacht im Roten Meer.

An seiner Treppe standen drei dunkle Gestalten. Sie standen so, daß der

Schein der Lampe sie ein wenig berührte. Peter erkannte rasch, daß es

die Mädchen waren. „Wollen sie sich an dir rächen?“ sagte er sich. Er

erschrak ein wenig, machte sich dann angriffsbereit und ging gerade auf

sie zu. Er sah die fremden Augen in der Nacht leuchten, wie aus Höhlen

heraus. Der große weiße Kranz schimmerte. Die drei standen stolz und

schön aufgereckt. Er schaute sie fest an und ging vorbei. Keine sagte

ein Wort. Keine machte eine Bewegung. Die Sternenfinsternis floß über

sie wie über Säulen.

Peter schaute durch die Jalousien seines Fensters noch einmal auf sie

herab. Er kämpfte auf einmal heftig gegen diese braunrassige

Luderhaftigkeit; es war ihm, als sprühte sein Blut durch die Haut zu

diesen drei reifgehobenen wartenden Leibern, in denen Stolz und

Gemeinheit, Rache und Hingebung geheimnisvoll eins waren. „Ich will

nicht! Ich will meine Muskeln behalten!“ knirschte er. Er trat unwillig

vom Fenster, zu dem die drei dunkeln Augenpaare nun heraufschillerten,

und setzte sich an den Tisch. Er begann wieder zu schreiben, was der

Tag gebracht hatte. Er riß nacheinander zwei Seiten heraus.

Er konnte nicht schreiben. Die Nacht feilte, schrie, feixte, roch,

sprudelte. Er drohte ihr anheimzufallen, sich in der fremden Nacht

ertrinken zu lassen. Die Mädchen warteten draußen. Ihr Schoß war krause

Verführung, süßer wuchernder Urwald. Die Nacht lauerte in ihrem Schoß

wie eine Sünde von einer tötenden Brutalität. Weshalb warf er sich

nicht hin, nahm, trank, brüllte ... und schlief. „Ach, ich Jesus in der

Wüste!“ klagte er. „Ich hab daheim versagt und muß nun wandern, suchen,

mir selber Erlöser werden! Ich fühl jetzt meinen Jesus in mir, meinen

eigenen Jesus. Denn es ist eine Lüge, daß dieser Gesalbte einmal eine

leibliche Gestalt annahm. Ein jeder Mensch trägt den eigenen Gesalbten

in seiner Brust. Es ist eine Lüge, und unsere Symbole zu Hause sind

verwuchert und entweiht, damit einige Menschengruppen, die das Symbol

zu verwalten vorgeben, ihre Macht über das Volk behalten.“ Wie klar

empfand er das in dieser Stunde der Versuchung und des Verlorenseins in

der tropischen Nacht! Das Meer rauschte wie eine Höhle, und die Grillen

feilten grell, die Sterne machten die Bäume und Sträucher und Rasen

leise schäumen. Die drei Mädchen sangen jetzt. Ihr Gesang war, als ob

er das glasig fremde Sternenlicht verspönne. Das Gewebe ihres

eintönigen, leisen und fremdlich aufduftenden Psalms strömte ins Haus

herauf, strudelte an den Wänden entlang und wollte das deutsche Herz

überströmen.

Aber das deutsche Herz, das seinen Erdulder und Erlöser entdeckt hatte,

wehrte sich gegen den Gesang der drei braunen Münder. Das deutsche Herz

roch den starken Atem, der den singenden Weibern aus den roten Mündern

entströmte wie ein riechender, fremder Fluß im Urwald. Der Mann sank

übers Bett und drückte die Fäuste an die Schläfen. Er wußte, es

geschieht dir nichts, wenn du deinem Blut nachgibst; es wird nur eine

Sünde sein, nur ... eine ... Sünde. „Sünden sind, damit sie begangen

werden!“ hat einmal jemand ihm gesagt. Wer ...? Wo ...? Wann ...?

Ewe!

