+Görnitz+ hat den Farbstoff der Vogelfedern physikalisch-experimentell

untersucht und ist hier ebenfalls zu dem Ergebnis gekommen, daß

Kälte den dunklen Farbstoff, die Melanine, zerstört, Wärme dagegen

sie fördert. Der Kleiber ~Sitta europaea~ hat in Mitteleuropa einen

schmutziggelben Bauch, in Ostpreußen, Polen und den Baltischen

Ländern ist der Leib rahmfarben und in Skandinavien weiß gefärbt,

so daß sich verschiedene geographische Unterarten abtrennen lassen.

Der Jagdfalk ~Falco islandicus~ ist in den südlichen Ländern

seines Verbreitungsgebiets dunkel, im hohen Norden dagegen fast

rein weiß. Unabhängig von der Temperatur üben nach +Görnitz+ auch

Trockenheit und Feuchtigkeit einen Einfluß auf die Gefiederfarbe

aus. Trockenheit schränkt die Pigmentbildung ein. Die dunkelsten

Farbstoffe, das schwarze und braune Eumelanin wird zerstört, während

das hellere, gelbliche Phäomelanin zunimmt. Die Haubenlerche, welche

das trockene Wüstengebiet der Sahara bewohnt, zeigt auf dem Rücken

eine hellrötlichgelbe Farbe, weil durch die Trockenheit das Eumelanin

zerstört ist, und das Phäomelanin sich ausgebreitet hat. Dagegen ist

die Haubenlerche, die im feuchten Nildelta lebt, die dunkelste Form,

weil das Eumelanin durch die beständige Feuchtigkeit des Klimas,

unabhängig von der Wärme, eine starke Vermehrung erfahren hat. Die

Vögel, welche das afrikanische Küstengebiet bewohnen, sind infolge

des feuchten ozeanischen Klimas im allgemeinen dunkler gefärbt als

ihre Artgenossen im Innern des Festlandes. Der afrikanische Raubwürger

hat im Küstengebiet einen dunkelgrauen Rücken, in der Sahara dagegen

einen hellgrauen. Sehr interessant ist ferner die Erscheinung, daß

bei den Zugvögeln, die im hohen Norden brüten, keine Aufhellung ihres

Gefieders erfolgt ist, wie man vielleicht zunächst annehmen sollte. Bei

eingehender Prüfung erklärt sich aber dieser scheinbare Widerspruch von

selbst. Die Zugvögel brüten im Sommer, also in einer warmen Jahreszeit

im Norden, verlassen diesen noch vor Beginn der Kälte, um im warmen

Süden zu überwintern. Sie leben also niemals unter dem Einfluß einer

sehr niedrigen Temperatur. So sehen wir denn, daß z. B. die Graugans

im höchsten Norden ihres Verbreitungsgebiets nicht heller gefärbt ist

als in südlichen Gegenden. Der Alpenstrandläufer der Arktis ist auf der

Oberseite ebenso dunkel gefärbt wie die Brutvögel in Holland und an den

deutschen Nord- und Ostseeküsten.

Außer den äußeren Einflüssen des Klimas scheint auch die Farbe der

Umgebung, in der ein Tier lebt, eine gewisse Einwirkung auf die

Pigmentbildung zu haben. Versuche, die nach dieser Richtung hin

mit dem Feuersalamander ausgeführt wurden, ergaben, daß die gelbe

Fleckenzeichnung auf dem Körper zunahm und sich allmählich mehr

verbreitete, wenn die Tiere auf hellem Untergrunde gehalten wurden,

daß anderseits die gelben Flecken sich verkleinerten und die schwarze

Grundfarbe mehr hervortrat, wenn man die Versuchstiere auf dunkler Erde

hielt. Diese Farbenveränderung trat jedoch nicht auf, wenn die Tiere

des Augenlichts beraubt waren. Hieraus geht hervor, daß es sich um

einen optischen Reiz handelt, der sich auf die Pigmentbildung überträgt.

