Die wegen ihres gefährlichen Bisses so gefürchtete indische

Brillenschlange, die Kobra der Schlangenbeschwörer und Zaubrer, kann

die vorderen acht Rippen ihres Leibes seitlich abspreizen, wodurch

der hinter dem Kopf befindliche Körperteil die Form eines großen,

breiten Schildes erhält. Die Schlange nimmt diese Stellung nur

ein, wenn sie gereizt oder bedroht wird, und richtet sich hierbei

senkrecht in die Höhe. Der zum Schild erweiterte Hals schützt den

kleinen Kopf des Tieres und wirkt auch abschreckend auf den Feind

ein. Die Brillenschlange führt ihren Namen nach der sonderbaren

Brillenzeichnung auf der Oberseite des Halses, die bei entfaltetem

Schild besonders zur Geltung kommt. Andere Schlangen, wie die

afrikanischen Baumschlangen der Gattungen Dispholidus und Thelotornis,

blähen den Hals ballonartig auf, um ihre Feinde abzuschrecken und

einzuschüchtern. Bei der grauen Baumschlange Afrikas wird der

gespensterhafte Eindruck des aufgeblasenen Halses noch dadurch erhöht,

daß die teils schwarz, teils weiß gefärbte Haut zwischen den Schuppen,

die in der Ruhe nicht sichtbar ist, beim Aufblasen des Halses stark

hervortritt. Das Tier, welches die Schlange ergreifen will, sieht

dann plötzlich anstatt des unscheinbar grau gefärbten Reptils einen

schwarzweiß leuchtenden Ballon vor sich, erschrickt und ergreift die

Flucht.

Die australische Kragenechse (~Chlamydosaurus kingi~) trägt einen 15

~cm~ breiten Halskragen, der in der unteren Hälfte mosaikartig orange,

rot, blau und braun gefärbt ist. Der Kragen kann wie ein Regenschirm

zusammengelegt und aufgespannt werden (Abbildung 25). Die mit dem

langen Schwanz 80 ~cm~ messende, braun und schwarz gezeichnete Echse

ist sehr erregbar und spannt, wenn sie erschreckt wird, sofort den

Schirm auf, wobei sie stets den Vorderkörper aufrichtet. Der Kragen

dient sowohl als Schild beim Abwehrkampf, den die mutige Echse tapfer

aufnimmt, wie als Schreckmittel, wobei wieder die bunte Färbung große

Bedeutung hat. Die Entfaltung des Kragens erfolgt durch die in ihn

hineinreichenden, sehr langen Zungenbeinhörner. Die Eidechse hat

die sonderbare Gewohnheit, bisweilen in aufrechter Haltung auf den

Hinterfüßen zu laufen, wobei der Schwanz als Stütze dient.

Die Unken nehmen auf dem Lande, wenn sie sich bedroht fühlen, eine ganz

eigenartige Abwehrstellung ein. Sie biegen Hals und Kopf rückwärts und

verschränken die Vorderfüße auf dem gekrümmten Rücken. Hierdurch treten

die gelbgefärbte Unterseite und die hellen Fußflächen hervor, und das

Tier erhält ein ganz anderes Aussehen, das eher einem verschrumpften,

dürren Blatt als einem Tier ähnelt. In dieser Stellung verharrt die

Unke regungslos, bis die Gefahr vorüber ist.

Manche Fische haben auf den Flossen, an den Kiemen oder in der

Augengegend lange Stacheln, die willkürlich angelegt und aufgerichtet

werden können. Bei Gefahr spreizt der Fisch die Stacheln und schreckt

durch das so plötzlich veränderte und drohende Aussehen seinen Gegner

ab. Diese Stacheln finden sich besonders bei den Barschen, beim

Zander und anderen „Stachelflossern“ sowie beim Stichling. Mag dies

Abwehrmittel auch in vielen Fällen erfolgreich sein, so nützt es doch

nicht immer, denn gerade der Stichling wird trotz seiner wehrhaften

Stacheln auf dem Rücken von größeren Raubfischen verschlungen.

[Sidenote: Giftige Fische]

Bei einigen Fischen sind die Stacheln nicht nur ein harmloses

Abschreckmittel, sondern in der Tat sehr gefährlich. Sie sind giftig.

