Die Arbeitsbiene kennt während ihrer kurzen Lebensdauer, die nur wenige

Wochen währt, nichts als Arbeit, die sie rastlos vom Morgen bis zum

Abend verrichtet, nichts als selbstlose Arbeit für das Allgemeinwohl,

für die Erhaltung des Staats. Gewaltige Moral und Ethik liegen in dem

Geist, der das surrende Völkchen der Bienen beseelt.

[Sidenote: Staatenbildung der Ameisen]

Ebenso wie bei den Bienen herrscht im Ameisenstaat eine strenge Ordnung

und Disziplin. Die Arbeiter sind nicht immer verkümmerte Weibchen,

sondern bei manchen Arten auch begattungsunfähige Männchen. Ferner

gibt es bei den Ameisen außer den Arbeitern noch eine besondere Kaste,

die Soldaten. Sie haben einen sehr großen Kopf und sehr starke Kiefer.

Sie bilden gewissermaßen das „stehende Heer“ des Ameisenstaates, dem

die Verteidigung im Falle eines Angriffes obliegt. In Friedenszeiten

verrichten sie auch gewisse Arbeiten, die für die schwächeren Arbeiter

zu schwer sind. Sie zerkleinern harte Sämereien und große Insekten, die

den Ameisen zur Nahrung dienen. Während den Arbeiterinnen der Bienen

nur ein kurzes Dasein beschieden ist, können die Arbeiter und Soldaten

der Ameisen mehrere Jahre leben.

Die Arbeiter bauen das Heim mit seiner Einrichtung, füttern die Königin

und sorgen für die junge Brut. Puppen und Larven werden nach dem Alter

gesondert und in verschiedenen Räumen untergebracht, auch je nach der

Witterung bald in höhere, bald in tiefere Stockwerke des Baues gelegt,

damit stets der richtige Grad von Wärme und Feuchtigkeit vorhanden ist.

Den jungen Ameisen sind die Geschwister beim Ausschlüpfen behilflich,

indem sie das Gewebe des Kokons durchbeißen.

Außerordentlich groß ist der Reinlichkeitssinn der Ameisen. Die Larven

werden beleckt, geputzt und gesäubert. Auch an ihrem eigenen Körper

duldet die Ameise nicht den geringsten Schmutz. Mit den Haaren ihrer

Vorderfüße bürstet sie ihren Körper, und außerdem dient noch ein

dornartiger Fortsatz an der Fußschiene zum Abschaben von Schmutz.

Auch das Innere der Behausung wird stets sauber gehalten. Jeglicher

Unrat wird sofort hinausgeschafft, tote Kameraden werden fortgetragen,

bisweilen sogar regelrecht bestattet, indem man die kleine Leiche mit

Erde überschüttet.

An den zahlreichen Ausgängen der Burg stehen Wachen. Sie alarmieren,

sobald sie etwas Verdächtiges bemerken, und sofort eilen die Soldaten

in großen Mengen herbei, um die Feste zu verteidigen. Die gegenseitige

Verständigung erfolgt hierbei mit den Fühlern, mit denen sich die

Ameisen berühren, wobei die Art der Berührung, die entweder durch

schnelle Schläge oder sanftes Streicheln ausgeführt wird, über die

Sachlage Aufklärung gibt. Manche Ameisen können auch durch Reiben

von Körperteilen Geräusche erzeugen, die ebenfalls zur Verständigung

gebraucht werden.

[Sidenote: Sklaverei, Kriegführung, Viehhaltung der Ameisen]

Die eigenartigste Erscheinung im sozialen Leben der Ameisen ist die

Sklaverei. Manche Arten halten sich Hilfskräfte, die ihre eigenen

Arbeiter unterstützen müssen -- eine Einrichtung, die sonst nirgends

im Leben der Tiere verbreitet ist, und die außer den Ameisen nur der

Mensch kennt.

Um sich Hilfskräfte zu verschaffen, rauben die Ameisen Puppen aus einer

anderen Kolonie, und zwar stets von einer friedlichen, kleineren Art.

