Wenn irgendwo, so war es bei der Schaffung der Medici-Galerie dem

Meister gestattet und geboten, dem Reichtum seiner Einbildungskraft

freies Spiel zu lassen und an und für sich reizlosen Begebnissen

aus der Gegenwart dadurch ein Recht auf monumentale künstlerische

Festhaltung zu verleihen, daß er sie in olympische Höhen entrückte.

Man darf ja vielleicht zugeben, daß die ausgeklügelten Allegorien sich

hier und da allzu deutlich als das Erzeugnis kalter Verstandesarbeit

erkennen lassen: der Mehrzahl nach sind sie doch von dem warmen

Leben, das des Künstlers Schöpferkraft auch den spröderen Stoffen

einzuhauchen wußte, beseelt; wenn die Götter und Göttinnen bisweilen

kaum eine andere Rolle spielen mögen, als die von ungewöhnlich leicht

gekleideten Theaterstatisten, so entschädigen sie den Beschauer

dafür durch den malerischen Reiz ihrer gesunden, blühenden Leiber.

Als prächtige Verkörperungen des Rubensschen Frauenideals erscheinen

die Schicksalsgöttinnen, welche den Lebensfaden der Prinzessin Maria

spinnen, oder die Seejungfrauen, welche das Schiff begleiten, auf

dem die königliche Braut nach Frankreich fährt. Das Bild der Landung

in Frankreich ist übrigens, wenn wir von der allerdings viel Raum

in Anspruch nehmenden Beigabe des Meergottes und seines Gefolges

absehen, fast als eine wahrheitsgetreue Darstellung zu bezeichnen,

denn so prunkvoll war das Schiff in Wirklichkeit ausgestattet. Noch

vollständiger zeigt sich die Darstellung, wie Maria durch Prokuration

getraut wird -- der alte Erzherzog Ferdinand trat als Stellvertreter

des Königs mit ihr vor den Altar -- als ein Wirklichkeitsbild, in dem

sich ein sprechendes Bildnis an das andere reiht; hier hätte es Rubens

vom künstlerischen Standpunkt aus sicherlich nichts verschlagen, wenn

er als Schleppträger der Braut einen jungen Pagen hingemalt hätte, aber

dem Sinne der Zeit entsprach es besser, daß ein nackter Liebesgott

dieses Amt übernimmt (Abb. 56). Meistens verschwinden die wirklichen

Hauptpersonen fast hinter den mythologischen und sinnbildlichen

Gestalten, oder sie treten auch wohl selbst in der Rolle -- oder man

könnte besser sagen in der Verkleidung -- von Göttern auf, wie in dem

Bilde, welches die Hochzeit darstellt, und welches das Königspaar als

Jupiter und Juno im Olymp thronend zeigt, während eine Stadtgöttin

auf einem mit Löwen bespannten Wagen den irdischen Schauplatz des

Vorgangs, die Stadt Lyon, andeutet. Wenn wir sehen, wie der Tod

Heinrichs IV dadurch verbildlicht wird, daß der König auf einem Adler

zu den olympischen Höhen reitet, so brauchen wir uns nicht darüber zu

verwundern, daß Maria von Medici in dem Gemälde, welches ihre Reise

nach Pont de Cé darstellt, als eine Art von Minerva zu Rosse sitzt