An ihrem Grunde liegt eine Giftdrüse. Das Gift fließt, ähnlich wie

bei den Giftzähnen der Schlangen, in einer Rille durch den Stachel in

die Wunde des Gegners und tötet diesen sehr schnell. In der Nordsee

gibt es zwei giftige Fischarten, das Petermännchen (~Trachinus draco~)

und die Viperqueise (~Trachinus vipera~). Beide Fische vergraben sich

gern in den Grund, um auf Nahrung zu lauern. Die Rückenflosse, deren

Stacheln die Giftdrüsen tragen, ragen etwas heraus. Fühlt sich der

Fisch bedroht, so richtet er die Giftstacheln dem Angreifer entgegen.

Hierbei wird die schwarze Flosse fächerartig ausgebreitet. Sie bildet

gewissermaßen ein Warnsignal vor der drohenden Gefahr der Giftstacheln.

Durch Versuche wurde festgestellt, daß das Gift kleinere Tiere, wie

Ratten und Meerschweinchen, je nach der Stärke der Dosis in einer oder

mehreren Stunden tötet. Für den Menschen ist das Gift zwar nicht

lebensgefährlich, ruft aber starke Entzündungen, heftige Schmerzen,

unter Umständen sogar Erstickungsanfälle und Bewußtlosigkeit hervor.

Der Knurrhahn (~Trigla gurnandus~) breitet, wenn er erschreckt

wird, seine großen buntfarbigen Brustflossen fächerförmig aus, was

den Angreifer in Erstaunen setzt und seine Raublust unterdrückt.

Der Knurrhahn lebt in der Nordsee und hat noch eine besondere

Eigentümlichkeit. Er besitzt auf jeder Seite vor der Brustflosse drei

lange, freie und bewegliche Strahlen, die er regelrecht als Füße

benutzt. Mit Hilfe der Strahlen läuft der Fisch auf dem Grunde umher,

indem er sich dabei auf den Schwanz stützt. Der Knurrhahn hat einen

sehr großen, vierkantigen Kopf mit weit vorspringender Schnauze.

Die allgemeine Annahme, daß die Fische stumm sind, wird durch den

Knurrhahn widerlegt. Er kann freilich keinen Stimmlaut hervorbringen

und ist insofern stumm wie alle Fische, aber er besitzt in den

Kiemendeckelknochen ein Instrument zur Erzeugung von Tönen. Durch ein

Aneinanderreiben der Knochen wird ein knurrender Laut hervorgerufen,

den der Fisch stets hören läßt, wenn er aus dem Wasser genommen wird.

[Sidenote: Kugelfisch, Igelfisch]

Eine höchst merkwürdige Verstellungskunst treiben die Kugelfische,

welche die Meeresküsten und Flüsse warmer Gebiete bewohnen. Bei

Gefahr füllen sie ihren weitwandigen Magen mit Luft an und blasen

hierdurch ihren Körper zu einer dicken Kugel auf (Abbildung 26). Durch

die Luftansammlung wird das spezifische Gewicht geringer. Der Fisch

steigt daher zur Oberfläche des Wassers herauf und läßt sich hier auf

dem Rücken liegend treiben. Der Gegner schnappt vergeblich nach der

großen Kugel, die keinen Angriffspunkt bietet, und gibt schließlich

die Verfolgung auf. Beim Igelfisch (~Diodon hystrix~), der in allen

tropischen Meeren verbreitet ist, ist die schuppenlose Haut mit einem

Stachelkleid umgeben, das den Schutz noch erhöht. Der aufgeblasene

Fisch wird ebenso wie der zusammengerollte Igel zur Stachelkugel.

[Sidenote: Tintenfisch]

Sogar die Tarnkappe wird unter den Verstellungskünsten der Tiere

angewandt. Die Tintenfische machen sich unsichtbar, wenn sie verfolgt

werden. Sie haben in ihrem Leibe am Ausgange des Enddarms einen Beutel,

der mit schwarzbrauner Flüssigkeit gefüllt ist, den sogenannten

Tintensack. Das Tier kann den Inhalt willkürlich aus dem After

entleeren und hüllt sich dadurch in eine schwarze Wolke ein, die es

den Blicken seiner Feinde entzieht. Der Name „Tintenfisch“ ist recht

unglücklich gewählt, denn das Tier gehört nicht zu den Fischen, sondern

zu den Weichtieren, unter denen es die höchste Entwicklungsstufe

erreicht hat. Die Tintenfische bilden die Klasse der Kopffüßler

(~Cephalopoda~), die durch lange Fangarme am Kopf ausgezeichnet sind.

