anderer Tiere, die nur durch äußere Lebensbedingungen gebildet werden,
haben wir es hier mit einem wirklich sozialen Leben zu tun. Die
Vereinigung erfolgt zum Zweck der persönlichen Sicherheit. Sie gründet
sich auf einen gegenseitigen Nutzen.
[Sidenote: Rudel der Antilopen, Zebras und Büffel]
Ebenso wie das Rotwild verfahren alle Wiederkäuer und viele andere
Säugetiere. Die Antilopen und Zebras bilden große Rudel. Häufig
bestehen die Antilopenrudel sogar aus verschiedenen Arten. Der wegen
seiner Wildheit gefürchtete afrikanische Kaffernbüffel bildet große
Herden, die in früheren Zeiten, als der Bestand der Tiere durch die
Verfolgung des Menschen noch weniger gelitten hatte, nach Hunderten und
Tausenden zählten. Noch in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts
wurden im Innern des schwarzen Erdteils Büffelherden, die aus
4000-5000 Tieren bestanden, beobachtet. Eine solche Massenvereinigung
ist freilich nur denkbar und möglich in Gegenden, wo ein Überfluß
an Nahrung vorhanden ist, wie in den weiten, endlosen Gebieten der
afrikanischen Steppe. Da der einzelne Büffel durch die Stärke seines
Körpers und die gewaltigen Hörner ein sehr wehrhaftes Tier ist, das
sich allein gegen jede Gefahr verteidigen kann, so verfolgt die
Herdenbildung weniger den Zweck, die Sicherheit zu erhöhen, sondern
geschieht wohl hauptsächlich aus Geselligkeitstrieb. Das Tier bedarf
anscheinend zur Herstellung seines seelischen Gleichgewichts und
Wohlbehagens der Gesellschaft seinesgleichen. Wie groß die Liebe zur
Geselligkeit ist, geht am besten daraus hervor, daß ganz alte Stiere,
die von überlegenen Rivalen abgekämpft sind und aus der Herde verstoßen
werden, nicht gern ein einsiedlerisches Leben führen, sondern sich
ihrerseits zusammenfinden, um eine Gemeinschaft alter Junggesellen zu
bilden. Gewöhnlich sind 10 bis 15 solcher alten, griesgrämigen Bullen
vereint.
[Sidenote: Moschusochsen]
Der im polaren Nordamerika lebende Moschusochse, der entsprechend dem
kalten Klima seiner Heimat mit einem dichten, zottigen Pelz ausgerüstet
ist, lebt in Rudeln von 10-30 Stück. Der Hauptfeind dieser Tiere ist
der Wolf, dessen Angriff sie sehr erfolgreich zu begegnen wissen. Sie
drängen sich in einem dichten Kreis zusammen und richten ihre Köpfe
nach außen, wobei die spitzen Hörner eine undurchdringliche Phalanx
bilden, gegen die die blutdürstigen Raubtiere machtlos anrennen. Auf
diese Weise gelingt es den Moschusochsen, selbst den Angriff einer
starken Rotte von Wölfen abzuschlagen. Hier hat sich das soziale Leben
bereits zu einer gemeinsamen, gegenseitigen Verteidigung ausgebildet.
[Sidenote: Wachposten der Gemsen und Steinböcke]
Bei den Gemsen und Steinböcken halten stets einzelne Posten Wache,
sobald das Rudel sich zur Ruhe niedertut. Diese Wachen legen sich
nicht nieder, sondern bleiben aufrecht stehen mit hochgehobenem Kopf,
um vermittels ihres feinen Gehörs und Geruchs jede Gefahr rechtzeitig
zu erkennen und das Rudel zu warnen. Der Warnruf der Gemsen ist ein
lauter, durchdringender Pfiff, der Steinböcke ein pfeifendes Schnauben.
Auf das Signal hin erhebt sich sofort das ganze Rudel, um unter Führung
des Leittieres sein Heil in der Flucht zu suchen.
