Da schlich er scheu aus dem Zimmer. — —

»Wohin?« fragte er sich im Treppenhaus.

»Zur Mutter?«

»Nicht, nicht!« Er hatte Angst, eine unsägliche Angst, er könnte sie

nicht mehr verstehen. Und sie würde ihn auslachen.

»Zu Frau Stahl? Zu Hannes?«

Er hatte dem Mädchen versprochen, zu kommen. Aber wie sollte er ihr

unter die Augen treten? Er, mit seinem schlechten Gewissen, das vor

einer Stunde noch gut gewesen war, und das man ihm schlecht gemacht

hatte.

In seiner Kehle stieg es auf. Er weinte mit trockenen Augen. Alles

war grau um ihn. Das würde sich nun nie mehr ändern. Nie mehr? Und

der erste Schmerz der Jugendliebe ließ ihn sich aufbäumen, in einem

titanenhaften Trotz, um ihn sogleich wieder niederzudrücken, ganz fest

auf den platten Boden.

»Heinrich von Springe!«

Der Name fuhr ihm heraus. Springe mußte ihm beistehen, ihn wieder

zu sich bringen. Der lachende Springe, der sich mit Tod und Teufel

herumzuschlagen verstand und immer Sieger blieb. In seiner Erregung

wuchs ihm der Freund zum Heiligen Georg. Der mußte es wissen. Der

Springe, o ja! Der sah mit seinen ironischen Blicken allen Dingen

auf den Grund und ließ sie nicht los, bis sie ihm Red’ und Antwort

gestanden hatten. Aber auslachen — auslachen würde ihn Heinrich Springe

nicht.

Er eilte, so rasch ihn seine Füße trugen, zur Immermannstraße. An der

nächsten Ecke traf er die Straßenbahn, aber er lief lieber hinter ihr

her, als sich mit Menschen zusammen in einen engen, kleinen Raum zu

setzen. Die stupiden Gesichter hätten ihn krank gemacht.

Oben, an der Etagentür, zog er so heftig die Klingel, daß er selbst

zusammenfuhr.

Er hörte es gleich am Schritt: es war der Maler, der öffnen kam. Der

alte Herr machte seinen gewohnten Nachmittagspaziergang.

»Heinrich!« rief der verstörte junge Mensch und warf sich

leidenschaftlich dem Freund an die Brust.

Der drückte schnell die Tür ins Schloß und zog ihn ins Zimmer.

»Gemach, gemach, mein großer Junge! Es wird schon zu reparieren gehen.«

»Du weißt ja noch gar nicht, was geschehen ist —«

»Ist das Examen nicht geglückt? Das wäre doch wunderbar.«

»Das Examen? Ich hab’ es als Bester bestanden. Aber dann kam’s, heute

mittag; erst des Studiums wegen, und als das endlich geregelt war,

Johannas wegen. Man hat meinem Vater alles entstellt hinterbracht. Und

auf Erläuterungen ließ er sich gar nicht ein. Er hat sie verächtlich

abgetan, sie beschimpft und —«

»Erzähle der Reihe nach,« sagte der Maler und legte ihm die Hand auf

die Schulter. »Der Aufgeregte ist immer im Nachteil. Beim ersten

Kanonenschuß läuft man nicht von dannen.«

Hans bezwang sich. Der starke Wille des Freundes übte auf ihn seine

Wirkung. Er ließ sich auf einen Stuhl niederdrücken und begann

mechanisch herzusagen, was sich bei Tisch und nachher im Arbeitszimmer

des Vaters zugetragen hatte. So monoton er sprach, er vergaß nicht

das Nebensächlichste. Und ebenso berichtete er den Abschluß der

Unterhaltung und die andeutenden Worte über seine Mutter.

Heinrich von Springe hatte, den Kopf in die Hand gestützt, zugehört.

Die müde Beichte des Jungen war längst zu Ende, und immer noch saß der

Maler in sich versunken im Stuhl. Da berührte eine zitternde Hand sein

Knie.

»Ja, ja. Gewiß. Ich habe verstanden.«

Er erhob sich, öffnete die Tür zur Veranda, daß ein kalter Luftstrom

über seine Stirn fuhr, schloß die Tür wieder und kam zurück.

»Also helfen soll ich dir. Deshalb bist du doch gekommen. Einen

Freundschaftsdienst verlangst du.«

»Du wirst nicht können und auch nicht mögen.«

»Nicht mögen? Man mag vieles nicht und schluckt’s doch herunter, wenn’s

dienlich ist. So ein rechter Magen kann eine Menge vertragen — Und was

das Können oder Nichtkönnen betrifft — darüber kann man als Mann erst

urteilen, wenn man nach mißlungenem Experiment auf der Nase liegt. Bis

dahin aber hat man schlankweg Courage zu haben.«

Er ging ins Nebenzimmer, um sich zum Ausgehen anzukleiden. Hans folgte

ihm wie ein Schatten.