(Abb. 57). Zu dem Helm der Göttin paßt auf dem letztgenannten Bilde

das idealisierte Gesicht. Sonst aber erscheint die Königin überall

durchaus bildnismäßig, vom schmeichelnden Reiz der Jugend umkleidet

in den Darstellungen aus ihrer früheren Lebenszeit, und als gereifte

Frau in denjenigen aus den letztvergangenen Jahren. Mitunter verleiht

gerade diese realistische Erscheinung des einen Kopfes demselben ein

Übergewicht über die umgebenden Idealgestalten, welches keinen Zweifel

darüber läßt, daß dieses die Hauptperson ist, mögen jene anderen auch

noch so viel Raum beanspruchen; so bei dem Bilde des Friedensschlusses,

wo die Königin, von Gottheiten, gegen welche die Unholde des Neides,

des Hasses und der Zwietracht vergeblich anstürmen, geleitet, den

Friedenstempel betritt (Abb. 58). Vieles ist, wie es bei Allegorien

stets nahe liegt, recht äußerlich aufgefaßt; andererseits aber fehlt

es auch nicht an Zügen, welche von tiefer Beobachtung des Seelenlebens

eingegeben sind; wie der König zum erstenmal das Bild seiner Braut

betrachtet, wie die Königin mit Mutterlust sich in den Anblick ihres

Neugeborenen vertieft, und wie sie bei der Aussöhnung mit ihrem Sohne

mit verweinten Augen lächelt, das sind solche Züge feiner Beobachtung

und wirklicher Empfindung. Das ganze Werk ist ein Gedanke so recht aus

dem Geiste jener Zeit und eine Schöpfung, in welcher die Kunst des

Malerfürsten jener Zeit sich aufs glänzendste bethätigt hat. Welches

Maß von Befriedigung Maria von Medici über Rubens’ Schöpfung empfand,

mag man daraus entnehmen, daß sie bei ihm nach Schluß der Arbeit zur

weiteren Ausschmückung der Galerie noch vier Bildnisse bestellte,

von denen das eine sie selbst im Gewande einer Minerva, zwei ihre

Eltern, den Großherzog und die Großherzogin von Toskana, das vierte

aber den Künstler vorstellen sollte. -- Beiläufig mag noch die hübsche

Anekdote Erwähnung finden, daß die Königin einmal im Beisein Rubens’

ihren ganzen weiblichen Hofstaat um sich versammelte, lediglich zu dem

Zweck, von dem Maler später ein Urteil über die Schönheit ihrer Damen

zu hören; es wird auch der Name der Frau überliefert, welche in den

Augen des großen Kenners den Preis der Schönheit davon trug; es war die

Herzogin von Guéménée. -- Die Königin hätte den gefeierten Künstler

gern an Paris gefesselt. Aber Rubens war, wie er im Mai 1625 an einen

Freund schrieb, „dieses Hofes müde“; zudem verstimmte es ihn, daß die

Königin mit der Bezahlung für das große Unternehmen zögerte und daß sie

keine Miene machte, ihn für die wiederholten Reisen nach Paris und für

den kostspieligen Aufenthalt daselbst zu entschädigen. So kehrte er

denn bald nach Vollendung der Galerie nach Antwerpen zurück.