Im Gegensatz zu den Wiederkäuern hat bei den Wildpferden, Zebras,
Wildeseln und den asiatischen Urwildpferden stets ein männliches Tier
die Führung des Trupps. Der stärkste Hengst, der alleiniger Besitzer
der Stuten ist und zugleich der Beherrscher des ganzen Rudels, sorgt
für die Sicherheit. Ebenso ist es bei den gesellig lebenden Affen, bei
denen das soziale Leben nach strengen Regeln und Gesetzen geordnet ist.
[Sidenote: Soziales Leben der Affen]
Bei den Meerkatzen führt der älteste und stärkste Affenvater das
Regiment in der Bande, die sich ganz und gar seiner erfahrenen Führung
anvertraut und allen seinen Befehlen ohne Widerspruch Folge leistet.
Er übt sein verantwortungsvolles Amt mit größter Umsicht und nie
ermüdendem Eifer aus. Auf der Wanderung geht er eine Strecke voraus.
Alle übrigen Affen folgen genau seinen Fußtritten, ersteigen denselben
Baum und klettern über dieselben Äste hinweg, auf denen der Weg des
Leitaffen entlangführt. Ab und zu hält dieser vom Gipfel eines Baumes
Umschau. Sofort bleibt die ganze Horde halten, bis die gurgelnden
Töne des sorgsamen Alten verkünden, daß keine Gefahr droht und die
Reise fortgesetzt werden kann. Kommt man an ein Maisfeld, dann wartet
man hübsch ab, bis der gestrenge Herr sich überzeugt hat, daß man
hier gefahrlos den Mittagsschmaus halten kann. Die Bande löst sich
allmählich auf, jeder sucht sich ein Plätzchen, wo er sorglos seinen
Hunger stillen kann. Die noch unmündigen Kinder, welche auf dem Marsche
an dem Leibe ihrer Mütter hingen, verlassen diese und spielen umher,
werden aber stets von der Mutter sorgfältig beaufsichtigt. Der alte
Affenvater vergißt beim Verzehren des wohlschmeckenden Maiskolben
nicht, ständig für die Sicherheit zu sorgen. Von Zeit zu Zeit erhebt er
sich, ersteigt einen Baum oder Hügel, um sich zu überzeugen, daß keine
Gefahr droht. Sobald er irgend etwas Verdächtiges bemerkt, läßt er
seinen Warnruf erschallen. Sofort springen alle Affen auf und sammeln
sich um ihren Gebieter, um, wenn notwendig, den Rückzug unter seiner
Führung anzutreten. Jeder sucht noch so schnell wie möglich recht viel
Maiskörner zusammenzuraffen und in den Backentaschen zu bergen.
Bei den Pavianen, die bisweilen in großen Horden von mehreren Hunderten
zusammenleben, haben häufig mehrere Männchen die Führung, und zwar
sind es stets die ältesten und stärksten Stücke. Auch das Liebesleben
ist geregelt, wie man bei dem Mantelpavian oder Hamadryas beobachtet
hat. Jedes mannbare Männchen hat sein Weibchen, das seinem Gemahl auf
Schritt und Tritt folgt und stets in seiner unmittelbaren Nähe bleibt.
Nähert sich ein jüngeres Männchen in verführerischer Absicht einem
verehelichten Weibchen, so wird es von dem rechtmäßigen Gemahl sofort
ernstlich angegriffen und verjagt. Unter Umständen entspinnt sich auch
ein ernstlicher Kampf, der dem Sieger den Besitz des Weibchens sichert.
Bei dem im abessinischen Hochlande lebenden Nacktbrustaffen oder
Dschelada, der sich durch eine nackte rote Stelle am Unterhals und der
Brust auszeichnet, besteht die Horde aus einzelnen, kleineren Trupps,
die von je einem alten Männchen geführt werden. Einige alte Männchen
scheinen die Oberaufsicht über die ganze Bande zu haben. Sie sind es
wohl auch, welche als Wachposten für die Sicherheit sorgen, wenn die
Horde sich zur Ruhe oder Mahlzeit niederläßt.