Alle diese Forschungen, die aus neuerer Zeit vorliegen, eröffnen

für die Beurteilung der Entstehung der Färbung der Tiere eine ganz

neue Perspektive, die uns zwingt, die Dinge nach ganz anderen

Gesichtspunkten zu beurteilen, als man es bisher getan hat, und

+Darwins+ genial ersonnene Lehre von der Entstehung der Arten durch

natürliche Auslese im Kampf ums Dasein erhält hierdurch einen

empfindlichen Stoß. Die Wüstenfarbe der Springmäuse, der Wüstenlerchen

und vieler anderer Wüstentiere, die ein so vortreffliches Beispiel für

die Mimikry und ihre Entstehung in +Darwins+ Sinne zu sein schien,

muß mit einem Male auf eine ganz andere Ursache zurückgeführt werden.

Das physikalisch-chemische Experiment lehrt uns, daß ein Kampf ums

Dasein und eine Auslese gar nicht notwendig sind, um diese verblüffende

Anpassung hervorzurufen. Der grüne Laubfrosch braucht nicht durch

Vertilgung der unzweckmäßigen Färbung herausgezüchtet zu sein, sondern

er verdankt seine dem Aufenthaltsorte angepaßte Farbe vielleicht dem

Einfluß klimatischer Faktoren oder dem Reiz des grünen Lichtes, das das

Blätterwerk, in dem er zu Hause ist, auf seine Sehnerven ausübt.

So schreitet die Wissenschaft unaufhaltsam vorwärts. Das Bessere ist

des Guten Feind; das Alte wird beiseite getan, neue Theorien werden

aufgebaut, um vielleicht in späterer Zeit wieder durch neue Ergebnisse

rastlosen Forschergeistes überholt zu werden. Trotzdem wäre es ein

schweres Unrecht gegen die Wissenschaft, die Hypothese, die in ernster,

gewissenhafter Arbeit geschaffen wurde, etwa verächtlich abzutun, wie

es leider heute bisweilen geschieht. Mag eine frühere Anschauung ihre

Gültigkeit verlieren, so bleibt ihr Wert, den sie der Wissenschaft

geleistet hat, dennoch für alle Zeiten bestehen. Auch sie bedeutete

einen Fortschritt in der Erkenntnis, denn sie hat zur Klärung des

Ganzen im Suchen nach der Wahrheit beigetragen und bildet daher einen

wichtigen Baustein im Gebäude der Wissenschaft.

„Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit,

und neues Leben blüht aus den Ruinen.“ --

Mag Darwins Lehre von der Entstehung der Arten durch natürliche

Zuchtwahl auch der heutigen Wissenschaft nicht mehr in allem

standhalten, so bleibt doch der Grundgedanke seiner Lehre, die

Entstehung der Arten durch allmähliche Entwicklung und Umbildung

bestehen.

Mag auch die Schutzfärbung nicht durch eine Auslese im Lebenskampf

hervorgerufen sein, so behalten dennoch ihr Wesen und ihre Wirksamkeit

Geltung. Die Tatsache, daß der Hase im Kleide der Erdscholle, die

Fasanenhenne, die Waldschnepfe im dürrlaubfarbigen Gewande und

die Wüstentiere im sandfarbigen Haar- und Federkleid der Umgebung

vortrefflich angepaßt sind, bleibt bestehen. Die Mimikry verliert nicht

ihre Bedeutung, auch wenn sie anderen Ursprungs ist, der mit einem

beabsichtigten Schutz nichts zu tun hat. Das Kleid, das sich ganz

unabhängig vom Kampf ums Dasein einzig unter dem Einfluß des Klimas

und anderer äußerer Einwirkungen herausgebildet hat, ist dennoch eine

Tracht geworden, die seinen Träger vor den Nachstellungen seiner Feinde

schützt, da sie zur Umgebung paßt. Wir sehen, wie außerordentlich fein

und sinnreich die Natur arbeitet, wie ihre großen, unabänderlichen

Gesetze sich nicht in Einseitigkeit verlieren, sondern wie ein

gewaltiger, zielbewußter Wille zweckmäßig arbeitet.

[Sidenote: Wert der Schutzfarbe]

Erfüllt die Schutzfarbe wirklich ihren Zweck? Auch hiergegen hat

man versucht, Einwände zu erheben. Man hält eine Schutzfärbung für

unnötig, da viele Tiere, die dieses Vorteils entbehren, trotz aller

Nachstellungen noch nicht ausgerottet sind. Dieser Einwand entbehrt

aber einer zutreffenden Begründung. Von Natur sind alle Tiere mehr oder

weniger durch ihre Färbung geschützt. Selbst die buntfarbigen Tiere,

bei denen man nicht von Mimikry sprechen kann, entbehren des Schutzes

nicht, da auch eine bunte Zeichnung, wie wir gesehen haben, durch die

körperauflösende Wirkung der Somalyse das Tier unkenntlich macht.

