Seine geistige Arbeitskraft gestattete dem Meister, mitten zwischen

so vielen und ihn so sehr in Anspruch nehmenden Beschäftigungen auch

noch mit der Beurteilung litterarischer Werke sich zu befassen. Es ist

vom 1. August 1631 ein bemerkenswerter Brief von ihm vorhanden -- die

Urschrift wird im Britischen Museum zu London aufbewahrt --, worin er

dem Bibliothekar des Grafen von Arundel, Franz Junius, einem geborenen

Heidelberger, der ein Werk „Über die Malerei der Alten“ geschrieben

und ihm zur Begutachtung zugeschickt hatte, sein Urteil über dieses

Buch mitteilt. Rubens hat den Brief in vlämischer Sprache angefangen,

da er aber auf den Inhalt der gelehrten Abhandlung zu sprechen

kommt, fällt er von selbst in die lateinische Sprache, und erst die

freundschaftlichen Worte am Schluß werden wieder vlämisch; seiner

Hochachtung vor den Alten gibt er den beredtesten Ausdruck: „Ich folge

ihnen,“ sagt er, „mit der höchsten Verehrung, und ich gestehe frei, daß

ich vielmehr ihre Fußstapfen anbete, als daß ich auch nur in Gedanken

sie erreichen könnte.“ Daneben aber bezeichnet er es als wünschenswert,

daß die Malerei der Italiener, die ja durch ihre Werke unmittelbarer

zur Gegenwart spräche als diejenige des Altertums, von welcher nur

gelehrte Forschung eine, immerhin noch dunkle Vorstellung zu gewähren

vermöchte, gleichfalls einen so gewandten Geschichtschreiber fände.

[Illustration: Abb. 84. +Helene Fourment unter einem Portikus auf dem

Lehnstuhl sitzend.+ In der kgl. Pinakothek zu München. Nach einer

Photographie von Franz Hanfstängl in München.]

Im Jahre 1633 war Rubens für seinen alten Freund, den Buchdrucker

Balthasar Moretus beschäftigt, für den er schon 1612 gemalt hatte;

er lieferte demselben Reihen von Bildnissen, welche teils Angehörige

der Familie, teils berühmte Gelehrte der Gegenwart und der Vorzeit

darstellten. Das Moretussche Haus, das jetzt als Museum Plantin-Moretus

der Stadt Antwerpen gehört, enthält noch vierzehn von Rubens zu

verschiedenen Zeiten gemalte Bildnisse. -- Auch Titelblätter zeichnete

Rubens wieder für die im Verlage seines Freundes erscheinenden

Werke, wie er es schon früh gethan hatte und bis zu seinen letzten

Lebensjahren that.

[Illustration: Abb. 85. +Helene Fourment.+ In der Ermitage zu St.

Petersburg. (Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément &

Cie. Nchfl., in Dornach i. Els. und Paris.)]

Der Vervielfältigung seiner Werke durch Kupferstich wandte er große

Aufmerksamkeit zu. Daß er eigenhändig die Platten der Kupferstecher

zu überarbeiten pflegte, wo ihm dies nötig schien, erfahren wir aus

einem Briefe, den er im Mai 1635 an seinen französischen Freund

Nicolas Claude Fabri de Peirese, den gelehrten Kenner der Kunst und

des Altertums, richtete. Den Bemühungen von Peirese, mit welchem der

Meister einen lebhaften Briefwechsel unterhielt, verdankte er es, daß

die Kupferstiche nach seinen Werken in Frankreich gesetzlichen Schutz

gegen Nachbildung genossen. Seltsamerweise führte dieses Privilegium

einmal zu einem Rechtsstreit, den die französischen Nachstecher

anhängig machten; dieselben machten zu ihren Gunsten geltend, daß

durch den Schutz des Urheberrechts, welches die Nachbildung der

Originalkupferstiche untersagte, bei der bestehenden Kauflust für

Rubensstiche große Summen Geldes aus dem Lande gebracht würden.