[Sidenote: Horden- und Familienleben der Menschenaffen]
Wertvolle Angaben über das soziale Leben der Menschenaffen verdanken
wir +Eduard Reichenow+[6]. Nach seinen Beobachtungen leben Schimpanse
(Abbildung 29 u. 30) und Gorilla (Abbildung 28) in Familien, die sich
zu größeren oder kleineren Horden zusammenschließen. Jede Horde bewohnt
einen bestimmten Bezirk im Urwalde, dessen Durchmesser sich gewöhnlich
auf etwa 15 ~km~ erstreckt. Innerhalb dieses Gebiets streifen die Affen
am Tage Nahrung suchend umher. Während die einzelnen Gorillafamilien
sich hierbei trennen und jede für sich ihren Weg geht, um sich erst
am Abend wieder zusammenzufinden, hält die Schimpansenhorde mehr
zusammen. Auch sind die Schimpansenherden in der Regel zahlreicher
als die Gorillagesellschaften. Erstere bestehen bisweilen aus 20-30
Köpfen, während in einer Gorillahorde meist nur 7-16 Tiere vereint
sind. Am Abend errichten sich Schimpanse und Gorilla Schlafnester, der
Schimpanse stets auf Bäumen in einer Höhe von 8-13 ~m~, der Gorilla
meist auf dem Erdboden oder in einem niedrigen Strauch 1-1½ ~m~ über
der Erde. Im Süden seines Verbreitungsgebiets, das sich im Innern
Afrikas von Kamerun bis zum Tanganjikasee erstreckt, übernachtet nur
das Männchen der Gorillafamilie auf der Erde, während das Weibchen und
die halbwüchsigen Jungen sich ihre Schlafnester auf Bäumen in einer
Höhe von 5-6 ~m~ bauen. „Eine Erklärung für das verschiedene Verhalten
des Gorillas im Süden und Norden zu geben, ist recht schwierig“, sagt
+Reichenow+ und fährt fort: „Wenn es die Furcht vor dem Angriffe des
Leoparden wäre, wie +Koppenfels+ meint, die im Süden die jungen und
die weiblichen Tiere auf die Bäume treibt, so wäre nicht zu verstehen,
warum diese Furcht im Norden nicht besteht; denn der Leopard fehlt
hier gleichfalls nicht. Gerade der Umstand, daß der Gorilla im
nördlichen Urwaldgebiet sein Nachtlager am Boden errichtet, beweist,
daß er, im Gegensatz zum Schimpansen, den Leopard nicht fürchtet.“
Daß die verschiedenartige Anlage der Nester nur auf Gewohnheit und
Sitte beruhen soll, kann man meiner Ansicht nach kaum annehmen.
Irgendeinen Grund muß die Sache schon haben. Wir sehen hier wieder, wie
schwer es bisweilen ist, die biologischen Eigenschaften der Tiere zu
verstehen und zu erklären.
Die Angabe älterer Autoren, daß beim Schimpansen nur die Weibchen mit
den Jungen in Bäumen auf Nestern schlafen, und daß das Männchen stets
unten am Stamm übernachtet, um den Überfall des Leoparden rechtzeitig
bemerken und abwehren zu können, hält +Reichenow+ für unrichtig.
Nach seinen Beobachtungen baut sich auch das alte Männchen stets ein
Schlafnest im Baumgipfel.
Die Nester des Schimpansen und Gorillas ähneln in ihrem Äußern den
Storchnestern. Sie bestehen aus Ästen und Zweigen, die die Affen nach
innen umbiegen und zusammenflechten.
Das Schlafnest des erwachsenen Gorillas hat einen Durchmesser von etwa
1½ ~m~; die Nester halbwüchsiger Tiere sind entsprechend kleiner. Fast
immer stehen zwei große Gorillanester dicht nebeneinander und einige
kleine Nester in unmittelbarer Nähe, was auf die Lagerstätte eines
Ehepaares mit seinen Kindern hindeutet. +Reichenow+ schließt daraus,
daß der Gorilla monogam lebt und meint, daß die Ehe auf Lebenszeit,
jedenfalls für längere Dauer geschlossen wird. Diese Beobachtung ist
von besonderem Wert, da es der erste Fall von Monogamie unter den
Affen wäre, die sonst durchaus polygam leben. Ob auch der Schimpanse
eine monogame Lebensweise führt, konnte +Reichenow+ leider nicht
feststellen.