Man hat ferner gegen den Wert der Schutzfarbe eingewendet, daß sie nur

gegen Sicht, aber nicht gegen eine Wahrnehmung mit dem Geruchssinn

schützt, der gerade bei den Raubtieren so gut entwickelt sein soll. Der

Fuchs spürt mit Hilfe seines Geruchs die brütende Fasanenhenne, den in

der Sasse sitzenden Hasen auf, und die Schutzfärbung verfehlt ihren

Zweck. So einfach läßt sich die Sache aber nicht abtun.

Zunächst findet der Fuchs mit Hilfe des Geruchssinnes nur dasjenige

Wild, welches sich, wie der Jäger sagt, unter Wind befindet, dessen

Witterung ihm die Luftströmung zuträgt. In allen anderen Fällen

wird Reineke sein Opfer meist nicht wahrnehmen, weil es durch die

Schutzfarbe seinen Blicken entzogen wird. Hieraus geht schon hervor,

daß die Mimikry durchaus nicht so bedeutungslos ist, wie die Gegner

vermeinen, sondern sehr wohl ihren Zweck hat.

Der durch seine populären Tierschriften bekannte Schriftsteller +Zell+

teilt die Tiere nach der Ausbildung ihrer Sinne ein und unterscheidet

Nasen- und Augentiere, d. h. Tiere, die einseitig entweder den

Geruchssinn oder das Gesicht zur Erfüllung ihrer Lebensaufgaben

benutzen. Diese Anschauung kann einer ernsten Kritik nicht standhalten.

Die meisten Tiere sind keineswegs einseitig im Gebrauch der Sinne

veranlagt, und am allerwenigsten jene Tiere, auf die +Zell+ seine

Hypothese in der Hauptsache anwendet, wie unser Wild und das Raubzeug.

Niemand wird bestreiten, daß bei Hirsch, Reh und Wildschwein der

Geruch vorzüglich ausgebildet ist. Sie nehmen auf weite Entfernung

von mehreren hundert Metern die Witterung des Menschen, die ihnen der

Wind zuträgt, wahr, und hierin liegt zweifellos ein vortrefflicher

Schutz gegen Gefahren. Wer aber das Verhalten dieser Tiere aufmerksam

beobachtet, gewinnt bald die Ansicht, daß infolge des hochentwickelten

Geruchs die anderen Sinne keineswegs verkümmert sind, wie +Zell+ meint.

Außerordentlich scharf, vielleicht ebenso scharf als der Geruch ist das

Gehör dieser Tiere. Wittert ein Reh oder ein Stück Rotwild Gefahr, dann

richtet es nicht nur den Windfang nach dem Winde, um sich von der Nähe

eines Feindes zu überzeugen, sondern gebraucht ebenso das Gehör, wie

man an der fortgesetzten Drehung der hochaufgerichteten Lauscher sehen

kann. Das Wild unterscheidet mit tödlicher Sicherheit die feinsten

Geräusche nach ihrem Ursprung. Rutscht ein Eichhörnchen am Stamm empor,

raschelt eine Maus im dürren Laub, oder schleicht ein Fuchs über den

Boden, so wirft das Wild vielleicht einen Augenblick den Kopf auf,

nimmt aber sofort wahr, daß es sich um ein unverdächtiges Geräusch

handelt und wird wieder vertraut. Ganz anders, wenn der pürschende

Jäger ein nur leises, ähnliches Geräusch verursacht. Er vergrämt das

Wild sofort -- ein Beweis, daß es den Unterschied des Schalls, so

gering er auch ist, sofort erkannt hat.

