Durch Peters Gedanken wogte, wie ein Licht, Ewe.
Sie legten sich nach dem Essen in die Streckstühle und rauchten frische
Manilazigarren zum Whisky. Sie sprachen nicht mehr viel. Der Vorfall
und das, was er aufgedeckt hatte, hielt einstweilen ihre Gedanken im
Innern. Peter wurde sich seiner Tugendhaftigkeit eigentlich erst bewußt
durch ihn. Föhr sann nach über diesen sonderbaren Peter, der als
Mitinhaber einer großen Firma, Weltreisender usw. solchen Prinzipien
folgte, als Unerfahrener eine so sichere Behandlung der Eingeborenen
ersonnen hatte und sonst doch ein Mensch schien, der nichts
Außergewöhnliches an sich hatte, weder in gutem Sinn noch nach der
üblichen verrückten Seite. Nur manchmal kam es ihm vor, als ob im
ganzen Zug dieses blonden hünenhaften Wesens etwas ungeweckt schlief,
eine Energie vielleicht zusammengekugelt lag, die nicht gelöst sein
wollte ... Sonst geben die Menschen doch allen Dampf ab, den sie haben.
Meist ist es ja beträchtlich wenig. Aber gerade, wenn sie zu uns in die
Tropen kommen, dann wollen sie doch gleich mit Aeroplangeschwindigkeit
die vermeintlichen rasenden Möglichkeiten des Glücks in Besitz nehmen
...
Auf einmal sagte Föhr seinem Gast das, was er über ihn dachte. Föhr,
der König, war nicht gewohnt, vor andern zurückzuhalten.
Als Peter hörte, wie sich sein Wesen in einem andern Bewußtsein formte,
war er sehr erstaunt, denn es schien ihm vertraut zu sein, daß etwas in
ihm auf Entfaltung wartete.
Föhr sagte noch: „Die meisten Menschen, die bis auf unsre Pflanzung
oder nach Batavia schwemmen, sind merkwürdig, wenn sie das sind, nicht
durch ihr Wesen, sondern durch ihre äußeren Schicksale.“
In Peter strömten, da ein andrer, den er für so bedeutend und kraftvoll
hielt wie diesen Direktor, in das dunkle Chaos seiner Gefühle gegriffen
hatte, die Vorstellungen zuhauf. Sie waren in ihm gelöst worden, wie
ein Wind Wolken zum Wandern löst. Er fühlte sich dazu gedrängt,
Geheimstes von sich einem andern Bewußtsein zu übermitteln, damit es
dadurch für ihn selber an Körperlichkeit gewänne, in dieser Zeit des
Übergangs zum Sicheren und Abgegrenzten. Er sagte:
„Ich hab eine sonderbare, erschöpfende Art, Erlebnisse in mir sich
ausleben zu lassen. Sie müssen mich stets wie bis zum Nichts zerstören,
bevor ich wieder zum Gleichgewicht und zu Kräften komme.“
Der Direktor lachte. Es klang halb spöttisch: „Sie sind Jesus in der
Wüste.“
Föhr hatte das Bedürfnis, stets den Dingen auch nebensächlicher Art
ihren Anschluß ans Große, ans Allgemeine, Vergangene und Zeitlose zu
geben. In seinem Beruf dachte er genau, scharf und detailliert, wie
eine Präzisionsmaschine, die auf Bruchteile von Millimetern feilen muß.
Aber wenn er aus diesem praktischen Weg herauskam, dann wollte er
nichts, als irgendeiner Anregung, die von weither an ihn herankam,
durch ein Wort einen raschen Ausdruck geben. Er wollte die Kraft seines
Kopfes nur spüren; diese Gedanken schlug er aus seinem Hirn wie
Felsbrocken. Er dachte sie nicht aus. Das Unausgeformte, das in ihnen
lag und nur das Wesentliche faßte, schien ihm so lebenswahrer und
schöpferischer zu sein, als wenn er der Anregung weiter nachging und
die Ätze seines scharfen und skeptischen Kopfes die Größe des Einfalls
rasch zu zersetzen begann.
Der Verwalter hob sich langsam aus dem Streckstuhl und trank seinen
Whisky aus. Er schmiß die dicke halbgerauchte Manila in die Nacht
hinein und schaute nach, wie sie an einem Stamm in Funken zerstob. Er
warf sich wieder zurück und rief: „$Boy, one Whisky more$,“ und sagte
fast zugleich schon: „Ich fühle meinen Jesum hier“ — er zeigte auf
seinen Kopf — „und hier“ — er zeigte auf seinen Bizeps. „Der Jesus
wechselt mit Umständen und Zeit. Ich habe Urwald, javanische
Arbeitswiderspenstigkeit, chinesische Unbegreiflichkeit und europäische
Geldgier und Unfähigkeit organisieren müssen. Ganz aus dem Rohen
heraus. Ein wenig Erschaffer muß man spielen. Da sinkt Moral hin. Alles
ist Objekt, reine Masse. Also Erschaffer spielen. Wenn man aus dem mehr
oder weniger fertigen Europa kommt, dann heißt es: den Kopf umordnen.
