[Illustration: Abb. 38. +Der Engel des Herrn schlägt Sennacheribs

Heer.+ Federzeichnung in der Albertina zu Wien. (Nach einer Aufnahme

von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl., in Dornach i. Els.

und Paris.)]

Während der Meister, wie aus dem angeführten Verzeichnis hervorgeht,

seinem Schaffensdrange nachgebend, Bilder des verschiedensten

Inhalts nach freier Wahl entstehen ließ und zugleich seine Schüler

anwies, frühere Werke von ihm zu kopieren, überzeugt, daß die Käufer

sich schon einstellen würden, war er zu derselben Zeit unablässig

beschäftigt, bestellte Kirchengemälde auszuführen. Zu den um diese

Zeit entstandenen Kirchenbildern gehört das durch den Vorzug ganz

eigenhändiger Ausführung ausgezeichnete Altargemälde, welches, jetzt

im Museum zu Antwerpen befindlich, unter dem Namen „~Le Christ sur

la paille~“ weltberühmt ist. Die Mitteltafel stellt eine sogenannte

Pietà vor: der Leichnam des Heilandes ist auf eine Bank niedergelassen

worden, welche mit Stroh belegt ist (daher die übliche Bezeichnung des

Bildes); Joseph von Arimathia hält den Oberkörper des Toten aufrecht,

Maria Magdalena blickt ihn, die Hände faltend, tieferschüttert an, und

die Mutter Maria schickt sich, das schöne Antlitz mit ergreifendem

Ausdruck zum Himmel erhebend, an, das Haupt des geliebten Sohnes

mit dem Bahrtuche zu verhüllen. Auf den Flügeln sind in überaus

liebenswürdiger Auffassung einerseits die Jungfrau mit dem Kinde,

andererseits der von göttlicher Liebe erfüllte, begeistert aufwärts

schauende Evangelist Johannes dargestellt. Eine schöne Zeichnung zu

der Mitteltafel bewahrt die Handzeichnungensammlung der Albertina zu

Wien (Abb. 33). Auch das für die Barfüßerkirche gemalte, jetzt im

Museum zu Brüssel befindliche Bild der Himmelfahrt Marias, gleichfalls

eine eigenhändige Arbeit des Meisters, dürfte dieser, wenn nicht

schon einer früheren Zeit angehören. Im Jahre 1617 entstand das in

der St. Paulskirche, der ehemaligen Dominikanerkirche zu Antwerpen

befindliche Gemälde: die Geißelung Christi, das um der Schönheit

des Christuskörpers willen zu allen Zeiten gerühmt und bewundert

worden ist. -- Zwei Hauptwerke schuf Rubens für verschiedene Kirchen

von Mecheln. Für die dortige Johanniskirche wurde ihm Ende 1616 ein

Altarbild mit der Anbetung der heiligen drei Könige bestellt. Dieser

von Rubens früher schon einmal in großem Maßstabe und später noch öfter

behandelte Gegenstand war ein Vorwurf nach seinem Herzen; er fand hier

Gelegenheit zu reichster malerischer Prachtentfaltung, indem er die

Weisen mit allem Prunke morgenländischer Herrscher und mit glänzendem

Gefolge auftreten ließ. Unerschöpflich an Erfindungskraft, wußte der

Meister in der Bearbeitung dieses Stoffes immer neue und immer mächtig

anziehende Wirkungen zu erzielen. Von allen seinen Dreikönigsbildern

aber ist dasjenige in Mecheln vielleicht das schönste, zugleich das am

liebevollsten ausgeführte; es wird berichtet, daß der Meister selbst

stets mit Befriedigung von diesem seinem Werke gesprochen habe. Die

Stimmung des Ganzen ist eine freudig-festliche; in froher Erregung

huldigen die Fürsten dem Kindlein im Stalle, und das Gemälde wirkt

auf das Auge des Beschauers als ein wahres Farbenfest. Den Grundton

gibt der prächtigrote Mantel des mittleren Königs an, ihm entgegen

wirkt das blaue Gewand Marias; von dem Jesuskinde geht Licht aus und

überstrahlt den knieenden ältesten König, den aufrecht stehenden im

roten Mantel und den neugierig blickenden Negerfürsten, dem zwei

übermütige Pagen die Schleppe tragen, und eine ganze Menge von

Gesichtern sich drängender, von Verlangen, das gesuchte Kind erblicken