Auch das Gesicht ist beim Wilde keineswegs so schlecht ausgebildet, wie

man meist vermutet. Es steht freilich dem Geruch und Gehör nach, ohne

jedoch seine Bedeutung zu verlieren. Wenn der Jäger in unauffälliger,

der Umgebung angepaßter Kleidung ganz still sich verhält, wird er bei

gutem Winde nicht leicht vom Wilde bemerkt, auch wenn er ganz frei

und ungedeckt steht. Die geringste Bewegung wird aber von dem Wilde

sofort wahrgenommen. Man kann bekanntlich einen Rehbock auf freier

Wiese oder im Felde bis auf nahe Entfernung anpürschen, wenn man sich

langsam vorwärts bewegt, sobald dieser den Kopf unten hat und äst, aber

sofort zur Bildsäule erstarrt, wenn er den Kopf hebt. Der Grund liegt

darin, daß das Tier den stillstehenden Jäger nicht erkennt und auch

nicht imstande ist, die Veränderung der Entfernung zu beurteilen. Diese

Unachtsamkeit beruht weniger auf einer schlechten Sehkraft, als auf der

geringfügigen geistigen Begabung. Das Tier macht sich die Bedeutung

des auf die Netzhaut geworfenen Bildes nicht bewußt klar. Es fehlt die

verstandesmäßige Überlegung, die bei uns das, was wir mit den Augen

wahrnehmen, zum richtigen Bewußtsein und Verständnis kommen läßt.

Die optische Schärfe des Auges ist aber beim Reh- und Rotwild durchaus

nicht gering. Selbst ein unauffälliges Augenzwinkern nimmt das Tier

ohne weiteres wahr und quittiert die verdächtige Erscheinung durch

eine sofortige Flucht, wie ich mich auf meinen Pürschgängen oft genug

überzeugen konnte.

Beim Wildschwein ist die Sehkraft freilich recht gering. Trotzdem wäre

es falsch, nach dem Muster von Zell von einem Nasentier zu reden, da

neben dem Geruchssinn das Gehör in höchster Vollkommenheit ausgebildet

ist.

Die Bedeutung des Geruchssinnes beim Raubwild, wie Fuchs und Marder,

wird sehr überschätzt. Ich habe mich auf der Jagd oft genug darüber

gewundert, wie die Nase des roten Freibeuters versagte. Mehrmals

erlebte ich es gelegentlich des Rehbockanstandes, daß ein Fuchs in

einer Entfernung von nur wenigen Schritten ganz vertraut an mir

vorüberschnürte, ohne meine Nähe zu bemerken. Mit dem Geruchssinn des

Fuchses scheint es also nicht weit her zu sein. Dieselbe Erfahrung

machte auch in jüngster Zeit mein Freund +Graf Otto Zedlitz+ an einem

zahmen Fuchs, den er in Gefangenschaft hielt. +Graf Zedlitz+, der um

die Erforschung der afrikanischen Vogelwelt so verdiente Gelehrte und

ausgezeichnete Tierbeobachter, teilte mir mit, daß er immer wieder zu

seinem Erstaunen erfahren könne, wie wenig sein Fuchs vom Geruchssinn

Gebrauch macht, und daß er sich ganz und gar vom Gehör und Gesicht

leiten läßt.

Dieselbe Erfahrung machte ich an einem Steinmarder und an einem

Edelmarder, die ich als junge Tiere erhielt und die lange Zeit meine

Zimmergenossen waren. Sie waren nicht imstande, ein Stück rohen

Fleisches, das ich unter einem leinenen Tuche versteckt hatte, mit

dem Geruchssinn aufzufinden. Sie liefen über das Tuch hinweg, ohne

den verborgenen Leckerbissen zu bemerken. Dagegen war bei ihnen das

Gehör außerordentlich fein ausgebildet. Ich konnte sie in kurzer

Zeit daran gewöhnen, auf ein ganz leises Knacken mit dem Fingernagel

herbeizukommen, um Leckerbissen in Empfang zu nehmen.

Die Ansicht, daß die Mimikry des Hasen, des Rebhuhnes, der brütenden

Lerche und vieler anderer Tiere kein Schutzmittel gegen die Angriffe

des Raubzeugs sei, weil es hauptsächlich mit der Nase arbeitet, ist

also durchaus hinfällig.

