Das Jahr 1620 sah wieder ein hervorragendes Altargemälde entstehen,

nämlich das jetzt im Museum zu Antwerpen befindliche Bild des

gekreuzigten Heilands zwischen den beiden Schächern. Es ist Abend,

der Gottessohn hat ausgelitten; davon überzeugt sich der römische

Hauptmann durch den Speerstoß in die Seite des Leichnams, während

ein Kriegsknecht sich anschickt, die Beine der beiden anderen

Gerichteten mit einem eisernen Stab zu zerbrechen; jammernd haben

sich die Mutter Maria, Maria Kleophas und der Jünger Johannes von dem

entsetzlichen Schauspiel abgewendet, Maria Magdalena aber verläßt den

Kreuzesstamm nicht, an den sie mit Kopf und Körper sich anschmiegt,

und mit einer Gebärde flehender Abwehr erheben sich ihre weißen Arme

gegen den Römer und seine unbarmherzige Waffe (Abb. 47). Auffallend

ist bei diesem Bilde, das unter dem Namen „~le coup de lance~“

weltberühmt ist, die merkwürdige Nichtachtung der Perspektive und

des natürlichen Größenverhältnisses der Figuren zu einander; aber es

würde ein vollständiger Mangel an Kunstsinn dazu gehören, bei einem

solchen Gemälde, wie dieses ist, daran Anstoß zu nehmen. Rubens

malte das ergreifend gedachte und wunderbar ausgeführte Bild für

die Franziskanerkirche in Antwerpen, im Auftrage des Bürgermeisters

Nikolaus Rockox. Das Bildnis dieses ihm sehr innig befreundeten Mannes

hat er zugleich mit demjenigen von dessen Gattin in sprechender

Lebendigkeit der Nachwelt überliefert auf den Flügeln eines gleichfalls

von demselben bestellten Altarwerks, dessen Mittelbild die Bekehrung

des ungläubigen Thomas darstellt, und das sich jetzt ebenfalls im

Antwerpener Museum befindet. -- Das eigentlich Ergreifende des

Kreuzigungsbildes, das Geheimnis sozusagen seiner mächtigen Wirkung,

liegt in der friedlichen Ruhe des Todes, mit welcher der am Kreuz

Erhöhte über Schmerz und Leidenschaft der Lebenden hinausragt. Ein

anderes Mal hat Rubens die Darstellung des Kreuzestodes auf wenige

Figuren beschränkt: nur Maria, Johannes und Magdalena sind am Fuß

des in einsamer Höhe von der dunklen Luft sich abhebenden Kreuzes

versammelt (im Louvre). Fast noch ergreifendere Wirkung aber hat er

in einem im Antwerpener Museum befindlichen Bilde erreicht, welches

das Vorbild für ungezählte Kopien und Nachahmungen geworden ist; ganz

einsam und verlassen hängt der Heiland an dem hohen Kreuze, die Natur

hat sich in Todesschweigen gehüllt, und vor dem schwarzen Nachthimmel

leuchtet der helle Leichnam als das Licht in der Finsternis (Abb. 48).

[Illustration: Abb. 47. +Christus am Kreuz.+ Im Museum zu Antwerpen.]

[Illustration: Abb. 48. +Es ist vollbracht.+ In der kgl. Pinakothek zu

München. Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.]

[Illustration: Abb. 49. +Entwurf zur Ausschmückung des Mittelgewölbes

der Jesuitenkirche zu Antwerpen.+ Handzeichnung in der Albertina zu

Wien. (Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie.

Nchfl., in Dornach i. Els. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 50. +Graf Thomas Arundel und seine Gemahlin.+ In

der kgl. Pinakothek zu München. Nach einer Photographie von Franz

Hanfstängl in München.]

[Illustration: Abb. 51. +Charles de Longueval, Graf von Boucquoy.+

Gemalt als Vorlage für einen von Vorstermann ausgeführten Kupferstich.

In der Ermitage zu St. Petersburg. (Nach einer Aufnahme von Ad. Braun &

Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl., in Dornach i. Els. und Paris.)]

Die bevorstehende Vollendung der Jesuitenkirche zu Antwerpen brachte

Rubens im Jahre 1620 einen Auftrag von außergewöhnlichem Umfang.