[Illustration: Abb. 86. +Entwurf zu einem Schaugerüst+, welches zur

Feier des Einzugs des Kardinal-Infanten Ferdinand von Österreich in

Antwerpen auf dem alten Kornmarkt errichtet wurde; in der Mitte die

Darstellung, wie der sieggekrönte Kardinal-Infant dem bekümmerten

Belgien Mut zuspricht. Farbenskizze in der Ermitage zu St. Petersburg.

(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,

in Dornach i. Els. und Paris.)]

Mit nie ermüdender Lust malte Rubens immer wieder das Bild seiner

schönen jungen Frau, und er schuf in diesen Bildnissen Meisterwerke,

von denen eins das andere überbot. In den Museen fast aller Länder

Europas finden wir Bilder von Helene Fourment, und es würde schwer

sein, einem vor den anderen den Preis zuzuerkennen. Mit der

anmutvollsten Freundlichkeit blickt sie uns in einem Gemälde entgegen,

welches sich, zur Sammlung van der Hoop gehörig, im Reichsmuseum zu

Amsterdam befindet (Abb. 83). In ganz der nämlichen Ansicht und der

gleichen Kleidung sehen wir sie in ganzer Figur in einem der vielen

Bildnisse, welche die Münchener Pinakothek von ihr besitzt (Abb. 84).

Die Sammlung des Barons Alphons von Rothschild zu Paris enthält ein

berühmtes Bild, welches Frau Helene vor dem Eingang ihres Hauses, im

Begriff, in den Wagen zu steigen, zeigt. Ebenda befindet sich ein

köstliches Familienbild, das gegen Ende 1632 entstanden sein mag.

Im Januar dieses Jahres hatte Helene ihrem Gatten ein Töchterchen

geschenkt, das in der Taufe die Namen Klara Johanna erhielt. Als

das Kind seine ersten Gehversuche am Gängelband machte, sah sich

Rubens veranlaßt, das kleine Ding in seiner lieblichen Unbeholfenheit

abzuzeichnen; das kostbare Blatt befindet sich in der Louvre-Sammlung.

Die kleine Klara Johanna am Gängelbande wurde dann die Hauptperson des

erwähnten Familienbildes: wir sehen sie unter einem Laubengang, von

der Hand der glücklich lächelnden Mutter geleitet, zu der sie lallend

sich umwendet; und Rubens schreitet daneben, blickt die Gattin an

und stützt ihre Hand, welche das Kind führt. Dieses Gemälde und das

vorerwähnte kamen nach Rubens’ Tode in den Besitz der Stadt Brüssel;

die Stadt schenkte beide im Anfange des 18. Jahrhunderts dem Befreier

der Niederlande von den Franzosen, dem Herzog von Marlborough; die

Nachkommen des Siegers von Blenheim bewahrten dieselben in der reichen

Sammlung des Blenheim-Palastes, bis im Jahre 1885 diese Sammlung

versteigert wurde. Neben diesen beiden gilt das in der kaiserlichen

Ermitage zu Petersburg befindliche Gemälde als das vorzüglichste unter

den Bildnissen von des Meisters zweiter Gattin; das Prachtbild zeigt

uns die junge Frau stehend in ganzer Figur; sie ist in schwarze Seide

gekleidet, an Ärmeln und Hut mit lilafarbenen Bändern geschmückt;

vor ihren Füßen blühen Veilchen, und ein wolkiger Himmel bildet den

Hintergrund (Abb. 85).

Im Sommer 1634 vollendete Rubens die zum Schmucke des Festsaals

von König Karls I Schloß zu Whitehall bestimmten Gemälde. Spanier,

Franzosen und Angehörige anderer Völker suchten die Werkstatt des

Meisters auf, um das große Werk zu bewundern. Die Versendung nach

England aber zog sich noch mehr als ein Jahr lang hin -- böse Zungen

sagten, dem König von England fehle es an Geld --, so daß die Bilder

durch das lange Liegen in Rollen Schaden litten und von Rubens noch

einmal überarbeitet werden mußten, als endlich ihre Überführung an

den Bestimmungsort veranlaßt wurde. Rubens wäre gern mit nach England

gegangen, um beim Anbringen der Bilder an ihrem Platze zugegen zu

sein; aber die Gicht, die ihn jetzt bisweilen wochenlang an das Bett

fesselte, zwang ihn, auf die Reise zu verzichten.

