In den nächsten Jahren finden wir Rubens ganz im Dienste der Politik;

im Auftrage der Infantin und des Marquis Spinola tauscht er mit

Gerbier und gelegentlich auch mit Buckingham selbst einen lebhaften

Schriftenwechsel aus, um auf eine allgemeine Waffenruhe zwischen

dem König von Spanien, den Königen von England und von Dänemark und

den niederländischen Generalstaaten hinzuwirken. Auf die Dauer ließ

sich nicht alles schriftlich erledigen, und Rubens mußte zum Zwecke

mündlicher Besprechungen sich bald nach diesem, bald nach jenem Orte

begeben. Das unruhige Leben des Staatsmannes mochte ihm willkommen

sein; denn es war inzwischen ein Ereignis eingetreten, welches ihm

das zeitweilige Verlassen von Haus und Werkstatt erwünscht machte, da

beides ihm verödet vorkam.

Im Sommer 1626 starb Rubens’ Gattin. Was sie dem Meister war, geht am

besten aus seinen eigenen Worten hervor, die er am 15. Juli jenes

Jahres in einem Briefe niederschrieb. „Wahrlich,“ sagt er, „ich habe

eine ausgezeichnete Gefährtin verloren; man konnte, was sage ich,

man mußte sie mit Recht lieben, denn sie hatte keinen der Fehler

ihres Geschlechts; keine verdrießliche Laune, keine jener weiblichen

Schwächen, sondern nichts als Güte und Schicklichkeitsgefühl; ihre

Tugenden machten sie bei ihren Lebzeiten jedermann lieb, nach ihrem

Tode verursachten sie allgemeine Betrübnis. Ein solcher Verlust

erscheint mir gar empfindlich, und da das einzige Mittel für alle

Übel das Vergessen ist, welches die Zeit mit sich bringt, so muß

ich zweifellos davon meine einzige Hilfe erhoffen. Aber wie schwer

wird es mir werden, den Schmerz, den ihr Verlust mir verursacht, von

dem Andenken zu trennen, das ich mein Lebenlang dieser geliebten

und verehrten Frau bewahren muß. Eine Reise würde mir vielleicht

gelegen sein, um mich von so vielen Gegenständen zu entfernen, welche

unablässig meinen Schmerz erneuern, ‚wie jene (Dido in Vergils Äneis)

einsam klagt im verlassenen Haus und an Dinge sich brütend hängt, die

ringsum als Erinnerungszeichen geblieben.‘ Die wechselnden Bilder,

welche sich den Augen auf einer Reise darbieten, beschäftigen die

Einbildungskraft und besänftigen das Weh des Herzens. Freilich ist es

wahr, ‚daß ich in meines Ich Gesellschaft wandern und mich selbst mit

mir herumtragen werde‘“....

[Illustration: Abb. 68. +Männliches Bildnis.+ In der Ermitage zu St.

Petersburg. (Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément &

Cie. Nchfl., in Dornach i. Els. und Paris.)]

Die kaiserliche Ermitage zu Petersburg bewahrt ein herrliches großes

Bild von Isabella Brant aus ihren letzten Lebensjahren. Sie sitzt

in vornehmer reicher Kleidung, in Brokatmieder und golddurchwirktem

roten Rock, auf einem roten Sessel; in der einen Hand hält sie eine

weiße Rose, in der anderen einen Fächer von Pfauenfedern. Ihre Züge

sind etwas welk geworden, aber ihre frische Farbe läßt noch keine

Spur von Kränklichkeit ahnen; die Augen leuchten so lebhaft, wie auf

ihren frühen Jugendbildern, und die Lippen scheinen allezeit zu einem

freundlichen Lächeln bereit. Im Hintergrund des Bildnisses hat Rubens

ein Stück von den Bauten abgemalt, womit er seinen Garten geschmückt

hatte (Abb. 76).

Rubens ließ seine Gattin in der St. Michaeliskirche in der nämlichen

Gruft bestatten, welche die Asche seiner Mutter barg.

