Winter gemeinsam umher. Jedem sind ja die Scharen von Meisen bekannt,
die häufig unter Führung eines großen Buntspechts unsere Wälder in der
kalten Jahreszeit durchstreifen. Die Meisentrupps bestehen meist aus
mehreren Arten: Kohlmeisen, Blaumeisen und Sumpfmeisen, zu denen sich
hin und wieder noch Goldhähnchen und Baumläufer gesellen. So zieht eine
bunte und lustige Gesellschaft durch den schneebedeckten Winterwald.
Wie wir schon gesehen haben, vollführen nicht nur die Vögel, sondern
auch andere Tiere, Säugetiere, Fische und Insekten, große Wanderungen.
Auch hier findet stets eine Vergesellschaftung statt. Es scheint dem
Tier ebenso zu gehen wie dem Menschen, auf der Wanderung liebt es die
Geselligkeit. Es wandert sich zu mehreren leichter als einsam, und dies
Gefühl mag auch das Tier haben. Ein wirklich praktischer Nutzen ist in
der gemeinsamen Wanderung der Tiere kaum zu erkennen, im Gegenteil,
ihre Anhäufung auf engem Raum muß ihre Ernährung beeinträchtigen. So
können wir die Ursache zur Schwarmbildung nur in psychischen Momenten
erblicken. Das einzelne Individuum fühlt sich offenbar unbehaglich,
wenn es seine Heimat verläßt und neue, weit entfernte, unbekannte
Gegenden aufsucht. Es wähnt sich sicherer in Begleitung zahlreicher
Artgenossen, die die Gefahren der Reise mit ihm teilen.
[Illustration:
Abbildung 31 James’ Preß Agency, London
Junger Orang-Utan]
[Illustration:
Abbildung 32 James’ Preß Agency, London
Der berühmte Orang-Utan „Sandy“ des Zoologischen Gartens in London
Er wurde als dreijähriges Tier gefangen und lebte 24 Jahre in
Gefangenschaft. Die Backenwülste sind das Zeichen des alten Männchens]
Die gemeinsame Reise bietet ferner den Vorteil, daß die älteren Tiere,
die den Weg schon wiederholt zurückgelegt haben und ihn daher kennen,
die jungen Individuen leiten. Doch darf diesem Umstand nicht allzuviel
Wert beigelegt werden, denn aus der Vogelzugforschung wissen wir, daß
bei den einsam wandernden Arten, wie z. B. vielen Raubvögeln und dem
Kuckuck, der junge Vogel ohne jede Führung die Winterherberge zu finden
weiß, was offenbar auf einem angeborenen Richtungssinn beruht, worüber
in dem Abschnitt, der die Tierwanderungen behandelt, schon ausführlich
gesprochen wurde. So kommt man immer wieder darauf zurück, daß es
hauptsächlich ein seelisches Verlangen ist, das die Tiere auf ihren
Wanderungen zusammenschart; es ist der Geselligkeitstrieb, der zur
Reisezeit in der Tierseele erwacht.
[Sidenote: Symbiose. Krokodilwächter, Madenhacker]
In Afrika lebt ein kleiner, etwa wachtelgroßer Regenpfeifer, der
nach seiner absonderlichen Freundschaft mit dem Krokodil den Namen
Krokodilwächter (~Pluvialis aegyptius~) trägt. Dieser harmlose Vogel
hat sich mit dem ungeschlachten Krokodil vergesellschaftet. Er läuft
unbesorgt auf dem Panzer des gefährlichen Reptils umher, um die daran
haftenden Wasserinsekten und Würmer abzulesen und zu verspeisen. Ja
er scheut sich sogar nicht, in den gewaltigen, aufgesperrten Rachen
seines riesigen Freundes zu schlüpfen und die Blutegel, die sich an
dessen Zahnfleisch angesaugt haben, als willkommenen Leckerbissen
zu verzehren. Da kommt es bisweilen vor, daß das Krokodil seinen
Rachen schließt. Der kleine Wicht duckt sich dann ganz ruhig in dem
gefährlichen Gefängnis nieder und wartet, bis das Krokodil wieder den
Rachen aufsperrt und seinen Wohltäter befreit. Der Vogel versteht es,
mit großer Gewandtheit und Vorsicht sich vor den Bissen des Krokodils
zu schützen. Vielleicht hat aber auch das Krokodil ein gewisses
Gefühl für die Wohltaten des Vogels und vermeidet es, diesem ein
Leid zuzufügen. Die innersten Regungen und Vorgänge in der Tierseele
sind uns ja noch so wenig bekannt, daß es unendlich schwer ist, eine
zutreffende Erklärung für derartige eigenartige Erscheinungen des
Tierlebens zu geben. Die Wissenschaft hilft sich in solchen Fällen
damit, von angeborenen, automatischen Triebhandlungen zu sprechen,
die ohne Zweifel die Handlungen der Tiere in hohem Maße beeinflussen.