Jede Schutzfärbung, sowohl die Mimikry wie die Somalyse, kommen

natürlich nur dann zur Geltung, solange das betreffende Tier sich

völlig ruhig verhält, da die Bewegung die Wirkung der Anpassung aufhebt

und das Tier verrät. Infolgedessen verhalten auch alle Tiere, die

eine ausgesprochene Schutzfarbe besitzen, sich völlig ruhig, sobald

sie glauben, sich nicht mehr rechtzeitig durch Flucht in Sicherheit

bringen zu können. Aus diesem Grunde liegen die Rebhühner fest vor

dem vorstehenden Hunde. Sie „halten“, wie der Jäger sagt. Der Hase

bleibt bei plötzlicher Annäherung des Menschen häufig so fest in der

Sasse liegen, daß man geradezu auf ihn treten kann. Das Tier hat dabei

offenbar das Gefühl, daß es übersehen wird und dadurch der Gefahr am

besten entgeht, jedenfalls viel besser, als wenn es zur Flucht sich

erheben würde und dann leicht von seinem Verfolger ergriffen werden

könnte. Dieser Instinkt, sich unsichtbar zu machen, wird sich erst

im Laufe der Zeit herausgebildet haben. Für seine Entstehung gibt es

aber wohl kaum eine bessere Erklärung als die Theorie Darwins von der

Einwirkung der Auslese im Kampf ums Dasein. So sehen wir, daß Darwins

Lehre trotz der neuen Erklärung von der Entstehung der Farben durch

Klima und optische Reize ihre Gültigkeit nicht ganz verloren hat.

Die Mittel, mit denen die Natur ihre Geschöpfe bildet und formt,

sind überaus mannigfaltig und vielseitiger, als wir heute wissen und

ahnen. --

[Sidenote: Mimikry des Kuckuckseies]

Eine vielumstrittene Frage auf dem Gebiet der Mimikry ist die Färbung

des Kuckuckseies. Das Kuckucksei variiert bekanntlich außerordentlich

und zeigt den Typus der Eier zahlreicher Singvögel. Es gibt rein

blaugrüne Kuckuckseier, die den Eiern des Gartenrotschwanzes völlig

gleichen. Liegt ein solches Kuckucksei in einem Rotschwanznest, dann

ist es von den Rotschwanzeiern äußerlich gar nicht zu unterscheiden.

Andere Kuckuckseier gleichen den Eiern der Würger, Grasmücken,

Fliegenfänger, Pieper und Stelzen in auffallendster Weise. Freilich

liegen die Kuckuckseier nicht immer in Nestern mit entsprechend

gefärbten Eiern, sondern häufig auch in solchen Gelegen, zu denen

sie in der Farbe nicht passen. Trotzdem läßt sich die Mimikry des

Kuckuckseies nicht verleugnen. In manchen Gegenden herrscht ein

bestimmter Eityp vor, und der Kuckuck benutzt dann fast ausschließlich

solche Vogelnester für seinen Brutparasitismus, zu deren Gelege sein Ei

paßt. So sind die Kuckuckseier in Finnland vorzugsweise einfarbig blau

und liegen fast immer in den Nestern des dortigen Gartenrotschwanzes.

Die auffallendste Übereinstimmung zwischen Kuckucksei und Nesteiern

finden wir in Japan, wo sich der Kuckuck die Schwarzkehlammer

(~Emberiza ciopsis~) zur Bebrütung seines Eies ausgewählt hat. Geradezu

verblüffend ist die Ähnlichkeit des Kuckuckseies mit den Eiern dieser

Ammer. Sie sind beide auf weißlichem Grunde dunkelgefleckt, und die

Fleckung bildet am stumpfen Eiende einen aus Schnörkeln gewundenen

Kranz. Diese Anpassung steht einzig da und kann unmöglich eine reine

Laune des Zufalls sein, sondern muß gesetzmäßig hervorgerufen sein.

Hier würde die Auslese im Sinne Darwins zweifellos die beste und

einzig mögliche Erklärung sein, wenn eine solche Auslese tatsächlich

durch die Wirtsvögel bewirkt würde. Nimmt man an, daß die Ammern alle

unähnlichen Kuckuckseier stets entfernt haben, so würde durch die

Auslese im Laufe der Zeit ein Kuckucksstamm herangezüchtet sein, dessen

Eier den Ammereiern gleichen. Hiermit wäre das Geheimnis der Anpassung

aufgedeckt. So einfach liegt die Sache aber nicht. In meiner Schrift

„Das Leben der Vögel“ habe ich darauf hingewiesen, daß die Singvögel

keineswegs immer fremde Eier aus ihren Nestern entfernen, sondern sie

sehr oft, auch wenn sie auffallend verschieden sind, annehmen und

erbrüten. Es ist also sehr zweifelhaft, ob eine Auslese wirklich in der

Natur stattfindet, und ob sie so groß ist, daß eine Mimikry zustande

kommen kann. Wenn trotzdem eine Anpassung, und sogar eine geradezu

verblüffend große Anpassung vorhanden ist, so legt dies den Gedanken

nahe, daß es sich hier um ein uns noch unbekanntes Naturgesetz handeln

muß, das zu erforschen der Wissenschaft noch vorbehalten ist.