Von allen Erinnerungszeichen, welche Frau Isabella in dem verödeten

Hause zurückließ, waren die besten ihre beiden prächtigen Knaben, --

das Töchterchen war früh gestorben. Eine der schönsten Schöpfungen

des Meisters ist das Doppelbildnis, in welchem er seine beiden Söhne

in ganzer Gestalt abgemalt hat; nach dem Alter der Dargestellten muß

das Werk ganz kurze Zeit nach dem Tode Isabellas entstanden sein. Wenn

sonst gerade jetzt die Zeit des vielbeschäftigten Meisters dermaßen in

Anspruch genommen war, daß er bei der Ausführung seiner Schöpfungen,

mehr aus Notwendigkeit als aus freiem Willen, seine eigenhändige Arbeit

auf das Allerunentbehrlichste -- und manchmal selbst auf weniger

als dies -- beschränkte, so hat er sich bei diesem Bilde, ebenso

wie bei demjenigen seiner Frau, die Zeit genommen und hat dasselbe

vom ersten bis zum letzten Strich mit all der künstlerischen Liebe,

deren er fähig war, gemalt, und die Liebe zu den Seinigen hat er mit

hineingemalt. Es hat sogar den Anschein, als ob er das Doppelbildnis

seiner Söhne zweimal mit eigener Hand ausgeführt habe; das Gemälde

ist in zwei Exemplaren vorhanden, und wenn auch dasjenige, welches

sich in der Liechtensteinschen Sammlung befindet, einen größeren

Reiz der Vollendung aufweist, so ist doch auch jenes, welches die

Dresdener Galerie besitzt, so vollkommen, daß es schwer wird, an dessen

eigenhändiger Ausführung durch Rubens zu zweifeln. Albert, der ältere

Knabe, ganz schwarz gekleidet, lehnt an einem Pfeiler, im rechten Arm

hält er ein Buch, das Zeichen seiner Lernbegierde, durch welche er sich

frühzeitig solche Kenntnisse erwarb, daß er schon im Alter von sechzehn

Jahren vom König von Spanien zu einem hohen Amte vorausbestimmt wurde;

die Linke, welche den ausgezogenen Handschuh lose gefaßt hält, legt er

leicht um die Schulter des Bruders; dieser, der hellfarbige Kleider

trägt, ist noch ganz ein sorgloses Kind; all seine Aufmerksamkeit gilt

seinem Spielzeug, einem gefesselten Distelfinken. Das Bild gehört

zu den höchsten Meisterwerken der Bildnismalerei, die es giebt; die

beiden Knaben leben vor uns, und der künstlerische Reiz der Licht- und

Farbenwirkung findet nicht in manchem Werke seinesgleichen (Titelbild

und Abb. 77).

[Illustration: Abb. 69. +Bildnis einer jungen Frau.+ In der Ermitage

zu St. Petersburg. (Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun,

Clément & Cie. Nchfl., in Dornach i. Els. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 70. +Philipp IV, König von Spanien.+ In der

Ermitage zu St. Petersburg. (Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co.,

Braun, Clément & Cie. Nchfl., in Dornach i. Els. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 71. +Elisabeth von Frankreich, Königin von

Spanien.+ In der Ermitage zu St. Petersburg. (Nach einer Aufnahme von

Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl., in Dornach i. Els. und

Paris.)]

Im Herbst 1625 hatte Buckingham, als er im Auftrage Karls I wegen

Unterhandlungen mit den Vereinigten Provinzen nach den Niederlanden

reiste, in Antwerpen Rubens’ prächtige Kunstsammlung gesehen und hatte

sein lebhaftes Verlangen ausgesprochen, dieselbe zu erwerben.

Damals weigerte sich Rubens, sich von seinen Schätzen zu trennen.