Aber schließlich kann man nicht alles damit erklären. Wir können eben
letzten Endes das Tier nicht fragen, und so werden viele Vorgänge
vielleicht in ein ewiges Dunkel gehüllt bleiben. Das „Ignorabimus“
eines +Du Bois+ hat vielleicht auch hier Gültigkeit.
Das Krokodil genießt aber noch einen zweiten Vorteil von dem
Zusammenleben mit dem Vogel. Dieser ist sehr schreckhaft und läßt bei
jeder verdächtigen Gelegenheit seinen Warnruf erschallen, der für das
Krokodil ein Signal zur Flucht geworden ist. Es taucht sofort unter,
wenn es die Stimme des Vogels vernimmt, um sich in Sicherheit zu
bringen. Nach dieser Wirkung seiner Stimme, der sich der Vogel freilich
nicht bewußt ist, hat er den Namen „Krokodilwächter“ erhalten.
Beide Tiere, sowohl der Vogel wie das Krokodil, haben von dem
Zusammenleben einen unverkennbaren Vorteil. Der Vogel findet seine
Nahrung an der Echse, und diese wird dadurch von den lästigen
Schmarotzern befreit und zugleich durch die Stimme des Vogels
vor Gefahren gewarnt. Wissenschaftlich nennt man eine derartige
Gemeinschaft zweier verschiedener Tierarten, die auf einem
gegenseitigen Nutzen beruht, Symbiose.
Eine Symbiose besteht ferner zwischen den Madenhackern, afrikanischen
Starvögeln, und dem Elefanten, dem Nashorn sowie den Wiederkäuern. Die
Vögel lesen diesen Tieren das Ungeziefer von der Haut ab.
[Sidenote: Symbiose eines Fisches und einer Aktinie. Parökie. Synökie]
Ein besonders eigenartiger Fall von Symbiose ist die Freundschaft
eines kleinen indischen Fisches (~Amphiprion percula~) mit einer
großen Aktinie (~Discosoma~). Der Fisch hält sich zwischen den langen
Fangarmen der Aktinie auf und flüchtet sogar, wenn er sich bedroht
fühlt, in den Innenraum des Hohltiers. So fühlt sich der kleine
buntgefärbte Fisch ganz sicher unter dem Schutz der Aktinie und dankt
ihr die Gastfreundschaft dadurch, daß er sie mit Nahrung versieht. Er
schiebt ihr diese in den Schlund.
Die Korallenfische leben in den Korallenriffen und suchen bei Gefahr
Schutz in den Korallenästen. Die Korallen haben jedoch keinen Vorteil
von der Gemeinschaft mit den Fischen, sondern lediglich die letzteren.
Man nennt diese Lebensgemeinschaft mit einseitigem Nutzen „Parökie“.
Eine andere Art der Vergesellschaftung ist die Synökie. Hier wohnt ein
Tier auf oder in einem anderen, ohne daß hieraus dem Wirtstier ein
Nutzen oder Schaden erwächst. Dieses gibt nur dem Partner die Wohnung.