zu dürfen, erfüllter Leute. Die Flügel des Altars enthalten Bilder aus

der Geschichte des Täufers Johannes und aus derjenigen des Evangelisten

Johannes. Dieses Altargemälde befindet sich noch an seinem Platz; die

Gemeinde hatte den Stolz, dem Kardinal Richelieu, der 10000 Gulden für

die Flügel bot, mit einem entschiedenen Nein zu antworten. -- Ein Bild

ganz anderer Art aber, nicht minder bewunderungswürdig, ist dasjenige,

welches die Liebfrauenkirche zu Mecheln besitzt. Dasselbe wurde 1618

im Auftrage der Bruderschaft der Fischer gemalt, und zwar in der Zeit

von zehn Tagen. Es stellt den wunderbaren Fischzug des Petrus da. Hier

ist nichts von Pracht; wir sehen vielmehr derbe Fischergestalten, die

in ihrem Gewerbe sich abmühen, und einen bleigrauem Himmel, wie er so

häufig über der Nordsee lagert. Es ist ein packendes Wirklichkeitsbild,

und wir begreifen, warum Rubens bei jenem anderen Fischergemälde,

welches er in dem für Carleton angefertigten Verzeichnis aufführt,

besonders erwähnt, daß es nach dem Leben gemalt sei. Der Gegenstand

eben dieses Gemäldes, das Finden des Zinsgroschens im Maule des

Fisches, kommt auch unter den Flügelbildern des Altarwerks zu Mecheln

vor; das Gegenstück dazu ist die Darstellung, wie Tobias auf Geheiß des

Engels den heilkräftigen Fisch ans Land zieht. -- Wiederum ein ganz

anderes Gepräge trägt ein anscheinend der nämlichen Zeit angehöriges

Bild, welches Rubens für die Jesuitenkirche in Gent malte, jetzt im

Museum zu Brüssel: die Marter des heiligen Lävinus. Der Gegenstand

ist grausig, aber der Eindruck des Grausigen wird unterdrückt durch

die, man möchte sagen leidenschaftliche Wucht, mit welcher Engel

des Himmels herniederfahren, die strafende Blitze unter die Henker

schleudern und wildes Entsetzen verbreiten. -- So leidenschaftlich ist

auch die Gestalt des zornerfüllten Christus auf einem in dem nämlichen

Museum befindlichen Bilde, welches Rubens für die Franziskaner zu

Gent malte: die heilige Maria und der heilige Franziskus legen ihre

Fürbitte ein, daß der Herr die Welt noch mit seinem Strafgericht

verschone; so mächtig wie der Zorn der Gottheit, so eindringlich ist

das mitleidsvolle Bitten der Heiligen zum Ausdruck gebracht.

[Illustration: Abb. 39. +Sauls Bekehrung.+ In der kgl. Pinakothek zu

München. Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.]

[Illustration: Abb. 40. +Die Amazonenschlacht.+ In der kgl. Pinakothek

zu München. Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.]

Als Rubens mit dem englischen Gesandten im Haag wegen des Umtausches

von dessen Antiken gegen seine Gemälde verhandelte, erwähnte er im

Anschluß an den von Carleton geäußerten Wunsch, daß der Wertunterschied

durch den Ankauf von Brüsseler Wandteppichen ausgeglichen werden

möchte, beiläufig auch den Umstand, daß er selbst im Auftrage einiger

Edelleute aus Genua sehr reiche Entwürfe für Teppiche angefertigt

habe, die gerade in Brüssel gewirkt würden; in einem vierzehn Tage

später an Carleton geschriebenen Briefe kommt Rubens nochmals auf

diese Entwürfe zurück, und da erfahren wir, daß dieselben die

Geschichte des Decius Mus, des römischen Konsuls, der sich selbst

für den Sieg seines Volkes opferte, behandelten. Die hier erwähnten,

Anfang Mai 1618 bereits an die Weberei abgelieferten Entwürfe zu

Wandteppichen haben sich erhalten; sie befinden sich in der fürstlich

Liechtensteinschen Gemäldesammlung zu Wien. Wenn Rubens den Ausdruck

Entwürfe oder Vorzeichnungen -- Kartons -- gebraucht, so ist dies

in so fern ungenau, als es vielmehr ganz prachtvoll ausgeführte

Ölgemälde sind. Dem Teppichwirker hat der Meister die Arbeit dadurch

erleichtert, daß er die Bilder von vornherein links gemalt hat, d.