Schimpanse und Gorilla benutzen ihre Schlafnester stets nur einmal
und errichten sich am Abend an der Stelle, wo ihr Tageswerk beendet
wird, jedesmal eine neue Lagerstatt. Während die Nester der einzelnen
Familienmitglieder stets nahe beisammen stehen, befinden sich zwischen
den Lagerstätten der Familien größere Zwischenräume. Man kann daher
nach der Anzahl der Nestgruppen die Zahl der Familien einer Herde,
und nach der Anzahl der Familiennester die ungefähre Kopfstärke der
Familie feststellen. Im letzteren Falle ergibt sich jedoch keine
genaue Zahl, sondern nur eine annähernde Schätzung, da die ganz jungen
Affen noch keine eigenen Nester bauen, sondern zusammen mit der Mutter
schlafen, und die älteren Tiere bisweilen das zuerst gebaute Nest durch
ein zweites ersetzen, wenn ihnen jenes nicht sicher genug erscheint.
Bei starkem Regen sollen die Affen nicht im Nest, sondern unterhalb
desselben übernachten, indem sie sich auf dem Erdboden oder in den
Zweigen hinkauern und das Nest als Dach zum Schutz gegen die Nässe
benutzen.
Auffallend ist es, daß Tiere von so gewaltiger Körperstärke, wie
die Menschenaffen, ausschließlich vegetarisch leben. Ihre Nahrung
besteht in Früchten, Knospen und Blättern, und nur hin und wieder
werden Vogeleier ausgetrunken, eigentliche Fleischkost wird dagegen
verschmäht. +Reichenow+ gibt hierfür eine sehr interessante und
beachtenswerte Erklärung. Er fand im Darm der Menschenaffen Protozoen,
die den Infusorien der Wiederkäuer sehr ähnlich sind und offenbar für
die Verdauung eine große Rolle spielen. „Diese Infusorien“, sagt unser
Gewährsmann, „erleichtern ihren Wirten durch die von ihnen geleistete
Zelluloseverdauung die Ausnutzung der pflanzlichen Nahrungsstoffe,
und sie bieten dadurch, daß sie selbst ständig in großer Zahl im
Darme zugrunde gehen und verdaut werden, einen gewissen Ersatz für
Fleischnahrung.“ In der Gefangenschaft verschwinden diese Infusorien
sehr bald aus dem Darm der Menschenaffen, wodurch die Ernährung des
Körpers beeinträchtigt wird. Die Sucht nach Fleischnahrung, die die
gefangenen Tiere im Gegensatz zu den freilebenden häufig zeigen, läßt
sich vielleicht hiermit in Zusammenhang bringen. Die Tiere haben
unwillkürlich das Verlangen, sich für die fehlende Infusoriennahrung
einen Ersatz zu verschaffen. Auch die Hinfälligkeit der Menschenaffen
in der Gefangenschaft und ihre Neigung zur Tuberkulose und
anderen Krankheiten steht wahrscheinlich hiermit im Zusammenhang.
Jedenfalls tut der Tiergärtner gut, den Menschenaffen Fleischkost
nicht vorzuenthalten, um hierdurch einen Ausgleich für den in der
Gefangenschaft veränderten Stoffwechsel zu schaffen.
In Gegenden, wo die Gorillas vom Menschen unbehelligt leben, sind sie
überaus dreist und furchtlos. Wenn sie mit der Mahlzeit beschäftigt
sind, lassen sie den Menschen bis auf wenige Schritte herankommen.
Wittert das Männchen Gefahr, so trommelt es mit den Fingern auf die
Wangen des geöffneten Maules, um seine Familie zu warnen und zum
Rückzug aufzufordern, während er selbst meist standhält, um sich von
der vermeintlichen Gefahr zu überzeugen. Erblickt er den Menschen, so
stößt er ein mehrmaliges kurzes Brüllen aus, klatscht mit den Händen
und schlägt mit ihnen gegen die Brust. Einen Angriff wagt der Gorilla
jedoch meist nicht, sondern er zieht sich langsam zurück, wenn man ihm
näher auf den Leib rückt. In einiger Entfernung bleibt er dann wieder
stehen, und das Spiel beginnt von neuem. Nur ganz alte Männchen, die
sich von der Herde abgesondert haben und Einzelgänger geworden sind,
greifen bisweilen den Menschen, der in seiner Nähe auftaucht, an und
sind dann furchtbare Gegner.