Der Nadelfisch (~Fierasfer acus~), der im Mittelmeer lebt, bewohnt
die zu den Aktinien gehörenden Seegurken. Der Fisch schlüpft in dem
Augenblick, wo die Seegurke ihre Kloake zur Wasseratmung öffnet, mit
dem Kopf in diese hinein und dreht sich dann schnell um, so daß er
mit dem Kopf vor der Kloakenmündung liegt. Hier verbringt er den Tag,
um nachts seine Behausung zu verlassen und Nahrung zu sich zu nehmen,
die aus kleinen Meerestieren besteht, welche durch die Exkremente
der Seegurke angelockt werden. Der Seegurke erwächst von ihrem
„Aftermieter“ kein Schaden. Der Nadelfisch ist ein kleiner, etwa 14
~mm~ langer Fisch mit glatter, schuppenloser Haut.
Eine andere Familie der Fische, die Schiffshalter (~Echeneis~), haben
auf dem Oberkopf eine große längliche Saugscheibe, mit der sie sich an
andere größere Fische festsaugen und von diesen umhertragen lassen. So
unternimmt der Fisch weite Reisen, die ihn sogar in fremde Weltmeere
führen.
Die Schiffshalter bewohnen in etwa 10 Arten die warmen Meere der
ganzen Welt, eine Art der Schildfische (~Echeneis remora~) kommt auch
im Mittelmeer vor. Die Fische saugen sich auch an Seeschildkröten, ja
sogar an leblose Gegenstände, wie Schiffskörper, an. Die Eingeborenen
Afrikas benutzen die Schiffshalter zum Fang von Seeschildkröten. Sie
binden den Fisch an eine lange Leine und lassen ihn an Stellen, wo
Seeschildkröten häufig sind, im Wasser schwimmen, wo der Fisch sich
bald an eine Schildkröte festsaugt, die dann zusammen mit dem Fisch an
der Leine herausgezogen wird.
[Sidenote: Parasitismus]
Von der Synökie und Parökie zum ausgesprochenen Schmarotzertum, dem
Parasitismus, ist nur ein Schritt. Der Parasitismus kennzeichnet
sich im Gegensatz zu allen anderen Vergesellschaftungen dadurch,
daß das Wirtstier stets einen Schaden erleidet, der unter Umständen
sogar zum Tode führen kann. Man spricht von einem Ekto- und einem
Entoparasitismus. Im ersteren Falle lebt der Parasit außen an dem
Körper des Wirtes, wie es z. B. Läuse, Flöhe, Wanzen und anderes
Ungeziefer tun. Beim Entoparasitismus haust der Quälgeist in den
inneren Organen des Wirtstieres, wie es vom Bandwurm und anderen
Eingeweidewürmern, sowie von der Trichine bekannt ist.
Parasitäre Fische sind die Neunaugen, die sich an andere Fische,
Frösche und Würmer ansaugen und mit ihren Hornzähnen Löcher in den Leib
fressen.
[Sidenote: Tierkolonien der Blumentiere]
Eine neue Art der Lebensgemeinschaft finden wir bei den Blumentieren,
jenen zarten, zum Teil herrlich buntgefärbten Meerestieren, die in
ihrer Gestalt Pflanzen gleichen und die Besucher eines Aquariums
immer wieder von neuem in Entzücken versetzen. Die rote Koralle, die
in früherer Zeit als Schmuck bei der Damenwelt so beliebt war, ist das
äußere Skelett einer großen Tierkolonie, in dem die einzelnen Tiere,
„Polypen“ genannt, eingebettet sind. Das Skelett, das aus hornartiger
oder kalkartiger Masse besteht, wächst durch Knospung dauernd weiter
und zeichnet sich durch eine große Mannigfaltigkeit in seiner Form aus.
Der Korallenstock der roten Edelkoralle gleicht mit seinen Verästlungen
einem Baum. Der ganze Bau ist mit zahllosen Polypen besetzt, die
einzeln in Röhren eingebettet sind. Sie können sich ganz in das Gehäuse
zurückziehen. Zur Aufnahme von Nahrung strecken sie sich heraus
und entfalten ihre zierlichen Fangarme. Der Polyp der Edelkoralle
sieht wie ein kleiner weißer Stern aus, und der rote Korallenbaum,
besät mit zahllosen Sternchen, ist ein herrlicher Anblick. Wie ein
geheimnisvoller Zauber erscheint das Leben dieser Blumentiere.
Prächtige Gebilde zeigen auch die Hornkorallen, deren Skelett nicht wie
bei der roten Edelkoralle aus Kalk, sondern aus Hornsubstanz besteht.