Am 20. März dieses Jahres unterschrieb er einen mit Pater Jacobus

Tirinus, dem Oberen des Antwerpener Jesuitenkollegiums, geschlossenen

Vertrag, durch welchen er die malerische Ausschmückung der Kirche

übernahm. Mit der Herstellung von Altargemälden für dieselbe war er

schon vorher beauftragt worden. Jetzt handelte es sich hauptsächlich

um die Deckengemälde; zu diesen, 39 an der Zahl, sollte Rubens die

Skizzen vor Schluß des Jahres liefern, van Dyck und einige andere

seiner Schüler sollten sie dann ausführen und er selbst schließlich die

letzte Hand anlegen. Es ist wohl nur selten einem Künstler vergönnt

gewesen, einen selbstgeschaffenen Bau mit selbstgeschaffenen Gemälden

zu schmücken und so die denkbar vollkommenste Zusammenwirkung der

Künste zu erzielen. Wenn es gestattet ist, von einem Jesuitenstil

in der Malerei zu sprechen, so war Rubens der größte Meister dieses

Stils; er verstand sich darauf, den höchsten Aufwand von Glanz und

Pracht zu entfalten, aber die Größe seiner Meisterschaft ließ dabei

niemals den Eindruck betäubender Überladung aufkommen. Wie glänzend

das Innere der Jesuitenkirche zu Antwerpen ausgesehen hat, deren

Architektur mit Marmor und Vergoldung die prächtige Umrahmung der

farbenreichen Gemälde bildete, davon können wir uns nach mehreren

Abbildungen eine wenn auch nur unvollkommene Vorstellung machen;

das Belvedere zu Wien besitzt zwei dieser Abbildungen, die eine von

Sebastian Vrancx, der gleich Rubens ein Schüler des Adam van Noort

war, die andere, gemalt im Jahre 1665, von Anton Gheringh; eine zwei

Jahre früher von diesem gewandten Architekturmaler aufgenommene

Innenansicht der Kirche befindet sich in der Münchener Pinakothek.

Im Jahre 1718 wurde die Jesuitenkirche zu Antwerpen infolge eines

Blitzschlages ein Raub der Flammen. Das Gebäude selbst konnte in

der früheren Gestalt wiederhergestellt werden -- es wurde freilich

nicht unerheblich vereinfacht --, die Deckenmalereien aber blieben

verloren. Von den 36 Gemälden, welche die Decken der Seitenschiffe

und der über diesen befindlichen Emporen schmückten, sind Zeichnungen

von Jacob de Wit (im Museum Plantin-Moretus zu Antwerpen) und

Kupferstichnachbildungen vorhanden; von den drei übrigen, die sich

in der Eingangshalle befanden, ist nur eins durch einen Kupferstich

bekannt. Das vergoldete Tonnengewölbe des Mittelschiffes war durch

Stuckleisten in verschiedengestaltige Felder geteilt, welche durch

Einzelfiguren ausgefüllt wurden; in dem mittelsten Felde umschwebten

Kinderengel den in einem Strahlenkranze leuchtenden Namenszug Marias.