h. so, daß die Personen zum Beispiel die Waffen mit der linken Hand

führen, den Schild am rechten Arm tragen. Denn derjenige, der einen

Teppich wirkt, steht hinter dem Rahmen, über den er die Fäden spannt,

also auf der Rückseite des Teppichs, und wie sein Werk wird, sieht er

nicht unmittelbar unter seinen Händen, welche die Fäden durchziehen

und verknüpfen, sondern in einem gegenüberstehenden Spiegel. Ist nun

das Vorbild, wie es meistens geschieht, in richtigem Sinne gezeichnet

oder gemalt, so muß der Wirker dasselbe umkehren, d. h. was links ist,

rechts, und was rechts ist, links machen -- also ebenso verfahren wie

der Kupferstecher; zu diesem Behufe stellt er gewöhnlich das Vorbild

hinter sich, so daß er nicht unmittelbar nach demselben, sondern nach

dem Spiegelbild, welches der vor ihm stehende große Spiegel ihm zeigt,

arbeitet. Wer einmal aus dem Spiegel gezeichnet oder gemalt hat,

weiß, wie unbequem und wie anstrengend für die Augen dies ist. Rubens

verschaffte daher den Teppichwirkern eine sehr große Erleichterung,

indem er seine Vorbilder gleich umgekehrt -- „im Gegensinne“, wie

der Kunstausdruck lautet -- malte. Der Meister verteilte den aus der

bekannten Erzählung des Livius geschöpften Stoff in sechs gewaltige

Kompositionen von vielen lebensgroßen Figuren. Im ersten Bilde sehen

wir, wie der Konsul Decius von einem erhöhten Standpunkte aus dem

Heere, das durch die versammelten Feldzeichenträger vertreten ist,

die ihm im Traume zu teil gewordene Schicksalsoffenbarung erzählt,

daß von den beiden einander gegenüberstehenden Heeren dasjenige die

Schlacht gewinnen sollte, das seinen Anführer verlöre. Das zweite Bild

zeigt uns, wie die Priester in feierlicher Handlung die Opferzeichen

erforschen und erkennen, daß die Sache der Römer schlecht stehe.

Daraufhin beschließt Decius, sich den Todesgöttern zu opfern; das

dritte Bild, vielleicht das machtvollste und ergreifendste der ganzen

Reihe, führt den Helden vor, wie er im Schatten prächtiger Buchen vom

Priester die Todesweihe empfängt. Der vierte Akt des Dramas zeigt den

Geweihten, wie er, des jetzt überflüssig gewordenen Schildes entledigt,

sein stolzes Streitroß besteigt; mit einer vornehmen Bewegung der

Hand und einem Blick heiliger Entschlossenheit verabschiedet er seine

Liktoren, daß sie sich zu seinem Amtsbruder begeben, da er, als ein

Toter, ihrer nicht mehr bedarf; eine wundervolle Abendsonnenstimmung

läßt uns fühlen, daß der heiße Tag sich zu Ende neigt. Das nächste Bild

bringt die Entscheidung: über einem Hügel von Leichen sinkt Decius

unter den Hieben und Stichen latinischer Reiter vom Roß, sein zum

Himmel gewendeter Blick zeigt, daß er mit Freuden stirbt, da er den

Willen der Gottheit erfüllt und sein Volk gerettet hat; -- in demselben

Augenblick wird das Kampfesringen der Römer von Erfolg gekrönt, und

die Latiner wenden sich zur Flucht (Abb. 37). Damit ist das von Rubens

so großartig und wirkungsvoll ausgearbeitete Trauerspiel zu Ende. Das

sechste Bild giebt sozusagen nur noch ein glänzendes Schlußschaustück:

man sieht die aufgerichteten Siegestrophäen, die Aufhäufung der Beute

und das Herbeischleppen der Gefangenen, und im Vordergrunde liegt auf

prächtiger Bahre, mit dem Purpurmantel und dem Lorbeerkranz geschmückt,

der tote Sieger.

[Illustration: Abb. 41. +Die Kommunion des h. Franziskus.+ Im Museum zu

Antwerpen.]

[Illustration: Abb. 42. +Kinderköpfchen+ (der kleine Nikolaus Rubens).

Handzeichnung in der Albertina zu Wien. (Nach einer Aufnahme von Ad.

Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl., in Dornach i. Els. und

Paris.)]

[Illustration: Abb. 43. +Maria, die Zuflucht der Sünder.+ In der kgl.

Galerie zu Kassel. Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in

München.]

[Illustration: Abb. 44. +Christus und die Sünder.+ In der kgl.