Der gelb oder violett gefärbte Venusfächer aus dem tropischen Teil des
westlichen Atlantik gleicht einem großen Fächer, der aufrecht im Wasser
steht und von den Wellen leise hin und her geschaukelt wird.
Bei den Orgelkorallen hat jedes Tier sein eigenes, röhrenförmiges
Gehäuse. Die Röhren stehen wie Orgelpfeifen dicht nebeneinander
senkrecht auf einer Platte und sind noch durch Zwischenplatten fest
verbunden.
[Sidenote: Korallen, Korallenbänke, Korallengärten]
In der Tierkolonie eines Korallenstockes herrscht die größte
Gemeinschaft, da sämtliche Polypen durch Nahrungskanäle, die den ganzen
Aufbau durchziehen, miteinander verbunden sind. Die Nahrung des
Einzeltieres kommt also allen Bewohnern der Kolonie zugute.
Das Skelett ist kein totes Gehäuse, sondern ist ebenso wie das Skelett
der Wirbeltiere am Stoffwechsel beteiligt. Stirbt der untere Teil eines
Korallenstockes ab, so bildet sich eine Scheidewand zwischen dem noch
lebenden und dem toten Teil der Kolonie. Der abgestorbene Teil dient
dann nur noch als Wurzel oder Sockel für die lebende Kolonie.
Die Fortpflanzung erfolgt dauernd durch Knospung. Daneben werden
zeitweise Eier ausgestoßen, die frei im Meere umhergetrieben werden,
bis sie sich festsetzen und so die Grundlage zur Bildung einer neuen
Kolonie geben. Die Korallen sind getrennten Geschlechts. Die männlichen
und weiblichen Tiere leben entweder in besonderen Stöcken, oder sie
sind an einem Stock vereint.
Von unvergleichlicher Pracht und Schönheit ist die Korallenbildung in
den Tropen. Zwischen dem 25. Grad nördl. und dem 25. Grad südl. Br. in
einer Wassertemperatur von mindestens 24°~C~ leben die Riffkorallen im
flachen Küstenwasser bis zu einer Tiefe von etwa 30 ~m~. Hier bedecken
die Korallen in allen möglichen Farben, blau, grün, violett, gelb,
purpurrot und zartrosa, auf weite Strecken den Meeresgrund und bilden
die bekannten Korallenbänke, die sich gleich mächtigen Gebirgen unter
dem Wasser auftürmen. Der Anblick eines solchen Blumengartens, in dem
uns ein wundersames Tierleben die prächtigste Flora vortäuscht, ist
das Unvergleichlichste und Schönste, was die Natur geschaffen hat.
Selbst der nüchterne Gelehrte, der sonst gewohnt ist, die Erscheinungen
der Natur im staubigen Zimmer unter dem Mikroskop zu erforschen, wird
beim Anblick dieses Naturwunders zur Begeisterung entflammt. Die
Hand des Künstlers vermag nicht jene Farbenpracht auch annähernd so
stimmungsvoll wiederzugeben, wie sie in Wirklichkeit ist. Werden doch
all die leuchtenden Farben der Korallenbank durch das Grün des Wassers
wie von einem geheimnisvollen, duftigen Schleier überdeckt, der die
Farbenkontraste zu herrlicher Harmonie abstimmt.
+Ernst Häckel+ schildert den ersten Eindruck, den er von den
Korallenbänken empfing, mit folgenden, begeisterten Worten: „Die
vielgerühmte Pracht der indischen Korallenbänke in ihrem vollen
Farbenglanz zu schildern, vermag keine Feder und kein Pinsel. Die
begeisterten Schilderungen von +Darwin+ und anderen Naturforschern,
die ich früher gelesen, hatten meine Erwartungen hoch gespannt, sie
wurden aber durch die Wirklichkeit übertroffen. Ein Vergleich dieser
formenreichen und farbenglänzenden Meerschaften mit den blumenreichsten
Landschaften gibt keine richtige Vorstellung. Denn hier unten in
der blauen Tiefe ist eigentlich alles mit Blumen überhäuft, und
alle diese zierlichen Blumen sind lebendige Korallentiere. An den
verzweigten Bäumen und Sträuchen sitzt Blüte an Blüte. Die großen
bunten Blumenkelche zu deren Füßen sind ebenfalls Korallen. Ja sogar
das bunte Moos, das die Zwischenräume zwischen den größeren Stöcken
ausfüllt, zeigt sich bei genauer Betrachtung aus Millionen winziger
Korallentierchen gebildet. Und alle diese Blütenpracht übergießt die
leuchtende arabische Sonne in dem kristallhellen Wasser mit einem
unsagbaren Glanze.