Von dieser Einteilung und Ausschmückung des Mittelgewölbes ist der

gezeichnete Entwurf erhalten geblieben; derselbe befindet sich, wie

die Mehrzahl der Rubensschen Handzeichnungen, zu Wien in der Albertina

(Abb. 49). Glücklicherweise gelang es bei dem Brande, die drei großen

Altargemälde zu retten, welche Rubens fast ganz eigenhändig gemalt

hatte. Dieselben wurden von der Kaiserin Maria Theresia angekauft und

befinden sich im Hofmuseum zu Wien. Die beiden Hauptaltarbilder sind

von gewaltigem Umfang; sie behandeln in zahlreichen überlebensgroßen

Figuren Gegenstände aus der modernen Heiligengeschichte. Das eine

zeigt den Stifter des Jesuitenordens, Ignatius von Loyola, wie er,

in Meßgewändern am Altar stehend -- ihm zur Seite eine ernste Reihe

schwarzgekleideter Brüder der Gesellschaft Jesu, zu seinen Häupten im

Lichtglanz eine Schar von Kinderengeln --, durch sein Gebet eine Anzahl

von Besessenen, die man an die Stufen des Altars gebracht hat, von

den bösen Geistern befreit. Das andere stellt des Ignatius Studien-

und Gesinnungsgenossen, den der Orden mit zu seinen Begründern zählen

durfte, Franziskus Xaverius dar, wie er, in Indien das Christentum

predigend, zum Beweise von der Macht des Christengottes vor dem

staunenden Volk Tote zum Leben erweckt; in der Höhe erscheint auf

Wolken die Gestalt des katholischen Glaubens, Engel tragen vor ihr

das Kreuz des Heilands, und vor den himmlischen Lichtstrahlen, die

von dieser Gruppe ausgehen, stürzt in der Vorhalle des Tempels das

Götzenbild zusammen. Rubens’ gewaltige Phantasie hat aus den gegebenen

Stoffen, die einem anderen vielleicht nur wenig künstlerische Anregung

geboten hätten, großartige Meisterwerke geschaffen, die im Aufbau

des Ganzen und im Ausdruck des Einzelnen, in der Farbe und in der

Lichtwirkung zweifellos zu dem Allervorzüglichsten gehören, was er

überhaupt hervorgebracht hat. Franziskus Xaverius wurde im Jahre

1619, Ignatius von Loyola 1622 heilig gesprochen; hiernach kann man

annehmen, daß Rubens das Franziskusbild sofort nach dem Bekanntwerden

jenes ersteren Ereignisses für den Hochaltar der Jesuitenkirche

malte, und daß erst drei Jahre später das Ignatiusbild, welches auf

den erwähnten Abbildungen der Kirche über dem Hochaltar zu sehen

ist, statt dessen an diese Stelle trat. Das dritte der im Belvedere

befindlichen Gemälde aus der Antwerpener Jesuitenkirche stammt von

einem Seitenaltar derselben und stellt die Himmelfahrt Marias vor. Von

Licht umflutet und von einem Kranz von Engeln umgeben, schwebt die

Jungfrau voll freudigen Verlangens auf den Wolken empor, während unten

die versammelten Apostel und heiligen Frauen zum Teil ihre Blicke in

das leere Grab versenken, zum Teil andächtig und begeistert aufwärts

schauen. Von einer ganzen Anzahl von Darstellungen der Himmelfahrt

Marias, welche Rubens früher, zu derselben Zeit und später malte, hat

er selbst diejenige, welche er für die Antwerpener Jesuiten ausführte,

für die bestgelungene erklärt. Die Liechtensteinsche Sammlung zu Wien

besitzt ein großes Gemälde dieses Inhalts, dessen Herkunft unbekannt

ist. Ein vorzüglich schönes, nach welchem Paul Pontius einen im

Jahre 1624 vollendeten Kupferstich anfertigte, befindet sich in der

Akademie zu Düsseldorf. Als im Jahre 1805 die von den pfälzischen

Kurfürsten angelegte berühmte Düsseldorfer Gemäldesammlung vor den

Franzosen nach München geflüchtet wurde, blieb dieses Bild zurück,

da die gewaltige Eichenholztafel, auf welche es gemalt war, bei

den damaligen Verkehrsmitteln nicht mit der durch die Verhältnisse

gebotenen Schnelligkeit fortgeschafft werden konnte; es wurde, damit

kein weiterer Zeitverlust die Rettung der übrigen Kunstwerke gefährde,

unverpackt auf offenem Markt zurückgelassen; doch entging es eben

wegen seiner Schwere auch dem Geschick, nach Paris entführt zu werden,

-- glücklicher als das Himmelfahrtsbild der kaiserlichen Sammlung zu

Wien, welches der französische Kommissar Denon in drei Stücke zersägen

ließ, um es fortschaffen zu können. Nächst diesem Gemälde im Hofmuseum

-- das 1815 nach sechsjähriger Abwesenheit nach Wien zurückgebracht

wurde -- ist von den inhaltsgleichen Schöpfungen des Meisters diejenige

die berühmteste, welche den Hochaltar der Kathedrale von Antwerpen

schmückt. Mit der Anfertigung dieses Altarbildes wurde Rubens im Jahre

1619 beauftragt; doch verzögerte sich die Ausführung, so daß es erst im

Mai 1626 zur Aufstellung kam. Es wird berichtet, daß das gleichfalls

sehr große Bild in sechzehn Tagen gemalt worden sei; doch ist damit

wohl nur die Zeit gemeint, welche der Meister selbst darauf verwendete,

-- die Mitwirkung von Schülern, deren Arbeitstage schwerlich gezählt

wurden, ist unverkennbar.

[Illustration: Abb. 52. +Bildnis eines Feldherrn+, Vorlage für

Kupferstich. Handzeichnung in der Galerie zu Weimar. (Nach einer

Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl., in Dornach

i. Els. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 53. +Turnier vor einem Schloß.+ In der Galerie des

Louvre. (Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie.