Pinakothek zu München. Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in

München.]

Rubens verschmähte es, ungeachtet des unerschöpflichen Reichtums seiner

Erfindungsgabe, nicht, sich gelegentlich selbst zu wiederholen, indem

er bei dieser oder jener Darstellung eine frühere Komposition benutzte,

um daraus mit den durch den veränderten Gegenstand gebotenen Änderungen

ein neues Werk zu schaffen; und das Merkwürdige dabei war, daß dieses

neue Werk dann doch wieder eine in sich so einheitliche Schöpfung

wurde, als ob es ganz und gar nur aus dem gegebenen Gegenstande hätte

hervorwachsen können. So kann es nichts Abgerundeteres geben, als

die ihren Inhalt so kurz und treffend erzählende Komposition in der

Folge der Deciusbilder, welche den Tod des Helden schildert. Und doch

ist dieses Bild gewissermaßen ein Auszug aus einer figurenreicheren

Komposition, welche einen ganz anderen Stoff behandelt, aus dem

prachtvollen, in kleinerem Maßstab ausgeführten Gemälde der Münchener

Pinakothek: die Niederlage des Königs Sennacherib. Wie die Engel des

Herrn aus nächtlichen Wolken hervorbrechen und Tod und Verwirrung

unter die Reiterscharen des Assyrerkönigs schleudern, ist da mit

einer unvergleichlichen Großartigkeit geschildert (Abb. 36). Hier ein

göttliches Strafgericht, dort der Opfertod eines Helden, das eine wie

das andere mit der höchsten Meisterschaft packend und erschöpfend zur

Anschauung gebracht -- und doch als Komposition das eine von beiden

aus der Grundlage des anderen entstanden! Eine andere Bearbeitung des

dankbaren Stoffes vom Untergang des Assyrerheeres vor Jerusalem zeigt

eine reizvolle, flüchtig entworfene Federzeichnung in der Sammlung der

Albertina (Abb. 38). Die Münchener Pinakothek besitzt als Gegenstück zu

der Niederlage Sennacheribs ein augenscheinlich zu der nämlichen Zeit

-- also wohl kurz vor 1618 -- entstandenes Bild: die Bekehrung des

Saulus. Mit einer unbeschreiblichen Lebendigkeit, einer unmittelbaren

Glaubhaftigkeit ist auch hier das plötzliche Hereinbrechen eines

Ereignisses, gegen das es keinen Widerstand giebt, geschildert; das

jäh aufleuchtende Himmelslicht wirft die Pferde in wildem Schrecken

durcheinander, den Menschen raubt die überirdische Erscheinung die

Fassung, und wie vom Blitz getroffen ist Saulus zu Boden gestürzt,

zum Entsetzen der wenigen sorglichen Begleiter, die sich noch um ihn

bekümmern (Abb. 39). Neben dem ausgeführten Bild befindet sich in der

Münchener Pinakothek auch die erste Skizze zu demselben; sie zeigt,

wie klar der Meister seinen Gedanken von vornherein feststellte. --

Die Wiedergabe wildbewegten Getümmels von Menschen und Rossen war

für Rubens gerade in dieser Zeit eine Herzenslust. Sein berühmtestes

derartiges Werk ist die gleichfalls in der Pinakothek zu München

befindliche Amazonenschlacht; die Entstehungszeit desselben ist

festgestellt durch den Umstand, daß der Meister im Jahre 1622 an einen

Bekannten schrieb, daß der Kupferstecher Lukas Vorstermann den Stich

des Bildes seit drei Jahren unter den Händen habe. Wie die beiden

letzterwähnten, ist auch dieses Gemälde in verhältnismäßig kleinem

Maßstabe mit der größten Liebe ausgeführt. Es erinnert im allgemeinen

einigermaßen an Leonardo da Vincis Anghiarischlacht, die Rubens ja in

Mailand abgezeichnet hatte, und zugleich an Rafaels Konstantinschlacht;

dennoch ist das Ganze das echte Kind Rubensschen Geistes. Auf einer

schmalen Brücke versuchen die kriegerischen Jungfrauen mit letzter

Anstrengung dem Anprall der von Theseus geführten Reiter standzuhalten;