Der Winter von 1634 auf 1635 brachte eine Arbeit, die kaum weniger

umfangreich war als jenes Werk, die aber nicht zu einem bleibenden

Denkmal bestimmt war, sondern zur Verherrlichung eines jener Feste, die

Antwerpen wie keine andere Stadt herzurichten verstand. Zum Nachfolger

der Erzherzogin Isabella hatte der König von Spanien seinen einzigen

Bruder, den Infanten Ferdinand, Kardinal und Erzbischof von Toledo,

bestimmt. Am 17. April 1635 hielt der neue Statthalter seinen Einzug

in Antwerpen, und die stolze Stadt, die dem Kardinal-Infanten viele

Hoffnungen und Wünsche entgegenbrachte, feierte mit unerhörtem Glanz

und mit einem Kostenaufwande von 78000 Gulden (ungefähr 300000 Mark

nach heutigem Werte) seinen Empfang, den weltgeschichtlichen „freudigen

Einzug“. Die besten künstlerischen Kräfte, über welche die erste

Kunststadt der Niederlande verfügte, wurden aufgeboten, um zahlreiche

Schmuckbauten zu errichten und mit Werken der Bildnerei und Malerei zu

umkleiden. Rubens erhielt die Oberleitung über das Ganze. Mit einer

staunenswürdigen Frische und mit einer unermüdlichen Erfindungsgabe

schuf der Meister die zahlreichen Entwürfe, obgleich er zeitweilig

durch die Gicht an einen Rollstuhl gefesselt war. Es waren elf

gewaltige Schaustücke, die hergestellt wurden: fünf Triumphbogen, vier

Schaugerüste, ein Prunkwagen und eine Galerie mit zwölf Standbildern

habsburgischer Kaiser. Die bildlichen Darstellungen an den Bauwerken

galten zum Teil der Verherrlichung des Erzherzogenpaares Albrecht und

Isabella; zum Teil huldigten sie dem neuen Fürsten, dem ruhmreichen

Sieger, der im Verein mit dem Könige Ferdinand von Ungarn die

Schweden bei Nördlingen geschlagen und der bei Calloo den Holländern

eine schwere Niederlage beigebracht hatte; sie beklagten auch den

Niedergang des Antwerpener Handels durch die Sperrung der Schelde

und sprachen die Hoffnung aus, daß der neue Herr hierin Besserung

bringen werde. Selbstverständlich waren die Darstellungen entweder

ganz als mythologische Allegorien gehalten oder aus geschichtlichen

und mythologisch-allegorischen Bestandteilen gemischt; Gevaerts hatte

lateinische Verse zu ihrer Erläuterung gedichtet. Die Architekturen

zeigten den üppigen Barockstil, den die italienische Renaissance unter

Rubens’ Händen anzunehmen pflegte.

Beim Einzuge selbst konnte Rubens wegen seines Leidens nicht zugegen

sein. Gleich am folgenden Tage aber besuchte der Kardinal-Infant ihn in

seiner Wohnung, um ihm persönlich Dank zu sagen und der Befriedigung

über das große und wohlgelungene Werk Ausdruck zu geben; derselbe

erfreute sich längere Zeit an seiner Unterhaltung und bewunderte seine

Kunstsammlungen.

[Illustration: Abb. 87. +Zwei Gefangene.+ Handzeichnung in der

Albertina zu Wien. (Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun,

Clément & Cie. Nchfl., in Dornach i. Els. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 88. +Bildnis eines Gelehrten.+ In der kgl.

Pinakothek zu München. Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in

München.]

Die Schmuckbauten blieben nur einige Wochen stehen. Nach ihrer

Niederlegung wurden die bedeutendsten von den Malereien ausgebessert

und nebst den steinernen Kaiserbildern als Geschenk der Stadt Antwerpen

an den Kardinal-Infanten nach Brüssel geschickt. Der Rest sollte

versteigert werden; da aber die ersten versteigerten Bilder einen zu

geringen Ertrag brachten, beschloß die Stadtobrigkeit, dieselben für

eine spätere Gelegenheit aufzubewahren. Das weitere Schicksal der

Malereien ist unbekannt; bei weitem die größte Mehrzahl derselben ist

verloren gegangen. Von den großen Bildern ist eins erhalten geblieben,

und zwar gerade eins von denjenigen, bei denen Rubens nicht nur den

Entwurf, sondern auch die Ausführung persönlich übernommen hatte.