Nchfl., in Dornach i. Els. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 54. +Bildnis des Barons Heinrich von Wicq.+ Im

Louvre zu Paris. (Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun,

Clément & Cie. Nchfl., in Dornach i. Els. und Paris.)]

Durch Sir Dudley Carleton vermutlich wurde Rubens mit einem Manne

bekannt, der als „der große Mäcenas aller schönen Künste und der

schrankenlose Sammler von Altertümern“ bei Mit- und Nachwelt berühmt

war. Thomas Howard, Graf von Arundel und Surrey. Diesen Kunstfreund

nebst seiner Gemahlin porträtierte der Meister im Jahre 1620 in einem

reichen Gemälde, welches sich jetzt in der Münchener Pinakothek

befindet. Eigentlich möchte man dieses Gruppenbild als das Bildnis

der Gräfin Arundel mit ihrer Umgebung bezeichnen. In einer offenen

Halle von gewundenen Marmorsäulen, deren Boden ein farbenprächtiger

Teppich bedeckt und wo an einem schweren Vorhang das Wappen des

Hauses in reicher Stickerei prangt, sitzt die Gräfin, in schwarze

Seide gekleidet; sie streichelt mit der Rechten einen mächtig großen

Hatzhund, der schmeichelnd seinen Kopf auf ihren Schoß legt, und zu

ihrer Linken steht ein kleiner Page in roter, goldgestickter Kleidung,

mit einem Falken auf der Faust; daß die Dame eine große Jagdfreundin

war, ist hiermit wohl deutlich genug gesagt; auch die fürstliche

Liebhaberei eines Hofnarren konnte sie sich gestatten: neben dem Hunde

steht der Zwerg und Spaßmacher in grün und gelber Tracht; hinter dem

Stuhl der Herrin aber steht der Graf Arundel selbst (Abb. 50).

[Illustration: Abb. 55. +Maria von Medici.+ Im Museum des Prado zu

Madrid.]

Mit dem Jahre 1620 lief der Waffenstillstand ab, während dessen die

Niederlande die Segnungen des Friedens ungestört genossen hatten;

in Deutschland war der Religionskrieg schon entbrannt, und die

erste Schlacht ward zu Gunsten des Kaisers und der Katholischen

entschieden. Die Welt verlangte das Bild des Siegers vom Weißen

Berge kennen zu lernen, und Rubens war es, der dasselbe für die

Kupferstichvervielfältigung malte. Wir sehen den Grafen Boucquoy im

Harnisch, mit Schärpe und Feldherrnstab, in einem Kranz von Lorbeer und

Eichenlaub, um den eine Fülle von allegorischen Gestalten den weiteren

Rahmen bildet; da liegen Städte und Flüsse gefesselt und niedergeworfen

neben dem Siegesaltar, ruhend steht die geflügelte Siegesgöttin mit

der Trophäe, Herkules mit seiner Keule -- das Sinnbild der Kraft --

tritt die Hydra und die Meduse nieder, Engel, welche den Meßkelch und

das päpstliche Doppelkreuz als Wahrzeichen des katholischen Glaubens

halten, bekränzen den kaiserlichen Adler, dem Genien des Krieges

und des Sieges die Palme und die Weltkugel darreichen (Abb. 51).

Während Rubens diese Kupferstichvorlage, die sich in der Ermitage zu

Petersburg befindet, sehr sorgfältig grau in grau gemalt hat, genügte

ihm in anderen Fällen für solchen Zweck eine Zeichnung, allenfalls

etwas mit Tusche angelegt; ein Beispiel ist das geistreich ausgeführte

Blatt in der Sammlung zu Weimar, welches einen Kriegsmann darstellt,

dessen Namen wir wohl gleichfalls unter denjenigen der Helden des

dreißigjährigen Krieges zu suchen haben (Abb. 52).