Es ist ein nach Paris gerichteter Brief von Rubens vorhanden -- ohne

Datum, und man weiß daher nicht, ob er sich auf die erste Reise nach

Paris bezieht oder auf diejenige, welche der Meister zur Vollendung

der Bilder unternahm, oder aber auf einen zwischendurch im Sommer 1623

dort genommenen Aufenthalt --, worin er bittet, man möge im voraus

die Schwestern Capaio und deren Nichte Louise für ihn in Bereitschaft

halten, damit er nach ihnen lebensgroße Studien zu den Seejungfrauen

malen könne, welche das Schiff der Königin bei dem Bilde der Landung

in Frankreich begleiten. Er fände nicht leicht irgendwo anders so

prächtiges schwarzes Haar, fügt er hinzu; bei der Ausführung indessen

hat er doch wieder sein geliebtes Blond jenem prächtigen Schwarz

vorgezogen. Es berührt uns beinah befremdlich, daß ein Meister, der mit

einer so umfassenden Kenntnis die Welt der Formen beherrschte und der

sicherlich fast alles aus dem Kopfe malte, es überhaupt noch für nötig

erachtete, sich um Modelle zu bemühen. Aber unter den Handzeichnungen,

welche die verschiedenen Sammlungen, namentlich die Albertina, von ihm

aufbewahren, befindet sich manches hübsche Blatt, welches beweist,

daß er die Formen der Wirklichkeit gelegentlich durch fleißiges und

sorgfältiges Nachzeichnen studierte (Abb. 59); am zahlreichsten sind

unter den Studienblättern die Köpfe (Abb. 61 u. 62). Auch eine Anzahl

von Bildnisköpfen befindet sich unter den aufbewahrten Handzeichnungen

des Meisters; dieselben sind zum Teil wohl Vorzeichnungen für

Bildnisse, die er zu malen beabsichtigte, ohne von der betreffenden

Persönlichkeit eine lange Sitzung zu verlangen; zum Teil mag er sie

auch wohl nur für sich selbst zur Erinnerung an jene Personen in sein

Skizzenbuch eingetragen haben. Als Beispiele mögen der Kopf einer

jungen Hofdame der Erzherzogin Isabella, aus Rubens’ früherer Zeit, und

der Kopf eines französischen Marquis -- der beigeschriebene Name ist

unleserlich --, aus der Zeit des längeren Aufenthaltes in Paris, dienen

(Abb. 63 und 64). Das Gemälde, zu welchem die erstere dieser beiden

Zeichnungen gedient hat, befindet sich in der Ermitage zu Petersburg;

es bekundet, obgleich es unfertig als Untermalung stehen geblieben

ist, auf das sprechendste, welche Steigerung an Reiz und Leben der

große Meister der Farbe erreichte, sobald er den Stift mit dem Pinsel

vertauschte (Abb. 65).

[Illustration: Abb. 57. +Der Ritt nach Pont de Cé.+ Skizze zu dem

Gemälde der Medici-Galerie im Louvre, in der kgl. Pinakothek zu

München. Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.]

[Illustration: Abb. 58. +Der Friedensschluß.+ Skizze zu dem Gemälde der

Medici-Galerie im Louvre, in der kgl. Pinakothek zu München. Nach einer

Photographie von Franz Hanfstängl in München.]

Die Bildnismalerei war für Rubens zu allen Zeiten das vorzüglichste

Mittel, sich an der ungetrübten Quelle der Natur zu erfrischen.

Bei anspruchsloseren Aufgaben dieser Art legte er sozusagen sein

überschäumendes Genie beiseite, und mit derselben künstlerischen

Lust, mit welcher er sonst seiner schrankenlosen Einbildungskraft die

Zügel schießen ließ, gab er sich einem einfachen und aufrichtigen

Realismus hin. Aus allen Zeiten seiner Künstlerlaufbahn sind Bildnisse

von Persönlichkeiten vorhanden, deren Namen vergessen sind, die

eben nur als Bildnisse noch leben; und gerade in diesen Werken

hat Rubens uns bewiesen, wie treu und ehrlich er, wenn er wollte,

die Wirklichkeit, wie sie sich ihm bot, ohne jeden Nebengedanken

nachzubilden vermochte (Abb. 66-69, 72). Einige Frauenbildnisse, bei

denen die Namen der Urbilder bekannt sind, besitzen von jeher einen

besonderen Ruhm. Da ist im Museum zu Brüssel Jakelyne de Caestre, die

bleiche Gattin eines derben Landedelmannes (gemalt im Jahre 1618);

im Museum des Louvre eine junge Dame aus der Familie Boonen, die mit

ihren unergründlichen dunklen Augen den Beschauer festhält (Abb. 60);

in der Londoner National-Galerie zeigt das hochgefeierte Bildnis aus

des Meisters späterer Zeit, welches unter dem Namen „~le chapeau de

paille~“ -- mißverstanden aus ~chapeau de poil~ -- bekannt ist, unter

dem Schatten eines breitkrämpigen schwarzen Filzhuts die feinen Züge

und die glühenden Augen eines Fräulein Lunden aus Antwerpen, welches

die geschäftige Sage zu einer Geliebten des Meisters stempeln will.