Zu ihrem Raube ziehen die Ameisen in großen Kolonnen nach einem vorher

ausgekundschafteten Nest aus. Ist die Hauptmasse der Krieger angelangt,

so erfolgt der Überfall auf das feindliche Lager. Falls die Bewohner

nicht schon vorher durch ihre Kundschafter den geplanten Überfall

erfahren haben und noch rechtzeitig ihre Behausung verlassen konnten,

entspinnt sich ein erbitterter Kampf zwischen den Parteien, der stets

mit dem Siege der stärkeren Angreifer endet. Die angegriffenen,

schwächeren Ameisen werden rücksichtslos niedergemetzelt, die Puppen

werden geraubt, und dann erfolgt der Rückmarsch in die eigene Burg.

Hier werden die fremden Puppen sorgsam gehütet und gepflegt und die

ausschlüpfenden Ameisen später als Arbeiter eingestellt. Diese scheinen

sich ihrer Verschleppung nicht bewußt zu sein, sondern fühlen sich

unter den fremden Ameisen völlig heimisch und betrachten sich als

Angehörige des Staates, in dem sie nicht als minderwertige Sklaven

gelten, sondern gleiche Rechte genießen.

Bei den Amazonenameisen ist die Sklaverei geradezu eine

Lebensnotwendigkeit geworden. Sie zeichnen sich durch ganz gewaltige

säbelförmige Vorderkiefer aus, die eine hervorragende Waffe im Kampf

mit anderen Ameisen sind. Aber mit diesen unförmigen Kiefern sind sie

nicht imstande, selbständig Nahrung aufzunehmen, sondern sie müssen

sich von anderen Ameisen füttern lassen, und diesen Dienst verrichten

die geraubten Sklaven, ohne die die Amazonenameisen einfach verhungern

müssen.

Bei der europäischen arbeiterlosen Ameise (~Anergates atratulatus~)

hat sich das Sklaventum zum Parasitentum verwandelt. Wie schon der

Name sagt, gibt es bei diesen Ameisen keine Arbeiter, sondern nur

Königinnen und Männchen. Infolgedessen errichten diese Ameisen auch

keine Kolonien. Eine befruchtete Königin sucht das Nest einer anderen

Ameisenart auf. Die Liebe der Ameisen zu dieser fremden Königin ist

so groß, daß sie ihre rechtmäßige Königin ermorden und ganz im Banne

der fremden stehen. Diese nimmt sehr bald durch Anschwellung ihres

Leibes eine unförmige Gestalt an, die sie unfähig macht, sich selbst zu

ernähren. Sie wird dann von den fremden Ameisen gefüttert und sorgsam

gehegt. Ihre Anwesenheit bedeutet stets den Untergang der Kolonie,

denn da sie nach der Ermordung der rechtmäßigen Königin das einzige

weibliche Wesen ist, so werden nur arbeiterlose Ameisen erzeugt, die

wieder auswandern, um sich in einer anderen Kolonie anzusiedeln, und

die rechtmäßigen Inhaber der Kolonie sterben aus.

Die kriegerischen Unternehmungen der Ameisen gelten nicht nur dem

Sklavenraub, sondern haben häufig auch andere Ursachen. Begegnen sich

die Arbeiter zwei nah benachbarter Kolonien auf ihren Beutezügen,

so entspinnt sich in der Regel ein heftiger Kampf. Beide Parteien

erhalten Zuzug aus ihren Behausungen, und es entwickelt sich eine

regelrechte Schlacht, die mit größter Erbitterung ausgefochten wird,

bis schließlich ein Teil unterliegt und mit großen Verlusten das Feld

räumen muß.

Die über Europa, Asien und Nordamerika verbreiteten Diebesameisen der

Gattung Solenopsis hausen in den Nestern anderer Ameisen, in deren

Erdwänden sie ihre Baue anlegen. Die Wirtsameisen dulden sie ruhig in

ihrer Behausung, zumal sie den winzig kleinen Untermietern, die vom

Abfall ihres Tisches leben, nichts anhaben können.

Außer den Sklaven halten sich die Ameisen auch regelrechtes „Nutzvieh“,

das sie sogar in eigens hergerichteten Ställen pflegen. Am meisten

begehrt sind die Blattläuse, die einen süßen Stoff absondern, der als

klebrige Masse die Blätter der Rosen und anderer Sträucher bedeckt.