Im Jahre 1621 starb Erzherzog Albrecht. Unter den Bildnissen, welche

Rubens’ Meisterhand von diesem seinem Landesherrn hinterlassen hat,

sei das stolze Reiterbild in der Sammlung der Königin von England zu

Windsor -- eine Zeichnung dazu in der Louvresammlung -- noch besonders

erwähnt. Es scheint, daß Rubens damit beschäftigt war, eine Folge von

Ahnenbildern für seinen Fürsten zu malen, als dessen Tod diese Arbeit

unterbrach. Wenigstens erklärt sich so am leichtesten das Vorhandensein

der in Rubens’ Nachlaß gefundenen, jetzt im Hofmuseum zu Wien

befindlichen überlebensgroßen Bildnisse Karls des Kühnen und Kaiser

Maximilians I. Der Beschäftigung mit der Geschichte der Vorfahren

des Erzherzogs verdankte auch ein Gemälde (im Museum zu Madrid) sein

Entstehen, welches die mittelalterliche Erzählung von Rudolf von

Habsburg und dem Priester behandelt, die durch Schillers Ballade

unsterblich gemacht worden ist. Nicht ohne einen Anflug von Laune hat

Rubens den Vorgang aufgefaßt, wie der des Reitens unkundige Priester

auf dem mutigen Jagdroß des Grafen den Wildbach durchschreitet. Dieses

Bild ist wegen seines Gegenstandes merkwürdig; denn im allgemeinen

lag jener Zeit die Beschäftigung mit dem Mittelalter sehr fern. Aber

Rubens, der auf allen Gebieten zu Hause war, hat auch einmal ein großes

Turnier gemalt; das Museum des Louvre besitzt dieses durch den hohen

Reiz der Landschaft, in welcher das mittelalterliche Schloß mit seinem

Wartturm sich erhebt, ausgezeichnete Werk (Abb. 53). Die kaiserliche

Sammlung in Wien besitzt zwei überaus sorgfältig ausgeführte Gemälde,

welche ihre Vorwürfe aus Ariostos Rasendem Roland und aus Boccaccios

Decamerone schöpfen. Rubens’ Vielseitigkeit war eben unbeschränkt.

Zu dem Überraschendsten gehört in dieser Hinsicht eine Skizze in der

fürstlich Liechtensteinschen Sammlung, welche den Maler der ungestümen

Kraft und der Üppigkeit von einer fast sentimentalen Seite zeigt:

eine mit verhülltem Antlitz auf einem Schlachtfeld sitzende trauernde

Frauengestalt.

Rubens selbst hat sich darüber ausgesprochen, daß ein Auftrag ihm um

so mehr Freude mache, je abwechselungsreicher er sei; vor allem aber

legte er jetzt Wert darauf, sich in möglichst großem Maßstabe bewegen

zu können. Es handelte sich um Bilder, welche der Prinz von Wales von

ihm zu haben wünschte. In einem Brief, welchen der Meister hierüber an

den englischen Geschäftsträger in Brüssel, William Trumbull, am 13.

September 1621 schrieb, sagt er: „Ich wünschte, daß jene Malerei für

die Galerie Sr. K. H. des Prinzen von Wales von größeren Verhältnissen

wäre, da der Umfang des Bildes uns viel mehr Mut giebt, um gut und der

Wahrscheinlichkeit gemäß unseren Gedanken auszudrücken... Ich gestehe,

durch natürliche Anlage mehr geeignet zu sein, sehr große Werke zu

machen, als kleine Merkwürdigkeiten. Ein jeder hat seine Gabe; meine

Begabung ist die, daß niemals eine Aufgabe, möchte sie auch noch so

maßlos in Bezug auf Menge und Verschiedenartigkeit der Darstellungen

sein, meine Unternehmungslust überstiegen hat.“

[Illustration: Abb. 56. +Maria von Medici wird durch Prokuration

getraut.+ Skizze zu dem Gemälde der Medici-Galerie im Louvre, in

der kgl. Pinakothek zu München. Nach einer Photographie von Franz

Hanfstängl zu München.]

Eben im Jahre 1621 wurde ihm ein Auftrag geboten, der an Menge und

Verschiedenartigkeit der Darstellungen, wie auch hinsichtlich der Größe

der Verhältnisse nichts zu wünschen übrig ließ. Maria von Medici, die

Witwe König Heinrichs IV von Frankreich, war, nachdem sie sich mit

ihrem Sohne Ludwig XIII versöhnt hatte, nach Paris zurückgekehrt;

sie bezog das neuerbaute Palais des Luxembourg und beabsichtigte hier

eine große Galerie mit Gemälden zu schmücken, welche ihr eignes Leben

schildern sollten. Für diese Aufgabe ward Rubens ausersehen. Vermittler

waren der belgische Gesandte in Paris, Baron von Wicq, von welchem

Rubens ein treffliches Bildnis hinterlassen hat (im Louvre, Abb. 54)