Diese sind an der Innenseite mit Saugnäpfchen besetzt, welche den

Zweck haben, Beutetiere zu ergreifen und festzuhalten, ferner die

Fortbewegung durch Kriechen zu vermitteln und sich an Gegenständen

festzuklammern. Das Sekret der Tintenfische spielt bekanntlich in der

Malerei als „chinesische Tusche“ oder „Sepia“ eine große Rolle.

Die Tintenfische der Tiefsee sondern anstatt der schwarzen Flüssigkeit,

die in der Finsternis der Meerestiefe nicht zur Geltung kommen

würde, ein grünlich leuchtendes Sekret aus ihren Leuchtorganen ab,

das als Leuchtkugeln und leuchtende Fäden sich im Wasser verbreitet

und den Feind irreführt. Da viele Tiere der lichtarmen Tiefsee

mit Leuchtorganen ausgestattet sind, so verfolgt der Angreifer

den Lichtschein, in der Meinung, daß er von dem Tierkörper selbst

ausgestrahlt würde, und der Tintenfisch kann sich unterdessen in

Sicherheit bringen.

[Sidenote: Sichtotstellen der Insekten]

Viele Insekten, besonders Käfer, haben die Gewohnheit, bei drohender

Gefahr sich von der Blüte oder dem Blatt, auf dem sie sitzen,

herabfallen zu lassen und dann mit angezogenen Beinen und Fühlern sich

völlig regungslos zu verhalten. Sie stellen sich tot und entgehen

dadurch der Gefahr. Dies Schutzmittel ist besonders wirksam, wenn die

Tiere ins Gras oder zwischen dürre Blätter fallen und hier gänzlich

verschwinden.

Beruhen die mannigfachen Verstellungskünste, die die Tiere ausführen,

auf Verstand und Überlegung? Diese Frage müssen wir nach dem Stande

der modernen Tierpsychologie verneinen. Wie schon an anderer Stelle

erläutert wurde, beruhen die Handlungen der Tiere, die zu ihrem

Lebensunterhalt notwendig sind, auf angeborenen Trieben, die ganz

reflektorisch und maschinenmäßig ausgeführt werden. Der Biber errichtet

seine kunstvollen Wasserbauten und der Vogel sein zierliches Nest,

ohne einer Anleitung oder Unterweisung in der Technik der Baukunst

zu bedürfen. Die Ausführung dieser Arbeiten ist eine angeborene

Eigenschaft, die ganz automatisch sich auswirkt. So dürfen wir auch

mit Recht annehmen, daß die Verstellungskünste der Tiere nicht auf

individueller Erfindungsgabe und Intelligenz beruhen, sondern ebenfalls

angeborene, automatische Triebhandlungen sind. Es sind nur Reaktionen

auf äußere Reize, hervorgerufen durch plötzlichen Schreck und Furcht.

Das Sichtotstellen des Käfers ist weiter nichts als eine plötzliche

Nervenlähmung, die eine Zeitlang anhält. Auch das Vortäuschen der

Flügellahmheit einer geängstigten Vogelmutter, die Pfahlstellung der

Rohrdommel, das Aufblasen des Kehlsacks beim Chamäleon und Anoli

sind rein reflektorische Auswirkungen des Nervensystems. Daß nicht

individuelle Einsichtshandlungen vorliegen, sondern daß es sich nur

um angeborene Triebhandlungen handelt, geht am besten daraus hervor,

daß alle diese Tiere gleicher Art ihre Schreckstellungen und Gebärden

stets in ganz gleicher Weise und immer unter denselben Bedingungen

und Voraussetzungen ausführen, und daß wir ein ähnliches Verhalten bei

anderen Tieren vermissen, deren Verkehrsformen die Schauspielerkunst

fehlt.