Dasselbe befindet sich in der Dresdener Gemäldegalerie; es stammt von

einem an der St. Georgskirche errichteten Schaugerüst her und stellt

den Neptun dar, der während der Seefahrt des Kardinal-Infanten die

Wogen beruhigt; es wird gewöhnlich nach dem bekannten Vergilschen

Worte mit dem Titel „~Quos ego!~“ bezeichnet. Von dem nämlichen

Schaugerüst rühren die im Wiener Hofmuseum befindlichen Bildnisse des

Königs Ferdinand und des Infanten Ferdinand her, die zwar nicht von

Rubens selbst gemalt sind, aber in ihrer wirkungsvollen Erfindung

seine Meisterschaft bekunden, sowie das große Bild der Begegnung der

beiden Ferdinande vor der Schlacht bei Nördlingen, gleichfalls eine

Schülerarbeit. Eigenhändig von Rubens gemalt sind die für einen der

Triumphbogen angefertigten prächtig dekorativen Bildnisse von Albrecht

und Isabella, welche das Museum zu Brüssel bewahrt. -- Von den Skizzen

des Meisters ist mehr erhalten, wenn auch das Erhaltene nur einen

verhältnismäßig geringen Teil des einst Vorhandenen bildet. So besitzt

die Sammlung zu Windsor den Entwurf zu dem Bilde der Schlacht bei

Nördlingen; drei Skizzen zu Schmuckbauten sind im Museum zu Antwerpen

und sechs in der Ermitage zu Petersburg. Unter den letzteren befindet

sich der Entwurf des Schaugerüstes mit dem Neptun und derjenige eines

anderen, das an der St. Johannisbrücke aufgebaut war und dessen

großes Gemälde durch einen davoneilenden Merkur die traurige Lage des

Handels verbildlichte, sowie die Skizze eines auf dem alten Kornmarkt

errichteten Aufbaues mit der Darstellung des Kardinal-Infanten,

der, von der Siegesgöttin begleitet, einer vor ihm niederknieenden

Frauengestalt, der Verbildlichung des belgischen Landes, mit tröstendem

Zuspruch naht (Abb. 86); außer den Entwürfen von Schaugerüsten und

Triumphbogen besitzt die Petersburger Sammlung noch diejenigen zu

fünf von den in Stein ausgeführten Kaiserstandbildern. Anderes ist an

anderen Orten zerstreut. Die in Abbildung 87 wiedergegebene schöne

Zeichnung gefesselter und niedergeworfener Krieger, welche sich in der

Albertina befindet, bildete wohl auch einen Teil von einer zu dieser

Gelegenheit entworfenen Schöpfung.

[Illustration: Abb. 89. +Selbstbildnis des Meisters.+ In der kaiserl.

Gemäldegalerie zu Wien. Nach einer Photographie von J. Löwy in Wien.]

Das ganze große Werk, welches Rubens zum Einzuge des Kardinal-Infanten

geschaffen, wurde von seinem Lieblingsschüler Theodor van Thulden

in Kupfer geätzt. Die Stadt Antwerpen bestellte dieses Kupferwerk

bald nach dem Einzuge; dasselbe erschien in 40 Bildern mit einem

weitschweifigen Text von Gevaerts in den Jahren 1641 und 1642. Ein

einzelnes Blatt, welches in dieser Veröffentlichung fehlt, wurde von

Schelte a Bolswert gestochen.

[Illustration: Abb. 90. +Die Eberjagd.+ In der kgl. Gemäldegalerie zu

Dresden. (Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément &

Cie. Nchfl., in Dornach i. Els. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 91. +Landschaft mit dem Regenbogen.+ In der kgl.

Pinakothek zu München. Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in

München.]