und der Abbé Claude Magis von St. Ambroise. Für diesen letzteren Herrn

hat Rubens vielleicht das prächtige Gemälde angefertigt, welches den

h. Ambrosius darstellt, wie er zu Mailand dem Kaiser Theodosius den

Eintritt in die Kirche verweigert; die Herkunft dieses Bildes, welches

jetzt im Rubenssaal des kunsthistorischen Hofmuseums zu Wien neben den

großen Altargemälden aus Antwerpen prangt, ist gänzlich unbekannt;

aber es ist zweifellos um 1621 entstanden, und die Wahl jenes Heiligen

scheint auf den genannten Abbé hinzudeuten, dem Rubens sicherlich

sehr dankbar war für die Verschaffung eines so großen Auftrages nach

seinem Herzen. Dem Baron von Wicq bezeigte er seinen Dank durch das

Geschenk eines Madonnenbildes. Anfang 1622 befand sich Rubens in

Paris, um die Sache mit der Königin zu besprechen. Wahrscheinlich

malte er bei dieser Gelegenheit das schöne Bildnis derselben, welches

sich jetzt im Museum zu Madrid befindet (Abb. 55). Drei Jahre später

wurden die Bilder aus ihrem Leben, welche der Meister bis auf zwei

in Antwerpen unter Mitwirkung von Schülern malte, an ihrem Platze

aufgestellt; die beiden letzten führte er ganz eigenhändig an Ort und

Stelle aus, fast in beständiger Gesellschaft der Königin, welche

Gefallen daran fand, dem berühmten Mann bei der Arbeit zuzusehen und

sich mit ihm zu unterhalten. Der Inhalt der Gemälde ist folgender:

1) die Schicksalsgöttinnen bestimmen den Lebenslauf der toskanischen

Fürstentochter; 2) die Geburt der Maria von Medici; 3) ihre Erziehung;

4) Heinrich IV erblickt ihr Bild und beschließt, sich mit ihr zu

vermählen; 5) die Trauung durch Prokuration (Abb. 56); 6) die Landung

in Frankreich; 7) die Hochzeit; 8) die Geburt Ludwigs XIII; 9) der

Aufbruch Heinrichs IV in den deutschen Krieg; 10) Maria empfängt die

Königskrone; 11) Apotheose des ermordeten Königs; 12) die Regierung der

Königin; 13) ihre kriegerische Reise nach Pont de Cé (Abb. 57); 14) der

Austausch der zwei Bräute (der spanischen Infantin Anna von Österreich

und der französischen Prinzessin Elisabeth); 15) die Segnungen der

Regentschaft Marias; 16) sie übergiebt die Regierung ihrem Sohne Ludwig

XIII; 17) sie zieht sich nach Blois zurück; 18) sie entschließt sich,

dem Zwist mit ihrem Sohne auf friedlichem Wege ein Ende zu machen; 19)

der Friedensschluß (Abb. 58); 20) die Versöhnung zwischen Maria und

Ludwig XIII; 21) die Zeit enthüllt die Wahrheit. -- Als die Bilderreihe

vollendet war -- im Sommer 1625 --, fand die Bewunderung keine Grenzen.

Heute befinden die Gemälde sich nicht mehr im Luxembourg-Palast,

sondern im Museum des Louvre; die Skizzen zu denselben, mit Ausnahme

von dreien, besitzt die Münchener Pinakothek. Wenn heutzutage häufig

ein tadelndes Urteil über dieses große Hauptwerk des Meisters

ausgesprochen wird, weil in demselben Wirkliches und Unwirkliches,

Geschichtliches, Mythologisches und Sinnbildliches, Christliches und

Heidnisches bunt durcheinander gemengt erscheint, so ist das ein

großes Unrecht. In jener Zeit wäre es gar nicht denkbar gewesen, daß

das Leben einer Königin anders, als mit allegorischer Umkleidung und

mit dem Aufgebot aller Götter und Göttinnen des Olymps künstlerisch

verherrlicht würde. Eine realistische Auffassung, wie sie unserer Zeit

vielleicht als die einzig berechtigte erscheint, würde von jener Zeit

bedingungslos als kalt, langweilig, abgeschmackt verworfen worden sein.

Auch hätten die nüchternen Thatsachen aus dem Leben der Maria von

Medici bis zu dem Tage, wo sie sich mit ihrem Sohne wieder versöhnte,

selbst einem Rubens wohl schwerlich hinreichende Anregung gegeben, um

eine ganze lange Galerie mit lebensgroßen Gemälden in einigermaßen

erträglicher Abwechselung zu beleben.

Rubens(#60502) · 第 4 / 9 段