»Was willst du tun?«

»Zunächst deiner Frau Mama meine Aufwartung machen. In

Herzensangelegenheiten ist immer die Mutter die zuständige Instanz. Du

bleibst ruhig hier. So, hier hast du ein Glas Wein; das trink mal aus,

um die Lebensgeister aus den Winkeln zu locken. Wenn du müde wirst, leg

dich auf das Sofa. Und damit: Gott befohlen.« —

Heinrich Springe schritt, die Hände in den Taschen seines Paletots

vergraben, durch den unfreundlichen Februartag. Er ging mit

zusammengezogenen Brauen und fest aufeinandergepreßten Lippen. Und als

wollte er sich ungerufener Bilder erwehren, beschleunigte er plötzlich

seinen Schritt. Als er in die Grafenbergerchaussee einbog, schlug es in

der Stadt fünf Uhr. Er blieb stehen und schöpfte Atem. Vor ihm lag das

Steinherrsche Haus.

»Weiß Gott, Mensch,« sagte er vor sich hin, »hast du gar selbst das

Kanonenfieber?«

Er zog die Hausglocke und gab dem öffnenden Mädchen seine Karte. »Für

die gnädige Frau.«

Wenige Minuten später, und er wurde in den Empfangssalon geführt. Er

wartete.

»Meine gnädige Frau — —«

Sie war eingetreten, mit hastigem Schritt, und nun zögerte sie, mitten

im Zimmer.

»Ich weiß nicht, ob ich noch den Vorzug habe —« fuhr er fort, um ihr

über die Peinlichkeit der Minute hinwegzuhelfen.

»Haben Sie endlich den Weg zu mir zurückgefunden?« entgegnete sie

zurückhaltend. »Es ist lange her, Herr von Springe. Sehr lange — —«

»So lange, gnädige Frau, daß Ihr kleiner Irrtum leicht verzeihlich ist.

Nicht ich war’s, der vom Wege abgekommen war.«

»Kommen Sie nur, um mir das zu sagen? Der Heinrich Springe, den ich

einmal kannte, war ritterlicher.«

»Ich bitte um Verzeihung,« murmelte Springe. »Ich habe nicht das Recht,

die Beweggründe Ihres Lebens zu prüfen.«

»Aber Sie haben es getan. O ich weiß. Und ich kenne auch das Resultat.

Sie kamen ja nicht wieder.«

»Es wird Ihnen nicht schwer geworden sein, darüber zu lächeln, gnädige

Frau. Was war an mir gelegen?«

»Wir waren einmal glückliche Kameraden,« sagte sie, als besänne sie

sich auf die Zeit. »Die Erinnerungen der Jugend laufen mit durch das

ganze Leben und bestimmen den Wert aller späteren Eindrücke. Das ist

bei mir nun einmal so. Möglich, daß ein Mann glücklicher darin ist.«

»Nein,« erwiderte Springe fest, »ein Mann ist nicht glücklicher darin.

Auch er ist von dem Gewinn oder Verlust seiner Jugend abhängig. Und

deshalb sehen Sie mich heute vor sich. Nicht meinetwegen. Mein Konto

ist geschlossen. Aber einer anderen Jugend wegen, der ich Sie zu helfen

bitte, daß ihr die paar Ideale des Lebens erhalten bleiben, die uns wie

ein paar gute Gottesgroschen jede dürre Zeit erträglich machen. Wenn

Sie selber die Eindrücke, die wir aus der Jugend mitnehmen, so hoch

eintaxieren, wie Sie soeben sagten, so werden Sie mich nicht als einen

unnützen Bittsteller wegschicken.«

»Sie stehen noch immer, Herr von Springe.«

»Ich danke Ihnen für die Antwort.«

Dann saßen sie sich stumm gegenüber und suchten unbewußt in ihren Zügen

die Kinder von einst. — —

»Ich komme wegen Hans,« brach der Maler endlich das Schweigen. »Ich

weiß nicht, ob es Ihnen bekannt ist, daß wir gute Freunde geworden

sind.«

»Ich habe es geahnt,« erwiderte sie leise. »Er hat mir nichts

anvertraut. Hier geht jeder seinen Weg.«

»Sie haben es geahnt und keinen Einspruch erhoben.«

»Ich wußte ihn in guten Händen.«

Er rückte zusammen und sah sie mit maßlosem Erstaunen an.

»Ja, ja; es ist so,« sagte sie mit einem Anflug von Lächeln. »Ich bin

wohl doch nicht ganz so schlecht, wie Sie vermuteten.«

»Frau Margot — —« entfuhr es ihm unbedacht.