Der Ausspruch in Goethes Faust:

„Ich finde nicht die Spur

Von einem Geist, und alles ist Dressur“

hat in diesem Falle volle Gültigkeit. Der Dresseur ist die Natur,

die den Tieren diese höchst zweckmäßige Handlungsweise mit auf den

Lebensweg gab.

Soziales Leben und Staatenbildung

[Sidenote: Vergesellschaftung d. Schmetterlinge]

Wir wandern im Sommer bei herrlichem Sonnenschein durch ein grünes

Wiesental. Zahlreiche Schmetterlinge umgaukeln mit leichtem Flug

die Blumen, die in dem saftigen Grün ihre weiß, blau oder rosa

gefärbten Kelche emporstrecken. Bienen und andere Insekten schwirren

durch die Luft, Heupferdchen und Grillen zirpen ihr eintöniges,

aber doch liebliches Lied. In inniger Harmonie leben all diese

leichtbeschwingten, zierlichen Wesen zusammen, deckt doch die

Allmutter Natur ihnen den Tisch so reichlich, daß Neid und Streit

hier keinen Raum haben. Das blühende Gras, die endlose Fülle der

Blumen spenden ihnen allen Nahrung im Überfluß, und hierin allein

liegt der Grund zu dem zahlreichen Auftreten der Insektenwelt.

Nicht Nächstenliebe und Freude an der Geselligkeit haben die bunten

Schmetterlinge zusammengeschart, sondern die überaus günstigen

Lebensbedingungen lockten sie herbei. Jedoch kümmern sich die einzelnen

Tiere wenig oder gar nicht umeinander. Ähnliches finden wir auch bei

anderen Tieren. An sonnigen Berghängen tritt die kleine, behende

Bergeidechse häufig sehr zahlreich auf, die Sümpfe und Teiche wimmeln

von Fröschen, und in düsteren Waldungen belebt nach dem Regen der

gelbgefleckte Feuersalamander in Mengen die Wege. Auch hier sind es die

Lebensbedingungen im Verein mit einer ergiebigen Fortpflanzung, die die

Tiere auf einen verhältnismäßig kleinen Raum zusammendrängen, ohne daß

es berechtigt erscheint, von einem Geselligkeitstrieb zu sprechen. Die

Tiere haben von ihrem innigen Zusammenleben keinerlei Vorteil. --

[Sidenote: Massenauftreten d. Raupen]

Unser Weg führt uns weiter in einen Eichenwald, aber welch trauriger

Anblick. Von dem Grün der Blätter ist fast nichts mehr zu sehen.

Entlaubt recken die Eichen, dies Urbild stolzen Germanentums, ihre

Wipfel zum Himmel empor. Die Raupen des Eichenprozessionsspinners,

die in Millionen und Myriaden hier hausten, haben das traurige Werk

vollbracht. Hier hat ein soziales Leben der Insektenwelt in geradezu

schrecklicher Weise gewütet.

Das Massenauftreten der Raupen beruht zunächst auf einer überreichen

Vermehrung dieses schädlichen Insekts. Aber die enge Gemeinschaft

der Raupen wird nicht allein hierdurch bedingt, sondern hier handelt

es sich um ein wirklich soziales Leben. Die Raupen vereinigen sich

zu großen Gesellschaften. Die enge Gemeinschaft mit ihresgleichen

scheint den Tieren geradezu Lebensnotwendigkeit zu sein. Versuche mit

gefangenen Raupen ergaben, daß die isolierten Tiere, selbst dann, wenn

sie reichlich mit Nahrung versehen waren, immer das Bestreben hatten,

sich zu vereinigen, und daß sie dies sofort taten, sobald sie nicht

mehr daran gehindert wurden. Ein objektiver Nutzen aus diesem sozialen

Leben scheint jedoch nicht vorhanden zu sein, wenigstens läßt er sich

nicht erkennen, im Gegenteil, für die Ernährung ist eine Vereinigung

in großen Massen ja nur unvorteilhaft. Es kann also nur ein stark

ausgeprägter Geselligkeitstrieb sein, der die Tiere zusammenschart.