Jetzt aber, da sein Haus doch des besten Reizes beraubt war, gab er

dem Drängen des Herzogs nach und gestattete dem Abgesandten desselben,

einem gewissen Le Blond, unter den marmornen, alabasternen, bronzenen

und elfenbeinernen Bildwerken, welche teils der Kunst des Altertums,

teils derjenigen der italienischen Renaissance angehörten, unter den

geschnittenen Edelsteinen und unter den Gemälden von Lionardo, Raffael,

Tizian, Palma Vecchio, Tintoretto, Bassano, Paul Veronese und von

Rubens selbst, Gegenstände im Wert von 100000 Gulden auszusuchen, unter

der Bedingung, daß von den plastischen Sachen auf Kosten des Käufers

Gipsabgüsse angefertigt würden, um die leeren Plätze zu füllen. So

kam im Herbst 1627 der größte Teil der Rubensschen Kunstsammlung nach

England. Die Kunstwerke wurden wieder zerstreut, als im Jahre 1649

Buckinghams Vermögen eingezogen wurde; von den Gemälden kam ein großer

Teil nach Antwerpen zum Verkauf, wo sie vom Erzherzog Leopold von

Österreich erworben wurden; diese bilden jetzt einen Bestandteil des

kaiserlichen Hofmuseums in Wien.

[Illustration: Abb. 72. +Bildnis einer alten Dame.+ In der Ermitage

zu St. Petersburg. (Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun,

Clément & Cie., in Dornach i. Els. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 73. +Bildnis des Doktors van Thulden.+ In der kgl.

Pinakothek zu München. Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in

München.]

Buckinghams Kunstliebhaberei gab Rubens einen Vorwand, um ohne Aufsehen

eine Reise nach Holland zu unternehmen, deren eigentlicher Zweck ein

rein politischer war. Die Vollendung des „schönen Meisterwerks,“ wie

er in einem Schreiben an den Herzog von Buckingham die Aussöhnung

zwischen Spanien und England nannte, lag ihm aufrichtig am Herzen.