Zwischen uns gesagt: es ist auch das nicht nötig, und meine
Administratoren, die Sie kennen, und die Kollegen von den andern
Gesellschaften brauchten den Kopf nicht umzuordnen, weil sie keinen
hatten. Es geht doch, wie Sie sehen. Die Java-Coffee verteilt auch
hundert Prozent.“
„Und was sagt auf die Dauer der umgeordnete Kopf bei Ihnen?“ fragte
Pirath.
Ein javanisches Mädchen schlich langsam vorbei. Der Sarong spannte über
ihre steilen, zitronenförmigen Brüste, ihre Hüften tanzten. Der Gang
hatte etwas absichtlich Verweilendes. Das Weiß der rasch
herüberblickenden Augen leuchtete mahnend.
Da fuhr Föhr gegen das Weib auf: „Geh fort, Kreuzdonner!“ schrie er.
Ruhig lächelnd wandte er sich zu Peter zurück und antwortete ihm: „Der
umgeordnete Kopf, dem es eine Reihe von Jahren gut ging, ist nun
schließlich dazu gekommen, sich nach seiner primären Ordnung
zurückzusehnen. Er will nicht mehr mit den Dunkelheiten von drei Rassen
rechnen und hofft, daß er in drei Jahren in einem Haus am Starnberger
See sich Java und Kopra sehr aus der Ferne betrachten kann. Das wäre
dann so etwas wie meine Erlösung.“
Föhr sprang auf, schlug mit der Faust durch die Luft und sagte fast
schreiend: „Das ist, was einem bleibt von fünfundzwanzig Jahren Tropen!
Und ich hab doch Erfolg gehabt. Ich komm mir armselig vor mit meiner
Sehnsucht nach dem armseligen Starnberger See. Aber diese Luft hat mich
ausgetrunken ...“
Er hielt die starke, etwas aufgeschürzte Nase seines spitzen
glattgeschorenen Kopfes über die Veranda schnuppernd in die weiche, nur
leicht gekühlte Nachtluft, in der das Schrillen von Insekten und das
Verdonnern der Dünung ineinanderflossen und unbekannte Tiere manchmal
einen Schrei, wie einen Dolchstoß so heftig, so tragisch, aufwarfen.
Peter schaute ihm zu. Er ging seinen Gedanken nach und lebte doch bei
diesem Mannesherzen, das sich wie ein empörter Hengst rückwärts bäumte
vor der Fremdheit draußen, die es nicht ganz besiegen konnte.
„Ach was!“ sagte Föhr plötzlich roh und warf sich auf seinen
Streckstuhl zurück, daß das Rotanggeflecht krachte und schrie.
„$Whisky, boy!$“ rief er sanft tuend, und als der Javaner herankam,
faßte Föhr ihn um den Hals und schüttelte ihn heftig. Der Javaner
schlug das Weiße seiner Augen leuchtend auf, der kleine Körper zappelte
erschreckt. Föhr entließ ihn mit einem milden Stoß aus seinen Händen,
der Braune torkelte und drohte zu fallen, aber Föhrs Hände hatten ihn
schon wieder unter den Achseln und stellten ihn auf die Beine. „Du
brauner Hund,“ sagte er lachend, „wir wollen dir doch nichts tun. Wir
sind doch zivilisierte $Orang blanda$, weiße Orang-Utans, wie ihr
Schweinepack uns nennt. Whisky, Whisky, rasch, mein Junge!“ rief er,
und der Javaner glitt lautlos in die Dunkelheit des Hauses.
„Morgen müssen wir noch Ihre drei Doñas prügeln!“ sagte Föhr. „Wollen
Sie dabei sein? Sie sehen alle drei wunderbar aus, aus dieser
Vogelschau. Je fünf über beide Backen. Das genügt. Die Weiber haben ja
schließlich recht, Sie Jesus in der Wüste.“
„Vielleicht geht’s auch ohne Prügel,“ versuchte Peter.
Föhr schwieg. Der Lärm der Nacht strömte über die beiden Einsamen, die
auf der Veranda in die Stühle versanken. Nach einer Weile sagte der
Direktor plötzlich: „Wir wollen sie anders bestrafen.“
Er rief einen Diener und befahl ihm auf javanisch: „Dasima, Samium und
Mela sollen gleich herkommen und alle Diener und der Koch.“
„Die Babus schlafen,“ antwortete der Diener widerspenstig.
Föhr schaute ihn an, und der Braune hastete eilig hinweg. Föhr sagte zu
Peter: „Er glaubt, wir wollen uns eine für die Nacht aussuchen. Es ist
der auch bei uns bekannte Neid.“
Nach einer Weile kamen die Weiber. Sie hatten sich schön gekleidet,
gebatikte Sarongs um die Hüften gelegt und einen farbigen Schleier um
den Kopf gezogen. Föhr lachte: „Sehen Sie, sie glauben, wir wollen uns
jeder eine wählen.“
Aber die Weiber standen da und schauten gleichgültig und eher abwehrend
an den Europäern vorbei. Föhr fuhr sie streng an. Er sprach Javanisch
mit ihnen.
„Der Assistent sagt, es ist nicht wahr, daß er euch geschlagen hat.“
Sofort quietschten alle drei: „Er hat uns geschlagen. Er hat uns auf
die Schultern und aufs Gesicht und aufs Gesäß geschlagen. Und mich hat
er auch auf den Bauch geschlagen.“
Der Direktor winkte „nein“ mit dem Kopf.