Der Geselligkeitstrieb äußert sich bei den Raupen in verschiedener

Weise. Bei manchen Arten tritt er nur zeitweise auf. So leben z. B. die

Raupen des Ringelspinners (~Malacosoma neustria~), die in Obstkulturen

großen Schaden anrichten, nur bis zu ihrer letzten Häutung gesellig,

dann aber zerstreuen sie sich als Einzelgänger. Die Raupen des

Mondvogels (~Phalera bucephala~) geben ihr Gesellschaftsleben vor der

Verpuppung auf, während bei anderen Raupen der Geselligkeitstrieb

überhaupt nicht erlischt. Letzteres ist beim Eichenprozessionsspinner

(~Thaumetopoea processionea~) der Fall. Die Raupen, die durch ihren

Kahlfraß in Eichenbeständen wahre Verwüstungen anrichten, verpuppen

sich in gemeinsamen Nestern. Außer ihrer großen Schädlichkeit hat

die Raupe des Eichenprozessionsspinners noch eine andere, sehr

unangenehme Eigenschaft. Sie ist giftig. Zwischen den langen Haaren

stehen noch winzig kleine Härchen, die sehr lose sitzen und schon bei

der geringsten Berührung abfallen, ja sogar vom Winde abgestoßen und

fortgetragen werden. Diese Haare sind giftig und erzeugen auf der Haut

eine Entzündung mit starkem Juckreiz. Der Besuch eines von diesen

Raupen heimgesuchten Eichenwaldes kann daher sehr böse und unangenehme

Folgen haben, da die Gifthaare durch den Wind leicht in die Augen und

Atmungsorgane geweht werden.

[Sidenote: Tastsinn der Raupen]

Eine andere, nicht leicht zu beantwortende Frage ist die, auf welche

Weise die Raupen bei ihrem Gesellschaftsleben sich zusammenfinden. Die

Raupen haben Geruch, Sehvermögen, Geschmack, Gefühl für Temperatur

und Tastsinn, jedoch kein Gehör. Für die Bildung von Gesellschaften

können von diesen Sinnen nur der Geruch, das Gesicht und der Tastsinn

in Frage kommen. Der Geruch ist nur sehr gering ausgebildet, ja man

kann sagen fast verkümmert, so daß also ein gegenseitiges Spüren

nicht möglich ist. Mit den Augen vermögen die Raupen nur sehr nahe

Gegenstände, die kaum weiter als 1 ~cm~ entfernt sind, zu erkennen.