da wird noch mit heißer Leidenschaft gekämpft, den Pferden selbst

scheint sich der Kampfeszorn der Menschen mitgeteilt zu haben. Aber

schon ist die Niederlage der Amazonen entschieden. Vergeblich sucht

die Bannerträgerin die Fahne zu retten, die ein Griechenjüngling ihr

zu entreißen strebt; sie wird mitsamt dem Feldzeichen, das sie mit

schwindenden Kräften umklammert, vom bäumenden Pferde gezogen. Rosse

und Reiterinnen stürzen hinab in den Fluß, in schwerem Aufschlag die

Wogen emportreibend; herrenlos gewordene Pferde jagen davon. Neben der

Brücke sprengen wilde Reiterinnen, am Widerstand verzagend, über die

Leichen ihrer Genossinnen hinweg ins Wasser, wo andere sich schon durch

Schwimmen zu retten suchen. In der Ferne leuchtet Feuerschein, und die

Glut des Brandes rötet den lichten Himmel (Abb. 40).

Im Auftrage eines Herrn Kaspar Charles malte Rubens im Jahre 1619 ein

großes Altarbild für die Minoritenkirche zu Antwerpen: der h. Franz

von Assisi empfängt sterbend das Abendmahl. Es war für den Maler der

Üppigkeit, der auch die Heiligen in die blühende Schönheit voller

Formen und die farbenfrohe Pracht glänzender Seidengewänder zu kleiden

liebte, keine leichte Aufgabe, sich in die Wiedergabe weltfremden

abgetöteten Mönchtums zu versenken. Doch wußte der alles beherrschende

Künstler auch diese Aufgabe zu lösen. Im allgemeinen Ausbau der

Komposition schloß er sich an ein berühmtes Vorbild verwandten Inhalts,

an Domenichinos im Vatikan befindliche Kommunion des h. Hieronymus, an.

Der Herrscher im Reich der Farben übte sich gleichsam selbst in der

Entsagung, indem er auf alle Farbenpracht verzichtete und das Gemälde

aus einem düster braunen Ton heraus schuf. Der im Formenreichtum zu

schwelgen gewöhnte Meister legte hier das ganze Gewicht der Darstellung

in den seelischen Ausdruck; von diesem Standpunkt aus will das

Gemälde betrachtet sein, und von diesem Gesichtspunkt aus ist der

nackte Heilige, der nicht mehr Herr seiner Glieder ist, der durch die

Unterstützung zweier Mitbrüder mühsam in knieender Stellung gehalten

wird, der „nur noch lebt, um die Kommunion zu empfangen“, in der That

ein hohes Meisterwerk, wohl würdig des großen Ruhmes, den das Gemälde,

welches sich jetzt im Museum zu Antwerpen befindet, immer genossen hat

(Abb. 41).

[Illustration: Abb. 45. +Die Töchter des Kekrops und das Kind

Erechthonios.+ In der fürstlich Liechtensteinschen Bildergalerie zu

Wien. (Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie.

Nchfl., in Dornach i. Els. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 46. +Die vier Weltteile.+ In der kaiserl.

Gemäldegalerie zu Wien. Photographie von J. Löwy in Wien.]