Dieser Honigtau der Blattläuse ist ein Leckerbissen für die Ameisen.

Durch Streichen mit den Fühlern veranlassen sie die Blattläuse zur

Hergabe des begehrten Stoffes. Die Blattläuse werden gewissermaßen

wie Kühe gemolken. Um die Kolonien ihrer Nutztiere errichten manche

Ameisenarten schützende Erdbauten und züchten auf diese Weise ihr

Nutzvieh in regelrechten Stallungen.

Ebenso wie die Blattläuse werden auch Schildläuse, Zikaden und

die Raupen des blauen Himmelsfalters wegen ihrer wohlschmeckenden

Ausscheidungen von den Ameisen sehr geliebt.

[Sidenote: Narkotische Genußsucht der Ameisen]

In den Bauten der Ameisen nisten sich mit Vorliebe Kurzflügelkäfer

aus der Familie der Staphylinidae ein, die von den Ameisen nicht nur

geduldet sondern sogar mit größter Hingabe gehätschelt und gepflegt

werden. Die Käfer scheiden aus besonderen Hinterleibsdrüsen einen

aromatischen Saft aus, dessen Genuß die Ameisen geradezu in Verzückung

versetzt, und der auf sie wohl eine ähnliche Wirkung ausübt wie

Tabak, Opium oder Alkohol auf den Menschen. Der Vergleich ist um so

mehr gerechtfertigt, als der Saft der Kurzflügelkäfer keineswegs

eine notwendige Nahrung für die Ameisen ist, sondern lediglich ein

berauschendes Genußmittel, dem sich die Ameisen mit solcher Lüsternheit

hingeben, daß dadurch das ganze Volk mit der Zeit zugrunde geht. Die

Ameisen sind nämlich auf die Käfer so erpicht, daß sie sich schließlich

nur noch deren Pflege widmen, sie füttern, hätscheln und ihre Brut

großziehen, aber ihre eigene Brut vernachlässigen. Infolgedessen

entstehen keine Königinnen mehr, und auch die neugeborenen

Arbeiterlarven verkümmern. Der ganze Staat degeneriert und stirbt aus.

Besonders gefährlich für den Ameisenstaat ist der Große Büschelkäfer

(~Lomechusa strumosa~). Er haust als Parasit in der Ameisenkolonie und

pflanzt sich hier fort. Unfähig, selbst zu fressen, ist er ganz darauf

angewiesen, von seinen Wirten ernährt zu werden, die berauscht von

den aromatischen Ausdünstungen dies Amt mit größter Hingabe ausüben.

Aber nicht nur durch die Vernachlässigung der eigenen Brut wird dem

Ameisenstaat geschadet, sondern in noch schlimmerem Maße durch diesen

Parasiten selbst. Die Larven des Käfers vertilgen nämlich die Larven

und Puppen der Ameisen, wodurch sich der Untergang der Kolonie sehr

schnell vollzieht. Wir haben also hier die eigenartige Erscheinung,

daß ein höchst schädlicher Parasit von dem Wirtstier besonders

gepflegt wird. So gibt uns die kleine, fleißige Ameise mit ihrem

hochentwickelten sozialen Leben zugleich ein abschreckendes Beispiel

für die verheerende Wirkung der unüberwindlichen Gier nach narkotischen

Genüssen.

Der Ameisenstaat mit seiner Berufseinteilung, der Einstellung fremder

Arbeitskräfte und der Haltung von Nutztieren verkörpert gewissermaßen

eine hohe Kulturstufe in der Tierwelt. Ebenso wie beim Menschen führt

diese Kultur zur Genußsucht, und die Genußsucht zur Gefährdung des

Volkswohls -- ein warnendes Beispiel für die Menschheit!