Während Rubens in den Arbeiten für den Einzug des Kardinal-Infanten mit

vollen Händen aus dem nie versagenden Reichtum seiner schrankenlosen

Einbildungskraft schöpfte und seine unvergleichliche Begabung im

Erdenken von prunkenden Schmuckwirkungen im hellsten Lichte erglänzen

ließ, bekundete er in anderen Werken dieser Zeit eine zunehmende

Vorliebe für schlichte Nachbildung der Natur. An erster Stelle ist

in dieser Hinsicht das Porträt eines alten Gelehrten zu nennen,

welches sich in der Pinakothek zu München befindet, eines der

vorzüglichsten Bildnisse, welche Rubens je gemalt hat (Abb. 88).

Auch das prächtige, vornehme Selbstbildnis des Meisters, welches

die Belvedere-Galerie zu Wien bewahrt, dürfte um das Jahr 1635

entstanden sein (Abb. 89). Den Bildnissen reiht sich eine Anzahl

realistisch gedachter Landschaftsbilder an, skizzenhaft gemalt, aber

von überraschender Wirkung. Eines dieser Bilder ist geradezu ein

Porträt. Dasselbe befindet sich in der Londoner National-Galerie

und zeigt ein ansehnliches altes Schloß, das von einem Wassergraben

umgeben ist und an welches sich nach allen Seiten hin schattige

Baumanlagen anschließen. Das ist der Landsitz, welchen Rubens seit

1635 besaß. Am 12. Mai dieses Jahres kaufte Rubens für den Betrag

von 93000 Gulden die Herrschaft Steen bei Eppeghem in der Nähe von

Mecheln. Daselbst war, wie der Kaufbrief sagt, „eine Hofstatt mit

großem steinernen Haus und anderen schönen Baulichkeiten in Form

eines Schlosses mit Hof, Baumgarten, Fruchtbäumen, Aufziehbrücke mit

einer großen Erdaufschüttung und einem großen viereckigen Turm in

der Mitte derselben; ringsherum zieht sich ein Teich, an welchen sich

der Ökonomiehof mit seinen besonderen Pächterwohnungen, Scheunen,

verschiedenen Stallungen und allem Dazugehörigen anschließt. Alles

zusammen 4 Tagwerk und 50 Ruten innerhalb seines Wassergrabens.

Ferner Pflanzungen, verschiedene Alleen und Parke, wohlbesetzt

sowohl mit schönen, großen jungen Eichen als anderem.“ Dazu

gehörte noch ein ausgedehnter Grundbesitz an Ackerland, Wiesen und

Wald; auch Gerechtsame von Zins und Lehen waren damit verbunden.

Rubens verwandelte den alten Herrensitz, den er durch Ankauf der

angrenzenden kleinen Herrschaft Attenvoorde noch vergrößerte, mit nicht

unerheblichem Aufwand in einen behaglichen Sommeraufenthalt. Das Schloß

steht noch, gewährt aber nur noch eine unvollkommene Vorstellung von

seinem damaligen Zustande.

Eine Abbildung des Schlosses Steen und seiner Umgebung, allerdings in

etwas freier Auffassung, zeigt uns auch das schöne Gemälde im Wiener

Hofmuseum, welches nach der Staffage, die den Vordergrund belebt --

eine Anzahl junger Herren und Damen in reicher vornehmer Kleidung

unterhalten sich mit einem munteren Gesellschaftsspiel -- den Namen

„das ländliche Fest“ führt. Rubens verbrachte nunmehr regelmäßig die

schöne Jahreszeit auf dieser Besitzung. Gute Nachbarschaft konnte

er pflegen mit einem Kunstgenossen; denn kaum eine Stunde von Steen

entfernt lag der Hof Dry Toren (Drei Türme), welchen David Teniers

der Jüngere im Sommer bewohnte. Daß in der That freundschaftliche

Beziehungen zwischen dem Meister und seinem früh zu Ruhm und Ansehen

gelangten Nachbar bestanden, wird durch den Umstand bestätigt, daß

Teniers im Jahre 1637 Rubens’ Mündel, Anna Breughel, die Tochter von

dessen Jugendfreund Jan Breughel, heiratete.