-- Von sehr kunstverständiger Seite ist die Behauptung ausgesprochen

worden, die Bildnismalerei sei die schwächste Seite von Rubens’ Kunst;

es wird dem Meister zum Vorwurf gemacht, daß er nur das Äußere der

von ihm abgemalten Personen aufgefaßt habe, daß seine Bildnisse

-- gleichwie die Photographie -- nur das Zufällige der gerade im

Augenblick des Sitzens sich darbietenden Erscheinung wiedergeben,

ohne in das innere Wesen des Menschen einzudringen, daß ihnen somit

dasjenige fehle, wodurch ein Bildnis erst zum Kunstwerk wird. Das mag

bei manchen Rubensschen Porträts zutreffen, in allgemeiner Fassung

aber ist ein solches Urteil sicherlich unbegründet. Man braucht nur

-- um unter vielen Beispielen eins herauszugreifen -- das etwa um das

Jahr 1624 entstandene Bildnis von Rubens’ gelehrtem Freund ~Dr.~ van

Thulden, in der Münchener Pinakothek, anzusehen, um sich zu überzeugen,

daß der Meister es sehr wohl verstand, einen ganzen Menschen mit

Leib und Seele im Bilde der Nachwelt zu überliefern (Abb. 73). Unter

den Bildnissen geschichtlicher Persönlichkeiten ist aus der Zeit von

1621-1625 dasjenige des großen spanischen Feldherrn Ambrosius Spinola

zu nennen. Spinola war mit Rubens persönlich befreundet, obgleich er,

wie der letztere einmal einem Bekannten schrieb, in Kunstsachen „nicht

mehr Geschmack und Verständnis als ein gewöhnlicher Bedienter“ zeigte.

Das Bild des Marquis Spinola befindet sich in der Gemäldesammlung zu

Braunschweig, die außerdem von der Hand des Meisters das treffliche

Bild eines Unbekannten und eine aus seiner Jugendzeit stammende Judith

mit dem Haupt des Holofernes besitzt.

Die Gemäldegalerie zu Kassel enthält ein sehr auffallendes prächtiges

Bildnis in ganzer Figur, gegen das Jahr 1624 ganz eigenhändig von

Rubens gemalt. Es ist ein breitbeinig dastehender, beleibter Mann mit

gewöhnlichen Zügen und groben Händen, in reicher morgenländischer

Kleidung (Abb. 74); sicherlich kein Türke, sondern vielmehr ein in der

Levante ansässiger christlicher Handelsmann, der das Bild für seine

Angehörigen in der Heimat malen lassen mochte. Woher der Mann kam,

darüber enthält das Gemälde selbst eine Andeutung, indem an dem Griff

eines im Hintergrunde lehnenden Palmenwedels das aus der Zeit der

sogenannten lateinischen Herrschaft stammende christliche Stadtwappen

von Konstantinopel (auf der kleinen Abbildung nicht mehr sichtbar)

angebracht ist.

[Illustration: Abb. 59. +Aktstudie.+ Handzeichnung in der Albertina zu

Wien. (Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie.

Nchfl., in Dornach i. Els. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 60. +Bildnis einer Dame aus der Familie Boonen.+

Im Louvre zu Paris. (Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun,

Clément & Cie. Nchfl., in Dornach i. Els. und Paris.)]

Rubens hat die stattliche fremdartige Erscheinung dieses Mannes

verwertet, indem er dieselbe zu der Gestalt des Mohrenkönigs

benutzte in einem für die Abtei St. Michael gemalten Altarbild, welches

die Anbetung der drei Weisen darstellt. Dieses jetzt im Museum zu

Antwerpen befindliche Gemälde, welches der Meister im Jahre 1624 in

dreizehn Tagen gemalt haben soll -- bei einer Breite von ungefähr 3

und einer Höhe von 5 Meter -- mag hinter manchen unter den zahlreichen

Darstellungen des nämlichen Gegenstandes, welche Rubens geschaffen

hat, in Bezug auf die Gesamtanordnung sowie auf Schönheit und Ausdruck

des Einzelnen zurücktreten: unübertroffen bleibt es hinsichtlich des

fesselnden Reizes eines geheimnisvollen Farbenzaubers.

