Über Rubens’ tägliche Lebensweise hat sein Neffe Philipp Nachrichten

hinterlassen. Im Sommer und Winter ging Rubens, der um 5 Uhr

aufzustehen pflegte, jeden Morgen in die Frühmesse; erst in späteren

Jahren wurde er bisweilen durch die Gicht hieran verhindert. Aus der

Kirche zurückgekehrt, begab er sich sofort an die Arbeit, wobei

ihm stets ein Vorleser zur Seite saß, der aus irgend einem Buche

-- Plutarch und Seneca werden besonders namhaft gemacht -- vorlas;

der Meister besaß die Gabe, zuhören zu können, ohne dadurch von

der Aufmerksamkeit auf seine Arbeit abgelenkt zu werden. Weiter

wird berichtet, daß er im Essen und Trinken sehr mäßig war und daß

seine regelmäßige Erholung nach Schluß der Tagesarbeit, die nur

ein kurzes, einfaches Mahl unterbrach, in Spazierritten bestand,

die er gegen Abend auf einem seiner schönen spanischen Rosse

unternahm. Die Abendstunden waren gastlicher Geselligkeit gewidmet;

er besaß zahlreiche ihm wirklich nahestehende Freunde, besonders in

Gelehrtenkreisen. In seinem Hause war, nach den Worten eines seiner

Lebensbeschreiber, alles geordnet wie in einem Kloster.

[Illustration: Abb. 23. +Der Früchtekranz.+ In der kgl. Pinakothek zu

München. Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.]

[Illustration: Abb. 24. +Die Beweinung Christi.+ Im kais. Hofmuseum zu

Wien. Nach einer Photographie von J. Löwy in Wien.]

[Illustration: Abb. 25. +Zwei Satyrn.+ In der kgl. Pinakothek zu

München. Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.]

Im Jahre 1612 malte Rubens im Auftrage seines Freundes Balthasar

Moretus für das Grabmal von dessen Vater in der Kathedrale zu Antwerpen

das noch auf seinem Platze befindliche Bild der Auferstehung Christi,

mit Figuren von Heiligen und Engeln auf den Flügeln. Die kirchliche

Malerei war zweifellos in jener Zeit der wichtigste Zweig von Rubens’

Thätigkeit. Nebenher aber fand er Zeit zu den mannigfaltigsten

Schöpfungen anderer Art. Daß er gelegentlich Bildnisse malte, versteht

sich von selbst (Abb. 17 das Bildnis eines Unbekannten aus der Zeit

von 1609-1610). Vor allem aber erging sich seine Phantasie mit Lust in

der antiken Mythologie. Rubens hätte nicht zu den Gebildeten seiner

Zeit gehört, wenn er in den griechisch-römischen Göttergeschichten

nicht ebenso bewandert gewesen wäre, wie in der biblischen Geschichte.