Nach einer Zusammenkunft in Brüssel mit dem Abbate della Scaglia,

dem Gesandten des Herzogs von Savoyen, schrieb er im Mai 1627 an

Gerbier einen langen Brief, in welchem er die Eigennamen durch

Ziffern gab, und den er niemand anders als dem Herzog von Buckingham

mitzuteilen, dann aber sofort zu verbrennen bat, des Inhalts, daß

er von einer mündlichen Besprechung mit Gerbier, Scaglia und Lord

Carleton, der eben zum außerordentlichen Gesandten Englands in den

Vereinigten Provinzen bestimmt worden war, das Beste erhoffe; darum

bat er, ihm einen Paß nach Holland zu verschaffen. In der That kam

Gerbier mit Carleton zugleich nach dem Haag; und Rubens erhielt noch

vor Ende Mai einen Paß, wonach er mit Dienerschaft und Gepäckwagen

unbehindert nach Holland kommen durfte zu dem Zwecke, mit Gerbier über

Ankäufe von Bildern und sonstigen Kunstwerken für dessen Herrn, den

Herzog zu verhandeln. Aus Gründen, welche Rubens in seinen Briefen

nicht mitteilt, wünschte die Infantin, daß er zunächst nicht über

Zevenberghen in Nordbrabant hinausgehe. Carleton aber fürchtete,

daß eine Zusammenkunft zwischen Gerbier und Rubens in der kleinen

Grenzstadt zu großes Aufsehen erregen würde, und daß der politische

Zweck derselben nicht verborgen bleiben könnte. Darum reiste Rubens

zunächst nach Brüssel zurück, um sich von der Erzherzogin die Erlaubnis

zu weiterer Ausdehnung der Reise zu holen. Doch vermied er es auch

dann, nach dem Haag zu gehen. Der savoyische Gesandte suchte ihn

in Delft auf, der englische Gesandte dagegen fürchtete das Gerede,

welches daraus entstehen würde, wenn er gleichfalls einen solchen

Ausflug unternähme. Aber Gerbier reiste jetzt längere Zeit mit Rubens

von einer holländischen Stadt zur anderen; hinter Atelierbesuchen und

Bilderankäufen verbargen die beiden Malerdiplomaten den Zweck ihres

Beisammenseins. Dem vorsichtigen Carleton machte diese Reise große

Sorge; denn er fürchtete, die Täuschung werde nur wenige Tage aufrecht

gehalten werden können; wenn dieselbe aber durchschaut würde, dann

würde bei dem herrschenden Mißtrauen Rubens unfehlbar als spanischer

„Emissär“ mit Schimpf aus dem Lande gejagt werden; darum warnte er

Rubens, „er möge sich hüten, daß ihm kein Unglimpf widerführe, der

andere in einiger Beziehung mittreffen könnte.“ Indessen wahrte

Rubens das Geheimnis der Reise so gut, daß der deutsche Maler und

Kunstschriftsteller Joachim von Sandrart, dem es gestattet wurde, sich

Rubens anzuschließen, nicht das geringste davon ahnte; derselbe wußte

später aus den Tagen, die er in der Gesellschaft des großen Meisters

verbringen durfte, nur allerlei Ateliergeschichten zu erzählen. Die

Vorsicht ging auch später noch so weit, daß Rubens, als er nach

Antwerpen zurückgekehrt war, sich die staatsgeschäftlichen Briefe aus

Holland nur unter angenommenen Adressen schicken ließ. -- Erreicht

wurde indessen vorläufig sehr wenig. Denn dem englischen Gesandten

genügten die von Rubens bloß nach mündlichem Auftrag der Infantin

und des Marquis Spinola gegebenen Versicherungen nicht als Grundlage

zu weittragenden Abmachungen; er verlangte es schwarz auf weiß zu

sehen, daß Rubens mit Vollmacht von seiten des Königs von Spanien

handelte. Der spanische Abgeordnete aber, Don Diego de Mexia, „auf den

man in Brüssel wie auf einen Messias hoffte,“ ließ auf sich warten;

angeblich lag er krank in Paris infolge eines Unfalls mit dem Wagen.

Als derselbe endlich am 29. August in Brüssel eintraf, zeigte es

sich, daß er keineswegs geneigt war, sich den Friedensbestrebungen

anzuschließen, welche dort herrschten und denen auch der Gesandte von

Savoyen beipflichtete. Er hatte im Gegenteil in Paris wegen eines

engeren Bündnisses zwischen den Herrschern von Spanien und Frankreich,

„zur Verteidigung ihrer Königreiche“ verhandelt. Allerdings durfte

Rubens seiner Mitteilung hierüber wohl mit Recht hinzufügen: „Wir

glauben, daß dieses Bündnis sein wird wie Donner ohne Blitz, der ein

Geräusch in der Luft macht, ohne Wirkung hervorzubringen, denn es ist

eine Verbindung von verschiedenen Temperamenten, die in einem einzigen

Körper gegen ihre Natur und Beschaffenheit zusammengebracht sind,

mehr aus Leidenschaft als aus Vernunft.“ Trotz der Bemühungen von

seiten des Brüsseler Hofes, die Friedensunterhandlungen fortzusetzen,

kam die Sache jetzt zum Stillstehen, und Gerbier wurde nach England

zurückberufen; Rubens selbst konnte nur zu einem kriegerischen

Unternehmen zur See raten, welches auf Spanien einen Druck ausüben

sollte. Indessen trat er bald wieder in diplomatische Thätigkeit,

nachdem der Marquis Spinola sich im Anfange des Jahres 1628 nach Madrid

begeben hatte. Im März dieses Jahres schrieb Rubens, auf Grund eines

Briefes, den er von Spinola aus Madrid erhalten hatte, an Buckingham,

daß Philipp IV, der doch kein rechtes Vertrauen zu Frankreich hatte,

„sehr geneigt sei Frieden zu machen mit denen, mit welchen er im Krieg

liegt.“ Im Mai wurde Rubens von dem außerordentlichen englischen

Gesandten im Haag, Graf von Carlisle, der sich auf der Durchreise nach

Italien befand, in Antwerpen aufgesucht, und auch diesem teilte er im

Verlauf der Gespräche, die sie an mehreren Tagen miteinander pflogen,

mit, daß Spanien lebhaft nach dem Frieden mit England verlange; auch

vermittelte er eine Audienz Carlisles bei der Erzherzogin.

[Illustration: Abb. 74. +Bildnis eines Levantiners.+ In der kgl.

Galerie zu Kassel. Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in

München.]