[Illustration: Abb. 61. +Studienkopf.+ Handzeichnug in der Albertina zu

Wien. (Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie.

Nchfl., in Dornach i. Els. und Paris.)]

Die Zeit von 1620 bis 1625 ist vielleicht der glänzendste und

fruchtbarste Abschnitt in Rubens’ thatenreicher Künstlerlaufbahn.

Neben der Fülle von Arbeit, welche die beiden großen Unternehmungen,

die Ausmalung der Jesuitenkirche zu Antwerpen und die Anfertigung

der Medici-Galerie, ihm boten, und neben den sonstigen größeren und

kleineren Aufträgen, blieb dem unermüdlichen Meister immer noch Zeit,

Bilder nach freier Wahl zu malen. Von den Gemälden mythologischen

Inhaltes -- den Parisurteilen, Entführungen, Venus- und Grazienbildern,

Dianen und Satyrn und was sonst noch ihr Gegenstand sein mag --

scheint eine ganze Menge dieser Zeit anzugehören. Daß Rubens, wenn er

sozusagen zu seiner Erholung malte, mit Vorliebe Stoffe aus der antiken

Göttersage wählte, ist leicht erklärlich, indem er hier am meisten

Gelegenheit fand, Fleisch zu malen. Doch gab ihm gelegentlich auch

die Geschichte des Altertums Stoffe, die ihn anregten. So finden wir

in Paris eine Darstellung der Scythenkönigin Tomyris, die das Haupt

des Cyrus in Blut tauchen läßt, ein farbenprächtiges Gemälde, das an

seinem Ehrenplatz im Salon ~carré~ des Louvre mit dem daneben hängenden

Meisterwerk des Paul Veronese, die Hochzeit zu Kana, erfolgreich

wetteifert; in München einen Tod des Seneca, ein dem Gegenstand

entsprechend düster gestimmtes Bild; in der Sammlung der Königin von

England im Buckingham-Palast einen im Kreise seiner Schüler lehrenden

Pythagoras. -- Ein Gebiet, auf dem er sich in jüngeren Jahren nicht

versucht zu haben scheint, betrat Rubens, indem er Bilder malte, bei

denen die Landschaft die Hauptsache, die Figuren nur Staffage waren.

In einem Verzeichnis aus dem Jahre 1625 finden sich zum erstenmal

derartige Werke erwähnt, darunter zwei, welche gegenwärtig die

königliche Sammlung zu Windsor besitzt. Das eine derselben stellt den

Winter vor; die weite Flur ist mit Schnee bedeckt, im Vordergrunde

haben sich arme Leute unter einem Schutzdach um ein Feuer versammelt;

das dunkle Holz der Hütte und der weiße Schnee, der rote Feuerschein

und das kalte Licht des Wintertages bilden die wirkungsvollen

Gegensätze, aus denen der Meister ein sprechendes Stimmungsbild gewirkt

hat. Das andere führt uns einen sonnigen Sommertag vor Augen; die in

eine weite Ferne hinein sich vertiefende Landschaft ist im Vordergrunde

von vielen Figuren belebt, Bauersleuten, die mit Reittieren und

Karren zu Markte ziehen. Die beiden meisterlichen Gemälde gehören

zu einer Folge der vier Jahreszeiten; das gleich vortreffliche Bild

des Herbstes, eine groß gedachte Morgenstimmung, befindet sich in

der Nationalgalerie zu London, dasjenige des Frühlings wird in einer

Londoner Privatsammlung bewahrt.

[Illustration: Abb. 62. +Studienköpfe.+ Handzeichnung in der Albertina

zu Wien. (Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément &

Cie. Nchfl., in Dornach i. Els. und Paris.)]