In diesen wunderbaren Korallengärten, welche die sagenhafte Pracht der
zauberischen Hesperidengärten übertreffen, wimmelt ein vielgestaltiges
Tierleben. Metallglänzende Fische von den sonderbarsten Formen und
Farben spielen in Scharen um die Korallenkelche, gleich den Kolibris,
die um die Blumenkelche der Tropenpflanzen schweben. Noch viel
mannigfaltiger und interessanter als die Fische sind die wirbellosen
Tiere der verschiedensten Klassen, welche auf den Korallenbänken ihr
Wesen treiben. Zierliche durchsichtige Krebse aus der Garnelengruppe
klettern zwischen den Korallenzweigen. Auch rote Seesterne, violette
Schlangensterne und schwarze Seeigel klettern in Menge auf den Ästen
der Korallensträucher, der Schar bunter Muscheln und Schnecken nicht
zu gedenken. Reizende Würmer mit bunten Kiemenfederbüschen schauen aus
ihren Röhren hervor. Da kommt auch ein dichter Schwarm von Medusen
geschwommen, und zu unserer Überraschung erkennen wir in der zierlichen
Glocke eine alte Bekannte aus der Ostsee und Nordsee.“
„Man könnte glauben,“ fährt der große Forscher fort, „daß in diesen
bezaubernden Korallenhainen, wo jedes Tier zur Blume wird, der
glückselige Friede der elysischen Gefilde herrscht. Aber ein näherer
Blick in ihr buntes Getriebe lehrt uns bald, daß auch hier, wie im
Menschenleben, beständig der wilde Kampf ums Dasein tobt, oft zwar
still und lautlos, aber darum nicht minder furchtbar und unerbittlich.
Überall lauert Schrecken und Gefahr.“ --
[Sidenote: Korallenriffe, Koralleninseln]
Außer den Küstenriffen, wo die Korallenbildung sich unmittelbar an die
Küste anschließt und diese gewissermaßen fortsetzt, gibt es noch Damm-
oder Barriereriffe, die in größerer Entfernung der Küste vorgelagert
sind. Sie haben bisweilen eine gewaltige Längenausdehnung. Das größte
Barriereriff liegt vor der nördlichen Festlandküste Australiens in
einer Entfernung von 80 bis 150 ~km~ vom Lande und hat eine Länge von
2000 ~km~. Sogar mitten im offenen Ozean finden sich Korallenriffe, die
Inseln bilden.
Wie kommt die Korallenbildung in so weiter Entfernung von der Küste
zustande, wenn der Polyp, der die Koralle bewohnt, nur in flachem
Wasser gedeihen kann? Die Antwort auf diesen scheinbaren Widerspruch
verdanken wir +Darwin+, der es verstand, auch dies Rätsel der Natur
in genialer Weise zu lösen. Hiernach sind die Barriereriffe früher
Küstenriffe gewesen. Die Küste ist allmählich tiefer gesunken, und
zugleich haben die Korallen sich nach oben ausgedehnt, um unweit der
Wasseroberfläche zu bleiben, wie es ihre Lebensbedingung verlangt.
Ebenso erfolgte die Bildung der Koralleninseln, auch Atolls genannt.
Ursprünglich war hier eine richtige Insel, an deren Küste Korallenbänke
standen. Die Insel versank allmählich in den Fluten des Meeres,
und die Korallen türmten ihre Bauten immer höher, um lebensfähig
zu bleiben, so daß schließlich anstatt der einstigen Insel nur das
Korallenriff übrigblieb, das die Stelle, wo die Insel versank, als
breiter Ringstreifen umschließt und in seiner Mitte einen See bildet.