Peter sprang vom Bett. Er richtete seine starke Gestalt wuchtig in die

strudelnde tropische Nachtluft und rief laut den Namen: „Ewe.“ Wie eine

Glocke läutete der Name in die verborgen tobende Stille der Nacht. Der

Gesang der drei Weiber brach ab. Der Name hatte ihn gelöscht. Peters

Herz erhob sich um die ferne, in ihr Geheimnis dahingesunkene schöne,

kluge und reife Frau. Der Spuk der javanischen Nacht zerschmolz. Ewe

stand süß wie ein Berg, edel wie die hohen Schwärme der Sterne und ewig

wie das bronzene Wogen des Ozeans in dem deutschen Herzen, das seine

Erlösung gefunden hatte. Ein Erlebnis hatte sich aufgelöst in den

Brodem der Phantasie. Eine Kreuzigung war vorbei. Ein Herz gerettet.

Draußen, wo unwillig und bös drei halbnackte schöne junge Weiber

verschlungen an Sträuchern dahinstrichen, in denen Glühkäfer

aufleuchtend sich begatteten, da wartete schon die nächste Versuchung.

Als Peter so frei aufgereckt dastand und wunderbar Herr seines Innern

geworden war, war es ihm, als spürte er seine Kräfte in sich stehen wie

einen Baum. Sein Temperament und sein Intellekt waren vom fremden Klima

aufgepflügt, waren in vielfachen Kreuzungen widerspruchsvoll berührt

worden, waren nach hundert Richtungen gezückt. Kampfesselig,

mannesbewußt fühlte er den Willen in seiner weißen Faust eine fremde

spukhafte Nacht erwürgen. „Was ist’s, der Gefahr aus dem Wege zu

gehen?“ sagte er plötzlich. „Man muß sie über seine Muskeln kommen

lassen!“ Und er ging rasch auf die Veranda hinaus, von der

Fruchtbarkeit seines plötzlichen Gedankens ungebärdig erfüllt und rief:

„Mela!“ Er rief das Wort wie zum Kampf in die Sternennacht. Das Wort

hielt, wie das unerwartete Anspringen eines Tieres, die drei Weiber an,

die nicht fern unter den Palmen aneinander geschlungen davongingen. Sie

blieben stehen, sie schauten alle drei zurück und lachten befriedigt

und satt. Sie standen da mit ihren schönen, aneinander ruhenden

Leibern, mit ihrem auf den Europäer gezückten Willen, wie die Scheide

Javas. Dann löste sich Melas monumentale Brust aus dem Gemengsel der

nackten braunen Arme und Schultern, und das junge Weib schritt langsam

und geradeaus der Begierde des Weißen zu.

Peter nahm sie kurz, streng und wild. Kein Augenblickchen zitternden

Nachgebens kam in seine Seele. Er blieb ganz sich selber und ihr der

Herr.

Er dachte immer in den abspannenden Lüsten dieser Nacht, die wie

Gewitterregen durch seinen Körper fielen, an Ewe und sehnte sich doch

nicht nach ihr. Sie floß fern und verwunden, tief in den Schollen

seines Seins, wie ein Geist gewordenes Licht. Er war im Bund mit ihr,

und er sündigte nicht, daß er das braune Weib gerufen hatte. Sein Leib

lag dann bis zum Morgenlicht einsam in einer süßen Abspannung. Er hatte

die braune Seele in Besitz genommen, und sein weißer Wille zog auf

Eroberung in die Urwälder.

* * * * *

Am nächsten Morgen wurden ihm zwei Briefe gebracht.

„Hermann!“ rief er erschrocken und glücklich und brach den ersten Brief

auf, ohne den anderen anzuschauen. Er las mit fliegenden Augen und mit

hastig nehmendem Gefühl. Ach, Gott, ja, das war der liebe, kleine,

runde und edle Hermann. Peter wollte weinen. Der Brief war die Antwort

auf die Beichte. Es stand etwa drin: „Ja, wenn Du gedacht hast, daß ich

glaubte, Du brauchtest nur tausend Mark Passage auf einem Dampfer zu

bezahlen, um sofort Jens Peter Pirath Söhne eine üppige Plantage in die

Fettkessel zu werfen, so hast Du die Meinung, die ich von Dir habe,

doch überschätzt. Du weißt, das einzige Buch, das ich immer wieder

lese, sind die Schicksale des Wilhelm Meister. Daraus hab ich erfahren,

wie man seine Lehrjahre machen muß. Du bist auf der Walze, lieber

Geselle, und ich bin sicher, daß Du ein Meister werden wirst. Spring

über Deinen ersten Schlag hinweg, wenn er nicht gelang. Es ist ja nur

kindlicher Ehrgeiz, wenn Du verlangst, den Mißerfolg selber und allein

tragen zu müssen.

