Hans war schon in der Tür, als ihn der Vater zurückrief.
»Du, noch eins. Was kommen mir da für tugendhafte Dinge zu Ohren?«
Er faßte ihn vorn an der Weste und schüttelte ihn mit gutgespielter
Gemütlichkeit hin und her. »Ich darf doch wenigstens hoffen, du hast
dich anständig betragen? Du Duckmäuser, du!«
»Hat man über mein Betragen geklagt, Papa?« fragte Hans verdutzt.
»Die, welche es angeht, wird sich hüten. Hat wohl auch keinen Grund
dazu. Aber ich bitte mir aus, daß du ihr auch keinen Grund mehr gibst.
Na ja, es ist ja gut. Ich will dir keinen Sermon halten. Wer hat nicht
auch seine kleine Schülerliebelei gehabt? Aber nun ordne mir die Sache
schnell und bündig, damit du mit klarem Kopf ins Studentenleben gehst!«
Er wollte ihn mit einem vertraulichen Klaps abschieben, aber Hans blieb
stehen.
»Hast du mir noch etwas mitzuteilen, Hans? Dann bitte kurz. Ich habe
mich bereits über Gebühr verspätet.«
»Ich habe dir nur mitzuteilen, Papa, daß du dich irrst.«
Schwer kamen die Worte heraus, aber sie waren nachdrücklich gesprochen.
Philipp Steinherr horchte auf und maß den Sohn von oben bis unten.
»Wenn du vorhin auf die Verehrung anspieltest, die ich für Fräulein
Johanna Stahl hege — und ich wüßte nicht, wen anderes du meinen
solltest —«
»In der Tat. Fahre nur fort, du machst mich begierig.«
»Papa,« sagte Hans und trat auf ihn zu, um seine Hand zu ergreifen.
Doch Steinherr übersah die Bewegung. »Papa, ich sehe ein, daß du Grund
hast, böse zu sein. Verzeih mir. Ich hätte es dir selber sagen sollen.
Und ich wollte es dir auch sagen, nur jetzt noch nicht, wo ich noch so
gar nichts geleistet habe.«
»Sehr rücksichtsvoll, obwohl deine Streifzüge die Spatzen von den
Dächern pfeifen. Trotzdem: ich will dir deine Dummheiten verzeihen. Ich
sagte ja schon: in ~den~ Jahren begeht jeder seine Jugendeselei. Aber
nun auch rechtzeitig Schluß gemacht. Jedenfalls wünsche ich von der
sauberen Angelegenheit nichts mehr zu hören.«
Hans Steinherr sah seinen Vater entgeistert an.
»Du mußt mich nicht recht verstanden haben,« murmelte er, »oder — oder
man hat dich falsch unterrichtet.«
»Bist du noch immer nicht zu Ende? Du stellst meine Geduld auf eine
lange Probe.«
»Du hast davon begonnen, Papa; jetzt mußt du mich auch aussprechen
lassen. Wünschest du, daß ich mich kurz fasse?«
»Ob ich es wünsche!«
Der Alte und der Junge standen sich dicht gegenüber. Keiner wich
dem Blick des anderen aus. Und zum ersten Male las der Mann, der
sich nie die Mühe gegeben hatte, in Menschenseelen zu lesen, in den
Mienen seines Sohnes das Erbteil der niederrheinischen Heimat: die
Hartköpfigkeit und das verhaltene brausende Temperament.
Hans sah nichts von den zusammengezogenen Falten auf der Stirn des
Vaters. Vor seinen Augen stand das scheue, zierliche Geschöpf,
das so rührend in seinem Armutsstolz gewesen war, sich ihm nicht
aufzudrängen; das ihn geflohen und ihn schlecht behandelt hatte, um
nicht zu erliegen, und, als er sie dennoch endlich von seiner treuen
Wahrhaftigkeit überzeugt hatte, ihm stets mehr gegeben hatte als er
ihr. Er sah ihre furchtsamen Augen voll schreckhafter Spannung auf sich
gerichtet, ob er mutig sein, ob er sie nicht verleugnen würde, und er
sagte laut: »Ich liebe Johanna von ganzem Herzen.«
»Das bezweifle ich keineswegs. Es fragt sich nur, wie lange du den
Unsinn noch fortzusetzen gedenkst.«
»Vater!«
»Sag mir doch: wie alt bist du eigentlich?«
»Zwanzig Jahre geworden.«
»O! Ganz respektabel. Und die — die kleine Person?«
»Sechzehn.«
»Dacht’ ich’s mir doch. Sie soll sich ein Kinderfräulein nehmen und
keinen Geliebten.«
»Vater!« brauste Hans auf. Er war nicht wiederzuerkennen. Jede Spur von
Farbe war aus seinem Gesicht gewichen, alles an ihm vibrierte, seine
Nasenflügel bebten, die Augen waren weit aufgerissen.
»Was fällt dir ein, Junge? Mäßige dich auf der Stelle!«
»Mir fällt ein,« keuchte Hans, »dich zu bitten, daß ~du~ dich mäßigst.
Du hast kein Recht, ein Mädchen zu beschimpfen, das reiner und
selbstloser ist als wir alle. Wenn du sie kennen lernst, wirst ~du~
gewinnen, nicht sie.«
»Du wärst im stande und brächtest sie mir ins Haus.«
»O nein. Ich lasse sie nicht beleidigen. Aber in ~mein~ Haus hoffe ich
sie dereinst zu bringen. Und wenn sie später erst meinen Namen trägt,
wird sie schon geschützt sein.«
»Du hast wohl vergessen, daß du deinen Namen von mir hast. Darüber habe
ich zu bestimmen. Und ich bestimme, daß, wenn ich es für an der Zeit
halte, der Name nur in aufsteigender Linie vergeben wird. Vorläufig
bist du mir noch zu kindisch, um dir meine Pläne auseinanderzusetzen.«
»Über meine Gefühle hast du nicht zu bestimmen. Wenn ich das zuließe,
wär’ ich nicht wert, einer anständigen Frau in die Augen zu sehen.«
»Bist du toll geworden, Bursche? Ist deine Mutter vielleicht keine
anständige Frau? Oder glaubst du, wir hätten uns nur unserer schönen
Augen wegen genommen? Geh hin, schäm dich vor deiner Mutter, wenn du
das bei deinem neuen Verkehr noch nicht verlernt hast.«
»Meine — Mutter — —?« wiederholte Hans betäubt. Wachte er? Hatte er
wirklich richtig verstanden? Seine Mutter hätte — nicht aus tiefstem,
innersten Gefühl heraus — — Ja, war denn das überhaupt möglich? Konnte
man eine Ehe schließen eines Namens und nicht einer Liebe wegen —? Er
sah sich wirr um. Er war doch in seinem elterlichen Hause? Wo blieb
denn sein Verständnis? Wo blieben alle seine jugend-begeisterten
Argumente? Nichts, nichts regte sich in ihm. Es war ein Rauhreif auf
seine junge Seele gefallen und fröstelnd ließ sie die Flügel hängen.