Mit der Jahreszahl 1625 bezeichnet ist ein kostbares Gemälde im

Louvre, welches den Auszug Loths aus Sodom darstellt. Von dem

Hintergrunde dunkelgrauer, gelb durchleuchteter Wolken, von denen

aus Dämonen das Feuer in die Stadt schleudern, hebt sich in echt

Rubensscher Farbenfülle der Zug der Flüchtlinge ab, die eben das

Stadtthor verlassen; voran, von einem Engel, der zur Eile aufzufordern

scheint, geleitet, der mit schwerem Entschlusse vorwärtsschreitende

Patriarch, hinter ihm seine jammernde Frau, halb geschoben von einem

braun-lockigen Engel, dessen jugendliche Anmut zu den furchigen Zügen

der Alten in wirkungsvollem Gegensatze steht, zuletzt die beiden

Töchter, von denen die eine einen beladenen Esel am Zügel führt,

während die andere, eine blühend schöne Gestalt, einen Korb mit

Früchten auf dem Kopfe trägt. Ein mit gleicher Sorgfalt ausgeführtes

Gemälde in der Ermitage zu Petersburg, die Verstoßung Hagars durch

Abraham, wird als das Gegenstück zu diesem Bilde angesehen. -- Um

dieselbe Zeit scheint das schöne, wirkungsvolle Gemälde des Berliner

Museums: die Auferweckung des Lazarus, entstanden zu sein. -- Auch das

noch an seinem ursprünglichen Platz in einer Kapelle der Kathedrale St.

Bavo zu Gent befindliche Altargemälde gehört wahrscheinlich der Zeit

kurz vor oder nach der Vollendung der Medici-Galerie an. Es besteht

aus zwei Bildern übereinander. In dem oberen Abschnitt sehen wir den

heiligen Bavo, der aus dem Kriegerstand zum Mönchsleben überging, wie

er in voller Rüstung an der Kirchenpforte knieend von einem Priester

empfangen wird. In der Hauptdarstellung unten ist geschildert, wie der

Heilige all seine reiche Habe unter die Armen verteilt; schöne Frauen,

die zur Seite stehen, schicken sich an, seinem Beispiel zu folgen. Wenn

von dem Bilde gesagt wird, daß es seiner ganzen Stimmung nach mehr

geeignet sei, die Liebe zum Aufwand zu erwecken, als dem heiligen Bavo

Nachfolger zu verschaffen, so ist das bei einer Rubensschen Schöpfung

nicht zu verwundern. Wir dürfen dabei aber auch nicht vergessen, daß

die ganze vom Jesuitenorden ausgehende kirchliche Richtung jener Zeit

der Entfaltung von Prunk und glanzvoller Äußerlichkeit zugethan war.

[Illustration: Abb. 63. +Bildnis eines Marquis+ (Namen unleserlich)

+aus der Umgebung der Maria von Medici.+ Handzeichnung in der Albertina

zu Wien. (Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément &

Cie. Nchfl., in Dornach i. Els. und Paris.)]

Mit eben dem Jahre 1625, in welchem wir den Meister eine so reiche

Thätigkeit entfalten sehen, schloß für ihn die Zeit, in welcher es ihm

vergönnt war, ungestört seiner Kunst zu leben; es begann der Abschnitt

seines Lebens, in dem er, nach seinem eigenen Ausdruck, im Dienst der

Fürsten beständig den Fuß im Steigbügel hatte.

Anscheinend hatte sich Rubens im Jahre 1623 zum erstenmal auf das

Gebiet der Politik begeben. Wenigstens verhandelte er damals mit

einem Verwandten, der in Holland eine angesehene Stellung bekleidete,

über die Möglichkeit, die nördlichen Niederlande zur Erneuerung des

abgelaufenen Waffenstillstandes mit Spanien zu bewegen. In einem

Briefe des englischen Geschäftsträgers in Brüssel, William Trumbull,

vom 13. Oktober 1624 kommt eine Stelle vor, welche bekundet, daß die

maßgebenden Persönlichkeiten diesen Bemühungen des vielbegabten Mannes

volles Gewicht beimaßen: „Zuerst will ich von einer geheimen Friedens-

und Waffenstillstandsunterhandlung sprechen; geleitet durch Peter Paul

Rubens, den berühmten Maler; zwischen den vereinigten Provinzen und

denen, die jetzt unter des Königs von Spanien Botmäßigkeit stehen.