Im übrigen arbeiten schon drei Deiner Zentrifugen daran, ihn

gutzumachen. Das sind famose Maschinen, die Du uns vor Deinem Sprung in

die Welt noch da ließest, Bruder ...“

Es war ein langer Brief voll Einzelheiten aus der Heimat, ein Brief,

der einen liebkühlenden Atem in das offene sonnendurchspülte Haus

brachte, ein wenig wehmütige Sehnsucht, krasse und milde Erinnerungen,

Zuversicht, Stolz, Liebe. Und dann stand noch als Anmerkung: „Dein

Prozeß ist geordnet. Alles vorbei und nach Wunsch gelöst.“ Peter mußte

sich wirklich zuerst fragen: Was für einen Prozeß hab ich denn? — Dann

lächelte er, und ein Wörtchen klang und verklang rasch in ihm: Ree!

Viel mehr als ein Klang war es nicht.

Das andere Schreiben war von Ledinski aus der deutschen Südsee. Mit

Ledinski korrespondierte Peter. Sie hatten sich allgemeine Dinge in den

beiden Briefen geschrieben, die sie gewechselt hatten: über

Pflanzungen, Koprapreise, Möglichkeiten des Marktes, über

Arbeiterfragen, die wichtig und ungelöst wie ein Schatten die deutschen

Inseln überlagerten. Ledinski schrieb ihm, die Eingeborenen dieser

Inseln seien fast unbrauchbar und werden immer arbeitsunwilliger. Peter

schilderte ihm die Tüchtigkeit der chinesischen Kuli.

Aber in diesem Brief schrieb der Amtmann:

„Die Aussichten auf meiner Insel sind einfach ungemessen. Die Deutschen

sehen sie nicht. Australische Unternehmer fangen ihnen augenblicklich

das Beste weg, und ich bin an die beschränkte Macht meiner Stellung

gebunden. Ich möchte diese australische Invasion auch gar nicht

verhindern — vorläufig. Denn ich hoffe immer noch, daß sie den

deutschen Kapitalisten die Morgenkörner aus den Augen putzt. Aber was

weiß man denn in Deutschland von unserer Südsee? Ein vortreffliches

System hat ihre Kenntnis bei uns zurückgehalten. Und mir waren immer —

gouvernemental — die Hände gebunden. Fuhr außerdem nie als $Commis

voyageur$ der Südsee in die ‚goldenen‘ Ferien. Ich sah auf dem Schiff

die Wirkung jener Technik an Ihnen. Wissen Sie noch, wie wir uns auf

einem Dampfer unterhielten? Die schöne und kluge Frau Haug! Ich wurde

kratzbürstig, als sie mich fragte. Jetzt sind die Ferien vorbei.

Ich vertraue Ihnen an, daß ich es fertig brachte, in unserer Nähe (der

beste Einladehafen) ein ziemlich beträchtliches Gebiet frei zu halten

— gegen alle Intrigen. 5000 Hektar. Zum größten Teil sandiger Boden

mit Wasser, von dem man ehedem glaubte, er trage nichts. Europäisches

Augenmaß: fett ist gleich fruchtbar ...! Schon vor zehn Jahren legte

ich eine kleine Probe- und Musterpflanzung an. Daraufhin ist es im

Laufe der Jahre der beste Boden für Palmen geworden. Er trägt etwa 5/4

Tonne pro Hektar. Der andere eine Tonne.