Die Behauptung der Eingeborenen, daß Gorillamännchen Negermädchen
überfallen und sie vergewaltigen, ist ein Märchen, das nach
einstimmiger Aussage aller Forscher durchaus unglaubwürdig ist. Schon
die Witterung des Menschen flößt dem Affen Schrecken ein. Er erkennt in
ihm seinen Feind, betrachtet ihn aber niemals als seinesgleichen oder
als einen willkommenen Ersatz, um Liebesgefühle zu befriedigen.
Der dritte Menschenaffe ist der auf Sumatra und Borneo heimische, mit
rotem zottigen Haar bekleidete Orang-Utan (Abbildung 31 u. 32). Auch er
baut sich Schlafnester, die er mit grünen Zweigen auspolstert. Sonst
sind wir über die Lebensweise dieses Affen weniger unterrichtet, als es
vom Schimpansen und Gorilla der Fall ist. Im Gegensatz zu diesen ist er
ein ausgesprochenes Baumtier, das nur ungern zum Boden hinabsteigt. Der
Gorilla dagegen bewegt sich vorzugsweise zu Fuß auf dem Erdboden fort,
und in der Mitte zwischen Gorilla und Orang steht der Schimpanse, der
sich sowohl auf dem Erdboden wie in den Baumkronen aufhält. Dem Orang
kommen bei seinem Baumleben die sehr langen Arme zugute, mit denen er
weitentfernte Äste ergreifen kann. Er hat unter den drei Menschenaffen
die längsten Arme und kürzesten Beine und entfernt sich in dieser
Beziehung sehr weit vom Menschen. Dagegen steht er in bezug auf die
Schädelform dem Menschen wieder am nächsten, was sich besonders in der
Jugend ausprägt. Der Schädel eines Orang-Kindes hat nach +Hans Virchow+
„einen verblüffend menschlichen, ja man möchte beinahe sagen: einen
unangenehm menschlichen Zug“, der besonders in der steil ansteigenden
Stirnpartie zum Ausdruck kommt. Im Vergleich zum Gorilla, und besonders
zu dem sehr lebhaften, temperamentvollen Schimpansen ist der Orang viel
phlegmatischer und ruhiger. --
[Sidenote: Raubtiere]
Ein soziales Leben, das gemeinsamen Interessen dient, hat sich auch
unter den Raubtieren herausgebildet. Die Wölfe rudeln sich im Winter
zu großen Scharen zusammen, um zur Zeit der Hungersnot auch stärkeren
Tieren zu Leibe zu gehen. Sie greifen dann gemeinsam Rentiere, Hirsche
und Wildschweine an, ohne Rücksicht darauf, daß der Kampf zahlreiche
Opfer unter ihnen fordert. Hier heißt es: „Einer für alle und alle
für einen“, um den harten Kampf des Daseins zu bestehen. Bei ihren
Raubzügen gehen die Wölfe bisweilen planmäßig vor und verteilen die
Rollen. Ein Teil hetzt und verfolgt die Beute, während der andere Teil
ihr den Weg abzuschneiden sucht.
Der afrikanische Hyänenhund hetzt wie eine Parforcejagdmeute das
Wild zu Tode. Die Hunde leben in Rudeln von etwa 30 bis 60 Stück und
ziehen gemeinsam auf Beute aus. Bei der Hetze, die mit ständigem
Lautgeben, das ein Gemisch von Bellen und Heulen ist, begleitet wird,
entwickeln die Hunde eine gewaltige Ausdauer und Schnelligkeit.