Auf den über den Meeresspiegel hervorragenden Teilen des Atolls bildet
sich häufig ein üppiger Pflanzenwuchs. Sogar Kokospalmen wachsen
hier, da nicht allzu selten Kokosnüsse angeschwemmt werden. Diese
Palmenhaine im Meere zeigen schon aus weiter Entfernung dem Schiffer
die gefahrbringenden Korallenriffe an, an denen schon so manches stolze
Ozeanschiff gescheitert ist.
Die Richtigkeit der Darwinschen Erklärung für die Bildung von Atolls
und Dammriffen zeigt sich am besten darin, daß stets nur die obere
Schicht der Korallenstöcke mit Polypen besetzt ist, während die
darunter befindliche tiefere Schicht, die bisweilen hunderte und
tausende Meter hoch ist, nur aus abgestorbenen Skeletteilen besteht.
Nicht immer sind Koralleninseln die Wahrzeichen versunkenen Landes,
sondern sie können auch auf andere Weise entstehen, nämlich durch
Hebung des Meeresbodens, die so groß ist, daß der flache Wasserstand
eine Korallenbildung begünstigt. Die Darwinsche Erklärung läßt sich
also nicht in allen Fällen anwenden, wie die neueren Forschungen
ergaben.
[Sidenote: Seefedern]
Ebenso wie die Korallen bilden auch die gleichfalls zu den Blumentieren
gehörenden Seefedern eine große Tierkolonie. Nicht ein äußeres Skelett
vereint die Tiere, sondern die einzelnen Polypen gruppieren sich um
einen großen Hauptpolypen, der mit einem Stiel lose im Schlamm des
Meeresbodens steckt. Der Hauptpolyp besitzt in seinem Innern eine
hornige oder kalkartige Achse. Im Gegensatz zu den Korallen haben wir
hier eine innere Skelettbildung. Ernährungskanäle verbinden die Tiere
untereinander. Eine „koloniale“ Muskulatur befähigt die Kolonie, sich
als ein Ganzes zusammenzuziehen und auszudehnen. Die Seefedern sind
hierdurch imstande, ihre Gestalt auffällig zu verändern. Sie vermögen
durch Ausdehnung ihren Körperumfang um das Sechzigfache zu vergrößern.
Die Schönheit der Seefedern wird noch durch ihr Leuchtvermögen erhöht.
Das Leuchten wird durch eine chemische Umsetzung von Fetteilchen in den
Körperzellen hervorgerufen.
[Sidenote: Staatsquallen]
Eine Tierkolonie bilden auch die farbenprächtigen Staatsquallen, die
wir schon in dem Abschnitt über „Biotechnik“ kennengelernt haben.
Hier begegnen wir zum ersten Male einer Staatenbildung im Tierreich,
d. h. es findet eine Arbeitsteilung unter den einzelnen Wesen der
Kolonie statt. Die Schwimmglocken, medusenartige Wesen, sorgen für die
Fortbewegung, schlauchartige Freßpolypen führen die Ernährung aus.
Letztere stehen mit einem weitverzweigten Röhrennetz in Verbindung, das
die Nahrung an alle Bewohner der Kolonie weitergibt. Ferner gibt es
besondere Tastpolypen, die Taster und Fangarme tragen, und Gonophoren,
die als männliche und weibliche Geschlechtstiere die Fortpflanzung
besorgen. Das Ganze gruppiert sich abteilungsweise um einen vertikalen
Stamm, der oben eine Luftblase enthält, die den Auftrieb beim Schwimmen
gibt. Die Kolonie hat in ihrer Gesamtheit das Aussehen einer Qualle,
ist aber in Wirklichkeit die Vereinigung zahlreicher Einzeltiere zu
einem Staatswesen mit sehr sinnreicher Arbeitsteilung. --
Eine Staatenbildung in höchster Vollkommenheit sehen wir bei den
Ameisen, Bienen und Termiten.
[Sidenote: Staatenbildung der Bienen]
Im Bienenstaat lebt nur ein fortpflanzungsfähiges weibliches Wesen, die
Königin, welche keine Rivalinnen duldet. Ihr Geschlechtsleben haben wir
schon in dem Kapitel „Liebesleben und Fortpflanzung“ kennengelernt.