Noch mit den Zahlen locke ich Sie, die Sie auf den beigelegten Blättern

finden. Diese Berechnungen sind von mir durch zwei Jahrzehnte Tätigkeit

geprüft. Sie sehen daraus, daß eine Tonne im eigenen Betrieb etwa 80

Mark kostet + 100 Mark Fracht, Spesen und Eintrocknungsabzüge bis

Hamburg, macht 180 Mark. Sie wissen ja auch, daß die Palme stabile

Ernten gibt. Die Preise sind seit Beginn des Pflanzens in regelmäßiger

Steigerung, augenblicklich zahlt Hamburg 640 Mark für die Tonne. Und

weshalb sollte solch ein Welthandelsartikel einem Preissturz ausgesetzt

sein? Selbst für den Fall eines Kriegs, den wir seit einiger Zeit ja

alle im Osten erwarten, scheint mir wenigstens nichts Bleibendes zu

befürchten zu sein.

Aber kommen Sie! Als unser Gast natürlich, sagt meine Frau über meinen

Rücken, da sie erstaunt ist, daß ich einen so langen Brief schreibe,

und auf so lange, wie es Ihnen beliebt. Kommen Sie bald, denn die

Choiseuil Compagnie, die an der andern Küste unserer Insel 5000 Hektar

in Pflanzung genommen hat, liegt mit einem schweren Auge auf meinen

5000 Hektar. Wenn auch das Gesetz einen größeren Besitz als 5000 Hektar

in einer Hand verhindert, so verhindert kein Gesetz die Gründung einer

neuen Gesellschaft und die Vorliebe, mit der der Deutsche das

ausländische Kapital behandelt. Ich könnte dann, wenn mit ernsten

Waffen auf mich losgegangen wird, die Sache nicht mehr retten, denn,

wenn auch vielleicht geschätzt, so bin ich keineswegs beliebt an hoher

Stelle. Dafür kann und weiß ich zuviel, und vor allem tu ich zuviel!

Sie wissen, wie das ist ...“

Pirath ging gleich die beigefügten Berechnungen durch. Er fand, daß sie

ungefähr mit dem übereinstimmten, was er auf Java erfahren hatte. Der

Unterschied war nur im Bodenwert und in den Löhnen bedeutend, aber für

ein noch nicht erschlossenes Land begreiflich.

Er berechnete: Die Fabrik arbeitete zu Hause bisher mit drei Systemen

durchschnittlich 18 000 Tonnen jährlich. Ein Drittel Sesamsaat, ein

Drittel Erdnüsse und ein Drittel Kopra. Also 6000 Tonnen Kopra. Das

ergab in merkwürdiger Übereinstimmung die Ernte jener 5000 Hektar.

Diese Pflanzung könnte also in acht Jahren Jens P. Pirath Söhne vom

Kopra-Zwischenhandel frei machen.

Pirath schrieb dem Bezirksamtmann gleich, er sei fest entschlossen,

sich der Sache mit allem Ernst anzunehmen. Er müsse nur mit der Reise

warten, bis er auf Java frei würde. Auf alle Fälle bäte und berechtige

er den Amtmann, für den Fall von Gefahr, das Land mit den Ansprüchen

von Jens Peter Pirath Söhne zu belegen. Er schrieb ihm noch mit, was

Föhr über die Südsee-Pflanzungen meinte. Er nenne sie immer:

Palmenkarusselle. Wie das Pferd im Innern, wenn das Ding mal dreht,

auch im Schlaf herumläuft, so gingen sie von selber. Er brauchte dort

nur Verwalter, die nicht immer besoffen sind. „Die Kerle leben von

unserer Geschicklichkeit!“ fluchte er. „Wir treiben die Preise,

kanalisieren den Markt, und sie schieben so mit hinein.“

Peter versiegelte den Brief. Er hatte ihn am Abend nach Schluß seiner

Arbeit geschrieben. Er steckte die Kopie in die Tasche und überlegte

sich, ob er nicht mit Föhr diese Angelegenheit durchbesprechen sollte.