Der Sinn des Gesichts kann also die Tiere ebensowenig leiten. So

bleibt nur der Tastsinn übrig, der bei den Raupen außerordentlich

fein ausgebildet ist und seinen Sitz nicht nur in den Tastern hat,

sondern über den ganzen Körper verteilt ist. Besonders die Haare

der behaarten Raupen sind fein organisierte Taster. Ihre Berührung

löst je nach der Körperstelle eine verschiedene Wirkung aus. Während

eine leichte Berührung der Tasthaare am hinteren Leibesende die

Vorwärtsbewegung beschleunigt, wird die Bewegung durch ein Berühren

der Haare am vorderen Körper gehemmt. Ein starker Reiz veranlaßt die

Raupe, sich zusammenzurollen. Sehr empfindlich sind die Raupen des

Kiefernprozessionsspinners (~Thaumetopoea pinivora~). Bläst man sie mit

dem Munde an, so löst dies einen starken, unangenehmen Reiz auf sie

aus. Sie speien ihren Kropfinhalt aus, der als grüner Tropfen aus dem

Munde tritt, und biegen den Vorderleib rückwärts. Werden die Raupen

aber durch einen heftigen Windstoß erschüttert, so reagieren sie nicht

darauf, sondern verhalten sich völlig teilnahmslos. Die Raupen vermögen

also mit ihrem Tastgefühl sehr feine Unterschiede wahrzunehmen. „Das

Tastgefühl“, sagt +Deegener+, der sich um die Biologie der Raupen sehr

verdient gemacht hat, „scheint der Raupe alle Daten zu verschaffen,

deren sie bedarf, um den sozialen Zusammenhang aufrechtzuerhalten und

wiederherzustellen.“

Die Raupen hinterlassen auf dem Wege, den sie zurücklegen, einen

Seidenfaden. Dieser Faden dient offenbar zur Orientierung für

andere Raupen, denn sie folgen ihm mit Vorliebe, wobei wiederum das

Tastgefühl als Vermittlerin dient. Mit dem Tastgefühl nimmt die

Raupe den Seidenfaden einer Genossin wahr. So bilden zweifellos

diese Seidenfäden, die die Spuren übermitteln, eine große Rolle

bei dem sozialen Leben der Raupen. Dennoch sind sie nicht von

ausschlaggebender Bedeutung, denn experimentell wurde nachgewiesen,

daß die Raupen sich auch zusammenfinden, wenn keine Seidenfäden als

Wegweiser vorhanden sind. Das Tastgefühl der Raupen muß so fein und so

eigenartig entwickelt sein, daß es auch ohne unmittelbare Berührung

zu wirken vermag. Vielleicht genügen schon geringe Schwingungen in

der Luft, die durch die Bewegung der Raupen verursacht werden, um

einen Empfindungsreiz auf die Tastorgane anderer Raupen auszulösen.

Der Tastsinn der Raupen als Mittel für ihre Orientierung ist ein

außerordentlich interessantes Problem, das noch eines gründlichen

Studiums bedarf. --

[Sidenote: Schwarmbildung der Fische]

Unser Weg im Walde führt uns weiter an einen See, dessen blauer

Wasserspiegel im wundersamen Kontrast steht zu den düsteren Tannen, die

ihn umrahmen, und zu dem hellen Grün des Schilfes am Ufer; und doch

vereint sich das Ganze zu einer bezaubernden Harmonie, die unserer

Seele ein so wohltuendes Gleichgewicht verleiht. Wir stehen am Ufer,

blicken in das klare Wasser und sehen eine Schar kleiner Fische, die

sich hurtig und munter in dem nassen Element umhertummelt.

Auch hier wieder eine Ansammlung von Tieren auf engem Raum in

inniger Gemeinschaft. Die Schwarmbildung der Fische beruht auf

verschiedenen Ursachen, und man kann nach +Schiemenz+ Geschlechts-,

Ernährungs-, Familien-, Winter- und Wanderschwärme unterscheiden.

Geschlechtsschwärme werden gebildet durch ein Zusammenscharen

zahlreicher Fische an bestimmten Stellen in Flüssen, Seen oder im

Meere, um das Fortpflanzungsgeschäft auszuüben. Die Ernährungsschwärme

kommen zustande durch die Anhäufung bevorzugter Nahrung in gewissen

Gegenden. Besonders die Planktonfresser folgen in großen Schwärmen

der jeweiligen Verbreitung des Planktons. So bildet der Hering auf

seinen Beutezügen gewaltige Scharen, die aus Millionen einzelner Fische

bestehen.

[Illustration:

Abbildung 29 James Preß’ Agency, London

Junge Schimpansen]

[Illustration:

Abbildung 30 James’ Preß Agency, London

Schimpanse]

Wie wir früher schon sahen, üben manche Fische eine Brutpflege aus,

indem sie ihre Jungen eine Zeitlang führen und schützen. Die zahlreiche

Nachkommenschaft bildet dann mit den Elterntieren einen Familienschwarm.

Bei den Winterschwärmen vereinigen sich die Fische, wie Weißfische,

Aale und andere, um sich scharenweise im Schlamm zu vergraben und im

erstarrten Zustande einen Winterschlaf zu halten.

Die größten Vergesellschaftungen bilden die Fische auf ihren

Wanderungen, die z. B. die Lachse aus dem Meer in die Flüsse und die

Aale umgekehrt aus den Binnengewässern in das Meer unternehmen, um den

weitentfernten Laichplätzen zuzustreben.

Die Massenvereinigung der Fische auf ihren Wanderzügen verschafft

ihnen den Vorteil, Hindernisse, die sich ihnen in den Weg stellen, wie

Wehren, Stromschnellen oder Wasserfälle, leichter überwinden zu können,

indem die dicht zusammengedrängte Masse der Fischleiber als ein Ganzes

wirkt und so eine gewaltige Kraft entfaltet.