[Illustration: Abb. 75. +Der Herzog von Buckingham.+ In der Sammlung

der Handzeichnungen der Albertina zu Wien. (Nach einer Aufnahme von

Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl., in Dornach i. Els. und

Paris.)]

Den Verdiensten Rubens’ um das Friedenswerk fehlte die Anerkennung

nicht. Die Erzherzogin Isabella ernannte ihn im Jahre 1628 zu ihrem

Kammerherrn, und König Philipp IV berief ihn im Sommer desselben

Jahres nach Madrid, zum Zwecke persönlicher Berichterstattung

über die bisherige Leitung der so langwierigen Verhandlungen. Der

verdiente Staatsmann und berühmte Künstler wurde in der spanischen

Hauptstadt mit der größten Auszeichnung empfangen. Er bekam eine

Wohnung im königlichen Schloß angewiesen, und der König besuchte ihn

fast täglich. Zu den Personen seines näheren Umganges gehörte auch

der bei Hofe angestellte Velazquez, der größte Bildnismaler aller

Zeiten, der sich, damals ein Neunundzwanzigjähriger, anschickte mit

Riesenschritten den Gipfel des Ruhmes zu ersteigen. Acht Monate lang

blieb Rubens in Madrid. Hier fand er wieder Zeit und Gelegenheit,

seine Kunst auszuüben. Philipp IV beauftragte ihn mit der Anfertigung

von Bildnissen der gesamten königlichen Familie, die zu Geschenken

für die Infantin Isabella bestimmt waren. Außerdem malte Rubens noch

mehrmals den König und die Königin. Ein Paar dieser Bildnisse ist

später in die Ermitage zu Petersburg gekommen; sowohl Philipp IV als

seine Gemahlin Elisabeth von Frankreich sind nach spanischer Sitte in

Schwarz gekleidet, und über den ganzen Bildern liegt etwas Düsteres

wie von spanischer Strenge; Philipp, mit der starken habsburgischen

Unterlippe, sieht nicht gerade bedeutend aus; die Züge der noch von

großem jugendlichen Reiz umkleideten Königin haben etwas eigentümlich

Anziehendes und einen leise durchschimmernden Zug, als ob sie sich

nicht allzu glücklich fühlte als Königin beider Indien (Abb. 70 und

71). In einem anderen Bilde, welches Elisabeth wahrscheinlich für

ihren Bruder Ludwig XIII malen ließ, und welches sich jetzt in der

Louvresammlung befindet, hat Rubens die französische Königstochter

in reicher französischer Modetracht dargestellt. Auch hier liegt ein

Hauch von Schwermut auf dem übrigens kälter aufgefaßten Gesicht; in

der Wiedergabe der zarten, hellen Haut, des durchsichtigen Weißzeuges

der Krause, des blitzenden Geschmeides und des prächtigen Goldstoffes,

in der Lichtfülle, welche das Haupt umflutet, und in den malerischen

Reizen, welche der steifen Tracht abgewonnen sind, glänzt die

Meisterschaft des Malers (Abb. 78). Der König hatte noch mancherlei

Aufträge für Rubens. Unter anderem ließ er ihn ein großes Reiterbild

des vor dreißig Jahren verstorbenen Philipp II -- in idealer Auffassung

-- malen, welches jetzt eine Zierde des Pradomuseums zu Madrid bildet.

Er ließ Gemälde Tizians kopieren und Entwürfe für Wandteppiche zum

Schmucke seines Palastes anfertigen, teils mythologischen, teils

christlich-allegorischen Inhalts. Von den letzteren Entwürfen befindet

sich einer, der in größerem Maßstab ausgeführt ist als die im Madrider

Museum bewahrten Skizzen, im Louvre; es ist eine übervolle Komposition,

welche den Triumph des katholischen Glaubens darstellt, ein zur Zeit

hochberühmtes Werk, das nicht nur durch Kupferstich, sondern auch durch

zahlreiche Kopien, von denen sich noch manche in belgischen Kirchen

befinden, vervielfältigt wurde.

[Illustration: Abb. 76. +Bildnis der Isabella Brant.+ In der Ermitage

zu St. Petersburg.

(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,

in Dornach i. Els. und Paris.)]