[Sidenote: Treibjagden der Treiberameisen]

Aus den vielseitigen Lebensgewohnheiten der Ameisen, die, wohin man

auch sieht, immer wieder neue und staunenswerte Überraschungen bieten,

mögen zum Schluß noch die Treibjagden der in den Tropen lebenden

Treiberameisen erwähnt werden. Es sind „Raubtiere“ im wahrsten Sinne

des Wortes. Sie überfallen nicht nur andere Insekten, wie Grillen,

Spinnen und Raupen, sondern sogar Säugetiere und Vögel, um ihren

Hunger zu stillen. Bei ihren Raubzügen gehen sie planmäßig zu Werke

und veranstalten regelrechte Treibjagden. Ein gewaltiger Troß dieser

großen und wehrhaften Ameisen zieht auf die Jagd aus. Sein Erscheinen

veranlaßt alles in der Nähe befindliche Getier so schnell wie möglich

zur Flucht. Die Ameisen verfolgen ihr Wild, hetzen es zu Tode oder

umzingeln es. Die erlegte Beute wird zerstückelt und dann heimgebracht.

Sogar große Tiere, wie Esel, Pferde und Rinder, sind schon den

raubgierigen Insekten zum Opfer gefallen. Selbst auf ihren Beutezügen

können die Ameisen des beliebten narkotischen Getränks, das ihnen die

Kurzflügelkäfer liefern, nicht entbehren. Nach echter Weidmannsart muß

ab und zu ein „Schluck“ genommen werden, um die von der Jagd ermüdeten

Glieder aufzufrischen. Infolgedessen werden die beliebten Käfer auf

den Beutezügen mitgeschleppt und als Rucksack auf dem Rücken getragen.

Eine afrikanische Käferart hat sogar an den Füßen besondere Haftorgane,

mit denen sie sich auf dem Ameisenrücken festhält. Der Käfer heißt

infolgedessen „Ameisenreiter“. Wir haben hier ein vortreffliches

Beispiel, wie meisterhaft die Natur es versteht, das Leben der Tiere

aufeinander einzustellen und in wechselseitiger Beziehung einzustimmen.

Die Treiberameisen überfallen bisweilen ein Termitennest. In dem sich

entspinnenden Kampfe unterliegt auch manche Ameise und läßt ihre

„Schnapsflasche“, den kleinen Käfer mit dem süßen Lebenselixier,

zurück, den sich dann die Termiten aneignen, um ebenso wie die Ameisen

den aromatischen Saft zu genießen.

[Sidenote: Staatsleben der Termiten]

Auch die Termiten haben ein hochentwickeltes Staatenleben. An der

Spitze der Kolonie stehen ein König und eine Königin, die ein inniges

Eheleben führen und für die Nachkommenschaft sorgen. Sie kommen als

geflügelte Insekten zur Welt, finden sich auf dem Brautflug zusammen

und führen nach Verlust ihrer Flügel zunächst ein unterirdisches Leben

in einer Erdhöhle oder im Holz eines morschen Baumes. Im Laufe von

vier bis fünf Monaten werden sie geschlechtsreif. Das Weibchen beginnt

nun mit dem Eierlegen, das von jetzt an ihren ganzen Lebenszweck

ausfüllt. Sie entwickelt eine ungeheure Fruchtbarkeit. Die Königin

der kriegerischen Termite legt alle 2 Sekunden ein Ei, d. h. täglich

etwa 30000 Eier, ohne diese fruchtbare Tätigkeit während ihres etwa

10jährigen Lebens auch nur einen Augenblick zu unterbrechen!

Aus der ersten Nachkommenschaft entstehen „Arbeiter“ und Soldaten,

d. h. unfortpflanzungsfähige Weibchen und Männchen mit verkümmerten

Geschlechtsorganen. Damit ist der Anfang zur Bildung eines

Termitenstaates gelegt. Später werden neben den stets zahlreicheren

Arbeitern auch Männchen und Weibchen erzeugt, die ausschwärmen, um

wieder einen neuen Staat zu gründen.