Zu den glücklichsten seiner mythologischen Schöpfungen gehören zwei

verschiedene, anscheinend in der Zeit von 1610 bis 1615 entstandene

Darstellungen der Befreiung der Andromeda durch Perseus. Das eine

dieser Bilder befindet sich in der Ermitage zu Petersburg. Auf dem

Hintergrund einer finstern Felsenwand schreitet der Held, dem eine

Siegesgöttin den Lorbeer auf das lockige Haupt setzt, auf die befreite

Jungfrau zu; schalkhafte Liebesgötter umgaukeln die jugendlich straffe

Gestalt, sie gesellen sich zu der schwebenden Viktoria, sie machen sich

mit dem Flügelroß, einem feurigen Schecken, und mit dem schreckhaften

Gorgonenschild zu schaffen; im Vordergrund sieht man ein Stück des

getöteten Ungeheuers hervorblicken, ein untergeordnetes Etwas, das

den festlichen Eindruck der liebesfreudigen Komposition nicht stört

(Abb. 18). Fast noch schöner ist das andere, im Berliner Museum

befindliche Bild. Zwar ist die Gestalt der Andromeda hier nicht ganz

so ansprechend wie dort; dafür aber sind die Liebesgöttter, namentlich

diejenigen, welche auf der breiten Kruppe des Rosses -- hier ist es

ein Apfelschimmel -- spielen, noch reizender als dort; dazu vertieft

sich hier die Landschaft, und man sieht an den Felsen vorbei auf die

dunkelfarbige Luft und das tiefblaue Meer, in dem sich zwischen Klippen

das Ungetüm in seinen letzten Zuckungen windet. Die großen Massen

der Landschaft, das stolze Roß, die blitzende Rüstung des Helden,

die leuchtende Mädchengestalt und die köstlichen Kinderfigürchen

bilden zusammen ein wunderbares Gedicht, das in unvergleichlichem

Farbenwohllaut zusammenklingt (Abb. 19). Rubens war von jeher ein

Meister in der Wiedergabe lieblicher Kindergestalten. Im Jahre 1611

schenkte ihm Isabella Brant ein Töchterchen. Der Anblick des eigenen,

sich in blühender Gesundheit entwickelnden Kindes mochte ihn besonders

anregen, den Reiz des Kinderkörperchens aufzufassen und wiederzugeben.

Ein Studienblatt in der Albertina ist ganz bedeckt mit schnell

gezeichneten Engelchen in den verschiedensten Bewegungen (Abb. 20). Das

sind vielleicht Studien zu dem um jene Zeit entstandenen entzückenden

Gemälde: Maria mit dem Jesusknaben, umgeben von den unschuldigen

Kindlein (Abb. 21), ursprünglich zweifellos ein Altarbild, jetzt in

der Sammlung des Louvre befindlich. Eine Reihe der köstlichsten

Kinderfiguren hat Rubens in dem Bilde vereinigt, welches mit dem Namen

„der Früchtekranz“ bezeichnet wird (in der Münchener Pinakothek) (Abb.

23). Die zu einem reichen Gehänge zusammengebundenen Früchte, welche

diese holdseligen Geschöpfchen schleppen, verdanken ihre feine und

sorgfältige Ausführung vielleicht dem Jan Breughel („Sammetbreughel“),

der mit Rubens durch die innigste Freundschaft verbunden war. Eine

gleichartige Zusammenstellung von Kindern und Früchten finden wir in

einer kostbaren Skizze, welche die Ermitage zu Petersburg bewahrt:

das Standbild der Ceres; da sind die prächtigen kleinen Liebesgötter

bemüht, die Nische, welche das Bild der nahrungspendenden Göttin

einschließt, mit dicken Fruchtschnüren zu schmücken (Abb. 22).

Möglicherweise ist diese schöne Skizze der Entwurf zu einem Titelblatt,

wie Rubens deren seit 1613 viele für die bei seinem Freunde Balthasar

Moretus erscheinenden Werke anfertigte. Tüchtige Kupferstecher, welche

die Rubensschen Entwürfe, mochten sie gemalt oder gezeichnet sein,

mit dem Stichel auf der Platte ausarbeiteten, waren in ansehnlicher

Zahl vorhanden. Auch die meisten seiner Gemälde wurden durch Stiche

vervielfältigt. Die Kupferstecherkunst, die in dieser Zeit in den

Niederlanden die augenfälligsten Fortschritte machte, lernte von der

Malerkunst des Meisters. Auch die niederländische Holzschneidekunst

schulte und vervollkommnete sich an der Wiedergabe seiner Werke.

[Illustration: Abb. 26. +Faunus und Diana (die Gaben des Herbstes).+ In

der kgl. Gemäldegalerie zu Dresden. (Nach einer Aufnahme von Ad. Braun

& Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl., in Dornach i. Els. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 27. +Die Gefangennahme Simsons.+ In der kgl.

Pinakothek zu München. Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in

München.]