Ein Beweis, nach meiner bescheidenen Ansicht, daß, obgleich sie (die

Spanier) sich um Breda (die von den Holländern mit großer Zähigkeit

verteidigte Festung) bewerben und es schon so gut wie gewonnen ansehen,

sie des Krieges müde sind und zufrieden wären die Waffen abzulegen...

Darum ist der Marquis Spinola fest entschlossen, entweder Breda zu

gewinnen oder in den Laufgräben davor seinen Leichnam und seine Ehre

zu begraben.“ -- Selbstredend muß man annehmen, daß Rubens derartige

Verhandlungen nicht auf eigene Faust leitete, sondern daß er im

Auftrage der Infantin handelte. Es erscheint befremdlich, daß die

Fürstin den Maler mit solchen Geschäften betraute. Aber Rubens war

nicht nur als Künstler, sondern auch in vielen anderen Beziehungen

eine ungewöhnlich begabte Natur; er besaß eine ausgezeichnete Bildung,

war redegewandt und klug, aufrichtig und liebenswürdig und bei allem

gerechten Selbstbewußtsein bescheiden; er sah die Dinge von einem

großen Standpunkte aus an, und mit der ruhigen Sicherheit des Blickes

verband er eine unerschütterliche Festigkeit des Willens. So weit

sein Künstlerruhm drang, so weit stand auch seine Persönlichkeit in

Ansehen. Dieser Thatsache gab Philipp IV von Spanien Ausdruck, indem

er am 5. Juni 1624 eine Urkunde ausstellte, durch welche er Rubens --

anscheinend auf dessen Ansuchen -- für sich und seine rechtmäßigen

Nachkommen in den Adelstand erhob, „in Anbetracht des großen Ruhms,

welchen er verdient und erlangt hat durch die Vortrefflichkeit der

Malerkunst und seltene Erfahrung in derselben, wie auch durch die

Kenntnis, welche er in der Geschichte und in Sprachen hat, und andere

schöne Eigenschaften und Begabungen, welche er besitzt und welche

ihn der königlichen Gunst würdig machen“ --; das Wappen, welches

Rubens fortan sollte führen dürfen, wird in der Urkunde folgendermaßen

festgesetzt: „Quergeteilter Schild, oben Gold mit einem schwarzen

Jagdhorn und zwei fünfblätterigen Rosen mit heraustretenden goldenen

Ecken, unten blau mit einer goldenen Lilie; offener gegitterter Helm,

mit Gold und Silber verziert, und als Helmschmuck ebenfalls eine

goldene Lilie.“

[Illustration: Abb. 64. +Bildnis einer jungen Dame vom Hofe der

Infantin Isabella zu Brüssel.+ Handzeichnung in der Albertina zu Wien.

(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,

in Dornach i. Els. und Paris.)]

Die Anregung, sich mehr als bloß gelegentlich und nebenbei mit den

verschlungenen Fäden der damaligen Staatskunst zu befassen, empfing

Rubens am Hofe der Maria von Medici, durch die Bekanntschaft, welche

er dort mit dem Herzog von Buckingham machte. Dieser ränkesüchtige

Günstling des jungen Königs Karl I von England, den er ebenso wie

zuvor dessen Vater Jakob I vollständig beherrschte, kam im April 1625

nach Paris, um wegen der bevorstehenden Hochzeit seines königlichen

Herrn mit der Prinzessin Marie Henriette von Frankreich die näheren

Vereinbarungen zu treffen. In seinem Gefolge befand sich ein gewisser

Gerbier, der sein Vertrauensmann war; von Beruf ursprünglich Maler,

hatte derselbe sich im Dienste des Herzogs zu einem gewandten

Vermittler diplomatischer Geschäfte ausgebildet.