»Sie kennen also meinen Namen noch? Lieber Freund, nur der Name ist

geblieben.«

»Gnädige Frau,« sagte er mit Aufbietung aller Willenskraft. »So geht es

nicht weiter. Ich gedenke tiefernste Dinge mit Ihnen zu besprechen, und

Sie gedenken mit mir zu kokettieren.«

»Wer sagt Ihnen, daß ich kokettieren will,« rief sie beinahe heftig.

»Ist denn in Ihren Augen alles Lüge, alles Verstellung an mir? Muß

ich denn, wenn ich mich einmal freue, von Herzen freue wie ein junges

Mädchen, immer gleich wieder geduckt und gedemütigt werden? Gut, gut,

wenn Sie wollen, daß ich Ihnen gegenüber den Ton gebrauche, den ich für

die ganze indifferente Menschheit gebrauche — o bitte, befehlen Sie

nur, Sie können ihn haben.«

»Frau Margot,« sagte er, beugte sich vor und faßte ihre Hände. »Meine

liebe Frau Margot — —«

Ihre Aufwallung ging vorüber. Aus seinen Händen strömte es in sie über

wie eine Beruhigung.

»Sind das Freundeshände?« lächelte sie. »Wie gut es doch mein Hans hat!«

»Sie kokettieren nicht, gnädige Frau?«

»Doch, doch, ich kokettiere. Daß Sie es nur endlich wissen! Und wenn

ich noch länger mit Ihnen kokettiere, werde ich Ihnen noch eingestehen,

daß ich Sie vermißt habe. Mehr können Sie von einer koketten Frau nicht

verlangen.«

Springe hatte ihre Hände losgelassen und sich erhoben. Er sprach zu

ihr. Und während er zu ihr sprach, blickte er über sie hinweg, in den

winterlichen Garten, und sie konnte glauben, er spräche vielleicht nur

zu sich selbst.

»Ich habe Sie geliebt, Frau Margot, dabei ist nichts Unrechtes, denn

wir waren Kinder. Wenn wir im Hausflur oder in einer Zimmerecke

spielten, waren Sie die kleine Prinzessin und ich Ihr Page. Darunter

taten wir’s nicht, denn wir wurden beide daheim mit großen Ansprüchen

an das Leben erzogen und — hatten keinen Pfennig. Als ich die ersten

langen Hosen erhielt, nahm ich mir vor, mich zum Ritter schlagen

zu lassen, um Sie zu gewinnen. Wir haben damals oft ernsthafte

Beratungen darüber gepflogen. Ich glaube, es wurde sehr viel Gefühl

dabei verbraucht. So viel, daß für die Praxis wenig übrig blieb. Ich

diente mein Jahr bei den Neununddreißigern ab, und Sie feierten Ihren

siebzehnten Geburtstag. Als ich gratulieren kam, konnte ich gleich

doppelt gratulieren. Dem Geburtstagskind und der glücklichen Braut.

Ihr Vater mußte zugreifen, und Sie folgten den Spuren der Erziehung.

Das war im Winter des Jahres achtundsechzig. Ein paar Monate daraus

waren Sie verheiratet. Hm, ja, ich hab’ das verstehen gelernt. Ich

wollte Maler werden. Wollte erst! Und, wie mein alter Herr immer zu

sagen pflegte: Er war Maler, und sie hatte auch nix. Da konnte ich mir

das Exempel schon zusammenrechnen. Dann wollte ich mir wenigstens ein

Surrogat schaffen, und ich nahm, da es mit dem siegreichen Rittertum

nichts geworden war, die Pagendienste wieder auf. Das war ein stiller,

seliger Dienst, der nichts anderes wollte, als für Ihr Glück wachen.

Aber als ich nach dem Feldzug aus Frankreich heimkehrte, hatte sich die

Zahl der Pagen vermehrt und die Königin bedurfte meiner nicht mehr. Ich

durfte zurücktreten und hinfüro meinen Erinnerungen leben.«

»Nein, Heinrich,« rief Frau Margot erregt, »so war es nicht! Es

war nicht meine Schuld. Sie gingen, weil mein Mann eine — eine —

Geschäftspraxis gegen Sie und Ihren Vater geübt hatte, die Sie

verletzen mußte. Wie können Sie mir die Verantwortung aufbürden! Ich

verstand ja nichts von alledem und war schon so apathisch.«

»Ach, meine gnädige Frau, Sie glauben, des entgangenen Geldes wegen

wäre ich fortgeblieben?«

»Weshalb — nur sonst?« entgegnete sie zögernd. Sein ironischer Ton

hatte sie beschämt.