Wenn wir uns nach Gemälden von Rubens mit Jahresangabe umsehen, so

finden wir von 1613 in der Gemäldegalerie zu Kassel ein mythologisches

Bild, Jupiter und Kallisto; von 1614 in derselben Sammlung ein

kostbares kleines Nachtstück, die Flucht nach Ägypten, das seine

Entstehung sichtlich der Erinnerung an ein Bildchen des Frankfurters

Adam Elsheimer, den Rubens in Rom gekannt hatte, verdankt. Die

Jahreszahl 1614 trägt auch ein mit äußerster Vollendung durchgeführtes

kleines Bild im Hofmuseum zu Wien: die Beweinung Christi; der in

starker Verkürzung gesehene Leichnam ruht mit den Schultern im Schoße

der Mutter, die mit sorglicher Hand die starren Augenlider des Toten

zudrückt; seinen rechten Arm hat Magdalena, des Malers schöner

Liebling, aufgenommen, ihr gegenüber knieen andere klagende Frauen,

und die empfindungsvolle Gestalt des Johannes steht in der Mitte neben

der Mutter Maria (Abb. 24). Das Museum zu Antwerpen besitzt eine

größere Wiederholung dieses Bildes mit landschaftlichem Hintergrund

vom Sammetbreughel. -- Übrigens sind die Jahreszahlen selten auf

Rubens’ Bildern; sie thun auch nicht viel zur Sache; die Kraft des

Meisters war, als er sich in Antwerpen niederließ, so reif entwickelt,

und er blieb sich selbst sein Lebenlang so gleich, daß es bei manchen

seiner Bilder gar schwierig, wenn nicht unmöglich ist, ihre

Entstehungszeit auch nur einigermaßen genau zu bestimmen.

[Illustration: Abb. 28. +Meleager und Atalanta.+ In der kgl. Pinakothek

zu München. Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.]

Die Mythologie lieferte ihm unerschöpflichen Stoff. Gern entnahm er

ihr wild bewegte Vorwürfe, wie die Entführung der Orithyia durch

den Sturmesgott Boreas (in der Kunstakademie zu Wien) oder den Raub

der Töchter des Leukippos durch die Dioskuren (in der Münchener

Pinakothek). Mit besonderer Vorliebe aber bewegte er sich in den

Kreisen, welche sich um Diana und Bacchus gruppieren. Die ungezügelten

Wald- und Feldgötter schilderte er mit Lust und Laune (Abb. 25),

ihr ausgelassenes Treiben, ihre schrankenlose Hingabe an Wein und

Liebe malte er mit wahrer Ausgelassenheit; bald gesellte er ihnen

üppige Bacchantinnen gleichen Schlages, bald stellte er ihnen halb

spröde, anmutige Nymphen gegenüber, häufig auch brachte er sie mit

der keuschen Jagdgöttin selbst in wirkungsvollen Gegensatz (Abb. 26).

Wiederholt behandelte Rubens die Sage von Meleager und Atalante,

die ihm gleichfalls die gern gesuchte Gelegenheit bot, durch die

Nebeneinanderstellung weiblichen Reizes und übervoller männlicher

Kraft zu wirken; die Kasseler Gemäldegalerie besitzt eine vorzüglich

schöne Darstellung -- in lebensgroßen Halbfiguren -- wie Meleager der

schönen Jägerin den borstigen Kopf des erlegten kalydonischen Ebers

überreicht, während in der Ferne die Furie der Mißgunst heranzieht;

in der Münchener Pinakothek befindet sich eine andere Bearbeitung des

nämlichen Gegenstandes, welcher die prächtigen Windhunde und die schöne

Landschaft noch besonderen Reiz verleihen (Abb. 28). -- Seltener als

zu mythologischen griff der Meister zu alttestamentlichen Stoffen,

um seinem Schaffensdrang Genüge zu thun. Von den Bildern dieser Art

seien die wirkungsvolle Skizze: Esther vor Ahasver -- Entwurf zu

einem Deckengemälde, in der Wiener Kunstakademie, und das prachtvoll

lebendige Bild: Simson und Delila, in der Pinakothek zu München (Abb.

27) erwähnt.

[Illustration: Abb. 29. +Eine Dame mit ihrem Kinde+, wahrscheinlich

Isabella Brant mit dem kleinen Albert Rubens. In der kgl.

Gemäldegalerie zu Dresden. (Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co.,

Braun, Clément & Cie. Nchfl., in Dornach i. Els. und Paris.)]

Im Jahre 1614 schenkte Isabella Brant ihrem Gatten den ersten Sohn.