Die Arbeitsteilung ist im Termitenstaat bis ins kleinste durchgeführt

und geregelt. Die „Hebammen“ entbinden die Königin, indem sie ihr die

Eier aus dem Leibe herausholen. Andere Dienstboten putzen und reinigen

den König und die Königin, die beide während ihres ganzen Lebens

unzertrennlich beieinander weilen. Wieder andere Termiten schaffen

Nahrung herbei und füttern das Herrscherpaar. Das königliche Gemach

wird dauernd von einer Anzahl Soldaten bewacht. Außer dieser Leibwache

gibt es noch Schutzleute, die die Arbeiter, welche das Königspaar

betreuen, beaufsichtigen und Nachlässige zur Arbeit anfeuern. Den

Aufbau des Wohnhauses besorgen die eigentlichen Arbeiter, und zwar auch

wieder unter der Aufsicht von Wachen und unter dem Schutz von Soldaten,

die Posten stehen. Erfolgt ein feindlicher Angriff, so schlagen die

Posten Alarm, indem sie durch Aneinanderschlagen der Kiefer oder durch

Reiben des Kopfes an der Brust Töne erzeugen, die als Signal dienen

und sogleich das unter Führung von Offizieren bereitstehende Heer

herbeilocken.

Eine merkwürdige Einrichtung finden wir bei einer auf Ceylon lebenden

Termitenart, die in hohlen Bäumen haust. Die Tiere legen sich außen am

Baumstamm Aborte an, die aus einzelnen Zellen bestehen, in denen die

Bewohner der Kolonie ihre Bedürfnisse verrichten. Soldaten versehen den

Dienst von „Abortfrauen“. Sie reinigen die Kloaken und geleiten die

einzelnen Termiten, die erscheinen, zu den „unbesetzten“ Stellen.

Stirbt die Königin, so wird sofort eine neue Königin herangezogen,

denn die Arbeiter haben es ganz in der Hand, aus einer jungen Termite,

die nicht als Larve, sondern gleich im fertigen Zustande aus dem Ei

schlüpft, je nach der Fütterungsweise einen Arbeiter, einen Soldaten,

eine Königin oder auch einen König heranzuziehen. Nach dem Tode der

Königin lebt der König häufig in Vielweiberei. Es werden mehrere junge

Termiten zu Weibchen ausgebildet und als Kebsweiber dem verwitweten

König zugeführt, der nun als Sultan ein Haremsleben führt.

Erweist sich die Anzahl der Individuen in einer Kaste zu groß, so

werden die überflüssigen Tiere einfach getötet, denn Faulenzer und

unnütze Esser dulden die strengen Gesetze des Termitenstaates nicht, in

dem eine mustergültige Ordnung und hervorragende Disziplin herrschen. --

Die Durchführung eines so hoch organisierten sozialen Lebens, das

bis ins kleinste in straffer Disziplin geregelt ist, scheint ohne

gegenseitige Verständigung der einzelnen Individuen kaum möglich,

und so dürfen wir mit Recht annehmen, daß auch die Bienen, Ameisen

und Termiten eine Sprache haben, mit der sie sich untereinander ihre

Gefühle und Empfindungen mitteilen.

Da unter den Sinnen der Geruchssinn bei diesen Tieren am höchsten

ausgebildet ist, so darf man vermuten, daß er bei der gegenseitigen

Verständigung eine große Rolle spielt. Der Sitz des Geruchssinnes

befindet sich bei den Bienen auf den Fühlern. Eine Arbeiterin hat

auf jedem Fühler nicht weniger als 5000 Geruchsorgane, woraus die

große Bedeutung des Geruchs für das Seelenleben der Biene am besten

hervorgeht.

[Sidenote: Verständigung der Termiten u. Ameisen]

Unter den Termiten gibt es einige völlig blinde Arten, und trotzdem

verrichten diese ihre Arbeiten genau so gut wie ihre sehenden

Verwandten. Der bis zur höchsten Vollkommenheit entwickelte Geruch

ersetzt den Mangel des Augenlichts. Die Tiere vermögen sich mit

Hilfe des Geruchs so gut zu orientieren, daß sie durch das fehlende

Sehvermögen nicht im geringsten beeinträchtigt werden. Auf ihren

Raub- und Wanderzügen scheiden die blinden Termiten tropfenweise eine

Flüssigkeit aus, die auf dem Erdboden antrocknet, und deren Geruch den

nachfolgenden Termiten als Wegweiser dient und später auf dem Heimweg

die Richtung zur Kolonie angibt.