[Illustration: Abb. 65. +Bildnis einer jungen Dame vom Hofe der

Infantin Isabella.+ Unfertiges Bildnis in der Ermitage zu St.

Petersburg. (Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément &

Cie. Nchfl., in Dornach i. Els. und Paris.)]

Alsbald nachdem Buckingham den gefeierten belgischen Maler kennen

gelernt hatte, gegen den er dauernd eine große Zuvorkommenheit

und Gefälligkeit an den Tag legte, ließ er sich von demselben

porträtieren. Rubens schuf ein stolzes Reiterbildnis; für dieses, das

sich jetzt im Palast Pitti zu Florenz befindet, und wahrscheinlich noch

ein zweites Bildnis des Herzogs empfing der Meister von diesem ein

Geschenk von Silbergeschirr im Werte von 2000 Kronen. Für sich selbst

bewahrte Rubens die Züge des Herzogs, der als schöner Mann bewundert

wurde und sich dessen sehr bewußt war, in einer lebensvoll sprechenden

Zeichnung auf, welche sich zu Wien in der Handzeichnungensammlung der

Albertina befindet (Abb. 75).

[Illustration: Abb. 66. +Männliches Bildnis.+ In der kgl.

Gemäldegalerie zu Dresden. (Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co.,

Braun, Clément & Cie. Nchfl., in Dornach i. Els. und Paris.)]

Während Rubens damit beschäftigt war, den Herzog von Buckingham zu

malen, trat er in Unterhandlungen mit Gerbier und machte demselben

Vorschläge, welche auf die Erhaltung des Friedens für seine Heimat

hinzielten. Eine Stelle aus dem erhaltenen Bericht über diese

Besprechungen mag dazu dienen, Rubens’ Standpunkt zu kennzeichnen. „Der

Herr Rubens,“ sagt der Verfasser des Berichtes, anscheinend Gerbier

selbst, „hatte in der Unterhaltung mit dem Herzog einen löblichen

Eifer für die Sache des Christentums (d. h. für die katholische

Sache) wahrgenommen. Nach seiner Abreise von Frankreich und dem Bruch

zwischen Spanien und England schrieb er häufig an Gerbier, wobei er

den gegenwärtigen Stand der Dinge höchlich bedauerte, das goldene

Zeitalter wieder herzustellen wünschte und Gerbier beschwor, er möge

den Herzog von Buckingham von dem großen Bedauern der Infantin über den

gegenwärtigen Stand der Dinge in Kenntnis setzen. Er legte dar, daß

Ihre Hoheit nicht darunter leiden dürfe, da sie doch nichts anderes

wünsche als ein gutes Einvernehmen, was sie für ganz vernunftgemäß

halte, da sie weder Partei für einen der Streitenden genommen noch

auch zu deren Zerwürfnis beigetragen habe. Daß, wenn der König von

Groß-Britannien eine Absicht habe, die Wiedereinsetzung des Pfalzgrafen

(Friedrich V, des flüchtigen Böhmenkönigs, dessen Gemahlin eine

Schwester Karls I war) zu verlangen, er sich an den Kaiser halten müsse

und an den König von Spanien, der voraussetzlich die Macht dazu besäße;

daß aber mindestens das gute Einvernehmen, welches bisher zwischen

England und der Infantin bestanden habe, aufrecht erhalten und auf eine

eigene Grundlage gestellt werden solle, denn zwischen ihnen gäbe es

keine streitigen Punkte.“

[Illustration: Abb. 67. +Weibliches Bildnis.+ In der kgl.

Gemäldegalerie zu Dresden. (Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co.,

Braun, Clément & Cie. Nchfl., in Dornach i. Els. und Paris.)]

Rubens(#60502) · 第 5 / 9 段