Außer diesen äußeren Gründen, die die Fische zur Schwarmbildung

veranlaßt, spielt zweifellos auch ein ausgeprägter Geselligkeitstrieb

hierbei eine große Rolle. --

[Sidenote: Rudel der Hirsche]

Die letzten Sonnenstrahlen bedecken die Flur; die Bäume am Waldesrand,

an dem wir unsere Schritte heimwärtslenken, werfen lange Schatten in

abenteuerlicher Gestalt auf ein wogendes Roggenfeld. Plötzlich bleiben

wir wie gebannt stehen, aus dem Walde schiebt sich langsam ein großer,

dunkler Körper hervor -- ein Stück Rotwild, das zur Äsung auszieht.

Vorsichtig tritt es auf den Weg und verhofft mit hochgehobenem Kopf.

Der Windfang, wie der Jäger die Nase des Wildes nennt, saugt begierig

die leise Luftströmung ein, die ihm die Witterung des verhaßten

Menschen aus weitester Entfernung zuträgt; die Lauscher drehen sich

hin und her, um die feinsten Schallwellen aufnehmen zu können. Nach

kurzer Zeit senkt das Tier vertraut den Kopf und zieht weiter. Die

Luft ist rein und nichts scheint den Frieden der Natur zu stören. In

wenigen Augenblicken folgt ein zweites Tier mit einem Kalb, immer mehr

Wild tritt heraus. Wir zählen 7, 8, 9 Stück Rotwild, alles Kahlwild,

d. h. weibliches Wild in der Weidmannssprache. Schließlich folgt ein

schwacher Hirsch, ein Achtender mit noch ungefegtem Geweih. Die starken

Kronenhirsche stehen in der Feistzeit im Sommer abseits vom Mutterwild

(Abbildung 27). Sie hassen die Kinderstube und lieben die Einsamkeit,

indem sie entweder als Einzelgänger ein heimliches Leben führen, oder

zu zweien, bisweilen auch zu mehreren sich zusammentun, bis im Herbst,

wenn die Blätter fallen, die Macht der Liebe sie erfaßt und sie wieder

zum Kahlwild streben, um mit orgelndem Brunftschrei das Recht des

Stärkeren geltend zu machen.

Das Rudel, das wir beobachteten, ist inzwischen weiter hinaus ins

Feld gezogen. Das Alttier immer voran, die anderen im kurzen Abstande

folgend. Nicht der Zufall, nicht äußere Gründe haben die Tiere vereint,

sondern sie haben sich zusammengefunden, um gemeinsam den Gefahren, die

sie bedrohen, zu begegnen. Ein altes, nicht mehr fortpflanzungsfähiges,

weibliches Stück, ein Gelttier, wie der Weidmann sagt, übernimmt

die Führung des Rudels. Es zieht auf dem Wechsel aus der Dickung

zum Äsungsplatz an der Spitze und geleitet das Rudel, wenn die

Morgendämmerung anbricht, wieder sicher in das schützende Waldesdunkel.

Da das Gelttier keine Mutterpflichten mehr zu verrichten hat und ganz

auf sich selbst eingestellt ist, so mögen Geruch und Gehör, die Sinne,

mit denen das Wild die Gefahren wahrnimmt, bei ihm besser ausgebildet

sein. Jedenfalls wird die Tätigkeit dieser Sinne durch keine anderen

seelischen Gefühle und Triebe beeinflußt und gehemmt. Sie können also

ihre Aufgabe ohne Ablenkung voll und ganz erfüllen. Das Rudel vertraut

sich der Führung des Leittiers unbedingt an und fühlt sich unter

seiner Obhut völlig sicher. Der große Wert des Leittiers zeigt sich

so recht, wenn dieses auf einer Treibjagd zuerst abgeschossen wird.

Das Rudel prellt zurück und löst sich, der Führung entbehrend, auf, so

daß dann die einzelnen Stücke den Schützen vors Rohr kommen und leicht

abgeschossen werden können. Dies gilt aber heute, wo unser Wildstand

durch die Kriegs- und Revolutionszeit sehr gelitten hat, nicht mehr als

weidmännisch. Man schießt vielmehr auch auf Treibjagden nur einzelne

Stücke und knallt nicht wahllos alles nieder.

Im Zauber des Tierlebens · 第 22 / 26 段