Die Ameisen gebrauchen mit Vorliebe ihre Fühler zur Verständigung,

indem sie sich gegenseitig betasten. Je nach dem Inhalt der Nachricht

ist die Art der Berührung verschieden, so daß wir es hier mit einer

wohlorganisierten „Fühlersprache“ zu tun haben. Außerdem verständigen

sich die Tiere durch Geräusche, die sie durch Reiben von Körperteilen

hervorbringen. Die Termiten klopfen zu diesem Zweck mit dem Kopf auf

den Erdboden.

Mit der Erforschung der Bienensprache hat sich neuerdings +v.

Frisch+[7] eingehend beschäftigt und ist dabei zu äußerst

überraschenden und interessanten Ergebnissen gelangt.

[Sidenote: Farbensinn der Insekten]

+Frisch+ hat zunächst durch Experimente nachgewiesen, daß die frühere,

besonders von +Heß+ vertretene Ansicht, daß die Bienen farbenblind

seien, durchaus nicht zutrifft. Mit Ausnahme von Rot können die Bienen

alle Farben erkennen, und die Farbenempfindlichkeit ihres Auges reicht

sogar noch weit in das Ultraviolette hinein, wodurch der Mangel des

Farbensinnes für Rot in gewisser Weise ausgeglichen wird. Dies gilt

nicht nur für die Bienen, sondern für alle Insekten.

Die Rotblindheit der Insekten und andererseits die Wahrnehmung des

ultravioletten Lichtes steht wohl mit den Farben der Blüten im engen

Zusammenhang, denn in der Blütenflora ist gerade die rote Farbe im

Gegensatz zu Weiß, Blau und Gelb sehr schwach vertreten, während eine

stark ultraviolette Reflexion an Blumenblättern sehr verbreitet ist.

Außer der Rotblindheit ist der Farbensinn der Bienen noch in anderer

Beziehung beeinträchtigt. Das Bienenauge vermag keine Farbennuancen

wahrzunehmen. Gelb und Orange, sowie Blau und Violett sind für das

Bienenauge dieselben Farben.

„Um die biologische Bedeutung dieser Erscheinung ins rechte Licht zu

setzen,“ sagt +Frisch+, „müssen wir uns das Verhalten der Bienen bei

ihren Sammelflügen vergegenwärtigen. Sie sind blumenstete Insekten,

d. h. ein bestimmtes Individuum befliegt Stunden und Tage hindurch

nur Blüten ein und derselben Pflanzenart. Für die Biene ist dies

vorteilhaft, weil sie überall auf dieselbe Blüteneinrichtung trifft,

mit der sie vertraut ist; für die Blüten ist die Stetigkeit der

Besucherin zur Herbeiführung einer regelrechten Kreuzbefruchtung von

größter Wichtigkeit. Eine Blumenstetigkeit ist aber nur möglich, wenn

die Biene die gesuchten Blumen von den anderen Blüten mit Sicherheit

zu unterscheiden vermag. Nun ist jener Reichtum an Farbenabstufungen,

der unser Auge in einer blumenreichen Wiese erfreut, für das

Bienenauge nicht vorhanden. So können den Bienen die Farben der

Blüten nur in beschränktem Maße zu ihrer Unterscheidung dienen. Es

müssen ihnen daneben andere Merkzeichen zu Gebote stehen. Die Form

der Blumenblätter, die Farbenkombinationen in mehrfarbigen Blüten,

die ›Saftmale‹ spielen hier nachweislich eine Rolle -- aber auch

sie reichen nicht aus, die Zielsicherheit der sammelnden Bienen zu

erklären.“

Das wichtigste Merkmal zur sicheren Unterscheidung der Blüten ist

nach +Frisch+ der Duft. Dennoch ist das Riechvermögen der Bienen bei

weitem nicht so groß, als man bisher angenommen hat. Wohl vermag die

Biene feine Geruchsunterschiede wahrzunehmen, aber sie kann es nur auf

eine geringe Entfernung von einigen Zentimetern. Erst wenn sie die

Blüte umschwärmt, erkennt sie an dem Duft, ob es die von ihr gesuchte

Blumenart ist.