»Muß ich es Ihnen wirklich aussprechen? Muß ich Ihnen sagen, daß ich

den Glauben an Sie verloren hatte, weil Sie nichts, aber auch gar

nichts taten, um ihn mir zu erhalten? Den Glauben an die Jugend und

ihre starken Bande? Kein Freundeswort von Ihnen kam, kein Versuch wurde

gemacht, mich wissen zu lassen, daß die Dinge, wie sie lagen, nichts

zwischen uns beiden ändern dürften. Ich war für Sie erledigt, wie mein

Vater für Ihren Gatten. Sie waren die große Dame, und ich der armselige

Bilderstümper.«

»Heinrich,« fragte sie ganz leise, »haben Sie — haben Sie lange

darunter gelitten?«

Er gab keine Antwort.

»Wollen Sie mir nicht erwidern? Auch dann nicht, wenn ich — wenn ich

Ihnen sage, daß ich — bis heute — darunter gelitten habe? Ich bin ja

heute eine alte Frau. Achtunddreißig Jahre! Da darf ich schon ein

Geständnis wagen. Ja, ich habe unrecht an Ihnen gehandelt und unrecht

an der Jugend. Und zur Strafe hat mich die Freudigkeit der Jugend

verlassen, seit — Sie mich verließen. Meine Erinnerungen wollen nicht

fröhlich werden. Ist das nicht Buße genug? Keine Rückschau zu haben,

aus der man die Fröhlichkeit zieht? — Nun habe ich Sie wohl zufrieden

gestellt.«

Heinrich Springe beugte sich über ihre Hand. Er suchte nach Fassung.

»Sie sind ja noch so jung,« murmelte er. »Mit achtunddreißig Jahren

steht man mitten im Leben.«

»O ja,« bestätigte sie bitter, »soweit die Lebewelt in Betracht kommt.

Mitten drin! Das war doch die Ansicht. Aber die Gefühlswelt — ach,

lieber Freund, klingt es in Ihren Ohren nicht lächerlich, mich von

einer Gefühlswelt reden zu hören?«

»Ich bedauere Sie.« —

»Glauben Sie mir, was ich möchte? Noch einmal die Prinzessin im

Hausflur und in den Zimmerecken sein. Mein Gefühlsleben haben wie

einst. Ich wüßte dann, was Glück ist.«

»So suchen Sie es. Es ist nie zu spät.«

»Wollen Sie mir den Weg zurück zeigen?« fragte sie und sah ihn voll an.

»Ja, Margot,« sagte er, »ich will. Als ich Ihr Haus betrat, wußte ich

nichts dergleichen. Ich kam wegen Ihres arg mitgenommenen Jungen.

Helfen Sie ihm aus seinem Leid, und Sie helfen sich aus dem Ihren. Er

liegt bei mir daheim und wartet auf mich, seinen Freund. Lassen Sie ihn

wissen, daß er auch noch eine Freundin hat, die seine Schmerzen mit ihm

versteht. Tragen Sie Sorge, daß ihm seine Jugend nicht verdorben, daß

er nicht vor der Zeit alt und blasiert wird, und Sie werden die erste

der fröhlichen Erinnerungen für sich gewonnen haben.«

»Mein Mann hat mir schon davon gesprochen,« erwiderte sie nachdenklich.

»Das Mädchen soll keinen legitimen Vater haben, und die Großmutter eine

Arbeiterfrau sein.«

»Das Mädchen ist rein, und überdies schön und klug und liebenswert. Für

seine Geburt kann kein Mensch. Es hat allen Anspruch darauf, glücklich

zu werden wie die Höchstgeborenen. Ich kenne die kleine Johanna und

weiß, was sie Hans sein wird. Ich war mehrfach mit meinem Vater dort im

Hause, denn mein biederer Alter macht der siebzigjährigen Großmutter

die Cour, die eine Arbeitsfrau geworden ist, weil sie für die Erziehung

ihres Enkelkindes arbeitet.«

»Ich werde hingehen,« sagte Frau Margot und richtete sich auf. »Nein,

nein,« wehrte sie glücklich, als er ihr die Hände küßte, »es ist noch

eine Bedingung dabei. Erstens: Hans wird Vertrauen zu mir haben und

ruhig mit seinem Vater abreisen, der eine kurze Italienreise plant. Und

zweitens: Sie dürfen mich nicht mehr aufgeben.«

»Frau Margot,« entgegnete er nur, »ich habe Sie wiedergefunden. Nun

werden wir alle wieder jung sein.« — —

Als er hastig seiner Wohnung zueilte, tobten ein paar verfrühte

Fastnachtsläufer an ihm vorbei. Er war drauf und dran, ihr stürmisches

»Helau!« mit dem gleichen Juchzer zu erwidern. Zwanzig Jahre waren von

ihm abgefallen.

Zu Hause fand er Hans auf dem Sofa ruhig eingeschlafen.

Und er beugte sich lange über ihn, strich ihm das Haar aus der Stirn

und suchte in dem Gesicht des Jungen nach den Zügen einer anderen

Jugend.

[Illustration]

Die vom Niederrhein · 第 23 / 53 题