Die Sorge für seine Kinder daheim hatte Rubens bewährten Freunden

anvertraut. Über den Ältesten insbesondere wachte Johann Kaspar

Gevaerts (Gevartius), Stadtschreiber von Antwerpen und Staatsrat

und Historiograph Kaiser Ferdinands III, ein besonders um seiner

Geschichtskenntnisse willen gepriesener Gelehrter, von dessen äußerer

Erscheinung ein im Antwerpener Museum befindliches treffliches Bildnis

von Rubens’ Hand uns Kunde gibt. An diesen schrieb der Meister aus

Madrid am 29. Dezember 1628: „Mein Albertchen bitte ich Dich, wie mein

Bild, nicht in Deiner Betstube oder dem Hausgötterheiligtum, sondern

in Deinem Wissenschaftstempel zu halten. Ich liebe den Jungen, und

ernstlich empfehle ich Dir, Fürst meiner Freunde und Führer der Musen,

daß Du die Sorge für ihn, bei meinen Lebzeiten und nach meinem Tode,

gemeinschaftlich mit meinem Schwiegervater und meinem Schwager Brant

übernehmest.“ -- Im brieflichen Verkehr mit dem gelehrten Freunde

bediente sich Rubens der lateinischen Sprache; sonst schrieb er

meistens italienisch oder französisch -- besonders das Italienische,

das damals überhaupt die eigentliche Weltsprache war, bevorzugte er --,

nur in ganz vertraulichen Briefen bediente er sich des Vlämischen.

[Illustration: Abb. 77. +Rubens’ Söhne.+ Ausschnitt aus dem Bilde in

der kgl. Gemäldegalerie zu Dresden. (Nach einer Aufnahme von Ad. Braun

& Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl., in Dornach i. Els. und Paris.)]

Rubens’ diplomatische Thätigkeit ruhte nicht während des Aufenthalts

in Madrid, wenn er auch in erster Linie als der berühmte Künstler, auf

den sein König stolz war, geehrt wurde. Im Beginn des Jahres 1629

finden wir ihn wieder in schriftlichem Verkehr mit Carlisle und in

persönlichem mit Scaglia, der von Brüssel nach Madrid gereist war; --

den Verhandlungen mit Buckingham hatte dessen Ermordung (am 23. August

1628) ein Ende gesetzt. Es ist keine Kunde davon auf uns gekommen, was

Rubens mit Philipps IV allmächtigem Minister, dem Grafen Olivares,

dessen Heißblütigkeit („~fougue~“ ist Rubens’ Ausdruck), im Verein mit

persönlichem Groll gegen Buckingham, bis dahin den Friedensbestrebungen

entgegengewirkt hatte, besprach, während er sein Bildnis malte. Sicher

ist nur, daß Olivares im Frühjahr 1629 sich entschlossen hatte, nun

endlich auch seinerseits mit Friedensvorschlägen dem englischen Hofe

entgegenzukommen und Rubens mit dem entsprechenden Aufträgen nach

London zu schicken. Dies schrieb Scaglia am 28. April an den Grafen von

Carlisle. Tags darauf reiste der Meister ab. Um ihn mit einem größeren

Ansehen zu bekleiden, hatte der König ihn vorher zum Sekretär seines

geheimen Rats ernannt; als Zeichen seiner persönlichen Gunst schenkte

er dem Maler bei der Abreise einen kostbaren Diamantring. Indessen

sollte Rubens nicht öffentlich als der Gesandte Spaniens in London

auftreten, -- dieser Posten wurde an Don Carlos Coloma übertragen,

-- sondern unter dem Titel eines Gesandten der Erzherzogin Isabella.

Darum reiste er über Brüssel. Am 12. Mai befand er sich in Paris.