Zwar war er sich bewußt, daß er unabhängig von Föhrs Meinung bei seiner

Zusage bliebe. Denn Föhr war jetzt oft wunderlich gereizt und

widerspenstig und zugleich von einer Vertrautheit zu Pirath, die Peter

oft peinlich war. Unentschlossen, was er tun sollte, verließ er sein

Haus. Er ging einen Umweg hinten durch das javanische Arbeitsdorf herum

und sah dort Föhr auf einmal aus dem Haus kommen, in dem das kleine

Gefängnis war. Der Administrator stürmte auf ihn zu, den Panama in der

Hand, den spitzen Schädel mit Schweißtropfen besetzt und sagte, als er

ihn erreicht hatte, wie außer Atem:

„Jetzt sah ich Ihre Mela. Ich bin weg. Herrlich, herrlich, wie ...“

Föhr formte ununterbrochen mit seinen Händen lebhaft und begeistert

zwei Hügel ... „wie soll ich sagen, wie ... wie zwei Weltkugeln, wie

... nun ja, ich hab ihr fünf geben lassen.“

Pirath erschrak. „Wegen meiner?“ fragte er verwundert.

„Nein, ich bin unterrichtet. Sie haben sich ausgesöhnt. Ich weiß alles,

was geschieht. Ich bin Gott auf A. B. und C. der

Java-Amsterdam-Maatschappij. Ja, ja, also die Mela hat heut früh einen

Chinesen bezichtigt, er habe ihr ein silbernes Armband gestohlen. Ich

fragte: ‚Woher hast du das Armband gehabt?‘ Sie sagte: ‚Vom Assistenten

...‘ Föhr tippte Peter auf die Brust ..., aber ich sagte: ‚Du schlaues

Luder! Du lügst und beschuldigst den Chinesen, damit ich erfahren soll,

daß deine Hinterbacken den Gefallen des Assistenten gefunden haben.‘

Aber den Einfall fand ich so ulkig und sonderbar, daß ich ihr die Lüge

durchgehen ließ, um so mehr als ihre Brüste mir entgegenprangten. Die

schönsten Brüste der Java-Amsterdam-Maatschappij. Dann kam sie aber

mittags nicht zur Arbeit. Weshalb? Sie habe ein blutiges Hemd. Wir

führen ja doch Kalender darüber. Das war also nicht wahr. Sie vertraute

auf die vergangene Nacht, das Rabenaas. So sind sie! Sie glauben, per

Bett können sie die Disziplin vom Weg spucken, wie eine Mücke, die auf

einem Blatt vor einem sitzt. Da diktierte ich ihr fünf zu. Sehen Sie,

erst mußte ich aber ungerecht sein! Wegen der Brüste! Ekelig.

Starnberger See! Der Schrei nach dem Starnberger See! Wieviel von uns

sind schon zwischen zwei Weiberbrüsten ins Tiefe gerutscht. Ich

verkomm! Lieber Pirath, nach fünfundzwanzig Jahren von mehr oder

weniger Sauberkeit solche Sachen. Sagen Sie selber!“

Peter fragte sich: „Ist er nicht betrunken?“ Es widerte ihn ein wenig

an, und er entschloß sich gleich, von seinem Brief an Ledinski nichts

zu sagen. Dann tat dieser gewaltige und tüchtige, starke Mann ihm aber

leid, der nicht erwarten konnte, sein Leben in die Seele einer

deutschen Landschaft zu retten.

„Sagen Sie selber!“ drang Föhr in ihn. Ein Dunst von Alkohol flog

Peters Gesicht an. Er wendete sich leicht ab. Das bemerkte Föhr. Da

nahm er sich zusammen und sprach etwas von der Pflanzung. Sie

durchschritten die Terrassenanlagen vor Föhrs Haus am Meer. Ketten von

rotem Hibiskus kreuzten sich mit steifblütigen weißen Frangipanen, und

weinrote Bougainvilles überschäumten einen langen Laubengang. Über

andern blühenden Teichen erhoben sich als Abschluß mit grotesker

steifer Feierlichkeit eine Reihe von Agaven, die ihre trächtigen

Blütenstengel hoch aus den Blättern gegen die untergehende Sonne hoben.

Hinter dem Hause wogten die Palmenwälder heran, mächtig in ihrer

tropischen Eleganz, stark in ihrer unentwegten Fruchtbarkeit,

widerspruchsvoll: Park, Urwald, Welthandel, drahtlose Telegraphie,

Aufschwung und Niedergang ...