Der Aufenthalt auf dem Landsitze mochte wohl dazu beitragen, daß

Rubens sich jetzt mit besonderer Vorliebe mit der Landschaftsmalerei

beschäftigte. Von etwa fünfzig Landschaften, welche er gemalt

hat, scheint die bei weitem größere Mehrzahl auf die Zeit von

1635 an zu entfallen. Jedes Rubenssche Landschaftsbild ist ein

Meisterwerk in Anordnung und Farbe. Häufig hat die gewaltige Kraft

seiner Erfindungsgabe in den Formen der landschaftlichen Natur ein

beredtes Ausdrucksmittel gesucht und gefunden; häufiger noch -- und

besonders in den Landschaften seiner letzten Zeit -- läßt er in

diesen Schöpfungen eine Stimmung friedlicher Ruhe walten. Zu Rubens’

prächtigsten landschaftlichen Erfindungen gehört das großartige

Waldesdickicht, in dem eine wildbewegte Eberjagd ihr Ende erreicht, in

der Dresdener Galerie (Abb. 90). Eine mythologische Jagd, diejenige

des Meleager, bildet die Staffage eines Urwaldbildes im Museum zu

Madrid. Unübertroffen in der Wiedergabe wilden Lebens in der Natur

ist ein Bild im Wiener Hofmuseum, welches den Hereinbruch der großen

Flut darstellt, die Jupiter als Strafe über die ungastliche Erde

verhängt hat. Das Abziehen des Sturmes an felsiger Meeresküste

schildert ein kostbares Bild im Pitti-Palast zu Florenz: Odysseus auf

der Phäakeninsel. Das letztgenannte Gemälde wird der früheren Zeit

des Meisters zugeschrieben. Ein nicht minder hervorragendes Gemälde

in der nämlichen Florentiner Sammlung muß man dagegen wohl in seine

letzten Jahre verlegen; es zeigt Bauersleute, die von der Erntearbeit

heimkehren, die Stimmung ist die eines milden Sommerabends, die

Landschaft ist echt niederländisch und eine in der Ferne sichtbare

Stadt ist unverkennbar Mecheln. Die ebene Flur von Laeken ist der

Gegenstand eines berühmten Gemäldes in der Sammlung der Königin von

England im Buckingham-Palast. Unter den verschiedenen Stimmungen der

Natur hat vielleicht keine Rubens so häufig zu Nachbildungen angeregt,

wie diejenige, wenn das Licht über die Wetterwolken die Oberhand

gewinnt und der Regenbogen sich am Himmel ausspannt. Die Münchener

Pinakothek besitzt ein herrliches Werk dieser Art. Wir blicken in

eine weite Ebene, in der goldene Saaten mit grünen Wiesen wechseln;

der Saum eines Waldes und einzelne Baumgruppen fangen mit den Wipfeln

die glühenden Strahlen der Sonne auf, daß sie in scharfem Licht sich

von den abziehenden Wetterwolken abheben; Landleute mit Kühen und

Karren beleben den Weg, der sich an einem Bache entlang zieht, wo

schnatternde Enten sich tummeln; die ganze Natur zeigt die üppige

Vollkraft des Hochsommers, die warme Sommersonne durchleuchtet die

feuchte Luft, und fast in der ganzen Breite des Bildes wölbt sich

der Regenbogen (Abb. 91). Mächtiger noch in der Wirkung ist eine im

Louvre befindliche Regenbogenlandschaft. Hier ist das Unwetter in

der Ferne vorübergezogen; in blendender Lichtfülle durchbrechen die

Sonnenstrahlen das Gewölk und ergießen sich über das hügelige Gelände

in lebhaftem Wechselspiel mit tiefen Schattenmassen; im Vordergrunde

dehnt sich eine mit Bäumen bestandene Hute aus, auf welcher Hirten und

Hirtinnen in friedlichem Behagen bei den ruhenden Schafen verweilen,

unbekümmert um das ferne Gewitter (Abb. 92).

[Illustration: Abb. 92. +Landschaft mit Hirten.+ Im Louvre zu Paris.

(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,

in Dornach i. Els. und Paris.)]