Der Blütenduft hat aber für die Tätigkeit des Bienenvolkes noch

eine andere, höchst wichtige Bedeutung. Die heimkehrenden Bienen

übermitteln durch den ihnen anhaftenden Duft ihren Genossen, von

welchen Blüten sie die Tracht geholt haben. So bildet der Blütenduft

ein Verständigungsmittel in der Sprache der Bienen.

Der Vorgang, der sich hierbei abspielt, ist folgender:

[Sidenote: Sprache der Bienen]

Hat eine Biene auf ihrem Sammelflug eine neue, reiche Trachtquelle

entdeckt, so gibt sie nach ihrer Heimkehr die Tracht zunächst an eine

Schwester, die Innendienst versieht ab, und beginnt dann auf den Waben

einen Rundtanz aufzuführen. Sie rennt hastig in kreisenden Bewegungen

umher. Ihr Rundtanz erregt im höchsten Maße die Aufmerksamkeit aller

anderen Bienen im Stock. In dichten Scharen drängen sie sich um die

Tänzerin und schließen sich ihr zum Teil an, so daß schließlich eine

ganze Gesellschaft den Reigen aufführt.

Durch den Tanz zeigt die heimgekehrte Biene ihren Schwestern an, daß

sie eine neue Quelle reicher Tracht gefunden hat.

Plötzlich bricht die Biene das Tanzen ab und verläßt den Stock, um

neue Tracht zu holen. Man sollte vermuten, daß die anderen Bienen ihr

in großen Scharen folgen, um sich die begehrte Honigstelle zeigen zu

lassen. Dies ist aber nicht der Fall. Sie beachten die Flugrichtung

der Tänzerin gar nicht, sondern schwärmen allein aus; viele haben

sogar schon während des Tanzes den Stock verlassen, um die neue

Tracht aufzusuchen. Sie fliegen in allen Richtungen umher und suchen

selbständig die Tracht vermittels ihres Geruchssinnes, nachdem sie von

der Tänzerin Witterung empfangen haben.

Jede heimkehrende Biene führt nun so lange einen Tanz auf, als noch

reichliche Tracht vorhanden ist, um hierdurch ihre Genossinnen immer

wieder zu neuem Eifer anzuspornen. Läßt die Tracht nach, dann hört

auch das Tanzen auf. Der Tanz bringt also nicht nur Kunde von der

Entdeckung einer Trachtquelle, sondern auch von ihrer Reichhaltigkeit.

Ja, die Verständigung geht sogar noch weiter. Auch die Anzahl der

Arbeitskräfte, welche zum Einholen der aufgefundenen Tracht notwendig

ist, wird von den Bienen bekanntgegeben, denn nach den Erfahrungen

von +Frisch+ sammeln sich an der Tracht stets nur so viel Bienen an,

als zur Verrichtung der Arbeit notwendig sind, niemals aber eine

unnötig große Anzahl. Auch hierbei erfolgt die Verständigung wieder

vermittels des Geruchs. Die Arbeitsbienen besitzen ein besonderes

Duftorgan im Hinterleib. Saugt nun eine Biene an reicher Tracht, so

stülpt sie ihr Duftorgan aus und lockt durch den sehr starken Duft, den

die Bienen auch auf weite Entfernungen wahrnehmen können, immer neue

Hilfskräfte herbei. So wird die Tracht sehr stark beflogen. Sind genug

Arbeitskräfte vorhanden, dann unterbleibt der Gebrauch des Duftorgans,

dagegen wird das Tanzen bei der Rückkehr noch fortgesetzt, damit der

Flug zur Tracht nicht völlig aufhört. Die Bedeutung des Duftorgans

als Verständigungsmittel geht aus folgendem, von Frisch ausgeführten

Versuch hervor. Er stellte zwei reich beschickte Futterplätze in der

Umgebung eines Bienenstockes auf, die sehr bald von zwei Gruppen

Bienen beflogen wurden. Nun verklebte er den Bienen einer Gruppe die

Duftorgane, was zur Folge hatte, daß hier der Anflug bald erheblich

nachließ. Der Zuzug neuer Bienen war nur ⅒ so groß als bei der

Gruppe mit unversehrten Duftorganen, obwohl die heimgekehrten Bienen

beider Gruppen im Stock tanzten.

Im Zauber des Tierlebens · 第 25 / 26 段