„Bald kann ich die Palmen nit mehr aanschaun,“ sagte Föhr in

süddeutschem Dialekt, den er sich sonst abgewöhnt hatte. Peter

durchlebte die Ahnung der haltlosen Geschehnisse, die im Innern dieses

starken Mannes stürmten und ihn zu stürzen drohten. Jetzt, wo seine

Seele den Duft des heimatlichen Sees schon so stark roch. Waren das die

Tropen? Er schaute in die wirbelnde Buntheit, in die ineinandergepreßte

Wirrsal von Farben und Formen rundum auf der großen Gartenterrasse. Die

dunkeln Agaven standen wie Giraffen kahl und hochhalsig und uferlos

dumm im sprühenden tiefen Sonnenlicht, das sie vergrößerte. Peter faßte

Föhr unterm Arm und lenkte ihn in die Laube der Bougainville, und die

weite, von Buntheit bebende Luft fuhr um die beiden rasch gestillt

zusammen zu einer kühlen, schattigen, schweigsamen Kugel. Sie setzten

sich in breite chinesische Sessel. In der Laube brannte schon die

grelle Vergasungslampe, die jeden Abend um dieselbe Zeit von einem dazu

bestimmten Diener angezündet wurde.

„Da haben Sie eine meiner Pfostenzigarren,“ sagte Peter. „Rauchen wir

sie zusammen, als Friedenszigarre mit der Luft hier rundum.“

„Sie geben mir die Adresse Ihres Händlers. Die rauch ich auch am ...

Also sooft ich jetzt noch einmal Starnberger See sage, so viele Whisky

entzieh ich mir täglich!“ fuhr Föhr gegen seine eigene Rede auf.

Sie brannten die Zigarren an. Ihr Duft änderte den Geruch der steif mit

Blumengerüchen und ferner Feuchtigkeit vollgepumpten Luft. Föhr

schnupperte mit seinem eingetätschten Korken von Nase rund um seinen

Kopf hinter dem Geruch her. Dann begannen sie ruhig und in leichter

Ermattung nach dem heißen Tag über mancherlei zu reden und kamen in

eine Unterhaltung, die sie einander nahe brachte und aneinander

fesselte und die nach und nach sehr persönlich wurde. Sie söhnten sich

in diesen Gesprächen beide mit der Mißstimmung der letzten halben

Stunde rasch aus. Föhr ließ eisgekühlten Champagner kommen. Er

fürchtete, die Laube und damit die Stimmung aufzugeben, diese Stimmung

von seelischem Gleichgewicht, in dessen einer Schale Europa lag,

während Unwägbarkeiten die andere füllten.

Er fragte, als es Abendessenszeit war: „Haben Sie Hunger? Ich habe

keinen. Der Boy soll kalten Fasan bringen, eine Platte voll, und wir

essen das so mit den Fingern. Nicht decken, gelt, wir bleiben so,

bitte.“

Peter war einverstanden. Auch er fühlte sich glücklich. An einer

unbekannten fernen Küste sproß es unter seinem Willen auf. Da zog er

die Kopie seines Briefes an Ledinski heraus und gab sie Föhr zu lesen.

Föhr las rasch und lachte dann auf.

„Also unter uns!“ ... Er tippte sich an die Stirn ... „Was haben sich

eigentlich diese Koprafabrikanten drüben so lange gedacht? Ich sitze

hier wie eine gespannte Flinte. Fünfundzwanzig Jahre wart ich auf das

eine: Kommt denn nicht endlich einer auf die Idee, unsere hundert

Prozent Dividende zu durchschauen und selber zu pflanzen, was er

verarbeitet? Also wie Sie kamen, da war ich wie erlöst. Unsere

holländischen Inseln sind ja wohl jetzt zu. Aber die Südsee ...! Das

geht gewiß! Sie werden dort mit primitiveren, aber günstigeren und

leichteren Verhältnissen rechnen können. Ich sah’s an der Aufstellung

Ihres Bekannten. Die Arbeiter sind billiger, viel billiger. Taugen aber

nichts. Sie werden sich schließlich doch zu Chinesen entschließen

müssen.“

„Das hab ich mir auch schon gedacht!“ warf Peter ein.

„Gehen Sie hin, so rasch wie möglich!“ sagte Föhr.

Piraths Insel · 第 51 / 96 题