Noch vieles im Leben der Tiere ist in Dunkel gehüllt. Der

geheimnisvolle Zauber, der über den Erscheinungen des Tierlebens liegt,

übt immer wieder auf den Forscher wie auf den Laien eine gewaltige

Anziehungskraft aus, die den, der von diesem Bann ergriffen ist, in

unlösbare Fesseln schmiedet und ihm als höchstes Ideal vor Augen führt,

die Wunder der Natur zu ergründen.

[5] Friedrich von Lucanus, Schutzfärbungen und Nutztrachten, Journal

für Ornithologie 1902.

Verstellungskünste

[Sidenote: Vorgetäuschte Flügellahmheit der Vögel]

Ein herrlicher Sommertag lockt uns in die freie Natur. Wir wandern am

Waldesrand entlang. Drossel- und Amselschlag erquickt unser Herz und

Gemüt. Vom nahen Felde her dringen die jauchzenden, wirbelnden Triller

der Lerche an unser Ohr. Wir lassen uns am Grabenrand unter einer

Dornenhecke nieder, um ein Weilchen auszuruhen und die Stimmung der

Natur in vollen Zügen zu genießen. Doch was ist das? Vor uns flattert

auf dem Erdboden ein kleines, graues Vögelchen, anscheinend krank und

flügellahm. Wir wollen das Tier ergreifen, um es mit nach Haus zu

nehmen und es zu pflegen, bis wir es gesundet der Freiheit zurückgeben

können. Der arme Wicht läßt sich aber nicht so leicht fangen, wie

wir glaubten. Er flattert mühsam vor uns her, und jedesmal, wenn wir

mit der Hand zufassen, entgleitet er unseren Nachstellungen. In der

Verfolgung entfernen wir uns immer weiter von unserem Platz, da erhebt

sich der Vogel, der eben noch so matt und krank erschien, hoch in die

Luft und verschwindet unseren Blicken. Es war eine Grasmücke, die in

dem Dornbusch, unter dessen Schatten wir ruhten, ihr Nest mit Jungen

hat. Der Vogel war nicht krank, er stellte sich nur flügellahm, um in

der Sorge für das Leben seiner Kinderschar unsere Aufmerksamkeit auf

sich selbst zu lenken und durch die geschickten Verstellungskünste uns

von dem Nistplatz fortzuführen.

Diese Verstellungskünste zum Schutze der Jungen vollführen außer den

Grasmücken auch viele andere Vögel, nachdem sie vorher ihre Jungen

durch einen Warnruf zur Ruhe gemahnt haben. Ich habe es einst im Harz

bei einer Auerhenne beobachtet, und neuerdings ist dasselbe auch bei

Wildtauben festgestellt worden.

Die Kunst, den Feind durch List zu täuschen, wird hauptsächlich

von solchen Vögeln angewendet, die zu schwach sind, ihre Brut zu

verteidigen, während wehrhafte Vögel, wie Raubvögel, Störche und Reiher

in solchen Fällen dem Feinde mutig zu Leibe gehen.

[Sidenote: Schutz- und Schreckstellungen]

Andere Tiere üben solche Verstellungskünste zu ihrer eigenen Sicherheit

aus. Die Eulen machen sich bei Gefahr ganz dünn, indem sie den Körper

hochrecken und das Gefieder eng anlegen, so daß sie dann nicht mehr

in ihrer Gestalt als Vogel zu erkennen sind, sondern einem dürren Ast

gleichen und übersehen werden.

Die Rohrdommel sucht einer Gefahr dadurch zu entgehen, daß sie ihren

Körper und Hals senkrecht in die Höhe streckt, so daß sie einem Pfahl

oder einem Rohrhalm gleicht und auf diese Weise in dem dichten Röhricht

verschwindet.

Der Ziegenmelker, der seinen abenteuerlichen Namen nach dem

Volksglauben führt, daß er nachts in die Stallungen fliegt, um den

Ziegen Milch zu rauben, was natürlich ein Märchen ist, setzt sich zur

Ruhe nicht quer auf einen Ast, wie es alle anderen Vögel tun, sondern

der Länge nach. Er gleicht dann dem Auswuchs eines knorrigen Baumastes

und wird von seinen Feinden nicht so leicht erkannt.