Erzherzog Albrecht hob den Knaben aus der Taufe, der nach ihm den

Namen erhielt. In dem schönen Bild einer Dame mit einem reizenden,

etwa einjährigen Kind auf dem Schoß, welches die Dresdener Galerie

besitzt (Abb. 29), dürfen wir wohl die Bildnisse von Frau Isabella,

deren Gesicht um diese Zeit schon spitz zu werden begann, und von

dem kleinen Albert Rubens erblicken, ungeachtet der Schwierigkeit,

welche das im Hintergrund angebrachte Wappen der Deutung bereitet.

Ganz zweifellos aber sehen wir in einem allerliebsten Kinderköpfchen

in der Liechtensteinschen Sammlung in Wien das Bild von Rubens’ erstem

Töchterchen vor uns; mit den etwas schräg stehenden, hell blickenden

Augen und dem freundlichen Mund ist die Kleine der Mutter wie aus dem

Gesicht geschnitten (Abb. 30).

[Illustration: Abb. 30. +Kinderkopf+ (Rubens’ erstes Töchterchen). In

der fürstlich Liechtensteinschen Bildergalerie zu Wien. (Nach einer

Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl., in Dornach

i. Els. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 31. +Die Löwenjagd.+ In der kgl. Pinakothek in

München. Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.]

Die sich immer steigernde Menge der Bestellungen zwang den Meister,

die Hilfe seiner Schüler bei der Ausführung, namentlich der größeren

Gemälde und der oft bestellten Wiederholungen, in reichlichem Maße

in Anspruch zu nehmen; er selbst überarbeitete dann die Werke in

mehr oder weniger eingehender Weise und drückte ihnen so den Stempel

seines Geistes auf. Die Schüler arbeiteten sich, so gut es eben die

Begabung eines jeden zuließ, in die Art und Weise des Meisters ein.

Sein mächtiger Einfluß wirkte aber nicht bloß auf die jungen Leute, die

zu ihm kamen, um von ihm zu lernen, sondern auch auf fertige Maler,

seine Altersgenossen und selbst auf seine ehemaligen Lehrer. Mit den

ihm befreundeten Malern verband er sich häufig zu gemeinschaftlichen

Werken. Namentlich arbeitete er, außer mit dem schon erwähnten

Johann Breughel, gern mit dem ihm im Alter nahestehenden Franz

Snyders (geboren 1579 zu Antwerpen), dem unübertrefflichen Tiermaler,

zusammen. In den Gemäldesammlungen von Dresden und München z. B. finden

wir lebensprühende Eberjagden, die das gemeinschaftliche Werk von

Rubens und Snyders sind. Indessen war es dem Meister keineswegs eine

Notwendigkeit, sondern nur eine Arbeitsentlastung, ein Zeitgewinn, wenn

er bei Tierdarstellungen den Freund zur Hilfe heranzog. Er selbst war

ein Tiermaler allerersten Ranges. Keiner hat so wie er das Pferd in

den wildesten Bewegungen aufzufassen verstanden; er schwelgte förmlich

in der Schönheit des edlen andalusischen Rosses, das damals für den

Kriegs- und Jagdgebrauch vorzugsweise beliebt war; gelegentlich aber

verschmähte er es auch nicht, nach dem plumpen vlämischem Pferde eine

Studie zu zeichnen (Abb. 32). Ebenso meisterhaft malte er die Hunde;

besonders sagten die schönen gefleckten Wolfswindhunde seinem Geschmack

zu, welche die großen Herren sich für ihre Hetzjagden hielten. Einen

mächtigen Reiz übten auch die königlichen Raubtiere auf ihn aus, die

er in Tiergärten und in den Buden der Tierbändiger zu sehen gerade

in Antwerpen reichliche Gelegenheit hatte; die Farbenschönheit

des bengalischen Tigers hat er in manchem Gemälde verwertet, und

den Löwen machte er häufig zur Hauptfigur seiner Darstellungen.