Unter den zahlreichen Madonnenbildern des Meisters, welche

Maria mit dem Jesuskinde bald allein, bald in mehr oder weniger

zahlreicher Umgebung von Heiligen zeigen, befindet sich ein besonders

ansprechendes, das im Jahr 1619 entstanden sein muß. Man erkennt in

der Ausführung desselben die Mitwirkung von Rubens’ bestem Schüler,

Anton van Dyck, der von 1618 bis 1620 in der Werkstatt des Meisters

arbeitete und fast schon anfing, mit diesem an Berühmtheit zu

wetteifern. Das Bild befindet sich in der Gemäldegalerie zu Kassel

(ein anderes, nur wenig davon verschiedenes Exemplar in der Ermitage

zu Petersburg) und stellt die Mutter-Gottes als Zuflucht der Sünder

dar. Vor dem Thron der Jungfrau, die mit der Rechten den auf ihrem

Schoße stehenden Jesusknaben hält, die Linke leicht auf die Schulter

des seitwärts stehenden kleinen Johannes lehnt, hat der verlorene Sohn

sich niedergeworfen, neben ihm kniet Magdalena, die mit glühender

Innigkeit zu dem Christuskind aufblickt und mit ihren schönen Händen

den entblößten Busen bedeckt, und an diese reiht sich -- nicht minder

vortrefflich im Ausdruck -- der König David; hinter diesen biblischen

Gestalten nahen Vertreter der Büßerorden, der h. Dominicus und der

h. Franziskus, dem Thron, neben König David steht ein Bischof, der

h. Augustinus, und weiter zurück der heilige Ritter Georg mit der

Fahne (Abb. 43). In dem Kopf der dunkelhaarigen Maria mag man eine

entfernte, vom Künstler wohl schwerlich beabsichtigte Ähnlichkeit

mit Isabella Brant erkennen; zweifellos aber ist das Jesuskind das

getreue Abbild von Rubens’ zweitem Söhnchen, das im März 1618 zur Welt

kam. Dieser Knabe, der von seinem Paten, dem Marchese Pallavicini in

Genua, den Namen Nikolaus erhielt, scheint der besondere Liebling des

Vaters gewesen zu sein; ein köstlich skizziertes Bildnisköpfchen des

etwa Zweijährigen besitzt das Museum zu Berlin; nicht minder reizend

tritt uns das hübsche Gesichtchen in noch zarterem Alter entgegen in

einer Zeichnung der Albertina, die augenscheinlich als Studie zu dem

Jesuskind des Kasseler Bildes gedient hat (Abb. 42). -- Dem genannten

Gemälde inhaltlich verwandt und sicher auch um dieselbe Zeit entstanden

ist ein schönes Bild in Halbfiguren, welches sich in der Pinakothek zu

München befindet: der Heiland vergiebt den reuigen Sündern. Wunderbar

ist hier der Ausdruck der Köpfe, sowohl bei dem Christus, der die Milde

und Barmherzigkeit selbst ist, als auch bei den Bußfertigen -- es sind

Maria Magdalena, der gute Schächer, Petrus und David (Abb. 44).

Die eigentümlich ansprechende, in Haut und Haar gleichsam von eignem

Licht erfüllte, weiche und volle Frauengestalt, welche Rubens immer

und immer wieder als Magdalena malte, erscheint in ganz anderer

Auffassung, als mythologisches Wesen, in dem reizvollen Gemälde in

der fürstlich Liechtensteinschen Sammlung, welches die Töchter des

Kekrops mit dem Kinde Erechthonios vorstellt. Hier zeigt sie uns als

eins der beiden neugierigen Mädchen, welche entgegen dem Gebot der

Pallas Athene das Körbchen, in dem der Knabe mit einer Schlange liegt,

öffnen, die unverhüllte Formenfülle ihres weißen Rückens. Die bei der

Gebotsübertretung unbeteiligte Schwester, die seitwärts unter einem

Baume steht, ist mit ihrem straffen Körper eine der mädchenhaftesten

und darum ansprechendsten weiblichen Gestalten, welche Rubens

geschaffen hat (Abb. 45). Diese unbekleidete Gestalt, deren Kopf und

Schultern ein sonnig durchleuchteter Schatten einhüllt, erinnert

auffallend an die weibliche Hauptfigur auf dem vielumstrittenen

großen Gemälde im Berliner Museum: Neptun und Amphitrite (oder Neptun

und Libye). Auch auf diesem Gemälde, das übrigens dem Bilde der

Kekropstöchter an künstlerischem Reiz sehr weit nachsteht, wird der

blonde Magdalenenkopf sichtbar; er gehört einer mit dem Körper im

Wasser verborgenen Nymphe an und ist wohl der anziehendste Punkt auf

der ganzen umfangreichen Leinwand. Das Berliner Bild, bei dem vor

einigen Jahren die Frage nach der Echtheit, die von den einen ebenso

leidenschaftlich bestritten, wie von den anderen verteidigt wurde, die

Gemüter der Kunstverständigen mehr als nötig erhitzt hat, erinnert

zugleich in manchen Zügen an das prächtige Gemälde im kunsthistorischen

Hofmuseum zu Wien, welches die vier Weltteile durch die Verkörperung

der Hauptströme von Europa, Asien, Afrika und Amerika darstellt. Jedem

der vier Flußgötter ist eine Nymphe beigesellt; im Vordergrunde ruht

der alte Nil, dessen Nymphe eine Negerin ist, und dem zur weiteren

Kennzeichnung ein von Putten umspieltes Krokodil -- nach antikem

Vorbild -- beigegeben ist; ihm gegenüber lagert der Ganges, durch eine

bengalische Tigerin, die das Krokodil grimmig anfaucht, gekennzeichnet;

die beiden anderen Flußgötter, Donau und Marañon -- der letztere, weil

damals noch wenig erforscht, in Schilf und Schatten halb verborgen --

erscheinen jugendlicher als ihre Genossen aus den uralten Kulturländern

(Abb. 46).

Rubens(#60502) · 第 3 / 9 段