Aus dieser Zeit muß die lebensvolle Zeichnung (in der Sammlung des

Louvre) stammen, in welcher der große Meister ein so ganz ungeschminkt

naturwahres Abbild der alternden Maria von Medici der Nachwelt

hinterlassen hat (Abb. 79). Die Königin hatte einen neuen Auftrag für

ihn: als Gegenstück zu den Bildern aus ihrem eigenen Leben sollte er

das Leben Heinrichs IV in einer großen Gemäldereihe schildern. Lange

konnte sich Rubens nicht in Paris aufhalten; auch die Besprechungen mit

der Infantin und eine kurze Rast in der Heimat durften nicht viel Zeit

in Anspruch nehmen. Schon vor Ende Mai befand er sich in Dünkirchen, wo

er einige Tage warten mußte, um ein englisches Schiff zur Überfahrt zu

bekommen, -- denn vor den Holländern fürchtete er sich, -- und am 5.

Juni landete er in London.

[Illustration: Abb. 78. +Elisabeth von Frankreich.+ Im Louvre zu Paris.

(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,

in Dornach i. Els. und Paris.)]

Der Freund von Buckingham und Carlisle war dem englischen Hofe ein

willkommener Gesandter, der der warmen Empfehlungen, welche Coloma

und Scaglia ihm auf den Weg gegeben, kaum bedurfte. Zudem war der

unglückliche Karl Stuart nicht weniger kunstliebend als Philipp IV,

und mit Freuden begrüßte er in dem Gesandten den berühmten Künstler.

Rubens war während der ganzen Zeit seines Aufenthalts in London der

persönliche Gast des Königs.

Als ein sinniges Geschenk überreichte der mit den Friedensabmachungen

beauftragte Maler dem Könige bald nach seiner Ankunft ein Gemälde,

welches die Wohlthaten des Friedens allegorisch veranschaulichte.

Gegenwärtig befindet sich dieses Bild, welches nach der Enthauptung

Karls I nach Italien verkauft, 1827 aber für England zurückerworben

wurde, in der National-Galerie zu London. Die Friedensunterhandlungen

nahmen übrigens auch jetzt keinen so schnellen Fortgang, wie man hätte

erwarten dürfen; denn nun war es Frankreich, mit Richelieu an der

Spitze, welches mißgünstig auf die Aussöhnung zwischen England und

Spanien sah und dieselbe zu hintertreiben suchte. Erst im November

1630 wurde der Frieden, für den Rubens so lange und so eifrig gewirkt,

endgültig abgeschlossen.

Unter dem Gefolge, welches Rubens aus Brüssel mitgebracht hatte,

befand sich auch ein Kaplan, der ihm als Hausgeistlicher diente.

Dieser kam bald nach der Ankunft in England durch ein Unglück ums

Leben; er nahm an einer von Barozzi, dem Sekretär der piemontesischen

Gesandtschaft, veranstalteten Wasserfahrt nach Greenwich teil, der

Kahn schlug beim Durchfahren der Londoner Brücke um, und er ertrank.

Bisweilen wird diese Begebenheit so dargestellt, als ob Rubens selbst

dabei mit knapper Not dem Tode des Ertrinkens entgangen sei. Indessen

sagt die Quelle, ein Brief des Lord Dorchester an einen anderen

englischen Diplomaten, nichts davon, daß Rubens sich bei der Partie

befunden hätte. Wohl aber hatte dieser früher mehrmals in Lebensgefahr

geschwebt, was hier beiläufig erzählt werden mag. Im Jahre 1622

suchte ein Mensch, der von einigen für irrsinnig gehalten wurde, ihn

zu ermorden, so daß die Freunde des Meisters es für nötig hielten,

sich mit der Bitte um besondere Schutzmaßregeln an die Infantin zu

wenden. Drei Jahre später, als er sich in Paris aufhielt, sah er in

Gesellschaft mehrerer zur englischen Gesandtschaft gehöriger Personen

von einem Balkon aus den festlichen Veranstaltungen zu, welche zur

Feier der Vermählung der Prinzessin Marie Henriette stattfanden;

plötzlich brach der mit Zuschauern überladene Balkon zusammen, und es

gelang Rubens eben noch, sich auf das stehen bleibende Stück zu retten.

[Illustration: Abb. 79. +Maria de Medici.+ Handzeichnung in der

Sammlung des Louvre in Paris. (Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co.,

Braun, Clément & Cie. Nchfl., in Dornach i. Els. und Paris.)]

Rubens(#60502) · 第 6 / 9 段