Studienzeichnungen nach Löwen sind in Menge von ihm vorhanden. Es

wird erzählt, daß er einmal durch einen herumziehenden Tierbändiger

einen prächtigen Löwen in seine Werkstatt bringen ließ und den Mann

durch eine reiche Belohnung veranlaßte, das Tier durch Kitzeln an

den Kinnladen zum Gähnen zu bringen, damit er den geöffneten Rachen

studieren konnte; indessen ließ der Löwe sich dieses Spiel nicht lange

gefallen, sondern mußte weggeführt werden, weil er gefährliche Mienen

machte; es wird hinzugefügt, daß derselbe kurze Zeit nachher seinen

Wärter zerrissen habe. -- Das schönste Löwenbild besitzt die Münchener

Pinakothek; Rubens malte dasselbe um 1616 für den Herzog von Bayern.

Sieben Männer, vier zu Roß und drei zu Fuß, haben einen Löwen und eine

Löwin angegriffen, einer der Männer liegt schon tot am Boden, ein

anderer kämpft verzweifelt mit der Löwin, die ihn niedergeworfen hat;

hoch auf bäumt sich der Schimmel eines weiß gekleideten Mauren, an

der Schulter von der Pranke des Löwen verwundet, der den verzweifelt

aufschreienden Reiter im Sprunge herabgerissen hat; die Männer hauen

und stechen, die Rosse steigen und schlagen, -- es ist ein prachtvolles

Bild des wildesten Lebens (Abb. 31).

[Illustration: Abb. 32 +Pferdestudie.+ Handzeichnung in der Albertina

zu Wien. (Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément &

Cie. Nchfl., in Dornach i. Els. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 33. +Die Beweinung Christi.+ Entwurf zu dem im

Antwerpener Museum befindlichen Altargemälde, in der Sammlung der

Albertina zu Wien. (Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun,

Clément & Cie. Nchfl., in Dornach i. Els. u. Paris.)]

Um 1616 erhielt Rubens von dem Pfalzgrafen von Neuburg den Auftrag,

für die Kirche zu Neuburg ein Jüngstes Gericht zu malen. Diesen

großartigsten aller Vorwürfe hat Rubens einmal in zwei getrennten

Darstellungen behandelt, die sich beide in der Münchener Pinakothek

befinden. Der Künstler läßt das Richterwort, welches die Begnadigten

von den Verworfenen scheidet, schon gesprochen sein; auf dem einen

Bilde steigt die Schar der Seligen gleich einer dichten Rauchwolke zum

Himmel empor, wo in ferner Höhe der Weltenrichter auf dem Regenbogen

thront; in widerstrebenden Massen zusammengeballt, die wie Feuergarben

durcheinander wogen, stürzen auf dem anderen die Verdammten in

Flammenglut und Finsternis. Das Wunderbare, das Außerordentliche

dieser Schöpfungen liegt weniger in dem unerschöpflichen Reichtum der

Einzelheiten, welche Rubens in den steigenden und stürzenden Leibern

zur Anschauung bringt, als vielmehr in der in solcher Weise von keinem

anderen jemals versuchten Massenwirkung; die Zahl der Seelen ist

unendlich, zu Tausenden und aber Tausenden ballen sie sich zusammen,

und beide Bilder erwecken mit Notwendigkeit die Vorstellung, daß hier

wie dort noch weitere Tausende folgen werden (Abb. 34 und 35). Das für

den Pfalzgrafen ausgeführte Altarbild ist einfacher in der Komposition,

schon weil es beides, das Emporschweben zum Himmel und das Hinabstürzen

zur Verdammnis, in +einem+ Rahmen vereinigt. Die Pinakothek zu München

besitzt sowohl die herrliche eigenhändige Skizze des Meisters zu diesem

Bilde („das kleine Jüngste Gericht“) als auch die wiederum ganz anders

komponierte Ausführung im großen („das große Jüngste Gericht“), welche

im Jahre 1617 auf dem Neuburger Altare aufgestellt, später in die

Gemäldesammlung der pfalzgräflichen Residenz zu Düsseldorf gebracht

und von dort im Jahre 1805 mit zahlreichen anderen Rubensbildern nach

München übergeführt wurde.