Auch das zwanglose Leben der vlämischen Landleute, ihre Ausgelassenheit

bei den seltenen Festen, die ihr arbeitsames Leben unterbrechen,

reizten den großen Maler zur Wiedergabe. Das Wiener Hofmuseum besitzt

eine Skizze, welche tanzende Bauern darstellt. Das Hauptwerk dieser

Richtung aber ist die große „Kirmeß“ im Louvre. Es ist überraschend

zu sehen, mit welcher Entschiedenheit der Maler der Vornehmheit

und der üppigen Pracht sich in die Wiedergabe des niedrigen Volkes

vertieft hat, das, von Bier und wüstem Tanz berauscht, bis zur Roheit

ausgelassen sich auf dem Wiesenplatz vor der Schenke herumtreibt.

Freilich ist das keine thatsächlich wirklichkeitsgetreue Wiedergabe des

Volkslebens, wie Teniers und Brouwer sie hinterlassen haben. Vielmehr

kommt die Größe von Rubens’ Anschauungsweise auch hier zur Geltung:

der wilde Taumel des Tanzes, das Überschäumen der Sinnlichkeit gehen

über das Maß des in der Wirklichkeit, besonders bei einem nordischen

Volke Denkbaren weit hinaus, alles wächst ins riesenmäßig Gewaltige,

daß selbst die Derbheit in dieser Auffassung eine gewisse Großartigkeit

bekommt.

Landschafts- und Bauernbilder waren ein Zeitvertreib, mit dem Rubens

seine Mußestunden ausfüllte. Daneben ging die ernste Arbeit ihren Weg.

Zwischen den Jahren 1634 und 1637 -- wahrscheinlich näher dem letzteren

als dem ersteren Jahr -- malte Rubens für die Abtei Afflighem ein

großes Altarbild, dessen Gegenstand die Kreuztragung war. Dieses Bild,

das sich jetzt im Museum zu Brüssel befindet, ist eine eigentümliche

und gewaltige Schöpfung. Eine Menge Volkes, das in langem Zuge nach

der Richtstätte hindrängt, füllt den Rahmen, Fahnen flattern, die

Rüstungen der Reiter blitzen, alles ist Leben und Bewegung; aber der

ganze Aufwand von lärmenden Volksmassen, von ungestümer Lebensfülle

dient nur dazu, den einen hervorzuheben, der schweigend unter der

Kreuzeslast zusammenbricht, der hierdurch eine Stockung in den Zug

bringt; Simon von Cyrene strengt sich mit Hilfe eines Sklaven an, das

Kreuz emporzuheben, und Veronika benutzt den Augenblick, um die Stirn

des Heilandes zu trocknen, während Maria, die sich neben ihren Sohn

hinwerfen möchte, von Johannes fest und sorglich zurückgehalten wird.

Ein erschütterndes Bild hilflosen, leidenschaftlichen Schmerzes

malte Rubens um diese Zeit in der Darstellung des Bethlehemitischen

Kindermordes, welche sich in der Münchener Pinakothek befindet. Wir

sehen aus einer Säulenhalle, vor welcher an einem Pfeiler der Befehl

des Herodes angeschlagen ist, eine Schar von Kriegern hervorstürmen,

um mit henkersmäßiger Gefühllosigkeit oder mit grausamer Lust den

unmenschlichen Befehl auszuführen. Das Schreckliche trifft alle

Mütter ohne Unterschied von Rang und Stand, sucht hoch und niedrig

mit gleicher Schonungslosigkeit heim; die Frauen, denen ihr Liebstes

so jäh entrissen wird, sind zum Teil reich gekleidet, zum Teil nur

mit dürftigen Gewändern bedeckt, zum Teil auch in unfertigem Anzug.

Verschieden wie ihre Erscheinung ist die Äußerung ihrer Verzweiflung;

sie stürzen wie Wütende auf die Schergen, suchen die Mordwaffen

aufzufangen, flehen um Erbarmen, werfen sich jammernd über die

kleinen Leichen und tragen sie liebkosend von dannen oder strecken

in ohnmächtigem Jammer und mit wildem Aufschrei die Hände zum Himmel

empor, wo in lichter Höhe Engel die Kränze der Seligen für die

gemordeten Unschuldigen bereit halten (Abb. 93).

Rubens(#60502) · 第 8 / 9 段