Die Hauptaufgabe im Bienenstaat fällt den Arbeiterinnen, Weibchen mit
verkümmerten Geschlechtsorganen, zu. Sie sind kleiner als die Königin,
aber mit besonderen Organen für ihre Arbeit ausgerüstet. Sie haben
einen langen Rüssel, mit dem sie den Honig aus den Blüten saugen.
Der Nektar wird verschluckt und zu Hause wieder ausgespien. Kleine
Vertiefungen an der Außenseite der Schienen der Hinterfüße dienen als
„Körbchen“ beim Einsammeln des Blütenstaubes. Mit Hilfe der an der
Ferse befindlichen „Bürste“, die aus reihenweise angeordneten Haaren
besteht, wird der Blütenstaub in die Körbchen gekehrt. Außerdem sind
die Arbeiterinnen ebenso wie die Königin am Hinterleib mit einem
Giftstachel bewaffnet, der den männlichen Drohnen fehlt.
Im Bienenstaat gilt allein das Recht der Frau. Die Königin, die nur
einmal in ihrem Leben befruchtet wird, sorgt unaufhörlich durch
Eierlegen für eine zahlreiche Nachkommenschaft und die Erhaltung des
Volkes. Dafür wird sie von den Arbeiterinnen sorgsam gehätschelt,
gefüttert und gepflegt. Sie, die Herrscherin des Staates, lebt wie
eine Gefangene unter ihren Untertanen, denn nur wenige Male darf sie
das Heim verlassen. Als Jungfrau schwingt sie sich zum Hochzeitsflug in
den blauen Äther, um nach ihrer Rückkehr nur dann wieder einen Ausflug
zu unternehmen, wenn es gilt, einer jungen, neugeborenen Königin das
Feld zu räumen.
Alles ist im Bienenstaat auf die Frau eingestellt. Die ganze Arbeit,
den Bau der Waben, das Einsammeln von Honig und Blütenstaub, die
Zubereitung des Bienenbrots, die Pflege der Larven, kurz alle für die
Erhaltung des Stocks notwendigen Verrichtungen üben einzig und allein
die Arbeiterinnen aus. Die Drohnen lassen sich nur füttern, faulenzen
aber im übrigen und unternehmen bei gutem Wetter Spazierflüge, wobei
sie auch fremde Stöcke besuchen, in denen sie ohne weiteres geduldet
werden.
Wilhelm Busch geißelt mit köstlichem Humor in seinem „Schnurrdiburr,
oder die Bienen“ das bequeme Nichtstun der Drohnen mit den Versen:
„Und nur die alten Brummeldrohnen,
Gefräßig, dick und faul und dumm,
Die ganz umsonst im Hause wohnen,
Faulenzen noch im Bett herum.“
Unter den Arbeitsbienen ist die Art der Arbeit genau geregelt und
verteilt. Jede Biene verrichtet nur eine ganz bestimmte Arbeit. In den
ersten drei Wochen ihres Lebens versehen die Arbeiterinnen nur Arbeit
im Innern des Stockes. Sie nehmen den vom Ausfluge zurückkehrenden
Bienen den Blütenstaub und den aus dem Kropf gespienen Honig ab und
füllen ihn in die Zellen. Andere Bienen bereiten Wachs aus dem Sekret
ihrer Hinterleibsringe, wieder andere bauen Waben und verdeckeln
die mit Honig gefüllten Zellen, nachdem die „Apotheker“ vorher ein
Tröpfchen Ameisensäure hinzugesetzt haben, damit der Honig nicht
verdirbt. Besondere „Straßenkehrer“ halten die Wohnung sauber und
befördern den Unrat und die Leichen gestorbener Bienen hinaus. Die
„Gesundheitspolizisten“ sorgen für eine gründliche Lufterneuerung,
indem sie fortgesetzt mit den Flügeln fächeln, wobei etwa 400
Flügelschläge in der Sekunde erfolgen. Am Flugloch üben „Posten“ die
Kontrolle aus und lassen nur Arbeitsbienen passieren, die zum Stock
gehören, weisen aber fremde Eindringlinge ab.