Bei dem großen Münchener Bilde des Jüngsten Gerichtes ist die

reichliche Mitwirkung von Schülerhänden unverkennbar. Dasselbe ist bei

den einige Jahre später für den Pfalzgrafen von Neuburg ausgeführten

Altargemälden: Christi Geburt und Herabkunft des heiligen Geistes

(beide jetzt gleichfalls in der Münchener Pinakothek) der Fall.

Es ist eine alte Überlieferung, Rubens habe die Preise seiner Arbeiten

nach der darauf verwendeten Arbeitszeit bemessen, in der Weise,

daß er für jeden Tag eigenhändiger Arbeit 100 Gulden berechnete,

was nach unserem Gelde, wenn man den Wertunterschied des Geldes

zwischen damals und jetzt mit in Betracht zieht, ungefähr 380 Mark

ausmacht. Das erscheint durchaus glaubwürdig, da Rubens eben in sehr

kurzer Zeit die größten Bilder malte; auch wird es durch einen im

Museum Plantin-Moretus zu Antwerpen aufbewahrten Brief des Balthasar

Moretus bestätigt, worin dieser schreibt, daß Rubens die Entwürfe

für Titelblätter nur in seinen Mußestunden anfertige; wolle man an

einem Werktage ein solches Blatt von ihm haben, so müsse man 100

Gulden dafür bezahlen. Die unter Beihilfe von Schülern gemalten Bilder

waren entsprechend billiger. Das erfahren wir von Rubens selbst durch

seinen in vieler Hinsicht bemerkenswerten Briefwechsel mit Sir Dudley

Carleton, dem englischen Gesandten im Haag, aus dem Jahre 1618. Rubens’

Briefe, die in neuerer Zeit in großer Zahl veröffentlicht worden

sind, enthalten überhaupt einen unschätzbaren Beitrag zur Kenntnis

seines Wesens; sie lehren uns die Vielseitigkeit und Gründlichkeit

seiner Bildung, die Klarheit und treffende Sicherheit seines Urteils

bewundern. Die Veranlassung zu dem Briefwechsel mit Carleton gab

dessen Sammlung von antiken Marmorwerken. Rubens wünschte diese zu

erwerben, obgleich er sie noch nicht einmal selbst gesehen hatte; denn

er war, nach seinem eignen Ausdruck, vernarrt in Antiken. Carleton

schlug einen Tauschhandel vor: seine Antiken gegen Gemälde von Rubens.