Bei diesen Verstellungskünsten kommt der Eule, der Rohrdommel und dem

Ziegenmelker noch die düstere, unscheinbare Färbung des Gefieders

zugute, welche die Wirkung der Täuschung noch erhöht.

Der geängstigte Steinkauz macht fortgesetzt Verbeugungen, indem er

seinen Körper auf und nieder schnellt. Im Halbdunkel einer Baumhöhle

bewegen sich dann die leuchtendgelben, großen Augen rasch hin und her,

wodurch vielleicht der Marder oder das Wiesel, wenn sie den harmlosen

Kauz in seinem Versteck überfallen wollen, sich abschrecken lassen.

Unter den Säugetieren nehmen die Flughunde eine Schutzstellung ein, die

sie als Tiere unkenntlich macht. Sie hängen sich mit den Hinterfüßen

an einem wagerechten Ast auf und lassen den Körper mit engangelegten

vorderen Gliedmaßen herabhängen. Hierdurch gewinnen sie das Aussehen

einer am Baume herunterhängenden Frucht. Dieser Eindruck wird noch

dadurch vervollkommnet, daß die gesellig lebenden Tiere in großer

Anzahl nebeneinander hängen, so daß ein Schlafbaum der Flughunde wie

ein mit Früchten reichbesetzter Strauch aussieht.

Der auf den Sundainseln lebende Pelzflatterer oder Kaguang

(~Galeopithecus volans~) hängt sich beim Schlafen mit allen vier Füßen

an einem Zweig auf und sieht mit seinem braunen, weiß gesprenkelten

Fell wie ein Auswuchs am Ast aus. Der Kaguang gehört mit Spitzmaus,

Igel und Maulwurf zur Ordnung der „Insektenfresser“. Eine zwischen

den Vorder- und Hinterfüßen ausgespannte Flughaut dient dem Tier als

Fallschirm bei seinen Sprüngen durch die Luft.

Auch einige Amphibien und Reptilien wenden Schreckmittel an, um

sich zu verteidigen. Die Natur hat ihnen besondere Vorrichtungen

verliehen, ihren Körper plötzlich zu verunstalten und dadurch den Feind

abzuschrecken. Der in Südamerika lebende braunfleckige Sumpffrosch aus

der Gattung Paludicola und der afrikanische Kurzkopffrosch (~Breviceps

mossambicus~) können ihren Körper mit Luft so stark aufblasen, daß er

zu einer großen Kugel wird, wodurch froschfressende Tiere abgeschreckt

werden.

Auch die Chamäleons blasen bei Gefahr ihren Körper auf, der hierdurch

eine dicke und pralle Gestalt erhält, die keine Angriffsflächen

bietet, so daß die Bisse des Gegners leicht abgleiten. Außerdem nimmt

das Tier durch Aufblasen des Kehlsacks und der Hautlappen, die manche

Arten an den Kopfseiten tragen, ein absonderliches, abschreckendes

Aussehen an. Das Aufblasen des Körpers geschieht vermittels der

Lungen, die zahlreiche, schlauchartige Fortsätze haben, die sogar bis

zu den Eingeweiden reichen und mit Luft gefüllt werden können. Diese

„Blindsäcke“ der Chamäleons sind eine ähnliche Vorrichtung wie die

„Luftsäcke“ der Vögel, welche im ganzen Körper verteilt unter der Haut

liegen und ebenfalls mit den Lungen in Verbindung stehen. Es tritt hier

unverkennbar die nahe Verwandtschaft der Vögel mit den Kriechtieren

hervor, die die Abstammungslehre als die Ahnen der Vögel ansieht.

Der Kehlsack des Chamäleons steht mit der Luftröhre, die Hautlappen

des Kopfes mit den Eustachischen Röhren in Verbindung und werden von

hier aus mit Luft gefüllt. Genau dasselbe zeigt auch das pneumatische

System der Vögel. Die unter der Schädelhaut befindlichen Luftsäcke sind

in der Regel gleichfalls an die Eustachische Röhre angeschlossen und

hängen nur bei wenigen Arten mit den Lungen und Bronchien zusammen.

Auch bei den Anolis dient das Aufblasen des Kehlsacks als Schreckmittel

(Abbildung 24).

Im Zauber des Tierlebens · 第 21 / 26 段