Selbst die schnellste Antilope wird verfolgt, bis sie vor Erschöpfung
zusammenbricht oder sich stellt. Mag es der wehrhaften Säbelantilope
auch gelingen, die ersten Angreifer mit ihren langen, speerartigen
Hörnern zu erdolchen, ihr Schicksal ist besiegelt. Sie unterliegt trotz
mutiger Verteidigung der Überzahl ihrer Feinde, die sie sofort in
Stücke zerreißen und verzehren. Bei der Hetze eines schnellen Wildes,
das die Kraft der Hunde auf eine harte Probe stellt, schneiden die
hinteren Tiere des Rudels den Weg ab, sobald das verfolgte Tier einen
Bogen macht oder Haken schlägt. Hierdurch verkürzen sie die Laufbahn
und schonen ihre Kräfte. Haben sie das gehetzte Wild wieder erreicht,
so übernehmen sie die unmittelbare Verfolgung, und die anderen bleiben
zurück, um bei späterer Gelegenheit ebenso zu verfahren. Durch diesen
Wechsel wird einer frühzeitigen Ermüdung der ganzen Meute vorgebeugt,
und es bleiben immer frische Kräfte dem Opfer auf den Fersen.
Der Hyänenhund ist ein hochläufiger Wildhund von etwa 75 ~cm~
Schulterhöhe. Er ist weiß, schwarz und gelb gescheckt, indem bald die
eine, bald die andere Farbe mehr hervortritt. Abweichend von allen
anderen Hunden trägt der Hyänenhund an allen Füßen nur vier Zehen. Die
mittellange Rute ist buschig. Der breite, kurzschnauzige Kopf mit den
großen, hochstehenden Ohren ähnelt dem Kopf der Hyäne. Die Heimat des
Hyänenhundes ist die Steppe Afrikas südlich der großen Wüste.
Etwas Ähnliches wie bei den Raubtieren finden wir auch unter den
Vögeln, bei denen der Geselligkeitstrieb außerordentlich stark
ausgeprägt ist. Schuhschnabel und Schlangenhalsvogel unternehmen
gemeinsame Raubzüge und unterstützen sich planmäßig beim Fischfang.
Beide Vogelarten sind sehr interessante Erscheinungen in der
artenreichen Vogelwelt.
[Sidenote: Fischfang des Schuhschnabels und der Schlangenhalsvögel]
Der Schuhschnabel (~Balaeniceps rex~) ist ein den Reihern nahestehender
Vogel mit dunkelbraunem Gefieder und einem höchst absonderlichen,
plumpen Schnabel, der einem großen Holzschuh gleicht. Er lebt in dem
Sumpfgebiet des Weißen Nils. Beim Fischfang vereinigen sich die Vögel
zu mehreren und treiben, langsam im Wasser vorwärtsschreitend, die
Fische allmählich nach seichten Stellen, wo sie dann leicht erbeutet
werden können. Auf großen Wasserflächen kreisen sie die Fische
regelrecht ein, indem sie sich in einem weiten Kreisbogen gruppieren
und sich langsam nach der Mitte zu bewegen. Beim Abfischen von schmalen
Flußläufen teilen sich die Schuhschnäbel in zwei Gruppen, die eine
bewegt sich stromabwärts und treibt die Fische vor sich her, während
die andere Gruppe ihren Kameraden stromaufwärts entgegenkommt, um
die Fische zu fangen. Der Schuhschnabel übt also beim Fischfang
regelrechte Treibjagden aus.
Der in Afrika und Asien heimische Schlangenhalsvogel (~Anhinga~)
gehört zu den Kormoranen und bewohnt in mehreren Arten Amerika,
Australien und Asien. Der Vogel zeichnet sich durch einen sehr langen,
dünnen, beweglichen Hals aus, auf dem ein sehr kleiner, spitzer Kopf
mit spitzem Schnabel sitzt. Da der Hals mit dem kleinen Kopf einer
Schlange ähnlich ist, führt der Vogel den Namen Schlangenhalsvogel.