Hierauf ging dieser bereitwillig ein, und nachdem er von Carleton

ein Verzeichnis der Marmorbilder mit Angabe der Preise, welche jener

dafür gezahlt hatte, erhalten, schickte er ihm das Verzeichnis der in

seinem Hause vorhandenen Gemälde, mit Angabe der Größe, des Preises

und der etwaigen Mitwirkung von Freunden und Schülern. Da war ein

„gefesselter Prometheus“, 8 Fuß breit und 9 Fuß hoch, „eigenhändig, der

Adler von Snyders gemalt“, für 500 Gulden; „ein Daniel zwischen vielen

Löwen nach dem Leben -- ganz eigenhändiges Original“, 8 Fuß hoch und

12 Fuß breit, für 600 Gulden; „Leoparden nach dem Leben, mit Satyren

und Nymphen, eigenhändiges Original mit Ausnahme der sehr schönen

Landschaft, welche ein auf diesem Gebiet geschickter Meister gemacht

hat“, 9 zu 11 Fuß, für 600 Gulden. Mit ebenso genauen Angaben werden

die übrigen Bilder bezeichnet: eine Leda mit Schwan und Liebesgott; ein

lebensgroßes Bild des Gekreuzigten, von welchem Rubens selbst glaubte,

daß es vielleicht das Beste sei, was er überhaupt gemalt habe; eine

verkleinerte Wiederholung des für den Pfalz-Neuburger gemalten Jüngsten

Gerichts, das Werk eines Schülers, das aber, wenn der Meister es ganz

würde überarbeitet haben, für ein Original sollte gelten können; ein

heiliger Petrus, der den Zinsgroschen aus dem Maule des Fisches nimmt,

mit anderen Fischern „nach dem Leben“; eine Wiederholung der für den

Herzog von Bayern gemalten Löwenjagd, von einem Schüler angefangen,

aber ganz vom Meister übergangen, und in derselben Weise ausgeführte

Wiederholungen der Christus- und Apostelfiguren, welche der Herzog von

Lerma besaß; ein Achilles in Weiberkleidern, „ein sehr wirkungsvolles

Bild mit vielen schönen jungen Mädchen“; ein heiliger Sebastian und

eine Susanna. Carleton schrieb darauf an Rubens, daß er sich sechs von

den Bildern ausgewählt habe; er bat den Maler, ihn in seiner Wohnung im

Haag zu besuchen und sich die Marmorwerke anzusehen, die eine Sammlung

ausmachten, wie kein Fürst und kein Privatmann diesseit der Alpen eine

besäße. „Aber“, fährt er fort, „für Leute, die immer in Bewegung sind,

wie meine Stellung es mit sich bringt, eignet eine Sache von so viel

Gewicht sich nicht, und dann -- ehrlich gestanden -- Menschen haben

menschliche Schwächen: man wechselt manchmal seine Gesinnungen, und

so ist meine Liebhaberei plötzlich von den Bildhauern zu den Malern

übergegangen, und ganz insbesondere zu Herrn Rubens.“ Da Carleton wegen

der niedrigen Bauart sowohl seiner holländischen als seiner englischen

Wohnung nur die kleineren von den Rubensschen Bildern nehmen konnte,

so blieb nach den beiderseitigen Abschätzungen ein Preisunterschied

bestehen; es wurde eine Einigung dahin erzielt, daß Rubens für die

Antiken Bilder im Werte von 4000 Gulden und außerdem noch 2000 Gulden

gab; für den letzteren Betrag bat Carleton ihn, Brüsseler Wandteppiche

mit Figurendarstellungen besorgen zu wollen. Rubens erwähnte in dem

Schreiben, worin er sein Einverständnis mit diesem Vorschlag erklärte,

den Umstand, daß er in diesem Jahre mehrere tausend Gulden für seinen

Hausbau verausgabt habe und daß er infolgedessen am liebsten mit

Bildern bezahle, „da jeder mit im eignen Garten gezogenen Früchten

freigebiger ist, als mit solchen, die man auf dem Markte gekauft hat“,

und gebrauchte im Anschluß hieran die Redensart: „ich bin ja kein

Fürst, sondern einer, der von seiner Hände Arbeit lebt.“ Auf diesen

Satz kam der gewandte Hofmann in seinem Antwortschreiben zurück, indem

er dasselbe mit den artigen Worten schloß. „Eure Behauptung, daß Ihr

kein Fürst wäret, kann ich nicht unterschreiben; denn ich halte Euch

für den Fürsten der Maler und der Leute von vornehmer Gesinnung, und

in diesem Sinne küsse ich Euch die Hand.“ -- Einem Manne wie Rubens

gegenüber war das keineswegs nur eine leere Schmeichelei.

[Illustration: Abb. 34. +Die Auferstehung der Gerechten.+ In der kgl.

Pinakothek zu München. Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in

München.]

[Illustration: Abb. 35. +Der Höllensturz der Verdammten.+ In der kgl.

Pinakothek zu München. Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in

München.]

Erwähnenswert ist auch aus dem Briefwechsel mit Carleton, weil für den

vielseitigen Künstler bezeichnend, der Umstand, daß Rubens die Hoffnung

ausspricht, mit der Mannigfaltigkeit der Gegenstände dem Geschmack des

Abnehmers Genüge gethan zu haben. Schließlich war der eine wie der

andere von dem Handel höchlich befriedigt; Carleton war entzückt von

den Bildern und Rubens glücklich über die Antiken.

[Illustration: Abb. 36. +Vernichtung von König Sennacheribs Heer.+

In der kgl. Pinakothek zu München. Nach einer Photographie von Franz

Hanfstängl in München.]

[Illustration: Abb. 37. +Der Tod des Konsuls Decius Mus+;

Teppich-Entwurf. In der fürstlich Liechtensteinschen Bildergalerie zu

Wien. (Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Clément & Cie. Nchfl.,

in Dornach i. Els. und Paris.)]

Rubens(#60502) · 第 2 / 9 段