Die Schlangenhalsvögel sind vortreffliche Schwimmer und Taucher. Sie
bilden beim Fischen große Gesellschaften von vielen Hunderten. Der
vordere Teil der Vogelschar fischt unter Wasser, der hintere Teil
folgt im Fluge über dem Wasserspiegel. Dann überholen die fliegenden
Vögel ihre unter Wasser fischenden Kameraden, tauchen vor ihnen in
die Flut, und die anderen erheben sich aus dem Wasser, um nun den
Kameraden, die sie ablösten, im Fluge zu folgen. So wälzt sich der
Strom der Schlangenhalsvögel abwechselnd tauchend und fliegend als eine
lange Masse über und unter dem Wasser dahin, und es unterliegt keinem
Zweifel, daß diese eigenartige Sitte den Zweck hat, den Fischfang
zu begünstigen. In dem gemeinsamen Fischfang des Schuhschnabels und
Schlangenhalsvogels prägt sich ein wirklich soziales Leben aus, in dem
sich die Vögel gegenseitig helfen und unterstützen.
Ein derartig soziales Leben ist aber eine Ausnahme in der Vogelwelt.
Zwar leben die meisten Vögel sehr gesellig, ohne daß jedoch hierbei
das Prinzip der Arbeitsteilung und gegenseitigen Hilfe, was den
Sozialismus kennzeichnet, zum Ausdruck kommt. Die Vergesellschaftungen
der meisten Vögel sind lediglich eine Folge ihres stark entwickelten
Geselligkeitstriebes.
Der Storch nistet gern in Gesellschaft seinesgleichen. Der Star und
der Sperling bilden in der Brutzeit mit Vorliebe kleinere oder
größere Kolonien, und die artenreiche Gruppe der Prachtfinken, der
Astrilden und Amadinen, leben stets sehr gesellig. Wie groß ihre Liebe
zur Geselligkeit ist, kann man am besten beobachten, wenn man die
reizenden, buntfarbigen Vögel in Gefangenschaft hält. Dichtgedrängt,
einer neben dem anderen, sitzen sie in langer Reihe da, wenn sie der
Ruhe pflegen, und schmiegen sich eng zusammen, um sich gegenseitig zu
wärmen und durch Krauen mit dem Schnabel im Gefieder zu liebkosen.
Die Webervögel bilden große Scharen, die nach Hunderten und Tausenden
zählen. Ihre kunstvollen Nester hängen in Massen beisammen.
Die Flamingos bevölkern in gewaltiger Menge die Lagunen, wo ihre
tellerförmigen Schlammnester weite Strecken bedecken.
Der Hang der Vögel zur Geselligkeit tritt am meisten auf den großen
Wanderungen der Zugvögel hervor. Finkenartige Vögel vereinigen sich
zu Hunderten in großen Schwärmen. Die Störche erhalten auf ihrem
Reiseweg von allen Seiten neuen Zuwachs, so daß schließlich die Schar
gewaltig zunimmt. Goldhähnchen und andere Kleinvögel gesellen sich zu
Tausenden zusammen, auch unser Star, der die Gesellschaft über alles
liebt, bildet auf dem Zuge große Massenflüge. Der Kranich, der bei
uns in Deutschland und auch in anderen Gegenden ein recht seltener
Vogel geworden ist, bevölkert in der Winterherberge, dem Gebiet des
Weißen Nils, in zahlloser Menge die schimmernden Inseln des heiligen
Stromes. Die Vögel stehen häufig Kopf an Kopf, so dicht gedrängt, daß
kaum noch ein Zwischenraum bleibt. Unter sie mischen sich mit Vorliebe
die kleineren Jungfernkraniche, die hier ebenfalls überwintern.
Eine Vereinigung mehrerer Vogelarten auf dem Zuge ist jedoch im
allgemeinen eine Ausnahme. In der Regel wandern die einzelnen Arten
gesondert. Andere Vögel begnügen sich damit, auf dem Zuge nur kleinere
Gesellschaften zu bilden, wie es z. B. die Wildtauben tun, die ich
auf der Kurischen Nehrung immer nur in Flügen von etwa 7 bis höchstens
15 Stück wandern sah. Auch die Raubvögel, die mehr ein einsames Dasein
führen oder paarweise leben, ziehen bisweilen gesellig. So wurden
große Flüge von wandernden Bussarden, Abendfalken, Sperbern und Eulen
beobachtet. Besonders die Waldohreule liebt es, im Winter kleinere oder
größere Trupps zu bilden.